Nie hatte es so eine Gans gegeben. Bob sagte, er glaube nicht, daß

jemals eine solche Gans gebraten worden wäre. Ihre Zartheit und ihr

Fett, ihre Größe und ihre Billigkeit waren der Gegenstand allgemeiner

Bewunderung. Mit Hilfe der Aepfelsauce und der geschmorten Kartoffeln,

gab sie ein hinreichendes Mahl für die ganze Familie; und wie Mrs.

Cratchit einen einzigen kleinen Knochen noch auf der Schüssel liegen

sah, sagte sie mit großer Freude, sie hätten doch nicht alles

aufgegessen! Aber jeder von ihnen hatte genug und die kleinen Cratchits

waren bis an die Augenbrauen mit Salbei und Zwiebeln eingesalbt. Jetzt

wurden die Teller von Miß Belinda gewechselt und Mrs. Cratchit verließ

das Zimmer allein -- denn sie war zu unruhig, Zeugen dulden zu können --

um den Pudding herauszunehmen und hereinzubringen.

Wenn er nicht ausgebacken wäre! Wenn er beim Herausnehmen in Stücke

zerfiele! Wenn jemand über die Mauer des Hinterhauses geklettert wäre

und ihn gestohlen hätte, während sie sich an der Gans erquickten -- ein

Gedanke, bei dem die beiden kleinen Cratchits bleich vor Schrecken

wurden! Alles mögliche Schreckliche dachte man sich.

Hallo eine Wolke Rauch! der Pudding war aus dem Kessel genommen. Ein

Geruch, wie an einem Waschtag! das war die Serviette. Ein Geruch wie in

einem Speisehause, mit einem Pastetenbäcker auf der einen und einer

Wäscherin auf der andern Seite! Das war der Pudding. In einer halben

Minute trat Mrs. Cratchit herein, aufgeregt, aber stolz lächelnd und vor

sich den Pudding, hart und fest wie eine gefleckte Kanonenkugel, in

einem Viertelquart Rum flammend und in der Mitte mit der festlichen

Stecheiche geschmückt.

O, ein wunderbarer Pudding! Bob Cratchit sagte mit ruhiger und sicherer

Stimme, er halte das für das größte Kochkunststück, welches Mrs.

Cratchit seit ihrer Heirat verrichtet habe. Mrs. Cratchit sagte, jetzt

da die Last von ihrem Herzen sei, wolle sie nur gestehen, daß sie wegen

der Menge des Mehls gar sehr in Angst gewesen sei. Jeder hatte darüber

etwas zu sagen, aber keiner sagte oder dachte, es sei doch ein kleiner

Pudding für eine so große Familie. Das wäre offenbare Ketzerei gewesen.

Jeder Cratchit würde sich geschämt haben, so etwas nur zu denken.

Endlich waren sie mit dem Essen fertig, der Tisch war abgedeckt, der

Herd gekehrt und das Feuer aufgeschürt. Das Gemisch in der Bowle wurde

gekostet und für fertig erklärt, Aepfel und Apfelsinen auf den Tisch

gesetzt und ein paar Hände voll Kastanien auf das Feuer geschüttet. Dann

setzte sich die ganze Familie Cratchit um den Kamin in einem Kreise, wie

es Bob Cratchit nannte, obgleich es eigentlich nur ein Halbkreis war;

Bob in der Mitte und neben ihm der Gläservorrat der Familie; zwei

Paßgläser und ein Milchkännchen ohne Henkel.

Diese Gefäße aber hielten das heiße Gemisch aus der Bowle so gut, als

wenn es goldene Pokale gewesen wären, und Bob schenkte es mit

strahlenden Blicken ein, während die Kastanien auf dem Feuer spuckten

und platzten. Dann schlug Bob den Toast vor: »Uns allen eine fröhliche

Weihnacht, meine Lieben! Gott segne uns!«

Die ganze Familie wiederholte den Toast.

»Gott segne uns alle und jeden!« sagte Tiny Tim, der letzte von allen.

Er saß dicht neben seinem Vater auf seinem kleinen Stuhle. Bob hielt

seine kleine welke Hand in der seinigen, als wenn er das Kind liebe und

wünsche, es bei sich zu behalten und fürchte, es möchte ihm bald

genommen werden.

»Geist,« sagte Scrooge mit einer Teilnahme, wie er sie noch nie gefühlt

hatte, »sag' mir, wird Tiny Tim leben bleiben?«

»Ich sehe einen leeren Stuhl,« antwortete der Geist, »in der Kaminecke

und eine Krücke ohne einen Besitzer sorgfältig aufbewahrt. Wenn die

Zukunft diese Schatten nicht ändert, wird das Kind sterben.«

»Nein, nein,« sagte Scrooge. »Ach nein, guter Geist, sage, daß er leben

bleiben wird.«

»Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verändert, wird kein anderer

meines Geschlechtes,« antwortete der Geist, »das Kind noch hier finden.

Was thut es auch? Wenn es sterben muß, ist es besser, es thue es gleich

und vermindere die überflüssige Bevölkerung.«

Scrooge senkte das Haupt, seine eigenen Worte von dem Geiste zu hören,

und fühlte sich von Reue und Schmerz überwältigt.

»Mensch,« sagte der Geist, »wenn du ein menschliches Herz hast und kein

steinernes, so hüte dich, so heuchlerisch zu reden, bis du weißt, was

und wo dieser Ueberfluß ist. Willst du entscheiden, welche Menschen

leben, welche Menschen sterben sollen? Vielleicht bist du in den Augen

des Himmels unwürdiger und unfähiger zu leben, als Millionen, gleich

dieses armen Mannes Kind. O Gott, das Gewürme auf dem Blatt über die zu

vielen Lebenden unter seinen hungrigen Brüdern im Staube reden zu

hören!«

Scrooge nahm des Geistes Vorwurf demütig hin und schlug die Augen

nieder, aber er blickte schnell wieder in die Höhe, wie er seinen Namen

nennen hörte.

»Es lebe Mr. Scrooge!« sagte Bob, »Mr. Scrooge, der Schöpfer dieses

Festes!«

»Der Schöpfer dieses Festes, wahrhaftig!« rief Mrs. Cratchit mit

glühendem Gesicht. »Ich wollte, ich hätte ihn hier. Ich wollte ihm ein

Stück von meiner Meinung zu kosten geben, und ich hoffe, sie würde ihm

schmecken.«

»Liebe Frau,« sagte Bob, »die Kinder! -- es ist Weihnachten.«

»Freilich muß es Weihnachten sein,« sagte sie, »wenn man die Gesundheit

eines so niederträchtigen, geizigen, fühllosen Menschen, wie Scrooge

ist, trinken kann. Und du weißt es, Robert, daß er es ist, niemand weiß

es besser als du!«

»Liebe Frau,« antwortete Bob mild, »es ist Weihnachten.«

»Ich will seine Gesundheit trinken, dir und dem Feste zu gefallen,«

sagte Mrs. Cratchit, »nicht seinetwegen. Möge er lange leben! Ein

fröhliches Weihnachten und ein glückliches neues Jahr! -- Er wird sehr

fröhlich und sehr glücklich sein, das glaub' ich.« Die Kinder tranken

die Gesundheit nach ihr. Es war das erste, was sie an diesem Abend ohne

Herzlichkeit und Wärme vernahmen. Tiny Tim trank sie zuletzt, aber er

gab keinen Pfifferling darum. Scrooge war der Popanz der Familie. Die

Erwähnung seines Namens warf über alle einen düstern Schatten, der volle

fünf Minuten zum Verschwinden brauchte.

Wie er weg war, waren sie zehnmal lustiger als vorher, schon weil sie

Scrooge, den Schrecklichen, los waren. Bob Cratchit erzählte, wie er

eine Stelle für Mr. Peter in Aussicht habe, welche diesem ganzer fünf und

einen halben Schilling wöchentlich einbringen werde. Die beiden kleinen

Cratchits lachten fürchterlich bei dem Gedanken, Petern als

Geschäftsmann zu sehen; und Peter selbst blickte gedankenvoll zwischen

seinen Halskragen hervor in das Feuer, als denke er nach, in welchen

Aktien er wohl seine Ersparnisse anlegen würde, wenn er in Besitz dieser

unglaublichen Summe käme. Martha, welche bei einer Putzmacherin Gehilfin

war, erzählte ihnen, was für Arbeit sie jetzt mache und wie viel Stunden

sie in der guten Zeit arbeiten müsse und wie sie morgen früh

auszuschlafen gedenke; denn morgen war für sie ein Feiertag. Auch

erzählte sie, wie sie vor einigen Tagen eine Gräfin und einen Lord

gesehen und daß der Lord fast so groß wie Peter gewesen sei, bei welchen

Worten Peter seinen Hemdkragen so hoch in die Höhe zupfte, daß sein Kopf

dazwischen verschwand. Während dieser ganzen Zeit gingen die Kastanien

und der Punsch ringsum und dazwischen sang Tiny Tim mit seiner klagenden

Stimme ein Lied von einem Kind, was sich im Schnee verlaufen, und sang

es recht hübsch.

In alle dem war nichts Besonderes. Es waren keine hübschen Gesichter in

der Familie; sie waren nicht schön angezogen; ihre Schuhe waren nichts

weniger als wasserdicht; ihre Kleider waren ärmlich; und Peter mochte

wohl das Innere eines Pfandleiherladens kennen. Aber sie waren

glücklich, voller Dank für ihre bescheidenen Freuden, einig

untereinander und zufrieden; und als ihre Gestalten verblichen und in

dem scheidenden Lichte der Fackel des Geistes noch glücklicher

aussahen, verweilte Scrooges Auge immer noch auf ihnen und vor allem auf

Tiny Tim.

Es war jetzt dunkel geworden und es fiel ein starker Schnee; und wie

Scrooge und der Geist durch die Straßen gingen, war der Glanz der

lodernden Feuer in Küchen, Putzstuben und aller Art Gemächern wundervoll

über alle Maßen. Hier zeigte die flackernde Flamme die Vorbereitungen zu

einem traulichen Mahl, die heißen Teller, wie sie sich vor dem Feuer

durch und durch wärmten und die dunkelroten Gardinen, bereit, Kälte und

Nacht auszuschließen. Dort liefen alle Kinder des Hauses hinaus auf die

beschneite Straße, ihren verheirateten Schwestern, Brüdern, Vettern,

Basen, Onkeln und Tanten entgegen, um sie zuerst zu begrüßen. Hier

zeigten sich an den Fenstern Schatten versammelter Gäste; und dort eine

Gruppe hübscher Mädchen in Pelzkragen und Pelzstiefeln, alle zugleich

redend und mit leichten Schritten in eines Nachbars Haus eilend. Wehe

dem Junggesellen, der sie dort ganz glühend eintreten sah und die

kleinen Hexen wußten das recht gut!

Wenn man nach der Zahl der Leute hätte urteilen wollen, die zu

freundschaftlichen Besuchen eilten, hätte man glauben können, es sei

niemand da, sie zu bewillkommnen. Aber anstatt dessen erwartete jedes

Haus Gäste und in jedem Kamine loderte die Flamme. Wie sich der Geist

freute! wie er seine breite Brust entblößte und seine volle Hand aufthat

und dahinschwebte, freigebig seine heitere und harmlose Lust über alles

in seinem Bereiche ausschüttend! Selbst der Laternenmann, welcher durch

die dunklen Straßen rannte, um ihre trüben Nebel mit Flecken Licht zu

erhellen und der bereits angeputzt war, um den Abend irgendwo

zuzubringen, lachte laut auf, wie der Geist vorüberschwebte.

Und jetzt, ohne daß der Geist vorher etwas gesagt hätte, standen sie auf

einer kahlen, öden Haide, wo ungeheure Felsblöcke umhergestreut waren,

als wäre hier eine Begräbnisstätte von Riesen; und Wasser breitete sich

aus, wo es nur Lust hatte -- oder würde es gethan haben, wenn es der

Frost nicht gefangen hielt; und nichts wuchs dort, als Moos und Gestrüpp

und hartes, spitziges Gras. Tief im Westen hatte die untergehende Sonne

einen Streifen glühenden Rotes gelassen, der einen Augenblick auf die

öde Steppe niederschaute, wie ein zürnendes Auge und immer tiefer und

tiefer sank, bis er sich im Dunkel der tiefsten Nacht verlor.

»Was ist das für ein Ort?« frug Scrooge.

»Ein Ort, wo Bergleute in den Tiefen der Erde arbeiten,« antwortete der

Geist. »Aber sie kennen mich. Sieh!«

Ein Licht glänzte aus dem Fenster einer Hütte und sie schwebten schnell

darauf zu. Hier fanden sie eine fröhliche Gesellschaft um ein wärmendes

Feuer sitzen. Ein alter, alter Mann und eine greise Frau mit ihren

Kindern und Enkeln und Urenkeln, alle in festlichen Kleidern. Der Alte

sang mit einer Stimme, die nur selten das Heulen des Windes auf der

Einöde übertönte, ein Weihnachtslied; es war schon ein sehr altes Lied

gewesen, als er noch ein Knabe war; und von Zeit zu Zeit fielen sie alle

im Chore ein. Und stets wie ihre Stimmen ertönten, wurde der Alte

lebendig und laut; und immer, wie sie aufhörten, sank seine Kraft

wieder.

Der Geist verweilte hier nicht, sondern befahl Scrooge, sich an sein

Gewand zu halten. Sie schwebten über die Oede, aber wohin? doch nicht

aufs Meer? Aufs Meer! Zu seinem Schrecken sah Scrooge hinter sich das

Land verschwinden; und sein Ohr wurde betäubt von dem Donner der Wogen,

wie sie unter den grausenden Höhlen, welche sie genagt hatten, heulten

und brüllten und wüteten und mit wildem Grimm die Erde zu unterwühlen

trachteten.

Auf einer einsamen, halb im Wasser versunkenen Klippe, wohl eine Meile

vom Lande, stand ein einsamer Leuchtturm. Das ganze öde Jahr hindurch

schäumten und tosten um ihn die Wogen. Große Haufen von Seegras umgaben

seinen Fuß und Sturmvögel -- geboren vom Winde, konnte man glauben, wie

Seegras von den Wellen -- hoben sich und senkten sich um seine Spitze,

wie die wogenden Wellen unten, über die sie segelten.

Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer angezündet,

welches durch das Guckloch in der dicken, steinernen Mauer einen

hellglänzenden Streifen auf die nächtliche See hinauswarf. Die harten

Hände sich über den Tisch hinreichend, an dem sie saßen, wünschten sie

sich eine fröhliche Weihnacht und stießen mit den Groggläsern darauf an;

und einer der beiden, der Aeltere noch dazu, mit einem Gesicht von Sturm

und Wetter gebräunt und gefurcht, wie das Gallionbild eines alten

Schiffes, stimmte ein kräftiges Lied an, das wie ein Sturmwind schallte.

Wieder schwebte der Geist über die dunkelwogende See dahin, immer weiter

und weiter, bis sie, fern von jeder Küste, wie der Geist zu Scrooge

sagte, auf einem Schiffe niedersanken. Sie standen neben dem Steuermann

an dem Rade, dem Ausgucker vorn, neben den Offizieren, welche die Wacht

hatten. Wie dunkle, gespenstische Gestalten standen diese auf ihrem

Posten, aber jeder von ihnen summte ein Weihnachtslied, oder hatte einen

Weihnachtsgedanken, oder sprach leise zu seinen Kameraden von einem

früheren Weihnachtsabend und heimatlichen Hoffnungen, die sich daran

knüpften. Und jeder einzelne an Bord, wachend oder schlafend, gut oder

schlecht, hatte an diesem Tage ein herzlicheres Wort für seine Kameraden

gehabt, als an jedem andern Tag des Jahres, und wenigstens einigermaßen

ihn gefeiert; und hatte an die gedacht, die sich jetzt seiner in der

Ferne erinnerten und hatte gewußt, daß sie jetzt seiner freundlich

gedachten.

Eine große Ueberraschung war es für Scrooge, während er dem Stöhnen des

Windes lauschte und nachdachte, wie schauerlich es doch sei, durch die

öde Nacht über einen unbekannten Abgrund, der Geheimnisse barg, so tief

wie der Tod, zu schiffen; eine große Ueberraschung war es für Scrooge,

sagte ich, plötzlich ein herzliches Lachen zu vernehmen. Noch größer

war Scrooges Ueberraschung, als er darin das Lachen seines eigenen

Neffen erkannte und sich in einem hellen, behaglich warmen Zimmer

wiederfand, während der Geist an seiner Seite stand und mit beifälligem,

mildem Lächeln auf diesen selbigen Neffen herabblickte.

»Haha!« lachte Scrooges Neffe. »Hahaha!«

Wenn durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall jemand einen Menschen

kennt, der sich glücklicher fühlt, zu lachen, als Scrooges Neffe, so

kann ich nur sagen, ich möchte ihn auch kennen. Stellt mich ihm vor und

ich werde seine Freundschaft kultivieren.

Es ist doch eine gerechte und schöne Anordnung, daß, wie Krankheit und

Kummer ansteckend sind, auch in der ganzen weiten Welt nichts so

unwiderstehlich ansteckend ist, wie Lachen und Fröhlichkeit.

Wie Scrooges Neffe lachte und sich den Bauch hielt und mit dem Kopfe

wackelte und die allermerkwürdigsten Gesichter schnitt, lachte Scrooges

Nichte (durch Heirat) so herzlich wie er. Und die versammelten Freunde,

nicht faul, fielen in den Lachchor ein.

»Haha! Haha! Haha!«

»Er sagte, Weihnachten wäre dummes Zeug, so wahr ich lebe,« rief

Scrooges Neffe. »Er glaubt es auch.«

»Die Schande ist um so größer für ihn, Fritz,« sagte Scrooges Nichte

entrüstet. Gott segne die Frauen! Sie thun nie etwas halb. Sie sind

immer in vollem Ernste.

Sie war hübsch, sehr hübsch. Sie hatte ein liebliches, schelmisches

Gesicht; einen frischen kleinen Mund, der zum Küssen geschaffen schien

-- wie er es ohne Zweifel auch war; alle Arten lieber kleiner Grübchen

um das Kinn, welche ineinander flossen, wenn sie lachte; und das

sonnenhellste Paar Augen, welches je erblickt wurde. Ja, sie war

reizend, liebenswürdig, hinreißend.

»Es ist ein komischer alter Kerl,« sagte Scrooges Neffe, »das ist wahr;

und nicht so angenehm, wie er sein könnte, doch seine Fehler bestrafen

sich selbst und ich habe ihn nicht zu tadeln.«

»Er muß sehr reich sein, Fritz,« meinte Scrooges Nichte. »Wenigstens

sagst du es immer.«

»Was geht das uns an, Liebe!« sagte Scrooges Neffe. »Sein Reichtum nützt

ihm nichts. Er thut nichts Gutes damit. Er macht sich nicht einmal

selbst das Leben damit angenehm. Er hat nicht das Vergnügen, zu denken

-- hahaha -- daß er uns am Ende damit eine Freude machen wird.«

»Ich habe keine Geduld mit ihm,« bemerkte Scrooges Nichte. Die Schwester

von Scrooges Nichte und all die anderen Damen waren derselben Meinung.

»O, ich habe Geduld,« sagte Scrooges Neffe. »Mir thut er leid; ich

könnte nicht bös auf ihn werden, selbst wenn ich's versuchte. Wer leidet

unter seiner bösen Laune? Er selber, weiter niemand. Jetzt hat er sich

in den Kopf gesetzt, uns nicht leiden zu können und will nicht unsere

Einladung zum Mittagsessen annehmen. Was ist die Folge davon? Er

verliert nicht viel an unserm Essen.«

»Nun, ich meine, er verliert ein sehr gutes Essen,« unterbrach ihn

Scrooges Nichte. Die anderen sagten dasselbe und man konnte ihnen die

Kompetenz nicht bestreiten, weil sie eben zu essen aufgehört hatten und

jetzt bei dem Dessert bei Lampenlicht um den Kamin saßen.

»Nun, es freut mich, das zu hören,« sagte Scrooges Neffe, »weil ich kein

großes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen habe. Was sagen Sie dazu,

Topper?«

Ganz klärlich war's, Topper hatte ein Auge auf eine der Schwestern von

Scrooges Nichte geworfen, denn er antwortete, ein Hagestolz sei ein

unglücklicher, heimatloser Mensch, der kein Recht habe, eine Meinung

über diesen Gegenstand auszusprechen; bei welchen Worten die Schwester

von Scrooges Nichte -- die Dicke mit dem Spitzenkragen, nicht die mit

der Rose im Haar -- rot wurde.

»Weiter, weiter, Fritz!« sagte Scrooges Nichte, in die Hände klatschend.

»Er bringt nie zu Ende, was er angefangen hat! Er ist ein so närrischer

Kerl.«

Scrooges Neffe schwelgte in einem andern Gelächter, und es war

unmöglich, sich von der Ansteckung fern zu halten, obgleich die dicke

Schwester es sogar mit =quatre voleurs= versuchte: sein Beispiel wurde

einstimmig nachgeahmt.

»Ich wollte nur sagen,« sagte Scrooges Neffe, »daß die Folge seines

Mißfallens an uns und seiner Weigerung, mit uns fröhlich zu sein, die

ist, daß er einige angenehme Augenblicke verliert, welche ihm nicht

schaden würden. Gewiß verliert er angenehmere Unterhaltung, als ihm

seine eigenen Gedanken in seinem dumpfigen alten Comptoir oder in seiner

Wohnung geben. Ich denke ihm jedes Jahr die Gelegenheit dazu zu geben,

ob es ihm nun gefällt oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf

Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er muß doch endlich besser

davon denken, wenn er mich jedes Jahr in guter Laune zu ihm kommen

sieht, mit den Worten: Onkel Scrooge, wie befinden Sie sich? Wenn es ihm

nur den Gedanken eingiebt, seinem armen Diener fünfzig Pfund zu

hinterlassen, so ist das doch wenigstens etwas; und ich glaube, ich

packte ihn gestern.«

Es war jetzt an ihnen die Reihe zu lachen, bei dem Gedanken, daß er

Scrooge gepackt hätte. Aber da er durch und durch gutmütig war und sich

nicht sehr darum kümmerte, über was sie lachten, wenn sie nur überhaupt

lachten, so fiel er in ihre Fröhlichkeit ein und ließ die Flasche munter

herum gehen.

Nach dem Thee war Musik. Denn sie waren eine musikalische Familie und

wußten, was sie thaten, wenn sie einen Glee oder Catch sangen, darauf

könnt ihr euch verlassen, vorzüglich Topper, der den Baß brummen konnte

nach Noten, ohne daß die großen Adern auf der Stirn anschwollen, oder

sein Gesicht rot wurde. Scrooges Nichte spielte die Harfe recht gut; und

spielte unter anderen Stücken auch ein kleines Liedchen (ein bloßes

Nichts, ihr hättet es in zwei Minuten pfeifen gelernt), welches das

Kind, von dem Scrooge aus der Schule geholt worden war, wie ihn der

Geist der vergangenen Weihnachten gezeigt hatte, oft gesungen hatte. Als

Scrooge dieses Liedchen hörte, trat alles, was ihm der Geist gezeigt

hatte, wieder vor seine Seele; er wurde weicher und weicher und dachte,

wenn er es vor Jahren oft hätte hören können, so hätte er die

gemütlichen Seiten des Lebens genießen können, ohne erst zu des

Totengräbers Spaten, der Jakob Marley begraben, seine Zuflucht nehmen zu

müssen.

Aber sie widmeten nicht den ganzen Abend der Musik. Nach einer Weile

fingen sie Pfänderspiele an, denn es ist gut zuweilen Kind zu sein und

vorzüglich zu Weihnachten, als der Gründer dieses Festes selbst ein Kind

war. Doch halt, erst spielten sie noch Blindekuh. Und ich glaube

ebensowenig, daß Topper wirklich blind war, als ich glaube, er hätte

Augen in seinen Stiefeln gehabt. Ich vermute, es war zwischen ihm und

Scrooges Neffen abgekartet und der Geist der heurigen Weihnacht wußte

es. Die Art, wie er die dicke Schwester in dem Spitzenkragen verfolgte,

war eine Beleidigung der menschlichen Leichtgläubigkeit. Wo sie ging,

ging er auch, die Feuereisen umstoßend, über Stühle stolpernd, an das

Piano anrennend, sich in den Gardinen verwirrend. Immer wußte er, wo die

dicke Schwester war. Wenn jemand gegen ihn gefallen wäre, wie einige

thaten, oder sich vor ihn hingestellt hätte, würde er gethan haben, als

bemühe er sich, ihn zu ergreifen, wäre aber augenblicklich umgekehrt,

der dicken Schwester nach. Sie rief oft, das sei nicht ehrlich und

wirklich war es das auch nicht. Aber endlich hatte er sie gefunden und

trotz ihres Sträubens sperrte er sie in eine Ecke, wo keine Flucht

möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich. Denn sein

Vorgeben, er kenne sie nicht: er müsse ihren Kopfputz anfassen und, um

sie zu erkennen, einen gewissen Ring auf ihrem Finger und eine gewisse

Kette um ihren Hals befühlen, war ganz, ganz abscheulich! Und gewiß

sagte sie ihm auch ihre Meinung darüber, denn als ein anderer Blinder an

der Reihe war, waren sie hinter den Gardinen sehr vertraut miteinander.

Scrooges Nichte nahm nicht mit an dem Blindekuhspiele teil, sondern saß

gemütlich in einer traulichen Ecke in einem Lehnstuhle mit einem

Fußbänkchen, und der Geist und Scrooge standen dicht hinter ihr. Aber

Pfänder spielte sie mit und liebte ihre Liebe mit allen Buchstaben des

Alphabets zur Bewunderung. Auch in dem Spiele: Wie, wenn und wo, war sie

sehr stark und stellte zur geheimen Freude von Scrooges Neffen ihre

Schwestern gar sehr in Schatten, obgleich sie auch ganz gescheite

Mädchen waren, wie uns Topper hätte sagen können. Es mochten ungefähr

zwanzig Personen da sein, junge und alte, aber sie spielten alle und

auch Scrooge spielte mit; denn in seiner Teilnahme an dem Geschehenen

ganz vergessend, daß ihnen seine Stimme nicht hörbar war, sagte er oft

seine Antwort auf die Fragen ganz laut und riet auch oft ganz richtig.

Dem Geiste gefiel es sehr, ihn in dieser Laune zu sehen und er blickte

ihn so freundlich an, daß Scrooge wie ein Knabe ihn bat, noch warten zu

dürfen, bis die Gäste fortgingen. Aber der Geist sagte, dies könne nicht

geschehen!

»Es fängt ein neues Spiel an,« sagte Scrooge. »Nur eine einzige halbe

Stunde, Geist.«

Es war ein Spiel, was man Ja und Nein nennt, wo Scrooges Neffe sich

etwas zu denken hatte und die anderen erraten mußten: was; auf ihre

Fragen brauchte er bloß mit Ja oder Nein zu antworten. Die schnell

aufeinander folgenden Fragen, die ihm vorgelegt wurden, stellten heraus,

daß er sich ein Tier dachte, ein lebendiges Tier, ein häßliches Tier,

ein wildes Tier, ein Tier, das zuweilen brummte und zuweilen sprach und

in London sich aufhielt und in den Straßen herumlief und nicht für Geld

gezeigt und nicht herumgeführt würde und nicht in einer Menagerie sei

und nicht geschlachtet werde, und weder ein Pferd, noch ein Esel, noch

eine Kuh, noch ein Ochs, noch ein Tiger, noch ein Hund, noch ein

Schwein, noch eine Katze, noch ein Bär sei. Bei jeder neuen Frage, die

ihm gestellt wurde, brach Scrooges Neffe von neuem in ein Gelächter aus

und konnte gar nicht wieder heraus kommen, so daß er vom Sofa aufstehen

und mit den Füßen stampfen mußte. Endlich rief die dicke Schwester mit

einem ebenso unauslöschlichen Gelächter: »Ich habe es, ich weiß es,

Fritz, ich weiß es.«

»Was ist es?« rief Fritz.

»Es ist Onkel Scrooge.«

Und der war es auch. Bewunderung war das allgemeine Gefühl, obgleich

einige meinten, die Frage: ist es ein Bär? hätte müssen mit Ja

beantwortet werden, denn eine verneinende Antwort sei schon hinreichend

gewesen, ihre Gedanken von Scrooge abzubringen, selbst wenn sie auf dem

Wege zu ihm gewesen wären.

»Nun, er hat uns Freude genug gemacht,« sagte Fritz, »und so wäre es

undankbar, nicht seine Gesundheit zu trinken. Hier ist ein Glas Glühwein

dazu bereit. Es lebe Onkel Scrooge!«

»Es lebe Onkel Scrooge!« riefen sie alle.

Der Weihnachtsabend Eine Geistergeschichte · 第 4 / 7 段