oder schön, aber voller Behaglichkeit. Neben dem Kamin saß ein schönes
junges Mädchen, so gleich der, welche Scrooge zuletzt gesehen hatte, daß
er glaubte, es sei dieselbe, bis er sie, jetzt eine stattliche Matrone,
der Tochter gegenüber sitzen sah. In dem Zimmer war ein wahrer Aufruhr,
denn es befanden sich mehr Kinder darin, als Scrooge in seiner Aufregung
zählen konnte; und hier betrugen sich nicht vierzig Kinder wie eins,
sondern jedes Kind wie vierzig. Die Folge davon war ein Lärm
sondergleichen; aber niemand schien sich darum zu kümmern; im Gegenteil,
Mutter und Tochter lachten herzlich und freuten sich darüber; und die
letztere, die sich bald in die Spiele mischte, wurde von den kleinen
Schelmen gar grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines
dieser Kinder zu sein, obgleich ich nimmer so ungezogen gewesen wäre.
Nein, nein! für alle Schätze der Welt hätte ich nicht diese Locken
zerdrückt und zerwühlt; und diesen lieben, kleinen Schuh hätte ich nicht
entwendet, um mein Leben zu retten. Im Scherz ihre Taille zu messen, wie
die kecke, junge Brut that, ich hätte es nicht gewagt; ich hätte
geglaubt, mein Arm würde zur Strafe krumm werden und nie wieder gerade
wachsen. Und doch, wie gern, ich gestehe es, hätte ich ihre Lippen
berührt; wie gern hätte ich sie gefragt, damit sie sich geöffnet hätten;
wie gern hätte ich die Wimpern dieser niedergeschlagenen Augen
betrachtet, ohne ein Erröten hervorzurufen; wie gern hätte ich dieses
wogende Haar gelöst, von dem ein Zoll ein Schatz über allen Preis
gewesen wäre; kurz, wie gern hätte ich das kleinste Privilegium eines
Kindes gehabt, mit der Bedingung, Mann genug zu sein, um seinen Wert zu
kennen.
Aber jetzt wurde ein Klopfen an der Thür gehört, was einen so
allgemeinen Sturz nach derselben veranlaßte, daß sie mit lachendem
Gesicht und verwirrtem Anzug in der Mitte eines frohlockenden lärmenden
Haufens nach der Thür gedrängt wurde, dem Vater entgegen, der nach Haus
kam, in Begleitung eines Mannes mit Weihnachtsgeschenken beladen. Aber
nun das Geschrei und das Gedräng und der Sturm auf den verteidigungslosen
Träger! Wie sie auf Stühlen an ihm hinaufstiegen, in seine Taschen
guckten, die Papierpäckchen raubten, an seiner Halsbinde zupften, an
seinem Halse hingen, ihm auf den Rücken trommelten und an die Beine
stießen -- alles in unwiderstehlicher Freude! Dann diese Ausrufungen der
Verwunderung und des Frohlockens, mit denen der Inhalt jedes Päckchens
begrüßt wurde! Die schreckliche Kunde, daß das Wickelkind ertappt worden
sei, wie es die Bratpfanne der Puppe in den Mund gesteckt, oder wohl gar
das hölzerne Huhn samt der Schüssel hinuntergeschluckt habe! Die große
Beruhigung, zu finden, daß es ein falscher Lärm gewesen sei! Die Freude
und die Dankbarkeit und das Entzücken! Dies alles ist über alle
Beschreibung. Es muß genügen, zu wissen, daß die Kinder und ihre Freuden
endlich aus dem Zimmer kamen und _eine_ Treppe auf einmal hinaufgingen,
wo sie zu Bett gebracht wurden und dort blieben.
Und als jetzt Scrooge sah, wie der Herr des Hauses, die Tochter zärtlich
an seine Seite geschmiegt, sich mit ihr und ihrer Mutter an seinem
eigenen Herd niedersetzte; und wie er dachte, daß ein solches Wesen
ebenso lieblich und hoffnungsreich ihn hätte Vater nennen und wie
Frühlingszeit in dem öden Winter seines Lebens hätte sein können, da
wurden seine Augen wirklich trübe.
»Bella,« sagte der Mann, sich lächelnd zu seiner Gattin wendend, »ich
sah heut' Nachmittag einen alten Freund von dir.«
»Wer war es?«
»Rate.«
»Wie kann ich das? Ach, jetzt weiß ich,« fügte sie sogleich hinzu,
lachend, wie er lachte. »Mr. Scrooge.«
»Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Comptoirfenster vorüber; und da
kein Laden davor war und er Licht drin hatte, mußte ich ihn fast sehen.
Sein Compagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er saß allein dort. Ganz
allein in der Welt, glaube ich.«
»Geist,« sagte Scrooge mit bebender Stimme, »führe mich weg von diesem
Orte.«
»Ich sagte dir, daß dieses Schatten gewesener Dinge wären,« sagte der
Geist. »Gieb mir nicht die Schuld, daß sie so sind, wie sie sind.«
»Führe mich weg!« rief Scrooge aus. »Ich kann es nicht ertragen.«
Er wandte sich gegen den Geist, und wie er sah, daß er ihn mit einem
Gesicht anblickte, in welchem sich auf eine seltsame Weise einzelne Züge
all der Gesichter zeigten, die er gesehen hatte, rang er mit ihm.
»Verlaß mich, führ' mich weg. Umschwebe mich nicht länger.«
In dem Kampfe, wenn das ein Kampf genannt werden kann, wo der Geist,
ohne einen sichtbaren Widerstand von seiner Seite, von den Anstrengungen
seines Gegners ungestört blieb, bemerkte Scrooge, daß das Licht auf
seinem Haupte hoch und hell brenne; und in einem dunklen Instinkt jenes
Licht mit des Geistes Einfluß auf sich verbindend, ergriff er den
Lichtauslöscher und stülpte ihn auf des Geistes Haupt.
Der Geist sank darunter zusammen, so daß der Lichtauslöscher seine ganze
Gestalt bedeckte; aber obgleich Scrooge ihn mit seiner ganzen Kraft
niederdrückte, konnte er das Licht nicht verbergen, welches darunter
hervor und mit hellem Schimmer über den Boden strömte.
Er fühlte, daß er erschöpft sei und von einer unüberwindlichen
Schläfrigkeit befallen werde und wußte, daß er in seinem eignen
Schlafzimmer sei. Er gab dem Lichtauslöscher noch einen Druck zum
Abschiede und fand kaum Zeit, in das Bett zu wanken, ehe er in tiefen
Schlaf sank.
Drittes Kapitel.
Der zweite der drei Geister.
Scrooge erwachte mitten in einem tüchtigen Geschnarch und setzte sich in
dem Bette in die Höhe, um seine Gedanken zu sammeln. Diesmal hatte
niemand nötig, ihm zu sagen, daß es gerade Eins sei. Er fühlte, daß er
gerade zu der rechten Zeit und zu dem ausdrücklichen Zwecke erwacht sei,
eine Konferenz mit dem zweiten an ihn durch Jakob Marleys Vermittlung
abgesandten Boten zu halten. Aber bei dem Gedanken, welche seiner
Bettgardinen wohl das neue Gespenst zurückschlagen würde, wurde es ihm
ganz unheimlich kalt, und so schlug er sie mit seinen eigenen Händen
zurück. Dann legte er sich wieder nieder und beschloß, genau
aufzupassen, denn er wollte den Geist in dem Augenblicke seiner
Erscheinung anrufen, und wünschte nicht überrascht und erschreckt zu
werden.
Leute von keckem Mute, die sich schmeicheln, es schon mit etwas
aufnehmen zu können, und immer an ihrem Platze zu sein, drücken den
weiten Bereich ihrer Fähigkeiten mit den Worten aus: Sie wären gut für
alles, vom Brotessen bis zum Menschenverschlingen; zwischen welchen
beiden Extremen ohne Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Darlegung
ihrer Kräfte liegt. Ohne gerade zu behaupten, daß Scrooge es so weit
gebracht hätte, muß ich doch von dem Leser den Glauben fordern, daß er
auf ein recht schönes Sortiment von Erscheinungen gefaßt war, und daß
nichts zwischen einem Wickelkind und einem Rhinoceros ihn sehr staunen
gemacht haben würde.
Eben weil er auf fast alles gefaßt war, war er nicht vorbereitet, nichts
zu sehen; und so, als die Glocke Eins schlug und keine Gestalt
erschien, überfiel ihn ein heftiges Zittern. Fünf Minuten, zehn Minuten,
eine Viertelstunde vergingen, aber es kam nichts. Die ganze Zeit über
lag er auf seinem Bett recht in der Mitte eines Stromes rötlichen
Lichtes, welches sich über ihn ausgoß, als die Glocke die Stunde
verkündigte; und welches, weil es nur Licht war, viel beunruhigender als
ein Dutzend Geister war, da es ihm unmöglich war zu erraten, was es
bedeute oder was es wolle. Ja, er fürchtete zuweilen, er möchte in
diesem Augenblick ein merkwürdiger Fall von Selbstentzündung sein, ohne
den Trost zu haben, es zu wissen. Endlich jedoch fing er an zu denken,
daß die Quelle dieses geisterhaften Lichtes wohl in dem anliegenden
Zimmer sein möge, aus dem es bei näherer Betrachtung zu strömen schien.
Wie dieser Gedanke die Herrschaft über seine Seele bekommen hatte, stand
er leise auf und schlürfte in den Pantoffeln nach der Thür.
In demselben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf den Drücker legte,
rief ihn eine fremde Stimme bei Namen und hieß ihn eintreten. Er
gehorchte.
Es war sein eigenes Zimmer. Daran ließ sich nicht zweifeln. Aber eine
wunderbare Umwandlung war mit ihm vorgegangen. Wände und Decke waren
ganz mit grünen Zweigen bedeckt, daß es ganz aussah wie eine Laube, in
der überall glänzende Beeren schimmerten. Die glänzenden, strammen
Blätter der Stecheiche, der Mistel und des Epheus warfen das Licht
zurück und erschienen wie ebensoviel kleine Spiegel. Eine so gewaltige
Flamme loderte die Esse hinauf, wie dieses Spottbild eines Kamines in
Scrooges oder Marleys Zeit seit vielen, vielen Wintern nicht gekannt
hatte. Auf dem Fußboden waren zu einer Art von Thron Truthähne, Gänse,
Wildbret, große Braten, Spanferkel, lange Reihen von Würsten, Pasteten,
Plumpuddings, Austerfäßchen, glühende Kastanien, rotbäckige Aepfel,
saftige Orangen, appetitliche Birnen, ungeheure Stollen und siedende
Punschbowlen aufgehäuft, welche das Zimmer mit köstlichem Geruch
erfüllten. Auf diesem Thron saß behaglich und mit fröhlichem Angesicht
ein Riese, gar herrlich anzuschauen. In der Hand trug er eine brennende
Fackel, fast wie ein Füllhorn gestaltet, und hielt sie hoch in die Höhe,
um Scrooge damit zu beleuchten, wie er in das Zimmer guckte.
»Nur herein,« rief der Geist. »Nur herein, und lerne mich besser
kennen.«
Scrooge trat schüchtern ein und senkte das Haupt vor dem Geiste. Er war
nicht mehr der hartfühlende, nichtsscheuende Scrooge wie früher, und
obgleich des Geistes Augen hell und mild glänzten, wünschte er ihnen
doch nicht zu begegnen.
»Ich bin der Geist der heurigen Weihnacht,« sagte die Gestalt. »Sieh'
mich an.«
Scrooge that es mit ehrfurchtsvollem Blick. Der Geist war in ein
einfaches, dunkelgrünes Gewand, mit weißem Pelz verbrämt, gekleidet. Die
breite Brust war entblößt, als verschmähe sie, sich zu verstecken. Auch
die Füße waren bloß und schauten unter den weiten Falten des Gewandes
hervor; und das Haupt hatte keine andere Bedeckung, als einen
Stecheichenkranz, in dem hier und da Eiszapfen glänzten. Seine
dunkelbraunen Locken wallten fessellos auf die Schultern. Sein munteres
Gesicht, sein glänzendes Auge, seine fröhliche Stimme, sein
ungezwungenes Benehmen, alles sprach von Offenheit und heiterm Sinn. Um
den Leib trug er eine alte Degenscheide gegürtet; aber sie war von Rost
zerfressen und kein Schwert stak darin.
»Du hast nie meinesgleichen vorher gesehen,« rief der Geist.
»Niemals,« entgegnete Scrooge.
»Hast dich nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie abgegeben; ich
meine (denn ich bin sehr jung) meine ältern Brüder, welche in den
letztern Jahren geboren worden sind,« fuhr das Phantom fort.
»Ich glaube nicht,« sagte Scrooge. »Es thut mir leid, es nicht gethan zu
haben. Hast du viele Brüder gehabt, Geist?«
»Mehr als achtzehnhundert,« sagte dieser.
»Eine schrecklich große Familie, wer für sie zu sorgen hat,« murmelte
Scrooge.
Der Geist der heurigen Weihnacht stand auf.
»Geist,« sagte Scrooge demütig, »führe mich wohin du willst. Gestern
Nacht wurde ich durch Zwang hinausgeführt und mir wurde eine Lehre
gegeben, die jetzt im Wirken ist. Heute bin ich bereit zu folgen, und
wenn du mir etwas zu lehren hast, will ich hören.«
»Berühre mein Gewand.«
Scrooge that, wie ihm gesagt worden und hielt es fest.
Stecheichen, Misteln, rote Beeren, Epheu, Truthähne, Gänse, Braten,
Spanferkel, Würste, Austern, Pasteten, Puddings, Früchte und Punsch,
alles verschwand augenblicklich. Auch das Zimmer verschwand, das Feuer,
der rötliche Schimmer, die nächtliche Stunde, und sie standen in den
Straßen der Stadt, am Morgen des Weihnachtstages, wo die Leute, denn es
war sehr kalt, eine rauhe, aber muntere und nicht unangenehme Musik
machten, wie sie den Schnee von dem Straßenpflaster und den Dächern der
Häuser zusammenscharrten. Und daneben standen die Kinder und freuten
sich und frohlockten, wie die Schneelawinen von den Dächern
herunterstürzten und in künstliche Schneestürme zerstiebten.
Die Häuser erschienen schwarz und die Fenster noch schwärzer, verglichen
mit der glatten, weißen Schneedecke auf den Dächern und dem schmutzigern
Schnee auf den Straßen. In den letztern war er von den schweren Rädern
der Wagen und Karren in tiefe Furchen aufgepflügt; Furchen, die sich
hundert- und aberhundertmal kreuzten, wo eine Nebenstraße ausging, und
in dem dicken, gelben Schmutz und halberstarrten Wasser labyrinthische
Kanäle bildeten. Der Himmel war trübe und selbst die kürzesten Straßen
schienen sich in einen dicken Nebel zu verlieren, dessen schwerere Teile
in einem rußigen Regen niederfielen, als wenn alle Essen von England
sich auf einmal entzündet hätten und jetzt nach Herzenslust brennten. Es
war nichts Heiteres in der ganzen Umgebung und doch lag etwas in der
Luft, was die klarste Sommerluft und die hellste Sommersonne nicht
hätten verbreiten können.
Denn die Leute, welche den Schnee von den Dächern schaufelten, waren
lustig und voll mutwilliger Laune. Sie riefen sich einander zu von den
Dächern und wechselten dann und wann einen Schneeball -- ein
gutmütigerer Pfeil, als manches Wort -- und lachten herzlich, wenn er
traf und nicht weniger herzlich, wenn sie fehlschossen. Die Läden der
Geflügelhändler waren noch halb offen und die der Fruchthändler
strahlten in heller Freude. Da sah man große, runde, dickbäuchige Körbe
voll Kastanien, gleich den Westen lustiger, alter Herren, an den Thüren
lehnend, oder im apoplektischen Ueberfluß auf die Straße rollend. Da sah
man braune, dickbäuchige, spanische Zwiebeln, in ihrer Fettheit
spanischen Mönchen gleichend und mutwillig den Mädchen winkend, welche
vorübergingen und verschämt nach dem Mistelzweige schielten. Da sah man
Birnen und Aepfel in Pyramiden zusammengestellt; Trauben, die der
Kaufmann in seiner Gutmütigkeit recht augenfällig im Gewölbe hängen
ließ, daß den Vorübergehenden der Mund gratis wässere; Haufen von
Haselnüssen, bemoost und braun, mit ihrem frischen Duft vergangene
Streifereien in den Wald durch das raschelnde, fußhohe welke Laub
zurückrufend; Norfolk-Biffins, fett und krispig, mit ihrer Bräune von
den gelben Orangen abstechend und gar dringend bittend, daß man sie nach
Hause tragen und nach Tische essen möge. Ja, selbst die Gold- und
Silberfische, welche in einem Glas mitten unter den auserlesenen
Früchten standen, obgleich von einem dick- und kaltblütigen Geschlechte,
schienen zu wissen, daß etwas Besonderes los sei und schwammen um ihre
kleine Welt in langsamer und leidenschaftsloser Bewegung.
Ach die Materialwarenläden! fast geschlossen waren sie, vielleicht ein
oder zwei Laden vorgesetzt; aber welche Herrlichkeiten sah man durch
diese Oeffnungen! Nicht allein, daß die Wagschalen mit einem fröhlichen
Klange auf den Ladentisch klirrten, oder daß der Bindfaden und seine
Rolle so munter voneinander schieden, oder daß die Büchsen wie durch
Zauberei blitzschnell hin und her fuhren, oder daß der vermischte Geruch
von Kaffee und Thee der Nase so wohlthuend war, die Rosinen so
wunderschön, die Mandeln so außerordentlich weiß, die Zimtstengel so
lang und gerade, die andern Gewürze so köstlich, die eingemachten
Früchte so dick mit geschmolzenem Zucker belegt waren, daß der kälteste
Zuschauer entzückt wurde; nicht daß die Feigen so saftig und fleischig
waren, oder daß die Brignolen in bescheidener Koketterie in ihren
verzierten Büchsen erröteten, oder daß alles so gut zu essen oder so
schön in seinem Weihnachtskleid war; das war es nicht allein. Die
Kaufenden waren auch alle so eifrig und eilig in der Hoffnung des
Festes, daß sie in der Thüre gegeneinander rannten, wie von Sinnen mit
ihren Körben zusammenstießen und ihre Einkäufe vergaßen und wieder
zurückliefen, um sie zu holen, und tausend ähnliche Irrtümer in der
bestmöglichsten Laune begingen, während der Kaufmann und seine Leute so
frisch und froh waren, daß die blanken Herzen, welche ihre Schürzen
hinten zusammenhielten, ihre eigenen hätten sein können, die für aller
Augen Besichtigung auswendig getragen wurden.
Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und der Kapelle und in
ihren besten Kleidern und mit ihren feiertäglichsten Gesichtern gingen
die Leute durch die Straßen; und zu derselben Zeit strömten aus den
Nebenstraßen und Gäßchen und namenlosen Winkeln zahllose Leute, welche
ihr Mittagsessen zu dem Bäcker trugen. Der Anblick dieser Armen und doch
so Glücklichen schien des Geistes Teilnahme am meisten zu erregen, denn
er blieb mit Scrooge neben eines Bäckers Thür stehen, und indem er die
Decken von den Schüsseln nahm, wie die Träger vorübergingen, bestreute
er ihr Mahl mit Weihrauch von seiner Fackel. Es war eine gar wunderbare
Fackel, denn ein paarmal, als ein paar von den Leuten zusammengerannt
waren und einige heftige Worte fielen, besprengte er sie mit einigen
Tropfen Thau von seiner Fackel und ihre gute Laune war augenblicklich
wiederhergestellt. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am
Weihnachtstage zu zanken.
Jetzt schwiegen die Glocken und die Läden der Bäcker wurden geschlossen;
und doch schwebte noch ein Schattenbild von allen diesen Mittagsessen
und dem Fortschreiten ihrer Zubereitung in dem gethauten, nassen Fleck
über jedem Ofen; und vor ihnen rauchte das Pflaster, als wenn selbst die
Steine kochten.
»Ist eine besondere Kraft in dem, was deine Fackel ausstreut?« frug
Scrooge.
»Ja. Meine eigene.«
»Und wirkt sie auf jedes Mittagsmahl an diesem Tage?« fragte Scrooge.
»Auf jedes, welches gern gegeben wird. Auf ein ärmliches am meisten.«
»Warum auf ein ärmliches am meisten?«
»Weil das sie am meisten bedarf.«
»Geist,« sagte Scrooge nach einem augenblicklichen Sinnen, »mich
wundert's, daß du von allen Wesen auf den vielen Welten um uns wünschen
solltest, diesen Leuten die Gelegenheit unschuldigen Genusses zu
rauben.«
»Ich?« rief der Geist.
»Du willst ihnen die Mittel nehmen, jeden siebenten Tag zu Mittag zu
essen, und doch ist das der einzige Tag, wo sie überhaupt zu Mittag
essen können,« sagte Scrooge.
»Ich?« rief der Geist.
»Verzeihe mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen geschehen
oder wenigstens in dem deiner Familie,« sagte Scrooge.
»Es giebt Menschen auf Eurer Erde,« entgegnete der Geist, »welche uns
kennen wollen und ihre Thaten des Stolzes, der Mißgunst, des Hasses, des
Neides, des Fanatismus und der Selbstsucht in unserm Namen thun; die uns
in allem, was zu uns gehört, so fremd sind, als wenn sie nie gelebt
hätten. Bedenke das und schreibe ihre Thaten ihnen selbst zu und nicht
uns.«
Scrooge versprach es und sie gingen unsichtbar, wie bisher, weiter in
die Vorstadt. Es war eine wunderbare Eigenschaft des Geistes (Scrooge
hatte sie bei dem Bäcker bemerkt), daß er, trotz seiner riesenhaften
Gestalt, doch überall leicht Platz fand; und daß er unter einem
niedrigen Dach ebenso schön und wie ein übernatürliches Wesen dastand,
wie im geräumigen hohen Saal.
Vielleicht war es die Freude, welche der gute Geist darin fühlte, diese
Macht zu zeigen, vielleicht auch seine warmherzige, freundliche Natur
und seine Teilnahme für alle Armen, was ihn gerade zu Scrooges Diener
führte; denn er ging wirklich hin und nahm Scrooge mit, der sich an sein
Gewand festhielt. Auf der Schwelle stand der Geist lächelnd still und
segnete Bob Cratchits Wohnung mit dem Thau seiner Fackel. Bedenkt nur,
Bob hatte nur fünfzehn »Bob«[2] die Woche; er steckte Sonnabends nur
fünfzehn seiner Namensvettern in die Tasche; und doch segnete der Geist
der heurigen Weihnacht sein Haus.
[2] Schillinge.
Mr. Cratchits Frau, in einem ärmlichen, zweimal gewendeten Kleid, schön
aufgeputzt mit Bändern, die billig sind, aber hübsch genug für sechs
Pence aussehen, stand im Zimmer und deckte den Tisch. Belinda Cratchit,
ihre zweite Tochter, half ihr, während Mr. Peter Cratchit mit der Gabel
in eine Schüssel voll Kartoffeln stach und die Spitzen seines ungeheuren
Hemdkragens (Bobs Privateigentum, seinem Sohn und Erben zu Ehren des
Festes geliehen) in den Mund kriegte, voller Stolz, so schön angezogen
zu sein und voll Sehnsucht, sein weißes Hemd in den fashionablen Parks
zur Schau zu tragen. Jetzt kamen die zwei kleinern Cratchits, ein
Mädchen und ein Knabe, hereingesprungen und schrieen, sie hätten an des
Bäckers Thür die Gans gerochen und gewußt, daß es ihre eigene sei; und
in freudigen Träumen von Salbei und Zwiebeln tanzten sie um den Tisch
und erhoben Master Peter Cratchit bis in den Himmel, während er (nicht
stolz, obgleich der Hemdkragen ihn fast erstickte) das Feuer blies, bis
die Kartoffeln aufwallend an den Topfdeckel klopften, daß man sie
herauslassen und schälen möge.
»Wo bleibt nur der Vater?« sagte Mrs. Cratchit. »Und dein Bruder Tiny
Tim; und Martha kam vorige Weihnachten eine halbe Stunde früher.«
»Hier ist Martha, Mutter,« sagte ein Mädchen, zur Thür hereintretend.
»Hier ist Martha, Mutter,« riefen die beiden kleinen Cratchits. »Hurra,
das ist eine Gans, Martha.«
»Gott grüße dich, liebes Kind! wie spät du kommst!« sagte Mrs. Cratchit,
sie ein dutzendmal küssend und mit zuthulichem Eifer ihr Shawl und Hut
abnehmend.
»Wir hatten gestern Abend viel zurecht zu machen,« antwortete das
Mädchen, »und mußten heute alles fertig machen, Mutter.«
»Nun, es schadet nichts, da du doch da bist,« sagte Mrs. Cratchit.
»Setze dich an das Feuer, liebes Kind, und wärme dich.«
»Nein, nein, der Vater kommt,« riefen die beiden kleinen Cratchits, die
überall zu gleicher Zeit waren. »Versteck' dich, Martha, versteck'
dich!«
Martha versteckte sich und jetzt trat Bob herein, der Vater. Wenigstens
drei Fuß, ungerechnet der Fransen, hing der Shawl auf seine Brust herab
und die abgetragnen Kleider waren geflickt und gebürstet, um ihnen ein
Ansehen zu geben. Tiny Tim saß auf seiner Schulter. Der arme Tiny Tim!
er trug eine kleine Krücke und seine Glieder wurden von eisernen
Schienen gestützt.
»Nun, wo ist unsere Martha?« rief Bob Cratchit, im Zimmer herumschauend.
»Sie kommt nicht,« sagte Mrs. Cratchit.
»Sie kommt nicht?« sagte Bob mit einer plötzlichen Abnahme seiner
fröhlichen Laune; denn er war den ganzen Weg von der Kirche Tims Pferd
gewesen und im vollen Laufe nach Hause gerannt. »Sie kommt nicht zum
Weihnachtsabend?«
Martha wollte ihm keinen Schmerz verursachen, selbst nicht aus Scherz,
und so trat sie hinter der Thür hervor und schlang die Arme um seinen
Hals, während die beiden kleinen Cratchits sich Tiny Tims bemächtigten
und ihn nach dem Waschhause trugen, damit er den Pudding im Kessel
singen höre.
»Und wie hat sich der kleine Tim aufgeführt?« frug Mrs. Cratchit, als
sie Bob wegen seiner Leichtgläubigkeit geneckt und Bob seine Tochter
nach Herzenslust geküßt hatte.
»Wie ein Goldkind,« sagte Bob, »und noch besser. Ich weiß nicht, wie es
zugeht, aber er wird jetzt so träumerisch vom Alleinsitzen, und sinnt
sich die seltsamsten Dinge aus. Heute wie wir nach Haus gingen, sagte
er, er hoffe, die Leute sähen ihn in der Kirche, denn er sei ein
Krüppel, und es wäre vielleicht gut für sie, sich am Christtag an den zu
erinnern, der Lahme gehend und Blinde sehend machte.«
Bobs Stimme zitterte, als er dies sagte und zitterte noch mehr, als er
hinzufügte, daß Tiny Tim stärker und gesunder werden würde.
Man hörte jetzt seine kleine Krücke auf dem Fußboden und ehe weiter ein
Wort gesprochen worden, war Tim wieder da und wurde von seinem Bruder
und seiner Schwester nach seinem Stuhl neben dem Feuer geführt. Während
jetzt Bob, seine Rockaufschläge in die Höhe schlagend -- als wenn es
möglich wäre, sie noch mehr abzutragen -- in einer Bowle aus Cognac und
Citronen eine heiße Mischung zubereitete, und sie umrührte und wieder an
das Feuer setzte, damit sie sich warm halten möge, gingen Master Peter
und die zwei sich überall befindenden kleinen Cratchits, um die Gans zu
holen, mit der sie bald in feierlichem Zuge zurückkehrten.
Jetzt entstand ein solcher Lärm, als ob eine Gans der seltenste aller
Vögel wäre, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein schwarzer Schwan etwas
ganz Gewöhnliches wäre, und wirklich war sie es auch in diesem Hause.
Mrs. Cratchit ließ die Bratenbrühe aufwallen; Master Peter schmorte die
Kartoffeln mit unglaublichem Eifer; Miß Belinda machte die Aepfelsauce
süß; Martha stäubte die gewärmten Teller ab; Bob trug Tiny Tim neben
sich in eine behagliche Ecke am Tisch; die beiden kleinen Cratchits
stellten die Stühle zurecht, wobei sie sich nicht vergaßen, und nahmen
ihren Posten ein, den Löffel in den Mund steckend, damit sie nicht nach
Gans schrieen, ehe die Reihe an sie kam. Endlich wurde das Gericht
aufgetragen und das Tischgebet gesprochen. Darauf folgte eine atemlose
Pause, als Mrs. Cratchit, das Vorschneidemesser langsam von der Spitze
bis zum Heft betrachtend, sich zurecht machte, es der Gans in die Brust
zu stoßen; aber wie sie es that, und wie der lang erwartete Strom des
Gefüllsels sich ergoß, ertönte ein freudiges Murmeln um den ganzen
Tisch, und selbst Tiny Tim, durch die beiden kleinen Cratchits in Feuer
gebracht, schlug mit dem Heft seines Messers auf den Tisch und rief ein
schwaches Hurra.