wenn ihm alle militairischen Hülfsmittel der Vereinigten Provinzen zur
unumschränkten Verfügung gestanden hätten. In Wirklichkeit aber schien
es sehr zweifelhaft, ob er die Unterstützung eines einzigen Bataillons
würde erlangen können. Von allen Schwierigkeiten, mit denen er zu
kämpfen hatte, war die größte, obgleich von den englischen
Geschichtsschreibern wenig beachtete, die, welche in der Verfassung der
batavischen Republik selbst lag. Noch nie hatte ein großer Staat unter
einer so unzweckmäßigen Verfassung eine lange Reihe von Jahren existirt.
Die Generalstaaten konnten ohne die Zustimmung der Staaten jeder
einzelnen Provinz weder Krieg noch Frieden beschließen, weder ein
Bündniß eingehen, noch eine Steuer erheben. Und die Provinzialstaaten
konnten wieder ihre Zustimmung nicht ohne die Zustimmung derjenigen
Municipalitäten geben, welche einen Antheil an der Vertretung hatten.
Jede Municipalität war gleichsam ein souverainer Staat und beanspruchte
als solcher das Recht, mit den fremden Gesandten direct zu verkehren und
mit ihnen die Mittel zur Vereitelung von Plänen zu verabreden, welche
andere Municipalitäten beabchsichtigten. In einigen Stadträthen hatte
die Partei, welche mehrere Generationen hindurch den Einfluß der
Stadthalter mit eifersüchtigem Auge ansah, ein große Masse. An der
Spitze dieser Partei standen die Behörden der stolzen Stadt Amsterdam,
welche damals in ihrer höchsten Blüthe war. Sie hatten seit dem Frieden
von Nymwegen mit Ludwig durch die Vermittelung seines geschickten und
thätigen Gesandten, des Grafen von Avaux, stets einen freundschaftlichen
Verkehr unterhalten. Vorschläge, die der Statthalter als zum Wohle der
Republik unumgänglich nöthig beantragt, die von allen Provinzen außer
Holland und von siebzehn unter den achtzehn holländischen Stadträthen
genehmigt worden, waren schon mehr als einmal durch die einzige Stimme
Amsterdam's verworfen worden. Das einzige verfassungsgemäße Hülfsmittel
in solchen Fällen bestand darin, daß Deputationen von den zustimmenden
Städten der andersmeinenden Stadt einen Besuch machten, um sie womöglich
zu überreden. Die Anzahl der Deputirten war unbeschränkt, sie konnten
ihre Vorstellungen so lange fortsetzen, als es ihnen gutdünkte, und
währenddem mußte die starrsinnige Commun, die sich ihren Gründen nicht
fügen wollte, für ihren Unterhalt sorgen. Dieses abgeschmackte
Zwangsmittel war einmal mit Erfolg gegen die kleine Stadt Gorkum
angewendet worden, machte aber voraussichtlich keinen großen Eindruck
auf das mächtige und reiche Amsterdam, das durch seinen von zahllosen
Masten strotzenden Hafen, durch seine von stattlichen Gebäuden
eingefaßten Kanäle, durch seine prächtige Stadthalle mit Wänden, Decken
und Fußböden von polirtem Marmor, durch seine mit den kostbarsten
Producten Ceylon's und Surinam's gefüllten Waarenmagazine und seine
Börse, in der das endlose Summen aller Sprachen der civilisirten Völker
ertönte, in der ganzen Welt berühmt war.[15]
Die Streitigkeiten zwischen der Majorität, welche den Statthalter
unterstützte, und der Minorität, zu deren Spitze der Magistrat von
Amsterdam stand, waren schon mehrmals so heftig geworden, daß
Blutvergießen unvermeidlich zu sein schien. Einmal hatte der Prinz den
Versuch gemacht, die widerspenstigen Deputirten als Verräther bestrafen
zu lassen. Ein andermal waren ihm die Thore von Amsterdam versperrt und
Truppen zur Vertheidigung der Privilegien des Municipalraths ausgehoben
worden. Es war nicht zu erwarten, daß die obrigkeitliche Behörde dieser
großen Stadt je in eine Expedition willigen würde, welche für Ludwig,
dem sie den Hof machte, im höchsten Grade beleidigend war und
voraussichtlich das ihr verhaßte Haus Oranien zu größerer Macht erhob.
Und doch konnte eine solche Expedition ohne ihre Einwilligung gesetzlich
nicht unternommen werden. Ihren Widerstand durch Waffengewalt zu
brechen, war ein Mittel, daß der entschlossene und kühne Statthalter
unter anderen Umständen nicht gescheut haben würde. In vorliegendem
Falle aber war es von höchster Wichtigkeit, daß er sorgfältig jeden
Schritt vermied, der als tyrannisch dargestellt werden konnte. Er durfte
es nicht wagen, in demselben Augenblicke, wo er gegen seinen
Schwiegervater das Schwert zog, weil dieser die Grundgesetze Englands
verletzt hatte, die Grundgesetze Holland's zu verletzen. Der gewaltsame
Umsturz einer freien Verfassung würde ein sonderbares Vorspiel zur
gewaltsamen Aufrichtung einer andren gewesen sein.[16]
Außerdem gab es noch eine andre Schwierigkeit, welche von den englischen
Geschichtschreibern zu wenig beachtet worden ist, die aber Wilhelm nicht
einen Augenblick aus dem Gesicht verlor. Er konnte das beabsichtigte
Unternehmen nur dann glücklich durchführen, wenn er an das
protestantische Gefühl Englands appellirte und dieses Gefühl so kräftig
anspornte, daß es eine Zeit lang das vorherrschende und fast
ausschließliche Gefühl der Nation würde. Dies würde in der That eine
sehr einfaches Verfahren gewesen sein, hätte seine Politik einzig und
allein dahin gezielt, auf unsrer Insel eine Revolution hervorzurufen und
daselbst zu regieren. Aber er hatte ein andres Endziel vor Augen, das er
nur mit Beihülfe von Fürsten, welche der römischen Kirche aufrichtig
ergeben waren, erreichen konnte. Er wollte das deutsche Reich, den
katholischen König und den heiligen Stuhl mit England und Holland zu
einem Bündnisse gegen das Übergewicht Frankreichs vereinigen, daher war
es nöthig, daß er, während er den gewaltigsten Schlag führte, der je zur
Vertheidigung des Protestantismus geführt worden war, sich das
Wohlwollen von Regierungen zu erhalten suchte, welche den
Protestantismus als eine gefährliche Ketzerei betrachteten.
Dies waren die verwickelten Schwierigkeiten dieses großen Unternehmens.
Staatsmänner des Continents erkannten einen Theil dieser
Schwierigkeiten, britische Staatsmänner einen andren. Nur ein
scharfblickender und gewaltiger Geist übersah sie mit einem einzigen
Blicke und beschloß sie alle zu überwinden. Es war kein leichtes Ding,
die englische Regierung vermittelst einer fremden Heeresmacht zu
stürzen, ohne den Nationalstolz der Engländer zu verwunden. Es war kein
leichtes Ding, von der batavischen Faction, welche Frankreich mit
Vorliebe und das Haus Oranien mit Widerwillen betrachtete, eine
Entscheidung zu Gunsten einer Expedition zu erlangen, die alle Pläne
Frankreichs über den Haufen warf und das Haus Oranien auf den Gipfel der
Größe erheben mußte. Es war kein leichtes Ding, begeisterte Protestanten
zu einem Kreuzzuge gegen den Papismus zu führen, und sich trotzdem die
Freundschaft fast aller papistischen Regierungen und des Papstes selbst
zu erhalten. Doch alles dies führte Wilhelm aus. Er erreichte alle seine
Zwecke, selbst die, welche sich am wenigsten mit einander zu vertragen
schienen, vollständig und zu gleicher Zeit. Die ganze Geschichte der
alten wie der neuen Zeit berichtet keinen zweiten ähnlichen Triumph der
Staatskunst.
Die Aufgabe würde allerdings selbst für einen solchen Staatsmann wie der
Prinz von Oranien zu schwierig gewesen sein, wären nicht seine
Hauptgegner damals in einer Bethörung befangen gewesen, welche von
vielen gerade nicht abergläubischen Leuten als eine besondere göttliche
Strafe betrachtet wurde. Nicht nur der König von England war wie immer
verblendet und verkehrt, sondern selbst die Räthe des klugen Königs von
England waren thöricht geworden. Was Weisheit und Energie irgend
vermögen, das that Wilhelm. Die Hindernisse aber, welche keine Weisheit
oder Energie hätte überwinden können, räumten seine Feinde selbst
geflissentlich aus dem Wege.
[Anmerkung 15: +Avaux Neg., Oct. 29. (Nov. 8.) 1683+.]
[Anmerkung 16: In Betreff des Verhältnisses, in welchem der
Statthalter und die Stadt Amsterdam zu einander standen, siehe
Avaux an mehreren Stellen.]
[_Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe._] An dem wichtigen
Tage, an welchem die Bischöfe freigesprochen und die Einladung nach dem
Haag abgesandt wurde, kehrte Jakob in verdrüßlicher und gereizter
Stimmung von Hounslow nach Westminster zurück. Er bemühte sich diesen
Nachmittag heiter zu scheinen;[17] aber die Freudenfeuer, die Raketen
und vor Allem die wächsernen Päpste, welche in allen Stadttheilen
Londons leuchteten, waren eben nicht geeignet, ihn zu erheitern. Wer ihn
am andren Morgen sah, konnte in seinen Zügen und in seiner Haltung ohne
Mühe die heftigen Gemüthsbewegungen erkennen, die in seiner Brust
tobten.[18] Einige Tage lang schien er sehr ungern von dem Prozeß zu
sprechen, so daß selbst Barillon es nicht wagen durfte, die Sache zur
Sprache zu bringen.[19]
Bald begann es sich klar zu zeigen, daß die Niederlage und Demüthigung
das Herz des Königs nur noch mehr verhärtet hatte. Die ersten Worte, die
über seine Lippen kamen, als er erfuhr, daß die Gegenstände seiner Rache
ihm entschlüpft, waren: »Sie sollen es bereuen!« Schon nach wenigen
Tagen wurde der Sinn dieser Worte, die er seiner Gewohnheit nach sehr
häufig wiederholte, vollkommen klar. Er machte sich Vorwürfe, nicht
darüber, daß er die Bischöfe gerichtlich verfolgt, sondern daß er sie
vor ein Tribunal gestellt hatte, wo die factischen Fragen durch
Geschworne entschieden wurden und die feststehenden Rechtsgrundsätze
auch von den servilsten Richtern nicht gänzlich aus den Augen gelassen
werden konnten. Diesen Fehler beschloß er wieder gut zu machen. Nicht
nur die sieben Prälaten, welche die Petition unterzeichnet hatten,
sondern die gesammte anglikanische Geistlichkeit sollte Ursache haben,
den Tag zu verwünschen, an welchem sie einen Sieg über ihren Landesherrn
davon getragen. Etwa vierzehn Tage nach dem Prozeß wurde eine
Kabinetsordre erlassen, welche allen Diöcesankanzlern und Archidiakonen
anbefahl, in ihren betreffenden Sprengeln eine strenge Untersuchung
vorzunehmen und binnen fünf Wochen der Hohen Commission die Namen aller
derjenigen Pfarrer, Vikare und Curaten aufzugeben, welche die
Indulgenzerklärung nicht verlesen hatten.[20] Der König weidete sich
schon im voraus an dem Entsetzen, mit dem die Ungehorsamen vernehmen
würden, daß sie vor ein Tribunal gestellt werden sollten, von dem sie
keine Gnade zu erwarten hatten.[21] Die Anzahl der Schuldigen betrug
wenig unter, wenn nicht volle zehntausend und nach dem, was im
Magdalenen-Collegium geschehen war, konnte jeder von ihnen mit gutem
Grunde darauf gefaßt sein, daß ihm die Ausübung aller seiner geistlichen
Functionen untersagt, daß er aus seiner Pfründe vertrieben, zur
Bekleidung irgend eines andren Amtes für unfähig erklärt und in die
Kosten des Prozesses verurtheilt würde, der ihn zum Bettler gemacht.
[Anmerkung 17: Adda, 6.(16.) Juli 1688.]
[Anmerkung 18: +Reresby's Memoirs+.]
[Anmerkung 19: Barillon, 2.(12.) Juli 1688.]
[Anmerkung 20: +London Gazette, July 16. 1688+. Die Kabinetsordre
ist vom 12. Juli datirt.]
[Anmerkung 21: Barillon's eigene Worte 6.(16.) Juli 1688.]
[_Entlassungen und Ernennungen._] Dies war die Verfolgung, durch welche
Jakob im Ärger über seine große Niederlage in Westminsterhall die
Geistlichkeit zu züchtigen beschloß. Vor der Hand bemühte er sich, den
Männern des Gesetzes durch rasche und ausgedehnte Vertheilung von
Belohnungen und Strafen zu zeigen, daß consequente und schamlose
Servilität, wenn sie auch nicht zum Ziele führte, ein sicheres Anrecht
auf seine Gunst verleihe und daß Jeder, der nach jahrelanger
Unterwürfigkeit nur einen Augenblick auf den Pfad des Muthes und der
Rechtschaffenheit überzuspringen wagte, sich eines unverzeihlichen
Verbrechens schuldig mache. Die Heftigkeit und Frechheit, welche der
Renegat Williams während des ganzen Prozesses der Bischöfe an den Tag
gelegt, hatte ihn der ganzen Nation verhaßt gemacht.[22] Er wurde mit
dem Baronettitel belohnt. Holloway und Powell hatten ihren Ruf durch die
Erklärung gehoben, daß die Petition ihrer Ansicht nach kein Libell sei.
Sie wurden ihrer Stellen entsetzt.[23] Wright's Schicksal scheint einige
Zeit zweifelhaft gewesen zu sein. Er hatte zwar gegen die Bischöfe
resumirt, hatte es aber geduldet, daß ihr Rechtsbeistand die
Dispensationsgewalt bestritt; er hatte die Petition ein Libell genannt,
es aber sorgfältig vermieden, die Indulgenzerklärung gesetzlich zu
nennen, und während der ganzen Verhandlung hatte er in dem Tone eines
Mannes gesprochen, welcher wußte, daß ein Tag der Rechenschaft kommen
konnte. Allerdings hatte er auch gegründete Ansprüche auf Nachsicht,
denn es war wohl kaum zu erwarten, daß irgend eines Menschen Frechheit
in einer solchen Aufgabe, angesichts einer solchen Barre und eines
solchen Auditoriums von Anfang bis zu Ende hätte aushalten können, ohne
zu erschlaffen. Die Mitglieder der jesuitischen Cabale tadelten ihn
jedoch wegen seines Mangels an Muth; der Kanzler nannte ihn einen Esel
und man glaubte allgemein, daß ein neuer Oberrichter ernannt werden
würde.[24] Aber es fand keine derartige Veränderung statt. Es würde auch
nicht leicht gewesen sein, Wright's Stelle wieder zu besetzen. Die
vielen Juristen, welche in Talenten und Kenntnissen hoch über ihm
standen, waren fast ohne Ausnahme den Plänen der Regierung feindlich
gesinnt; und die sehr wenigen, die ihn in Gewissenlosigkeit und
Frechheit übertrafen, waren fast ohne Ausnahme nur in den untersten
Schichten ihres Standes zu finden und würden unfähig gewesen sein, nur
die gewöhnlichen Geschäfte des Kingsbenchgerichts zu leiten. Williams
vereinigte allerdings alle Eigenschaften in sich, welche Jakob von einem
hohen Gerichtsbeamten verlangte, aber seiner Dienste bedurfte man bei
der Staatsanwaltschaft und wäre er von derselben entfernt worden, so
würde der Krone nicht der Beistand eines Advokaten dritten Ranges
geblieben sein.
Nichts hatte den König mehr in Erstaunen gesetzt und gekränkt, als die
Begeisterung, welche die Dissenters für die Sache der Bischöfe an den
Tag legten. Penn, der, obgleich er selbst seinen Gewissensscrupeln
Reichthum und Ehrenstellen aufgeopfert hatte, zu glauben schien, daß
außer ihm Niemand ein Gewissen habe, schrieb die Unzufriedenheit der
Puritaner dem Neide und dem unbefriedigten Ehrgeize zu. Er meinte, sie
hätten keinen Antheil an den durch die Indulgenzerklärung verheißenen
Wohlthaten gehabt, keiner von ihnen sei zu einem hohen und ehrenvollen
Posten berufen worden, und es sei daher kein Wunder, daß sie auf die
Katholiken eifersüchtig wären. In Folge dessen wurde acht Tage nach dem
hochwichtigen Verdict der Geschwornen in Westminsterhall, Silas Titus,
ein angesehener Presbyterianer, ein heftiger Exclusionist und einer der
Hauptankläger Stafford's, eingeladen, einen Sitz im Geheimen Rathe
einzunehmen. Er gehörte zu Denen, auf welche die Opposition am
sichersten gerechnet hatte. Aber die ihm jetzt angetragene Ehre und die
Aussicht eine bedeutende Summe zu erhalten, die ihm die Krone schuldete,
gewannen die Oberhand über seine Tugend und er wurde zum großen Ärgerniß
aller Klassen von Protestanten vereidigt.[25]
Die Rachepläne des Königs gegen die Kirche gingen nicht in Erfüllung.
Fast sämmtliche Archidiakonen und Diöcesankanzler verweigerten die
verlangten Angaben. Der Tag, an welchem die ganze Masse der Geistlichen
vorgeladen werden sollte, um sich wegen ihres Ungehorsams zu
verantworten, kam heran.
[Anmerkung 22: In einer der zahlreichen Balladen jener Zeit kommen
folgende Zeilen vor:
»Unsere beiden Briten sind Thoren,
Die sich gegen das Gesetz verschworen,
Aber das nächste Parlament wird sie kriegen bei den Ohren.«
Die beiden Briten sind Jeffrey's und Williams, beide aus Wales
gebürtig.]
[Anmerkung 23: +London Gazette, July 9. 1688+.]
[Anmerkung 24: Ellis' Correspondenz, 10. Juli 1688; +Clarendon's
Diary, Aug. 3. 1688+.]
[Anmerkung 25: +London Gazette, July 9. 1688+; Adda, 13 (23.)
Juli; +Evelyn's Diary, July 12+; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687,
6.(16.) Febr. 1688.]
[_Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus._] Die Hohe Commission
trat zusammen. Es zeigte sich, daß kaum ein kirchlicher Beamter eine
Liste eingeschickt hatte. Zu gleicher Zeit wurde der Commission eine
Schrift von der höchsten Bedeutung vorgelegt. Es war ein Schreiben von
Sprat, dem Bischof von Rochester. Zwei Jahre lang hatte er in der
Hoffnung auf ein Erzbisthum den Vorwurf ertragen, daß er die Kirche
verfolge, deren Vertheidigung eine Gewissens- und Ehrenpflicht für ihn
war. Aber seine Hoffnung war getäuscht worden. Er sah, daß er keine
Aussicht hatte, auf den Metropolitenthron von York zu gelangen, wenn er
nicht seinem Glauben entsagte. Er war zu gutherzig, als daß er an der
Tyrannei hätte Gefallen finden können und zu scharfblickend, um nicht
die Anzeichen der kommenden Vergeltung zu erkennen. Daher beschloß er,
seine gehässigen Functionen niederzulegen, und er theilte diesen
Entschluß seinen Collegen in einem Schreiben mit, das gleich allen
Erzeugnissen seiner Prosa in einem sehr eleganten und würdevollen Style
abgefaßt war. Er sagte, es sei ihm nicht möglich, noch länger Mitglied
der Commission zu bleiben. Er habe zwar selbst aus Gehorsam gegen den
königlichen Befehl die Erklärung verlesen, aber er könne es nicht auf
sich nehmen, Tausende von frommen und loyalen Geistlichen, die eine
andre Ansicht von ihrer Pflicht hätten, dazu zu verurtheilen, und da man
beschlossen habe, sie dafür zu bestrafen, daß sie ihrer Überzeugung
gemäß gehandelt, müsse er erklären, daß er lieber mit ihnen leiden, als
zu ihren Leiden beitragen wolle.
Die Commissare lasen das Schreiben mit nicht geringem Erstaunen. Gerade
die Fehler ihres Collegen, die bekannte Lockerheit seiner Grundsätze und
seine bekannte Zaghaftigkeit machten seinen Abfall ganz besonders
beunruhigend. Wenn Männer wie Sprat in der Sprache eines Hampden zu
einer Regierung redeten, so mußte diese Regierung in der That sehr
gefährdet sein. Das vor kurzem noch so übermüthige Tribunal wurde mit
einem Male merkwürdig zahm. Die kirchlichen Beamten, welche seiner
Autorität getrotzt, erhielten nicht einmal einen Verweis. Man hielt es
nicht für rathsam, nur den Verdacht zu äußern, daß ihr Ungehorsam
absichtlich gewesen sei. Es wurde ihnen nur bedeutet, daß ihre Berichte
in vier Monaten fertig sein müßten. Dann ging die Commission bestürzt
auseinander. Sie hatte den Todesstoß empfangen.[26]
[Anmerkung 26: Sprat's Briefe an den Earl von Dorset; +London
Gazette, Aug. 23. 1688+.]
[_Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgänge in Oxford._] Während die Hohe
Commission sich vor einem Conflict mit der Kirche scheute, reizte diese
im Bewußtsein ihrer Stärke und von neuer Begeisterung beseelt, die Hohe
Commission durch eine Reihe von Herausforderungen zum Angriff. Bald nach
der Freisprechung der Bischöfe erlag der ehrwürdige Ormond, der
vornehmste Kavalier aus dem großen Bürgerkriege, den Gebrechlichkeiten
seines hohen Alters. Sein Tod wurde sogleich nach Oxford berichtet und
die Universität, deren Kanzler er seit vielen Jahren gewesen war,
versammelte sich augenblicklich, um einen Nachfolger für ihn zu wählen.
Ein Theil war für den beredtsamen und gebildeten Halifax, ein andrer für
den ernsten und orthodoxen Nottingham. Einige erwähnten auch den Earl
von Abingdon, der in ihrer Nähe wohnte und unlängst seiner Stelle als
Statthalter der Grafschaft entsetzt worden war, weil er sich geweigert
hatte, den König in seinen Maßregeln gegen die Landeskirche zu
unterstützen. Die Mehrheit aber, aus hundertachtzig Graduirten
bestehend, stimmte für den jungen Herzog von Ormond, den Enkel ihres
verstorbenen Oberhauptes und Sohn des tapferen Ossory. Die Eil, mit der
sie zu diesem Beschlusse kamen, hatte ihren Grund in der Besorgniß, daß,
wenn sie nur einen Tag zögerten, der König es versuchen möchte, ihnen
einen Kanzler aufzudringen, der ihre Rechte nicht wahren würde. Diese
Besorgniß war auch gegründet, denn kaum zwei Stunden nachdem sie
auseinander gegangen waren, kam ein Befehl von Whitehall, der ihnen
vorschrieb Jeffreys zu wählen. Zum Glück war die Wahl des jungen Ormond
bereits vollendet und nicht mehr rückgängig zu machen.[27] Einige Wochen
darauf wurde der ehrlose Timotheus Hall, der sich durch Verlesung der
Indulgenzerklärung unter der londoner Geistlichkeit ausgezeichnet hatte,
mit dem Bisthum Oxford belohnt, welches seit dem Tode des nicht minder
ehrlosen Parker unbesetzt war. Hall kam nach Oxford, um seinen
Bischofssitz einzunehmen, aber die Canonici seiner Kathedrale weigerten
sich seiner Einsetzung beizuwohnen, die Universität wollte ihn nicht zum
Doctor creiren, nicht ein einziges Mitglied der akademischen Jugend
wendete sich an ihn behufs der Ordination, kein Hut wurde vor ihm
abgenommen und er war in seinem Palaste beständig allein.[28]
Bald darauf kam eine Pfründe zur Erledigung, welche das
Magdalenen-Collegium von Oxford zu vergeben hatte. Hough und seine
vertriebenen Collegen versammelten sich und schlugen einen Candidaten
vor, den der Bischof von Gloucester, in dessen Diöcese die Pfründe lag,
auch ohne Besinnen einsetzte.[29]
[Anmerkung 27: +London Gazette, July 26. 1688+; Adda, 27. Juli
(6. Aug.); Neuigkeitsbrief vom 23. Juli in der Mackintosh-Sammlung;
Ellis Correspondenz, 28., 31. Juli. +Wood's Fasti Oxonienses+.]
[Anmerkung 28: +Wood's Athenae Oxonienses+; +Luttrell's Diary,
Aug. 23. 1688.+]
[Anmerkung 29: Ronquillo, 17.(27.) Sept. 1688; +Luttrell's Diary,
Sept. 6.+]
[_Unzufriedenheit der Gentry._] Die Gentry war nicht minder
widerspenstig, als der Klerus. Die Assisen dieses Sommers gewährten im
ganzen Lande einen noch nie dagewesenen Anblick. Die Richter waren vor
dem Antritt ihrer Rundreise zum Könige beschieden worden und hatten von
ihm die Weisung erhalten, daß sie den Mitgliedern der großen Jury's und
den Magistratsbeamten im ganzen Reiche die Pflicht einschärfen sollten,
nur solche Mitglieder ins Parlament zu wählen, die seine Politik
unterstützen würden. Sie gehorchten seinem Befehle, ließen sich heftig
über die Geistlichkeit aus, schmähten die sieben Bischöfe, nannten die
denkwürdige Petition ein aufrührerisches Libell, kritisirten Sancroft's
Styl mit großer Schärfe und sagten, Seine Gnaden sollten für ihr
schlechtes Englisch vom Doctor Busby ausgepeitscht werden. Diese
unschicklichen Reden hatten jedoch keine andre Wirkung, als daß sie die
öffentliche Unzufriedenheit noch vermehrten. Alle öffentlichen
Achtungsbezeigungen, welche sonst dem richterlichen Amte und der
königlichen Vollmacht erwiesen worden waren, wurden unterlassen. Die
alte Sitte verlangte eigentlich, daß angesehene und vermögende Männer im
Gefolge des Sheriffs ritten, wenn er die Richter nach der Hauptstadt der
Grafschaft begleitete; jetzt aber hielt es schwer, in irgend einem
Theile des Landes einen solchen Zug zusammen zu bringen. Besonders die
Nachfolger Powell's und Holloway's wurden mit auffallender
Geringschätzung behandelt. Ihnen waren die Assisen von Oxford zugefallen
und sie hatten erwartet, daß sie in jeder Grafschaft von einer Cavalcade
der loyalen Gentry begrüßt werden würden. Als sie sich aber Wallingford
näherten, wo sie ihre Sitzungen für Berkshire eröffnen sollten, kam nur
der Sheriff ihnen entgegen. Auch vor Oxford, der höchst loyalen
Hauptstadt einer höchst loyalen Provinz, wurden sie abermals von dem
Sheriff allein bewillkommnet.[30]
[Anmerkung 30: Ellis' Correspondenz, 4. 7. Aug. 1688; Bischof
Sprat's Bericht über die Conferenz vom 6. Nov. 1688.]
[_Unzufriedenheit der Armee._] Die Armee war kaum weniger mißvergnügt,
als die Geistlichkeit und die Gentry. Die Besatzung des Tower hatte auf
das Wohl der gefangenen Bischöfe getrunken. Die in Lambeth stehenden
Fußgarden hatten den Primas bei seiner Rückkehr in seinen Palast mit
allen Zeichen der Ehrerbietung bewillkommnet. Nirgends war die Nachricht
von der Freisprechung mit lauterem Jubel aufgenommen worden, als im
Lager von Hounslow. Die große Truppenmacht, welche der König
zusammengezogen hatte, um seine meuterische Hauptstadt im Schach zu
halten, war in der That meuterischer geworden, als die Hauptstadt
selbst, und wurde vom Hofe mehr gefürchtet, als von den Bürgern. Anfangs
August wurde daher das Lager aufgehoben und die Truppen in verschiedenen
Theilen des Landes einquartirt.[31]