Er setzte sich zum Essen nieder, das man ihm am Feuer aufgehoben hatte;

und als sie ihn erst nach langem Schweigen frug, was er für Nachrichten

bringe, schien er um die Antwort verlegen zu sein.

»Sind sie gut,« sagte sie, »oder schlecht?«

»Schlecht,« antwortete er.

»Wir sind ganz zu Grunde gerichtet?«

»Nein, noch ist Hoffnung vorhanden, Karoline.«

»Wenn er sich erweichen läßt,« rief sie erstaunt, »dann ist noch welche

da! Ueberall ist noch Hoffnung, wenn ein solches Wunder geschehen ist.«

»Für ihn ist es zu spät, sich zu erbarmen,« sagte der Gatte. »Er ist

tot!«

Wenn ihr Gesicht Wahrheit sprach, so war sie ein mildes und geduldiges

Wesen; aber sie war dankbar dafür in ihrem Herzen und sagte es mit

gefalteten Händen. Sie bat im nächsten Augenblick Gott, daß er ihr

verzeihen möge und bereute es; aber das erste war die Stimme ihres

Herzens gewesen.

»Was mir die halbbetrunkene Frau gestern Abend sagte, als ich ihn

sprechen und um eine Woche Aufschub bitten wollte; und was ich nur für

eine bloße Entschuldigung hielt, um mich abzuweisen, zeigt sich jetzt

als die reine Wahrheit. Er war nicht nur sehr krank, er lag schon im

Sterben.«

»Auf wen wird unsere Schuld übergehen?«

»Ich weiß es nicht. Aber vor dieser Zeit noch werden wir das Geld

haben; und selbst, wenn dies nicht wäre, wäre es ein großes Mißgeschick

in seinem Erben einen so unbarmherzigen Gläubiger zu finden. Wir können

heute Nacht mit leichterem Herzen schlafen, Karoline.«

Ja, sie mochten es verhehlen, wie sie wollten, ihre Herzen waren

leichter. Die Gesichter der Kinder, welche sich still um sie drängten,

um zu hören, was sie so wenig verstanden, erhellten sich und alle wurden

glücklicher durch dieses Mannes Tod. Das einzige von diesem Ereignis

erregte Gefühl, welches ihm der Geist zeigen konnte, war eins der

Freude.

»Laß mich ein zärtliches, mit dem Tode verbundenes Gefühl sehen,« sagte

Scrooge, »oder dies dunkle Zimmer, welches wir eben verlassen haben,

wird mir immer vor Augen bleiben.«

Der Geist führte ihn durch mehrere Straßen, durch die er oft gegangen

war; und wie sie vorüber schwebten, hoffte Scrooge sich hier und da zu

erblicken, aber nirgends war er zu sehen. Sie traten in Bob Cratchits

Haus, dieselbe Wohnung, die sie schon früher besucht hatten, und fanden

die Mutter und die Kinder um das Feuer sitzen.

Alles war ruhig, alles war still, sehr still. Die lärmenden kleinen

Cratchits saßen stumm, wie steinerne Bilder, in einer Ecke und sahen auf

Peter, der ein Buch vor sich hatte. Die Mutter und die Töchter nähten.

Aber gewiß waren sie auch still, sehr still.

»Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.«

Wo hatte Scrooge diese Worte gehört? Der Knabe mußte sie gelesen haben,

als er und der Geist über die Schwelle traten. Warum fuhr er nicht fort?

Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und fuhr mit der Hand nach

dem Auge.

»Die Farbe blendet mich,« sagte sie.

Die Farbe? ach, der arme Tiny Tim!

»Sie sind jetzt wieder besser,« sagte Cratchits Frau. »Die Farbe blendet

sie bei Licht und ich möchte den Vater, wenn er heimkommt, nicht sehen

lassen, daß ich schwache Augen habe. Es muß bald seine Zeit sein.«

»Fast schon vorüber,« erwiderte Peter, das Buch schließend. »Aber ich

glaube, er geht jetzt ein wenig langsamer als gewöhnlich, Mutter.«

Sie waren wieder sehr still. Endlich sagte sie mit einer ruhigen,

heitern Stimme, die nur ein einziges Mal zitterte: »Ich weiß, daß er mit

-- ich weiß, daß er mit Tiny Tim auf der Schulter sehr schnell ging.«

»Und ich auch,« rief Peter. »Oft.«

»Und ich auch,« riefen die andern.

»Aber er war sehr leicht zu tragen,« fing sie wieder an, fest auf ihre

Arbeit sehend, »und der Vater liebte ihn so, daß es keine Beschwerde.

Und da kommt der Vater.«

Sie eilte ihm entgegen und Bob mit dem Shawl -- er hatte ihn nötig, der

arme Kerl -- trat herein. Sein Thee stand bereit und sie drängten sich

alle herbei, wer ihm am meisten helfen könne. Dann kletterten die beiden

kleinen Cratchits auf seine Kniee und jedes Kind legte eine kleine Wange

an die seine, als wollten sie sagen: kümmere dich nicht so sehr, Vater.

Bob war sehr heiter und sprach sehr munter mit der ganzen Familie. Er

besah die Arbeit auf dem Tische und lobte den Fleiß und den Eifer seiner

Frau und Töchter. »Sie würden lange vor Sonntag fertig sein,« sagte er.

»Sonntag! Du warst also heute dort, Robert!« sagte seine Frau.

»Ja, meine Liebe,« antwortete Bob. »Ich wollte, du hättest hingehen

können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen, wie grün die Stelle

ist. Aber du wirst sie oft sehen. Ich versprach ihm, Sonntags

hinzugehen. Mein liebes, liebes Kind!« weinte Bob. »Mein liebes Kind!«

Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht dafür. Wenn er dafür

gekonnt hätte, so wäre er und sein Kind wohl weiter voneinander getrennt

gewesen.

Er verließ das Zimmer und ging die Treppe hinauf in ein Zimmer, welches

hell erleuchtet und weihnachtsmäßig aufgeputzt war. Ein Stuhl stand

dicht neben dem Kinde und man sah, daß vor kurzem jemand dagewesen war.

Der arme Bob setzte sich nieder, und als er ein wenig nachgedacht und

sich gefaßt hatte, küßte er das kleine, kalte Gesicht. Er war versöhnt

mit dem Geschehenen und ging wieder hinunter ganz glücklich.

Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten sich; die Mädchen und die

Mutter arbeiteten fort. Bob erzählte ihnen von der außerordentlichen

Freundlichkeit von Scrooges Neffen, den er kaum ein einziges Mal gesehen

habe. Er habe ihn heute auf der Straße getroffen und wie er gesehen, daß

er ein wenig niedergeschlagen aussähe, habe er ihn befragt, was ihn

bekümmere. »Worauf,« sagte Bob, »denn er ist der leutseligste junge

Herr, den ich nur kenne, ich es ihm sagte. Ich bedaure Sie herzlich, Mr.

Cratchit, sagte er, und auch Ihre gute Frau. Uebrigens, wie er das

wissen kann, möchte ich wissen.«

»Was soll er wissen, mein Lieber?«

»Nun, daß du eine gute Frau bist,« antwortete Bob.

»Jedermann weiß das,« sagte Peter.

»Sehr gut bemerkt, mein Junge,« rief Bob. »Ich hoffe, 's ist so.

Herzlich bedaure ich, sagte er, Ihre gute Frau. Wenn ich Ihnen auf

irgend eine Weise behilflich sein kann, sagte er, indem er mir seine

Karte gab, das ist meine Wohnung. Kommen Sie nur zu mir. Nun,« rief Bob,

»ist es nicht gerade um deswillen, daß er etwas für uns thun könnte,

sondern mehr wegen seiner herzlichen Weise, daß ich mich darüber so

freute. Es schien wirklich, als hätte er unsern Tiny Tim gekannt und

fühlte mit uns.«

»Er ist gewiß eine gute Seele,« sagte Mrs. Cratchit.

»Du würdest das noch sicherer glauben, Liebe,« antwortete Bob, »wenn du

ihn sähest und mit ihm sprächest. Es sollte mich gar nicht wundern,

wenn er Petern eine bessere Stelle verschaffte. Merkt euch meine Worte.«

»Nun höre nur, Peter,« sagte Mrs. Cratchit.

»Und dann,« rief eins der Mädchen, »wird sich Peter nach einer Frau

umsehen.«

»Ach, sei still,« antwortete Peter lachend.

»Nun, das kann schon kommen,« sagte Bob, »aber dazu hat er noch Zeit im

Ueberfluß. Aber wie und wenn wir uns auch voneinander trennen sollten,

so bin ich doch überzeugt, daß keiner von uns den armen Tiny Tim, oder

diese erste Trennung, welche wir erfuhren, vergessen wird.«

»Niemals, Vater,« riefen alle.

»Und ich weiß,« sagte Bob, »ich weiß, meine Lieben, wenn wir daran

denken werden, wie geduldig und wie sanft er war, obgleich er nur ein

kleines, kleines Kind war, werden wir nicht so leicht uns zanken und den

guten Tiny Tim vergessen, wenn wir's thun.«

»Nein, niemals, Vater,« riefen sie alle.

»Ich bin sehr glücklich,« sagte Bob, »sehr glücklich.«

Mrs. Cratchit küßte ihn, seine Töchter küßten ihn, die beiden kleinen

Cratchits küßten ihn und Peter und er drückten sich die Hand. Seele Tiny

Tims, du warst ein Hauch von Gott.

»Geist,« sagte Scrooge, »ein Etwas sagt mir, daß wir bald scheiden

werden. Ich weiß es, aber ich weiß nicht wie. Sage mir, wer es war, den

wir auf dem Totenbett sahen.«

Der Geist der zukünftigen Weihnachten führte ihn wie früher -- obgleich

zu verschiedener Zeit, dünkte ihm, überhaupt schien in den verschiedenen

letzten Gesichten keine Zeitfolge stattzufinden -- an die

Zusammenkunftsorte der Geschäftsleute, aber er sah sich nicht. Der Geist

verweilte nirgends, sondern schwebte immer weiter, wie nach dem Ort zu,

wo Scrooge die gewünschte Lösung des Rätsels finden würde, bis ihn

dieser bat, einen Augenblick zu verweilen.

»Ja, dieser Hof,« sagte Scrooge, »durch den wir jetzt eilen, war einst

mein Geschäft und war es lange Jahre. Ich sehe das Haus. Laß mich sehen,

was ich in den kommenden Tagen sein werde.«

Der Geist stand still; die Hand wies wo anders hin.

»Das Haus ist dort,« rief Scrooge. »Warum weisest du wo anders hin?«

Der unerbittliche Finger nahm keine andere Richtung an.

Scrooge eilte nach dem Fenster seines Comptoirs und schaute hinein. Es

war noch ein Comptoir, aber nicht das seinige. Die Möbel waren nicht

dieselben und die Gestalt in dem Stuhl war nicht die seine. Die

Erscheinung zeigte nach derselben Richtung, wie früher.

Er trat wieder zu ihr hin und nachsinnend, warum und wohin sie gingen,

begleitete er sie, bis sie eine eiserne Gitterpforte erreichten. Er

stand still, um sich vor dem Eintreten umzusehen.

Es war ein Kirchhof. Hier also lag der Unglückliche, dessen Namen er

noch erfahren sollte, unter der Erde. Der Ort war seiner würdig. Rings

von hohen Häusern umgeben; überwuchert von Unkraut, entsprossen dem Tod,

nicht dem Leben der Vegetation; vollgepfropft von zu viel Leichen;

gesättigt von übersättigtem Genuß.

Der Geist stand inmitten der Gräber still und wies auf eins derselben

hinab. Scrooge näherte sich ihm zitternd. Die Erscheinung war noch ganz

so wie früher, aber ihm war es immer, als sähe er eine neue Bedeutung in

der düstern Gestalt.

»Ehe ich mich dem Stein nähere, den du mir zeigst,« sagte Scrooge,

»beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten der Dinge, welche

sein werden, oder nur von denen, welche sein können?«

Immer noch wies der Geist auf das Grab hinab, vor dem sie standen.

»Die Wege des Menschen tragen ihr Ziel in sich,« sagte Scrooge. »Aber

wenn er einen andern Weg einschlägt, ändert sich das Ziel. Sage, ist es

so mit dem, was du mir zeigen wirst?«

Der Geist blieb so unbeweglich wie immer.

Scrooge näherte sich zitternd dem Grabe und wie er der Richtung des

Fingers folgte, las er auf dem Stein seinen eigenen Namen.

»_Ebenezer Scrooge._«

»Bin ich es, der auf jenem Bett lag?« rief er, auf die Kniee sinkend.

Der Finger wies von dem Grabe auf ihn und wieder zurück.

»Nein, Geist, o nein!«

Der Finger wies immer noch dorthin.

»Geist,« rief er, sich fest an sein Gewand klammernd, »ich bin nicht

mehr der Mensch, der ich war. Ich will ein anderer Mensch werden, als

ich vor diesen Tagen gewesen bin. Warum zeigst du mir dies, wenn alle

Hoffnung vorüber ist?«

Zum erstenmal schien die Hand zu zittern.

»Guter Geist,« fuhr er fort, »dein eigenes Herz bittet für mich und

bemitleidet mich. Sage mir, daß ich durch ein verändertes Leben die

Schatten, welche du mir gezeigt hast, ändern kann!«

Die gütige Hand zitterte.

»Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren und versuchen es zu feiern.

Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben. Die

Geister von allen dreien sollen in mir wirken. Ich will mein Herz nicht

ihren Lehren verschließen. O, sage mir, daß ich die Schrift auf diesem

Steine weglöschen kann.«

In seiner Angst ergriff er die gespenstische Hand. Sie versuchte, sich

von ihm loszumachen, aber er war stark in seinem Flehen und hielt sie

fest. Der Geist, noch stärker, stieß ihn zurück.

Wie er seine Hände zu einem letzten Flehen um Aenderung seines

Schicksals in die Höhe hielt, sah er die Erscheinung sich verändern. Sie

wurde kleiner und kleiner und kleiner und schwand zu einer Bettpfoste

zusammen.

Fünftes Kapitel.

Das Ende.

Ja, und es war seine eigene Bettpfoste. Es war sein Bett und sein

Zimmer. Und was das Glücklichste und Beste war, die Zukunft war sein zur

Besserung.

»Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben,«

wiederholte Scrooge, als er aus dem Bett kletterte. »Die Geister von

allen dreien sollen in mir wirken. O, Jakob Marley! der Himmel und die

Weihnachtszeit seien dafür gepriesen! Ich sage es auf meinen Knieen,

alter Jakob, auf meinen Knieen.«

Er war von seinen guten Vorsätzen so erregt und außer sich, daß seine

bebende Stimme kaum auf seinen Ruf antworten wollte. Er hatte während

seines Ringens mit dem Geiste bitterlich geweint und sein Gesicht war

noch naß von den Thränen.

»Sie sind nicht herabgerissen,« rief Scrooge, eine der Bettgardinen an

die Brust drückend, »sie sind nicht herabgerissen. Sie sind da, ich bin

da, die Schatten der Dinge, welche kommen, können vertrieben werden. Ja,

ich weiß es gewiß, ich weiß es.«

Während dieser ganzen Zeit beschäftigten sich seine Hände mit den

Kleidungsstücken: er zog sie verkehrt an, zerriß sie, verlor sie und

machte allerhand tolle Sprünge damit.

»Ich weiß nicht, was ich thue,« rief Scrooge in einem Atem weinend und

lachend und mit seinen Strümpfen einen wahren Laokoon aus sich machend.

»Ich bin leicht wie eine Feder, glücklich wie ein Engel, lustig wie ein

Schulknabe, schwindlich wie ein Betrunkener. Fröhliche Weihnachten

allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der ganzen Welt! Hallo! hussa!

hurra!«

Er war in das Wohnzimmer gesprungen und blieb jetzt dort ganz außer Atem

stehen.

»Da ist die Schüssel, in der die Suppe war!« rief Scrooge, indem er um

den Kamin herumsprang. »Da ist die Thür, durch welche Jakob Marleys

Geist hereinkam, da ist die Ecke, wo der Geist der heurigen Weihnachten

saß, da ist das Fenster, wo ich die herumirrenden Geister sah! Es ist

alles recht, es ist alles wahr, es ist alles geschehen. Hahahaha!«

Wirklich für einen Mann, der so lange Jahre aus der Gewohnheit war, war

es ein vortreffliches Lachen, ein herrliches Lachen. Der Vater einer

langen, langen Reihe herrlicher Gelächter!

»Ich weiß nicht, den Wievieltesten wir heute haben,« rief Scrooge. »Ich

weiß nicht, wie lange ich unter den Geistern gewesen bin. Ich weiß gar

nichts. Ich bin wie ein neugebornes Kind. Es schadet nichts. Ist mir

einerlei. Ich will lieber ein Kind sein. Hallo! hussa! hurra!«

Er wurde in seinen Freudenausrufungen von dem Geläute der Kirchenglocken

unterbrochen, die ihm so munter zu klingen schienen, wie nie vorher. Bim

baum, kling, klang, bim baum. Ach, herrlich, herrlich!

Er lief zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus. Kein Nebel;

ein klarer, luftig heller, kalter Morgen, eine Kälte, die dem Blute

einen Tanz vorpfiff; goldenes Sonnenlicht; ein himmlischer Himmel;

liebliche, frische Luft, fröhliche Glocken. O, herrlich, herrlich!

»Was ist denn heute?« rief Scrooge einem Knaben in Sonntagskleidern zu,

der unten stand.

»He?« fragte der Knabe mit der allermöglichsten Verwunderung.

»Was ist heute, mein Junge?« sagte Scrooge.

»Heute?« antwortete der Knabe. »Nun, Christtag.«

»'s ist Christtag,« sagte Scrooge zu sich selber. »Ich habe ihn nicht

versäumt. Die Geister haben alles in einer Nacht gethan. Sie können

alles, was sie wollen. Natürlich, natürlich. Heda, mein Junge!«

»Heda!« antwortete der Knabe.

»Weißt du des Geflügelhändlers Laden in der zweitnächsten Straße an der

Ecke?« frug Scrooge.

»I, warum denn nicht,« antwortete der Junge.

»Ein gescheiter Junge,« sagte Scrooge. »Ein merkwürdiger Junge! Weißt du

nicht, ob der Preistruthahn, der dort hing, verkauft ist? nicht der

kleine Preistruthahn, der große.«

»Was, der so groß ist wie ich?« antwortete der Junge.

»Was für ein lieber Junge!« sagte Scrooge. »'s ist eine Freude, mit ihm

zu sprechen. Ja, mein Prachtjunge.«

»Er hängt noch dort,« antwortete der Junge.

»Ist's wahr?« sagte Scrooge. »Nun, da geh' und kaufe ihn.«

»Hetsch!« rief der Junge aus.

»Nein, nein,« sagte Scrooge, »'s ist mein Ernst. Geh' hin und kaufe ihn

und sage, sie sollen ihn hierher bringen, daß ich ihnen die Adresse

geben kann, wohin sie ihn tragen sollen. Komm mit dem Träger wieder her

und ich gebe dir einen Schilling. Komm in weniger als fünf Minuten

zurück und du bekommst eine halbe Krone.«

Der Bursche verschwand wie ein Blitz.

»Ich will ihn Bob Cratchit schicken,« flüsterte Scrooge, sich die Hände

reibend und fast vor Lachen platzend. »Er soll nicht wissen, wer ihn

schickt. Er ist zweimal so groß als Tiny Tim. Joe Miller hat niemals

einen Witz gemacht wie den.«

Wie er die Adresse schrieb, zitterte seine Hand, aber er schrieb so gut

es gehen wollte, und ging die Treppe hinab, um die Hausthür zu öffnen,

den Truthahn erwartend. Wie er dastand fiel sein Auge auf den

Thürklopfer.

»Ich werde ihn lieb haben, so lange ich lebe,« rief Scrooge ihn

streichelnd. »Früher habe ich ihn kaum angesehen. Was für ein ehrliches

Gesicht er hat! Es ist ein wunderbarer Thürklopfer! -- Da ist der

Truthahn. Hallo! hussa! Wie geht's? Fröhliche Weihnachten!«

Das war ein Truthahn; er hätte nicht mehr lebendig auf seinen Füßen

stehen können. Sie wären -- knicks -- zerbrochen wie eine Stange

Siegellack.

»Was, das ist ja fast unmöglich, den nach Camden-Town zu tragen,« sagte

Scrooge. »Ihr müßt einen Wagen nehmen.«

Das Lachen, mit dem er dies sagte und das Lachen, mit dem er den

Truthahn bezahlte, und das Lachen, mit dem er den Wagen bezahlte, und

das Lachen, mit dem er dem Jungen ein Trinkgeld gab, wurden nur von dem

Lachen übertroffen, mit dem er sich atemlos in seinen Stuhl niedersetzte

und lachte, bis die Thränen an den Backen hinunter liefen.

Das Rasieren war keine Kleinigkeit, denn seine Hand zitterte immer noch

sehr; und Rasieren verlangt große Aufmerksamkeit, selbst wenn man nicht

gerade während dem tanzt. Aber wenn er sich die Nasenspitze

weggeschnitten hätte, würde er ein Stückchen englisches Pflaster darauf

geklebt haben und zufrieden gewesen sein.

Er zog seine besten Kleider an und trat endlich auf die Straße. Die

Leute strömten jetzt gerade aus ihren Häusern, wie er es gesehen hatte,

als er den Geist der heurigen Weihnacht begleitete; und mit auf dem

Rücken zusammengeschlagenen Händen durch die Straßen gehend, blickte

Scrooge jeden mit einem freundlichen Lächeln an. Er sah so

unwiderstehlich freundlich aus, daß drei oder vier lustige Leute zu ihm

sagten: »Guten Morgen, Sir, fröhliche Weihnachten!« und Scrooge sagte

oft nachher, daß von allen lieblichen Klängen, die er je gehört, dieser

seinem Ohr am lieblichsten geklungen hätte.

Er war nicht weit gegangen, als er denselben stattlichen Herrn auf sich

zukommen sah, der am Tage vorher in sein Comptoir getreten war mit den

Worten: »Scrooge und Marley, wenn ich nicht irre.« Es gab ihm einen

Stich ins Herz, als er dachte, wie ihn wohl der alte Herr beim

Vorübergehen ansehen würde; aber er wußte, welchen Weg er zu gehen

hatte, und ging ihn.

»Lieber Herr,« sagte Scrooge, schneller gehend und des alten Herrn beide

Hände ergreifend, »wie geht's Ihnen? Ich hoffe, Sie hatten gestern einen

guten Tag. Es war sehr freundlich von Ihnen. Ich wünsche Ihnen fröhliche

Weihnachten, Sir.«

»Mr. Scrooge?«

»Ja,« sagte Scrooge. »Das ist mein Name und ich fürchte, er klingt Ihnen

nicht sehr angenehm. Erlauben Sie, daß ich Sie um Verzeihung bitte. Und

wollen Sie die Güte haben« -- hier flüsterte ihm Scrooge etwas in das

Ohr.

»Himmel!« rief der Herr, als ob ihm der Atem ausgeblieben wäre. »Mein

lieber Mr. Scrooge, ist das Ihr Ernst?«

»Wenn es Ihnen gefällig ist,« sagte Scrooge. »Keinen Penny weniger. Es

sind viele Rückstände dabei, ich versichere es Ihnen. Wollen Sie die

Güte haben?«

»Bester Herr,« sagte der andere, ihm die Hand schüttelnd, »ich weiß

nicht, was ich zu einer solchen großartigen Freigebigkeit sagen soll.«

»Ich bitte, sagen Sie gar nichts dazu,« antwortete Scrooge. »Besuchen

Sie mich. Wollen Sie mich besuchen?«

»Herzlich gern,« rief der alte Herr. Und man sah, es war ihm mit der

Versicherung Ernst.

»Ich danke Ihnen,« sagte Scrooge. »Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich

danke Ihnen tausendmal. Leben Sie recht wohl!«

Er ging in die Kirche, ging durch die Straßen, sah die Leute hin und her

laufen, klopfte Kindern die Wange, frug Bettler, und sah hinab in die

Küchen und hinauf zu den Fenstern der Häuser; und fand, daß alles das

ihm Vergnügen machen könne. Er hatte sich nie geträumt, daß ein

Spaziergang oder sonst etwas ihn so glücklich hätte machen können.

Nachmittags lenkte er seine Schritte nach seines Neffen Wohnung.

Er ging wohl ein dutzendmal an der Thür vorüber, ehe er den Mut hatte,

anzuklopfen. Endlich faßte er sich ein Herz und klopfte.

»Ist dein Herr zu Hause, meine Liebe?« sagte Scrooge zu dem Mädchen.

»Ein hübsches Mädchen, wahrhaftig!«

»Ja, Sir.«

»Wo ist er, meine Liebe?« sagte Scrooge.

»Er ist in dem Speisezimmer, Sir, mit der Madame. Ich will Sie

hinaufführen, wenn Sie erlauben.«

»Danke, danke. Er kennt mich,« sagte Scrooge, mit der Hand schon auf dem

Thürdrücker. »Ich will hier hereintreten, meine Liebe.«

Er machte die Thür leise auf und steckte den Kopf hinein. Sie

betrachteten den Speisetisch (der mit großem Aufwand von Pracht gedeckt

war); denn solche junge Leute sind immer sehr unruhig über solche Punkte

und sähen gern alles in Ordnung.

»Fritz!« sagte Scrooge.

Heiliger Himmel! wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in dem

Augenblicke vergessen, daß sie mit dem Fußbänkchen in der Ecke gesessen

hatte, sonst hätte er es um keinen Preis gethan.

»Potztausend!« rief Fritz, »wer ist das!«

»Ich bin's, dein Onkel Scrooge. Ich komme zum Essen. Willst du mich

hereinlassen, Fritz?«

Ihn hereinlassen! Es war nur gut, daß er ihm nicht den Arm abriß. Er war

in fünf Minuten wie zu Hause. Nichts konnte herzlicher sein, als die

Begrüßung seines Neffen. Und auch seine Nichte empfing ihn ganz so

herzlich. Auch Topper, wie er kam. Auch die dicke Schwester, wie sie

kam. Und alle, wie sie nach der Reihe kamen. Wundervolle Gesellschaft,

wundervolle Spiele, wundervolle Eintracht, wundervolle Glückseligkeit!

Aber am andern Morgen war er früh in seinem Comptoir. O, er war gar früh

da. Wenn er nur dort hätte zuerst sein können und Bob Cratchit beim

Zuspätkommen erwischen! Das war's, worauf sein Sinn stand! Und es gelang

ihm wahrhaftig! Die Uhr schlug Neun. Kein Bob. Ein Viertel auf Zehn.

Kein Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spät. Scrooge

hatte seine Thür weit offen stehen lassen, damit er ihn in das Verließ

kommen sähe.

Sein Hut war vom Kopfe, ehe er die Thür öffnete, auch der Shawl von

seinem Halse. In einem Nu saß er auf seinem Stuhle und jagte mit der

Feder übers Papier, als wollte er versuchen, neun Uhr einzuholen.

»Heda,« brummte Scrooge, so gut wie es ging, seine gewohnte Stimme

nachmachend. »Was soll das heißen, daß Sie so spät kommen?«

»Es thut mir sehr leid, Sir,« sagte Bob. »Ich habe mich verspätigt.«

»Nun, Sie gestehen's,« wiederholte Scrooge. »Ich meine es auch. Hier

herein, wenn's gefällig ist.«

»Es ist nur einmal im Jahre, Sir,« sagte Bob, aus dem Verließ

hereintretend. »Es soll nicht wieder vorfallen. Ich war ein bißchen

lustig gestern, Sir.«

»Nun, ich will Ihnen was sagen, Freundchen,« sagte Scrooge, »ich kann

das nicht länger so mit ansehen. Und daher,« fuhr er fort, von seinem

Stuhl springend und Bob einen solchen Stoß vor die Brust gebend, daß er

wieder in das Verließ zurückstolperte, »und daher will ich Ihr Salär

erhöhen!«

Bob zitterte und trat dem Lineal etwas näher. Er hatte einen

augenblicklichen Gedanken, Scrooge eins damit auf den Kopf zu geben,

ihn fest zu halten und die Leute im Hofe um Hilfe und eine Zwangsjacke

anzurufen.

»Fröhliche Weihnachten, Bob!« sagte Scrooge, mit einem Ernst, der nicht

mißverstanden werden konnte, indem er ihn auf die Achsel klopfte.

»Fröhlichere Weihnachten, Bob, als ich Sie so manches Jahr habe feiern

lassen. Ich will Ihr Salär erhöhen und mich bemühen, Ihrer Familie unter

die Arme zu greifen. Wir wollen heut' Nachmittag bei einer

Weihnachtsbowle dampfenden Punsches über Ihre Angelegenheiten sprechen,

Bob! Schüren Sie das Feuer an und kaufen Sie eine andere Kohlenschaufel,

ehe Sie wieder einen Punkt auf ein i machen, Bob Cratchit!«

Der Weihnachtsabend Eine Geistergeschichte · 第 6 / 7 段