[_Seymour._] Der Bedeutendste von den Neuangekommenen aber war Seymour,
der unlängst eine Baronetschaft geerbt hatte, welche jedoch seinen Rang
wenig erhöhte, und der in Folge seiner Geburt, seines politischen
Ansehens und seiner parlamentarischen Talente entschieden der erste
Torygentleman Englands war. Bei seiner ersten Audienz soll er seinen
characteristischen Stolz in einer Weise geäußert haben, die den Prinzen
überraschte und ergötzte. »Soviel ich weiß, Sir Eduard,« sagte Wilhelm,
der sehr artig zu sein glaubte, »gehören Sie zur Familie des Herzogs von
Somerset?« -- »Entschuldigen Sie, Sire,« entgegnete Sir Eduard, der nie
vergaß, daß er das Oberhaupt der älteren Linie der Seymour war, »der
Herzog von Somerset ist ein Mitglied meiner Familie«.[120]
[Anmerkung 120: Seymour's Antwort an Wilhelm wird von vielen
Schriftstellern mitgetheilt. Sie hat große Ähnlichkeit mit einer
Anekdote, die man sich von der Familie Manriquez erzählt. Sie soll
zu ihrer Devise die Worte gewählt haben: +»Nos no descendemos de
los Reyes, sino los Reyes descienden de nos.« -- Carpentariana.+]
[_Wilhelm's Hoflager in Exeter._] Das Hauptquartier Wilhelm's fing nun
an das Aussehen eines Hofes zu gewinnen. Mehr als sechzig angesehene und
vermögende Männer wohnten in Exeter und die tägliche Schaustellung von
glänzenden Livreen und sechsspännigen Equipagen auf dem Domplatz verlieh
diesem stillen Orte etwas von dem in Whitehall herrschenden Glanze und
Leben. Das gemeine Volk konnte es kaum erwarten, die Waffen zu
ergreifen, und man hätte mit Leichtigkeit mehrere Bataillone Infanterie
bilden können. Schomberg aber, der auf frisch vom Pfluge genommene
Soldaten wenig Werth legte, war der Meinung, daß, wenn das Unternehmen
nicht ohne solche Hülfe gelingen könne, es überhaupt gar nicht gelingen
würde, und Wilhelm, der das Kriegshandwerk eben so genau kannte als
Schomberg, theilte diese Ansicht. Es wurden daher nur wenige neue
Regimenter errichtet und nur auserlesene Rekruten dazu genommen.
Man hielt es jetzt für wünschenswerth, daß der Prinz die sämmtlichen in
Exeter anwesenden Edelleute und Gentlemen öffentlich empfing. Er hielt
eine kurze, aber würdevolle und wohl durchdachte Anrede an sie. Er
sagte, er kenne nicht alle um ihn Versammelten persönlich, aber er habe
eine Liste ihrer Namen und wisse, wie hoch sie in der Achtung ihres
Vaterlandes ständen. Er tadelte mit milden Worten ihr spätes Erscheinen,
sprach aber die zuversichtliche Hoffnung aus, daß es noch nicht zu spät
sei, das Königreich zu retten. »Somit,« schloß er, »heißen wir Euch,
Gentlemen, Freunde und Mitprotestanten, sowie Eure Begleiter an unsrem
Hofe und in unsrem Lager herzlich willkommen.«[121]
Seymour, ein seit langer Zeit an die Parteitaktik gewöhnter Staatsmann
von scharfem Blicke, erkannte sogleich, daß die Partei, welche sich um
den Prinzen zu schaaren begonnen hatte, der Organisation bedurfte. Bis
jetzt, sagte er, sei sie nur ein Sandhaufen, kein gemeinsamer Zweck sei
öffentlich und feierlich angekündigt worden, Niemand habe sich noch zu
etwas verpflichtet. Sobald die Versammlung in der Dechanei wieder
auseinander gegangen war, ließ er Burnet rufen und schlug ihm vor, daß
ein Bund gebildet werden und alle englischen Anhänger des Prinzen eine
Urkunde unterzeichnen sollten, durch welche sie sich zur Treue gegen
ihren Führer und gegen einander verpflichteten. Burnet theilte diesen
Vorschlag dem Prinzen und Shrewsbury mit, die ihn Beide billigten. Es
wurde eine Versammlung in der Kathedrale gehalten und Burnet legte einen
Entwurf vor, der angenommen und eifrig unterzeichnet wurde. Die
Unterzeichner verpflichteten sich, die in der Erklärung des Prinzen
dargelegten Zwecke einmüthig zu verfolgen, ihm und sich selbst
gegenseitig beizustehen, gegen Jeden, der ein Attentat auf seine Person
unternehmen sollte, exemplarische Rache zu üben und selbst wenn ein
solches Attentat unglücklicherweise gelingen sollte, in ihrem
Unternehmen zu beharren, bis die Freiheiten und die Religion des Volks
wirksam gesichert seien.[122]
Um die nämliche Zeit kam ein Bote vom Earl von Bath, der in Plymouth
commandirte, in Exeter an. Bath erklärte, daß er seine Person, seine
Mannschaft und die Festung, deren Gouverneur er war, dem Prinzen zur
Verfügung stelle. So hatten die Angreifenden keinen einzigen Feind mehr
im Rücken.[123]
[Anmerkung 121: +Fourth Collection of Papers, 1688+; Brief von
Exon; +Burnet, I. 792.+]
[Anmerkung 122: +Burnet, I. 792+; +History of the Desertion+;
+Second Collection of Papers, 1688.+]
[Anmerkung 123: Brief von Bath an den Prinzen von Oranien vom 18.
Nov. 1688; Dalrymple.]
[_Aufstand im Norden._] Während der Westen sich so gegen den König
erhob, stand hinter ihm auch schon der ganze Norden in Flammen. Am
Sechzehnten griff Delamere in Cheshire zu den Waffen. Er rief seine
Pächter zusammen, forderte sie auf, ihm beizustehen, versprach ihnen,
daß, wenn sie im Kampfe fielen, die Pachtungen ihren Hinterlassenen aufs
neue bewilligt werden sollten, und ermahnte Jeden, der ein gutes Pferd
habe, entweder selbst ins Feld zu ziehen, oder einen Ersatzmann zu
stellen.[124] Er erschien mit funfzig bewaffneten und berittenen Männern
in Manchester und bevor er Boaden Downs erreichte, hatte sich seine
Truppe verdreifacht.
Die benachbarten Grafschaften waren in heftiger Gährung. Es war
festgesetzt worden, daß Danby York nehmen und Devonshire in Nottingham
erscheinen sollte. In Nottingham erwartete man keinen Widerstand zu
finden, in York aber lag eine kleine Garnison unter dem Commando Sir
John Reresby's. Danby ging mit großer Klugheit und Umsicht zu Werke. Auf
den 22. November war eine Versammlung der Gentry und der Freisassen von
Yorkshire ausgeschrieben, um eine Adresse wegen der Lage der Dinge an
den König zu berathen. Alle Statthaltersubstituten der drei Bezirke,
mehrere Kavaliere und eine Menge reicher Esquires und wohlhabender
Freisassen hatten sich zu dieser Versammlung in der Provincialhauptstadt
eingefunden. Vier Abtheilungen Miliz waren zur Aufrechthaltung der Ruhe
und Ordnung commandirt. Das Rathhaus war gedrängt voll Freisassen und
die Berathung hatte eben begonnen, als sich plötzlich der Ruf vernehmen
ließ, die Papisten hätten sich erhoben und metzelten die Protestanten
nieder. Die Papisten von York waren viel wahrscheinlicher darauf
bedacht, sich zu verbergen, als einen Feind anzugreifen, der ihnen um
das Hundertfache überlegen war. Aber damals konnte eine Geschichte von
Papistenwuth noch so übernatürlich und wunderbar sein, sie fand dennoch
bereitwilligen Glauben. Die Versammlung ging erschreckt auseinander. Die
ganze Stadt war in Aufruhr. In diesem Augenblicke ritt Danby an der
Spitze von etwa hundert Reitern der Miliz entgegen und erhob den Ruf:
»Keinen Papismus! ein freies Parlament! die protestantische Religion!«
Die Miliz stimmte ein. In einem Nu war die Garnison überrumpelt und
entwaffnet. Der Gouverneur wurde in Gewahrsam gebracht, die Thore
geschlossen und überall Schildwachen ausgestellt. Man ließ den Pöbel
ungehindert eine katholische Kapelle niederreißen; sonst aber scheint
kein Unfug verübt worden zu sein. Am folgenden Morgen war die Guildhall
von den vornehmsten Gentlemen der Grafschaft und den höchsten
Magistratsbeamten der Stadt angefüllt. Der Lordmayor wurde zum
Vorsitzenden ernannt. Danby schlug eine Erklärung vor, in der die Gründe
dargelegt werden sollten, welche die Freunde der Verfassung und der
protestantischen Religion bewogen hatten, zu den Waffen zu greifen.
Diese Erklärung wurde mit allgemeinem Beifall angenommen und war binnen
wenigen Stunden von sechs Peers, fünf Baronets, sechs Rittern und vielen
hochangesehenen Gentlemen unterzeichnet.[125]
Inzwischen verließ Devonshire an der Spitze einer starken Truppe von
Freunden und Untergebenen den Palast, den er eben in Chatsworth bauen
ließ, und erschien bewaffnet in Derby. Hier übergab er der städtischen
Behörde in aller Form eine Schrift, in der die Beweggründe seines
Unternehmens auseinandergesetzt waren. Dann marschirte er nach
Nottingham, das bald das Hauptquartier des Aufstandes im Norden wurde.
Hier erließ er eine in kühnen und harten Ausdrücken abgefaßte
Proklamation. Das Wort Rebellion, hieß es darin, sei ein Popanz, der
keinen verständigen Mann schrecken könne. Sei es Rebellion, die Gesetze
und den Glauben zu vertheidigen, zu deren Aufrechthaltung jeder
englische König sich eidlich verpflichte? Wie dieser Eid neuerdings
gehalten worden sei, darüber werde hoffentlich bald ein freies Parlament
entscheiden. Die Insurgenten erklärten, daß sie es, bis diese
Entscheidung erfolge, nicht für Rebellion, sondern nur für rechtmäßige
Nothwehr hielten, sich einem Tyrannen zu widersetzen, der kein andres
Gesetz kenne, als seinen Willen. Im Norden gewann der Aufstand mit jedem
Tage eine größere Ausdehnung. Vier mächtige und reiche Earls,
Manchester, Stamford, Rutland und Chesterfield, begaben sich nach
Nottingham, wo sich ihnen Lord Cholmondely und Lord Grey de Ruthyn
anschlossen.[126]
Währenddem kamen die feindlichen Heere im Süden einander immer näher.
Als der Prinz von Oranien erfuhr, daß der König in Salisbury angekommen
war, hielt er es für an der Zeit, Exeter zu verlassen. Er stellte diese
Stadt und ihre Umgegend unter das Commando Sir Eduard Seymour's und
brach Mittwoch den 21. November in Begleitung vieler der angesehensten
Gentlemen der westlichen Grafschaften nach Axminster auf, wo er mehrere
Tage blieb.
Der König wünschte sehnlichst, daß es zu einem Kampfe kommen möchte, was
offenbar in seinem Interesse lag. Jede Stunde entriß ihm etwas von
seiner Stärke und vermehrte die seiner Feinde. Überdies war es sehr
wichtig, daß seine Truppen sich ans Feuer gewöhnten. Eine große
Schlacht, welchen Ausgang sie auch nehmen mochte, konnte die Popularität
des Prinzen nur vermindern. Dies Alles erkannte Wilhelm sehr wohl und er
nahm sich deshalb vor, einen Zusammenstoß so lange als möglich zu
vermeiden. Als Schomberg die Nachricht erhielt, daß der Feind anrücke
und zu einer Schlacht entschlossen sei, soll er mit der Gelassenheit
eines sich seiner Geschicklichkeit bewußten Taktikers gesagt haben: »Das
wird lediglich von uns abhängen.« Es war indessen nicht möglich, alles
Scharmützeln zwischen den Vorposten der beiden Armeen zu verhindern.
Wilhelm wünschte, daß bei diesen Scharmützeln nichts geschah, was den
Stolz der Nation, die er befreien wollte, verletzen oder ihr Rachegefühl
aufstacheln könnte. Daher stellte er mit bewundernswerther Klugheit
seine britischen Regimenter dahin, wo die Wahrscheinlichkeit eines
Zusammenstoßes am größten war. Die Vorposten der königlichen Armee waren
Irländer, und in Folge dessen hatten die Eingedrungenen bei den kleinen
Gefechten dieses kurzen Feldzugs die aufrichtige Sympathie aller
Engländer für sich.
[Anmerkung 124: +First Collection of Papers, 1688+; +London
Gazette, Nov. 22.+]
[Anmerkung 125: +Reresby's Memoirs+; +Clarke's Life of James, II.
231. Orig. Mem.+]
[Anmerkung 126: +Cibber's Apology+; +History of the Desertion+;
+Luttrell's Diary+; +Second Collection of Papers, 1688+.]
[_Gefecht bei Wincanton._] Das erste derartige Treffen fand bei
Wincanton statt. Mackay's Regiment, das aus britischen Soldaten bestand,
lag in der Nähe einer Abtheilung irischer Truppen des Königs, welche ihr
Landsmann, der tapfere Sarsfield, befehligte. Mackay schickte ein
kleines Detachement unter einem Lieutenant Namens Campbell aus, um
Bagagepferde herbeizuschaffen. In Wincanton fand Campbell was er
brauchte, und als er eben die Stadt wieder verließ, um zur Armee
zurückzukehren, rückte eine starke Abtheilung von Sarsfield's Truppen
heran. Die Irländer waren ihren Gegnern um das Vierfache überlegen,
dennoch aber entschloß sich Campbell bis zum Äußersten zu kämpfen. Mit
einem Häuflein tapferer Männer stellte er sich auf der Straße auf, und
seine übrigen Soldaten besetzten die Hecken zu beiden Seiten der Straße.
Der Feind kam heran. »Halt!« rief Campbell, »für wen seid Ihr.« -- »Ich
bin für König Jakob,« antwortete der Anführer der feindlichen Truppe.
»Und ich für den Prinzen von Oranien,« versetzte Campbell. »Wir wollen
Euch beprinzen!« rief der Irländer mit einem Fluche. »Feuer!«
commandirte Campbell, und augenblicklich knatterte ein wohlgezieltes
Feuer hinter den Hecken hervor. Die königlichen Truppen erhielten drei
kräftige Salven, ehe sie das Feuer erwiedern konnten. Endlich gelang es
ihnen, eine der Hecken zu nehmen, und sie würden die ihnen
entgegenstehende kleine Schaar überwältigt haben, hätte nicht das
Landvolk, das die Irländer gründlich haßte, falschen Lärm gemacht, daß
noch mehr Truppen des Prinzen anrückten. Sarsfield rief seine Leute ab
und zog sich zurück und Campbell setzte mit den Bagagepferden seinen
Marsch ungehindert fort. Dieses Gefecht, das zwar dem Muthe und der
Disciplin der Armee des Prinzen Ehre machte, wurde durch die Fama zu
einem Siege vergrößert, den britische Protestanten über eine bedeutende
Übermacht von papistischen Barbaren davongetragen, welche aus Connaught
herübergeholt worden seien, um unsre Insel zu unterdrücken.[127]
Wenige Stunden nach diesem Scharmützel ereignete sich ein Vorfall, der
jeder Wahrscheinlichkeit eines ernsten Kampfes zwischen den beiden
Armeen ein Ende machte. Churchill und einige von seinen Hauptcomplicen
befanden sich in Salisbury. Zwei der Verschwornen, Kirke und Trelawney,
hatten sich nach Warminster begeben, wo ihre Regimenter standen. Alles
war reif zur Ausführung des lange erwogenen Verraths.
Churchill rieth dem Könige, Warminster zu besuchen und die dort
stehenden Truppen zu inspiciren. Jakob willigte ein und sein Wagen hielt
schon am Thore des bischöflichen Palastes, als er mit einem Male
heftiges Nasenbluten bekam. Er mußte die Reise aufschieben und sich
einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Drei Tage vergingen, ehe die
Blutung völlig gestillt war und während dieser drei Tage kamen ihm
beunruhigende Gerüchte zu Ohren.
Eine so weitverzweigte Verschwörung wie die, an deren Spitze Churchill
stand, konnte unmöglich lange streng geheim gehalten werden. Man hatte
zwar keine Beweise, die einer Jury oder einem Kriegsgericht hätten
vorgelegt werden können, aber es circulirten sonderbare Gerüchte im
Lager. Feversham, der das Obercommando führte, meldete, daß ein
schlechter Geist in der Armee herrsche. Man machte den König darauf
aufmerksam, daß gewisse Personen seiner nächsten Umgebung nicht seine
Freunde seien und daß es nur ein Schritt weiser Vorsicht sein würde,
wenn er Churchill und Grafton unter Bedeckung nach Portsmouth sendete.
Jakob verwarf diesen Rath. Neigung zum Argwohn gehörte nicht zu seinen
Fehlern. Im Gegentheil, er setzte ein so großes Vertrauen in
Versicherungen der Treue und Anhänglichkeit, wie man es wohl von einem
gutmüthigen und unerfahrenen jungen Menschen, nicht aber von einem in
Jahren vorgerückten Staatsmann hätte erwarten sollen, der die Welt
kennen gelernt, der von schurkischen Ränken und Intriguen viel zu leiden
gehabt hatte und dessen eigner Character keineswegs ein vortheilhaftes
Muster der menschlichen Natur war. Es dürfte schwer sein, einen zweiten
Mann zu finden, der sein Wort so leichtsinnig brach, als Jakob und der
dabei so schwer zu dem Glauben zu bringen war, daß Andere ihr Wort gegen
ihn brechen könnten. Nichtsdestoweniger machten ihn die ihm zukommenden
Berichte über die Stimmung seiner Armee sehr besorgt. Er sehnte sich
jetzt nicht mehr nach einer Schlacht, ja er begann sogar an den Rückzug
zu denken. Samstag Abend, den 24. November berief er einen Kriegsrath
zusammen, dem auch diejenigen Offiziere beiwohnten, gegen die er
ernstlich gewarnt worden war. Feversham sprach sich dahin aus, daß der
Rückzug wünschenswerth sei. Churchill stimmte für das Gegentheil. Die
Berathung dauerte bis Mitternacht. Endlich erklärte der König, daß er
sich zu dem Rückzuge entschieden habe.
[Anmerkung 127: +Whittle's Diary+; +History of the Desertion+;
+Luttrell's Diary.+]
[_Churchill's und Grafton's Abfall._] Churchill bemerkte oder glaubte
zu bemerken, daß man ihm nicht traute und vermochte trotz seiner nicht
gewöhnlichen Selbstbeherrschung seine Angst nicht zu verbergen. Er
entfloh daher noch vor Tagesanbruch mit Grafton ins Lager des
Prinzen.[128]
Er ließ eine schriftliche Erklärung zurück, welche in dem anständigen
Tone gehalten war, den er bei aller Strafbarkeit und Ehrlosigkeit doch
stets beobachtete. Er erkannte an, daß er der Gunst des Königs Alles
verdanke. Interesse und Dankbarkeit, sagte er, zogen ihn nach der
nämlichen Seite hin. Unter keiner andren Regierung könne er hoffen so
einflußreich und mächtig zu werden, als er es gewesen sei; aber alle
solche Rücksichten müßten einer höheren Pflicht weichen. Er sei
Protestant und sein Gewissen gestatte ihm nicht, gegen den
Protestantismus das Schwert zu ziehen. Übrigens aber werde er stets
bereit sein, zur Vertheidigung der geheiligten Person und der
gesetzlichen Rechte seines gnädigen Gebieters Gut und Leben
aufzuopfern.[129]
Am nächsten Morgen war im königlichen Lager Alles in der größten
Bestürzung. Die Freunde des Königs waren wie vernichtet und seine Feinde
konnten ihre Freude nicht unterdrücken. Jakob's Bestürzung wurde noch
durch Nachrichten vermehrt, welche denselben Tag von Warminster
einliefen. Kirke, welcher dort commandirte, hatte Befehlen, die er von
Salisbury erhalten, den Gehorsam verweigert. Es konnte keinem Zweifel
mehr unterliegen, daß auch er mit dem Prinzen von Oranien im Bunde
stand. Es hieß, er sei schon mit allen seinen Truppen zum Feinde
übergegangen, und obgleich dieses Gerücht falsch war, fand es doch
einige Stunden lang vollen Glauben.[130] Jetzt ging dem unglücklichen
Könige wieder ein neues Licht auf. Er glaubte zu errathen, warum man ihn
vor einigen Tagen gedrängt hatte, Warminster zu besuchen. Er würde dort
hülflos in der Gewalt der Verschwörer und in der Nähe der feindlichen
Vorposten gewesen, Die, welche es versucht hätten ihn zu vertheidigen,
würden leicht überwältigt und er als Gefangener in das Hauptquartier der
feindlichen Armee gebracht worden sein. Vielleicht wäre ein noch
schwärzerer Verrath verübt worden, denn Menschen, die einmal ein
strafbares und gefährliches Unternehmen begonnen haben, sind nicht mehr
Herren ihrer selbst und werden oft durch ein Verhängniß, das einen Theil
ihrer verdienten Strafe bildet, zu Verbrechen getrieben, an die sie
vorher nur mit Schaudern hätten denken können. Gewiß war es das Werk
irgend eines Schutzheiligen, daß ein der katholischen Kirche ergebener
König in dem Augenblicke, wo er blindlings der Gefangenschaft, ja
vielleicht dem Tode entgegenzueilen im Begriffe war, plötzlich durch
eine Unpäßlichkeit aufgehalten wurde, die er damals als ein Unglück
betrachtete.
[Anmerkung 128: +Clarke's Life of James, II. 222. Orig. Mem.+:
Barillon, 21. Nov. (1. Dec.) 1688; +Sheridan MS.+]
[Anmerkung 129: +First Collection of Papers+, 1688.]
[Anmerkung 130: Brief von Middleton an Preston aus Salisbury vom
25. Nov. »Schurkerei über Schurkerei,« sagt Middleton, »die letzte
immer größer als die vorhergehende.« +Clarke's Life of James, II.
224. 225, Orig. Mem.+]
[_Rückzug der königlichen Armee von Salisbury._] Dies Alles bestärkte
Jakob in dem am vorhergehenden Abend gefaßten Entschlusse. Es wurde
Befehl zum unverweilten Rückzuge gegeben. Ganz Salisbury war in Aufruhr.
Das Lager wurde mit der Verwirrung einer Flucht abgebrochen. Kein Mensch
wußte mehr, wem er trauen und wem er gehorchen sollte. Die materielle
Stärke der Armee hatte sich nur unbedeutend vermindert, aber ihre
moralische Kraft war vernichtet. Viele, die sich geschämt haben würden,
mit dem Übertritt zu dem Prinzen voranzugehen, folgten nun bereitwillig
einem Beispiele, das sie nie gegeben haben würden, und viele Andere, die
zu ihrem Könige gehalten haben würden, so lange er muthig gegen den
Feind vorzurücken schien, hatten keine Lust, bei einer zurückweichenden
Fahne zu bleiben.[131]
Jakob ging an diesem Tage bis Andover. Sein Schwiegersohn, Prinz Georg,
und der Herzog von Ormond begleiteten ihn. Beide gehörten zu den
Verschwornen und würden wahrscheinlich mit Churchill geflohen sein,
hätte dieser es in Folge der Vorgänge im Kriegsrathe nicht für rathsam
gehalten, seine Abreise zu beschleunigen. Dem Prinzen Georg kam seine
Geistesbeschränktheit in diesem Falle besser zu statten, als es Klugheit
gethan haben würde. Wenn ihm eine Nachricht gemeldet wurde, pflegte er
auf Französisch auszurufen: +»Est-il possible?«+ (ist es möglich?) Diese
Phrase war ihm jetzt sehr nützlich. +»Est-il possible?«+ rief er, als
man ihn benachrichtigte, daß Churchill und Grafton vermißt wurden. Und
als die schlimme Botschaft von Warminster kam, rief er abermals:
+»Est-il possible?«+
[Anmerkung 131: +History of the Desertion+; +Luttrell's Diary.+]
[_Abfall des Prinzen Georg und Ormond's._] Prinz Georg und Ormond wurden
in Andover eingeladen, mit dem Könige zu Abend zu speisen. Dies muß eine
traurige Mahlzeit gewesen sein. Der König war von seinem Unglück zu
Boden gedrückt, und sein Schwiegersohn war der langweiligste
Gesellschafter, den es geben konnte. Karl II. sagte einmal: »Ich habe
den Prinzen Georg nüchtern gesehen und habe ihn betrunken gesehen, aber
mag er nüchtern oder betrunken sein, es ist nichts an ihm.«[132] Ormond,
der während seines ganzen Lebens schweigsam und zurückhaltend gewesen,
war in einem solchen Augenblicke gewiß auch nicht heiter. Sogleich nach
beendeter Mahlzeit ging der König zur Ruhe. Für den Prinzen und Ormond
standen schon Pferde bereit; sobald sie sich von der Tafel erhoben
hatten, saßen sie auf und sprengten davon. In ihrer Begleitung befand
sich der Earl von Drumlanrig, der älteste Sohn des Herzogs von
Queensberry. Der Abfall dieses jungen Kavaliers war kein unwichtiges
Ereigniß, denn Queensberry war das Oberhaupt der protestantischen
Episcopalen Schottlands, einer Klasse, im Vergleich zu welcher die
entschiedensten englischen Tories whiggistisch genannt werden konnten,
und Drumlanrig selbst war Oberstlieutenant von Dundee's Regiment, eines
Corps, das die Whigs noch mehr haßten, als Kirke's Lämmer. Dieses neue
Unglück wurde dem Könige am nächsten Morgen gemeldet. Er war von der
Nachricht weniger ergriffen, als man hatte erwarten sollen. Der Schlag,
der ihn vierundzwanzig Stunden früher getroffen, hatte ihn auf fast
jedes nur mögliche Unglück vorbereitet, und er konnte dem Prinzen Georg,
der kaum zurechnungsfähig war, unmöglich ernstlich zürnen, daß er den
Kunstgriffen eines Verführers wie Churchill erlegen war. »Wie?« rief
Jakob, »ist +Est-il possible+ auch fort? Nun, im Grunde würde ein guter
Dragoner ein größerer Verlust gewesen sein.«[133] Der Zorn des Königs
schien sich in der That, und nicht ohne Grund, damals auf eine einzige
Person zu concentriren. Von glühendem Rachedurst gegen Churchill
erfüllt, reiste er weiter nach London und erfuhr bei seiner Ankunft
daselbst ein neues Verbrechen des Erzverräthers. Seit einigen Stunden
wurde die Prinzessin Anna vermißt.
[Anmerkung 132: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 643.]
[Anmerkung 133: +Clarendon's Diary, Nov. 26+; +Clarke's Life of
James, II. 224+; Prinz Georg's Brief an den König ist oft gedruckt
worden.]