Als diese Worte gesprochen waren, schwanden die beiden durch die Wände

und standen plötzlich im Freien auf der Landstraße, rings von Feldern

umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden. Keine Spur war mehr davon

übrig. Die Finsternis und der Nebel waren mit ihr verschwunden, denn es

war jetzt ein klarer, kalter Wintertag und der Boden war mit weißem,

reinem Schnee bedeckt.

»Gütiger Himmel!« rief Scrooge, die Hände faltend, als er um sich

blickte. »Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich noch als Knabe.«

Der Geist schaute ihn mit mildem Blicke an. Seine sanfte Berührung,

obgleich sie nur leise und augenblicklich gewesen war, klang immer noch

in dem Herzen des alten Mannes nach. Er fühlte wie tausend Düfte durch

die Luft schwebten, jeder mit tausend Gedanken und Hoffnungen und

Freuden und Sorgen verbunden, die lange, lange vergessen waren.

»Deine Lippe zittert,« sagte der Geist. »Und was glänzt auf deiner

Wange?«

Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Stocken in der Stimme, es sei

ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen, wohin er wolle.

»Erinnerst du dich des Weges?« frug der Geist.

»Ob ich mich seiner erinnere?« rief Scrooge mit Innigkeit; »ich könnte

ihn blindlings gehen.«

»Seltsam, daß du ihn so viele Jahre lang vergessen hast,« sagte der

Geist. »Komm!«

Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Thor, jeden Pfahl,

jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in der Ferne mit seiner

Kirche, seiner Brücke und dem hellen Fluß erschien. Jetzt kamen einige

Knaben, auf zottigen Ponys reitend, auf sie zu, welche anderen Knaben in

ländlichen Wagen laut zuriefen. Alle diese Knaben waren gar fröhlich und

laut, bis die weiten Felder so voll heiterer Musik waren, daß die kalte,

sonnige Luft lachte, sie zu hören.

»Dies sind bloß Schatten der Dinge, die gewesen sind,« sagte der Geist,

»sie wissen nichts von uns.«

Die fröhlichen Reisenden kamen näher und jetzt erkannte Scrooge sie alle

und konnte sie alle bei Namen nennen. Warum freute er sich über alle

Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein kaltes Auge feucht, warum

frohlockte sein Herz, als sie vorübereilten, warum wurde sein Herz

weich, wie sie an den Kreuzwegen voneinander schieden und sich fröhliche

Weihnachten wünschten?

Was gingen Scrooge fröhliche Weihnachten an? Der Henker hole fröhliche

Weihnachten! Welchen Nutzen hatte er jemals davon gehabt?

»Die Schule ist nicht ganz verlassen,« sagte der Geist »Ein Kind, eine

verlassene Waise sitzt noch einsam dort.«

Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.

Sie verließen jetzt die Heerstraße auf einem wohlbekannten Feldwege und

erreichten bald ein Haus von dunkelroten Ziegeln, mit einem kleinen

Türmchen auf dem Dache und darin eine Glocke. Es war ein großes Haus,

aber jetzt vernachlässigt und verfallen, denn die geräumigen Gemächer

waren wenig gebraucht, die Wände feucht und grün, die Fenster

zerbrochen, die Thüren morsch und zerfallen. Hühner gluckten und

scharrten in den Ställen; und der Wagenschuppen war mit Gras

überwachsen. Auch im Innern war nichts von seiner alten Pracht übrig

geblieben, denn als sie in die verödete Hausflur eintraten und durch die

offenen Thüren in die vielen Zimmer blickten, sahen sie nur ärmlich

ausgestattete, kalte, große Räume. Ein erdiger, dumpfiger Geruch

erfüllte die Luft, eine frostige Unbehaglichkeit schien um den Ort zu

schweben, die auf irgend eine Art an zu oft früh bei Licht aufstehen,

und nicht zu viel zu essen zu bekommen erinnerte.

Der Geist und Scrooge gingen über die Hausflur nach einer Thür auf der

Rückseite des Hauses. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte ihnen einen

langen, kahlen, unbehaglichen Saal, noch kahler und unbehaglicher

gemacht durch die Reihen von einfachen hölzernen Bänken.

Auf einer derselben saß einsam ein Knabe neben einem schwachen Feuer und

las; und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und weinte, sein

eigenes, vergessenes Selbst, wie es in früheren Jahren war, zu sehen.

Kein dumpfer Widerhall in dem Hause, kein Rascheln der Mäuse hinter dem

Getäfel, kein Getröpfel des halbgefrorenen Röhrtrogs in dem Hofe hinten,

kein Seufzer in den blattlosen Zweigen einer verlassen trauernden

Pappel, nicht das Klappen der vom Winde hin und her geschwungenen Thür

des Vorratshauses im Hofe, selbst nicht das Knistern des Feuers war für

Scrooge verloren. Alles fiel auf sein Herz mit erweichenden Tönen und

löste seine Thränen.

Der Geist berührte seinen Arm und wies auf sein jüngeres, in ein Buch

vertieftes Selbst. Plötzlich stand ein Mann in fremdartiger Tracht mit

einer Axt im Gürtel und einen mit Holz beladenen Esel am Zaume führend,

draußen vor dem Fenster, wundersam wirklich und deutlich zu sehen.

»Was! das ist ja Ali Baba!« rief Scrooge voller Freude aus. »Es ist der

alte, liebe, ehrliche Ali Baba. Ja, ja, ich weiß noch. Einst zur

Weihnachtszeit, als jener verlassene Knabe hier ganz allein saß, kam er

zum erstenmal, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin,«

fuhr Scrooge fort, »und sein wilder Bruder Orson, dort gehen sie! Und

wie heißt der, der mitten im Schlafe vor das Thor von Damaskus gesetzt

wurde? siehst du ihn nicht! Und der Stallmeister des Sultans, der von

den Genien auf den Kopf gestellt wurde, dort ist er! Ha, ha, es

geschieht ihm schon recht! Wer heißt ihn die Prinzessin heiraten

wollen!«

Scrooge mit vollem Ernste und mit einer Stimme zwischen Lachen und

Weinen über solche Gegenstände reden zu hören und sein vor Freude

aufgeregtes Gesicht zu sehen, wäre für seine Geschäftsfreunde in der

City gewiß eine große Ueberraschung gewesen.

»Da ist auch der Papagei,« rief Scrooge, »mit grünem Leib und gelbem

Schwanz, da ist er! Der arme Robinson, er rief ihn, als er wieder von

seiner Umsegelung der Insel nach Haus kam. Robinson Crusoe, wo bist du

gewesen? Er glaubte, er träume, aber es war der Papagei. Ha, dort läuft

Freitag in der kleinen Bucht. Es gilt das Leben. Hallo, ho, hallo!«

Dann sagte er mit einem schnellen Wechsel der Gefühle, der seinem

gewöhnlichen Charakter sehr fremd war: »Der arme Knabe!« und er weinte

wieder.

»Ich wollte,« murmelte Scrooge, die Hand in die Tasche steckend und um

sich blickend, nachdem er sich mit dem Rockaufschlag die Augen gewischt

hatte, »aber es ist zu spät jetzt.«

»Was willst du?« frug der Geist.

»Nichts,« sagte Scrooge, »nichts. Gestern Abend sang vor meiner Thür ein

Knabe ein Weihnachtslied. Ich wollte, ich hätte ihm etwas gegeben,

weiter war es nichts.«

Der Geist lächelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann sagte er:

»Laß uns ein anderes Weihnachten sehen.«

Scrooges früheres Selbst wurde bei diesen Worten größer, und das Zimmer

etwas finstrer und schwärzer; das Getäfel warf sich, die Fensterscheiben

sprangen; Stücke Kalkbewurf fielen von der Decke, und das bloße

Lattenwerk zeigte sich; aber wie das alles geschah, wußte Scrooge

ebensowenig als ihr. Er wußte nur, alles sei ganz in der Ordnung, und

habe sich ganz so zugetragen, und er sei es wieder, der dort allein

sitze, während die andern Knaben nach Hause zur fröhlichen

Weihnachtsfeier gereist waren.

Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und ab.

Scrooge blickte den Geist an, und schaute mit einem traurigen

Kopfschütteln und in banger Erwartung nach der Thür.

Sie ging auf, und ein kleines Mädchen, viel jünger als der Knabe, sprang

herein, schlang die Arme um seinen Hals, küßte ihn und begrüßte ihn als

ihren »lieben, lieben Bruder.«

»Ich komme, um dich mit nach Haus zu nehmen, lieber Bruder!« sagte das

Kind, fröhlich mit den Händen klatschend. »Dich mit nach Haus zu nehmen,

nach Haus!«

»Nach Haus, liebe Fanny?« frug der Knabe.

»Ja!« antwortete die Kleine, in überströmender Lust. »Nach Hause und für

immer. Der Vater ist so viel freundlicher als sonst, daß es bei uns wie

im Himmel ist. Er sprach eines Abends, als ich zu Bett ging, so

freundlich mit mir, daß ich mir ein Herz faßte, und ihn frug, ob du

nicht nach Hause kommen dürftest; und er sagte ja, und schickt mich im

Wagen her, um dich zu holen. Und du sollst jetzt dein freier Herr sein,«

sagte das Kind, und blickte ihn bewundernd an, »und nicht mehr hierher

zurückkehren; aber erst sollen wir alle zusammen das Weihnachtsfest

feiern und recht lustig sein.«

»Du bist ja eine ordentliche Dame geworden, Fanny!« rief der Knabe aus.

Sie klatschte in die Hände und lachte, und versuchte, bis an seinen Kopf

zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder, und stellte sich

auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie ihn in kindischer

Ungeduld nach der Thür, und er begleitete sie mit leichtem Herzen.

Eine schreckliche Stimme in der Hausflur rief: »Bringt Master Scrooges

Koffer herunter!« Es war der Schullehrer selbst, welcher Master Scrooge

mit gestrengster Herablassung anstierte, und ihn in großen Schrecken

setzte, wie er ihm die Hand drückte. Dann führte er ihn und seine

Schwester in ein feuchtes, fröstelnerregendes Putzzimmer, wo die Erd-

und Himmelsgloben im Fenster vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine

Flasche merkwürdig leichten Wein und ein Stück merkwürdig schweren

Kuchen herbei, und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen

auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine hungrig aussehende Magd

hinaus, um dem Postillon ein Gläschen anzubieten, wofür dieser aber mit

den Worten dankte, wenn es von demselben Faß wie das vorige sei, möchte

er lieber nicht kosten. Während dieser Zeit war Master Scrooges Koffer

auf den Wagen gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Bedauern von

dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen, und fuhren so

schnell zum Garten hinaus, daß der Reif und der Schnee von den

immergrünen Gebüschen wie Schaum stob.

»Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte verwelken

können,« sagte der Geist. »Aber sie hatte ein reiches Herz.«

»Ja, das hatte sie,« rief Scrooge. »Ich will nicht widersprechen, Geist.

Gott verhüte es!«

»Sie starb verheiratet,« sagte der Geist, »und hatte Kinder, glaube

ich.«

»Ein Kind,« antwortete Scrooge.

»Ja,« sagte der Geist. »Dein Neffe.«

Scrooge schien unruhig zu werden und er antwortete kurz »Ja.«

Obgleich sie kaum einen Augenblick die Schule hinter sich gelassen

hatten, befanden sie sich doch jetzt mitten in den lebendigsten Straßen

der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger vorübergingen, wo gespenstische

Wagen und Kutschen sich um Platz stritten und wo alles Gedräng und alles

wirre Leben einer wirklichen Stadt war. An dem Aufputz der Läden sah

man, daß auch hier Weihnachten sei; aber es war Abend und die

Straßenlaternen brannten.

Der Geist blieb vor einer Gewölbethür stehen und frug Scrooge, ob er sie

kenne.

»Ob ich sie kenne?« sagte Scrooge. »Hab' ich hier nicht gelernt?«

Sie traten hinein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer Stutzperücke,

welcher hinter einem so hohen Pulte saß, daß er mit dem Kopf hätte an

die Decke stoßen müssen, wenn er zwei Zoll größer gewesen wäre, rief

Scrooge in großer Aufregung: »Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott

segne ihn, es ist Fezziwig, wie er leibt und lebt!«

Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah nach der Uhr, deren

Zeiger auf Sieben stand. Er rieb die Hände, zog seine geräumige Weste

herunter, lachte über und über, von den Schuhspitzen bis zu dem Organ

der Gutmütigkeit und rief mit einer behäbigen, voll und doch mild

tönenden heitern Stimme: »Hallo, dort! Ebenezer! Dick!«

Scrooges früheres Selbst, jetzt zu einem Jüngling geworden, trat munter

herein, begleitet von seinem Mitlehrling.

»Dick Wilkins, wahrhaftig!« sagte Scrooge zu dem Geist. »Wahrhaftig, er

ist es. Er hat mich sehr lieb, der Dick. Der arme Dick! Gott, Gott!«

»Hallo, meine Burschen,« sagte Fezziwig. »Feierabend heute. Weihnachten,

Dick! Weihnachten, Ebenezer! Macht die Laden zu,« rief der alte

Fezziwig, munter die Hände zusammenklatschend, »ehe ein Mann sagen kann

Jack Robinson.«

Man hätte nicht glauben sollen, wie frisch die beiden Jungen daran

gingen. Sie liefen mit den Laden hinaus -- eins, zwei, drei -- hatten

sie eingesetzt -- vier, fünf, sechs -- sie zugeriegelt und zugeschraubt

-- sieben, acht, neun -- und kamen zurück, ehe man zwölf sagen konnte,

außer Atem, wie Rennpferde.

»Hussaho!« rief der alte Fezziwig, mit wunderbarer Geschicklichkeit von

seinem hohen Sessel herunterspringend. »Räumt auf, Jungens, und macht

viel Platz! Hussaho, Dick! Hallo, Ebenezer!«

Aufräumen! Sie würden alles weggeräumt haben und konnten alles

wegräumen, wo Fezziwig zuschaute. Es war in einer Minute geschehen.

Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Winkel geschoben,

als wenn es für immer aus dem öffentlichen Dienste entlassen worden

wäre; die Flur wurde gekehrt und gesprengt, die Lampen geputzt, Kohlen

auf das Feuer geschüttet; und der Laden war so behaglich und warm und

hell, wie ein Ballzimmer, wie man es nur an einem Winterabende verlangen

kann.

Jetzt trat ein Fiedler mit einem Notenbuche herein und stieg Fezziwigs

hohen Stuhl hinauf, dort sein Orchester aufzuschlagen und stimmte wie

toll. Dann kam Mrs. Fezziwig, _ein_ behagliches Lächeln über und über.

Dann kamen die drei Miß Fezziwigs, freudestrahlend und liebenswürdig.

Dann kamen die sechs Jünglinge, deren Herzen sie brachen. Dann kamen die

Burschen und Mädchen, die im Hause einen Dienst hatten: das Hausmädchen

mit ihrem Vetter, dem Bäcker, die Köchin mit ihres Bruders vertrautem

Freund, dem Milchmann. Dann kam der Bursche von gegenüber, von dem man

sagte, er habe bei seinem Herrn knappe Kost; er versuchte, sich hinter

dem Mädchen aus dem Nachbarhause zu verstecken, der man bewies, sie sei

von ihrer Herrschaft ausgescholten worden. Sie kamen alle, einer nach

dem andern; einige blöde, andere keck, einige mit Geschick, andere mit

Ungeschick, die zerrend und jene stoßend. Dann ging es los, zwanzig Paar

auf einmal, eine halbe Runde hin und zurück, dann die Mitte des Zimmers

hinauf und wieder herab, dann in verschiedenen Kreisen sich drehend;

das alte erste Paar immer an der falschen Stelle stehen bleibend; das

neue erste Paar immer wieder anfangend, wenn es stehen bleiben sollte;

bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte. Als sie so

weit gekommen waren, klatschte der alte Fezziwig zum Zeichen, daß der

Tanz aus sei und rief »Bravo!« und der Fiedler senkte sein glühendes

Gesicht in einen Krug Porter, der besonders zu diesem Zweck neben ihm

stand. Aber kaum war er wieder herausgestiegen, als er wieder

aufzuspielen anfing, obgleich noch keine Tänzer dastanden, als wenn der

alte Fiedler erschöpft nach Hause getragen worden und er ein ganz

frischer sei, entschlossen, ihn vergessen zu machen, oder zu sterben.

Dann folgten noch mehrere Tänze und Pfänderspiele und wieder Tänze. Dann

kam Kuchen und Negus und ein großes Stück kalter Rinderbraten, und dann

ein großes Stück kaltes, gekochtes Rindfleisch und Fleischpasteten und

Ueberfluß von Bier. Aber der Glanzpunkt des Abends kam nach dem

Rindfleisch, als der Fiedler (ein pfiffiger Kopf, er kannte sein

Geschäft besser, als ihr oder ich es ihm hätte lehren können) anfing

»Sir Roger de Coverley.«[1] Da trat der alte Fezziwig mit Mrs. Fezziwig

an und zwar als das erste Paar. Sie hatten ein gut Stück Arbeit vor

sich, drei- oder vierundzwanzig Paar Tänzer, Leute, mit denen nicht zu

spaßen war, Leute, die tanzen wollten und keinen Begriff vom Gehen

hatten.

[1] Eine Art Großvatertanz.

Aber wenn es zweimal, ja viermal so viel gewesen wären, hätte es der

alte Fezziwig mit ihnen aufgenommen und auch Mrs. Fezziwig. Sie war, im

vollen Sinne des Wortes, würdig, seine Tänzerin zu sein. Wenn das kein

großes Lob ist, so sagt mir ein größeres und ich will es aussprechen.

Fezziwigs Waden schienen wirklich zu leuchten. Sie glänzten in jedem

Teil des Tanzes wie ein Paar Monde. Ihr hättet zu irgend einer Minute

nicht voraus sagen können, was aus ihnen in der nächsten werden würde.

Und als der alte Fezziwig und Mrs. Fezziwig alle Touren des Tanzes

durchgemacht hatten, battierte Fezziwig so geschickt, daß es war, als

zwinkerte er mit den Beinen, und er kam, ohne zu wanken, wieder auf die

Füße.

Mit dem Glockenschlag Elf war dieser häusliche Ball zu Ende. Mr. und

Mrs. Fezziwig stellten sich zu beiden Seiten der Thür auf, schüttelten

jedem einzelnen der Gäste die Hand zum Abschied und wünschten ihm oder

ihr fröhliche Weihnachten.

Als alles, außer den zwei Lehrlingen, fort war, thaten sie diesen das

Gleiche. So waren die heitern Stimmen verklungen, und die Burschen

gingen in ihr Bett, welches sich unter einem Ladentisch in der

hintersten Niederlage befand.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich Scrooge wie ein Verrückter

benommen. Sein Herz und seine Seele waren mit dem Ball und seinem

früheren Selbst. Er bestätigte alles, erinnerte sich an alles, freute

sich über alles und befand sich in der seltsamsten Aufregung. Nicht

eher, als bis die fröhlichen Gesichter seines frühern Selbst und Dicks

verschwunden waren, dachte er daran, daß der Geist neben ihm stehe und

ihn anschaue, während das Licht auf seinem Haupte in voller Klarheit

brannte.

»Eine Kleinigkeit,« sagte der Geist, »diesen närrischen Leuten solche

Dankbarkeit einzuflößen.«

»Eine Kleinigkeit!« gab Scrooge zurück.

Der Geist gab ihm ein Zeichen, den beiden Lehrlingen zuzuhören, welche

ihr Herz in Lobpreisungen Fezziwigs ausschütteten; und als Scrooge das

gethan hatte, sprach der Geist: »Nun, ist es nicht so? Er hat nur ein

paar Pfund Eures irdischen Geldes hingegeben; vielleicht drei oder vier.

Ist das so viel, daß er solches Lob verdient?«

»Das ist's nicht,« sagte Scrooge, von dieser Bemerkung gereizt und wie

sein früheres, nicht wie sein jetziges Selbst sprechend. »Das ist's

nicht, Geist. Er hat die Macht, uns glücklich oder unglücklich, unsern

Dienst zu einer Last oder zu einer Bürde, zu einer Freude oder zu einer

Qual zu machen. Du magst sagen, seine Macht liege in Worten und Blicken,

in so unbedeutenden und kleinen Dingen, daß es unmöglich ist, sie

herzuzählen: was schadet das? Das Glück, welches er bereitet, ist so

groß, als wenn es sein ganzes Vermögen kostete.«

Er fühlte des Geistes Blick und schwieg.

»Was giebt's?« fragte der Geist.

»Nichts, nichts,« sagte Scrooge.

»Etwas, sollt' ich meinen,« drängte der Geist.

»Nein,« sagte Scrooge, »nein. Ich möchte nur eben ein paar Worte mit

meinem Diener sprechen. Das ist alles.«

Sein früheres Selbst löschte die Lampen aus, als er diesen Wunsch

aussprach, und Scrooge und der Geist standen wieder im Freien.

»Meine Zeit geht zu Ende,« sagte der Geist. »Schnell!«

Dies letzte Wort war nicht zu Scrooge oder zu jemand, den er sehen

konnte, gesprochen, aber es wirkte sofort. Denn wieder sah Scrooge sich

selbst. Er war jetzt älter geworden: ein Mann in der Blüte seiner Jahre.

Sein Gesicht hatte nicht die schroffen, rauhen Züge seiner spätern

Jahre, aber schon fing es an, die Zeichen der Sorge und des Geizes zu

tragen. In seinem Auge brannte ein ruheloses, habsüchtiges Feuer,

welches von der Leidenschaft sprach, die dort Wurzel geschlagen hatte,

und zeigte, wohin der Schatten des wachsenden Baumes fallen würde.

Er war nicht allein, sondern saß neben einem schönen jungen Mädchen in

Trauerkleidern. In ihrem Auge standen Thränen, welche in dem Lichte

glänzten, das von dem Geist vergangener Weihnachten ausströmte.

»Es ist ohne Bedeutung,« sagte sie sanft. »Ihnen von gar keiner. Ein

anderes Götzenbild hat mich verdrängt; und wenn es Sie in späterer Zeit

trösten und aufrecht erhalten kann, wie ich es versucht haben würde, so

habe ich keine gerechte Ursache zu klagen.«

»Welches Götzenbild hätte Sie verdrängt?« erwiderte er.

»Ein goldenes.«

»Dies ist die Gerechtigkeit der Welt!« sagte er. »Gegen nichts ist sie

so hart, wie gegen die Armut; und nichts tadelt sie mit größerer

Strenge, als das Streben nach Reichtum.«

»Sie fürchten das Urteil der Welt zu sehr,« antwortete sie sanft. »Alle

Ihre andern Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, vor diesem

engherzigen Vorwurf gesichert zu sein. Ich habe Ihre edleren

Bestrebungen eine nach der andern verschwinden sehen, bis die eine

Leidenschaft nach Gold Sie ganz erfüllt. Ist es nicht wahr?«

»Und was ist da weiter?« antwortete er. »Selbst wenn ich so viel klüger

geworden bin, was ist da weiter? Gegen Sie bin ich nie anders geworden.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Bin ich anders.«

»Unser Bund ist aus alter Zeit. Er wurde geschlossen, als wir beide arm

und zufrieden waren, bis wir unser Los durch ausdauernden Fleiß

verbessern könnten. Sie haben sich verändert. Als er geschlossen wurde,

waren Sie ein anderer Mensch.«

»Ich war ein Knabe,« sagte er ungeduldig.

»Ihr eigenes Gefühl sagt Ihnen, daß Sie nicht so waren, wie Sie jetzt

sind,« antwortete sie. »Ich bin noch dieselbe. Das, was uns Glück

versprach, als wir noch ein Herz und eine Seele waren, muß uns Unglück

bringen, da wir im Geiste nicht mehr eins sind. Wie oft und wie bitter

ich dies gefühlt habe, will ich nicht sagen; es ist genug, daß ich es

gefühlt habe und daß ich Ihnen Ihr Wort zurückgeben kann.«

»Habe ich dies jemals verlangt?«

»In Worten? Nein. Niemals!«

»Womit dann?«

»Durch ein verändertes Wesen, durch einen andern Sinn, durch andere

Bestrebungen des Lebens und durch eine andere Hoffnung, als seinem Ziel.

In allem, was meiner Liebe in Ihren Augen einigen Wert gab. Wenn alles

Frühere nicht zwischen uns geschehen wäre,« sagte das Mädchen, ihn mit

sanftem, aber festem Blicke ansehend, »würden Sie mich jetzt aufsuchen

und um mich werben? Gewiß nicht!«

Er schien die Wahrheit dieser Voraussetzung wider seinen Willen

zuzugeben. Aber er that seinen Gefühlen Gewalt an und sagte: »Sie

glauben es nicht?«

»Gern glaubte ich es, wenn ich es könnte,« sagte sie, »Gott weiß es!

Wenn ich eine Wahrheit, gleich dieser, erkannt habe, weiß ich, wie

unwiderstehlich sie sein muß. Aber wenn Sie heute oder morgen, oder

gestern frei wären, soll ich glauben, daß Sie ein armes Mädchen wählen

würden, Sie, der selbst in den vertrautesten Stunden alles nach dem

Gewinn abmißt? oder soll ich mir verhehlen, daß selbst, wenn Sie für

einen Augenblick Ihrem einen leitenden Grundsatze untreu werden könnten,

Sie gewiß einst Täuschung und bittere Reue fühlen würden? Nein, und

deswegen gebe ich Ihnen Ihr Wort zurück. Willig und um die Liebe dessen,

der Sie einst waren.«

Er wollte sprechen, aber mit abgewendetem Gesicht fuhr sie fort:

»Vielleicht -- der Gedanke an die Vergangenheit läßt es mich fast hoffen

-- wird es Sie schmerzen. Eine kurze, sehr kurze Zeit, und Sie werden

dann die Erinnerung daran fallen lassen, freudig, wie die Gedanken eines

unnützen Traumes, von dem zu erwachen ein Glück für Sie war. Möge Sie

alles Glück auf dem erwählten Lebenswege begleiten!«

Sie schieden.

»Geist,« sagte Scrooge, »zeige mir nichts mehr, führe mich nach Haus.

Warum erfreust du dich daran, mich zu quälen?«

»Noch ein Gesicht,« rief der Geist aus.

»Nein,« rief Scrooge. »Nein! Ich mag keins mehr sehen. Zeige mir keins

mehr.«

Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit beiden Händen fest und zwang

ihn, zu betrachten, was zunächst geschah.

Der Weihnachtsabend Eine Geistergeschichte · 第 2 / 7 段