und die Verachtung der ganzen Nation zugezogen, so erfuhr er, daß die
bürgerliche und kirchliche Verfassung Englands demnächst durch fremde
und einheimische Waffen vertheidigt werden sollte. Von diesem
Augenblicke an scheinen alle seine Pläne eine Umgestaltung erfahren zu
haben. Angst und Furcht drückten ihn gänzlich darnieder und sprachen so
deutlich aus seinen Gesichtszügen, daß Jedermann sie auf den ersten
Blick darin lesen konnte.[50] Es unterlag kaum einem Zweifel, daß im
Falle einer Revolution die den Thron umgebenden bösen Rathgeber zu
strenger Rechenschaft gezogen werden würden, und er stand unter diesen
bösen Rathgebern obenan. Der Verlust seiner Stellen, seiner Gehalte und
seiner Pensionen war das Geringste, was er zu fürchten hatte. Sein
Stammschloß Althorpe mit seinen großen Waldungen konnte confiscirt
werden. Er konnte viele Jahre im Gefängniß schmachten oder sein Leben in
fremdem Lande als Pensionair der Freigebigkeit Frankreichs beschließen
müssen. Und selbst dies war noch nicht das Schlimmste. Der unglückliche
Staatsmann begann von schrecklichen Visionen verfolgt zu werden; er sah
im Geiste Towerhill mit einer zahllosen Menschenmenge bedeckt, die beim
Anblicke des Apostaten in ein wildes Jubelgeschrei ausbrach, er sah ein
schwarz behangenes Schaffot, er sah Burnet, der das Sterbegebet für ihn
las, und Ketch, auf das Beil gestützt, mit welchem Russell und Monmouth
in so grauenvoller Weise abgeschlachtet worden waren. Wohl gab es noch
einen Ausweg, durch den er sich retten konnte, aber dieser Weg würde
einem edlen Character noch viel schrecklicher gewesen sein, als ein
Kerker oder das Schaffot. Er konnte sich durch einen rechtzeitigen und
nützlichen Verrath von den Feinden der Regierung Verzeihung erwirken. Es
stand in seiner Macht, ihnen in jenem Augenblicke unschätzbare Dienste
zu leisten, denn der König befolgte stets seinen Rath, er hatte großen
Einfluß auf die jesuitische Cabale, und der französische Gesandte
schenkte ihm blindes Vertrauen. An einer des Zweckes, dem sie dienen
sollte, würdigen Vermittlerin fehlte es ihm nicht. Die Gräfin von
Sunderland war ein schlaues Weib, die unter einem Schein von
Frömmigkeit, durch welchen sich viele erfahrene Männer täuschen ließen,
mit großer Thätigkeit verliebte und politische Intriguen betrieb.[51]
Der schöne und leichtfertige Heinrich Sidney war seit geraumer Zeit ihr
begünstigter Anbeter, und ihrem Gatten war es ganz angenehm, sie auf
diese Weise mit dem Hofe im Haag verbunden zu sehen. Wenn er eine
geheime Botschaft nach Holland befördern wollte, sprach er mit seiner
Gattin darüber, diese schrieb an Sidney, und Sidney theilte ihren Brief
dem Prinzen Wilhelm mit. Ein derartiges Schreiben wurde aufgefangen und
Jakob hinterbracht. Sie behauptete keck, es sei gefälscht, und ihr Gatte
vertheidigte sich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit, indem er dem
Könige vorstellte, es sei unmöglich, daß irgend ein Mensch so schlecht
sein könne, das zu thun, was er gleichwohl fortwährend that. »Selbst
wenn dies wirklich Lady Sunderland's Hand wäre,« sagte er, »so würde ich
doch nichts damit zu thun haben. Eure Majestät kennt mein häusliches
Mißgeschick. Es ist nur zu bekannt, auf welchem Fuße meine Frau mit
Sidney steht. Wer könnte glauben, daß ich einen Mann zu meinem
Vertrauten machen werde, der meine Ehre an der empfindlichsten Seite
gekränkt hat, den Mann, den ich von Allen am meisten hassen muß?«[52]
Diese Vertheidigung wurde für genügend erachtet und nach wie vor gingen
geheime Nachrichten von dem wissentlich betrogenen Gatten an die
Ehebrecherin, von der Ehebrecherin an den Galan und von dem Galan an die
Feinde Jakob's.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß Wilhelm um die Mitte des August die
ersten bestimmten Versicherungen von Sunderland's Unterstützung mündlich
durch Sidney erhielt. Gewiß ist soviel, daß von dieser Zeit an bis zu
dem Augenblicke, wo die Expedition zum Absegeln bereit war, eine
lebhafte Correspondenz zwischen der Gräfin und ihrem Geliebten
unterhalten wurde. Einige von ihren Briefen, welche zum Theil in
Chiffersprache geschrieben waren, sind noch vorhanden. Sie enthalten
Versicherungen von Geneigtheit und Dienstversprechungen nebst dringenden
Bitten um Schutz. Die Schreiberin giebt zu verstehen, daß ihr Gatte
Alles thun werde, was seine Freunde im Haag nur wünschen könnten; sie
hält es für nöthig, daß er auf einige Zeit ins Exil geht, aber sie
hofft, daß seine Verbannung nicht ewig dauern und daß ihm sein Erbgut
erhalten bleiben werde und bittet angelegentlich um Bezeichnung eines
passenden Ortes, wohin er sich zurückziehen könne, bis die erste Wuth
des Sturmes sich gelegt haben würde.[53]
[Anmerkung 48: +London Gazette, April 25. 28. 1687+.]
[Anmerkung 49: +Secret Consults of the Romish Party in Ireland+.
Diese Mittheilung wird durch eine Stelle in einem Schreiben von
Bonrepaux an Seignelay vom 12.(22.) Sept. 1687 bestätigt. +»Il
(Sunderland) amassera beaucoup d'argent, le roi son maître lui
donnant la plus grande partie de celui qui provient des
confiscations ou des accommodemens que ceux qui ont encourû des
peines font pour obtenir leur grace.«+]
[Anmerkung 50: Adda sagt in einer Depesche vom 26. Oct. (5. Nov.)
1688, daß man Sunderland seine Angst angesehen habe.]
[Anmerkung 51: Vergleiche Evelyn's Mittheilungen über sie mit dem,
was die Prinzessin von Dänemark von ihr nach dem Haag schrieb, und
mit ihren eigenen Briefen an Heinrich Sidney.]
[Anmerkung 52: Bonrepaux an Seignelay, 11.(21.) Juli 1688.]
[Anmerkung 53: Siehe ihre Briefe in Sidney's unlängst erschienenem
Tagebuche und Correspondenz. Fox bezeichnet in seiner Ausgabe der
Depeschen von Barillon den 30. August n. St. 1688 als den
Zeitpunkt, von welchem an Sunderland ganz bestimmt ein falsches
Spiel spielte.]
[_Wilhelm's Befürchtungen._] Der Beistand Sunderland's war höchst
willkommen. Denn je näher der für den großen Schlag bestimmte Zeitpunkt
heranrückte, um so mehr nahm Wilhelm's ängstliche Besorgniß zu. Vor
gewöhnlichen Blicken verbarg er seine Gefühle hinter der eiskalten Ruhe
seines Benehmens; Bentinck aber öffnete er sein ganzes Herz. Die
Vorbereitungen waren noch nicht ganz vollendet, der Plan wurde schon
geahnet und konnte nicht länger verborgen werden. Der König von
Frankreich oder die Stadt Amsterdam konnten noch immer das ganze
Unternehmen vereiteln. Wenn Ludwig eine bedeutende Truppenmacht nach
Brabant schickte, wenn die Partei, welche den Statthalter haßte, das
Haupt erhob, so war Alles vorbei. »Meine Angst und meine Besorgniß,«
schrieb der Prinz, »sind furchtbar. Ich weiß kaum mehr was ich thue.
Noch nie in meinem Leben fühlte ich so stark das Bedürfniß der
göttlichen Leitung.«[54] Bentinck's Gemahlin war um diese Zeit
gefährlich krank, und beide Freunde ängstigten sich sehr um sie. »Gott
halte Sie aufrecht,« schrieb Wilhelm, »und gebe Ihnen die Kraft, Ihren
Theil bei einem Werke zu verrichten, von welchem, soweit Menschen es
beurtheilen können, das Wohl seiner Kirche abhängt.«[55]
[Anmerkung 54: 19.(29.) August 1688.]
[Anmerkung 55: 4.(14.) Sept. 1688.]
[_Jakob wird gewarnt._] Es war in der That unmöglich, daß ein so
umfassender Plan, wie der gegen den König von England entworfene war,
viele Wochen lang geheim bleiben konnte. Keine Vorsicht konnte es
verhindern, daß scharfblickende Leute Wilhelm's großartige
Kriegsrüstungen zu Lande und zur See bemerkten und den Zweck dieser
Rüstungen ahneten. Schon Anfang August raunte man einander in London zu,
daß ein großes Ereigniß im Anzuge sei. Der schwache und bestochene
Albeville, der sich damals zu Besuch in England befand, war überzeugt
oder stellte sich wenigstens so, daß die holländische Regierung keine
feindlichen Absichten gegen England hege. Aber während Albeville's
Abwesenheit versah Avaux mit ausgezeichneter Umsicht die Geschäfte eines
französischen und englischen Gesandten zugleich bei den Generalstaaten
und lieferte sowohl Barillon als auch Ludwig ausführliche Nachrichten.
Avaux war fest überzeugt, daß eine Landung in England beabsichtigt
wurde, und es gelang ihm, seinem Gebieter die Richtigkeit dieser
Vermuthung vollkommen einleuchtend zu machen. Jeder Courier, der
entweder vom Haag oder von Versailles nach Westminster kam, brachte
ernste Warnungen mit.[56] Jakob aber war in einer Täuschung befangen,
in der er allem Anscheine nach von Sunderland geschickt erhalten wurde.
Der Prinz von Oranien, sagte der schlaue Minister, werde es nie
wagen, eine überseeische Expedition zu unternehmen und Holland von
Vertheidigungsmitteln zu entblößen. Die Generalstaaten würden sich in
Erinnerung dessen, was sie während des furchtbaren Kampfes von 1672
gelitten und zu fürchten gehabt hätten, gewiß nicht der Gefahr
aussetzen, wieder ein feindliches Heer auf der Ebene zwischen Utrecht
und Amsterdam lagern zu sehen. Es herrsche allerdings große
Unzufriedenheit in England, aber zwischen Unzufriedenheit und Rebellion
liege noch eine große Kluft. Männer von Rang und Vermögen seien nicht so
leicht zu bewegen, ihre Stellung, ihr Eigenthum und ihr Leben auf's
Spiel zu setzen. Wie viele hochstehende Whigs hätten zu der Zeit, als
Monmouth in den Niederlanden war, eine übermüthige Sprache geführt! Und
welcher hochstehende Whig habe sich ihm angeschlossen, als er sein
Banner aufgepflanzt? Es sei leicht erklärlich, warum Ludwig sich
stellte, als ob er diesen leeren Gerüchten Glauben schenke. Er hoffte
ohne Zweifel, den König von England durch Ängstigung zu bestimmen, daß
er in dem kölner Streite auf die Seite Frankreichs trat. Durch solche
Argumente ließ Jakob sich leicht in eine stupide Sicherheit wiegen.[57]
Ludwig's Angst und Unwille nahm dagegen mit jedem Tage zu und der Ton
seiner Briefe wurde immer schärfer und heftiger.[58] Er sagte, er könne
diese Gleichgültigkeit am Vorabende einer großen Krisis nicht begreifen.
Sei denn der König behext? Seien seine Minister blind? Sei es möglich,
daß Niemand in Whitehall merkte, was in England und auf dem Continent
vorging? Eine so thörichte Sicherheit könne doch kaum die Wirkung bloßer
Unvorsichtigkeit sein, dahinter müsse absichtliche Täuschung stecken,
Jakob müsse offenbar in treulosen Händen sein. Barillon wurde dringend
ermahnt, den englischen Ministern nicht vollkommen zu trauen; aber alle
Ermahnungen waren umsonst. Ihn sowohl als Jakob hatte Sunderland mit
einem Zauber umsponnen, den keine Ermahnungen zerstören konnten.
[Anmerkung 56: Avaux 19.(29.) Juni; 31. Juli (10. Aug,), 11.(21.)
Aug. 1688; Ludwig an Barillon, 2.(12.), 16.(26.) Aug.]
[Anmerkung 57: Barillon 20.(30.) Aug., 23. Aug. (2. Sept.) 1688;
Adda, 24. Aug. (3. Sept.); +Clarke's Life of James the Second, II.
177. Orig. Mem.+]
[Anmerkung 58: Ludwig an Barillon, 3.(13.), 8.(18.), 11.(21.)
Sept. 1688.]
[_Ludwig's Bemühungen, um Jakob zu retten._] Ludwig regte sich
nachdrücklich. Bonrepaux, welcher Barillon an Schlauheit weit überlegen
war und der Sunderland stets mit feindseligem und argwöhnischem Blicke
betrachtet hatte, wurde mit dem Anerbieten einer Unterstützung durch
Schiffe nach London gesandt. Zu gleicher Zeit erhielt Avaux Auftrag, den
Generalstaaten zu erklären, daß Frankreich den König Jakob unter seinen
Schutz genommen habe. Ein starkes Truppencorps wurde zum Aufbruch nach
der holländischen Grenze bereit gehalten. Dieser kühne Versuch, den
verblendeten Tyrannen wider seinen Willen zu retten, wurde im vollen
Einverständniß mit Skelton gemacht, der jetzt Gesandter England's am
Hofe von Versailles war.
Avaux verlangte seinen Instructionen gemäß eine Audienz bei den
Generalstaaten, die ihm bereitwillig zugestanden wurde. Die Versammlung
war ungewöhnlich zahlreich. Man glaubte allgemein, daß er eine Eröffnung
in Bezug auf den Handel machen werde, und der Präsident hatte sich mit
einer in dieser Voraussetzung entworfenen Antwort versehen. Sobald aber
Avaux sich seines Auftrags zu entledigen begann, äußerten sich
unverkennbare Zeichen von Mißbehagen. Diejenigen, von denen man glaubte,
daß sie das Vertrauen des Prinzen von Oranien genossen, schlugen die
Augen nieder. Die Aufregung nahm zu, als der Gesandte ankündigte, daß
sein Gebieter durch die engsten Bande der Freundschaft und Allianz mit
Seiner Großbritannischen Majestät verbunden sei und daß jeder Angriff
auf England als eine Kriegserklärung gegen Frankreich betrachtet werden
würde. Der völlig unvorbereitete Präsident stammelte einige ausweichende
Phrasen hervor und die Conferenz war zu Ende. Zu gleicher Zeit war den
Staaten angekündigt worden, daß Ludwig den Cardinal Fürstenberg und das
kölner Domkapitel unter seinen Schutz genommen habe.[59]
Die Deputirten waren in der größten Bestürzung. Einige empfahlen
Vorsicht und Aufschub. Andere athmeten nichts als Krieg. Fagel sprach
mit Heftigkeit von der französischen Anmaßung und bat seine Collegen
dringend, sich durch Drohungen nicht einschüchtern zu lassen. Er sagte,
die passende Antwort auf eine solche Mittheilung sei die Verstärkung des
Heeres und die Ausrüstung neuer Schiffe. Es wurde augenblicklich ein
Courier abgesandt, um Wilhelm von Minden zu holen, wo er eine wichtige
Besprechung mit dem Kurfürsten von Brandenburg hatte.
[Anmerkung 59: Avaux, 23. August (2. Sept.), 30. Aug. (9. Sept.)
1688.]
[_Jakob vereitelt dieselben._] Doch man brauchte nicht ängstlich zu
sein. Jakob schien es darauf anzulegen, sich ins Verderben zu stürzen
und jeder Versuch ihn zurückzuhalten hatte keinen andren Erfolg, als daß
er dem Abgrunde nur noch rascher zueilte. Als sein Thron befestigt, als
sein Volk gehorsam war, als das dienstwilligste aller Parlamente sich
befleißigte, allen seinen billigen Wünschen entgegenzukommen, als
auswärtige Königreiche und Republiken mit einander wetteiferten, ihm zu
huldigen und zu schmeicheln, als es nur von ihm abhing, der
Schiedsrichter der Christenheit zu sein, hatte er sich zum Sklaven und
Söldlinge Frankreichs erniedrigt. Und jetzt, wo es ihm durch eine Reihe
von Verbrechen und Thorheiten gelungen war, sich seine Nachbarn, seine
Unterthanen, seine Soldaten, seine Seeleute und seine Kinder zu
entfremden, und wo ihm kein andrer Ausweg mehr blieb, als der
französische Schutz, bekam er plötzlich einen Anfall von Stolz und
beschloß seine Unabhängigkeit zu behaupten. Die Hülfe, die er zu einer
Zeit, wo er ihrer nicht bedurfte, mit schimpflichen Dankesthränen
angenommen hatte, wies er jetzt, wo er sie nicht entbehren konnte, mit
Verachtung zurück. Nachdem er sich zu einer Zeit, wo er viel eher mit
ängstlicher Sorgfalt auf die Wahrung seiner Würde hätte halten können,
erniedrigt hatte, wurde er undankbar hochmüthig in einem Augenblicke, wo
der Hochmuth ihm zu gleicher Zeit Hohn und Verderben zuziehen mußte. Er
fühlte sich beleidigt durch die freundschaftliche Hülfe, die ihn hätte
retten können. War je ein König so behandelt worden? War er ein Kind
oder ein Schwachkopf, daß Andere für ihn denken mußten? War er ein
Winkelfürst, ein Cardinal Fürstenberg, der fallen mußte, wenn nicht ein
mächtiger Beschützer ihn hielt? Sollte er sich durch einen prahlerischen
Schutz, um den er nie gebeten, sich in den Augen von ganz Europa
herabsetzen lassen? Skelton wurde zurückgerufen, um über sein Verfahren
Rechenschaft zu geben, und wurde sogleich nach seiner Ankunft in den
Tower gesperrt. Citters dagegen wurde in Whitehall gut aufgenommen und
er hatte eine lange Audienz. Er konnte mit mehr Wahrheit, als die
Diplomaten in solchen Fällen überhaupt für nöthig hielten, jede
feindselige Absicht auf Seiten der Generalstaaten leugnen. Denn die
Generalstaaten hatten bis jetzt noch keine öffentliche Kenntniß von
Wilhelm's Plane, und es war keineswegs unmöglich, daß sie selbst jetzt
noch demselben ihre Genehmigung vorenthielten. Jakob erklärte, daß er
den Gerüchten von einer holländischen Invasion nicht den geringsten
Glauben schenke und daß das Benehmen der französischen Regierung ihn
überrascht und verdrossen habe. Middleton erhielt die Weisung, allen
auswärtigen Gesandten zu versichern, daß kein solches Bündniß zwischen
Frankreich und England bestehe, wie der Hof von Versailles zu seinen
Zwecken vorgebe; dem Nuntius sagte der König, Ludwig's Absichten seien
mit Händen zu greifen, sollten aber vereitelt werden. Diese zudringliche
Protection sei zu gleicher Zeit eine Beleidigung und eine Schlinge.
»Mein guter Bruder,« sagte Jakob, »hat vortreffliche Eigenschaften; aber
Schmeichelei und Eitelkeit haben ihm den Kopf verrückt.«[60] Adda, dem
an Cöln mehr gelegen war, als an England, nährte diese sonderbare
Täuschung. Albeville, der jetzt wieder auf seinen Posten zurückgekehrt
war, erhielt Befehl, den Generalstaaten freundschaftliche Versicherungen
zu geben und einige hochtrabende Redensarten hinzuzusetzen, die sich in
dem Munde einer Elisabeth oder eines Oliver nicht übel ausgenommen haben
würden. »Mein Gebieter,« sagte er, »steht durch seine Macht und seinen
Muth hoch über der Stufe, die ihm Frankreich gern anweisen möchte. Es
ist ein kleiner Unterschied zwischen einem König von England und einem
Erzbischof von Cöln.« Bonrepaux wurde in Whitehall sehr kühl
aufgenommen. Die von ihm offerirte Unterstützung an Schiffen wurde zwar
nicht geradezu abgelehnt, aber er mußte wieder abreisen, ohne etwas
festgesetzt zu haben, und die Gesandten der Vereinigten Provinzen wie
des Hauses Österreich wurden benachrichtigt, daß seine Sendung dem
Könige unangenehm gewesen sei und zu keinem Resultate geführt habe. Nach
der Revolution rühmte sich Sunderland, und wahrscheinlich mit Recht, daß
er seinen Gebieter dazu bestimmt habe, die angebotene Unterstützung
Frankreichs zurückzuweisen.[61]
Die unvernünftige Thorheit Jakob's erregte natürlich den Unwillen seines
mächtigen Nachbars. Ludwig beklagte sich, daß die englische Regierung
ihn zum Dank für den größten Dienst, den er ihr hätte leisten können,
angesichts der ganzen Christenheit Lügen gestraft habe. Er bemerkte ganz
richtig, was Avaux in Betreff des Bündnisses zwischen Frankreich und
Großbritannien gesagt habe, sei wenn auch nicht dem Buchstaben nach,
doch im allgemeinen Sinne wahr. Es bestehe allerdings kein in
Paragraphen eingetheilter, unterschriebener, besiegelter und
ratificirter Vertrag, aber Zusicherungen, welche in den Augen von
Ehrenmännern für eben so heilig gälten als Verträge, wären seit mehreren
Jahren zwischen den beiden Höfen gewechselt worden. Ludwig setzte noch
hinzu, daß er, eine so hohe Stellung er auch in Europa einnehme, doch
nie so lächerlich eifersüchtig auf seine Würde sein werde, um in einer
durch die Freundschaft eingegebenen Handlung eine Beleidigung zu
erblicken. Jakob aber sei in einer ganz andren Lage und werde bald den
Werth des so unfreundlich zurückgewiesenen Beistandes schätzen
lernen.[62]
Trotz Jakob's Verblendung und Undankbarkeit würde Ludwig aber doch klug
gethan haben, wenn er auf dem den Generalstaaten angekündigten
Entschlusse beharrt hätte. Avaux, der in Folge seines Scharfblicks und
seines richtigen Urtheils ein Wilhelm's würdiger Gegner war, erkannte
das vollkommen. Das Bestreben der französischen Regierung -- so dachte
der kluge Gesandte -- müsse vor Allem dahin gehen, die beabsichtigte
Landung in England zu verhindern. Um diesen Zweck zu erreichen, müsse
man in die spanischen Niederlande einrücken und die batavischen Grenzen
bedrohen. Der Prinz von Oranien sei allerdings für seinen Lieblingsplan
so sehr eingenommen, daß er denselben ausführen werde, selbst wenn die
weiße Fahne schon auf den Wällen von Brüssel wehte, denn er hatte
wirklich gesagt, wenn die Spanier Ostende, Mons und Namur nur bis zum
nächsten Frühjahr halten könnten, so würde er dann mit einer Streitmacht
von England zurückkehren, welche alles Verlorne bald wieder erobern
werde. Allein dies sei wohl die Meinung des Prinzen, nicht aber die der
Generalstaaten. Diese würden es gewiß nicht so leicht zugeben, daß ihr
Oberbefehlshaber mit der Elite der Armee über die Nordsee fahre, während
ein gewaltiges Heer ihr eignes Gebiet bedrohte.[63]
[Anmerkung 60: +»Che l'adulazione e la vanità gli avevano tornato
il capo.«+ -- Adda, 31. Aug. (10. Sept.) 1688.]
[Anmerkung 61: Citters, 11.(21.) Sept. 1688; Avaux, 17.(27.)
Sept., 27. Sept. (7. Oct.); Barillon, 23. Sept. (3. Oct.);
Wagenaar, Buch 60; +Sunderland's Apology+. Es ist oft behauptet
worden, Jakob habe die Unterstützung eines französischen
Armeecorps abgelehnt. In Wirklichkeit aber wurde ihm eine solche
Unterstützung gar nicht angeboten. Die französischen Truppen
würden auch in der That Jakob viel mehr genützt haben, wenn sie
die holländischen Grenzen bedroht hätten, als wenn sie über den
Kanal gekommen wären.]
[Anmerkung 62: Ludwig an Barillon, 20.(30.) Sept. 1688.]
[Anmerkung 63: Avaux, 27. Sept. (7. Oct.), 4.(14.) Oct. 1688.]
[_Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein._] Ludwig gab die
Haltbarkeit dieser Gründe zu, aber er hatte sich schon zu einem andren
Verfahren entschieden. Vielleicht hatte ihn die Unhöflichkeit und
Verkehrtheit der englischen Regierung gereizt und er ließ sich zu seinem
Nachtheile von seiner aufgebrachten Stimmung leiten. Vielleicht war er
auch durch die Rathschläge seines Kriegsministers Louvois irregeführt,
der großen Einfluß hatte und Avaux nicht mit freundlichem Auge
betrachtete. Kurz, es wurde beschlossen, auf einer von Holland
entfernten Seite einen großen und unerwarteten Schlag zu führen. Ludwig
zog plötzlich seine Truppen aus Flandern und warf sie nach Deutschland.
Ein Armeecorps unter dem nominellen Commando des Dauphins, in Wahrheit
aber geleitet vom Herzoge von Duras und von Vauban, dem Vater der
Befestigungskunst, belagerte Philippsburg. Ein andres unter den Befehlen
des Marquis von Bouffiers nahm Worms, Mainz und Trier. Ein drittes unter
dem Marquis von Humieres, besetzte Bonn. Den ganzen Rhein hinunter, von
Karlsruhe bis Cöln waren die französischen Waffen siegreich. Die
Nachricht von der Einnahme von Philippsburg traf am Allerheiligentage in
Versailles ein, während der Hof gerade in der Kapelle den Gottesdienst
hörte. Der König winkte dem Prediger inne zu halten, kündigte der
Versammlung die frohe Botschaft an und kniete dann nieder, um Gott für
diesen großen Sieg zu danken. Die Anwesenden weinten vor Freude.[64] Die
Nachricht wurde von dem sanguinischen und leicht entzündlichen
französischen Volke mit Jubel begrüßt. Dichter besangen die Triumphe
ihres freigebigen Schutzherrn; Redner priesen auf der Kanzel die
Weisheit und Großmuth des ältesten Sohnes der Kirche. Das Tedeum wurde
mit ungewohntem Pomp gesungen und die feierlichen Töne der Orgel
vermischten sich mit dem Schalle der Cymbeln und dem Geschmetter der
Trompeten. Es war indessen wenig Ursache zur Freude vorhanden. Der große
Staatsmann, der an der Spitze der europäischen Coalition stand, lächelte
im Stillen über die nutzlose Kraftvergeudung seines Feindes. Ludwig
hatte zwar durch sein rasches Handeln einige Vortheile in Deutschland
errungen, aber diese Vortheile konnten ihm nur wenig nützen, wenn
England, nachdem es unter vier aufeinanderfolgenden Königen unthätig und
ruhmlos gewesen, plötzlich wieder seinen früheren Rang in Europa
einnahm. Wenige Wochen genügten zur Ausführung des Unternehmens, von dem
das Schicksal der ganzen Welt abhing, und für einige Wochen waren die
Vereinigten Provinzen noch in Sicherheit.
[Anmerkung 64: Frau von Sévigné, 24. Oct. (3. Nov.) 1688.]