»Eine fröhliche Weihnacht und ein glückliches Neujahr dem Alten, wie er

immer sein möge!« sagte Scrooges Neffe. »Er wollte den Wunsch nicht von

mir annehmen, aber er soll ihn doch haben.«

Onkel Scrooge war unmerklich so fröhlich und leichtherzig geworden, daß

er der von seiner Gegenwart nichts wissenden Gesellschaft ihren Toast

erwidert und ihr mit einer unhörbaren Rede gedankt haben würde, wenn der

Geist ihm Zeit gelassen hätte. Aber alles verschwand in dem Hauche von

dem letzten Worte des Neffen und er und der Geist waren wieder

unterwegs. Sie gingen weit und sahen viel und besuchten manchen Herd,

aber immer spendeten sie Glück. Der Geist stand neben Kranken, und sie

wurden heiter und hoffend; neben Wandernden in fernen Ländern und sie

träumten von der Heimat; neben solchen, die mit dem Leben rangen, und

sie harrten geduldig aus; neben Armen, und sie waren reich. Im

Armenhause und im Lazarette, im Kerker und in jedem Zufluchtsorte des

Jammers, wo der Mensch in seiner kurzen ärmlichen Herrschaft dem Geiste

die Thür verschlossen hatte, spendete er seinen Segen und lehrte Scrooge

seine Weise.

Es war eine lange Nacht, wenn es nur eine Nacht war; aber Scrooge

zweifelte daran, denn die Weihnachtsfeiertage schienen in die Zeit, die

sie miteinander zubrachten, zusammengedrängt zu sein. Es war auch

sonderbar, daß während Scrooge äußerlich ganz unverändert blieb, der

Geist offenbar älter wurde. Scrooge hatte diese Veränderung bemerkt,

aber sprach nie davon, bis sie von einer Kinderweihnachtsgesellschaft

weggingen, wo er bemerkte, daß des Geistes Haar grau geworden war.

»Ist das Leben der Geister so kurz?« fragte Scrooge.

»Mein Leben auf dieser Erde ist sehr kurz,« sagte der Geist, »es endet

noch diese Nacht.«

»Diese Nacht noch!« rief Scrooge.

»Heute um Mitternacht. Horch, die Zeit nahet.«

Die Glocke schlug drei Viertel auf Zwölf.

»Vergieb mir, wenn ich nicht recht thue, zu fragen,« sagte jetzt

Scrooge, scharf auf des Geistes Gewand blickend, »aber ich sehe etwas

Seltsames, was nicht zu dir gehört, unter deinem Mantel hervorblicken.

Ist es ein Fuß oder eine Klaue?«

»Nach dem wenigen Fleisch, was darauf ist, könnte es wohl eine Klaue

sein,« gab der Geist traurig zur Antwort.

»Sieh' hier.«

Aus den weiten Falten seines Gewandes hervor erschienen jetzt zwei

Kinder: elend, abgemagert, häßlich und jammererregend. Sie knieten vor

ihm nieder und hielten sich fest an den Saum seines Gewandes.

»O, Mensch, sieh' hier. Sieh' hier, sieh' hier!« rief der Geist.

Es war ein Knabe und ein Mädchen. Gelb, elend, zerlumpt und mit wildem,

tückischem Blick; aber doch demütig. Wo die Schönheit der Jugend ihre

Züge hätte füllen und mit ihren frischesten Farben kleiden sollen, hatte

eine runzlige, abgelebte Hand, gleich der des Alters, sie berührt und

versehrt. Wo Engel hätten thronen können, lauerten Teufel mit grimmigem,

drohendem Blick. Keine Veränderung, keine Entwürdigung der Menschheit in

allen Geheimnissen der Schöpfung hat so schreckliche und grauenerregende

Ungeheuer aufzuweisen.

Scrooge fuhr entsetzt zurück. Da sie ihm der Geist auf diese Weise

gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne Kinder, aber die

Worte erstickten sich selbst, um nicht teilzuhaben an einer so

ungeheuren Lüge.

»Geist, sind das deine Kinder?« Scrooge konnte weiter nichts sagen.

»Es sind des Menschen Kinder,« sagte der Geist, auf sie herabschauend.

»Und sie hängen sich an mich, vor mir ihre Väter anklagend. Dieses

Mädchen ist die Unwissenheit. Dieser Knabe ist der Mangel. Nimm sie

beide wohl in acht, aber vor allem diesen Knaben, denn auf seiner Stirn

seh' ich geschrieben, was Verhängnis ist, wenn die Schrift nicht

verlöscht wird. Leugnet es,« rief der Geist, seine Hand nach der Stadt

ausstreckend. »Verleumdet die, welche es euch sagen! Gebt es zu um eurer

Parteizwecke willen und macht es noch schlimmer! Und erwartet das Ende!«

»Haben sie keine Stütze, keinen Zufluchtsort?« rief Scrooge.

»Giebt es keine Gefängnisse?« sagte der Geist, das letzte Mal seine

eigenen Worte gegen ihn gebrauchend. »Giebt es keine Armenhäuser?«

Die Glocke schlug Zwölf.

Scrooge sah sich nach dem Geiste um, aber er war verschwunden. Wie der

letzte Schlag verklungen war, erinnerte er sich an die Vorhersagung des

alten Jakob Marley und die Augen erhebend, sah er ein grauenerregendes,

tief verhülltes Gespenst auf sich zukommen, wie ein Nebel auf den Boden

hinrollt.

Viertes Kapitel.

Der letzte der drei Geister.

Die Erscheinung kam langsam, feierlich und schweigend auf ihn zu. Als

sie näher gekommen war, fiel Scrooge auf die Kniee nieder, denn selbst

die Luft, durch die sich der Geist bewegte, schien geheimnisvolles

Grauen zu verbreiten.

Die Erscheinung war in einen schwarzen, weiten Mantel verhüllt, der

nichts von ihr sichtbar ließ, als eine ausgestreckte Hand. Wenn diese

nicht gewesen wäre, würde es schwer gewesen sein, die Gestalt von der

Nacht zu trennen, welche sie umgab.

Als sie neben ihm stand, fühlte er, daß sie groß und stattlich war und

daß ihre geheimnisvolle Gegenwart ihn mit einem feierlichen Grauen

erfüllte. Er wußte weiter nichts, denn der Geist sprach und bewegte sich

nicht.

»Ich stehe vor dem Geiste der zukünftigen Weihnachten?« fragte Scrooge.

Der Geist antwortete nicht, sondern wies mit der Hand auf die Erde.

»Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, welche nicht geschehen

sind, aber geschehen werden,« fuhr Scrooge fort. »Willst du das, Geist?«

Der obere Teil der Verhüllung legte sich auf einen Augenblick in Falten,

als ob der Geist sein Haupt neigte; dies war die einzige Antwort, welche

Scrooge erhielt.

Obgleich so ziemlich an gespenstische Gesellschaft gewöhnt, fürchtete

sich Scrooge vor der stummen Erscheinung doch so sehr, daß seine Kniee

wankten und er kaum noch stehen konnte, als er sich bereit machte, ihr

zu folgen. Der Geist stand für einen Augenblick still, als bemerkte er

seine Furcht und wollte ihm Zeit geben, sich zu erholen.

Aber Scrooge befand sich dadurch noch schlechter. Ein vages,

unbestimmtes Grausen durchbebte ihn bei dem Gedanken, hinter diesem

schwarzen Schleier hefteten sich gespenstische Augen fest auf ihn,

während er, obgleich er seine Augen aufs äußerste anstrengte, doch

nichts sehen konnte als eine gespenstische Hand und eine große, schwarze

Faltenmasse.

»Geist der Zukunft,« rief er, »ich fürchte dich mehr als die Geister,

die ich schon gesehen habe. Aber da ich weiß, daß es dein Zweck ist, mir

Gutes zu thun, und da ich hoffe zu leben, um ein anderer Mensch zu

werden, als ich früher war, bin ich bereit, dich zu begleiten und thue

es mit einem dankerfüllten Herzen. Willst du nicht zu mir sprechen?«

Die Gestalt gab ihm keine Antwort. Die Hand wies gerade in die Ferne vor

ihn.

»Führe mich,« sagte Scrooge. »Führe mich, die Nacht schwindet schnell

und die Zeit ist kostbar für mich. Führe mich, Geist.«

Die Erscheinung bewegte sich von ihm weg, wie sie auf ihn zugekommen

war. Scrooge folgte dem Schatten ihres Gewandes, welcher, schien es ihm,

ihn erhob und von dannen trug.

Kaum war es, als ob sie in die City träten; denn die City schien mehr

rings um sie in die Höhe zu wachsen und sie zu umstellen. Aber sie waren

doch im Herzen derselben, auf der Börse unter den Kaufleuten, welche hin

und her eilten, mit dem Gelde in ihren Taschen klimperten, in Gruppen

miteinander sprachen, nach der Uhr blickten und gedankenvoll mit den

großen, goldenen Siegeln daran spielten, wie Scrooge es oft gesehen

hatte.

Der Geist blieb bei einer Gruppe Kaufleute stehen. Scrooge sah, daß die

Hand der Erscheinung darauf hinwies, und so näherte er sich ihnen, um

ihr Gespräch zu belauschen.

»Nein,« sagte ein großer, dicker Mann mit einem ungeheuern Unterkinn,

»ich weiß nicht viel davon zu sagen. Ich weiß nur, daß er tot ist.«

»Wann starb er?« frug ein anderer.

»Vorige Nacht, glaub' ich.«

»Nun, wie geht das zu?« fragte ein Dritter, eine große Prise aus einer

sehr großen Dose nehmend. »Ich glaubte, er würde nie sterben.«

»Weiß Gott, wie es zugeht,« sagte der Erste gähnend.

»Was hat er mit seinem Gelde angefangen?« fragte ein Herr mit einem

roten Gesicht und einem Auswuchs an der Nasenspitze, welcher wackelte,

wie der Lappen eines Truthahns.

»Ich habe nichts davon gehört,« sagte der Mann mit dem großen Unterkinn,

abermals gähnend. »Hat es wahrscheinlich seiner Gilde hinterlassen. Mir

hat er's nicht vermacht. Das weiß ich.«

Dieser anmutige Scherz wurde mit einem allgemeinen Gelächter

aufgenommen.

»Es wird wohl ein sehr billiges Begräbnis werden,« fuhr derselbe

Sprecher fort; »denn so wahr ich lebe, ich kenne niemand, der mitgehen

sollte. Wenn wir nun zusammenträten und freiwillig mitgingen?«

»Ich thue mit, wenn für ein Lunch gesorgt wird,« bemerkte der Herr mit

dem Auswuchse an der Nasenspitze. »Aber ich muß traktiert werden, wenn

ich dabei sein soll.«

Ein neues Gelächter.

»Nun da bin ich doch wohl der Uneigennützigste von euch,« sagte der

erste Sprecher, »denn ich trage nie schwarze Handschuhe und esse nie

Lunch. Aber ich gehe mit, wenn sich noch andere finden. Wenn ich mir's

recht überlege, war ich am Ende sein vertrautester Freund; denn wir

blieben stehen und sprachen miteinander, wenn wir uns auf der Straße

trafen. Guten Morgen, guten Morgen!«

Sprecher und Zuhörer gingen fort und mischten sich unter andere

Gruppen. Scrooge kannte die Leute und sah den Geist mit einem fragenden

Blicke an.

Die Erscheinung schwebte weiter auf die Straße.

Ihre Hand wies auf zwei sich begegnende Personen.

Scrooge hörte wieder zu, in der Hoffnung, hier die Erklärung zu finden.

Auch diese Leute kannte er recht gut. Es waren Kaufleute, sehr reich und

von großem Ansehen. Er hatte sich immer bestrebt, sich in ihrer Achtung

zu erhalten, das heißt in Geschäftssachen, bloß in Geschäftssachen.

»Wie geht's?« sagte der eine.

»Wie geht's Ihnen?« sagte der andere.

»Gut,« sagte der Erste. »Der alte Geizhals ist endlich tot, wissen Sie

es?«

»Ich hörte es,« erwiderte der Zweite. »'s ist kalt, nicht?«

»Wie sich's zu Weihnachten paßt. Sie sind wohl kein Schlittschuhläufer?«

»Nein, nein. Habe an andere Sachen zu denken. Guten Morgen!«

Kein Wort weiter. So trafen sie sich, so schieden sie.

Scrooge war erst zu staunen geneigt, daß der Geist auf anscheinend so

unbedeutende Gespräche ein Gewicht zu legen schien; aber sein Gefühl

sagte ihm, daß sie eine verborgene Bedeutung haben müßten und er dachte

nach, was wohl diese sein möge. Sie konnten sich nicht auf den Tod

Jakobs, seines alten Compagnons, beziehen, denn der gehörte der

Vergangenheit an, und sein Führer war der Geist der Zukunft. Auch konnte

er sich niemand von den ihn näher Angehenden denken, auf den er sie

hätte beziehen können. Aber in der Gewißheit, daß, auf wen sie sich auch

beziehen möchten, doch für ihn eine wichtige Lehre darin liege, beschloß

er, jedes Wort, das er hörte und jede Scene, die er sah, treu in seinem

Herzen aufzubewahren, und vorzüglich seinen Schatten zu beobachten, wenn

er erschien. Denn er erwartete von dem Benehmen seines zukünftigen

Selbst die vermißte Aufklärung und die Lösung der Rätsel, die ihm jetzt

so schwierig schien.

Schon auf der Börse schaute er sich nach seinem Selbst um; aber ein

anderer stand in seiner gewohnten Ecke und obgleich die Uhr auf die

Stunde wies, wo er gewöhnlich dort war, sah er sich doch auch nicht

unter den Scharen, welche durch den Eingang sich herein drängten. Das

überraschte ihn jedoch wenig, denn er hatte schon lange daran gedacht,

sein Geschäft aufzugeben und glaubte und hoffte, in diesen Erscheinungen

die künftige Verwirklichung seines Planes zu sehen.

Reglos und schwarz stand neben ihm das Gespenst mit seiner

ausgestreckten Hand. Als er wieder von seiner nachdenklichen Stellung

aufblickte, glaubte er nach der Richtung der Hand, daß die unsichtbaren

Augen sich starr auf ihn hefteten. Bei dem Gedanken überlief ihn ein

kalter Schauer.

Sie verließen die geschäftige Umgebung und gingen in einen abgelegenen

Teil der Stadt, wo Scrooge nie vorher gewesen war, dessen Lage und

schlechten Ruf er aber kannte. Die Straßen waren schmutzig und eng und

krumm; die Läden und Häuser ärmlich; die Menschen halbnackt, betrunken,

barfuß, häßlich. Gäßchen und Thorwege, wie ebensoviele Kloaken, strömten

abscheuerregende Gerüche und Schmutz und Menschen in die Straßen; und

das ganze Viertel schien erfüllt von Verbrechen, von Schmutz und von

Elend.

In einem der tiefsten Winkel dieses Zufluchtsortes der Sünde und der

Schmach war ein niedriger, dunkler Laden unter einem Wetterdache, wo

Eisen, Lampen, Flaschen, Knochen und schmierige Abfälle aller Art

verkauft wurden. Auf dem Fußboden drinnen lag ein Haufen verrosteter

Schlüssel, Nägel, Ketten, Thürangeln, Feilen, Wagen, Gewichte und altes

Eisen aller Art. Geheimnisse, nach deren Enträtselung wenige verlangen

würden, wurden erzeugt und verborgen in Bergen widriger Lumpen, Massen

verdorbenen Fettes und ganzen Beinhäusern von Knochen. Mitten unter den

Waren, mit denen er handelte, saß neben einem aus alten Ziegeln

zusammengesetzten Ofen ein grauhaariger, fast siebzigjähriger Schelm,

der sich vor der Kälte draußen durch einen bauschigen Vorhang von

allerlei Lumpen, auf eine Leine gehängt, geschützt hatte und seine

Pfeife im Vollgenusse des Behagens rauchte.

Scrooge und die Erscheinung traten neben diesen Mann, gerade wie eine

Frau mit einem schweren Bündel in den Laden schlich. Aber sie war kaum

eingetreten, als eine zweite Frau, auch mit einem Bündel, ihr nachkam;

und auf diese folgte dicht ein Mann in altem, abgetragenem schwarzen

Anzuge, der nicht weniger von ihrem Anblick erschrocken war, als sie vor

einander erschrocken waren. Nach einigen Augenblicken sprachlosen

Staunens, an dem der Alte mit der Pfeife teilgenommen hatte, brachen sie

alle drei in ein lautes Gelächter aus.

»Sage jemand, die Leichenwäscherin würde die Erste sein,« sagte die

zuerst Eingetretene. »Sage jemand, die Wärterin würde die Zweite sein;

und nenne jemand des Leichenbesorgers Gehilfen den Dritten. Schau',

alter Joe, wie sich das fügt! ob wir uns nicht alle drei hier getroffen

haben, ohne daß wir's wollten.«

»Ihr hättet euch an keinem besseren Orte treffen können,« sagte der alte

Joe, die Pfeife aus dem Munde nehmend. »Kommt in das Staatszimmer. Ihr

habt schon seit lange das Bürgerrecht dort, das wißt ihr; und die

anderen zwei sind auch keine Fremden. Wartet, bis ich die Ladenthür

zugemacht habe. O, wie sie knarrt! ich glaube, es giebt kein so rostiges

Stück Eisen in dem ganzen Laden, als die Thürangeln; und ich weiß, es

giebt keine so alten Knochen hier, wie meine. Haha, wir passen alle zu

unserm Geschäft. Kommt ins Staatszimmer.«

Das Staatszimmer war der Raum hinter dem Lumpenvorhange. Der Alte

scharrte das Feuer mit einem alten Rouleaustabe zusammen, schob den

Docht seiner rauchigen Lampe, denn es war Abend, mit dem Stiele seiner

Pfeife in die Höhe und steckte diese wieder in den Mund.

Während er so beschäftigt war, warf die zuerst eingetretene Frau ihr

Bündel auf den Boden und setzte sich mit kokettierender Frechheit auf

einen Stuhl, dann legte sie die Hände auf die Kniee und sah die beiden

andern mit kühnem Trotz an.

»Nun, was ist da für ein Unterschied, Mrs. Dilber? Jeder hat das Recht,

für sich zu sorgen. Er that es immer.«

»Das ist wahr,« sagte die Wärterin. »Keiner that es mehr.«

»Nun, warum guckt ihr euch da einander an, als fürchtetet ihr euch? Wer

ist der Klügere? Wir wollen doch nicht einander die Augen aushacken,

denk' ich!«

»Nein, gewiß nicht,« sagten Mrs. Dilber und der Mann zusammen. »Wir

wollen es nicht hoffen.«

»Nun gut denn,« rief die Frau, »das ist genug. Wem schadet's, wenn wir

so ein paar Sachen mitnehmen, wie die hier? Einer Leiche gewiß nicht!«

»Nein, gewiß nicht,« sagte Mrs. Dilber lachend.

»Wenn er sie, wie ein alter Geizhals, noch nach dem Tode behalten

wollte,« fuhr die Frau fort, »warum war er während seines Lebens nicht

besser? Wenn er's gewesen wäre, würde jemand um ihn gewesen sein, als er

starb, statt daß er allein seinen letzten Atem fahren lassen mußte.«

»Es ist das wahrste Wort, was je gesprochen worden,« sagte Mrs. Dilber.

»Es ist ein Gottesgericht.«

»Ich wollte, es wäre ein bißchen schwerer ausgefallen,« sagte die Frau;

»und es wär's auch, verlaßt euch drauf, wenn ich mehr hätte kriegen

können. Mache das Bündel auf, Joe, und sag' mir, was es wert ist. Sprich

gerade heraus. Ich fürchte mich nicht, die Erste zu sein, noch es ihnen

sehen zu lassen. Wir wußten gut genug, daß wir für uns sorgten, ehe wir

uns hier trafen. 's ist keine Sünde. Mach' das Bündel auf, Joe.«

Aber die Galanterie ihrer Freunde wollte das nicht erlauben; und der

Mann in dem abgetragenen schwarzen Rock brachte seine Beute zuerst. Es

war nicht viel daran. Ein oder zwei Siegel, ein silberner Bleistift, ein

paar Hemdknöpfe und eine Brosche von geringem Werte, war alles. Sie

wurden von dem alten Joe untersucht und abgeschätzt, worauf er die

Summe, welche er für jedes bezahlen wollte, an die Wand schrieb und

zusammenrechnete, wie er fand, daß nichts mehr kam.

»Das ist Eure Rechnung,« sagte Joe, »und ich gebe keinen Sixpence mehr

und wenn ich in Stücke gehauen werden sollte. Wer kommt jetzt?«

Mrs. Dilber war die Nächste. Sie hatte Bett- und Handtücher, einige

Kleidungsstücke, zwei altmodische silberne Theelöffel, eine Zuckerzange

und einige Paar Stiefel. Ihre Rechnung wurde auf dieselbe Weise an die

Wand geschrieben.

»Damen gebe ich immer zu viel. 's ist meine Schwäche und ich richte mich

damit zu Grunde,« sagte der alte Joe. »Das ist Eure Rechnung. Wenn Ihr

einen Pfennig mehr haben wolltet und ließet es darauf ankommen, so thäte

es mir leid, so freigebig gewesen zu sein und ich zöge eine halbe Krone

ab.«

»Und nun mach' mein Bündel auf, Joe,« sagte die Erste.

Joe kniete nieder, um bequemer das Bündel öffnen zu können, und nachdem

er eine große Menge Knoten aufgemacht hatte, zog er eine große und

schwere Rolle eines dunklen Zeugs heraus.

»Was ist das?« sagte Joe. »Bettgardinen.«

»Ach,« rief das Weib lachend und sich vorbeugend, »Bettgardinen!«

»Ihr wollt doch nicht sagen, Ihr hättet sie 'runter genommen, wie er

dort lag?« sagte Joe.

»I, freilich,« sagte das Weib. »Warum nicht?«

»Ihr seid geboren, Euer Glück zu machen, und Ihr werdet's auch.«

»Ich werde doch wahrhaftig meine Hand nicht ruhig einstecken, wenn ich

sie nur auszustrecken brauche, um was zu kriegen, um so eines Mannes

willen, wie der war. Wahrhaftig nicht, Joe,« antwortete das Weib ruhig.

»Laßt kein Oel auf die Bettdecken fallen.«

»Seine Bettdecke?« fragte Joe.

»Von wem soll sie denn sonst sein?« antwortete das Weib. »Er wird auch

ohne dies nicht frieren, das behaupte ich.«

»Er starb doch nicht etwa an etwas Ansteckendem?« sagte der alte Joe,

seine Beschäftigung unterbrechend und sie anblickend.

»Das braucht Ihr nicht zu befürchten,« antwortete die Frau. »Ich hatte

ihn nicht so lieb, daß ich dann bei ihm geblieben wäre um solcher Sachen

willen. Ha, Ihr könnt durch das Hemd gucken, bis Euch Eure Augen weh

thun; Ihr findet kein Loch drin und keine dünne Stelle. Es ist das

beste, was er hatte, und fein ist's auch. Sie hätten's verdorben, wenn

ich nicht gewesen wäre.«

»Was nennt Ihr, es verderben?« fragte der alte Joe.

»Nun, ihm das Hemd in das Grab anziehen, was sonst?« erwiderte die Frau

lachend.

»Es war jemand Narr genug, es ihm anzuziehen, aber ich zog's ihm wieder

aus. Wenn Kattun zu so etwas nicht gut genug ist, weiß ich nicht, zu was

er sonst gut wäre. Es steht einer Leiche ebenso gut. Er kann nicht

häßlicher aussehen, als er in dem aussah.«

Scrooge hörte das Gespräch mit Grausen an. Wie sie da um ihren Raub

herum in dem kärglichen Licht der Lampe des Alten saßen, betrachtete er

sie mit einem Ekel und einem Abscheu, der nicht größer hätte sein

können, wenn es scheußliche Dämonen gewesen wären, die um die Leiche

selbst feilschten.

»Ha, ha!« lachte dieselbe Frau, als der alte Joe, einen alten

flanellenen Geldbeutel herauslangend, jedem den Preis des Raubes auf

den Fußboden hinzählte. »Das ist das Ende von der Geschichte, seht ihr!

Er scheuchte jeden von sich, so lange er lebte, um uns zu nützen, da er

tot ist! Ha, ha, ha!«

»Geist,« sagte Scrooge, vom Fuß bis zum Scheitel zitternd. »Ich verstehe

dich. Das Los dieses Unglücklichen könnte das meinige sein. Mein Leben

geht jetzt auf dieses Ziel zu. Gnädiger Himmel, was ist das?«

Er fuhr entsetzt zurück, denn die Scene hatte sich geändert und er stand

dicht vor einem Bett, einem einsamen, unverhangnen Bett, wo unter einer

groben Decke etwas Verhülltes lag, was, obgleich es stumm war, sich doch

in grausenerregender Sprache nannte.

Das Zimmer war sehr finster, zu finster, um etwas genau erkennen zu

können, obgleich Scrooge, einem geheimen Gefühle gehorchend, sich

umschaute, voll Begier, zu wissen, was für ein Zimmer es sei. Ein

bleiches Licht, welches von draußen kam, fiel gerade auf das Bett; und

auf diesem, geplündert und beraubt, unbewacht und unbeweint, lag die

Leiche dieses Mannes.

Scrooge blickte die Erscheinung an. Ihre reglose Hand wies auf das Haupt

des Leichnams. Die Decke war so sorglos zurecht gelegt, daß das

geringste Verschieben, die leiseste Berührung von Scrooges Finger das

Antlitz enthüllt hätte. Er dachte daran, fühlte, wie leicht es geschehen

könnte, und sehnte sich, es zu thun; aber er hatte nicht mehr Macht, die

Hülle wegzuziehen, als den Geist an seiner Seite zu entlassen.

O, kalter, starrer, schrecklicher Tod, hier richte deinen Altar auf und

umgieb ihn mit den Schrecken, die dir zu Gebote stehen: denn dies ist

dein Reich! Aber dem geliebten und verehrten Haupt kannst du kein Haar

krümmen, von ihm kannst du keinen Zug widerlich machen. Nicht weil die

Hand schwer ist und herabsinkt, wenn man sie fallen läßt, nicht, weil

das Herz und der Puls schweigen; sondern weil die Hand offen war und

barmherzig, weil das Herz offen war und warm und gut und der Puls ein

menschlicher. Töte, Schatten, töte! Und sieh, wie seine guten Thaten aus

der Todeswunde hervorströmen, um in der Welt unsterbliches Leben zu

sehen.

Keine Stimme flüsterte diese Worte in Scrooges Ohren, aber doch hörte er

sie, wie er auf das Bett blickte. Er dachte, wenn dieser Mann jetzt

wieder erweckt werden könnte, was würde wohl sein erster Gedanke sein?

Geiz, Hartherzigkeit, habgierige Sorge. Ein schönes Ziel haben sie ihm

bereitet!

Er lag in dem dunklen leeren Hause und kein Mann, oder Weib, oder Kind

war da, um zu sagen, er war gütig gegen mich in dem und in jenem, und

dieses einen gütigen Wortes gedenkend, will ich seiner warten. Eine

Katze kratzte an der Thür und die Ratten nagten und raschelten unter dem

Kamin. Was sie in dem Gemach des Todes wollten und warum sie so unruhig

waren, wagte Scrooge nicht auszudenken.

»Geist,« sagte er, »dies ist ein schrecklicher Ort. Wenn ich ihn

verlasse, werde ich nicht seine Lehre vergessen, glaube mir. Laß uns

gehen.«

Immer noch wies der Geist mit reglosem Finger auf das Haupt der Leiche.

»Ich verstehe dich,« antwortete Scrooge, »und ich thäte es, wenn ich

könnte. Aber ich habe die Kraft nicht dazu, Geist. Ich habe die Kraft

nicht dazu.«

Wieder schien der Geist ihn anzublicken.

»Wenn irgend jemand in der Stadt ist, der bei dieses Mannes Tod etwas

fühlt,« sagte Scrooge erschüttert, »so zeige mir ihn, Geist, ich flehe

dich darum an.«

Die Erscheinung breitete ihren dunklen Mantel einen Augenblick vor ihm

aus wie einen Fittich; und wie sie ihn wieder wegzog, sah er ein

taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren Kindern befand.

Sie hoffte auf jemandes Kommen in angstvoller Erwartung; denn sie ging

im Zimmer auf und ab: erschrak bei jedem Geräusch; sah zum Fenster

hinaus; blickte nach der Uhr; versuchte vergebens zu arbeiten; und

konnte kaum die Stimmen der spielenden Kinder ertragen.

Endlich hörte sie das langersehnte Klopfen an der Hausthür und traf, als

sie hinaussehen wollte, ihren Gatten. Sein Gesicht war bekümmert und

niedergeschlagen, obgleich er noch jung war. Es zeigte sich jetzt ein

merkwürdiger Ausdruck in demselben, eine Art ernster Freude, deren er

sich schämte und die er sich zu unterdrücken bemühte.

Der Weihnachtsabend Eine Geistergeschichte · 第 5 / 7 段