Vollkommen zufriedengestellt machte er die Thür zu und schlo

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Der Weihnachtsabend.

Eine Geistergeschichte

von

Charles Dickens.

Aus dem Englischen

von

Julius Seybt.

Leipzig.

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Inhalt

Erstes Kapitel: Marleys Geist. 3

Zweites Kapitel: Der erste der drei Geister. 25

Drittes Kapitel: Der zweite der drei Geister. 45

Viertes Kapitel: Der letzte der drei Geister. 71

Fünftes Kapitel: Das Ende. 89

Erstes Kapitel.

Marleys Geist.

Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Ein Zweifel darüber kann

nicht stattfinden. Der Schein über seine Bestattung wurde von dem

Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbesorger und den vornehmsten

Leidtragenden unterschrieben. Scrooge unterschrieb ihn und Scrooges Name

wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte

Marley war so tot wie ein Thürnagel.

Merkt wohl auf! Ich will nicht etwa sagen, daß ein Thürnagel etwas

besonders Totes für mich hätte. Ich selbst möchte fast zu der Meinung

geneigt sein, ein Sargnagel sei das toteste Stück Eisenwerk auf der

Welt. Aber die Weisheit unsrer Altvordern liegt in dem Gleichnisse und

meine unheiligen Hände sollen sie dort nicht stören, sonst wäre es um

das Vaterland geschehen. Man wird mir daher erlauben, mit besonderem

Nachdruck zu wiederholen, daß Marley so tot wie ein Thürnagel war.

Scrooge wußte, daß er tot war? Natürlich wußte er's. Wie konnte es auch

anders sein? Scrooge und er waren, ich weiß nicht seit wie vielen

Jahren, Handlungsgesellschafter. Scrooge war sein einziger

Testamentsvollstrecker, sein einziger Administrator, sein einziger Erbe,

sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge

war von dem traurigen Ereignis nicht so entsetzlich gerührt, daß er

selbst an dem Begräbnistage nicht ein vortrefflicher Geschäftsmann

gewesen wäre und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel gefeiert

hätte.

Die Erwähnung von Marleys Begräbnistag bringt mich zu dem Ausgangspunkt

meiner Erzählung wieder zurück. Es ist ganz unzweifelhaft, daß Marley

tot war. Das muß scharf ins Auge gefaßt werden, sonst kann in der

Geschichte, die ich eben erzählen will, nichts Wunderbares geschehen.

Wenn wir nicht vollkommen fest überzeugt wären, daß Hamlets Vater tot

ist, ehe das Stück beginnt, würde durchaus nichts Merkwürdiges in seinem

nächtlichen Spaziergang bei scharfem Ostwind auf den Mauern seines

eignen Schlosses sein. Nicht mehr, als bei jedem andern Herrn in

mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem

Spaziergang auf einem luftigen Platze, zum Beispiel Sankt Pauls

Kirchhof, entschließt, bloß um seinen schwachen Sohn in Erstaunen zu

setzen.

Scrooge ließ Marleys Namen nicht ausstreichen. Noch nach Jahren stand

über der Thür des Speichers »Scrooge und Marley.« Die Firma war unter

dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Zuweilen nannten Leute, die ihn

noch nicht kannten, Scrooge Scrooge und zuweilen Marley; aber er hörte

auf beide Namen, denn es war ihm ganz gleich.

O, er war ein wahrer Blutsauger, der Scrooge! ein gieriger,

zusammenscharrender, festhaltender, geiziger alter Sünder; hart und

scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken

geschlagen hat; verschlossen und selbstbegnügt und für sich, wie eine

Auster. Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Züge erstarren,

seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht von Runzeln, seinen Gang

steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und klang aus seiner

krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf

seinen Augenbrauen, auf den starken kurzen Haaren seines Bartes. Er

schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum; in den

Hundstagen kühlte er sein Comptoir wie mit Eis; zur Weihnachtszeit

wärmte er es nicht um einen Grad.

Aeußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte

ihn wärmen, keine Kälte ihn frösteln machen. Kein Wind war schneidender

als er, kein fallender Schnee mehr auf seinen Zweck bedacht, kein

schlagender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter

konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten

sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: Sie gaben oft im

Ueberfluß, und das that Scrooge nie.

Niemals trat ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit freundlichem

Gesicht zu ihm zu sagen: Mein lieber Scrooge, wie geht's, wann werden

Sie mich einmal besuchen? Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit

an, kein Kind frug ihn, welche Zeit es sei, kein Mann und kein Weib hat

ihn je in seinem Leben um den Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden

schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zupfte er seinen

Herrn, daß er in ein Haus trete und wedelte dann mit dem Schwanze, als

wollte er sagen: kein Auge ist besser, als ein böses Auge, blinder Herr.

Doch was kümmerte das Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg

durch die gedrängten Pfade des Lebens zu gehen, jedem menschlichen

Gefühl zu sagen: bleib' mir fern, das war das, was Scrooge gefiel.

Einmal, es war von allen guten Tagen im Jahre der beste, der

Christabend, saß der alte Scrooge in seinem Comptoir. Es war draußen

schneidend kalt und nebelig und er konnte hören, wie die Leute im Hofe

draußen prustend auf und nieder gingen, die Hände zusammenschlugen und

mit den Füßen stampften, um sich zu erwärmen. Es hatte eben erst Drei

geschlagen, war aber schon ganz finster. Den ganzen Tag über war es

nicht hell geworden und aus den Fenstern der benachbarten Comptoirs

erblickte man Lichter, wie rote Flecken auf der dicken, braunen Luft.

Der Nebel drang durch jede Spalte und durch jedes Schlüsselloch und war

draußen so dick, daß die gegenüber stehenden Häuser des sehr kleinen

Hofes wie ihre eignen Geister aussahen. Wenn man die trübe, dicke Wolke,

alles verfinsternd, heruntersinken sah, hätte man meinen können, die

Natur wohne dicht nebenan und braue =en gros=.

Die Thür von Scrooges Comptoir stand offen, damit er seinen Commis

beaufsichtigen könne, welcher in einem unheimlich feuchten, kleinen

Raume, einer Art Burgverließ, Briefe kopierte. Scrooge hatte nur ein

sehr kleines Feuer, aber des Dieners Feuer war um so viel kleiner, daß

es wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte aber nicht nachlegen, denn

Scrooge hatte den Kohlenkasten in seinem Zimmer und allemal, wenn der

Diener, mit der Kohlenschaufel in der Hand, hereinkam, meinte der Herr,

es würde wohl nötig sein, daß sie sich trennten, worauf der Diener

seinen weißen Shawl umband und versuchte, sich an dem Lichte zu wärmen,

was, da er ein Mann von nicht zu starker Einbildungskraft war, immer

fehlschlug.

»Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!« rief eine heitere

Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der ihm so schnell auf

den Hals kam, daß dieser Gruß die erste Ankündigung seiner Annäherung

war.

»Pah,« sagte Scrooge, »dummes Zeug!«

Der Neffe war vom schnellen Laufen so warm geworden, daß er über und

über glühte; sein Gesicht war rot und hübsch, seine Augen glänzten und

sein Atem rauchte.

»Weihnachten dummes Zeug, Onkel?« sagte Scrooges Neffe, »das kann nicht

Ihr Ernst sein.«

»Es ist mein Ernst,« sagte Scrooge. »Fröhliche Weihnachten? Was für ein

Recht hast du, fröhlich zu sein? was für einen Grund, fröhlich zu sein?

Du bist arm genug.«

»Nun,« antwortete der Neffe heiter, »was für ein Recht haben Sie,

grämlich zu sein? was für einen Grund, mürrisch zu sein? Sie sind reich

genug.«

Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort bereit hatte, sagte

noch einmal »Pah!« und brummte ein »Dummes Zeug!« hinterher.

»Seien Sie nicht bös, Onkel,« sagte der Neffe.

»Was soll ich anders sein,« antwortete der Onkel, »wenn ich in einer

Welt voll solcher Narren lebe? Fröhliche Weihnachten! Der Henker hole

die fröhlichen Weihnachten! Was ist Weihnachten für dich anders, als ein

Tag, wo du Rechnungen bezahlen sollst, ohne Geld zu haben, ein Tag, wo

du dich um ein Jahr älter und nicht um eine Stunde reicher findest, ein

Tag, wo du deine Bücher abschließest und in jedem Posten durch ein

volles Dutzend von Monaten ein Deficit siehst? Wenn es nach mir ginge,«

sagte Scrooge heftig, »so müßte jeder Narr, der mit seinem fröhlichen

Weihnachten herumläuft, mit seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem

Pfahl von Stecheiche im Herzen begraben werden.«

»Onkel!« sagte der Neffe.

»Neffe!« antwortete der Onkel heftig, »feiere du Weihnachten nach deiner

Art und laß es mich nach meiner feiern.«

»Feiern!« wiederholte Scrooges Neffe; »aber Sie feiern es nicht.«

»Laß mich ungeschoren,« sagte Scrooge. »Mag es dir Nutzen bringen! viel

genützt hat es dir schon.«

»Es giebt viel Dinge, die mir hätten nützen können und die ich nicht

benutzt habe, das weiß ich,« antwortete der Neffe, »und Weihnachten ist

eins von denen. Aber ich weiß gewiß, daß ich Weihnachten, wenn es

gekommen ist, abgesehen von der Verehrung, die wir seinem heiligen Namen

und Ursprung schuldig sind, immer als eine gute Zeit betrachtet habe,

als eine liebe Zeit, als die Zeit der Vergebung und Barmherzigkeit, als

die einzige Zeit, die ich in dem ganzen langen Jahreskalender kenne, wo

die Menschen einträchtig ihre verschlossenen Herzen aufthun und die

andern Menschen betrachten, als wenn sie wirklich Reisegefährten nach

dem Grabe wären und nicht eine ganz andere Art von Geschöpfen, die einen

ganz andern Weg gehen. Und daher, Onkel, ob es mir gleich niemals ein

Stück Gold oder Silber in die Tasche gebracht hat, glaube ich doch, es

hat mir Gutes gethan und es wird mir Gutes thun, und ich sage: Gott

segne es!«

Der Diener in dem Burgverließe draußen applaudierte unwillkürlich; aber

den Augenblick darauf fühlte er auch die Unschicklichkeit seines

Betragens, schürte die Kohlen und verlöschte den letzten kleinen Funken

auf immer.

»Wenn _Sie_ mich noch einen einzigen Laut hören lassen,« sagte Scrooge,

»so feiern Sie Ihre Weihnachten mit dem Verlust Ihrer Stelle. Du bist

ein ganz gewaltiger Redner,« fügte er hinzu, sich zu seinem Neffen

wendend. »Es wundert mich, daß du nicht ins Parlament kommst.«

»Seien Sie nicht bös, Onkel. Essen Sie morgen mit uns.«

Scrooge sagte, daß er ihn erst verdammt sehen wollte, ja wahrhaftig, er

sprach sich ganz deutlich aus.

»Aber warum?« rief Scrooges Neffe, »warum?«

»Warum hast du dich verheiratet?« sagte Scrooge.

»Weil ich mich verliebte.«

»Weil er sich verliebte!« brummte Scrooge, als ob das das einzige Ding

in der Welt wäre, noch lächerlicher als eine fröhliche Weihnacht. »Guten

Nachmittag!«

»Aber, Onkel, Sie haben mich ja auch nie vorher besucht. Warum soll es

da ein Grund sein, mich jetzt nicht zu besuchen?«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

»Ich brauche nichts von Ihnen, ich verlange nichts von Ihnen, warum

können wir nicht gute Freunde sein?«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

»Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so hartnäckig zu finden. Wir haben

nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich schuld gewesen wäre. Aber

ich habe den Versuch gemacht, Weihnachten zu Ehren und ich will meine

Weihnachtsstimmung bis zuletzt behalten. Fröhliche Weihnachten, Onkel!«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

»Und ein glückliches Neujahr!«

»Guten Nachmittag!« sagte Scrooge.

Aber doch verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort. An der

Hausthür blieb er noch stehen, um mit dem Glückwunsche des Tages den

Diener zu begrüßen, der bei aller Kälte doch noch wärmer als Scrooge

war, denn er gab den Gruß freundlich zurück.

»Das ist auch so ein Kerl,« brummte Scrooge, der es hörte. »Mein Diener,

mit fünfzehn Schilling die Woche und Frau und Kindern, spricht von

fröhlichen Weihnachten. Ich gehe nach Bedlam.«

Der Diener hatte, indem er den Neffen hinausließ, zwei andere Personen

eingelassen. Es waren zwei behäbige, wohlansehnliche Herren, die jetzt,

den Hut in der Hand, in Scrooges Comptoir standen. Sie hatten Bücher und

Papiere in der Hand und verbeugten sich.

»Scrooge und Marley, glaube ich,« sagte einer der Herren, indem er auf

seine Liste sah. »Hab' ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley

zu sprechen?«

»Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot,« antwortete Scrooge. »Er starb

heute vor sieben Jahren.«

»Wir zweifeln nicht, daß sein überlebender Compagnon ganz seine

Freigebigkeit besitzen wird,« sagte der Herr, indem er sein

Beglaubigungsschreiben hinreichte.

Er hatte auch ganz recht, denn es waren zwei verwandte Seelen gewesen.

Bei dem ominösen Wort Freigebigkeit runzelte Scrooge die Stirn,

schüttelte den Kopf und gab das Papier zurück.

»An diesem festlichen Tage des Jahres, Mr. Scrooge,« sagte der Herr,

eine Feder ergreifend, »ist es mehr als gewöhnlich wünschenswert,

einigermaßen wenigstens für die Armut zu sorgen, die zu dieser Zeit in

großer Bedrängnis ist. Vielen Tausenden fehlen selbst die notwendigsten

Bedürfnisse, Hunderttausenden die notdürftigsten Bequemlichkeiten des

Lebens.«

»Giebt es keine Gefängnisse?« fragte Scrooge.

»Ueberfluß von Gefängnissen,« sagte der Herr, die Feder wieder

hinlegend.

»Und die Union-Armenhäuser?« fragte Scrooge. »Bestehen sie noch?«

»Allerdings. Aber doch,« antwortete der Herr, »wünschte ich, sie

brauchten weniger in Anspruch genommen zu werden.«

»Tretmühle und Armengesetz sind in voller Kraft,« sagte Scrooge.

»Beide haben alle Hände voll zu thun.«

»So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, fürchtete ich, es halte sie etwas

in ihrem nützlichen Laufe auf,« sagte Scrooge. »Ich freue mich, das zu

hören.«

»In der Ueberzeugung, daß sie doch wohl kaum fähig sind, der Seele oder

dem Leib der Armen christliche Stärkung zu geben,« antwortete der Herr,

»sind einige von uns zur Veranstaltung einer Sammlung zusammengetreten,

um für die Armen Nahrungsmittel und Feuerung anzuschaffen. Wir wählen

diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, wo der Mangel am

bittersten gefühlt wird und der Reiche sich freut. Welche Summe soll ich

für Sie aufschreiben?«

»Nichts,« antwortete Scrooge.

»Sie wünschen ungenannt zu bleiben?«

»Ich wünsche, daß man mich zufrieden lasse,« sagte Scrooge. »Da Sie mich

fragen, was ich wünsche, meine Herren, so ist das meine Antwort. Ich

freue mich selbst nicht zu Weihnachten und habe nicht die Mittel, mit

meinem Gelde Faulenzern Freude zu machen. Ich trage meinen Teil zu den

Anstalten bei, die ich genannt habe; sie kosten genug, und wem es

schlecht geht, der mag dorthin gehen!«

»Viele können nicht hingehen und viele würden lieber sterben.«

»Wenn sie lieber sterben würden,« sagte Scrooge, »so wäre es gut, wenn

sie es thäten, und die überflüssige Bevölkerung verminderten. Uebrigens,

Sie werden mich entschuldigen, weiß ich nichts davon.«

»Aber Sie könnten es wissen,« bemerkte der Herr.

»Es geht mich nichts an,« antwortete Scrooge. »Es genügt, wenn ein Mann

sein eigenes Geschäft versteht und sich nicht in das anderer Leute

mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Guten

Nachmittag, meine Herren!«

Da sie deutlich sahen, wie vergeblich weitere Versuche sein würden,

zogen sich die Herren zurück. Scrooge setzte sich wieder mit einer

erhöhten Meinung von sich selbst und in einer besseren Laune, als

gewöhnlich, an die Arbeit.

Unterdessen hatten Nebel und Finsternis so zugenommen, daß Leute mit

brennenden Fackeln herumliefen, um den Wagen vorzuleuchten. Der

Kirchturm, dessen brummende alte Glocke immer aus einem alten gotischen

Fenster in der Mauer gar schlau auf Scrooge herabsah, wurde unsichtbar

und schlug die Stunden und Viertel in den Wolken mit einem zitternden

Nachklang, als wenn in dem erfrorenen Knopf droben die Zähne klapperten.

Die Kälte wurde immer schneidender. In der Hauptstraße an der Ecke der

Sackgasse wurden die Gasröhren ausgebessert und die Arbeiter hatten ein

großes Feuer in einer Kohlenpfanne angezündet, um welche sich einige

zerlumpte Männer und Knaben drängten, sich die Hände wärmend und mit den

Augen blinzelnd vor der behaglichen Flamme. Die Wasserröhre, sich selbst

überlassen, strömte ungehindert ihr Wasser aus; aber bald war es zu Eis

erstarrt. Der Schimmer der Läden, in denen Stecheichenzweige und Beeren

in der Lampenwärme der Fenster knisterten, rötete die bleichen Gesichter

der Vorübergehenden. Die Gewölbe der Geflügel- und Materialwarenhändler

sahen aus wie ein glänzendes, fröhliches Märchen, mit dem es fast

unmöglich schien, den Gedanken von einer so ernsten Sache, wie Kauf und

Verkauf, zu verbinden. Der Lord Mayor gab in den innern Gemächern des

Mansion-House seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern Befehl,

Weihnachten zu feiern, wie es eines Lord Mayors würdig ist, und selbst

der kleine Schneider, den er am Montage vorher wegen Trunkenheit und

öffentlich ausgesprochenen Blutdurstes um fünf Schilling gestraft hatte,

rührte den morgenden Pudding in seinem Dachkämmerchen um, während sein

abgemagertes Weib mit dem Säugling auf dem Arm ausging, um den

Rinderbraten zu kaufen.

Immer nebeliger und kälter wurde es, durchdringend, schneidend kalt.

Wenn der gute, heilige Dunstan des Gottseibeiuns Nase nur mit einem

Hauch von diesem Wetter gefaßt hätte, anstatt seine gewöhnlichen Waffen

zu brauchen, dann würde er erst recht gebrüllt haben. Der Inhaber einer

kleinen, jungen Nase, benagt und angebissen von der hungrigen Kälte, wie

Knochen von Hunden benagt werden, legte sich an Scrooges Schlüsselloch,

um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen. Aber bei dem ersten Tone

des Liedes ergriff Scrooge das Lineal mit einer solchen Energie, daß der

Sänger voll Schrecken entfloh und das Schlüsselloch dem Nebel und der

noch verwandteren Kälte überließ.

Endlich kam die Feierabendstunde. Unwillig stieg Scrooge von seinem

Sessel und gab dem harrenden Diener in dem Verließ stillschweigend die

Einwilligung, worauf dieser sogleich das Licht auslöschte und den Hut

aufsetzte.

»Sie wollen den ganzen Tag morgen haben, vermute ich,« sagte Scrooge.

»Wenn es Ihnen paßt, Sir.«

»Es paßt mir nicht,« sagte Scrooge, »und es gehört sich nicht. Wenn ich

Ihnen eine halbe Krone dafür abzöge, würden Sie denken, es geschähe

Ihnen unrecht, nicht?«

Der Diener antwortete mit einem gezwungenen Lächeln.

»Und doch,« sagte Scrooge, »denken Sie nicht daran, daß mir unrecht

geschieht, wenn ich einen Tag Lohn für einen Tag Faulenzen bezahle.«

Der Diener bemerkte, daß es nur einmal im Jahre geschähe.

»Eine armselige Entschuldigung, um an jedem fünfundzwanzigsten Dezember

eines Mannes Tasche zu bestehlen,« sagte Scrooge, indem er seinen

Ueberrock bis an das Kinn zuknöpfte. »Aber ich vermute, Sie wollen den

ganzen Tag frei haben. Sie werden den ganzen Vormittag hier sein.«

Der Diener versprach, daß er kommen wolle und Scrooge ging mit einem

Brummen fort. Das Comptoir war in einem Nu geschlossen und der Diener,

die langen Enden seines weißen Shawls über die Brust herabhängend (denn

er konnte sich keines Ueberrocks rühmen), fuhr zu Ehren des Festes als

der Letzte einer Reihe von Knaben zwanzigmal auf einer Glander Cornhill

hinunter und lief dann so schnell als möglich in seine Wohnung in

Camden-Town, um dort Blindekuh zu spielen.

Scrooge nahm sein einsames, trübseliges Mahl in seinem gewöhnlichen

einsamen, trübseligen Gasthause ein; und nachdem er alle Zeitungen

gelesen und sich den Rest des Abends mit seinem Bankjournal vertrieben

hatte, ging er nach Haus schlafen. Er wohnte in den Zimmern, welche

seinem verstorbenen Compagnon gehört hatten. Es war eine düstere Reihe

von Zimmern in einem niedrigen, finstern Gebäude in einem Hofe, wo es so

wenig an seinem Platze stand, daß man fast hätte glauben mögen, es habe

sich dorthin verlaufen, als es noch ein junges Haus war und mit andern

Häusern Versteckens spielte, und sich nicht wieder herausfinden können.

Es war jetzt alt und öde genug, denn niemand wohnte dort, außer Scrooge,

da die andern Räume alle als Geschäftslokale vermietet waren. Der Hof

war so dunkel, daß selbst Scrooge, der jeden Stein desselben kannte,

seinen Weg mit den Händen fühlen mußte. Der Nebel und der Frost hing so

dick und schwer um den schwarzen alten Thorweg des Hauses, als ob der

Genius des Wetters in trauerndem Nachsinnen auf der Schwelle säße.

Nun ist es ausgemacht, daß an dem Klopfer der Hausthür ganz und gar

nichts Besonderes war, als seine Größe. Auch ist es ausgemacht, daß

Scrooge ihn jeden Abend und jeden Morgen, seitdem er das Haus bewohnte,

gesehen hatte, und daß Scrooge so wenig Phantasie besaß als irgend

jemand in der City von London, mit Einschluß -- wenn es erlaubt ist, das

zu sagen -- des Stadtrats, der Aldermen und der Zünfte. Man vergesse

auch nicht, daß Scrooge, außer heute Nachmittag, mit keinem Wörtchen an

seinen seit sieben Jahren verstorbenen Compagnon gedacht hatte. Und nun

soll mir jemand erklären, warum Scrooge, als er seinen Schlüssel in das

Thürschloß steckte, in dem Klopfer, ohne daß er sich verändert hätte,

keinen Thürklopfer, sondern Marleys Gesicht sah.

Ja, Marleys Gesicht. Es war nicht von so undurchdringlichem Dunkel

umgeben, wie die andern Gegenstände im Hofe, sondern von einem

unheimlichen Lichte, wie eine verdorbene Hummer in einem dunklen Keller.

Er blickte ihm nicht wild oder zürnend entgegen, sondern sah Scrooge an,

wie ihn Marley gewöhnlich ansah: mit der gespenstischen Brille auf die

gespenstische Stirn hinauf geschoben. Das Haar stand seltsam in die

Höhe, wie von Wind oder heißer Luft gehoben; und obgleich die Augen weit

offen standen, waren sie doch ohne alle Bewegung. Das und die

leichenhafte Farbe machten das Gesicht schrecklich; aber seine

Schrecklichkeit schien mehr, außerhalb des Gesichts und nicht in seiner

Macht, als ein Teil seines Ausdrucks zu sein.

Als Scrooge fest auf die Erscheinung blickte, war es wieder ein

Thürklopfer.

Zu sagen, er wäre nicht erschrocken, oder sein Blut hätte nicht ein

grausendes Gefühl empfunden, das ihm seit seiner Kindheit unbekannt

geblieben war, wäre eine Unwahrheit. Aber er faßte sich gewaltsam, legte

die Hand wieder auf den Schlüssel, drehte ihn um, trat in das Haus, und

zündete sein Licht an.

Aber doch zögerte er einen Augenblick, ehe er die Thür schloß, und er

guckte erst vorsichtig dahinter, als fürchte er wirklich, mit dem

Anblick von Marleys Zopf erschreckt zu werden. Aber hinter der Thür war

nichts, als die Schrauben, welche den Klopfer fest hielten; und so sagte

er: »Bah, bah!« und warf sie zu.

Der Schall klang durch das Haus wie ein Donner. Jedes Zimmer oben, und

jedes Faß in des Weinhändlers Keller unten schien mit seinem besondern

Echo zu antworten. Scrooge war nicht der Mann, der sich durch Echos

erschrecken ließ. Er schloß die Thür zu, ging über die Hausflur und die

Treppe hinauf, und zwar langsam, und das Licht heller machend, während

er hinaufging.

Die Treppe war breit genug, um eine Bahre der Quere hinaufzubringen, und

das ist vielleicht die Ursache, warum Scrooge glaubte, er sähe vor sich

eine Bahre sich hinaufbewegen. Ein halbes Dutzend Gaslampen von der

Straße aus würden den Eingang nicht zu hell gemacht haben, und so kann

man sich denken, daß es bei Scrooges kleinem Lichte ziemlich dunkel

blieb.

Scrooge aber ging hinauf und kümmerte sich keinen Pfifferling darum.

Dunkelheit ist billig, und das hatte Scrooge gern. Aber ehe er seine

schwere Thür zumachte, ging er durch die Zimmer, um zu sehen, ob alles

in Ordnung sei. Er erinnerte sich des Gesichtes noch gerade genug um das

zu wünschen.

Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gerätkammer, alles war, wie es sein sollte.

Niemand unter dem Tische, niemand unter dem Sofa; ein kleines Feuer auf

dem Rost, Löffel und Teller bereit und das kleine Töpfchen Suppe

(Scrooge hatte den Schnupfen) an dem Feuer. Niemand unter dem Bett,

niemand in dem Alkoven, niemand in seinem Schlafrock, der auf eine ganz

verdächtige Weise an der Wand hing. Die Gerätkammer wie gewöhnlich. Ein

alter Kaminschirm, alte Schuhe, zwei Fischkörbe, ein dreibeiniger

Waschtisch und ein Schüreisen.

Vollkommen zufriedengestellt machte er die Thür zu und schloß sich ein

und riegelte noch zu, was sonst seine Gewohnheit nicht war. So gegen

Ueberraschung sichergestellt, legte er seine Halsbinde ab, zog seinen

Schlafrock und die Pantoffeln an, setzte die Nachtmütze auf und setzte

sich so vor das Feuer, um seine Suppe zu essen.

Es war wirklich ein sehr kleines Feuer, so gut wie gar keins in einer so

kalten Nacht. Er mußte sich dicht daran setzen und sich darüber

hinbeugen, um das geringste Wärmegefühl von einer solchen Handvoll

Kohlen zu genießen. Der Kamin war vor langen Jahren von einem

holländischen Kaufmann gebaut worden und ringsum mit seltsamen

holländischen Fliesen mit biblischen Bildern belegt. Da sah man Kain und

Abel, Pharaos Töchter, Königinnen von Saba, Engel durch die Luft auf

Wolken gleich Federbetten herabschwebend, Abraham, Belsazar, Apostel in

See gehend auf Butterschiffen, Hunderte von Figuren, seine Gedanken zu

beschäftigen; und doch kam das Gesicht Marleys wie der Stab des alten

Propheten, und verschlang alles andere. Wenn jedes glänzende Flies weiß

gewesen wäre und die Macht gehabt hätte, aus den vereinzelten Fragmenten

seiner Gedanken ein Bild auf seine Fläche zu zaubern, auf jedem wäre ein

Abbild von des alten Marleys Gesicht erschienen.

»Dummes Zeug!« sagte Scrooge und schritt durch das Zimmer.

Nachdem er einigemal auf und ab gegangen war, setzte er sich wieder

nieder. Wie er den Kopf in den Stuhl zurücklegte, fiel sein Auge wie von

ungefähr auf eine Klingel, eine alte, nicht mehr gebrauchte Klingel,

welche zu einem jetzt vergessenen Zweck mit einem Zimmer in dem obersten

Stockwerk des Hauses in Verbindung stand. Zu seinem großen Erstaunen und

mit einem seltsamen unerklärlichen Schauer sah er, wie die Klingel

anfing sich zu bewegen; erst bewegte sie sich so wenig, daß sie kaum

einen Ton von sich gab; aber bald schellte sie laut und mit ihr jede

Klingel des Hauses.

Das mochte eine halbe Minute oder eine Minute gedauert haben, aber es

schien eine Stunde zu sein. Die Klingeln hörten gleichzeitig auf, wie

sie gleichzeitig angefangen hatten. Dann vernahm man ein Klirren, tief

unten, als ob jemand eine schwere Kette über die Fässer in des

Weinhändlers Keller schleppe. Jetzt erinnerte sich Scrooge gehört zu

haben, daß Gespenster Ketten schleppen sollten.

Die Kellerthür flog mit einem dumpfdröhnenden Schall auf und dann hörte

er das Klirren viel lauter auf der Hausflur unten; dann wie es die

Treppe herauf kam; und dann wie es gerade auf seine Thür zukam.

»'s ist dummes Zeug,« sagte Scrooge. »Ich glaube nicht dran.«

Aber doch veränderte er die Farbe, als es, ohne zu verweilen, durch die

schwere Thür und in das Zimmer kam. Als es herein trat, flammte das

sterbende Feuer auf, als ob es riefe, ich kenne ihn, Marleys Geist! und

sank wieder zusammen.

Dasselbe Gesicht, ganz dasselbe. Marley mit seinem Zopf, seiner

gewöhnlichen Weste, den engen Hosen und hohen Stiefeln; die Quasten der

letztern standen zu Berge, wie sein Zopf und seine Rockschöße und das

Haar auf seinem Kopfe. Die Kette, welche er hinter sich her schleppte,

war um seinen Leib geschlungen. Sie war lang und ringelte sich wie ein

Schwanz; und war, denn Scrooge betrachtete sie sehr genau, aus

Geldkassen, Schlüsseln, Schlössern, Hauptbüchern, Kontrakten und

schweren Börsen aus Stahl zusammengesetzt. Sein Leib war durchsichtig,

so daß Scrooge durch die Weste hindurch die zwei Knöpfe hinten auf

seinem Rock sehen konnte.

Scrooge hatte oft sagen gehört, Marley habe kein Herz im Leibe, aber er

glaubte es erst jetzt.

Nein, er glaubte es selbst jetzt noch nicht. Obgleich er das Gespenst

durch und durch und vor sich stehen sah; obgleich er den kältenden

Schauer seiner totenstarren Augen fühlte und selbst den Stoff des Tuches

erkannte, welches um seinen Kopf und sein Kinn gebunden war und das er

früher nicht bemerkt hatte, war er doch noch ungläubig und sträubte

sich gegen das Zeugnis seiner Sinne.

»Nun,« sagte Scrooge, kaustisch und kalt wie gewöhnlich, »was wollt

Ihr?«

»Viel!« Das war Marleys Stimme.

»Wer seid Ihr?«

»Fragt mich, wer ich _war_.«

»Nun, wer waret Ihr?« sagte Scrooge lauter.

»Als ich lebte, war ich Euer Compagnon, Jakob Marley.«

»Könnt Ihr Euch setzen?« fragte Scrooge, ihn zweifelnd ansehend.

»Ich kann es.«

»So thut's.«

Scrooge that die Fragen, weil er nicht wußte, ob ein so durchsichtiger

Geist sich werde setzen können, und fühlte die Notwendigkeit einer

unangenehmen Erklärung, wenn es ihm nicht möglich wäre. Aber der Geist

setzte sich auf der andern Seite des Kamins nieder, als wenn er es

gewohnt wäre.

»Ihr glaubt nicht an mich?« sagte der Geist.

»Nein,« sagte Scrooge.

»Welches Zeugnis wollt Ihr, außer dem Eurer Sinne, von meiner

Wirklichkeit haben?«

»Ich weiß nicht,« sagte Scrooge.

»Warum glaubt Ihr Euren Sinnen nicht?«

»Weil sie eine Kleinigkeit stört,« sagte Scrooge. »Eine kleine

Unpäßlichkeit des Magens macht sie zu Lügnern. Ihr könnt ein unverdautes

Stück Rindfleisch, ein Käserindchen, ein Stückchen schlechter Kartoffel

sein. Wer Ihr auch sein mögt, Ihr habt mehr vom Unterleib, als von der

Unterwelt an Euch.«

Es war nicht eben Scrooges Gewohnheit, Witze zu machen, auch fühlte er

eben jetzt keine besondere Lust dazu. Die Wahrheit ist, daß er sich

bestrebte lustig zu sein, um sich zu zerstreuen und sein Entsetzen

niederzuhalten; denn die Stimme des Geistes machte selbst das Mark

seiner Knochen erzittern.

Nur einen Augenblick schweigend diesen starren, toten Augen gegenüber zu

sitzen, wäre halber Tod gewesen, das fühlte Scrooge wohl. Auch war es so

grauenerregend, daß das Gespenst seine eigene höllische Atmosphäre

hatte. Scrooge fühlte sie nicht selbst, aber doch mußte es so sein; denn

obgleich das Gespenst ganz regungslos dasaß, bewegten sich seine Haare,

seine Rockschöße und seine Stiefelquasten wie von dem heißen Dunst eines

Ofens.

»Ihr seht diesen Zahnstocher,« sagte Scrooge, aus dem eben angeführten

Grunde seinen Angriff sogleich wieder beginnend und von dem Wunsche

beseelt, wenn auch nur für einen Augenblick den starren, eisigen Blick

des Gespenstes von sich abzuwenden.

»Ja,« antwortete der Geist.

»Ihr seht ihn ja nicht an,« sagte Scrooge.

»Aber ich sehe ihn doch,« sagte das Gespenst.

»Gut,« erwiderte Scrooge. »Ich brauche ihn nur hinunterzuschlucken und

mein ganzes übriges Leben hindurch verfolgen mich eine Legion Kobolde,

die ich selbst erschaffen habe. Dummes Zeug, sag' ich, dummes Zeug!«

Bei diesen Worten stieß das Gespenst einen schrecklichen Schrei aus und

ließ seine Kette so grauenerregend und fürchterlich klirren, daß Scrooge

sich fest an seinen Stuhl halten mußte, um nicht in Ohnmacht

herunterzufallen. Aber wie wuchs sein Entsetzen, als das Gespenst das

Tuch von dem Kopf nahm, als wäre es ihm zu warm im Zimmer, und die

Unterkinnlade auf die Brust herabsank.

Scrooge fiel auf die Kniee nieder und schlug die Hände vors Gesicht.

»Gnade!« rief er. »Schreckliche Erscheinung, warum verfolgst du mich?«

»Mensch mit der irdisch gesinnten Seele,« entgegnete der Geist, »glaubst

du an mich, oder nicht?«

»Ich glaube,« sagte Scrooge, »ich muß glauben. Aber warum wandeln

Geister auf Erden und warum kommen sie zu mir?«

»Von jedem Menschen wird es verlangt,« antwortete der Geist, »daß seine

Seele unter seinen Mitmenschen wandle, in der Ferne und in der Nähe; und

wenn dieser Geist nicht während des Lebens hinausgeht, so ist er

verdammt, es nach dem Tode zu thun. Er ist verdammt, durch die Welt zu

wandern -- ach, wehe mir -- und zu sehen, was er nicht teilen kann, was

er aber auf Erden hätte teilen und zu seinem Glück anwenden können.«

Und wieder stieß das Gespenst einen Schrei aus und schüttelte seine

Ketten und rang die schattenhaften Hände.

»Du bist gefesselt,« sagte Scrooge zitternd. »Sage mir, warum?«

»Ich trage die Kette, die ich während meines Lebens geschmiedet habe,«

sagte der Geist. »Ich schmiedete sie Glied nach Glied und Elle nach

Elle; mit meinem eigenen freien Willen lud ich sie mir auf und mit

meinem eigenen freien Willen trug ich sie. Ihre Glieder kommen dir

seltsam vor.«

Scrooge zitterte mehr und mehr.

»Oder willst du wissen,« fuhr der Geist fort, »wie schwer und wie lang

die Kette ist, die du selbst trägst? Sie war gerade so lang und so

schwer, wie diese hier, vor sieben Weihnachten. Seitdem hast du daran

gearbeitet. Es ist eine schwere Kette.«

Scrooge sah auf den Boden herab, in der Erwartung, von fünfzig oder

sechzig Klaftern Eisenketten sich umschlungen zu sehen; aber er sah

nichts.

»Jakob,« sagte er flehend. »Jakob Marley, sage mir mehr. Sprich mir

Trost ein, Jakob.«

»Ich habe keinen Trost zu geben,« antwortete der Geist. »Er kommt von

anderen Regionen, Ebenezer Scrooge, und wird von andern Boten zu andern

Menschen gebracht. Auch kann ich dir nicht sagen, was ich dir sagen

möchte. Ein klein wenig mehr ist alles, was mir erlaubt ist. Nirgendwo

kann ich rasten oder ruhen. Mein Geist ging nie über unser Comptoir

hinaus -- merke wohl auf -- im Leben blieb mein Geist immer in den engen

Grenzen unsrer schachernden Höhle; und weite Reisen liegen noch vor

mir.«

Scrooge hatte die Gewohnheit, wenn er nachdenklich wurde, die Hand in

die Hosentasche zu stecken. Ueber das, was der Geist sagte, nachsinnend,

that er es auch jetzt, aber ohne die Augen zu erheben, oder vom Stuhl

aufzustehen.

»Du mußt dir aber viel Zeit genommen haben, Jakob,« bemerkte er mit dem

Tone eines Geschäftsmannes, obgleich mit vieler Demut und Ehrerbietung.

»Viel Zeit!« sagte der Geist.

»Sieben Jahre tot,« sagte sinnend Scrooge. »Und die ganze Zeit über

gereist.«

»Die ganze Zeit,« sagte der Geist. »Ohne Frieden, ohne Ruhe und mit den

Qualen ewiger Reue.«

»Du reisest schnell,« sagte Scrooge.

»Auf den Schwingen des Windes,« sagte der Geist.

»Du hättest eine große Strecke in sieben Jahren bereisen können,« sagte

Scrooge.

Als der Geist dies hörte, stieß er wieder einen Schrei aus und klirrte

so gräßlich mit seiner Kette durch das Grabesschweigen der Nacht, daß

ihn die Polizei mit vollem Rechte wegen Ruhestörung hätte bestrafen

können.

»O, gefangen und gefesselt,« rief das Gespenst, »nicht zu wissen, daß

Zeitalter von unaufhörlicher Arbeit sterblicher Geschöpfe vergehen, ehe

das Gute, dessen die Erde fähig ist, sich entwickeln kann; nicht zu

wissen, daß ein christlicher Geist, und wenn er auch in einem noch so

kleinen Kreise von Liebe wirkt, in diesem Erdenleben sich selbst

belohnende Arbeit genug finden kann! Aber ich wußte es nicht, ach, ich

wußte es nicht!«

»Aber du warst immer ein guter Geschäftsmann, Jakob,« stotterte Scrooge

zitternd, der jetzt anfing, das Schicksal des Geistes auf sich selbst

anzuwenden.

»Geschäft!« rief das Gespenst, seine Hände abermals ringend. »Der Mensch

war mein Geschäft. Das allgemeine Wohlsein war mein Geschäft;

Barmherzigkeit, Versöhnlichkeit und Liebe, alles das war mein Geschäft.

Alles, was ich in meinem Gewerbe that, war nur ein kleiner Tropfen

Wasser in dem weiten Ocean meines Geschäftes.«

Er hielt seine Kette vor sich hin, als ob dies die Ursache seines

nutzlosen Schmerzes gewesen wäre, und warf sie wieder dröhnend nieder.

»Zu dieser Zeit des schwindenden Jahres,« sagte das Gespenst, »leide ich

am meisten. Warum ging ich mit zur Erde blickenden Augen durch das

Gedränge meiner Mitmenschen und wendete meinen Blick nie zu dem

gesegneten Stern empor, der die Weisen zur Wohnung der Armut führte? Gab

es keine arme Hütte, wohin mich sein Licht hätte leiten können?«

Scrooge hörte mit Entsetzen das Gespenst so reden und fing an gar sehr

zu zittern.

»Höre mich,« rief der Geist. »Meine Zeit ist fast vorüber.«

»Ich will hören,« sagte Scrooge. »Aber mache es gnädig mit mir! Werde

nicht hitzig, Jakob, ich bitte dich.«

»Wie es kommt, daß ich vor dich in einer dir sichtbaren Gestalt treten

kann, weiß ich nicht. Viele, viele Tage habe ich unsichtbar neben dir

gesessen.«

Das war kein angenehmer Gedanke. Scrooge schauderte und wischte sich den

Schweiß von der Stirn.

»Es ist kein leichter Teil meiner Buße,« fuhr der Geist fort. »Heute

Nacht komme ich zu dir, um dich zu warnen, daß noch für dich eine

Möglichkeit vorhanden ist, meinem Schicksal zu entgehen. Eine

Möglichkeit und eine Hoffnung, die du mir zu verdanken hast.«

»Du bist immer mein guter Freund gewesen,« sagte Scrooge. »Ich danke

dir.«

»Drei Geister,« fuhr das Gespenst fort, »werden zu dir kommen.« Bei

diesen Worten wurde Scrooges Angesicht noch trauriger als das des

Gespenstes.

»Ist das die Möglichkeit und die Hoffnung, die du genannt hast, Jakob?«

fragte er mit bebender Stimme.

»Ja.«

»Ich -- ich sollte meinen, das wäre eben keine Hoffnung,« sagte Scrooge.

»Ohne ihr Kommen,« sagte der Geist, »kannst du nicht hoffen, den Pfad zu

vermeiden, den ich verfolgen muß. Erwarte den ersten morgen früh, wenn

die Glocke Eins schlägt.«

»Könnte ich sie nicht alle auf einen Schluck nehmen?« meinte Scrooge.

»Erwarte den zweiten in der nächsten Nacht um dieselbe Stunde. Den

dritten in der nächsten Nacht, wenn der letzte Schlag Zwölf ausgeklungen

hat. Schau mich an, denn du siehst mich nicht mehr; und schau mich an,

daß du dich, um deinetwillen an das erinnerst, was zwischen uns

geschehen ist.«

Als es diese Worte gesprochen hatte, nahm das Gespenst das Tuch von dem

Tische und band es sich wieder um den Kopf. Scrooge erfuhr das durch das

Knirschen der Zähne, als die Kinnladen zusammen klappten. Er wagte es,

die Augen zu erheben und erblickte seinen übernatürlichen Besuch vor

sich stehen, die Augen noch starr auf ihn geheftet, und die Kette um den

Leib und den Arm gewunden.

Die Erscheinung entfernte sich rückwärtsgehend; und bei jedem Schritt

öffnete sich das Fenster ein wenig, so daß, als das Gespenst es

erreichte, es weit offen stand. Es winkte Scrooge näher zu kommen, was

er that. Als sie noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, hob

Marleys Geist die Hand in die Höhe, ihm gebietend, nicht näher zu

kommen. Scrooge stand still.

Weniger aus Gehorsam, als aus Ueberraschung und Furcht: denn wie sich

die gespenstische Hand erhob, hörte er verwirrte Klänge durch die Luft

schwirren und unzusammenhängende Töne des Klagens und des Leides,

unsagbar, schmerzensvoll und reuig. Das Gespenst horchte ihnen eine

Weile zu und stimmte dann in das Klagelied ein; dann schwebte es in die

dunkle Nacht hinaus.

Scrooge trat an das Fenster, von der Neugier bis zur Verzweiflung

getrieben. Er sah hinaus.

Die Luft war mit Schatten angefüllt, welche in ruheloser Hast und

klagend hin und her schwebten. Jeder trug eine Kette, wie Marleys Geist;

einige wenige waren zusammengeschmiedet (wahrscheinlich schuldige

Ministerien), keines war ganz fessellos. Viele waren Scrooge während

ihres Lebens bekannt gewesen. Ganz genau hatte er einen alten Geist in

einer weißen Weste gekannt, welcher einen ungeheuren eisernen Geldkasten

hinter sich herschleppte und jämmerlich schrie, einem armen, alten Weibe

mit einem Kinde nicht beistehen zu können, welches unten auf einer

Thürschwelle saß. Man sah es klar, ihre Pein war, sich umsonst bestreben

zu müssen, den Menschen Gutes zu thun und die Macht dazu auf immer

verloren zu haben.

Ob diese Wesen in dem Nebel zergingen, oder ob sie der Nebel einhüllte,

wußte er nicht zu sagen. Aber sie und ihre Gespensterstimmen vergingen

zu gleicher Zeit und die Nacht wurde wieder so, wie sie bei seinem

Nachhausegehen gewesen war.

Scrooge schloß das Fenster und untersuchte die Thür, durch welche das

Gespenst hereingekommen war. Sie war noch verschlossen und verriegelt,

wie vorher. Er versuchte zu sagen: dummes Zeug, aber blieb bei der

ersten Silbe stecken, und da er von der innern Bewegung, oder von den

Anstrengungen des Tages, oder von seinem Einblick in die unsichtbare

Welt, oder der Unterhaltung mit dem Gespenst, oder der späten Stunde

sehr erschöpft worden war, ging er sogleich zu Bett, ohne sich

auszuziehen, und sank bald in Schlaf.

Zweites Kapitel.

Der erste der drei Geister.

Als Scrooge wieder aufwachte, war es so finster, daß er kaum das

durchsichtige Fenster von den Wänden seines Zimmers unterscheiden

konnte. Er bemühte sich, die Finsternis mit seinen Katzenaugen zu

durchdringen, als die Glocke eines Turmes in der Nachbarschaft

viertelte. Er lauschte, um die Stunde schlagen zu hören. Zu seinem

großen Erstaunen schlug die Glocke fort, von sechs zu sieben, und von

sieben zu acht und so weiter bis zwölf; dann schwieg sie.

Zwölf! Es war Zwei vorüber gewesen, als er sich zu Bett gelegt hatte.

Das Uhrwerk mußte falsch gehen. Ein Eiszapfen mußte zwischen die Räder

gekommen sein. Zwölf!

Er drückte an die Feder seiner Repetieruhr, um der verrückten Glocke

nachzuhelfen. Ihr kleiner, lebendiger Puls schlug Zwölf, und schwieg.

»Was! es ist doch nicht möglich,« sagte Scrooge, »ich sollte den ganzen

Tag und tief in die andere Nacht geschlafen haben? Es ist doch nicht

möglich, daß der Sonne etwas passiert und daß es mittags um Zwölf ist.«

Mit diesem unruhigen Gedanken beschäftigt, stieg er aus dem Bett und

tappte bis an das Fenster. Er mußte das Eis erst wegkratzen und das

Fenster mit dem Aermel seines Schlafrockes abwischen, ehe er etwas sehen

konnte; und auch hernach konnte er nur sehr wenig sehen. Alles, was er

gewahren konnte, war, daß es noch sehr nebelig und sehr kalt war, und

daß man nicht den Lärm hin und her eilender Leute hörte, der doch gewiß

stattgefunden hätte, wenn Nacht den hellen Tag vertrieben und selbst

Besitz von der Welt genommen hätte. Das war ein großer Trost, weil »drei

Tage nach Sicht bezahlen Sie diesen Primawechsel an Mr. Ebenezer Scrooge

oder dessen Order u. s. w.« eine bloße Vereinigte Staaten-Sicherheit

gewesen wäre, wenn es keine Tage mehr gab, um danach zu zählen.

Scrooge legte sich wieder ins Bett und dachte darüber hin und her,

konnte aber zu keinem Schlusse kommen. Je mehr er nachdachte, desto

verwirrter wurde er; und je mehr er sich bestrebte, nicht nachzudenken,

desto mehr dachte er nach. Marleys Geist machte ihm viel zu schaffen.

Allemal wenn er nach reiflicher Ueberlegung zu dem festen Entschluß

gekommen war, das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist

wie eine starke vom Druck befreite Feder wieder in die alte Lage zurück

und legte ihm dieselbe Frage wieder vor, die er schon zehnmal überlegt

hatte: War es ein Traum oder nicht?

Scrooge blieb in diesem Zustande liegen, bis es wieder drei Viertel

schlug. Da besann er sich plötzlich, daß der Geist ihm eine Erscheinung

mit dem Schlage Eins versprochen hatte. So beschloß er wach zu bleiben,

bis die Stunde vorüber sei; und wenn man bedenkt, daß er eben so wenig

schlafen, als in den Himmel kommen konnte, war dies gewiß der klügste

Entschluß, den er fassen konnte.

Die Viertelstunde war so lang, daß es ihm mehr als einmal vorkam, er

müßte unversehens in Schlaf gefallen sein und die Uhr überhört haben.

Endlich vernahm sein lauschendes Ohr die Glocke.

»Bim, baum!«

»Ein Viertel,« sagte Scrooge zählend.

»Bim, baum!«

»Halb,« sagte Scrooge.

»Bim, baum!«

»Drei Viertel,« sagte Scrooge.

»Bim, baum!«

»Voll!« rief Scrooge freudig, »und weiter nichts!«

Er sprach das, ehe die Stundenglocke schlug, was sie jetzt mit einem

tiefen, hohlen, melancholischen Eins that. In demselben Augenblicke

wurde es hell in dem Zimmer und die Vorhänge seines Bettes wurden

geöffnet.

Ich sag' es euch, die Vorhänge seines Bettes wurden von einer Hand

weggezogen; nicht die Vorhänge ihm zu Füßen, nicht die Vorhänge hinter

seinem Rücken, sondern die Vorhänge, gegen die sich sein Gesicht kehrte,

die Vorhänge wurden weggezogen; und Scrooge, sich aufrichtend, blickte

dem unirdischen Gast in das Gesicht, der sie geöffnet hatte; so dicht

stand er ihm gegenüber, wie ich jetzt im Geiste neben euch stehe.

Es war eine wunderbare Gestalt, gleich einem Kinde; aber doch eigentlich

nicht gleich einem Kinde, sondern mehr wie ein Greis, der durch einen

wunderbaren Zauber erschien, als sei er dem Auge entrückt und auf diese

Weise so klein geworden wie ein Kind. Sein Haar, welches in langen

Locken auf seine Schultern herabwallte, war weiß, wie vom Alter; aber

doch hatte das Gesicht keine einzige Runzel und um das Kinn bemerkte man

den zartesten Flaum. Die Arme waren lang und muskulös; die Hände ebenso,

als liege eine ungeheure Kraft in ihnen. Seine Füße, zart und fein

geformt, waren, wie die Arme, entblößt. Der Geist trug eine Tunika vom

reinsten Weiß; und um seinen Leib schlang sich ein Gürtel von

wunderbarem Schimmer. Er hielt einen frisch-grünen Stecheichenzweig in

der Hand; aber in seltsamem Widerspruch mit diesem Zeichen des Winters

war das Kleid mit Sommerblumen verziert. Das Wunderbarste aber war, daß

aus der Krone auf seinem Haupte ein heller Lichtstrahl in die Höhe

schoß, welcher alles rings erleuchtete, und welcher gewiß die Ursache

war, daß der Geist bei weniger guter Laune einen großen Lichtauslöscher,

den er jetzt unter dem Arme trug, als Mütze aufsetzte.

Aber selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft. Denn wie der

Gürtel des Geistes jetzt an dieser Stelle glänzte und funkelte und jetzt

an jener, und wie das, was im Augenblick hell gewesen war, jetzt dunkel

wurde, so verwandelte sich auch die Gestalt selbst, man wußte nicht wie:

jetzt war es ein Ding mit einem Arm, jetzt mit einem Bein, jetzt mit

zwanzig Beinen, jetzt bloß zwei Füße ohne Kopf, jetzt ein Kopf ohne

Leib; und wie einer dieser Teile verschwand, blieb keine Spur von ihm

in dem dichten Dunkel zurück, welches ihn aufnahm. Und das größte Wunder

dabei war: die Gestalt blieb immer dieselbe.

»Sind Sie der Geist, dessen Erscheinung mir vorhergesagt wurde?« fragte

Scrooge.

»Ich bin es.«

Die Stimme war sanft und wohlklingend und so leise, als käme sie nicht

aus dichtester Nähe, sondern aus einiger Entfernung.

»Wer und was seid Ihr?« fragte Scrooge, schon etwas mehr Vertrauen

fassend.

»Ich bin der Geist der vergangenen Weihnachten.«

»Der lange vergangenen?« fragte Scrooge, seiner zwerghaften Gestalt

denkend.

»Nein, deiner vergangenen.«

Vielleicht hätte Scrooge niemand sagen können, warum, wenn ihn jemand

gefragt hätte, aber doch fühlte er ein ganz besonderes Verlangen, den

Geist in seiner Mütze zu sehen; und er bat ihn, sich zu bedecken.

»Was?« rief der Geist, »willst du sobald mit irdisch gesinnter Hand das

Licht, welches ich spende, verlöschen? Ist es nicht genug, daß du einer

von denen bist, deren Leidenschaften diese Mütze geschaffen haben und

mich zwingen, durch lange, lange Jahre meine Stirn damit zu verhüllen?«

Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, er habe nicht den Willen

gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu wissen, daß er

irgend je in seinem Leben dem Geiste Ursache gegeben habe, sich zu

bedecken. Dann war er so frei, zu fragen, was ihn hierher führe.

»Dein Wohl,« sagte der Geist.

Scrooge drückte seine Dankbarkeit aus, aber konnte sich doch des

Gedankens nicht erwehren, daß eine Nacht ungestörten Schlafes ihm mehr

genützt haben würde. Der Geist mußte ihn haben denken hören, denn er

sagte sogleich: »Deine Besserung also. Nimm dich in acht!«

Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach und ergriff sanft

seinen Arm.

»Steh' auf und folge mir.«

Vergebens würde Scrooge eingewendet haben, Wetter und Stunde sei

schlecht geeignet zum Spazierengehen; das Bett sei warm und der

Thermometer ein gutes Stück unter dem Gefrierpunkte; er sei nur leicht

in Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze gekleidet und habe gerade jetzt

den Schnupfen. Dem Griff, war er auch so sanft, wie der einer

Frauenhand, war nicht zu widerstehen. Er stand auf, aber wie er sah, daß

der Geist nach dem Fenster schwebte, faßte er ihn flehend bei dem

Gewande.

»Ich bin ein Sterblicher,« sagte Scrooge, »und kann fallen.«

»Dulde nur eine Berührung meiner Hand dort,« sagte der Geist, indem er

ihm die Hand auf das Herz legte, »und du wirst größere Gefahren

überwinden, als diese hier.«

Der Weihnachtsabend Eine Geistergeschichte · 第 1 / 7 段