Zwei Dinge waren es, in Bezug auf welche die Bevölkerung der Vereinigten

Provinzen besonders empfindlich war; die Religion und der Handel, und

der französische König griff sie sowohl in ihrer Religion als in ihrem

Handel an. Die Verfolgung der Hugenotten und die Widerrufung des Edicts

von Nantes hatte überall den Schmerz und die Entrüstung der Protestanten

erregt. In Holland aber waren tiefe Gefühle stärker als in irgend einem

andren Lande, denn viele geborne Holländer hatten sich im Vertrauen auf

die wiederholten feierlichen Versicherungen Ludwig's, daß die von seinem

Großvater gewährte Duldung aufrecht erhalten werden sollte, zu

Handelszwecken in Frankreich niedergelassen und ein großer Theil der

Übergesiedelten war daselbst naturalisirt worden. Jetzt brachte jede

Post die Nachricht nach Holland, daß diese Leute ihres Glaubens wegen

mit außerordentlicher Strenge behandelt würden. Dem Einen waren Dragoner

ins Quartier gelegt worden, ein Andrer war nackt an ein Feuer gehalten

worden, bis er halb gebraten war; und Allen war bei strengster Strafe

verboten, ihre gottesdienstlichen Gebräuche auszuüben, oder das Land zu

verlassen, in das sie unter falschen Vorspiegelungen gelockt worden

waren. Die Anhänger des Hauses Oranien äußerten laut ihren Unwillen über

die Grausamkeit und Treulosigkeit des Tyrannen. Die Opposition war

beschämt und entmuthigt. Selbst der Stadtrath von Amsterdam, so sehr

derselbe dem französischen Interesse und der arminianischen Theologie

zugethan, und so wenig er geneigt war, Ludwig zu tadeln oder mit den von

ihm verfolgten Calvinisten zu sympathisiren, durfte es nicht wagen, sich

gegen die allgemeine Stimmung aufzulehnen, denn es gab in dieser großen

Stadt kaum einen einzigen reichen Kaufmann, der nicht einen Verwandten

oder einen Freund unter den Verfolgten hatte. Es wurden den

Bürgermeistern Petitionen mit zahlreichen und sehr angesehenen

Unterschriften überreicht, in denen sie dringend gebeten wurden, dem

Grafen Avaux energische Vorstellungen zu machen. Verschiedene

Bittsteller begaben sich sogar persönlich in das Rathhaus, fielen auf

die Knie, schilderten unter Thränen und Schluchzen die traurige Lage

ihrer Lieben und flehten den Magistrat um seine Verwendung an. Auf allen

Kanzeln ertönten Schmähungen und Klagen, und die Presse ergoß sich in

herzzerreißenden Schilderungen und aufregenden Mahnungen. Avaux erkannte

die ganze Größe der Gefahr. Er berichtete seinem Hofe, daß selbst die

Gutgesinnten -- denn so pflegte er die Feinde des Hauses Oranien zu

nennen -- die allgemeine Stimmung entweder theilten oder durch dieselbe

eingeschüchtert würden, und er rieth ernstlich dazu, auf ihre Wünsche

einige Rücksicht zu nehmen. Er erhielt jedoch kalte und geringschätzende

Antworten von Versailles. Es wurde zwar einigen holländischen Familien,

welche nicht in Frankreich naturalisirt waren, die Rückkehr in ihr

Vaterland gestattet, den naturalisirten Holländern aber verweigerte

Ludwig jedes Zugeständniß. Keine Macht der Erde, sagte er, habe ein

Recht, zwischen ihn und seine Unterthanen zu treten; diese Leute wären

aus eigenem Antriebe seine Unterthanen geworden, und wie er sie

behandle, das gehe keinen Nachbarstaat etwas an. Der Magistrat von

Amsterdam fühlte sich durch den hochmüthigen Undank des Potentaten, den

er gegen die allgemeine Stimmung ihrer eigenen Landsleute kräftig und

rücksichtslos unterstützt hatte, natürlich sehr unangenehm berührt. Bald

folgte eine andre Herausforderung, die sie noch schmerzlicher empfanden.

Ludwig begann ihren Handel anzugreifen. Er erließ zuerst eine

Verordnung, welche die Heringseinfuhr in seine Staaten verbot. Avaux

beeilte sich seinem Hofe zu melden, daß dieser Schritt großen Unwillen

erregt habe, daß in den Vereinigten Provinzen sechzigtausend Menschen

vom Heringsfang lebten und daß die Generalstaaten wahrscheinlich strenge

Repressalien beschließen würden. Der König antwortete, daß er nicht nur

auf dem Verbot beharre, sondern auch die Einfuhrzölle auf viele Waaren,

mit denen Holland einen einträglichen Handel mit Frankreich trieb, zu

erhöhen beabsichtige. Die Folge dieser Mißgriffe, welche trotz

wiederholter Warnungen, wie es scheint aus bloßem übermüthigen Eigensinn

begangen wurden, war, daß sich jetzt, wo die Stimme eines einzelnen

mächtigen Mitgliedes der Batavischen Föderation ein der ganzen Politik

Ludwig's Verderben drohendes Ereigniß hätte abwenden können, eine solche

Stimme nicht erhob. Der Gesandte bemühte sich mit all' seiner

diplomatischen Gewandtheit vergebens, die Partei, mit deren Hülfe er

seit mehreren Jahren den Statthalter in Schach gehalten hatte, zu

ralliiren. Die Arroganz und der Starrsinn seines Gebieters vereitelten

alle seine Anstrengungen.

[_Fehler des Königs von Frankreich._] Endlich sah Avaux sich genöthigt,

die beunruhigende Nachricht nach Versailles zu senden, daß man sich auf

die der französischen Sache so lange ergeben gewesene Stadt Amsterdam

nicht mehr verlassen könne, daß ein Theil der Gutgesinnten um ihre

Religion besorgt sei und daß die Wenigen, deren Gesinnungen unverändert

geblieben wären, es nicht wagen dürften, ihre Gedanken zu äußern. Die

feurige Beredtsamkeit der Prediger, welche gegen die Greuel der

französischen Verfolgung eiferten und die Wehklagen der bankerottirten

Kaufleute, die ihren Untergang den französischen Maßregeln zuschrieben,

hatten das Volk in eine so gereizte Stimmung versetzt, daß kein Bürger

es mehr wagen durfte, sich offen für Frankreich zu erklären, wenn er

sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, in den nächsten Kanal geworfen

zu werden. Man erinnerte daran, daß vor nicht mehr als fünfzehn Jahren

das vornehmste Oberhaupt der dem Hause Oranien feindlich gesinnten

Partei im Bereiche des Palastes der Generalstaaten von dem wüthenden

Pöbel in Stücke zerrissen worden war. Ein gleiches Schicksal könnte

nicht unwahrscheinlich auch Diejenigen treffen, welche beschuldigt

werden sollten, daß sie in diesem kritischen Augenblicke den Absichten

Frankreichs gegen ihr Vaterland und gegen den reformirten Glauben

dienten.[40]

[Anmerkung 40: Siehe die Depeschen des Grafen Avaux. Es würde mir

kaum möglich sein, alle die Stellen anzuführen, welche mir

Material zu diesem Theile meiner Geschichte lieferten. Die

wichtigsten finden sich unter folgenden Daten: 20. Sept., 24.

Sept., 5. Oct. u. 20. Dec. 1685; 3. Jan. u. 22. Nov. 1686; 2.

Oct., 6. Nov. u. 19. Nov. 1687; 29. Juli u. 20. Aug. 1688. Lord

Lonsdale sagt in seinen Memoiren sehr richtig, daß ohne Ludwig's

thörichtes Verfahren die Stadt Amsterdam die Revolution verhindert

haben würde.]

[_Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte auswärtiger

Gesandter._] Während Ludwig auf diese Weise seine Freunde zwang, seine

wirklichen oder vorgeblichen Feinde zu werden, arbeitete er mit nicht

geringerem Erfolge darauf hin, alle Bedenken zu zerstreuen, welche die

römisch-katholischen Fürsten vielleicht noch hätten abhalten können, die

Pläne Wilhelm's zu unterstützen. Es hatte sich zwischen dem Hofe von

Versailles und dem Vatikan ein neuer Streit erhoben, ein Streit, in

welchem sich die Unbilligkeit und der Übermuth des Königs von Frankreich

vielleicht in beleidigenderer Weise zeigte, als bei irgend einem andren

Schritte seiner Regierung.

Seit langer Zeit hatte in Rom die Regel gegolten, daß kein Justiz- oder

Finanzbeamter das Haus eines Gesandten betreten durfte, der einen

katholischen Staat repräsentirte. Im Laufe der Zeit war dieses Vorrecht

so weit ausgedehnt worden, daß nicht nur die Wohnung, sondern auch ein

beträchtlicher Umkreis um dieselbe als unverletzbar betrachtet wurde.

Jeder Gesandte suchte eine Ehre darin, die Grenzen des unter seinem

Schutze stehenden Raumgebiets möglichst zu erweitern, so daß endlich die

halbe Stadt aus privilegirten Bezirken bestand, in denen die päpstliche

Regierung nicht mehr Gewalt hatte als im Louvre oder im Escurial. Jedes

Asyl wimmelte von Schleichhändlern, betrügerischen Bankerotteurs, Dieben

und Mördern; in jedem Asyle waren Massen von gestohlenen oder

eingeschmuggelten Waaren aufgehäuft; aus jedem Asyle zogen des Nachts

Banditen aus, um zu rauben und zu morden. In keiner Stadt der

Christenheit war daher das Gesetz so ohnmächtig und das Verbrechen so

dreist als in der alten Hauptstadt der Religion und Civilisation.

Innocenz dachte darüber, wie es einem Priester und Fürsten geziemte. Er

erklärte, daß er keinen Gesandten mehr aufnehmen werde, der auf diesem

alle Ordnung und Sittlichkeit untergrabenden Rechte bestände. Anfangs

wurde laut darüber gemurrt, aber die Gerechtigkeit seines Entschlusses

war so in die Augen springend, daß alle Regierungen, mit Ausnahme einer

einzigen, ihm nach und nach beipflichteten. Der Kaiser, der unter den

christlichen Monarchen die erste Stelle einnahm, der spanische Hof, der

sich unter allen Höfen durch seine Empfindlichkeit und Zähigkeit in

Sachen der Etikette auszeichnete, entsagten dem verderblichen

Privilegium. Nur Ludwig blieb unbeugsam. Was andere Fürsten thäten,

sagte er, gehe ihn nichts an. Er schickte daher eine Gesandtschaft nach

Rom, die von einer starken Abtheilung Reiterei und Fußvolk begleitet

war. Der Gesandte zog im Triumph nach seinem Palaste, wie ein

siegreicher General durch eine eroberte Stadt marschirt. Der Palast

wurde stark bewacht und Patrouillen machten Tag und Nacht die Runde um

den geschützten Bezirk, wie auf den Wällen einer Festung. Der Papst ließ

sich dadurch nicht einschüchtern. »Sie vertrauen auf Wagen und Rosse,«

sagte er, »wir aber denken an den Namen des Herrn unsres Gottes.« Er

griff energisch zu seinen geistlichen Waffen und belegte das von den

Franzosen besetzte Gebiet mit einem Interdict.[41]

Als dieser Streit den Höhepunkt erreicht hatte, brach noch ein andrer

aus, bei welchem Deutschland eben so stark betheiligt war als der Papst.

[Anmerkung 41: Prof. Ranke's Römische Päpste, Buch 8; +Burnet I.

789+.]

[_Das Erzbisthum Köln._] Köln und das umliegende Gebiet wurde von einem

Erzbischof regiert, der zugleich ein Kurfürst des deutschen Reiches war.

Das Recht der Erwählung dieses mächtigen Prälaten stand unter gewissen

Beschränkungen dem Domkapitel zu. Der Erzbischof war zu gleicher Zeit

auch Bischof von Lüttich, von Münster und von Hildesheim, seine

Besitzungen waren bedeutend und enthielten mehrere starke Festungen,

welche im Falle eines Feldzugs am Rhein von höchster Wichtigkeit waren.

In Kriegszeiten konnte er zwanzigtausend Mann ins Feld stellen. Ludwig

hatte keine Mühe gespart, um einen so werthvollen Bundesgenossen zu

gewinnen, und dies war ihm so gut gelungen, daß Köln fast von

Deutschland losgetrennt und ein Außenwerk Frankreichs geworden war.

Viele dem Hofe von Versailles ergebene Priester waren in das Kapitel

gebracht und der Cardinal Fürstenberg, eine notorische Creatur des

Hofes, war zum Coadjutor ernannt worden.

Im Sommer des Jahres 1688 kam das Erzbisthum zur Erledigung. Fürstenberg

war der Candidat des Hauses Bourbon; die Feinde dieses Hauses schlugen

den jungen Prinzen Clemens von Baiern vor. Fürstenberg war bereits

Bischof und konnte daher nur vermittelst einer Dispensation vom Papste,

oder einer Postulation, der sich zwei Drittheile des kölner Domkapitels

anschließen mußten, in eine andre Diöcese versetzt werden. Der Papst

wollte einer Creatur Frankreichs keine Dispensation bewilligen, und der

Kaiser bewog mehr als ein Drittheil des Kapitels, für den bairischen

Prinzen zu stimmen. Inzwischen war auch in den Kapiteln von Lüttich,

Münster und Hildesheim die Majorität gegen Frankreich. Ludwig sah mit

Unwillen und Besorgniß, daß eine ausgedehnte Provinz, die er schon

angefangen hatte als ein Besitzthum seiner Krone zu betrachten, nahe

daran war, nicht allein unabhängig von ihm, sondern sogar ihm feindlich

gesinnt zu werden. In einem mit großer Bitterkeit abgefaßten Schreiben

beklagte er sich über die Ungerechtigkeit, mit der Frankreich bei jeder

Gelegenheit vom heiligen Stuhle behandelt werde, während derselbe doch

der ganzen Christenheit seinen väterlichen Schutz angedeihen lassen

sollte. Viele Anzeichen verriethen, daß er fest entschlossen war, die

Ansprüche seines Candidaten mit bewaffneter Hand gegen den Papst und

dessen Verbündete zu unterstützen.[42]

[Anmerkung 42: +Burnet I. 758+; Ludwig's Schreiben ist vom 27.

Aug. (6. Sept.) 1688 datirt. Es findet sich im +Recueil des

Traités, vol. IV. No. 219+.]

[_Kluges Verfahren Wilhelm's._] So stachelte Ludwig durch zwei einander

entgegengesetzte Fehler den Zorn der beiden Religionsparteien, die sich

in das westliche Europa theilten, zu gleicher Zeit gegen sich auf.

Nachdem er sich die eine große Abtheilung der Christenheit durch

Verfolgung der Hugenotten entfremdet hatte, entfremdete er sich auch die

andre durch Beleidigung des römischen Stuhles. Und diese Mißgriffe that

er in einem Augenblicke, wo kein Fehler ungestraft begangen werden

konnte, und vor den Augen eines Gegners, der keinem Staatsmanne, dessen

Andenken die Geschichte aufbewahrt hat, an Wachsamkeit, Scharfblick und

Energie nachstand. Wilhelm sah mit heimlicher Freude, wie seine Gegner

sich bemühten, ein Hinderniß nach dem andren aus seinem Wege zu

entfernen. Während sie sich die Feindschaft aller Parteien zuzogen,

arbeitete er darauf hin, sie alle zu gewinnen. Mit seltener Klugheit

stellte er den im Sinne habenden Plan den verschiedenen Regierungen in

verschiedenem Lichte dar, und man muß hinzusetzen, daß keine seiner

Darlegungen trotz ihrer Verschiedenheit falsch war. Er forderte die

norddeutschen Fürsten auf, sich zur Vertheidigung der gemeinsamen Sache

aller reformirten Kirchen um ihn zu schaaren, und den beiden

Oberhäuptern des Hauses Österreich stellte er die Gefahr vor, die ihnen

von Seiten des französischen Ehrgeizes drohte, sowie die Nothwendigkeit,

England aus seiner Abhängigkeit zu befreien und es in den europäischen

Staatenbund aufzunehmen.[43] Er verwahrte sich, und zwar aufrichtig,

gegen jede Bigotterie. Der wahre Feind der britischen Katholiken, sagte

er, sei der kurzsichtige und halsstarrige König, der ihnen leicht hätte

gesetzliche Duldung verschaffen können, anstatt dessen aber Gesetz,

Freiheit und Eigenthum mit Füßen getreten hätte, um ihnen ein gehässiges

und unsicheres Übergewicht zu geben. Wenn man Jakob seine schlechte

Regierung ungehindert fortsetzen lasse, müsse dieselbe in nicht zu

ferner Zeit einen allgemeinen Volksaufstand herbeiführen, der eine

grausame Verfolgung der Papisten nach sich ziehen könne. Der Prinz

erklärte es als einen seiner Hauptzwecke, den Greueln einer solchen

Verfolgung vorzubeugen. Wenn sein Plan gelinge, würde er die Macht, die

er dann als Oberhaupt der protestantischen Interessen besitzen müsse,

zum Schutze der Mitglieder der römischen Kirche anwenden. Zwar könnten

die durch Jakob's Tyrannei entzündeten Leidenschaften es ihm vielleicht

unmöglich machen, die Strafgesetze aus dem Gesetzbuche zu streichen;

aber diese Strafgesetze sollten dann wenigstens durch gelinde Ausübung

gemildert werden. Keine Klasse werde aus dem beabsichtigten Unternehmen

mehr Gewinn ziehen, als die friedliebenden und anspruchsloseren

Katholiken, welche nur den Wunsch hegten, ungestört ihrem Berufe

nachgehen und ihren Schöpfer verehren zu dürfen. Die einzigen, welche

dabei verlieren würden, seien die Tyrconnel, die Dover, die Albeville

und anderen politischen Abenteurer, welche zum Dank für Schmeichelei und

schlimmen Rath von ihrem leichtgläubigen Gebieter Statthalterposten,

Regimenter und Gesandtschaften erhalten hätten.

[Anmerkung 43: Wegen der außerordentlichen Geschicklichkeit, mit

der er zwei verschiedenen Parteien seine Politik in verschiedenem

Lichte darstellte, wurde er später vom Hofe von St. Germains

bitter geschmäht. +»Licet foederatis publicus ille praedo haud

aliud aperte proponat nisi ut Gallici imperii exuberans amputetur

potestas; veruntamen sibi, et suis ex haeretica faece complicibus,

ut pro comperto habemus, longe aliud promittit, nempe ut, exciso

vel enervato Francorum regno, ubi Catholicarum partium summum jam

robur situm est, haeretica ipsorum pravitas per orbem Christianum

universum praevaleat.«+ -- Brief von Jakob an den Papst,

unzweifelhaft 1689 geschrieben.]

[_Seine Rüstungen zu Lande und zur See._] Während Wilhelm sich bemühte,

die Sympathien der Protestanten sowohl als der Katholiken zu gewinnen,

sorgte er mit nicht geringerer Energie und Klugheit für Anschaffung der

zu seinem Unternehmen erforderlichen militairischen Hülfsmittel. Er

konnte eine Landung in England nicht ohne Genehmigung der Vereinigten

Provinzen bewerkstelligen. Hielt er um diese Genehmigung an bevor sein

Plan zur Ausführung reif war, so konnten seine Absichten durch eine

seinem Hause feindlich gesinnte Partei möglicherweise vereitelt werden

und jedenfalls mußte die ganze Welt Kenntniß davon erhalten. Er beschloß

daher, seine Voranstalten mit größter Eil zu betreiben und nach

Vollendung derselben einen günstigen Augenblick abzuwarten, wo er den

Bund um seine Zustimmung ersuchen konnte. Die Agenten Frankreichs

bemerkten, daß sie ihn noch nie so geschäftig gesehen hatten. Es verging

kein Tag, wo man ihn nicht von seiner Villa nach dem Haag sprengen sah,

und beständig hielt er geheime Berathungen mit seinen ausgezeichnetsten

Anhängern. Vierundzwanzig Schiffe wurden zur Verstärkung der

gewöhnlichen Seemacht der Republik vollständig ausgerüstet. Für diese

Vermehrung der Flotte bot sich zufällig ein vortrefflicher Vorwand dar,

denn es hatten sich kürzlich einige algierische Corsaren in der Nordsee

zu zeigen gewagt. Bei Nymwegen wurde ein Lager gebildet und viele

tausend Mann daselbst zusammengezogen. Um diese Armee zu verstärken,

wurden die Besatzungen aus den Festungen von Holländisch Brabant

genommen; selbst die berühmte Festung Bergopzoom wurde fast ganz

entblößt. Feldgeschütze, Bomben und Munitionswagen wurden aus allen

Arsenalen der Vereinigten Provinzen nach den Hauptquartieren geschafft.

Sämmtliche Bäcker von Rotterdam bucken Tag und Nacht Schiffszwieback;

alle Gewehrfabrikanten von Utrecht reichten nicht hin, um die

Bestellungen auf Pistolen und Flinten auszuführen; alle Sattler von

Amsterdam arbeiteten mit der größten Anstrengung an Kürassen und

Holftern. Die Schiffsmannschaft wurde um sechstausend Matrosen vermehrt

und siebentausend neue Soldaten ausgehoben. Diese konnten allerdings

nicht ohne Genehmigung des Bundes förmlich eingereiht werden; aber sie

wurden inzwischen immer eingeübt und in solcher Kriegszucht gehalten,

daß sie binnen vierundzwanzig Stunden nach erlangter Genehmigung ohne

Schwierigkeit unter die verschiedenen Regimenter vertheilt werden

konnten. Diese Rüstungen erforderten zwar viel baares Geld; aber Wilhelm

hatte auch durch weise Sparsamkeit für den Fall unvorhergesehener großer

Bedürfnisse einen Reserveschatz zurückgelegt, der sich auf ungefähr

zweihundertfünfzigtausend Pfund Sterling belief. Das noch Fehlende wurde

von seinen Anhängern bereitwilligst zugeschossen. Außerdem erhielt er

auch aus England große Massen Gold, man sprach von nicht weniger als

hunderttausend Guineen. Die Hugenotten, welche bedeutende Quantitäten

des edlen Metalls ins Exil mitgenommen hatten, liehen ihm gern Alles,

was sie besaßen, denn sie lebten der frohen Hoffnung, daß sie, wenn sein

Unternehmen gelang, in ihr Vaterland würden zurückkehren dürfen, und

fürchteten, daß sie im Falle des Mißlingens in ihrer Adoptivheimath kaum

noch sicher sein würden.[44]

[Anmerkung 44: +Avaux Neg., Aug. 2.(12.), 10.(20.), 11.(21.),

14.(24.), 16.(26.), 17.(27.), Aug. 23. (Sept. 2.) 1688+.]

[_Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England._] Während der

letzten Hälfte des Juli und im Laufe des ganzen August nahmen die

Rüstungen einen raschen, dem ungestümen Wilhelm aber noch immer zu

langsamen Fortgang. Mittlerweile wurde zwischen England und Holland ein

lebhafter Verkehr unterhalten. Da man die gewöhnlichen Mittel zur

Beförderung von Nachrichten und Passagieren nicht mehr für sicher hielt,

fuhr ein leichtes Boot von wunderbarer Schnelligkeit beständig zwischen

Scheveningen und der Ostküste unsrer Insel hin und her.[45] Durch dieses

Fahrzeug erhielt Wilhelm von hochstehenden Männern der Kirche, der

Politik und des Heeres eine Reihe von Zuschriften. Von den sieben

Prälaten, welche die denkwürdige Petition unterzeichnet, hatten zwei,

Lloyd, Bischof von St. Asaph, und Trelawney, Bischof von Bristol,

während ihres Aufenthalts im Tower die Lehre vom Nichtwiderstande noch

einmal in Erwägung gezogen und waren bereit, einen bewaffneten Befreier

willkommen zu heißen. Ein Bruder des Bischofs von Bristol, der Oberst

Karl Trelawney, der eines der tangerschen Regimenter commandirte,

welches jetzt als das vierte Linienregiment bekannt ist, erklärte sich

bereit, für den protestantischen Glauben sein Schwert zu ziehen.

Ähnliche Versicherungen kamen auch von dem rohen Kirke. Churchill

erklärte in einem Briefe, der in ziemlich pathetischem Tone, dem

sicheren Zeichen, daß er einen Schurkenstreich im Sinne hatte,

geschrieben war, er sei entschlossen, seine Pflicht gegen den Himmel und

gegen sein Vaterland zu erfüllen, und lege seine Ehre ganz in die Hände

des Prinzen von Oranien. Wilhelm las dieses Schreiben gewiß mit jenem

bittern und cynischen Lächeln, das seinen Zügen den mindest angenehmen

Ausdruck gab. Er hielt sich nicht für bemüßigt, die Ehre Anderer in

seine Obhut zu nehmen; auch hatten es die strengsten Casuisten nicht für

unrecht erklärt, wenn ein General die Dienste von Überläufern, die er

nur verachten konnte, erbat, benutzte und belohnte.[46]

Churchill's Brief wurde von Sidney überbracht, dessen Stellung in

England gefährlich geworden war und der, nachdem er die Spur seines

Weges durch zahlreiche Vorsichtsmaßregeln verborgen hatte, Mitte August

nach Holland kam.[47] Um die nämliche Zeit schifften Shrewsbury und

Eduard Russell in einem Boote, das sie in aller Stille gemiethet hatten,

durch die Nordsee und erschienen im Haag. Shrewsbury brachte

zwölftausend Pfund Sterling mit, die er auf seine Güter aufgenommen

hatte und bei der Bank von Amsterdam deponirte. Devonshire, Danby und

Lumley blieben in England, wo sie sich, sobald der Prinz den Fuß auf die

Insel setzte, bewaffnet erheben wollten.

[Anmerkung 45: +Avaux Neg., Sept. 4.(14.) 1688.+]

[Anmerkung 46: +Burnet I. 765+; Churchill's Brief ist vom 4.

August 1688 datirt.]

[Anmerkung 47: +Memoirs of the Duke of Shrewsbury, 1718.+]

[_Sunderland._] Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm um diese Zeit auch

die ersten Beitrittsversicherungen von einer ganz andren Seite erhielt.

Die Geschichte der Intriguen Sunderland's ist in ein Dunkel gehüllt, das

schwerlich je ein Forscher wird aufzuklären vermögen; wenn es aber auch

nicht möglich ist, die ganze Wahrheit zu entdecken, so kann man doch

leicht einige handgreifliche Erdichtungen nachweisen. Die Jakobiten

behaupteten aus naheliegenden Gründen, die Revolution von 1688 sei die

Frucht eines schon vor langer Zeit angezettelten Complots gewesen, und

Sunderland bezeichneten sie als das Haupt der Verschwörung. Sie

behaupteten, er habe in der Verfolgung seines großen Planes seinen nur

zu vetrauensvollen Gebieter angereizt, von Gesetzen zu dispensiren, ein

ungesetzliches Tribunal zu errichten, freies Eigenthum zu confisciren

und die Väter der Landeskirche ins Gefängniß zu werfen. Dieser Roman

stützt sich auf keinen Beweis, und obgleich er bis auf unsre Zeit

nacherzählt worden ist, verdient er doch kaum eine Widerlegung. Nichts

ist gewisser, als daß Sunderland sich einigen der unklügsten Schritte

Jakob's widersetzte, insbesondere der Verfolgung der Bischöfe, welche

eigentlich die entscheidende Krisis herbeiführte. Aber wenn auch diese

Thatsache nicht feststände, so würde noch ein andres Argument den Streit

entscheiden. Welchen denkbaren Grund konnte Sunderland haben, eine

Revolution herbeizuwünschen? Unter dem herrschenden Systeme stand er auf

dem Gipfel des Ansehens und des Glücks. Als Präsident des Geheimen Raths

hatte er den Vorrang vor allen weltlichen Peers, und als erster

Staatssekretär war er das thätigste und mächtigste Mitglied des

Kabinets. Er durfte den Herzogstitel erwarten. Er hatte den

Hosenbandorden erhalten, den noch unlängst der glänzende und

leichtfertige Buckingham getragen, der nach Vergeudung seines

fürstlichen Vermögens und seines reichbegabten Geistes verlassen,

verachtet und mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken war.[48] Geld,

auf das Sunderland mehr Werth legte als auf Gunst- und Ehrenbezeigungen,

strömte ihm in solcher Fülle zu, daß er bei einigermaßen geregelter

Verwaltung seiner Einkünfte hoffen konnte, binnen wenigen Jahren einer

der reichsten Unterthanen in Europa zu werden. Die directen Einkünfte

seiner Stellen waren, obwohl sehr bedeutend, doch nur ein kleiner Theil

seiner Revenüen. Von Frankreich allein bezog er ein regelmäßiges

Jahrgeld von nahe an sechstausend Pfund, abgesehen von bedeutenden

Gelegenheitsgratifikationen. Mit Tyrconnel war er, wie wir wissen, auf

fünftausend Pfund jährlich, oder fünfzigtausend ein für allemal, einig

geworden. Welche Summen er außerdem durch den Handel mit Stellen, Titeln

und Begnadigungen verdiente, kann nur gemuthmaßt werden, aber sie müssen

enorm gewesen sein. Es schien Jakob Vergnügen zu machen, einen Mann, den

er als durch sich bekehrt betrachtete, mit Reichthümern förmlich zu

überschütten. Alle Geldbußen, alles verfallende Eigenthum erhielt

Sunderland. Von jeder Verleihung bekam Sunderland Gebühren. Wenn irgend

ein Bittsteller es wagte, sich direct an den König zu wenden, so erhielt

er von diesem die Antwort: »Haben Sie mit meinem Lordpräsidenten

gesprochen?« Ein beherzter Mann erlaubte sich einmal die Äußerung, der

Lordpräsident verschlinge das ganze Geld des Hofes. »Ja,« erwiederte

Seine Majestät, »aber er verdient es auch.«[49] Wir werden das

Gesammteinkommen des Ministers nicht zu hoch anschlagen, wenn wir es auf

dreißigtausend Pfund jährlich schätzen, und man darf nicht vergessen,

daß ein solches Einkommen damals seltener war als gegenwärtig ein

Einkommen von hunderttausend Pfund. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es

damals nicht einen einzigen Peer gab, dessen Privateinkünfte den

Amtseinkünften Sunderlands gleichgekommen waren.

Hatte nun ein in ungesetzliche und unpopuläre Regierungsmaßregeln so

tief verwickelter Mann, ein Mitglied der Hohen Commission, ein Renegat,

den die Menge auf öffentlichen Plätzen mit dem Geschrei: »Papistischer

Hund!« verfolgte, wohl Aussicht, unter einer neuen Ordnung der Dinge

noch größer und reicher zu werden? Hatte er wohl nur Aussicht, der

verdienten Strafe zu entgehen?

Er hatte gewiß schon seit langer Zeit die Möglichkeit im Auge, daß

Wilhelm und Maria nach dem natürlichen Laufe der Natur und des Gesetzes

einst an die Spitze der englischen Regierung kommen könnten, und

wahrscheinlich hatte er es auch schon versucht, sich durch

Versprechungen und Dienstleistungen, die, wenn sie entdeckt worden

wären, seinen Credit in Whitehall gerade nicht erhöht haben würden, ihre

Gunst zu erwerben. Aber man darf mit Gewißheit behaupten, daß es nicht

sein Wunsch war, sie durch eine Revolution auf den Thron erhoben zu

sehen, und daß er eine solche Revolution nicht im entferntesten

vermuthete, als er gegen Ende Juni 1688 feierlich in den Schooß der

römischen Kirche übertrat.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11) · 第 4 / 26 段