[_Gefecht bei Reading._] Während des Prinzen Anwesenheit in Hungerford

fand zwischen einem zweihundertfünfzig Mann starken Detaschement seiner

Truppen und sechshundert in Reading stehenden Irländern ein heißes

Gefecht statt. Bei dieser Gelegenheit bewährte sich die bessere

Disciplin der Eingedrungenen auf das Glänzendste. Obgleich von weit

geringerer Anzahl, trieben sie doch sogleich beim ersten Anlauf die

königlichen Truppen in wilder Flucht durch die Straßen der Stadt bis auf

den Marktplatz. Hier machten die Irländer einen Versuch, sich wieder zu

sammeln, da sie aber von vorn kräftig angegriffen wurden und zu gleicher

Zeit die Bewohner der umliegenden Häuser aus den Fenstern auf sie

feuerten, so entsank ihnen bald der Muth und sie flohen mit dem Verlust

ihrer Fahne und fünfzig Mann. Von den Siegern fielen nur fünf. Die

Nachricht von diesem Kampfe erfüllte die Lords und Gentlemen, die sich

Wilhelm angeschlossen hatten, mit ungetrübter Freude. Nichts an diesem

ganzen Vorfall konnte ihren Nationalstolz kränken. Die Holländer hatten

nicht die Engländer geschlagen, sondern hatten einer englischen Stadt

geholfen, sich von der unerträglichen Herrschaft der Irländer zu

befreien.[159]

[Anmerkung 159: +History of the Desertion+; Citters, 9.(19.) Dec.

1688; +Exact Diary+; +Oldmixon, 760.+]

[_Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford._] Samstag Morgens,

den 8. December, kamen die königlichen Commissare in Hungerford an. Die

Leibgarde des Prinzen war in Parade aufgestellt, um sie mit

militairischen Ehrenbezeigungen zu empfangen. Bentinck bewillkommnete

sie und erbot sich, sie sofort zu seinem Gebieter zu geleiten. Sie

sprachen die Hoffnung aus, daß der Prinz ihnen eine Privataudienz

bewilligen werde; aber es wurde ihnen darauf erwiedert, daß er

beschlossen habe, sie öffentlich anzuhören und ihnen ebenso zu

antworten. Sie wurden in sein Schlafgemach eingeführt, wo sie ihn von

einer Menge Lords und Gentlemen umgeben fanden.

[_Unterhandlung._] Halifax, dem seine Stellung, sein Alter und seine

Fähigkeiten den Vorrang gaben, führte das Wort. Der Vorschlag, den die

Commissare zu machen beauftragt waren, bestand darin, daß die streitigen

Punkte der Entscheidung des Parlaments, für welches die Wahlen bereits

angeordnet seien, anheimgegeben werden und daß sich bis dahin die Armee

des Prinzen der Hauptstadt nicht weiter als bis auf dreißig oder vierzig

Meilen nähern sollte. Nachdem Halifax erklärt hatte, daß er und seine

Collegen bereit seien, auf dieser Grundlage zu unterhandeln, überreichte

er Wilhelm ein Schreiben vom Könige und entfernte sich dann. Wilhelm

erbrach den Brief und schien ungewöhnlich bewegt zu sein. Es war der

erste, den er von seinem Schwiegervater erhielt, seitdem sie erklärte

Feinde geworden waren. Sie hatten einst auf gutem Fuße gestanden und

einander vertraulich geschrieben; auch hatten sie selbst als sie schon

anfingen, einander mit Mißtrauen und Abneigung zu betrachten, die

freundschaftlichen Formen, welche nahe Verwandte zu gebrauchen pflegen,

noch nicht aus ihren Briefen verbannt. Das von den Commissaren

überbrachte Schreiben aber war von einem Sekretär in diplomatischer Form

und in französischer Sprache abgefaßt. »Ich habe viele Briefe vom Könige

erhalten,« sagte Wilhelm, »aber sie waren alle in englischer Sprache und

von ihm eigenhändig geschrieben.« Er sprach mit einer Gemüthsbewegung,

die er sonst nicht zu zeigen gewohnt war. Er dachte vielleicht in diesem

Augenblicke daran, welche Vorwürfe sein Unternehmen, so gerecht, so

wohlthätig und so nothwendig es auch sein mochte, ihm selbst und der ihm

ergebenen Frau zuziehen mußte. Vielleicht beklagte er das harte

Geschick, das ihn in eine Lage versetzt hatte, in der er seine

Staatspflichten nur dadurch erfüllen konnte, daß er Familienbande

zerriß, und beneidete die glücklichere Lage Derer, die für das Wohl von

Nationen und Kirchen nicht verantwortlich sind. Doch wenn solche

Gedanken wirklich in ihm aufstiegen, so wurden sie mit männlicher

Festigkeit unterdrückt. Er forderte die Lords und Gentlemen, die er in

Folge jenes Schreibens zusammenberief, auf, über die zu ertheilende

Antwort zu berathschlagen, ohne daß er sie durch seine Anwesenheit

irgendwie behindern wolle. Er selbst behielt sich nur das Recht vor,

nach Anhörung ihrer Meinungen in letzter Instanz zu entscheiden. Hierauf

verließ er sie und zog sich nach Littlecote Hall zurück, einem etwa zwei

Meilen entfernten Schlosse, das bis auf unsere Tage nicht allein durch

seine ehrwürdige Bauart und Einrichtung, sondern auch wegen eines

entsetzlichen und geheimnißvollen Verbrechens berühmt ist, das zu den

Zeiten der Tudors daselbst verübt wurde.[160]

Vor seiner Abreise von Hungerford erfuhr er, daß Halifax den dringenden

Wunsch geäußert habe, mit Burnet zu sprechen. In diesem Wunsche lag

nichts Auffallendes, denn Halifax und Burnet hatten lange auf

freundschaftlichem Fuße gestanden. Allerdings konnte es wohl kaum zwei

Männer geben, die einander so wenig glichen. Burnet fehlte es gänzlich

an Takt und Zartgefühl. Halifax besaß dagegen ein außerordentlich feines

Gefühl und sein Sinn für das Lächerliche war von krankhafter

Reizbarkeit. Burnet betrachtete jede Handlung und jeden Character durch

ein vom Parteigeist entstelltes und gefärbtes Medium. Halifax dagegen

war stets geneigt, die Fehler seiner Verbündeten mit schärferem Blicke

zu untersuchen als die Fehler seiner Gegner. Burnet war bei allen seinen

Mängeln und Schwächen und durch alle Wechselfälle seines in

Verhältnissen, welche der Frömmigkeit eben nicht günstig waren,

hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiöser Mann. Der skeptische und

sarkastische Halifax wurde für einen Ungläubigen gehalten. Halifax zog

sich daher oft den unwilligen Tadel Burnet's zu, und Burnet war oft die

Zielscheibe von Halifax' scharfem und feinem Witze. Dennoch fühlten sie

sich zu einander hingezogen, fanden gegenseitig Gefallen an ihrer

Unterhaltung, schätzten ihre beiderseitigen Talente, tauschten

freimüthig ihre Ansichten aus und erwiesen einander auch in Zeiten der

Gefahr gute Dienste. Indessen wünschte Halifax seinen alten Bekannten

jetzt nicht aus rein persönlichen Rücksichten zu sprechen. Es mußte den

Commissaren daran gelegen sein, den eigentlichen Endzweck des Prinzen zu

erfahren. Er hatte sich geweigert, sie privatim zu empfangen, und aus

dem, was er ihnen bei einer förmlichen und öffentlichen Zusammenkunft

sagen konnte, war wenig zu ersehen. Fast Alle die sein Vertrauen

besaßen, waren eben so verschwiegen und unergründlich als er selbst.

Burnet bildete die einzige Ausnahme. Er war notorisch geschwätzig und

indiscret, die Umstände aber hatten es nöthig gemacht, ihn ins Vertrauen

zu ziehen, und es unterlag keinem Zweifel, daß es dem gewandten Halifax

gelingen würde, ihm eben so viele Geheimnisse als Worte zu entlocken.

Wilhelm wußte dies sehr gut, und als er erfuhr, daß Halifax mit dem

Doctor sprechen wollte, konnte er sich der Äußerung nicht enthalten:

»Wenn die Beiden zusammenkommen, wird es ein schönes Geschwätz geben.«

Es wurde Burnet nicht erlaubt, privatim mit den Commissaren zu sprechen,

ihm aber versichert, daß seine Treue in den Augen des Prinzen über jeden

Verdacht erhaben sei, und damit er keinen Grund haben konnte, sich zu

beklagen, wurde das Verbot allgemein gemacht.

An jenem Nachmittage versammelten sich die Lords und Gentlemen, welche

Wilhelm um ihren Rath ersucht hatte, in dem Hauptsaale des ersten

Gasthofes zu Hungerford. Oxford präsidirte und die Eröffnungen des

Königs wurden in Erwägung gezogen. Es zeigte sich bald, daß die

Versammlung in zwei Parteien gespalten war, deren eine sehnlichst einen

Vergleich mit dem Könige wünschte, während die andre seinen Sturz

wollte. Die letztere Partei hatte das numerische Übergewicht; aber es

wurde bemerkt, daß Shrewsbury, von dem man glaubte, daß er von allen

englischen Kavalieren den größten Antheil an Wilhelm's Vertrauen hatte,

bei dieser Gelegenheit auf Seiten der Tories stand. Nach langem Hin- und

Herreden wurde die Frage gestellt. Die Majorität war für die Verwerfung

des Vorschlags, den die Commissare zu machen beauftragt waren. Der

Beschluß der Versammlung wurde dem Prinzen nach Littlecote gemeldet. Bei

keinem Anlasse während seines ganzen ereignißvollen Lebens zeigte er

mehr Klugheit und Selbstbeherrschung. Er konnte unmöglich wünschen, daß

die Unterhandlung Erfolg habe; aber er war viel zu klug, um nicht

einzusehen, daß er die öffentliche Meinung nicht mehr für sich gehabt

haben würde, wenn die Unterhandlung an unbilligen Forderungen von seiner

Seite scheiterte. Er verwarf daher die Ansicht seiner allzueifrigen

Anhänger und erklärte, daß er entschlossen sei, auf der vom Könige

proponirten Grundlage zu unterhandeln. Viele von den in Hungerford

versammelten Lords und Gentlemen erhoben Einwendungen dagegen, und ein

ganzer Tag verging unter Hin- und Herstreiten; aber Wilhelm's Entschluß

stand unwiderruflich fest. Er erklärte sich bereit, die Entscheidung

aller streitigen Punkte dem eben einberufenen Parlamente zu überlassen

und sich London nur bis auf vierzig Meilen zu nähern. Er stellte

seinerseits einige Forderungen, welche selbst Diejenigen, die am

wenigsten für ihn eingenommen waren, als mäßig anerkannten. Er

verlangte, daß die bestehenden Gesetze so lange befolgt würden, bis sie

durch die competente Autorität abgeändert wären, und daß alle

Diejenigen, welche ohne gesetzliche Qualification Ämter bekleideten,

sofort entlassen werden sollten. Er war ferner der vollkommen

begründeten Meinung, daß die Berathungen des Parlaments nicht frei sein

könnten, wenn es von irischen Regimentern umgeben war, während er mit

seiner Armee mehrere Tagemärsche weit von demselben entfernt stand. Er

hielt es daher für recht und billig, daß, wenn seine Truppen sich im

Westen der Hauptstadt nur bis auf vierzig Meilen nähern sollten, auch

die königlichen Truppen im Osten sich auf gleiche Entfernung

zurückziehen müßten. So wäre um den Ort herum, wo die Häuser tagten, ein

großer Kreis neutralen Bodens gewesen. Allerdings befanden sich

innerhalb dieses Umkreises zwei für die Bewohner der Hauptstadt höchst

wichtige Festungen, der Tower, der ihre Häuser, und Tilbury Fort, das

ihren Seehandel beherrschte. Ohne Besatzung konnten diese Plätze

unmöglich bleiben, und Wilhelm schlug daher vor, sie einstweilen der

Obhut der City von London zu übergeben. Ferner konnte es der König

möglicherweise für angemessen erachten, sich zur Eröffnung des

Parlaments mit einer Abtheilung Leibgarden nach Westminster zu begeben.

Der Prinz kündigte an, daß er in diesem Falle das Recht beanspruchen

werde, sich ebenfalls mit einer gleichen Anzahl Soldaten dahin zu

begeben. Es schien ihm gerecht, daß, so lange die militairischen

Operationen eingestellt waren, beide Armeen gleichmäßig im Dienste der

Nation stehend betrachtet und gleichmäßig auf Kosten des englischen

Staatsschatzes unterhalten würden. Endlich verlangte er noch eine

Gewährschaft dafür, daß der König sich den Waffenstillstand nicht zu

Nutze machte, um französische Truppen nach England zu ziehen. Der

gefährlichste Punkt in dieser Beziehung war Portsmouth. Der Prinz

bestand jedoch nicht darauf, daß ihm diese wichtige Festung überliefert

werden sollte, sondern machte nur den Vorschlag, sie für die Dauer des

Waffenstillstandes unter das Commando eines Offiziers zu stellen, zu dem

er und Jakob Vertrauen habe.

Wilhelm's Vorschläge waren mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit und

Aufrichtigkeit entworfen, wie sie eher von einem unbeteiligten

Schiedsrichter, der sein Urtheil abgiebt, als von einem siegreichen

Fürsten, der einem hülflosen Feinde Bedingungen vorschreibt, zu erwarten

gewesen wären. Die Anhänger des Königs fanden nichts daran auszusetzen.

Unter den Whigs aber wurde viel darüber gemurrt. Sie wollten von einer

Versöhnung mit ihrem gewesenen Gebieter nichts wissen, sie glaubten sich

aller Unterthanenpflichten gegen ihn entbunden, sie wollten die

Autorität eines durch ihn einberufenen Parlaments nicht anerkennen,

waren einem Waffenstillstande entschieden abgeneigt und konnten nicht

einsehen, warum ein solcher, wenn er dennoch abgeschlossen werden

sollte, auf gleiche Bedingungen basirt sein müsse. Nach allen Regeln des

Kriegs habe die stärkere Partei das Recht, aus ihrer Starke Vortheil zu

ziehen, und sei Jakob's Character von der Art, um eine außerordentliche

Nachsicht zu rechtfertigen? Die, welche so raisonnirten, hatten keinen

Begriff, aus welchem erhabenen Gesichtspunkte und mit welchem scharfen

Blicke der von ihnen getadelte Führer die ganze Stellung Englands und

Europa's betrachtete. Sie wollten Jakob schlechterdings stürzen und

würden sich daher entweder geweigert haben, unter irgend welchen

Bedingungen mit ihm zu unterhandeln, oder sie würden ihm unerträglich

harte Bedingungen gestellt haben. Wenn Wilhelm's umfassender und tief

durchdachter politischer Plan gelingen sollte, mußte Jakob durch

Zurückweisung auffallend liberaler Bedingungen sich selbst ins Verderben

stürzen. Die kommenden Ereignisse bewiesen sprechend die Weisheit des

Verfahrens, welches die Mehrzahl der in Hungerford versammelten

Engländer zu verdammen geneigt war.

Am Sonntag, den 9. December, wurden die Forderungen des Prinzen

niedergeschrieben und Halifax übergeben. Die Commissare speisten in

Littlecote mit einer glänzenden Gesellschaft, welche ihnen zu Ehren

eingeladen worden war. Die alte Halle, geschmückt mit Panzerhemden,

welche die Kriege der Rosen gesehen und mit den Bildnissen von

Kavalieren, die eine Zierde des Hofes Philipp's und Mariens gewesen

waren, war an jenem Tage mit Peers und Generälen angefüllt. In einem

solchen Gedränge konnte man leicht eine kurze Frage und Antwort

wechseln, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Halifax benutzte

die Gelegenheit, die sich ihm darbot, um Burnet Alles was er wußte und

dachte zu entlocken. »Was wollt Ihr eigentlich?« fragte der gewandte

Diplomat; »wollt Ihr den König in Eure Gewalt haben?« -- »Durchaus

nicht,« antwortete Burnet, »wir würden seiner Person nicht das mindeste

Leid anthun.« -- »Wenn er aber flüchtete?« fuhr Halifax fort. »Dies wäre

uns das Erwünschteste.« Es kann nicht bezweifelt werden, daß Burnet die

allgemeine Ansicht der Whigs im Lager des Prinzen aussprach. Sie

wünschten Alle, daß Jakob das Land verlassen möchte, aber nur einige

wenige von den weisesten unter ihnen sahen ein, wie wichtig es war, daß

seine Flucht von der Nation seiner eignen Thorheit und Verblendung und

nicht harter Behandlung oder begründeter Furcht zugeschrieben wurde.

Wahrscheinlich wären selbst in der verzweifelten Lage, in die er

versetzt war, alle seine Feinde zusammengenommen noch immer nicht im

Stande gewesen, seinen völligen Sturz zu bewirken, wäre er selbst nicht

sein schlimmster Feind gewesen; aber während seine Commissare an seiner

Rettung arbeiteten, arbeitete er eben so eifrig daran, alle ihre

Bemühungen nutzlos zu machen.[161]

[Anmerkung 160: Siehe eine höchst interessante Note zum fünften

Gesange von Sir Walter Scotts Rokeby.]

[Anmerkung 161: Die Quellen meiner Mittheilungen über die Vorgänge

in Hungerford sind: +Clarendon's Diary, Dec. 8, 9. 1688+; +Burnet,

I. 794+; das Schreiben, welches die Commissare dem Prinzen

überbrachten, und dessen Antwort darauf; +Sir Patrick Hume's

Diary+; Citters, 9.(19.) Dec.]

[_Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich

geschickt._] Seine Pläne waren endlich reif zur Ausführung. Die

Scheinunterhandlung hatte ihren Zweck erfüllt. An dem nämlichen Tage, an

welchem die drei Lords in Hungerford eintrafen, kam der Prinz von Wales

in Westminster an. Man hatte die Absicht gehabt, ihn die London-Brücke

passiren zu lassen, und einige irländische Truppen waren ihm daher nach

Southwark entgegengesandt worden. Aber sie wurden von einer zahlreichen

Volksmenge mit solchem Geschrei und solchen Verwünschungen empfangen,

daß sie es für gerathen hielten, schleunigst wieder umzukehren. Das

unglückliche Kind passirte die Themse bei Kingston und wurde so in aller

Stille nach Whitehall gebracht, daß Viele glaubten, es sei noch in

Portsmouth.[162]

Den Prinzen und die Königin außer Landes zu schicken, war jetzt das

Hauptziel Jakob's. Aber wem konnte die Leitung der Flucht anvertraut

werden? Dartmouth war der loyalste aller protestantischen Tories, und er

hatte sich geweigert. Dover war eine Creatur der Jesuiten, und selbst er

hatte sich nicht entschließen können. Es war nicht sehr leicht, einen

Engländer von hohem Range und von Ehre zu finden, der es unternommen

hätte, den wahrscheinlichen Erben der englischen Krone den Händen des

Königs von Frankreich zu übergeben. Unter diesen Umständen dachte Jakob

an einen damals in London lebenden Franzosen, Namens Antonin Graf von

Lauzun.

[Anmerkung 162: +Clarke's Life of James, II. 237.+ Burnet hat

sonderbarerweise nichts davon gehört oder es vergessen, daß der

Prinz nach London zurückgebracht wurde. (I. 796.)]

[_Lauzun._] Man hat von diesem Manne gesagt, sein Leben sei wunderbarer

gewesen, als die Träume anderer Leute. In seiner Jugend war er Ludwig's

intimer Gesellschafter gewesen und man hatte ihm Aussicht auf die

höchsten Ämter unter der französischen Krone gemacht. Dann hatte sein

Glücksstern sich plötzlich verdunkelt. Ludwig hatte seinen Jugendfreund

mit bitteren Vorwürfen von sich gestoßen und sollte sich angeblich kaum

haben enthalten können, ihn zu schlagen. Der gefallene Günstling war als

Gefangener auf eine Festung geschickt, aber wieder in Freiheit gesetzt

worden, hatte sich aufs neue der Gunst seines Gebieters erfreut und das

Herz einer der vornehmsten Damen in Europa, Anna Maria, Tochter des

Herzogs Gaston von Orleans, Enkelin König Heinrich's IV. und Erbin der

unermeßlichen Besitzungen des Hauses Montpensier, erobert. Die beiden

Liebenden wünschten sich zu vermählen, der König gab seine Einwilligung

und einige Stunden lang wurde Lauzun vom Hofe als ein Mitglied des

Hauses Bourbon betrachtet. Die Mitgift der Prinzessin wäre in der That

der Bewerbung souverainer Fürsten werth gewesen, denn sie bestand aus

drei großen Herzogthümern, einem unabhängigen Fürstenthume mit eigner

Münze und eigenen Tribunalen, und einem Einkommen, das die

Gesammteinkünfte des Königreichs Schottland weit überstieg. Aber diese

glänzende Aussicht trübte sich, die Verbindung wurde abgebrochen und der

Freier wurde viele Jahre in einem Alpenschlosse eingesperrt. Endlich

ließ sich Ludwig wieder erweichen. Lauzun durfte nicht vor dem Könige

erscheinen, aber es war ihm gestattet, fern vom Hofe seine Freiheit zu

genießen. Er ging nach England und wurde im Palaste Jakob's und in den

vornehmen Cirkeln London's wohl aufgenommen, denn damals galten die

französischen Edelleute in ganz Europa für Muster von Eleganz, und viele

Chevaliers und Vicomtes, welche in den Privatcirkeln zu Versailles nie

Zutritt gehabt hatten, sahen sich in Whitehall von allgemeiner Neugierde

und Bewunderung umgeben. Lauzun war der gegenwärtigen Anforderung in

jeder Hinsicht gewachsen. Er hatte Muth und Ehrgefühl, war an

excentrische Abenteuer gewöhnt und verband mit dem scharfen

Beobachtungssinn und dem sarkastischen Witze eines vollendeten Weltmanns

eine entschiedene Neigung zum irrenden Ritterthum. Alle seine nationalen

Gefühle und alle seine persönlichen Interessen trieben ihn an, das

Abenteuer zu wagen, vor dem die treuesten Unterthanen der englischen

Krone zurückzuschrecken schienen. Als Beschützer der Königin von

Großbritannien und des Prinzen von Wales in einer gefahrvollen Krisis,

konnte er mit Ehren in sein Vaterland zurückkehren, es konnte ihm wieder

gestattet werden, Ludwig ankleiden und speisen zu sehen und nach so

vielen Wechselfällen konnte er am Abende seines Lebens noch einmal die

so wunderbar bezaubernde Jagd nach der königlichen Gunst beginnen.

Von solchen Gefühlen beseelt, nahm Lauzun das ihm angebotene wichtige

Amt bereitwilligst an. Die Vorkehrungen zur Flucht wurden schleunigst

getroffen, ein Schiff erhielt Befehl, sich bei Gravesend bereit zu

halten; aber nach Gravesend zu gelangen, war nicht leicht. Die City war

in einer furchtbaren Aufregung. Die geringste Ursache war hinreichend,

um einen Auflauf zu veranlassen, kein Fremder durfte sich auf den

Straßen zeigen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte,

angehalten, ausgefragt und als verkappter Jesuit vor einen

Magistratsbeamten geführt zu werden. Man mußte sich daher auf der

Südseite der Themse halten. Es wurde keine Vorsichtsmaßregel versäumt,

um jeden Verdacht zu zerstreuen. Der König und die Königin begaben sich

wie gewöhnlich zur Ruhe. Jakob wartete, bis eine Zeit lang im Palaste

Alles still gewesen war, dann stand er auf und rief einen Diener, zu dem

er sagte: »Ihr werdet an der Thür des Vorzimmers einen Mann finden;

bringt ihn hierher.« Der Diener gehorchte und Lauzun wurde ins

königliche Schlafgemach eingeführt. »Ich vertraue Ihnen meine Gemahlin

und meinen Sohn an,« sagte der König zu ihm; »sie müssen auf jede Gefahr

hin nach Frankreich gebracht werden.« Lauzun sprach mit ächt

ritterlichem Sinne seinen Dank aus für die ihm zu Theil werdende

gefährliche Ehre und bat um die Erlaubniß, sich der Mithülfe seines

Freundes Saint-Victor, eines Edelmanns aus der Provence, dessen Muth und

Treue vielfach erprobt sei, bedienen zu dürfen. Die Dienste eines so

werthvollen Beistandes wurden bereitwillig angenommen. Lauzun reichte

Marien die Hand, und Saint-Victor hüllte den unglücklichen Erben so

vieler Könige in seinen warmen Mantel. Die Gesellschaft schlich leise

die Hintertreppe hinab und stieg in einen offenen Kahn. Es war eine

traurige Fahrt. Die Nacht war kalt, es regnete, der Wind heulte und der

Wellenschlag war heftig. Endlich erreichte der Kahn Lambeth und die

Flüchtlinge landeten in der Nähe eines Gasthofes, wo ein Wagen und

Pferde sie erwarteten. Es dauerte eine Weile, bis die Pferde angeschirrt

und angespannt waren. Marie wollte aus Furcht erkannt zu werden nicht in

das Haus treten. Sie blieb bei ihrem Kinde, zum Schutz vor dem Unwetter

unter dem Thurme der Lambethkirche kauernd und jedesmal vor Schreck

zusammenfahrend, wenn der Hausknecht sich ihr mit seiner Laterne

näherte. Sie hatte zwei von ihren Kammerfrauen bei sich; die eine nährte

den Prinzen, die andre hatte das Amt, ihn zu wiegen; ihrer Gebieterin

aber konnten Beide nur wenig nützen, denn sie waren Ausländerinnen,

welche kaum englisch sprachen und beständig über das rauhe Klima

Englands klagten. Der einzige tröstliche Umstand war, daß das Kind wohl

war und nicht ein einziges Mal schrie. Endlich war der Wagen bereit.

Saint-Victor begleitete denselben zu Pferde. Die Flüchtlinge kamen

wohlbehalten in Gravesend an und schifften sich auf der sie erwartenden

Yacht ein. Sie fanden auf derselben Lord Powis mit seiner Gattin und

drei irische Offiziere. Diese waren dahin geschickt worden, um Lauzun in

einem etwaigen verzweifelten Nothfalle beizustehen, denn es wurde nicht

für unmöglich gehalten, daß der Kapitain des Schiffes sich als treulos

erwies, und man hatte sich fest vorgenommen, ihn beim geringsten

Verdacht von Verrätherei sofort niederzustoßen. Man kam jedoch nicht in

die Nothwendigkeit, Gewalt zu brauchen. Die Yacht fuhr mit günstigem

Winde den Strom hinab und nachdem Saint-Victor sie hatte absegeln sehen,

sprengte er mit der guten Nachricht nach Whitehall zurück.[163]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11) · 第 14 / 26 段