IV.

Der zweite Winter war für die Familie Müller wieder so ruhig verlaufen

wie der erste. Liese hatte in verschiedener Beziehung aufs kommende Jahr

vorgearbeitet. Fürs erste hatte sie sich mit allerlei Näharbeiten, mit

Strümpfestricken und dergleichen derart beflissen, daß sie sich damit im

Sommer -- von etwa nötig werdenden Ausbesserungen abgesehen -- nicht

zu befassen brauchte. Dann hatte sie auch schon für das notwendige

Packmaterial gesorgt. Ein Korbmacher erbot sich, allerlei größere und

kleinere Körbe jetzt billiger zu liefern als im Sommer. Im Laden hatte

sie passende Kistchen für den Blumenversand erstanden, und auch gebrauchte

Packleinwand zum Uebernähen der Gemüsekörbe erhielt sie dort für billiges

Geld.

Auch Martin war in seiner freien Zeit für das Gartengeschäft tätig.

Im Herbst schon hatte er an einer geschützten Stelle im Garten einen

Frühbeetkasten angebracht, denselben mit guter Erde gefüllt und gegen Frost

gut bedeckt. Nun arbeitete er an den Fenstern und bald gingen sie ihrer

Vollendung entgegen. Aus Gipslättchen wurden Schattengitter hergestellt,

welche bei Aussaaten ins Frühbeet die grellen Sonnenstrahlen fernhalten

sollten. Selbst einige Dutzend Ansteckhölzer zum Bezeichnen der

verschiedenen Sorten hatte er an einigen der langen Winterabende

angefertigt. So lag denn alles bereit, um beim ersten Frühlingszeichen mit

dem Aussäen beginnen zu können.

Der Winter war dieses Mal ungewöhnlich streng und schneereich gewesen; als

aber Ende Februar die Sonne schon ziemliche Kraft entfaltete, glaubte Liese

nicht mehr länger warten zu dürfen. Sie deckte den Kasten ab, lockerte

die Erde und legte die Fenster auf. Als dann nach einigen Tagen die Erde

abgetrocknet war, säete sie Sellerie, Lauch, Salat, Blumenkohl, Wirsing und

überhaupt allerlei Setzlinge, welche sie früh haben wollte. So folgten

dann in kurzen Abständen mehrere Aussaaten aufeinander, und als im März

die Sonne und der Föhn den Schnee hinweggeschmolzen hatten, konnten die

Arbeiten auch im freien Lande beginnen. Die Setzlinge im Frühbeet waren

schnell auch zum Auspflanzen groß genug, und bald prangte der Garten wieder

im schönsten Grün. Aber nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Acker,

wo Liese namentlich solche Gemüse gepflanzt und gesät hatte, welche einer

weniger sorgfältigen Kultur bedurften, versprach es einen guten Ertrag

zu geben. War also in Bezug auf die Gemüse alles in bester Ordnung, so

berechtigten die Blumen nicht weniger zu den besten Hoffnungen.

Weil Liese im Herbst ihre Nelken so stark als nur möglich durch Stecklinge

und Ableger vermehrt hatte, so besaß sie jetzt über hundert Stück, die mehr

oder weniger Blütenstengel getrieben hatten. Da an den Fenstern

natürlich nicht für so viele Pflanzen Platz war, so hatte Martin an einer

halbschattigen Hauswand ein Gestell angebracht, auf welchem nun die in

größere und kleinere Holzkistchen gepflanzten Nelken Aufstellung fanden.

Im Garten befanden sich noch einige hundert Nelkenpflanzen, die Liese aus

Samen gezogen hatte, und die nun hauptsächlich billigere Schnittblumen

liefern sollten. Liese hatte einstweilen davon abgesehen, andere Blumen

zum Verkauf zu ziehen; denn erstens wollte sie nicht zu viel auf einmal

beginnen, und zweitens hatte ihr der Blumenhändler keine sehr verlockenden

Preise in Aussicht gestellt.

Als Ende Juni die Fremdensaison allmählich in Gang kam, konnte endlich der

Versand der Gemüse beginnen, und bald gingen auch die ersten Kistchen mit

abgeschnittenen Nelken nach F. ab.

Es ist natürlich, daß sich das ganze Geschäft nur in sehr kleinem Rahmen

bewegte; waren es ja nur zwei Kunden, an welche Liese ihre Produkte

lieferte, nämlich der Hotelbesitzer, welcher voriges Jahr die erste

Aufmunterung zum Gemüseversand gegeben, und der Blumenhändler, welchem der

deutsche Kurgast Liese empfohlen hatte. Aber selbst diesen beiden konnte

nicht genug geliefert werden. Die Art und Weise, wie sich der Versand

vollzog war sehr einfach. Liese machte wöchentlich zwei Sendungen, bald

größere, bald kleinere, je nachdem, was sie gerade abzugeben hatte. Sie

brauchte also nicht auf Bestellungen zu warten, weil ihre Abnehmer alles

verwenden konnten, sobald es nur schöne, vollwertige Ware war. Daran ließ

es nun Liese freilich nicht fehlen; denn sie handelte nach dem Grundsatz,

für ihre Kundschaft sei das Beste gerade gut genug. Für alles, was nicht

von erster Qualität war, hatte sie im eigenen Haushalt ja gute Verwendung,

und sie kam schon deswegen nicht in Versuchung, ihr Absatzgebiet durch

unreelle Lieferung zu verscherzen.

Gerade der gewissenhaften und pünktlichen Bedienung war es zuzuschreiben,

daß Liese für ihre Produkte einen schönen Preis erzielte. Trotz des

verhältnismäßig kleinen Quantums, das sie absetzen konnte, hatte sie doch

bis zum Herbst eine ganz hübsche Einnahme erzielt -- die Nelkenblumen

allein brachten ihr einen Erlös von über hundert Franken.

Nun lachte auch niemand mehr in D. über Lieses Liebhaberei für den

Gartenbau; alles mußte vielmehr lobend anerkennen, daß sie es verstanden

hatte, nicht nur notwendige Lebensmittel für den eigenen Haushalt zu

pflanzen und mit ihren Blumen ihr Heim zu verschönern, sondern Gemüse- und

Blumenzucht auch zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten.

Weil man Liese fast nie anders sah als im Garten oder mit ihren Blumen

beschäftigt, so nannte man sie jetzt nur die »Blumenliese«, und diesen

Namen behielt sie fortan, weshalb auch wir sie nur noch so nennen wollen.

Hatten schon im vorigen Sommer einige Frauen den Wunsch gehegt, gleich wie

die Blumenliese ein Gärtchen zu haben, so nahmen jetzt solche Wünsche eine

bestimmtere Gestalt an. Man hoffte jetzt eher auf die Einwilligung der

Männer, wo man ihnen nun doch schlagend beweisen konnte, daß ein Garten

nicht einfach als ein Luxus zu bezeichnen sei, wie man bisher angenommen

habe. Einige der Männer kamen denn wirklich auch den Frauen schon auf

halbem Wege entgegen; denn auch sie waren hingerissen von den Erfolgen der

Blumenliese.

Wenn die Anlage von verschiedenen Gärten nicht sofort an die Hand genommen

wurde, so hatte das seinen Grund nur darin, daß niemand etwas von der Sache

verstand. Man bestürmte deshalb die Blumenliese von allen Seiten mit den

verschiedensten Fragen und Auskunftsbegehren. Diese freute sich natürlich,

daß es ihr so schnell gelungen, die Leute für den Gartenbau zu begeistern,

und ließ es an gutem Rat nie fehlen, wo solcher verlangt wurde. Indessen

sah sie ein und äußerte sich gelegentlich darüber, daß es gewiß nicht gut

werde, wenn jetzt alles über Hals und Kopf planlos sich auf den Gartenbau

stürze, in der Meinung, damit in einigen Jahren reich zu werden; man sollte

sich doch vorerst die allernötigsten Kenntnisse verschaffen und erst auf

Grund derselben zielbewußt vorgehen.

Der Pfarrer war auch der gleichen Ansicht; er dachte, es müsse etwas

geschehen, um einerseits die gegenwärtige Begeisterung nicht unbenützt

vorübergehen zu lassen, anderseits aber die Leute vor einem Mißerfolg zu

bewahren. Er beriet sich zu diesem Zweck mit einem der Lehrer, von dem er

wußte, daß er ebenfalls ein Gartenfreund sei, und dieser meinte, es wäre am

besten, in D. einen Gemüsebaukurs abhalten zu lassen, an welchem dann die

Leute Gelegenheit hätten, sich über die verschiedenen Fragen klar zu werden

und sich grundlegende Kenntnisse zu erwerben, auf denen sie dann ihre

Praxis aufzubauen imstande wären. Er selbst wolle sich der Sache annehmen,

eine Versammlung im Schulhause einberufen und sehen, was sich dann weiter

tun lasse.

Eine solche Versammlung fand dann auch richtig statt, und es ergab sich,

daß eine genügende Anzahl von Frauen und Töchtern -- sogar einige

Männer hatten sich angemeldet -- bereit waren, an einem Gartenbaukurs

teilzunehmen. Der betreffende Lehrer stellte dann im Namen der Angemeldeten

bei der Regierung das Gesuch um Bewilligung eines solchen Kurses, welchem

Ansuchen auch gerne entsprochen wurde. Damit war die Angelegenheit

einstweilen geregelt und in die richtige Bahn geleitet.

Als im Frühjahr die günstige Zeit herangerückt war, erschien der von der

Regierung bestimmte Kursleiter und begann seine Unterweisungen. Er zeigte

den Teilnehmern nicht nur, wie man einen Garten anlegen solle, wie man den

Boden bearbeite, ihn verbessere und dünge, wie man säen und pflanzen solle,

sondern wies auch auf die eigenartigen Verhältnisse in D. hin, Belehrungen

anknüpfend, wie man dieselben am geeignetsten ausnützen könne. Er hob

besonders hervor, daß es in erster Linie gelte, für die eigenen Bedürfnisse

zu sorgen. An den Verkauf könne man erst denken, wenn man durch die Praxis

die notwendige Routine erworben habe, welche erforderlich sei, um

Gemüse erster Qualität zu ziehen; denn nur mit solchen könne der Verkauf

andauernden Erfolg haben. Die Aussichten, daß D. Hauptproduktionsgebiet

von Gemüsen für die benachbarten Kurorte werden könne, seien vorhanden.

Indessen dürfe man nicht meinen, daß es sofort alle der Blumenliese

gleichtun können. Sobald eben mehrere die Sache einander nachmachen, gebe

es Konkurrenz; die Preise werden heruntergetrieben, und in einigen Jahren

finde alles, daß sich in hiesiger Gegend der Gemüsebau nicht rentiere. Der

Gemüsebau zum Verkauf könne, so wie die Verhältnisse liegen, nur dann

ein befriedigendes Resultat zeitigen, wenn der Handel richtig organisiert

werde, d. h. wenn man ihn genossenschaftlich betreibe. Diese Einrichtung

ermögliche es allein, erstens hohe Preise zu erzielen, zweitens

große Quantitäten liefern zu können und drittens auch dem kleinsten

Gartenbesitzer die Möglichkeit zu bieten, sich am Verkaufe zu beteiligen.

Solche und ähnliche Belehrungen waren geeignet, die Teilnehmer für die

Sache zu begeistern. Mit ganz andern Begriffen konnten sie jetzt, als der

Kurs beendigt war, die Anlage ihrer Gärten an die Hand nehmen.

Soweit war nun alles so ziemlich im richtigen Geleise. In den neuen

Gärtchen keimte und grünte es, daß es eine Freude war. Da und dort war

schon der Spinat zum Schneiden groß genug, hie und da sah man schon

ziemlich entwickelte Salatköpfe, und in einem Garten streckten schon die

Erbsen ihre jungen Schötchen aus den abwelkenden Blüten hervor. Bald kam

also der Zeitpunkt, wo man neben Fleisch und Kartoffeln auch etwas

»Grünes« auf den Tisch stellen konnte. Die meisten der glücklichen

Gartenbesitzerinnen sahen mit einiger Sorge diesem Ereignis entgegen; denn

erstens beschlich manche ein banges Gefühl, wenn sie an die Zubereitung der

Gemüse dachte. Andere aber fragten sich: »Was werden wohl die Männer dazu

sagen?« Diese Sorgen waren berechtigt; denn weil Gemüse in den meisten

Haushaltungen in D. etwas neues waren, so hatten die Hausfrauen und Töchter

bis jetzt auch keine Gelegenheit gehabt, sich im Kochen der Gemüse zu üben.

Den Männern aber steckte der Erfolg im Kopfe, den die Blumenliese mit dem

Verkauf ihrer Gemüse erzielte. Als es aber hieß, man müsse vorläufig im

eigenen Haushalt den Genuß der Gemüse einführen, da waren sie unzufrieden,

und gerade die älteren Männer, welche im Sommer daheim geblieben, waren

sehr hartnäckig; denn sie wollten sich in ihren alten Tagen nicht mehr an

das »Grünfutter« gewöhnen, wie sie das Gemüse verächtlich nannten.

Es ging indessen alles viel besser als man meinte. Die Blumenliese mußte

mit ihren Ratschlägen und Rezepten den mangelnden Kenntnissen in der

Kochkunst nachhelfen, und als dann Erbsen, Spinat, Kohlrabi u. s. w.

richtig zubereitet auf dem Tisch erschienen, da probierten aus purer

Neugierde auch die Männer die bisher unbekannten Speisen, fanden sie zuerst

leidlich, dann gut, und hatten bald nichts mehr dagegen einzuwenden, ein

Zeichen, daß sie sich schnell daran gewöhnt hatten.

Indessen konnte schon wider Erwarten in diesem ersten Jahre von mancher der

neugebackenen Gärtnerinnen ziemlich viel verkauft werden. Die Blumenliese

wurde nämlich mit Bestellungen überhäuft und um manchmal einen guten

Auftrag nicht zurückweisen zu müssen, kaufte sie da und dort schöne Gemüse

zusammen und leitete so einen allgemeinen Gemüseexport aus D. ein.

Der Gemüsebau, den die Blumenliese unter so kleinen Verhältnissen begonnen

hatte, nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon im folgenden Jahre wurde

eine Genossenschaft zum Zwecke des Gemüseversandes in größerem Maßstabe

gegründet. Diese Gründung wurde besonders dadurch ermöglicht, daß ein

junger, unternehmender Mann, der schon mehrere Jahre die Stelle eines

Kontrolleurs in einem Hotel versehen hatte und also genaue Kenntnis, von

dem was in einem Hotel gebraucht wird, besaß, die Leitung und den Verkauf

der von den Genossenschaftern erzielten Produkte übernahm. Auch die

Blumenliese trat dieser Vereinigung bei, und so geht denn in D. bis auf

den heutigen Tag der Verkauf sämtlicher Gemüse nur durch eine Hand, nämlich

durch die Genossenschaftsleitung. Es kann sich auch die ärmste Frau, die

nur ein kleines Gärtchen hat, an dem Versand beteiligen; die einzelne

Gartenbesitzerin braucht sich nicht um Absatzgebiete zu kümmern und der

Preis wird nicht durch zu große Konkurrenz herabgedrückt.

Als man den großen Erfolg mit dem Gemüsebau sah, blieb man

selbstverständlich dabei nicht stehen. Einige Frauen versuchten sich mit

Glück in der Nelkenzucht. Ein denkender Bauer dachte, der Obstbau könnte

jedenfalls auch noch viel einträglicher gemacht werden, wenn er etwas

intensiver betrieben würde. Er bezog aus einer landwirtschaftlichen

Bibliothek Bücher, holte sich auch persönlich von Fachleuten Belehrung,

verbesserte seinen Baumbestand durch Neupflanzungen und Umpfropfen und

brachte dann durch rationelle Düngung und gute Pflege seinen Baumgarten zu

so reichen Erträgen, daß ihm viele nachzuahmen begannen.

Jetzt sah man auf einmal ein, daß in D. auf landwirtschaftlichem Gebiet

viel mehr zu machen war, als man früher annahm. Mancher, der vielleicht

schon seit mehreren Jahren gewöhnt war, seinen Verdienst auswärts zu suchen

und noch vor kurzer Zeit gewiß steif und fest behauptet hatte, daß es in D.

einfach unmöglich sei, so viel zu verdienen, um anständig leben zu können,

fing an ernstlich zu erwägen, ob es vielleicht nicht besser sei, zu Hause

zu bleiben und nach irgend einer Richtung hin sich mit der Landwirtschaft

abzugeben.

Weil man jetzt anfing, intensiver zu wirtschaften, den alten Schlendrian

beiseite zu lassen und nach vollständig neuen Gesichtspunkten zu handeln,

so mußten allerlei Verbesserungen die notwendige Folge sein. Die Feldwege

wurden verbessert und neue angelegt, durch Kauf und Austausch suchte man

die Güter zu arrondieren, und der allgemeine Weidgang wurde abgeschafft.

Freilich lief das alles nicht so glatt ab, und gegen manche Neuerung wurde

heftig Opposition gemacht; aber als dann alles glücklich durchgeführt

war, sah man allgemein den Nutzen ein. Man fühlte auch das Bedürfnis

nach Belehrung in den verschiedenen landwirtschaftlichen Fragen. Es wurde

deshalb ein landwirtschaftlicher Lokalverein gegründet, der namentlich

im Winter eine regsame Tätigkeit entwickelte. Vorträge und Kurse über

die verschiedensten Zweige der Landwirtschaft wurden abgehalten und

die Wanderlehrer waren häufige Gäste in D. Zwei Jünglinge besuchten die

landwirtschaftliche Schule. Einer war der jüngere Sohn Martins -- der

ältere war wie sein Vater Zimmermann geworden.

Alle die Veränderungen, die in den letzten Jahren in D. vor sich gegangen

waren, wirkten auch günstig auf die moralischen Verhältnisse ein, und wer

heute durch die Ortschaft wandert, erhält einen ganz andern Eindruck

als früher. Die sauber gehaltenen Gärten, die gesunden, kraftstrotzenden

Obstbäume, die blühenden Topfgewächse geben dem Dorf ein freundlicheres

Ansehen. Die Männer haben die schweren Arbeiten längst den Frauen

abgenommen. Infolgedessen sind sie so beschäftigt, daß sie nicht mehr Zeit

haben, alle Tage ins Wirtshaus zu gehen, und geschieht es hie und da, so

haben sie auch dort besseres zu tun als Karten zu spielen; denn es gibt

öffentliche Angelegenheiten zu besprechen, über wichtige Projekte und

Tagesfragen zu verhandeln etc. Die häuslichen Verhältnisse sind angenehmere

geworden, und der veredelnde Einfluß eines glücklichen Familienverbandes

macht sich immer mehr geltend. Die Auswanderung hat zwar nicht ganz

aufgehört, aber sie beschränkt sich auf das richtige Maß. Dafür hat

sich ein Stand von tüchtigen Professionisten am Orte gebildet, und die

verschiedensten Handwerker aus D. sind auch in den benachbarten Dörfern

geschätzt und geachtet.

Der alte Pfarrer, der noch immer in der Gemeinde amtiert, hat seine

helle Freude an den Veränderungen, die in seiner Pfarrei vorgehen, und

er behauptet steif und fest, daß man das alles nur dem gutem Beispiel der

Müllerschen Familie zu verdanken habe, und namentlich die Blumenliese habe

den deutlichen Beweis geleistet, wie sehr es auch heutzutage noch auf die

Tüchtigkeit einer Frau ankomme. Man dürfe daher nicht außer acht lassen,

die heranwachsenden Mädchen auf ihren zukünftigen Beruf vorzubereiten und

sie vor allem zu guten Hausfrauen und pflichtgetreuen Müttern zu erziehen.

Martin meint zwar, der Pfarrer übertreibe mit seinem Lob, er und seine

Frau hätten sich nicht besonders hervorgetan, sie seien vielmehr stets nur

bestrebt gewesen, dafür zu sorgen, daß sie für ihre Verhältnisse möglichst

zufrieden und sorgenlos haben leben können. Als ihnen das gelungen, haben

es zwar andere nachzumachen gesucht; aber das sei noch lange nicht der

Grund zu dem allgemeinen Umschwung gewesen; dieser sei vielmehr bedingt

worden durch das Unhaltbare der Zustände, die man gehabt habe. Es habe

einsichtige Leute genug gegeben, die Verbesserungen für unabweisbar hielten

und sie auch durchführten.

Sei dem nun wie ihm wolle; Tatsache ist, daß die Bewohner von D. mit

großer Achtung von der Blumenliese sprechen. Sie ist immer noch die gleiche

bescheidene, tüchtige Hausfrau. Auch ihre Liebhaberei für Gartenbau und

Blumenzucht hat sie bewahrt, wenigstens kann man sie häufig im Garten

hantieren sehen, wenn man durch D. geht.

[Illustration]

[Illustration]

Auf dem Lindenbühl.

Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben · 第 10 / 12 题