Die Whigs sahen, daß ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schw

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(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.]

Thomas Babington Macaulay's

+Geschichte von England+

seit der

Thronbesteigung Jakob's des Zweiten.

Aus dem Englischen.

+Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+

Fünfter Band.

=Leipzig, 1854.=

_G. H. Friedlein._

* * * * *

* * * *

Neuntes Kapitel.

_Jakob II._

=Inhalt.=

Seite

Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der

Rechtmäßigkeit des Widerstandes 5

Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in

England vor 11

Heinrich Sidney 11

Devonshire 12

Shrewsbury. -- Halifax 12

Danby und der Bischof Compton 13

Nottingham 14

Lumley 14

Absendung der Einladung an Wilhelm 14

Mariens Verhalten 15

Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's 16

Jakob's Benehmen nach dem Prozesse der Bischöfe 19

Entlassungen und Ernennungen 20

Verfahren der Hohen Commission. Sprat tritt aus 22

Unzufriedenheit des Klerus. -- Vorgänge in Oxford 23

Unzufriedenheit der Gentry 23

Unzufriedenheit der Armee 24

Es werden irische Truppen herübergezogen.

-- Unwille des Volks 25

Lillibullero 39

Politische Zustände in den Vereinigten Provinzen 30

Fehler des Königs von Frankreich 31

Sein Streit mit dem Papste bezüglich der Vorrechte

auswärtiger Gesandter 32

Das Erzbisthum Köln 33

Kluges Verfahren Wilhelm's 33

Seine Rüstungen zu Lande und zur See 34

Er erhält zahlreiche Unterstützungszusagen aus England 35

Sunderland 36

Wilhelm's Befürchtungen 39

Jakob wird gewarnt 40

Ludwig's Bemühungen, um Jakob zu retten 41

Jakob vereitelt dieselben 42

Die französischen Armeen fallen in Deutschland ein 44

Wilhelm erlangt die Genehmigung der Generalstaaten für

seine Expedition 45

Britische Abenteurer im Haag 46

Wilhelm's Erklärung 47

Jakob fängt an die Gefahr zu ahnen 49

Seine Seemacht 49

Seine militairischen Mittel 50

Er versucht es, seine Unterthanen mit sich auszusöhnen 51

Er bewilligt den Bischöfen eine Audienz 51

Seine Zugeständnisse werden übel aufgenommen 53

Dem Geheimen Rath werden Beweise für die legitime Geburt

des Prinzen von Wales vorgelegt 55

Sunderland's Ungnade 56

Wilhelm nimmt Abschied von den holländischen Generalstaaten 57

Er schifft sich ein und segelt ab 58

Er wird durch einen Sturm zurückgeworfen 58

Seine Erklärung kommt in England an 58

Jakob befragt die Lords 58

Wilhelm geht zum zweiten Male unter Segel 60

Er passirt die Meerenge 61

Seine Landung bei Torbay 62

Sein Einzug in Exeter 65

Unterredung des Königs mit den Bischöfen 69

Ruhestörungen in London 71

Angesehene Männer fangen an zu dem Prinzen überzugehen 72

Lovelace 72

Colchester 73

Abingdon 73

Abfall Cornbury's 74

Petition der Lords um Einberufung eines Parlaments 77

Der König begiebt sich nach Salisbury 79

Seymour 79

Wilhelm's Hoflager in Exeter 79

Aufstand im Norden 80

Gefecht bei Wincanton 82

Churchill's und Grafton's Abfall 84

Rückzug der königlichen Armee von Salisbury 85

Abfall des Prinzen Georg und Ormond's 85

Flucht der Prinzessin Anna 86

Jakob hält eine Berathung mit den Lords 88

Er ernennt Commissare zur Unterhandlung mit Wilhelm 91

Die Unterhandlung eine Finte 91

Dartmouth weigert sich, den Prinzen von Wales nach Frankreich

zu senden 93

Aufregung in London 94

Falsche Proklamation 94

Aufstände in verschiedenen Theilen des Landes 95

Clarendon schließt sich in Salisbury dem Prinzen an 97

Spaltung im Lager des Prinzen 97

Ankunft des Prinzen in Hungerford 99

Gefecht bei Reading 100

Ankunft der königlichen Commissare in Hungerford 100

Unterhandlung 100

Die Königin und der Prinz von Wales werden nach Frankreich

geschickt 104

Lauzun 104

Anstalten des Königs zur Flucht 107

Seine Flucht 108

Die Freisprechung der Bischöfe war nicht das einzige Ereigniß, das den

13. Juni 1688 zu einem wichtigen Datum unsrer Geschichte macht. An dem

nämlichen Tage, während auf hundert Kirchthürmen alle Glocken läuteten,

während von Hydepark bis Mile-End das Volk beschäftigt war, für die

Freudendemonstrationen in der Nacht Reisigbündel zusammenzutragen und

Päpste anzuputzen, wurde ein Actenstück, das für die Freiheiten Englands

kaum minder wichtig war, als die Magna Charta, von London nach dem Haag

gesandt.

[_Die Tories werden andrer Ansicht in Betreff der Rechtmäßigkeit des

Widerstandes._] Der Prozeß der Bischöfe und die Geburt des Prinzen von

Wales hatten in den Gesinnungen vieler Tories einen großen Umschwung

herbeigeführt. In dem Augenblicke, wo ihrer Kirche eine so empörende

Beleidigung und Verhöhnung widerfuhr, mußten sie die Hoffnung auf eine

friedliche Lösung aufgeben. Bisher hatten sie gehofft, daß die Prüfung,

welche ihre Loyalität zu ertragen hatte, wenn auch hart, doch nur

vorübergehend sein werde und daß ihre Leiden ohne Verletzung der

feststehenden Thronfolgeordnung bald gehoben werden würden. Jetzt aber

eröffnete sich ihnen eine ganz andre Aussicht. So weit sie vorwärts

blickten, sahen sie die verkehrte Regierung der letzten drei Jahre durch

ganze Menschenalter sich fortspinnen. Die Wiege des präsumtiven

Thronfolgers war von Jesuiten umgeben und es stand zu befürchten, daß

dem kindlichen Gemüth des Prinzen ein tödtlicher Haß gegen die Kirche,

deren Oberhaupt er dereinst werden sollte, eingeimpft, daß dieser Haß

das leitende Prinzip seines Lebens werden und auf seine Nachkommenschaft

übergehen würde. Und diese unheilvolle Aussicht hatte keine Grenze, sie

reichte über die Lebenszeit des jüngsten Menschen, bis über das

achtzehnte Jahrhundert hinaus. Niemand konnte sagen, wie viele

Generationen protestantischer Engländer noch ein Joch zu tragen haben

würden, das man selbst bei der Voraussicht einer kurzen Dauer schon für

unerträglich hielt. Gab es denn gar kein Heilmittel? Eines gab es noch,

ein rasches, heftiges und entscheidendes, ein Mittel, zu dem die Whigs

nur zu bereitwillig gegriffen hätten, das aber von den Tories jederzeit

und unter allen Umständen als verwerflich betrachtet worden war.

Die größten anglikanischen Gelehrten der damaligen Zeit hatten den Satz

aufgestellt, daß keine Übertretung eines Gesetzes oder eines Vertrags,

kein Übermaß von Härte, Raubsucht oder Willkür von Seiten eines

rechtmäßigen Königs sein Volk zum gewaltsamen Widerstande gegen ihn

berechtigen könne. Einige von ihnen hatten etwas darin gesucht, die

Lehre vom Nichtwiderstande in einer so überspannten Form darzustellen,

daß der gesunde Verstand und die Humanität sich dagegen empören mußten.

Sie bemerkten häufig und mit Nachdruck, daß Nero an der Spitze des

römischen Reiches gestanden habe, als Paulus die Pflicht des Gehorsams

gegen die Obrigkeit einschärfte. Daraus zogen sie den Schluß, daß, wenn

ein englischer König, ohne ein andres Gesetz als seinen Willen, seine

Unterthanen wegen Nichtanbetung von Götzenbildern verfolgte, sie den

Löwen im Tower vorwürfe, sie in getheerte Tücher hüllte und zur

Beleuchtung des St. Jamesparkes anzündete, und wenn er mit diesen

Grausamkeiten fortführe, bis ganze Städte und Grafschaften entvölkert

wären, die Überlebenden trotzdem noch immer verpflichtet sein würden,

sich willig zu unterwerfen und sich ohne Widerstand in Stücken zerreißen

oder lebendig braten zu lassen. Allerdings waren die Gründe, welche zu

Gunsten dieser Behauptung angeführt wurden, unhaltbar, aber der Mangel

vernünftiger Argumente wurde reichlich ersetzt durch die Alles

vermögende Sophistik des Eigennutzes und der Leidenschaft. Viele

Schriftsteller haben ihr Erstaunen darüber ausgedrückt, wie die stolzen

Kavaliere Englands sich für die knechtischeste Theorie, die die Welt je

gesehen hat, so begeistern konnten. Dies kommt daher, weil diese Theorie

dem Kavalier anfangs als der directe Gegensatz des Knechtischen

erschien, denn sie machte ihn nicht zum Sklaven, sondern zum freien

Herrn und Gebieter. Sie gefiel ihm, weil sie dem gefiel, den er als

seinen Beschützer, als seinen Freund, als das Oberhaupt seiner geliebten

Partei und seiner noch mehr geliebten Kirche betrachtete. Unter der

Herrschaft der Republikaner hatte der Royalist Unbilden und Kränkungen

ertragen müssen, welche er nach der Wiedereinsetzung der rechtmäßigen

Regierung hatte vergelten können. Rebellion war daher in seinem Sinne

gleichbedeutend mit Unterwerfung und Erniedrigung, monarchische

Autorität mit Freiheit und Übergewicht. Es war ihm nie eingefallen,

daß eine Zeit kommen könnte, wo ein König, ein Stuart die loyalsten

Geistlichen und Edelleute mit größerer Erbitterung verfolgen würde, als

einst der Rumpf oder der Protector. Eine solche Zeit war gekommen. Jetzt

mußte es sich zeigen, wie die Geduld, welche die Anhänger der

Landeskirche aus den Schriften des Paulus gelernt zu haben vermeinten,

die Probe einer Verfolgung bestehen würde, die noch keineswegs so

schlimm war, wie die eines Nero. Das Ergebniß war so, wie es Jedermann,

der die menschliche Natur nur einigermaßen kannte, vorausgesagt haben

würde. Der Despotismus bewirkte bald, was, der Philosophie und der

Beredtsamkeit nie gelungen wäre. Die Angriffe Locke's hatte Filmer's

System überleben können, aber von dem tödtlichen Schlage, den Jakob ihm

versetzte, erholte es sich nie wieder.

Die Gründe, welche für unwiderleglich erklärt wurden, so lange man damit

beweisen wollte, daß Presbyterianer und Independenten Haft und

Eigenthumsberaubung mit Sanftmuth und Geduld ertragen müßten, schienen

bedeutend an Haltbarkeit zu verlieren, als es sich fragte, ob

anglikanische Bischöfe eingesperrt und die Einkünfte anglikanischer

Collegien eingezogen werden dürften. Es war von den Kanzeln aller

Kathedralen des Landes herab oft wiederholt worden, daß das apostolische

Gebot, der bürgerlichen Obrigkeit zu gehorchen, unbedingt und allgemein

und daß es eine gottlose Anmaßung der Menschen sei, ein im Worte Gottes

ohne alle Beschränkung erlassenes Gebot beschränken zu wollen. Jetzt

aber entdeckten die Geistlichen, deren Scharfsinn durch die drohende

Gefahr, ihrer Ämter und Pfründen entsetzt zu werden, um Papisten Platz

zu machen, bedeutend erhöht wurde, einige Lücken in dem Raisonnement,

das ihnen früher so überzeugend vorgekommen war. Die ethischen

Stellen der heiligen Schrift, meinten sie, dürfe man nicht wie

Parlamentsverordnungen oder wie casuistische Abhandlungen der Gelehrten

deuten. Welcher Christ werde dem Grobian, der ihn auf die rechte Wange

geschlagen, wirklich auch die linke hinhalten? Welcher Christ werde dem

Diebe, der ihm den Rock genommen, auch noch den Mantel geben? Im Alten

wie im Neuen Testament seien durchgängig nur allgemeine Regeln

aufgestellt, ohne die Ausnahmen mit anzuführen. So stehe darin das

allgemeine Gebot, nicht zu tödten, aber ohne einen Vorbehalt zu Gunsten

des Kriegers, der zur Vertheidigung seines Königs und seines Vaterlandes

tödtet. So stehe ferner darin das allgemeine Gebot nicht zu schwören,

aber ohne Vorbehalt zu Gunsten des Zeugen, der vor dem Richter schwört,

daß er die Wahrheit sagen wolle. Die Rechtmäßigkeit des

Vertheidigungskrieges und des gerichtlichen Eides werde aber nur von

einigen obscuren Sectirern bestritten, und sei in den Artikeln der

anglikanischen Kirche ausdrücklich behauptet. Alle die Gründe, welche

bewiesen, daß die Weigerung des Quäkers, Waffen zu tragen oder das

Evangelium zu küssen, unvernünftig und verkehrt sei, könnten auch gegen

Diejenigen gewendet werden, welche den Unterthanen das Recht des

gewaltsamen Widerstandes gegen maßlose Tyrannei absprachen. Wenn man

behaupte, daß die Bibelstellen, welche das Tödten und das Schwören

verboten, trotz ihrer allgemeinen Fassung doch als Unterwerfung unter

das große Gebot ausgelegt werden müßten, welches jedem Menschen

befiehlt, die Wohlfahrt seines Nächsten zu fördern und daß sie bei

solcher Auslegung nicht auf Fälle angewendet werden könnten, in denen

das Tödten und Schwören zum Schutze der theuersten Interessen der

Gesellschaft durchaus nothwendig sei, dann werde man auch schwerlich

leugnen können, daß die Bibelstellen, welche den gewaltsamen Widerstand

gegen Vorgesetzte verbieten, ebenso gedeutet werden dürften. Wenn dem

alten Volke Gottes unter Umständen gestattet worden sei, Menschenleben

zu vernichten und sich durch Eide zu binden, so sei es ihnen unter

Umständen auch erlaubt gewesen, schlechten Fürsten Widerstand zu

leisten. Wenn die alten Väter der Kirche gelegentlich eine Sprache

geführt hätten, aus welcher hervorzugehen schiene, daß sie jeden

gewaltsamen Widerstand mißbilligten, so hätten sie gelegentlich auch

eine Sprache geführt, aus welcher hervorgehe, daß sie allen Krieg und

alle Eide verwarfen. In der That, die Lehre vom passiven Gehorsam, wie

sie unter der Regierung Karl's II. in Oxford gepredigt wurde, kann nur

durch eine einseitige Auslegung, die uns unvermeidlich zu den

Schlußfolgerungen Barclay's und Penn's führen wurde, aus der Bibel

hergeleitet werden.

Es waren jedoch nicht allein dem Wortlaute der heiligen Schrift

entlehnte Gründe, vermittelst deren die anglikanischen Theologen in den

unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahren ihren Lieblingssatz zu

beweisen versuchten. Sie hatten sich auch bemüht darzuthun, daß selbst

wenn die Offenbarung darüber schweige, schon die Vernunft den Weisen von

der Thorheit und Verwerflichkeit jedes gewaltsamen Widerstandes gegen

die bestehende Regierung überzeugt haben würde. Es werde allgemein

zugegeben, daß solcher Widerstand, außer im höchsten Nothfalle, nicht zu

rechtfertigen sei. Aber wer könne die Grenze zwischen höchsten

Nothfällen und gewöhnlichen Fällen bestimmen? Gäbe es wohl eine

Regierung, unter der sich nicht Mißvergnügte und Aufwiegler finden

würden, welche sagten und vielleicht auch wirklich glaubten, daß ihre

Beschwerden einen höchsten Nothfall begründeten? Ja, wenn sich eine

klare und bestimmte Regel aufstellen ließe, welche den Menschen verböte,

sich gegen einen Trajan zu empören, ihnen aber erlaubte, sich gegen

einen Caligula aufzulehnen, so würde eine solche Regel allerdings höchst

wohlthätig sein. Aber eine derartige Regel sei nie aufgestellt worden

und könne auch nie aufgestellt werden. Wenn man sage, der Aufruhr sei

unter gewissen Umständen erlaubt, ohne diese Umstände genau zu

bezeichnen, so sei dies eben so gut als wenn man sage, Jedermann dürfe

sich empören, sobald es ihm passend erscheine; eine Gesellschaft aber,

in der sich Jedermann empören könne, wenn er es für zweckmäßig halte,

sei schlechter bestellt als eine unter der Herrschaft des grausamsten

und willkürlichsten Despoten stehende. Daher sei es nothwendig, das

große Prinzip des Nichtwiderstandes in seinem vollen Umfange aufrecht zu

erhalten. Allerdings könnten besondere Fälle eintreten, in denen der

Widerstand eine Wohlthat für die Gesellschaft sein würde; im Ganzen

genommen aber sei es immer besser, wenn das Volk geduldig eine schlechte

Regierung ertrage, als wenn es sich durch Verletzung eines Gesetzes zu

helfen suche, auf dem die Sicherheit jeder Regierung beruhe.

Eine solche Argumentation überzeugte wohl eine herrschende und

glückliche Partei sehr leicht, aber die Prüfung von Geistern, welche

durch königliche Ungerechtigkeit und Undankbarkeit heftig gereizt waren,

hielt sie nicht aus. Es ist allerdings unmöglich, eine strenge Grenze

zwischen rechtmäßigem und unrechtmäßigem Widerstande zu ziehen; aber

diese Unmöglichkeit liegt in dem ganzen Wesen von Recht und Unrecht und

findet sich in fast jedem Zweige der ethischen Wissenschaft. Eine gute

Handlung unterscheidet sich von einer schlechten nicht durch so

deutliche Kennzeichen, wie ein Sechseck von einem Quadrat. Es giebt eine

Grenze, wo Tugend und Laster in einander verschmelzen. Wer hat jemals

eine genaue Grenzlinie zwischen Muth und Unbesonnenheit, zwischen

Vorsicht und Feigheit, zwischen Sparsamkeit und Geiz, zwischen

Freigebigkeit und Verschwendung zu ziehen vermocht? Wer hat jemals sagen

können, wie weit die Nachsicht gegen Verbrecher gehen darf, wo sie

aufhört den Namen Nachsicht zu verdienen, um verderbliche Schwäche zu

werden? Welcher Casuist, welcher Gesetzgeber ist jemals im Stande

gewesen, die Grenzen des Selbstvertheidigungsrechts zu bestimmen? Alle

unsere Juristen sind der Ansicht, daß ein gewisses Maß von Gefahr für

Leben oder Glieder den Menschen berechtige, einen Angreifer

niederzuschießen oder zu erstechen, aber den Versuch, das Maß der Gefahr

in bestimmten Worten zu bezeichnen, haben sie längst als unausführbar

aufgegeben. Sie sagen nur, es dürfe keine unbedeutende, sondern eine

solche Gefahr sein, die einen muthigen Menschen ernstlich um sich

besorgt machen kann; aber wer wird es unternehmen zu sagen, welcher Grad

von Besorgniß wirklich ernst genannt zu werden verdient oder wie der

Geist eines Menschen beschaffen sein muß, um als muthig gelten zu

können? Man muß es allerdings beklagen, daß die Natur der Worte und die

Natur der Dinge eine genauere Gesetzgebung nicht gestattet, und es läßt

sich nicht leugnen, daß oft Jemandem Unrecht geschieht, wenn die

Menschen Richter in ihrer eignen Sache sind und ihr Urtheil

augenblicklich vollziehen. Aber wer könnte deshalb alle und jede

Nothwehr verbieten? Das Recht eines Volks, einer schlechten Regierung

Widerstand zu leisten, ist ganz analog dem Rechte, mit dem der Einzelne

in Ermangelung gesetzlichen Schutzes einen ihn Angreifenden erschlagen

darf. In beiden Fällen muß die Gefahr sehr ernst sein; in beiden Fällen

müssen alle gesetzlichen und friedlichen Vertheidigungsmittel erschöpft

sein, ehe die verletzte Partei zum Äußersten schreitet; in beiden Fällen

ladet man sich eine große Verantwortlichkeit auf; in beiden Fällen ruht

die Beweislast auf Demjenigen, der es gewagt hat, zu einem so

verzweifelten Auskunftsmittel zu greifen, und vermag er sich nicht zu

rechtfertigen, so verwirkt er mit Recht die schwersten Strafen. Aber in

keinem der beiden Fälle können wir das Vorhandensein alles Rechts

leugnen. Ein von Mördern überfallener Mensch ist nicht verpflichtet,

sich ohne von seinen Waffen Gebrauch zu machen, martern und abschlachten

zu lassen, weil noch Niemand im Stande gewesen ist, das Maß der Gefahr,

welches einen Todtschlag rechtfertigt, genau zu bestimmen. Ebenso wenig

ist eine Gesellschaft verpflichtet, Alles was die Tyrannei über sie

verhängen kann, mit passiver Geduld zu ertragen, weil noch Niemand das

Maß der Regierungssünden, das eine Empörung rechtfertigt, genau zu

bestimmen vermochte.

Aber konnte der Widerstand der Engländer gegen einen Fürsten wie Jakob

eigentlich Empörung genannt werden? Die ächten Schüler Filmer's

behaupteten allerdings, daß zwischen unsrem Regierungssystem und dem der

Türkei nicht der geringste Unterschied sei, und wenn der König sich

nicht den Inhalt aller Kaufmannskasten in Lombard Street zueigne und

Stumme mit der seidenen Schnur zu Sancroft und Halifax sende, so

geschehe dies nur, weil Seine Majestät zu mild und gnädig sei, als daß

er seine ganze, ihm vom Himmel ertheilte Macht ausüben sollte. Aber wenn

auch die Tories zuweilen in der Hitze des Wortstreits eine Sprache

führten, welche anzudeuten schien, daß sie diesen überspannten Lehren

Beifall zollten, so verabscheuten sie den Despotismus doch gründlich.

Die englische Regierungsform war nach ihren Begriffen eine beschränkt

monarchische. Aber wie kann eine Monarchie beschränkt genannt werden,

wenn niemals, selbst nicht im äußersten Nothfalle Gewalt angewendet

werden darf, um sie innerhalb der ihr vorgeschriebenen Schranken zu

halten? In Rußland, wo der Herrscher nach der Verfassung des Staats

unbeschränkt war, konnte man vielleicht mit einem Schein von Richtigkeit

behaupten, daß er, welche Übergriffe er sich auch erlaubte, noch immer

nach christlichen Grundsätzen von seinen Unterthanen Gehorsam verlangen

durfte. Bei uns aber stand der Fürst so gut unter dem Gesetze wie das

Volk. Es war daher Jakob, der das Wehe über sich brachte, welches Denen

angedroht ist, die der bestehenden Gewalt Hohn sprechen. Jakob war es,

der sich den Anordnungen Gottes widersetzte, der sich gegen die

rechtmäßige Autorität auflehnte, welcher er nicht allein aus Furcht vor

dem göttlichen Zorne, sondern schon nach eigenem Gewissen hätte

unterthan sein sollen, und der im wahren Sinne der Worte Jesu dem Kaiser

nicht gab was des Kaisers war.

In Folge derartiger Betrachtungen fingen die kundigsten und

aufgeklärtesten Tories an zuzugeben, daß sie in der Lehre vom passiven

Gehorsam doch zu weit gegangen waren. Der Streit zwischen diesen Männern

und den Whigs bezüglich der gegenseitigen Verpflichtungen der Könige und

Unterthanen war jetzt kein Prinzipstreit mehr. Es blieben allerdings

noch einige gerichtliche Streitpunkte zwischen der Partei, welche

jederzeit die Rechtmäßigkeit des gewaltsamen Widerstandes behauptet

hatten, und den Neubekehrten. Das Andenken des gesegneten Märtyrers

wurde von den alten Kavalieren, welche bereit waren, gegen seinen

entarteten Sohn die Waffen zu ergreifen, noch immer so hoch als je

verehrt. Sie sprachen noch immer mit Abscheu von dem langen Parlamente,

von dem Ryehousecomplot und von dem Aufstande im Westen. Aber wie sie

auch über die Vergangenheit denken mochten, ihre Ansicht von der

Gegenwart war entschieden whiggistisch, denn sie waren jetzt der

Meinung, daß äußerster Druck gewaltsamen Widerstand rechtfertigen könne

und daß der Druck, unter dem die Nation eben seufzte, den äußersten Grad

erreicht habe.[1]

Man darf jedoch nicht glauben, daß alle Tories selbst unter den

damaligen Umständen einem Prinzipe entsagten, daß sie von Kindheit auf

als einen wesentlichen Bestandtheil des Christenthums betrachten

gelernt, zu dem sie sich viele Jahre lang mit prahlender Heftigkeit

bekannt und das sie durch Verfolgung zu verbreiten gesucht hatten.

Manche hielten aus wirklicher Überzeugung, Andere aus Scham an dem alten

Glauben fest. Der größere Theil aber selbst von Denen, welche nach wie

vor jeden gewaltsamen Widerstand gegen den Landesherrn für unstatthaft

erklärten, war geneigt, im Falle eines Bürgerkriegs neutral zu bleiben.

Keine Herausforderung sollte sie zum Aufstande bewegen, wenn aber ein

solcher ausbräche, so glaubten sie sich nicht verpflichtet, für

Jakob II. zu kämpfen, wie sie für Karl I. gekämpft haben würden. Paulus

habe den Christen in Rom verboten, sich gegen die Herrschaft Nero's zu

empören; aber es sei kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß, wenn der

Apostel noch gelebt hätte, als die Legionen und der Senat sich gegen den

ruchlosen Kaiser erhoben, er den Brüdern befohlen haben würde, zur

Unterstützung der Tyrannei zu den Waffen zu eilen. Die Pflicht der

verfolgten Kirche sei klar: sie müsse geduldig ausharren und ihre Sache

Gott anheim stellen. Wenn es aber Gott, dessen weise Fürsorge stets das

Böse zum Guten lenkt, gefallen sollte, wie es ihm oft gefallen habe,

sich zur Abstellung ihrer Leiden der Vermittelung solcher Menschen zu

bedienen, deren heftige Leidenschaften ihre Lehren nicht zu bezähmen

vermocht hätten, so könne sie dankbar von ihm eine Befreiung annehmen,

welche auf eigne Hand zu bewerkstelligen ihre Grundsätze ihr nicht

gestatteten. So waren die meisten von den Tories, welche noch immer

jeden Gedanken an einen Angriff auf die Regierung aufrichtig

zurückwiesen, doch keineswegs gemeint, sie zu vertheidigen, und freuten

sich vielleicht, während sie sich ihrer eigenen Gewissensscrupel

rühmten, im Stillen darüber, daß nicht Jedermann so bedenklich war als

sie.

Die Whigs sahen, daß ihre Zeit gekommen war. Ob sie das Schwert gegen

die Regierung ziehen sollten, war schon seit sechs oder sieben Jahren

bei ihnen nur noch eine Frage der Klugheit und jetzt gebot ihnen eben

die Klugheit, einen kühnen Weg einzuschlagen.

[Anmerkung 1: Dieser Umschwung in den Ansichten eines Theiles der

Torypartei ist in einem Schriftchen, welches zu Anfang des Jahres

1689 unter dem Titel erschien: +»A Dialogue betwen Two friends,

wherein the Church of England is vindicated in joining with the

Prince of Orange«+ trefflich dargestellt.]

[_Russell schlägt dem Prinzen von Oranien eine Landung in England vor._]

Im Mai, vor der Geburt des Prinzen von Wales und während es noch ungewiß

war, ob die Indulgenzerklärung in den Kirchen verlesen werden würde oder

nicht, hatte sich Eduard Russell nach dem Haag begeben, hatte dem

Prinzen von Oranien den Zustand der Volksstimmung eindringlich

geschildert und Seiner Hoheit gerathen, an der Spitze einer starken

Truppenmacht in England zu erscheinen und das Volk zu den Waffen zu

rufen.

Wilhelm hatte die ganze Bedeutung der Krisis auf den ersten Blick

erkannt. »Jetzt oder nie!« sagte er auf Lateinisch zu Dykvelt.[2] Gegen

Russell sprach er sich vorsichtiger aus, gab zu, daß die Leiden des

Staats von der Art seien, daß sie ein außergewöhnliches Heilmittel

erheischten, sprach aber sehr ernstlich von dem möglichen Scheitern des

Unternehmens und von dem Unheil, welches dadurch über Großbritannien und

über ganz Europa gebracht werden konnte. Er wisse nur zu gut, daß Viele,

die sich jetzt in hochtönenden Worten bereit erklärten, Gut und Blut dem

Vaterlande zu opfern, wieder zaghaft werden würden, wenn ihnen die

Aussicht auf eine Wiederholung der Blutigen Assisen nahe vor Augen

träte, und er könne sich daher nicht mit unbestimmten Versicherungen von

Geneigtheit begnügen, sondern verlange bestimmte Einladungen und

schriftliche Unterstützungszusagen von einflußreichen und bedeutenden

Männern. Russell bemerkte ihm dagegen, daß es gefährlich sein werde,

eine größere Anzahl von Personen in den Plan einzuweihen. Wilhelm

stimmte ihm bei und sagte, daß einige wenige Unterschriften genügen

würden, wenn es die von Staatsmännern wären, welche große Parteien

repräsentirten.[3]

[Anmerkung 2: +»Aut nunc, aut nunquam.«+ -- Witsen's

Handschriften, citirt von Wagenaar, Buch 60.]

[Anmerkung 3: +Burnet, I. 763.+]

[_Heinrich Sidney._] Mit dieser Antwort kehrte Russell nach London

zurück, wo er die Aufregung bedeutend gestiegen und noch täglich

zunehmend fand. Die Einsperrung der Bischöfe und die Entbindung der

Königin erleichterten ihm seine Aufgabe mehr als er es hätte erwarten

können. Er eilte die Stimmen der Oberhäupter der Opposition zu sammeln

und sein Hauptgehülfe bei diesem Geschäft war Heinrich Sidney, der

Bruder Algernon's. Es ist ein bemerkenswerther Umstand, daß Eduard

Russell sowohl als Heinrich Sidney dem Hofstaate Jakob's angehört

hatten, daß Beide theils aus politischen, theils aus Privatgründen seine

Feinde geworden waren und daß Beide das Blut naher Verwandter zu rächen

hatten, welche in einem und demselben Jahre als Opfer seiner

unerbittlichen Strenge gefallen waren. Hier endet jedoch die

Ähnlichkeit. Russel war, bei bedeutenden Fähigkeiten, stolz,

sarkastisch, ruhelos und heftig. Sidney schien bei sanftem Gemüth und

einnehmenden Manieren seine besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse zu

besitzen und in Genußsucht und Indolenz versunken zu sein. Von Gesicht

und Gestalt war er auffallend hübsch. In seiner Jugend war er der

Schrecken der Ehemänner gewesen und selbst jetzt, dem fünfzigsten Jahre

nahe, war er noch der Liebling der Frauen und ein Gegenstand des Neides

für jüngere Männer. Er hatte sich früher in amtlicher Stellung im Haag

aufgehalten und es war ihm gelungen, sich Wilhelm's Vertrauen in hohem

Grade zu erwerben. Viele wunderten sich darüber, denn man hätte glauben

sollen, daß der ernsteste Staatsmann und der ausschweifendste

Müßiggänger nichts mit einander gemein haben könnten. Swift konnte viele

Jahre später nicht begreifen, daß ein Mann, den er nur als einen

wissenschaftlich ungebildeten und frivolen alten Wüstling gekannt hatte,

wirklich in einer großen Revolution eine große Rolle gespielt haben

sollte. Doch selbst ein minder scharfsichtiger Beobachter als Swift

hätte wissen können, daß es einen gewissen instinktartigen Takt giebt,

der oft großen Rednern und Philosophen fehlt, aber oft bei Personen

gefunden wird, die man für einfältige Menschen erklären würde, wenn man

sie nur nach ihren Reden und Schriften beurtheilte. In der That, wer

diesen Takt besitzt, für den ist es in gewissem Sinne ein Vortheil, wenn

ihm die glänzenderen Talente mangeln, die ihn zu einem Gegenstande der

Bewunderung, des Neides und der Furcht machen würden. Sidney war ein

sprechender Beleg für diese Wahrheit. So untüchtig, unwissend und

ausschweifend er zu sein schien, so erkannte er doch ober fühlte er

vielmehr, gegen wen er zurückhaltend sein mußte und gegen wen er ohne

Gefahr mittheilend sein durfte. In Folge dessen leistete er was Mordaunt

mit all' seiner Lebhaftigkeit und all' seinem Erfindungsgeiste oder

Burnet mit all' seinem vielseitigen Wissen und seiner fließenden

Beredtsamkeit nie hätten ausführen können.[4]

[Anmerkung 4: +Sidney's Diary and Correspondence, edited by

Blencowe+; +Mackay's Memoirs+ und Swift's Note; +Burnet, I. 763.+]

[_Devonshire._] Bei den alten Whigs konnte es keine Schwierigkeiten

haben. Ihrer Meinung nach hatte es seit vielen Jahren kaum einen

Augenblick gegeben, wo die öffentlichen Rechtsverletzungen nicht den

Widerstand gerechtfertigt hätten. Devonshire, der als ihr Oberhaupt

betrachtet werden konnte, hatte sowohl private als öffentliche Unbilden

zu rächen. Er ging mit ganzem Herzen auf den Plan ein und bürgte für

seine Partei.[5]

[Anmerkung 5: +Burnet, I. 764+; Chiffrirter Brief an Wilhelm vom

18. Juni 1688 in Dalrymple.]

[_Shrewsbury. -- Halifax._] Russell theilte den Plan Shrewsbury mit und

Sidney sondirte Halifax. Shrewsbury entschloß sich mit einem Muthe und

einer Entschiedenheit, welche späterhin seinem Character zu fehlen

schienen. Er erklärte sich sofort bereit, sein Vermögen, seine Ehre und

sein Leben aufs Spiel zu setzen. Halifax aber nahm die erste Andeutung

des Vorhabens in einer Weise auf, welche bewies, daß es nutzlos und

vielleicht sogar gefährlich gewesen wäre, sich deutlicher auszusprechen.

Er war in der That auch nicht der Mann zu einem solchen Unternehmen.

Sein Geist war unerschöpflich in subtilen Unterscheidungen und

Einwendungen, sein Temperament friedliebend und nicht waghalsig. Er war

bereit, dem Hofe im Hause der Lords und durch anonyme Schriften bis aufs

Äußerste zu opponiren; aber seine vornehme Ruhe mit dem unsicheren und

bewegten Leben eines Verschwörers zu vertauschen, sich in die Gewalt von

Mitverschwornen zu geben, in beständiger Angst vor Verhaftbefehlen und

Königsboten zu leben, ja vielleicht gar auf dem Schaffot zu enden, oder

in einer Hintergasse im Haag von Almosen zu existiren, dazu hatte er

wenig Lust. Er äußerte daher einige Worte, welche deutlich erkennen

ließen, daß er nicht wünschte, in die Pläne seiner verwegeneren und

ungestümeren Freunde eingeweiht zu werden. Sidney verstand ihn und sagte

nichts mehr.[6]

[Anmerkung 6: +Ibid.+]

[_Danby und der Bischof Compton._] Hierauf wendete man sich nun zunächst

an Danby und mit weit besserem Erfolg. Für seinen kühnen und

thatkräftigen Geist hatten Gefahr und Aufregung, welche dem zarter

organisirten Gemüth Halifax' unerträglich waren, einen großen Reiz. Die

verschiedenen Charactere der beiden Staatsmänner waren schon in ihren

Gesichtszügen zu erkennen. Halifax' Stirn, Auge und Mund verriethen

einen ausgezeichneten Verstand und einen ungewöhnlichen Sinn für die

Satire; aber sein Gesichtsausdruck war der eines Skeptikers, eines

Sybariten, eines Mannes, der so leicht nicht Alles auf eine Karte setzt

oder für irgend eine Sache zum Märtyrer wird. Wer sein Gesicht kennt,

wird sich nicht wundern können, daß der Schriftsteller, der ihm am

meisten Vergnügen machte, Montaigne war.[7] Danby war ein Skelett; sein

hageres und faltenreiches, obgleich ansprechendes und edles Gesicht

verrieth sowohl seine ausgezeichneten Geistesgaben, als auch seinen

ruhelosen Ehrgeiz. Er hatte sich schon einmal aus der Dunkelheit auf den

Gipfel der Macht emporgeschwungen und war dann plötzlich von seiner Höhe

herabgestürzt. Sein Leben war in Gefahr gewesen und er hatte Jahre lang

im Gefängniß zugebracht. Jetzt war er frei, aber damit war er nicht

zufrieden, er wollte wieder groß werden. Als treuer Anhänger der

anglikanischen Kirche und Feind des französischen Übergewichts konnte er

nicht hoffen, an einem von Jesuiten wimmelnden und dem Hause Bourbon

ergebenen Hofe etwas Großes zu werden. Wenn er aber eine Hauptrolle in

einer Revolution übernahm, welche alle Pläne der Papisten vereiteln, der

langen Vasallenschaft Englands ein Ziel setzen und die königliche Macht

auf ein erlauchtes Paar übertragen sollte, dessen eheliches Band er

geknüpft hatte, so konnte er mit neuem Glanze aus seiner Dunkelheit

hervortreten. Die Whigs, deren Groll ihn neun Jahre früher aus dem Amte

gestoßen hatte, verbanden bei seinem glücklichen Wiedererscheinen gewiß

ihren Beifallsjubel mit dem seiner alten Freunde, der Kavaliere. Schon

hatte er sich mit einem der Ausgezeichnetsten von Denen, welche ihn

vormals angeklagt hatten, mit dem Earl von Devonshire, vollständig

wieder ausgesöhnt. Die beiden Kavaliere waren in einem Dorfe im Peak

zusammengekommen und hatten einander ihrer freundschaftlichen

Gesinnungen versichert. Devonshire hatte offen eingestanden, daß die

Whigs sich einer großen Ungerechtigkeit schuldig gemacht und hatte

erklärt, daß sie jetzt von ihrem Irrthum überzeugt wären. Auch Danby

hatte Mancherlei zurückzunehmen. Er hatte einst wirklich oder vorgeblich

der Lehre vom passiven Gehorsame im weitesten Sinne gehuldigt. Auf seine

Anregung oder mit seiner Genehmigung war ein Gesetz beantragt worden,

das, wenn es angenommen worden wäre, alle Diejenigen, die sich weigerten

eidlich zu erklären, daß sie gewaltsamen Widerstand unter allen

Umständen für unerlaubt hielten, vom Parlament ausgeschlossen haben

würde. Aber sein scharfer Verstand, durch die Sorge um das öffentliche

wie um sein persönliches Wohl vollständig erleuchtet, ließ sich jetzt

nicht mehr durch solche kindische Trugschlüsse täuschen, wenn dies

überhaupt jemals der Fall gewesen war. Er erklärte sofort seinen

Beitritt zu der Verschwörung, und bemühte sich dann, die Mitwirkung

Compton's, des suspendirten Bischofs von London zu gewinnen, was ihm

auch ohne Schwierigkeit gelang. Kein Prälat war von der Regierung so

rücksichtslos und ungerecht behandelt worden als Compton, auch hatte

kein Prälat soviel von einer Revolution zu erwarten als er, denn er war

der Erzieher der Prinzessin von Oranien gewesen und man glaubte

allgemein, daß er ihr Vertrauen in hohem Maße genoß. Er hatte wie seine

Collegen, so lange er noch nicht unterdrückt wurde, entschieden

behauptet, daß es ein Verbrechen sei, sich gegen den Druck aufzulehnen;

seitdem er aber vor der Hohen Commission gestanden, war ein neues Licht

in ihm aufgegangen.[8]

[Anmerkung 7: In Betreff Montaigne's siehe Halifax' Brief an

Cotton. Ich weiß nicht, ob Halifax' Kopf in der Westminsterabtei

nicht ein richtigeres Bild von ihm giebt als alle gemalten oder

gestochenen Portraits, die ich von ihm gesehen habe.]

[Anmerkung 8: Siehe Danby's Einleitung zu den Actenstücken, die er

1710 veröffentlichte, so wie auch +Burnet, I. 764.+]

[_Nottingham._] Danby und Compton wünschten Beide, sich der

Unterstützung Nottingham's zu versichern. Der ganze Plan wurde ihm

mitgetheilt und er billigte denselben. Aber schon nach wenigen Tagen

fing er an besorgt zu werden. Seine Seele war nicht stark genug, um sich

von anerzogenen Vorurtheilen loszureißen. Er ging von einem Geistlichen

zum andern, legte ihnen in allgemeinen Ausdrücken angenommene Fälle von

Tyrannei vor und fragte sie, ob in solchen Fällen der Widerstand erlaubt

sei. Die Antworten, die er erhielt, vermehrten seine Angst. Endlich

sagte er seinen Mitverschwornen, daß er nicht weiter mit ihnen gehen

könne. Wenn sie ihn für fähig hielten, sie zu verrathen, so sollten sie

ihn umbringen, und er werde sie schwerlich deshalb tadeln, denn indem er

zurücktrete, nachdem er so weit gegangen sei, gebe er ihnen eine Art von

Recht über sein Leben. Er versichere aber, daß sie von ihm nichts zu

fürchten hatten; er werde ihr Geheimniß streng bewahren und könne nicht

anders als ihnen den besten Erfolg wünschen, aber sein Gewissen gestatte

ihm nicht, thätigen Antheil an einem Aufstande zu nehmen. Sie vernahmen

sein Bekenntniß mit Argwohn und Verachtung. Sidney, der sehr unbestimmte

Begriffe von Gewissensscrupeln hatte, benachrichtigte den Prinzen, daß

Nottingham Angst bekommen habe. Man ist es jedoch Nottingham schuldig,

zu sagen, daß sein allgemeiner Lebenswandel uns zu dem Glauben

berechtigt, daß er bei dieser Gelegenheit durchaus rechtschaffen, wenn

auch höchst unklug und unentschlossen handelte.[9]

[Anmerkung 9: +Burnet, I. 764+; Sidney an den Prinzen von Oranien,

30. Juni 1688, in Dalrymple.]

[_Lumley._] Einen vollständigeren Erfolg hatten die Agenten des Prinzen

bei Lord Lumley, der wohl wußte, daß er trotz des hochwichtigen

Dienstes, den er zur Zeit des Aufstandes im Westen geleistet, in

Whitehall nicht blos als Ketzer, sondern als Renegat verhaßt war, und

der sich daher mehr als die meisten gebornen Protestanten danach sehnte,

zur Vertheidigung des Protestantismus die Waffen zu ergreifen.[10]

[Anmerkung 10: +Burnet, I. 763+; Lumley an Wilhelm, 31. Mai 1688

in Dalrymple.]

[_Absendung der Einladung an Wilhelm._] Im Monat Juni hatten die ins

Geheimniß Eingeweihten häufige Zusammenkünfte, und am Letzten dieses

Monats, dem Tage, an welchem die Bischöfe für nichtschuldig erklärt

wurden, geschah endlich der entscheidende Schritt. Es wurde eine von

Sidney geschriebene, aber von einer in der Abfassung derartiger Aufsätze

geübteren Person entworfene förmliche Einladung nach dem Haag

abgeschickt. In diesem Schreiben wurde Wilhelm versichert, daß neunzehn

Zwanzigstel des englischen Volks sich nach einer Änderung sehnten und

sich gern zur Herbeiführung einer solchen verbinden würden, wenn sie den

Beistand einer solchen auswärtigen Macht erlangen könnten, welche die

sich in Waffen Erhebenden vor der Gefahr sichere, zerstreut und

niedergehauen zu werden, ehe sie sich in irgend einer militairischen

Ordnung formiren könnten. Wenn Seine Hoheit an der Spitze eines

Truppencorps in England erschiene, würden viele Tausende zu seinen

Fahnen eilen, und er würde bald über eine der regulären Armee Englands

weit überlegene Streitmacht zu verfügen haben. Überdies könne sich die

Regierung selbst auf diese Armee nicht unbedingt verlassen. Die

Offiziere seien unzufrieden und die gemeinen Soldaten theilten den

Widerwillen gegen den Papismus, der in dem Stande, welchem sie

angehörten, allgemein sei. Bei der Seemacht sei die protestantische

Gesinnung noch allgemeiner. Es sei daher von Wichtigkeit, daß ein

entscheidender Schritt geschehe, so lange sich die Dinge in diesem

Zustande befänden. Das Unternehmen würde viel schwieriger sein, wenn es

verschoben würde, bis der König durch Umgestaltung der Wahlkörper und

der Regimenter sich ein Parlament und ein Heer gebildet habe, auf die er

sich verlassen könnte. Die Verschwornen baten demnach den Prinzen

dringend, so schleunig als möglich zu ihnen zu kommen. Sie gaben ihr

Ehrenwort darauf, daß sie sich ihm anschließen würden und machten sich

anheischig, die Mitwirkung einer so großen Anzahl Personen zu erlangen,

als man ohne Gefahr in ein so wichtiges und gefährliches Geheimniß

ziehen könne. Über einen Punkt hielten sie es für ihre Pflicht, Seiner

Hoheit eine Vorstellung zu machen. Er habe die Meinung der großen Masse

der Engländer über die kürzliche Geburt eines Prinzen nicht zu seinem

Vortheile benutzt, sondern im Gegentheil Glückwünsche nach Whitehall

gesandt, wodurch es scheinen müsse, als ob das Kind, welches den Namen

eines Prinzen von Wales bekommen habe, der rechtmäßige Erbe des Thrones

sei. Dies sei ein großer Fehler gewesen und habe den Eifer abgekühlt.

Nicht Einer unter Tausend zweifle daran, daß der Knabe untergeschoben

sei und der Prinz würde seinen Vortheil nicht richtig erkennen, wenn er

nicht die verdächtigen Umstände, welche die Niederkunft der Königin

begleitet hätten, unter den Gründen für seine bewaffnete Erhebung obenan

stelle.[11]

Dieses Schreiben war mit den Namenschiffern der sieben Oberhäupter der

Verschwörung, Shrewsbury, Devonshire, Danby, Lumley, Compton, Russell

und Sidney, unterzeichnet. Herbert übernahm das Amt des Überbringers.

Seine Sendung war mit nicht geringer Gefahr verknüpft. Er legte die

Tracht eines gemeinen Matrosen an und erreichte am Freitag nach dem

Prozesse der Bischöfe die niederländische Küste. Er eilte augenblicklich

zu dem Prinzen. Bentinck und Dyckvelt wurden gerufen und es vergingen

mehrere Tage unter Berathungen. Das erste Resultat dieser Berathungen

war, daß das Gebet für den Prinzen von Wales nicht mehr in der Kapelle

des Prinzen verlesen wurde.[12]

[Anmerkung 11: Siehe die ausführliche Einladung bei Dalrymple.]

[Anmerkung 12: Sidney's Brief an Wilhelm, 30. Juni 1688; Avaux,

11.(21.), 12.(22.) Juli.]

[_Mariens Verhalten._] Von Seiten seiner Gemahlin hatte Wilhelm keine

Opposition zu fürchten. Er übte eine unbeschränkte Gewalt über ihren

Geist aus und, was noch merkwürdiger war, er hatte ihre ganze Zuneigung

gewonnen. Er ersetzte ihr die Eltern, die sie durch den Tod und durch

Entfremdung verloren hatte, die Kinder, die ihren Gebeten versagt

worden, und das Vaterland, aus dem sie verbannt war. Er theilte die

Herrschaft über ihr Herz nur mit ihrem Gott. An ihrem Vater hatte sie

wahrscheinlich nie mit Liebe gehangen, sie hatte ihn in früher Jugend

verlassen, seit vielen Jahren hatte sie ihn nicht gesehen und sein

Benehmen gegen sie seit ihrer Vermählung hatte weder Zärtlichkeit von

seiner Seite verrathen noch in ihr ein derartiges Gefühl erwecken

können. Er hatte alles Mögliche gethan, um ihr häusliches Glück zu

stören und unter ihrem Dache ein förmliches System von Spioniererei,

Aushorcherei und Angeberei eingeführt. Er bezog größere Einkünfte als

irgend einer seiner Vorgänger und bewilligte ihrer jüngeren Schwester

ein regelmäßiges Jahrgehalt von vierzigtausend Pfund;[13] die

muthmaßliche Erbin seines Thrones aber hatte nie die geringste

Geldunterstützung von ihm erhalten und war kaum im Stande, den ihrem

hohen Range unter den europäischen Fürstinnen zukommenden Aufwand zu

machen. Sie hatte es gewagt, sich für ihren alten Freund und Lehrer

Compton bei ihm zu verwenden, der von seinen bischöflichen Functionen

suspendirt worden war, weil er sich geweigert hatte, eine Handlung

empörender Ungerechtigkeit zu begehen, aber ihre Fürsprache war ungnädig

abgewiesen werden.[14] Von dem Tage an, wo es sich klar herausgestellt

hatte, daß sie und ihr Gemahl entschlossen waren, sich bei dem Umsturze

der englischen Verfassung nicht zu betheiligen, war es ein Hauptzweck

der Politik Jakob's gewesen, sie Beide zu kränken. Er hatte die

britischen Regimenter aus Holland zurückberufen, er hatte mit Tyrconnel

und mit Frankreich gegen Mariens Rechte conspirirt und Anstalten

getroffen, um sie wenigstens einer der drei Kronen zu berauben, auf

welche sie bei seinem Tode Anspruch gehabt haben würde. Jetzt glaubte

die große Masse seines Volks und viele Personen von hohem Range und

ausgezeichneten Fähigkeiten, daß er einen unächten Prinzen von Wales in

die königliche Familie eingeschmuggelt habe, um sie eines reichen

Erbtheils zu berauben, und man konnte nicht zweifeln, daß auch sie den

herrschenden Argwohn theilte. Einen solchen Vater konnte sie unmöglich

lieben. Ihre religiösen Grundsätze waren allerdings so streng, daß sie

sich wahrscheinlich bemüht haben würde, das was sie für ihre Pflicht

hielt, auch gegen einen nicht geliebten Vater zu erfüllen. In dem

vorliegenden Falle aber war sie der Meinung, daß Jakob's Anrecht auf

ihren Gehorsam einem geheiligteren Anrechte weichen müsse. In der That

stimmen alle Theologen und Publicisten darin überein, daß, wenn die

Tochter des Fürsten eines Landes mit dem Fürsten eines andren Landes

vermählt ist, sie ihr eignes Volk und ihr Vaterhaus vergessen und im

Falle eines Bruches zwischen ihrem Gemahl und ihren Eltern auf die Seite

des Ersteren treten muß. Dies ist die feststehende Regel, selbst wenn

der Gatte im Unrecht wäre; in Mariens Augen aber war das von Wilhelm

beabsichtigte Unternehmen nicht nur gerecht, sondern heilig.

[Anmerkung 13: Bonrepaux, 18.(28.) Juli 1687.]

[Anmerkung 14: Birch's Auszüge im Britischen Museum.]

[_Schwierigkeiten der Unternehmung Wilhelm's._] Obgleich sie es aber

sorgfältig vermied, irgend etwas zu thun oder zu sagen, was die ihm

entgegenstehenden Schwierigkeiten vermehren konnte, so waren diese

Schwierigkeiten doch sehr ernster Art. Sie wurden jedoch selbst von

Einigen von Denen, die ihn einluden hinüberzukommen, nur unvollkommen

begriffen, und sind auch von einigen Geschichtsschreibern der

Unternehmung nur unvollkommen geschildert worden.

Die Hindernisse, welche er auf englischem Boden zu erwarten hatte, waren

zwar die mindest furchtbaren, die der Ausführung seines Planes

entgegenstanden, waren aber doch auch sehr ernst. Er sah wohl ein, daß

es Wahnsinn gewesen wäre, nach dem Beispiele Monmouth's mit einigen

wenigen britischen Abenteurern über das Meer zu fahren und auf eine

allgemeine Erhebung der Bevölkerung zu rechnen. Es war nothwendig und

wurde von Allen, die ihn einluden, als nothwendig erkannt, daß er eine

Armee mitbrachte. Aber wer konnte für den Eindruck stehen, den das

Erscheinen einer solchen Armee machen würde? Die Regierung war

allerdings mit Recht verhaßt, aber ließ sich wohl erwarten, daß das an

die Einmischung festländischer Mächte in englische Streitigkeiten nicht

gewohnte englische Volk einen von fremden Soldaten umgebenen Befreier

mit wohlwollendem Auge betrachten würde? Wenn nur ein Theil der

königlichen Truppen dem Eindringenden entschlossenen Widerstand

entgegensetzte, würde dieser Theil nicht bald die vaterländischen

Sympathien von Millionen auf seiner Seite haben? Eine Niederlage würde

dem ganzen Unternehmen verderblich geworden sein. Ein blutiger Sieg der

Söldlinge der Generalstaaten über die Coldstreamgarden und die Buffs im

Herzen der Insel wäre fast ein eben so großes Unglück gewesen als eine

Niederlage. Ein solcher Sieg würde die schmerzlichste Wunde gewesen

sein, welche je dem Nationalstolze einer der stolzesten Nationen

geschlagen worden. Die so eroberte Krone hätte nie in Ruhe und Frieden

getragen werden können. Der Haß, mit dem man die Hohe Commission und die

Jesuiten betrachtete, wäre durch den viel stärkeren Haß gegen fremde

Eroberer verdrängt worden, und Viele, die seither auf Frankreichs Macht

mit Furcht und Abscheu geblickt hatten, würden gesagt haben, daß wenn

nun einmal ein fremdes Joch getragen werden müsse, das französische

weniger schimpflich sei als das holländische.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Fünfter Band (der 11) · 第 1 / 26 段