I.

In einem fruchtbaren Tale, durch welches sich ein breiter Fluß windet und

dessen beide Flanken hohe Berge bilden, liegt auf einem Schuttkegel sehr

malerisch gruppiert das Dörfchen Haldenburg.

Wer von der Landstraße, welche sich mitten durch das Tal, dem

Flusse entlang dahinzieht, nach Haldenburg gelangen will, muß in ein

Seitensträßchen einbiegen, das in einigen Windungen sich durch üppige

Wiesen und wohlgepflegte Baumgärten den Hügel hinaufschlängelt, auf welchem

das Dorf liegt.

Noch vor 10 Jahren führte dieser Weg in gerader Richtung, den sogenannten

»Haldenburgerstutz« bildend, den Berg hinauf. Rechts und links waren

halb zerfallene Mauern, in deren Trümmern hie und da Holunder- und

Spitzbeerensträucher wucherten. Der Fußgänger, der die steile Straße

hinaufkeuchte, mußte unwillkürlich daran denken, wie beschwerlich es sein

müsse, das Heu und andere Produkte, aus den Gütern, die da unten in der

Ebene liegen, ins Dorf hinauf zu schaffen. Die Haldenburger aber waren

daran gewöhnt; denn seit Menschengedenken war es nicht anders gewesen. Wenn

es je einem einfiel, ihnen den Rat zu erteilen, sich durch den Bau einer

neuen Straße bequemere Verhältnisse zu schaffen, so wurde er ausgelacht

und gefragt, wer da wohl die Kosten zu übernehmen hätte? Ob vielleicht die

Gemeinde es tun solle? Die habe sonst schon Schulden übergenug. Die reichen

Bauern werden sicher auch nicht in die Tasche greifen wollen; denn wenn

eine Last zu schwer sei für ein Pferd, so spannen sie eben zwei an. Die

armen Kuhbauern aber würden sich schon gar nicht an einem Straßenbau

beteiligen wollen, der andern größeren Nutzen bringen müßte, als ihnen.

Man sieht, die guten Haldenburger waren nicht so leicht für Neuerungen

zu haben, sie meinten, was von alters her gut gewesen sei, müsse es auch

ferner sein.

Dieses starre Festhalten am Althergebrachten machte sich denn in Haldenburg

allenthalben geltend, und wer den steilen Stutz überwunden und sich,

nachdem er den Schweiß abgetrocknet und ein wenig atemholend einen Blick

auf das schöne Landschaftsbild, das sich hier einem darbietet, geworfen,

dem Innern des Dorfes zuwandte, fand nicht gerade die einladendsten

Zustände.

Die Dorfstraßen waren löcherig und kotig oder staubig, je nach der

Jahreszeit oder der Witterung, und namentlich die Umgebung der großen

Brunnen, wo das Vieh zur Tränke geführt wurde, war derart, daß man sie in

weitem Bogen umgehen mußte, wollte man nicht riskieren, im Moraste stecken

zu bleiben. Es fehlten in Haldenburg zwar nicht einige massiv gebaute

Bauernhäuser, mit allerlei unnützem Zierrat ausgeschmückt, welche den

Reichtum der Besitzer protzig zur Schau stellten; aber auch da vermißte

man die saubere Umgebung, welche auf den Fremden so einladend wirkt. Einen

geradezu kläglichen Eindruck aber machten die Behausungen und Ställe

der ärmeren Bauern. Schiefe Dächer, graue verwitterte Mauern, wackelige

Fensterläden und trübe Scheiben, durch welche trübe Gesichter schauten,

gaben Zeugnis von der wenig beneidenswerten Lage der Leute, die da hausten.

Gärten sah man wenig und gutgepflegte schon gar keine, statt dessen aber

hart an den Straßen verschiedene größere und kleinere Miststöcke, umgeben

von den obligaten braunen Pfützen, aus denen sich ganze Schwärme von Mücken

und Fliegen erhoben, wenn man sich im Sommer ihnen näherte.

Rümpfte etwa ein Fremder über die Zustände in Haldenburg die Nase, so

machte sich niemand etwas daraus; man war überhaupt nicht gut auf die

Fremden zu sprechen, und man meinte, es sei das beste, wenn sie wegblieben.

Nach diesem Grundsatz behandelte man auch die wenigen ortsansässigen

Nichtbürger, die sogenannten Beisässe, denen man zwar großmütig einen guten

Teil der Steuern aufbürdete, es ihnen aber furchtbar übel nahm, wenn sie

auch einmal in die Gemeindeangelegenheiten hineinreden wollten.

Daraus sieht man schon, daß auch in der Gemeindeverwaltung verschiedenes

faul war. Es hatte sich mit der Zeit in Haldenburg ein eigentliches

Dorfmagnatentum herausgebildet. Weil die ärmeren Bauern von den reichen

abhängig waren, so wurden selbstverständlich nur die letzteren in den

Vorstand gewählt, und diese wußten es stets so einzurichten, daß sie

dabei in erster Linie auf ihre Rechnung kamen; ein System, das, wenn auch

langsam, so doch sicher zum Ruin der Gemeinde führen mußte, wenn nicht eine

Aenderung eintrat. Eine solche Aenderung kam und sie war notwendig; denn

der allgemeine Kredit hatte schon stark gelitten.

Wer heute Haldenburg betritt, dem bietet sich ein ganz anderes Bild

als ehedem. Die Straßen sind sauber und gut im Stande gehalten; die

Düngerstätten sind größtenteils hinter die Häuser verlegt worden oder, wo

das nicht anging, doch wenigstens mit Mauern umgeben, und die Bauern haben

jedenfalls indessen gelernt, die Düngemittel besser zu verwerten, als sie

nutzlos auf der Straße zu Grunde gehen zu lassen. Hie und da sind kleinere

und größere Hausgärten entstanden, die dem Ort zur Zierde gereichen. An

vorher kahlen Wänden sieht man jetzt gut gezogene Spalierbäume, und an

manchen Fenstern prangen schön blühende Topfpflanzen. Auch an der kleinsten

Hütte sieht man, daß der Wohlstand gestiegen ist. Haldenburg wird jetzt

von den Sommergästen als Ausflugspunkt geschätzt, und aus dem gut

eingerichteten Gasthaus und dem reichhaltigen Ansichtspostkarten-Sortiment

im Schaufenster des Krämerladens schließen wir, daß man heute das Geld sehr

zu schätzen weiß, welches diese Fremden ins Dorf bringen.

Woher nun dieser auffallende Umschwung? Die nachfolgende Schilderung soll

die verehrten Leser darüber aufklären.

Etwas abseits vom Dorfe liegt auf einem terrassenartigen Vorsprunge des

Geländes ein kleineres Bauerngut. Zwischen dem zweistöckigen Wohnhaus,

dessen Bauart ein schon hohes Alter verrät, und der gegenüberliegenden

Scheune befindet sich ein geräumiger Hof, welcher von den mächtigen Kronen

zweier Linden beschattet wird. Diesen majestätischen Bäumen hat das Anwesen

seinen Namen »Lindenbühl« zu verdanken.

Wenn heute die blankgeputzten Fensterscheiben, das nett in Ordnung

gehaltene Gärtchen und die ganze reinliche Umgebung des Gehöftes auf

geordnete Zustände des Besitzers schließen lassen, so war das noch vor

wenigen Jahren ganz und gar nicht der Fall. Damals gehörte der Lindenbühl

einem Manne, der sich zwar auch Bauer nannte, sich aber in Wahrheit um

den Stand seiner Wiesen und Aecker wenig kümmerte. Um der Arbeit besser

ausweichen zu können, und um für sein Herumtreiben in den Wirtshäusern und

auf den Märkten eine Ausrede zu haben, betrieb er den Viehhandel, der ihm

aber häufiger Verlust als Gewinn einbrachte; denn auch beim Handel ist es

mit hohlen Redensarten und prahlerischem Wirtshausgeschwätz nicht getan.

Gewandtheit und Energie aber gingen ihm ab. So kam er immer mehr zurück,

die Schuldenlast, welche auf seinem Heimwesen ruhte, wurde immer größer,

und zuletzt kam es so weit, daß ihm alles versteigert wurde, und er mit

seiner Familie im Hauszinse wohnen und als Taglöhner seinen Unterhalt

verdienen mußte.

Den Lindenbühl erwarb nun ein junger Landwirt, der bisher auf einem

größeren Gute eine Verwalterstelle innegehabt hatte, aber schon lange

darnach trachtete, ein eigenes Heimwesen zu kaufen, auf dem er nach eigenem

Gutdünken schalten und walten könne.

Johannes Wachter, so heißt der jetzige Bauer auf dem Lindenbühl, ist der

jüngste Sohn eines sehr vermöglichen Bauern, der einen großen Hof im Kanton

Thurgau besitzt.

Weil Johannes sich schon in der Schule durch große Intelligenz und emsigen

Fleiß im Lernen auszeichnete, so hätte es sein Vater gerne gesehen, wenn

er sich hätte zum Studieren entschließen können. Es hätte dem alten Wachter

geschmeichelt, wenn sein Jüngster dereinst Pfarrer, Arzt oder gar Advokat

geworden wäre. Johannes wollte indessen davon nichts wissen, und er bat den

Vater, ihn nicht in einen Beruf hineinzwingen zu wollen, zu dem er keine

Neigung verspüre. »Ich bin bei der Landwirtschaft aufgewachsen,« sagte er,

»und möchte auch beim Bauernstand verbleiben. Du hast ja schon oft selbst

behauptet, daß ein rechter Bauer auch ein heller Kopf sein müsse; es

widerspricht also Deinen eigenen Ansichten, wenn Du mich der Landwirtschaft

entfremden willst, nur weil ich zufällig in der Schule etwas weiter voran

bin als mancher andere. Schau, solche, die sich dem Studium zuwenden, gibt

es schon genug; hingegen wird allenthalben geklagt, daß sich niemand mehr

mit der Landwirtschaft abgeben will. Zeige deshalb, daß Du Deinen Beruf

hoch hälst, und Deine Söhne das werden lässest, was Du selber bist, nämlich

richtige, schlichte Bauern, die zeigen wollen, daß auch heute noch die

Scholle ihren Besitzer nährt.«

Vater Wachter war wirklich ein Bauer, der, wie man sagt, mit Leib und Seele

an seinem schönen Berufe hing. So konnte er nicht anders als Freude

haben an solchen Aeußerungen seines Sohnes, und gerne gab er ihm die

Einwilligung, ein Landwirt werden zu dürfen, obwohl er anfänglich der

Meinung war, daß es genüge, wenn einer seiner Söhne sich dem Bauernstande

widme, um dereinst den Hof übernehmen zu können. Es erfüllte ihn auch

stets mit Stolz, daß Franz, sein Aeltester, in dieser Beziehung ganz seinen

Wünschen entsprach. Zu Johannes aber sprach er: »Es fällt mir nicht ein,

Dich zum Studieren zwingen zu wollen, wenn Du nicht Lust dazu hast, und daß

Du gerade so große Neigung verspürst, ein Bauer zu werden, obwohl Dir im

ganzen auch die Leiden und Unannehmlichkeiten, die dieser Stand mit sich

bringt, bekannt sind, das freut mich; denn es gibt mir den Beweis, daß es

Dir ernst ist mit Deiner Wahl. Wenn ich nun endgiltig Deiner Bitte Gehör

schenke, so mußt Du mir auch versprechen, daß Du alles daran setzen willst,

in allen Teilen ein rechter Bauer zu werden. Die heutige Zeit erfordert für

unsern Beruf ganze Männer, die über ein vollgerütteltes Maß von Kenntnissen

verfügen und dieselben mit Fleiß und Energie stets am rechten Orte

anzuwenden wissen. Werde aber nicht nur ein rechter Bauer, sondern im

ganzen ein guter, rechtschaffener Mensch; erfülle stets getreulich Deine

Pflichten in der Familie, in der Gemeinde und im Staate. Es ist ein

schwerer Irrtum, wenn mancher Bauer glaubt, er habe nur auf sich selbst

zu schauen, die Interessen anderer aber gehen ihn nichts an. Manche schöne

Ziele der Landwirtschaft lassen sich eben nur gemeinsam erreichen. Zeige

deshalb stets einen gemeinnützigen und genossenschaftlichen Sinn und

bedenke, daß Du, indem Du andern hilfst, Dir selbst auch Hilfe sicherst.

Halte nie mit Erfahrungen und Beobachtungen hinter dem Berg; denn indem

Du andere belehrst, arbeitest Du an der Hebung des bäuerlichen Berufes und

kommst so selbst auf eine höhere Stufe. Auf politischem Gebiete verfechte

stets die Sache der Landwirtschaft und halte treu zu ihrer Fahne; vertraue

unsern Führern, sie meinen es gut und wissen, wo die Bauern der Schuh

drückt. Mehr will ich Dir heute nicht sagen; es wird noch oft genug

Gelegenheit geben, wo Dir meine väterlichen Ermahnungen und Winke nützlich

sein können.«

Es wurde nun einstweilen nicht mehr viel über die Sache gesprochen, und

Vater und Sohn betrachteten die Angelegenheit als endgiltig beschlossen.

Als Johannes die Realschule seines Heimatortes absolviert hatte, verblieb

er vorerst im väterlichen Hause, um unter Anleitung seines Vaters die

wichtigsten landwirtschaftlichen Arbeiten gründlich kennen zu lernen. Diese

grundlegende Praxis -- so meinte Vater Wachter -- sei notwendig, um mit

Erfolg eine landwirtschaftliche Winterschule besuchen zu können.

»Ich halte nicht viel davon,« sagte er zu Johannes, »wenn Bürschchen,

welche den Ernst der Arbeit noch nicht kennen, in solche Schulen eintreten.

Auch den eifrigsten und fleißigsten dieser jungen Schüler wird es an dem

notwendigen Verständnis für die theoretischen Wissenschaften fehlen, und

sie werden nur zu oft geneigt sein, manches für nebensächlich und weniger

notwendig zu halten, was doch für eine der heutigen Zeit entsprechende

Praxis von großer Wichtigkeit ist. Die theoretische Bildung eines

Landwirtes ist heutzutage von so großer Bedeutung, daß man sich ihr

mit vollem Eifer widmen muß, und das kann nach meiner Ansicht nur dann

geschehen, wenn man den Ernst des Lebens schon kennt. Lerne deshalb erst

praktisch arbeiten, und Du wirst sehen, daß Du dann Deine Lehrer viel

besser verstehen kannst, weil Du einsiehst, wie wichtig ihre Lehren für

Deine spätere Praxis sind.«

Johannes sah ein, daß sein Vater recht hatte. Er gab sich Mühe, alle

Arbeiten, die man ihm auftrug, richtig auszuführen und sich Uebung zu

verschaffen. Oft genug kam es freilich vor, daß ihm selbst einfache

Hantierungen nicht gelingen wollten. Da hieß es dann probieren, bis es

ging. Bei solchen Gelegenheiten trat dann oft der Vater hinzu und machte

ihn auf diesen oder jenen Vorteil aufmerksam, mit dem die Sache angefaßt

werden mußte, und auf dessen Anwendung oft genug das Gelingen beruhte. Der

alte Wachter bestand überhaupt darauf, daß alles gründlich gemacht wurde,

und duldete auch bei seinen Söhnen nicht, daß sie über Ungenauigkeiten

einfach hinweggingen. So sprach er einmal ermahnend zu Johannes:

»Schau, Du mußt Dich von Anfang an schon daran gewöhnen, alles recht zu

machen. Halbe Arbeit ist keine Arbeit. Weil Du dieses oder jenes erst

lernen mußt, wirst Du längere Zeit dazu gebrauchen; das schadet jedoch

nichts, wenn's nur schließlich recht herauskommt. Ein großer Fehler aber

wäre es, wenn Du schnell über eine Arbeit hinweg hasten würdest, nur um sie

so schnell zu Ende zu führen wie ein geübter Knecht. Der Wert der Arbeit

eines Lernenden liegt nicht in der Quantität, sondern in der Qualität.

Wer sich das Pfuschen einmal angewöhnt, der bleibt sein Leben lang ein

Pfuscher; ein solcher aber taugt in der Landwirtschaft so wenig als in

jedem andern Beruf.«

Solche und ähnliche Ermahnungen und Lehren erteilte der Vater seinem Sohne

stets, wenn sie miteinander arbeiteten oder am Sonntag einen Spaziergang

durch Wald und Flur machten, und der Samen solcher Unterweisungen fiel

bei Johannes auf einen fruchtbaren Boden. Er gewöhnte sich unter der

väterlichen Leitung daran, über jede Arbeit nachzudenken und nicht nur

mechanisch in den Tag hinein zu arbeiten. Wer ihm bei der Arbeit zusah, der

merkte gleich, daß er mit Lust und Liebe dabei war, und mußte sich sagen,

daß er das Zeug habe, um dereinst ein tüchtiger Bauer zu werden.

So waren denn zwei Jahre verstrichen und Johannes hatte in dieser Zeit

in den meisten landwirtschaftlichen Arbeiten eine derartige Fertigkeit

erlangt, daß er es bald mit einem tüchtigen Knecht aufnehmen konnte.

Der Vater meinte, es wäre jetzt an der Zeit, daß sein Sohn eine

landwirtschaftliche Winterschule besuche, und Johannes war mit Freuden dazu

bereit.

Weil sein älterer Bruder schon früher die gleiche Schule besucht hatte, in

die auch er nun eintreten sollte, so wußte er im großen und ganzen schon,

wie es in einer solchen Anstalt zugeht; trotzdem aber fand er sich bei

seinem Eintritt wie in einer fremden Welt. In gar vielen Sachen, in denen

er zu Haus seine Eltern hatte sorgen lassen, fand er sich jetzt auf sich

selbst angewiesen. Das Internat, die strenge Disziplin und Hausordnung,

die pünktlich nach Minuten abgemessene Zeiteinteilung, die ganz andere Kost

u. s. w. waren alles Dinge, die ihm ganz ungewohnt vorkamen. Johannes hatte

sich indessen von Anfang an vorgenommen, sich in alles zu fügen, eingedenk

des Sprichwortes: »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Er war sich wohl

bewußt, daß er noch vieles über sich ergehen lassen müsse, bis er ein

rechter Bauer sei und selbständig nach eigenem Gutdünken schalten und

walten könne.

So hatten denn der Direktor und die Lehrer an dem jungen Wachter einen

willigen und gehorsamen Schüler, der sich ohne Murren in alles fügte und

bald als Muster und Vorbild für die andern Schüler gelten konnte. Weil

er einer der ältesten Schüler seiner Klasse war, sich durch seine großen

Fähigkeiten und ein männliches Auftreten auszeichnete, so errang er

sich, ohne daß er es eigentlich wollte, eine gewisse Autorität über seine

Mitschüler und übte einen vorteilhaften Einfluß auf dieselben aus.

Johannes wollte die Zeit, die er in der Schule zu verbringen hatte, so gut

als möglich ausnützen; er betrachtete deshalb das Lernen nicht als eine

Last, sondern als ein wichtiges Mittel, sich zum brauchbaren Landwirt

auszubilden.

Schon durch das, was im ersten Winterhalbjahr im Unterricht geboten wurde,

lernte er die Landwirtschaft von einer neuen Seite kennen, und als er nach

wohlbestandenem Examen zunächst wieder auf das väterliche Gut zurückkehrte,

schaute er alles mit ganz andern Augen an.

Unter fleißiger Arbeit verstrich der Sommer rasch, und Johannes freute

sich, bald wieder in die Schule zurückkehren und das Studium von neuem

aufnehmen zu können.

Der zweite Lehrkursus wurde mit dem gleichen Eifer absolviert wie der

erste, und ausgerüstet mit einem guten Zeugnis und dem Abgangsdiplom der

Schule, begleitet von den Glückwünschen des Direktors und der Lehrer,

konnte der junge Wachter hinaustreten ins praktische Leben, um seine

erworbenen Kenntnisse zu seinem Lebensunterhalte zu verwerten.

Sein Vater und auch der Direktor waren der Ansicht, daß es Johannes bei

seiner Tüchtigkeit wohl wagen dürfe, irgend eine Stelle als Oberknecht oder

Werkführer anzunehmen; doch Johannes wollte davon nichts wissen. Er meinte,

es sei besser als einfacher Knecht anzufangen; denn um dereinst Dienstboten

richtig behandeln und befehligen zu können, müsse er selbst ein solcher

gewesen sein. Er habe sich vorgenommen, in allen Teilen ein richtiger Bauer

zu werden, und da sei es notwendig, unten anzufangen. Seine Kenntnisse

könne er als Knecht auch wohl gebrauchen, man klage ja immer über großen

Mangel an tüchtigen Dienstboten.

So arbeitete denn der energische junge Landwirt in verschiedenen größeren

und kleineren Betrieben mehrere Jahre als Knecht und lernte gar mancherlei

Verhältnisse kennen. Mit eisernem Fleiß tat er überall seine Pflicht,

freute sich am Angenehmen und fügte sich dem unabweisbaren Unangenehmen,

das er sehr oft auch zu kosten bekam. Er merkte gar bald, daß wenn die

Dienstbotenfrage in günstigem Sinne gelöst werden solle, auch von seiten

der Arbeitgeber manche Reformen durchgeführt werden müssen, und nahm sich

vor, darnach zu handeln, wenn er erst sein eigener Herr geworden sei.

Zuletzt diente Johannes auf einem großen Gute, dem ein Verwalter vorstand,

der ein sehr tüchtiger Mann, aber etwas kränklich war und oft Mühe hatte,

seinen Pflichten in vollem Umfange nachzukommen. Der Besitzer, der nur

kurze Zeit des Jahres auf dem Gute anwesend war, wollte seinen treuen

Beamten schonen und bevollmächtigte ihn, eine tüchtige Kraft zu seiner

Unterstützung anzustellen. Als daher der Verwalter auf die Fähigkeiten

seines Knechtes Wachter aufmerksam wurde, erhob er denselben zum

Unterverwalter und stellte namentlich die ganze Feldwirtschaft unter seine

Aufsicht.

Jetzt zeigte es sich, daß Johannes nicht nur gelernt hatte zu gehorchen,

sondern wenn es sein mußte, auch zu befehlen verstand. Die Knechte und

Taglöhner stellten sich willig unter seinen Befehl, weil er nicht mit

Stolz und Ueberhebung auf sie herabsah und nicht nur Pflichten von ihnen

verlangte, sondern ihnen auch diejenigen Rechte einräumte, die jeder

Arbeiter von seite seines Arbeitgebers verlangen darf. Weil jeder das

Gefühl hatte, daß das was man ihnen befahl, auch wirklich das Richtige sei,

so wurde es auch ausgeführt ohne Widerrede und Murren.

Der Zustand des Verwalters verschlimmerte sich immer mehr und bald ruhte

die ganze Gutsverwaltung auf den Schultern des Unterverwalters. Zeitweilig

besorgte Johannes sogar die sämtlichen Bureauarbeiten, und es zeigte sich,

daß er überall gleich tüchtig war. Man bemerkte an ihm nichts von jenem

unsicheren Umherhasten. Zielbewußt wurden die verschiedenen Arbeiten in

richtiger Reihenfolge durchgeführt, so daß stets alles zur rechten Zeit

fertig wurde.

Es war eine Freude zu sehen, wie Johannes sich selbst durch die

schwierigsten Verwaltungsgeschäfte verhältnismäßig leicht hindurcharbeitete

und sich vollste Autorität zu verschaffen wußte, was jedenfalls nicht

leicht war, wenn man bedenkt, daß er vorher einfacher Knecht gewesen und

mit denen auf gleicher Stufe stand, die jetzt seinen Befehlen zu gehorchen

hatten. Man sah da wieder deutlich, was sich durch richtigen Takt erreichen

läßt.

Johannes war nicht nur bemüht, das Gut unter seiner Leitung auf gleicher

Höhe zu erhalten, sondern er bestrebte sich auch, durch geeignete

Verbesserungen den Ertrag zu steigern und den Wert der Besitzung zu

erhöhen. Jetzt konnte er endlich seine praktischen und theoretischen

Kenntnisse selbständig verwerten und seiner Freude am landwirtschaftlichen

Berufe Genüge leisten.

Der Gutseigentümer sah denn auch gar bald ein, daß er in dem jungen Wachter

eine sehr brauchbare Persönlichkeit gewonnen habe, und als der Verwalter

seinen Leiden erlegen war, bat er Johannes, die Stelle, der er ja schon

einige Zeit mit dem besten Erfolge aushilfsweise vorgestanden, nun

definitiv zu übernehmen.

Dieser hatte zwar von Anfang den Plan gefaßt, einmal ein eigenes Gut zu

erwerben, um unumschränkt nach seinem alleinigen Gutdünken schalten und

walten zu können. Er dachte aber, als ihm sein Herr ein so vorteilhaftes

Anerbieten machte, daß es bei seiner Jugend noch immer Zeit sei, sich

selbständig zu machen. Dann sah er auch ein, daß er in seiner jetzigen

Stelle noch manche wertvollen Erfahrungen sammeln könne, die ihm später im

eigenen Betrieb von großem Nutzen sein könnten. So teilte er denn seinem

Herrn ganz offen seine Absichten mit und sagte ihm, daß er seine Offerte

dankbar annehme, wenn er sich einverstanden erkläre, ihn nach einigen

Jahren ziehen zu lassen.

Der Gutsbesitzer mochte denken, es werde ihm im Laufe der Zeit noch

gelingen, den jungen Wachter ganz an sich zu fesseln. Dieser willigte ein

und wurde nun Verwalter des schönen Gutes, auf das er vor etwas mehr als

einem Jahr als einfacher Knecht gekommen war.

Es ist hier nun nicht der Platz, die Laufbahn Wachters als Verwalter weiter

zu schildern; nur eine Begebenheit, die in diese Zeit fällt, soll erwähnt

werden, nämlich die Verehelichung Johannes und die Umstände, welche

dieselbe vorbereiteten.

Seine Stellung brachte es mit sich, daß er häufig mit den benachbarten

Bauern zusammenkam, sie auf ihren Höfen dieses oder jenes Geschäftes wegen

besuchte, und weil der junge Verwalter bald überall als ein tüchtiger

Landwirt bekannt war, der gerne von seinem Wissen auch andern mitteilte und

stets mit gutem Rat zur Hand war, wo solcher gewünscht wurde, niemals aber

sich wichtig zu machen suchte, oder gleich alles heruntermachte was ihm

gerade nicht gefiel, so sah man seine Besuche gerne und trachtete, davon so

viel als möglich zu profitieren.

Namentlich eines der Nachbargüter schien das Interesse Johannes in hohem

Grade erweckt zu haben, wenigstens hatte er auffallend oft dort Geschäfte

und bald wollten einige, welche gewohnt waren, ihre Nasen besonders tief

in die Angelegenheiten anderer zu stecken, wissen, daß nicht allein

der musterhafte Betrieb des Gutes und der leutselige Charakter der dort

hausenden Bauersleute den Anziehungspunkt ausmache, und die Folge bewies,

daß sie im Grunde nicht so unrecht hatten.

Gleich das erste Mal, als er wegen eines Ochsenhandels auf den besprochenen

Nachbarhof kam, fiel ihm dort eine Magd auf, die zwar nicht gerade das

darstellte, was man eine besondere Schönheit zu nennen pflegt, aber durch

ihr munteres Wesen, durch die Art und Weise wie sie ihre Arbeit verrichtete

und durch ihre bei aller Aermlichkeit doch sauberer Kleidung einen äußerst

vorteilhaften Eindruck machte. Auf Johannes wirkte dieser Eindruck derart,

daß er beschloß, dieses Mädchen möglichst zu beobachten und soweit das

unauffällig geschehen konnte, auch Erkundigungen über sie einzuziehen.

So erfuhr er denn, daß Marie -- so hieß die Magd -- die Tochter armer

Taglöhnersleute aus einem benachbarten Dorfe sei. Die Eltern seien vor

mehreren Jahren gestorben und infolgedessen sei die Tochter schon sehr früh

darauf angewiesen gewesen, auf eigenen Füßen stehen zu müssen. So kam sie

in den Dienst der Bäuerin und fand in ihr eine gute Lehrmeisterin, die sie

in alles einführte, was eine Bäuerin wissen und kennen muß. Marie war

eine gelehrige Schülerin und hatte sich nach und nach zur rechten Hand und

wirksamen Stütze der Meisterin aufgeschwungen. Diese sowohl, als auch der

Bauer waren voll Anerkennung über ihre Magd, und sie hielten auch nicht mit

ihrem Lobe hinter dem Berge; denn sie glaubten nicht Angst haben zu müssen,

daß der Herr Verwalter etwa dadurch bewogen werden könnte, Marie für seinen

Dienst zu gewinnen; sie kannten ihn zu gut, als daß sie ihn zu einer solch

eigennützigen Handlung für fähig hielten, und außerdem würde ja das Mädchen

nie in ein solches Anerbieten eingewilligt haben. Daß es ihm gar einfallen

würde, ihre Magd zu seiner Frau zu machen, das kam ihnen gar nicht in

den Sinn; denn ein Mann in solcher Stellung, der zugleich der Sohn eines

vermöglichen Großbauern sei, würde ja nach ihrer Meinung gewiß nicht die

Torheit begehen, ein blutarmes Mädchen zu ehelichen.

Johannes indessen war von ganz andern Anschauungen beseelt; er fand durch

seine Beobachtungen und Erkundigungen gar bald heraus, daß Marie in reichem

Maße gerade diejenigen Eigenschaften besaß, die nach seiner Ansicht eine

gute Bäuerin haben müsse. Daß sie arm sei, war in seinen Augen kein Grund,

der ihn bewegen konnte, vor einer Heirat mit ihr zurückzuschrecken.

Der geneigte Leser hat unsern Johannes bereits als einen Mann kennen

gelernt, der zwar alles reiflich überlegte, aber das als gut und richtig

erkannte dann auch mit zäher Energie in Angriff nahm und durchführte. So

handelte er auch in dieser Heiratsangelegenheit. Sobald er mit sich darüber

im reinen war, daß er das Mädchen liebe und sie für ihn passe, so suchte

er zu erfahren, wie es selbst in dieser wichtigen Angelegenheit denke;

denn alles hing ja schließlich doch davon ab, ob Marie auch wirklich

einwilligte, seine Frau zu werden. Er nahm sich also vor, bei nächster

Gelegenheit mit ihr zu reden und ihr seine Hand anzubieten.

Eine solche Gelegenheit fand sich bald. Als er an einem der nächsten Tage

bei seinem Nachbar vorbeiging, fand er Marie allein im Garten beschäftigt.

Er trat zu ihr hinein und teilte ihr ohne Umschweife den Zweck seines

Kommens mit. Er sagte ihr, wie sie schon bei der ersten Begegnung Eindruck

auf ihn gemacht habe, und was er seither von ihr erfahren und an ihr

beobachtet habe, sei dazu angetan gewesen, ihm Liebe und Achtung zu ihr

einzuflößen. Er hoffe, daß auch sie ihn lieben lerne, und wenn sich diese

Hoffnung erfülle, so wäre es sein sehnlichster Wunsch, daß sie seine Frau

werde.

Man kann sich denken, daß Marie erstaunt war ob diesem unvermittelten

Antrag. Sie sagte denn auch weder ja noch nein, sondern gab einfach

zur Antwort, daß sie sich geehrt fühle durch das Anerbieten des Herrn

Verwalters, aber sie habe bis jetzt noch gar nicht ans Heiraten gedacht,

und eine solch hochwichtige Sache wolle gehörig überlegt sein. Auch müsse

sie mit ihren Meistersleuten sprechen; denn weil sie ja keine Eltern und

nahe Verwandte mehr habe, so seien das ihre einzigen Berater.

Johannes mußte einsehen, daß das Mädchen recht habe, er versprach, geduldig

warten zu wollen und sich in einigen Tagen den Entscheid zu holen.

Als Marie wieder allein war, wollte es mit der Arbeit nicht mehr recht

vorwärts; immer mußte sie an das Ereignis denken, das sie so unerwartet

traf, und je mehr sie darüber nachgrübelte, wie sie sich nun verhalten

solle, desto verwirrter wurde sie. Zwei Stimmen in ihrem Innern stritten

um den Entscheid. Die eine sagte ihr, es sei ein großes Glück, daß sie als

arme Waise für würdig befunden werde, einem so tüchtigen Manne, wie Herr

Wachter, die Hand zur ehelichen Verbindung zu reichen, und daß es eine

große Torheit genannt werden müßte, wollte sie ein solches Anerbieten von

der Hand weisen, das anzunehmen manche reiche Bauerntochter sich keinen

Augenblick besinnen würde. Die andere Stimme hingegen riet ihr, die Sache

von der andern Seite zu betrachten und zu untersuchen, ob vielleicht

nicht doch -- trotzdem sie arm sei -- Johannes bei seinem Antrag von

eigennützigen Bestrebungen geleitet worden sei. Könnte er nicht am Ende auf

ihre Arbeitskraft spekuliert haben, denkend, daß sie ihm eine Magd ersparen

würde? Und könnte nicht gerade ihre Armut später der Anstoß zu allerlei

Unzufriedenheiten werden? Alles dieses und noch mehr des Unangenehmen

könne ja sehr leicht hervorgehen, wo so ungleiche Verhältnisse sich

zusammenfinden, wie das ja tatsächlich bei ihr und Johannes der Fall sei.

Ungetrübtes Eheglück könne jedenfalls aus einer solchen Verbindung nur dann

hervorgehen, wenn die Ungleichheiten ausgeebnet werden durch eine wahre,

uneigennützige Liebe. Aber liebte sie denn Johannes? Bis jetzt hatte sie

ihn ja kaum gekannt, also konnte vorerst noch von Liebe nicht die Rede

sein. Sie glaubte zwar, daß sie ihn lieben lernen könne, den schönen

stattlichen Mann mit dem ernsten und doch sanften Blick, den sie schon

so oft als das Muster eines tüchtigen Landwirtes hatte erwähnen hören.

Wenigstens hatte sie eine hohe Achtung vor demselben, und das konnte

immerhin der Anfang von der Liebe sein.

So von streitenden Gefühlen erfüllt, in tiefes Nachsinnen versunken auf

die Hacke gelehnt, sah sie sich auf einmal von der Bäuerin ertappt, die

unvermerkt zu ihr in den Garten getreten war.

Diese merkte gleich an der Verwirrung und an dem tiefen Erröten der Magd,

daß etwas besonderes vorgefallen sein müsse, und auf ihre Frage erzählte

denn auch Marie die ganze Begebenheit, sie zugleich um ihren Rat bittend in

der für ihre Zukunft so wichtigen Angelegenheit.

Nun war das Erstaunen auf seite der Meisterin, und das erste, was ihr bei

der Erzählung Maries durch den Kopf fuhr, war der egoistische Gedanke, ihre

treue Magd verlieren zu müssen. Doch sprach sie diesen Gedanken nicht aus;

denn die angeborene Gutmütigkeit und ihr Wohlwollen gegen Marie siegten

schnell über den anfangs sich regenden Eigennutz. Ein wenig machte sich

auch der Stolz bei ihr geltend in dem Gedanken, selbst am meisten dazu

beigetragen zu haben, daß Marie das geworden war, was sie heute so

begehrenswert erscheinen ließ.

»Liebes Kind,« sprach sie, »Du weißt, daß ich stets wie eine Mutter an Dir

gehandelt und auch in dieser Sache gewiß nur Dein Bestes im Auge habe. So

wirst Du es also auch nicht als eine leere Redensart betrachten, wenn

ich Dir sage, daß Dir durch den Antrag des Herrn Verwalters ein Glück

widerfahren ist, das Du nicht von der Hand weisen solltest. Deine Zweifel,

die Du mir gegenüber geäußert hast, kann ich nicht gelten lassen. Es

freut mich zwar, daß Du Dich nicht kopfüber, ohne zu überlegen, in die Ehe

stürzen willst, aber gar zu bescheiden brauchst Du auch nicht zu sein.

Wenn Du auch kein Barvermögen besitzest, so fallen dagegen andere Deiner

Eigenschaften umso mehr in die Wagschale. Deine Treue, Deine Arbeitslust,

Dein Sinn für Ordnung und Reinlichkeit und Dein munteres Wesen gelten

in den Augen des Herrn Verwalters mehr als Geld und Gut und gerade das

Vorhandensein dieser Wertschätzung solcher Eigenschaften bietet die beste

Gewähr für Euer zukünftiges Glück. Mein Rat geht also dahin, Deine Zweifel

niederzuschlagen und den Antrag anzunehmen, und ich glaube bestimmt, daß es

Euch beiden so gut gehen wird, wie Ihr es in der Tat verdient. Mit meinem

Glückwunsch will ich aber gleich eine Mahnung für Dich verbinden, die Du

nicht vergessen darfst, sie lautet: Werde nicht stolz. Die Bescheidenheit,

die als Magd Dich zierte, behalte bei auch als Frau Verwalter; nichts steht

einer Bauersfrau, ob sie so oder anders tituliert werde, weniger gut an als

der Stolz. Schaue nie mit Ueberhebung auf Deine Untergebenen herab, dann

wirst Du von ihnen gerade so geachtet werden, wie der Herr Verwalter heute

geliebt und geschätzt wird von seinen Dienstboten, in deren Mitte er einst

selbst gedient hatte. Bedenke auch, daß es Deine Pflicht sei, namentlich

auf jüngere Leute erzieherisch einzuwirken, ihnen mit dem guten Beispiel

voranzugehen und sie so zu brauchbaren, braven Dienstboten zu machen. Es

ist meine feste Ueberzeugung, daß der Mangel an guten landwirtschaftlichen

Arbeitskräften nicht zum wenigsten daher rührt, daß keine solchen erzogen

werden. Das, liebe Marie, sind einstweilen diejenigen Ratschläge, die ich

Dir geben möchte, falls Du das Anerbieten annimmst und Frau Verwalterin

wirst.«

Auch der Bauer, als er von dem Vorfall Kunde erhielt, war der gleichen

Meinung wie seine Frau; auch er sagte, daß das Zurückweisen eines solchen

Antrages gleichbedeutend wäre mit einem leichtsinnigen Verscherzen seines

Glückes.

So gab denn Marie dem Johannes ihr Jawort und knüpfte nur daran noch die

Bedingung, daß auch seine Eltern mit seiner Wahl zufrieden seien; denn

nie solle es auch nur den Anschein haben, als hätte sie sich in eine

wohlhabende Familie hineindrängen wollen.

Johannes konnte ihr über diesen Punkt sofort zufriedenstellende Auskunft

geben; denn schon bevor er bei Marie seine Werbung angebracht, hatte er

seinen Eltern geschrieben und ihren Rat eingeholt.

Der alte Wachter, der mit Johannes von Anfang an etwas höher hinaus wollte,

war mit dessen Wahl zuerst nicht ganz einverstanden, zuletzt mußte er

aber selbst zugeben, daß Reichtum nicht diejenige Eigenschaft einer

Frau ausmache, auf die zuerst gesehen werden müsse. Auch er schätzte die

Tugenden, die Marie nach den Angaben seines Sohnes hatte, und namentlich

für einen Bauer, als bedeutend wertvoller denn eine reiche Mitgift, und so

meinte er selbst, daß sein Johannes glücklich werden könne mit der von

ihm erwählten Braut, und gegen das Glück seiner Kinder wolle er nichts

unternehmen.

So waren denn alle Hindernisse beseitigt, die Verlobung konnte gefeiert

werden, und als Marie noch einen Kurs an einer Haushaltungsschule

durchgemacht hatte, zog sie als Frau Verwalter auf dem Gutshofe ein.

Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben · 第 11 / 12 题