König allen damals in London anwesenden Bischöfen eine Audienz. Sie
hatten um eine solche nachgesucht, um ihm in seiner kritischen Lage
ihren Rath anzubieten. Der Primas führte das Wort. Er bat ehrerbietig
darum, daß die Verwaltung den Händen gehörig qualificirter Personen
übergeben, daß alle unter dem Vorwande des Dispensationsrechts
vorgenommenen Acte widerrufen, daß die kirchliche Commission
abgeschafft, daß die dem Magdalenen-Collegium zugefügte Unbill wieder
gutgemacht und daß die alten Privilegien der Municipalkörperschaften
wiederhergestellt werden möchten. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß
es ein wünschenswerthes Mittel gebe, durch welches der Thron vollkommen
gesichert und das erschütterte Reich wieder beruhigt werden könne. Wenn
Seine Majestät die zwischen der römischen und anglikanischen Kirche
obschwebenden Streitpunkte nochmals in Erwägung ziehen wolle, so würde
er durch die Gründe, welche sie ihm vorzutragen wünschten, unter Gottes
Beistande vielleicht zu der Überzeugung gebracht werden, daß es seine
Pflicht sei, zu dem Glauben seines Vaters und seines Großvaters
zurückzukehren. Bis hierher, fuhr Sancroft fort, habe er die Ansicht
seiner Collegen ausgesprochen. Aber es sei noch ein Punkt, über den er
sich nicht mit ihnen berathen habe, auf den er jedoch den König
aufmerksam machen zu müssen glaube. Allerdings sei er auch das einzige
Mitglied seines Standes, welches diesen Gegenstand berühren dürfe, ohne
sich dem Verdachte eines eigennützigen Beweggrundes auszusetzen. Der
erzbischöfliche Stuhl von York war seit drei Jahren erledigt. Der
Erzbischof bat den König dringend, er möge denselben schleunigst mit
einem frommen und gelehrten Geistlichen besetzen, und fügte hinzu, es
werde sich unter den eben Anwesenden leicht, ein solcher Mann finden.
Der König verstand es sich hinreichend zu beherrschen, um für diesen
bitteren Rath zu danken und zu versprechen, daß er denselben in Erwägung
ziehen wolle.[75] Von dem Dispensationsrecht aber wollte er durchaus
nichts nachlassen. Keine gesetzlich unqualificirte Person wurde von
irgend einem bürgerlichen oder militairischen Amte entfernt. Aber einige
von Sancroft's Vorschlägen wurden befolgt. Binnen zweimal vierundzwanzig
Stunden war der Gerichtshof der Hohen Commission abgeschafft.[76] Es
ward beschlossen, der Hauptstadt ihren vor sechs Jahren entzogenen
Freibrief zurückzugeben und der Kanzler selbst mußte das ehrwürdige
Pergament feierlich nach der Guildhall tragen.[77] Acht Tage später
erfuhr das Publikum, daß der Bischof von Winchester, der vermöge seiner
amtlichen Stellung Visitator des Magdalenen-Collegiums war, vom Könige
beauftragt sei, alle Mißstände in diesem Collegium abzustellen. Zu
dieser letzten Demüthigung hatte sich der König nicht ohne langen
inneren Kampf und bitteren Schmerz entschlossen. Er verstand sich in der
That erst dazu, nachdem der apostolische Vikar Leyburn, der sich bei
jeder Gelegenheit als einsichtsvoller und rechtschaffener Mann benommen
zu haben scheint, erklärt hatte, daß seiner Ansicht nach den
vertriebenen Collegiaten und ihrem Präsidenten Unrecht gethan worden sei
und daß ihre Wiedereinsetzung aus religiösen wie aus politischen Gründen
erfolgen müsse.[78] Nach wenigen Tagen erschien eine Proklamation,
welche die entzogenen Privilegien aller Municipalkörperschaften
wiederherstellte.[79]
[Anmerkung 75: +Tanner MSS+; +Burnet I. 784+. Burnet hat, wie ich
glaube, diese Audienz mit einer andren verwechselt, welche einige
Wochen später stattfand.]
[Anmerkung 76: +London Gazette, Oct. 8. 1688.+]
[Anmerkung 77: +Ibid.+]
[Anmerkung 78: +Ibid. Oct. 15, 1688+; Adda, 12.(22.) Oct. Obgleich
der Nuntius im Allgemeinen Gewaltmaßregeln abgeneigt war, so
scheint er doch gegen die Wiedereinsetzung Hough's opponirt zu
haben, wahrscheinlich aus Rücksicht auf die Interessen Giffard's
und der anderen Katholiken, welche Mitglieder des
Magdalenen-Collegiums waren. Leyburn erklärte selbst: +»Nel
sentimento che fosse stato uno spoglio, e che il possesso in cui
si trovano ora li Cattolici fosse violento ed illegale, onde non
era privar questi di un dritto acquisto, ma rendere agli altri
quello era stato levalo con violenza.«+]
[Anmerkung 79: +London Gazette, Oct. 18. 1688+.]
[_Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen._] Jakob schmeichelte
sich mit der Hoffnung, daß die ausgedehnten Zugeständnisse, die er im
Laufe eines Monats gemacht, ihm die Herzen seines Volks wieder gewinnen
würden. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß diese Zugeständnisse,
wenn sie gemacht worden wären, als noch kein Grund zu der Befürchtung
eines Einfalls von Seiten Hollands vorhanden war, viel zur Versöhnung
der Tories beigetragen haben würden. Aber Fürsten, welche der Angst
zugestehen, was sie der Gerechtigkeit verweigert haben, dürfen keinen
Dank erwarten. Seit drei Jahren war der König gegen alle Vorstellungen
und Bitten taub gewesen. Jeder Minister, der sich erlaubt hatte, seine
Stimme zu Gunsten der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung des Reichs
zu erheben, war in Ungnade gefallen. Ein ausgezeichnet loyales Parlament
hatte es gewagt, bescheiden und ehrerbietig gegen eine Verletzung der
Grundgesetze Englands zu protestiren; es hatte dafür einen strengen
Verweis erhalten und war prorogirt und aufgelöst worden. Ein Richter
nach dem andren war des Hermelins beraubt worden, weil er sich geweigert
hatte, Erkenntnisse abzugeben, welche dem gemeinen Rechte und dem
Gesetzbuche zuwiderliefen. Die achtungswerthesten Kavaliere waren von
jeder Theilnahme an der Verwaltung der Grafschaften ausgeschlossen
worden, weil sie sich geweigert hatten, die öffentlichen Freiheiten zu
verrathen. Geistliche waren zu Dutzenden abgesetzt worden, weil sie ihre
Eide nicht brechen wollten. Prälaten, deren unerschütterlicher Treue der
König seine Krone verdankte, hatten ihn auf den Knien gebeten, daß er
ihnen nicht befehlen möchte, die Gesetze Gottes und des Landes zu
verletzen. Ihre bescheidene Bittschrift war als ein aufrührerisches
Libell betrachtet worden. Sie waren hart angelassen, bedroht, ins
Gefängniß geworfen, gerichtlich verfolgt worden und waren mit genauer
Noth dem gänzlichen Verderben entronnen. Jetzt endlich begann die
Nation, da sie sah, daß das Recht durch die Macht mit Füßen getreten und
selbst Bitten als ein Verbrechen betrachtet wurden, auf den Gedanken zu
kommen, das Kriegsglück zu versuchen. Der Tyrann erfuhr, daß ein
bewaffneter Befreier zur Hand sei, der von Whigs und Tories, von
Dissenters und Anglikanern freudig begrüßt werden würde. Da wurde mit
einem Male Alles anders. Die nämliche Regierung, welche treue und
eifrige Dienste mit Beraubung und Verfolgung vergolten, die Regierung,
welche auf gewichtige Gründe und rührende Bitten nur mit Beleidigungen
und Schmähungen geantwortet hatte, wurde in einem Augenblicke merkwürdig
freundlich. Jede Nummer der Gazette brachte die Abstellung einer neuen
Beschwerde. Man sah es also deutlich, daß man sich auf die Billigkeit,
die Humanität und das verpfändete Wort des Königs nicht verlassen konnte
und daß er nur so lange gut regieren würde, als er gewaltsamen
Widerstand fürchtete. Seine Unterthanen waren daher durchaus nicht
geneigt, ihm ein Vertrauen wieder zu schenken, das er sich völlig
verscherzt hatte, oder den Druck zu lindern, der ihm die einzigen guten
Maßregeln seiner ganzen Regierung abgepreßt hatte. Die allgemeine
Ungeduld, mit der man die Ankunft der Holländer erwartete, nahm mit
jedem Tage zu. Das Volk verwünschte den Wind, der um diese Zeit
beharrlich aus dem Westen kam, die Flotte des Prinzen am Auslaufen
hinderte und zugleich immer neue Regimenter von Dublin nach Chester
brachte. Man sagte, es sei papistisches Wetter. In Cheapside standen
fortwährend Massen von Menschen, welche nach der Wetterfahne auf der
Spitze des schlanken Thurmes der Bowkirche blickten und den Himmel um
protestantischen Wind baten.[80]
Die allgemeine Stimmung wurde noch mehr erbittert durch einen Vorfall,
der zwar rein zufällig war, aber leicht erklärlicherweise der Perfidie
des Königs zugeschrieben wurde. Der Bischof von Winchester kündigte an,
daß er auf königlichen Befehl die vertriebenen Mitglieder des
Magdalenen-Collegiums wieder einzusetzen gedenke. Er bestimmte zu der
Feierlichkeit den 21. October und traf am 20. in Oxford ein. Die ganze
Universität war in erwartungsvoller Spannung. Die vertriebenen
Collegiaten waren aus allen Theilen des Landes herbeigekommen, um ihre
geliebte Heimath wieder in Besitz zu nehmen. Dreihundert berittene
Gentlemen geleiteten den Visitator nach seiner Wohnung. Während seines
Zuges durch die Stadt, gingen alle Glocken und High Street war mit einer
jubelnden Zuschauermenge gefüllt. Er begab sich zur Ruhe. Am andren
Morgen versammelte sich eine freudig bewegte Menge an den Eingängen des
Magdalenen-Collegiums; aber der Bischof erschien nicht. Bald erfuhr man,
daß er durch einen königlichen Boten aus dem Schlafe geweckt und
aufgefordert worden war, unverzüglich nach Whitehall zu kommen. Diese
rücksichtslose Täuschung erregte große Verwunderung und Angst; in
einigen Stunden aber trafen Nachrichten ein, welche Gemüthern, die nicht
ohne Grund das Schlimmste zu glauben geneigt waren, die Sinnesänderung
des Königs genügend zu erklären schienen. Die holländische Flotte war
ausgelaufen, aber durch einen Sturm zurückgetrieben worden. Das Gerücht
vergrößerte den Unfall. Eine Menge Schiffe sollten zu Grunde gegangen
und tausende von Pferden umgekommen sein. Jeder Gedanke an ein
Unternehmen gegen England müsse, wenigstens für dieses Jahr aufgegeben
werden. Hier mache die Nation wieder eine schöne Erfahrung. So lange
Jakob einen nahe bevorstehenden Einfall und Aufstand erwartet, habe er
Befehl zur Wiedereinsetzung Derer gegeben, die er gesetzwidrig beraubt;
sobald er sich aber wieder für sicher gehalten habe, sei dieser Befehl
widerrufen worden. Obgleich diese Beschuldigung damals allgemein
geglaubt und später von Schriftstellern wiederholt wurde, welche hätten
gut unterrichtet sein können, war sie doch völlig ungegründet. Es ist
erwiesen, daß die Nachricht von dem Mißgeschick der holländischen Flotte
auf keinem Wege früher nach Westminster gelangen konnte, als einige
Stunden nachdem der Bischof von Winchester den Befehl erhalten hatte,
der ihn von Oxford zurückrief. Der König hatte jedoch wenig Recht, sich
über den Argwohn seines Volkes zu beschweren. Es war lediglich seine
Schuld, wenn es zuweilen ohne genaue Untersuchung der Beweise etwas
seiner unehrlichen Politik zuschrieb, was in Wirklichkeit nur Folge
eines Zufalls oder eines Versehens war. Daß Leute, welche
gewohnheitsmäßig ihr Wort brechen, auch dann keinen Glauben finden, wenn
sie es einmal wirklich zu halten gedenken, ist ein Theil ihrer gerechten
und natürlichen Strafe.[81]
Es ist bemerkenswerth, daß Jakob sich bei dieser Gelegenheit eine
unverdiente Beschuldigung lediglich durch das eifrige Bestreben zuzog,
sich von einer andren eben so unverdienten zu reinigen. Der Bischof war
so eilig von Oxford zurückberufen worden, um einer außerordentlichen
Staatsrathssitzung, oder vielmehr einer nach Whitehall berufenen
Versammlung von Notablen beizuwohnen. Außer den wirklichen Mitgliedern
des Geheimen Raths nahmen an dieser feierlichen Sitzung alle geistlichen
und weltlichen Lords Theil, welche zufällig in der Hauptstadt oder doch
in der Nähe derselben waren, außerdem die Richter, die Kronanwälte, der
Lordmayor und die Aldermen von London. Petre hatte den Wink bekommen, er
werde wohl daran thun, wenn er wegbliebe. Es würden auch in der That
wenige Peers Lust gehabt haben, neben ihm zu sitzen. In der Nähe des
obersten Sitzes war ein Staatssessel für die Königin Wittwe bereit
gestellt. Auch die Prinzessin Anna war zur Theilnahme an der Sitzung
eingeladen worden, hatte sich aber mit Unwohlsein entschuldigt.
[Anmerkung 80: +»Vento Papista«+, sagt Adda unterm 24. Oct. (3.
Nov.) 1688. Der Ausdruck »protestantischer Wind« scheint zuerst
auf den Wind angewendet worden zu sein, welcher Tyrconnel eine
Zeitlang verhinderte, seine Statthalterschaft in Irland
anzutreten. Siehe den ersten Theil des »Lillibullero.«]
[Anmerkung 81: Alle hierauf bezüglichen Beweise sind in Howell's
Ausgabe der Staatsprozesse zusammengestellt.]
[_Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt des Prinzen
von Wales vorgelegt._] Jakob sagte dieser zahlreichen Versammlung, daß
er es für nöthig halte, Beweise für die Geburt seines Sohnes
beizubringen. Die Einflüsterungen böser Menschen hätten die öffentliche
Meinung in einer solchen Ausdehnung vergiftet, daß Viele den Prinzen von
Wales für ein untergeschobenes Kind hielten. Die Vorsehung aber habe es
mit weiser Hand gefügt, daß kaum je ein andrer Prinz in Anwesenheit so
vieler Augenzeugen zur Welt gekommen sei. Diese Zeugen traten nun auf
und gaben ihre Aussagen ab. Nachdem sie sämmtlich zu Protokoll genommen
waren, erklärte Jakob mit großer Feierlichkeit, daß die ihm zur Last
gelegte Beschuldigung durchaus falsch sei und daß er lieber einen
tausendfachen Tod sterben als einem seiner Kinder Unrecht thun würde.
Alle Anwesenden schienen befriedigt zu sein. Die Zeugenaussagen wurden
sogleich veröffentlicht und einsichtsvolle und unparteiische Personen
erkannten die Glaubwürdigkeit derselben an.[82] Aber die Verständigen
bilden immer eine Minorität, und unparteiisch war damals kaum irgend
Jemand. Die ganze Nation war überzeugt, daß jeder aufrichtige Papist es
für seine Pflicht hielt, einen falschen Eid zu schwören, wenn er dadurch
dem Interesse seiner Kirche diente, und Leute, welche ursprünglich
Protestanten, um des Gewinnes willen aber scheinbar zum Papismus
übergetreten waren, verdienten womöglich noch weniger Glauben als
aufrichtige Papisten. Die Aussagen aller Derjenigen, welche diesen
beiden Klassen angehörten, wurden daher von vornherein als null und
nichtig betrachtet, und dadurch wurde das Gewicht des Beweises, von dem
sich Jakob viel versprochen hatte, bedeutend verringert. Was übrig blieb
wurde boshaft bekrittelt. Gegen jeden der protestantischen Zeugen,
welche etwas Wesentliches ausgesagt, hatte man etwas einzuwenden. Der
Eine war notorisch ein habgieriger Schmarotzer; der Andre hatte zwar
seinen Glauben nicht abgeschworen, war aber nahe verwandt mit einem
Apostaten. Die Leute fragten, wie sie von Anfang an gefragt hatten,
warum, wenn Alles mit rechten Dingen zugegangen sei, der König nicht
dafür gesorgt habe, daß die Geburt genügender bewiesen werden könne, da
er doch gewußt habe, daß Viele an der wirklichen Schwangerschaft der
Königin zweifelten? Lag etwa nichts Verdächtiges in der falschen
Berechnung der Zeit, sowie in der Abwesenheit der Prinzessin Anna und
des Erzbischofs von Canterbury? Warum war kein Prälat der Landeskirche
anwesend? Warum war der holländische Gesandte nicht zugezogen worden?
Warum vor Allem hatten die Hyde, diese loyalen Diener der Krone, diese
treuen Söhne der Kirche und natürlichen Wächter der Interessen ihrer
Nichten, sich nicht unter den Schwarm von Papisten mischen dürfen,
welcher in und neben dem Schlafgemache der Königin versammelt war? Warum
mit einem Worte befand sich in der langen Liste der Anwesenden nicht ein
einziger Name, der das Vertrauen und die Achtung des Publikums genoß?
Die wahre Antwort auf diese Fragen war, daß der König einen beschränkten
Verstand und einen despotischen Character besaß und daß er mit Freuden
eine Gelegenheit ergriffen hatte, um seine Geringschätzung der Meinung
seiner Unterthanen an den Tag zu legen. Der große Haufe aber, dem diese
Erklärung nicht genügte, schrieb das, was lediglich die Wirkung von
Thorheit und Verkehrtheit war, einer vorsätzlichen bösen Absicht zu. Und
diese Meinung beschränkte sich nicht allein auf den großen Haufen. Lady
Anna sprach am Morgen nach der Staatsrathssitzung bei ihrer Toilette so
höhnisch von den Zeugenaussagen, daß selbst die Kammerfrauen, welche sie
ankleideten, sich Scherze darüber erlaubten. Einige von den Lords,
welche in der Sitzung zugegen gewesen waren und befriedigt zu sein
schienen, waren in der That keineswegs überzeugt. Lloyd, Bischof von St.
Asaph, dessen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit allgemeine Achtung gebot,
glaubte bis ans Ende seines Lebens, daß ein Betrug gespielt worden sei.
[Anmerkung 82: Sie finden sich mit ausführlichen Erläuterungen in
Howell's Ausgabe der Staatsprozesse.]
[_Sunderland's Ungnade._] Die vor dem Geheimen Rathe abgegebenen
Zeugenaussagen waren erst wenige Stunden in den Händen des Publikums,
als sich das Gerücht verbreitete, daß Sunderland aller seiner Stellen
entsetzt worden sei. Die Nachricht von seiner Ungnade scheint die
Kaffeehauspolitiker überrascht zu haben, kam aber Denen, welche die
Vorgänge im Palaste beobachtet hatten, nicht unerwartet. Verrath hatte
man weder durch rechtlichen noch durch greifbaren Beweis auf ihn bringen
können; Diejenigen aber, die ihn scharf im Auge hielten, hatten ihn
stark in dem Verdachte, daß er auf diesem oder jenem Wege mit den
Feinden der Regierung, bei der er eine so hohe Stellung einnahm,
Verbindungen unterhielt. Mit frecher Stirn wünschte er alles zeitliche
und ewige Verderben auf sich herab, wenn er schuldig sei. Er betheuerte,
sein einziger Fehler bestehe darin, daß er der Krone zu eifrig gedient
habe. Habe er der königlichen Sache nicht Bürgschaften gegeben? Habe er
nicht jede Brücke abgebrochen, über die er im Fall eines Unglücks seinen
Rückzug hätte bewerkstelligen können? Habe er nicht fortwährend das
Dispensationsrecht aufs äußerste vertheidigt, in der Hohen Commission
gesessen, den Verhaftsbefehl gegen die Bischöfe unterzeichnet und sei er
nicht mit eigner Lebensgefahr unter dem Gezisch und den Verwünschungen
der Tausende, welche damals Westminsterhall füllten, als Zeuge gegen sie
aufgetreten? Habe er nicht den glänzendsten Beweis von seiner Treue
gegeben, indem er seinem Glauben entsagt und öffentlich zu einer der
Nation verhaßten Kirche übergetreten sei? Was habe er von einer
Veränderung zu hoffen? Habe er nicht Alles zu fürchten? So plausible
diese Gründe waren und obgleich sie mit der schlauesten Gewandtheit
hervorgehoben wurden, sie vermochten den Eindruck, der von hundert
verschiedenen Seiten gleichzeitig aufgetauchten Einflüsterungen und
Gerüchte nicht zu verwischen. Der König wurde von Tag zu Tag kälter.
Sunderland versuchte es nun, sich an die Königin anzulehnen, erlangte
auch eine Audienz bei Ihrer Majestät und befand sich gerade in ihrem
Zimmer, als Middleton eintrat und ihm auf Befehl des Königs die Siegel
abverlangte. An diesem Abend hatte der gefallene Minister die letzte
Privatunterredung mit dem Fürsten, dem er geschmeichelt und den er
hintergangen hatte. Die Unterredung war höchst merkwürdig. Sunderland
spielte den verleumdeten Tugendhelden mit seltener Vollendung. Er sagte,
er bedaure den Verlust des Staatssekretariats und der Präsidentschaft im
Geheimen Rathe nicht, wenn ihm nur die Achtung seines Herrn und
Gebieters bliebe. »Machen Sie mich nicht zum unglücklichsten Unterthan
Ihres Reichs, Sire, indem Sie mir die Erklärung verweigern, daß Sie mich
von Illoyalität freisprechen.« Der König wußte nicht was er denken
sollte. Ein bestimmter Schuldbeweis lag nicht vor und die Energie und
der Pathos, womit Sunderland log, hätte einen schärferen Verstand als
der war, mit dem er es zu thun hatte, täuschen können. Bei der
französischen Gesandtschaft fanden seine Versicherungen noch immer
Glauben. Dort erklärte er, daß er noch einige Tage in London bleiben und
sich am Hofe zeigen werde; dann wolle er sich auf seinen Landsitz in
Althorpe zurückziehen und seinen zerrütteten Finanzen durch Sparsamkeit
wieder aufzuhelfen suchen. Sollte eine Revolution ausbrechen, so müsse
er nach Frankreich flüchten; seine schlecht vergoltene Loyalität lasse
ihm keine andre Zufluchtsstätte übrig.[83]
Die Sunderland abgenommenen Staatssiegel wurden Preston übergeben.
Dieselbe Nummer der Gazette, welche diesen Ministerwechsel ankündigte,
enthielt auch die officielle Nachricht von dem Unfalle, der die
holländische Flotte betroffen.[84] Dieser Unfall war zwar ernster Art,
aber doch bei weitem nicht so schlimm, als der König und seine wenigen
durch ihre Wünsche irregeleiteten Anhänger zu glauben geneigt waren.
[Anmerkung 83: Barillon, 8.(18.), 15.(25.), 18.(28.) Oct., 25.
Oct. (4. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.), 29. Oct. (8. Nov.) 1688; Adda,
26. Oct. (5. Nov.).]
[Anmerkung 84: +London Gazette, Oct. 29. 1688+.]
[_Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten._] Am 16.
October nach englischer Zeitrechnung wurde eine feierliche Sitzung der
Staaten von Holland gehalten. Der Prinz erschien, um von ihnen Abschied
zu nehmen. Er dankte ihnen für die freundliche Fürsorge, mit der sie
über ihn gewacht, als er eine verlassene Waise gewesen, für das
Vertrauen, das sie ihm während seiner Verwaltung geschenkt und für den
Beistand, den sie ihm in dieser wichtigen Krisis gewährt hätten. Er bat
sie überzeugt zu sein, daß er das Wohl seines Vaterlandes stets im Auge
gehabt und es zu fördern gesucht habe. Er verlasse sie jetzt vielleicht
auf immer. Wenn er im Kampfe für den reformirten Glauben und für die
Unabhängigkeit Europa's fallen sollte, so empfehle er sein geliebtes
Weib ihrer Fürsorge. Der Großpensionair antwortete mit gebrochener
Stimme und kein Mitglied des ernsten Senates konnte sich der Thränen
enthalten. Aber Wilhelm's eiserner Stoicismus verleugnete sich nie; er
stand ruhig und ernst unter seinen weinenden Freunden, als ob er sie nur
zu einem kurzen Ausfluge nach seinen Jagdgründen bei Loo hätte verlassen
wollen.[85]
Die Deputirten der vornehmsten Städte begleiteten ihn bis zu seiner
Yacht. Selbst die Vertreter von Amsterdam, das so lange der Hauptsitz
der Opposition gegen seine Verwaltung gewesen war, schlossen sich dieser
Höflichkeitsbezeigung an. In allen Kirchen des Haags wurden an diesem
Tage öffentliche Gebete für ihn gehalten.
[Anmerkung 85: Protokolle der Staaten von Holland und
Westfriesland; +Burnet, I. 782+.]
[_Er schifft sich ein und segelt ab._] Am Abend kam er in Helvoetsluys
an und begab sich an Bord einer Fregatte, die »Brill« genannt.
Unmittelbar darauf wurde seine Flagge aufgehißt. Sie zeigte das Wappen
des Hauses Nassau, verbunden mit dem englischen. Die in drei Fuß hohen
Buchstaben eingestickte Devise war glücklich gewählt. Das Haus Oranien
führte seit langer Zeit die elliptische Devise: »Ich werde
aufrechterhalten« (+Je maintiendrai+); der fehlende Nachsatz wurde jetzt
durch die Worte ergänzt: »Die Freiheiten Englands und die
protestantische Religion.«
[_Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen._] Der Prinz befand sich kaum
einige Stunden an Bord, so wurde der Wind günstig. Am neunzehnten stach
die Flotte in See und legte vor einer steifen Brise ungefähr den halben
Weg zwischen den Küsten Hollands und Englands zurück. Plötzlich aber
sprang der Wind um, blies stark aus Westen und schwoll zu einem heftigen
Sturme an. Die zerstreuten Schiffe erreichten mit genauer Noth die
holländische Küste wieder. Die »Brill« langte am einundzwanzigsten vor
Helvoetsluys an. Die Schiffsgenossen des Prinzen hatten mit Bewunderung
bemerkt, daß weder Gefahr noch Mißgeschick nur einen Augenblick seine
ernste Ruhe gestört hatten. Obgleich er seekrank war, weigerte er sich
doch ans Land zu gehen, denn er sah ein, daß sein Bleiben an Bord Europa
am deutlichsten zeigen werde, daß der ihn betroffene Unfall die
Ausführung seines Vorhabens nur um kurze Zeit verzögern könne. In
einigen Tagen war die Flotte wieder beisammen. Ein einziges Schiff war
gescheitert, aber nicht ein Soldat oder Matrose wurde vermißt. Nur
einige Pferde waren umgekommen, aber diesen Verlust ersetzte der Prinz
auf der Stelle wieder und noch ehe die London Gazette die Nachricht von
seinem Unfalle verbreitet hatte, war er schon wieder segelfertig.[86]
[Anmerkung 86: +London Gazette, Oct. 29. 1688+; +Burnet, I. 782+;
Bentinck an seine Gattin, 21.(31.) Oct., 22. Oct.(1. Nov.), 24.
Oct. (3. Nov.), 27. Oct. (6. Nov.) 1688.]