Der zweite Winter war für die Familie Müller wieder so ruhig verlaufen
wie der erste. Liese hatte in verschiedener Beziehung aufs kommende Jahr
vorgearbeitet. Fürs erste hatte sie sich mit allerlei Näharbeiten, mit
Strümpfestricken und dergleichen derart beflissen, daß sie sich damit im
Sommer -- von etwa nötig werdenden Ausbesserungen abgesehen -- nicht
zu befassen brauchte. Dann hatte sie auch schon für das notwendige
Packmaterial gesorgt. Ein Korbmacher erbot sich, allerlei größere und
kleinere Körbe jetzt billiger zu liefern als im Sommer. Im Laden hatte
sie passende Kistchen für den Blumenversand erstanden, und auch gebrauchte
Packleinwand zum Uebernähen der Gemüsekörbe erhielt sie dort für billiges
Geld.
Auch Martin war in seiner freien Zeit für das Gartengeschäft tätig.
Im Herbst schon hatte er an einer geschützten Stelle im Garten einen
Frühbeetkasten angebracht, denselben mit guter Erde gefüllt und gegen Frost
gut bedeckt. Nun arbeitete er an den Fenstern und bald gingen sie ihrer
Vollendung entgegen. Aus Gipslättchen wurden Schattengitter hergestellt,
welche bei Aussaaten ins Frühbeet die grellen Sonnenstrahlen fernhalten
sollten. Selbst einige Dutzend Ansteckhölzer zum Bezeichnen der
verschiedenen Sorten hatte er an einigen der langen Winterabende
angefertigt. So lag denn alles bereit, um beim ersten Frühlingszeichen mit
dem Aussäen beginnen zu können.
Der Winter war dieses Mal ungewöhnlich streng und schneereich gewesen; als
aber Ende Februar die Sonne schon ziemliche Kraft entfaltete, glaubte Liese
nicht mehr länger warten zu dürfen. Sie deckte den Kasten ab, lockerte
die Erde und legte die Fenster auf. Als dann nach einigen Tagen die Erde
abgetrocknet war, säete sie Sellerie, Lauch, Salat, Blumenkohl, Wirsing und
überhaupt allerlei Setzlinge, welche sie früh haben wollte. So folgten
dann in kurzen Abständen mehrere Aussaaten aufeinander, und als im März
die Sonne und der Föhn den Schnee hinweggeschmolzen hatten, konnten die
Arbeiten auch im freien Lande beginnen. Die Setzlinge im Frühbeet waren
schnell auch zum Auspflanzen groß genug, und bald prangte der Garten wieder
im schönsten Grün. Aber nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Acker,
wo Liese namentlich solche Gemüse gepflanzt und gesät hatte, welche einer
weniger sorgfältigen Kultur bedurften, versprach es einen guten Ertrag
zu geben. War also in Bezug auf die Gemüse alles in bester Ordnung, so
berechtigten die Blumen nicht weniger zu den besten Hoffnungen.
Weil Liese im Herbst ihre Nelken so stark als nur möglich durch Stecklinge
und Ableger vermehrt hatte, so besaß sie jetzt über hundert Stück, die mehr
oder weniger Blütenstengel getrieben hatten. Da an den Fenstern
natürlich nicht für so viele Pflanzen Platz war, so hatte Martin an einer
halbschattigen Hauswand ein Gestell angebracht, auf welchem nun die in
größere und kleinere Holzkistchen gepflanzten Nelken Aufstellung fanden.
Im Garten befanden sich noch einige hundert Nelkenpflanzen, die Liese aus
Samen gezogen hatte, und die nun hauptsächlich billigere Schnittblumen
liefern sollten. Liese hatte einstweilen davon abgesehen, andere Blumen
zum Verkauf zu ziehen; denn erstens wollte sie nicht zu viel auf einmal
beginnen, und zweitens hatte ihr der Blumenhändler keine sehr verlockenden
Preise in Aussicht gestellt.
Als Ende Juni die Fremdensaison allmählich in Gang kam, konnte endlich der
Versand der Gemüse beginnen, und bald gingen auch die ersten Kistchen mit
abgeschnittenen Nelken nach F. ab.
Es ist natürlich, daß sich das ganze Geschäft nur in sehr kleinem Rahmen
bewegte; waren es ja nur zwei Kunden, an welche Liese ihre Produkte
lieferte, nämlich der Hotelbesitzer, welcher voriges Jahr die erste
Aufmunterung zum Gemüseversand gegeben, und der Blumenhändler, welchem der
deutsche Kurgast Liese empfohlen hatte. Aber selbst diesen beiden konnte
nicht genug geliefert werden. Die Art und Weise, wie sich der Versand
vollzog war sehr einfach. Liese machte wöchentlich zwei Sendungen, bald
größere, bald kleinere, je nachdem, was sie gerade abzugeben hatte. Sie
brauchte also nicht auf Bestellungen zu warten, weil ihre Abnehmer alles
verwenden konnten, sobald es nur schöne, vollwertige Ware war. Daran ließ
es nun Liese freilich nicht fehlen; denn sie handelte nach dem Grundsatz,
für ihre Kundschaft sei das Beste gerade gut genug. Für alles, was nicht
von erster Qualität war, hatte sie im eigenen Haushalt ja gute Verwendung,
und sie kam schon deswegen nicht in Versuchung, ihr Absatzgebiet durch
unreelle Lieferung zu verscherzen.
Gerade der gewissenhaften und pünktlichen Bedienung war es zuzuschreiben,
daß Liese für ihre Produkte einen schönen Preis erzielte. Trotz des
verhältnismäßig kleinen Quantums, das sie absetzen konnte, hatte sie doch
bis zum Herbst eine ganz hübsche Einnahme erzielt -- die Nelkenblumen
allein brachten ihr einen Erlös von über hundert Franken.
Nun lachte auch niemand mehr in D. über Lieses Liebhaberei für den
Gartenbau; alles mußte vielmehr lobend anerkennen, daß sie es verstanden
hatte, nicht nur notwendige Lebensmittel für den eigenen Haushalt zu
pflanzen und mit ihren Blumen ihr Heim zu verschönern, sondern Gemüse- und
Blumenzucht auch zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten.
Weil man Liese fast nie anders sah als im Garten oder mit ihren Blumen
beschäftigt, so nannte man sie jetzt nur die »Blumenliese«, und diesen
Namen behielt sie fortan, weshalb auch wir sie nur noch so nennen wollen.
Hatten schon im vorigen Sommer einige Frauen den Wunsch gehegt, gleich wie
die Blumenliese ein Gärtchen zu haben, so nahmen jetzt solche Wünsche eine
bestimmtere Gestalt an. Man hoffte jetzt eher auf die Einwilligung der
Männer, wo man ihnen nun doch schlagend beweisen konnte, daß ein Garten
nicht einfach als ein Luxus zu bezeichnen sei, wie man bisher angenommen
habe. Einige der Männer kamen denn wirklich auch den Frauen schon auf
halbem Wege entgegen; denn auch sie waren hingerissen von den Erfolgen der
Blumenliese.
Wenn die Anlage von verschiedenen Gärten nicht sofort an die Hand genommen
wurde, so hatte das seinen Grund nur darin, daß niemand etwas von der Sache
verstand. Man bestürmte deshalb die Blumenliese von allen Seiten mit den
verschiedensten Fragen und Auskunftsbegehren. Diese freute sich natürlich,
daß es ihr so schnell gelungen, die Leute für den Gartenbau zu begeistern,
und ließ es an gutem Rat nie fehlen, wo solcher verlangt wurde. Indessen
sah sie ein und äußerte sich gelegentlich darüber, daß es gewiß nicht gut
werde, wenn jetzt alles über Hals und Kopf planlos sich auf den Gartenbau
stürze, in der Meinung, damit in einigen Jahren reich zu werden; man sollte
sich doch vorerst die allernötigsten Kenntnisse verschaffen und erst auf
Grund derselben zielbewußt vorgehen.
Der Pfarrer war auch der gleichen Ansicht; er dachte, es müsse etwas
geschehen, um einerseits die gegenwärtige Begeisterung nicht unbenützt
vorübergehen zu lassen, anderseits aber die Leute vor einem Mißerfolg zu
bewahren. Er beriet sich zu diesem Zweck mit einem der Lehrer, von dem er
wußte, daß er ebenfalls ein Gartenfreund sei, und dieser meinte, es wäre am
besten, in D. einen Gemüsebaukurs abhalten zu lassen, an welchem dann die
Leute Gelegenheit hätten, sich über die verschiedenen Fragen klar zu werden
und sich grundlegende Kenntnisse zu erwerben, auf denen sie dann ihre
Praxis aufzubauen imstande wären. Er selbst wolle sich der Sache annehmen,
eine Versammlung im Schulhause einberufen und sehen, was sich dann weiter
tun lasse.
Eine solche Versammlung fand dann auch richtig statt, und es ergab sich,
daß eine genügende Anzahl von Frauen und Töchtern -- sogar einige
Männer hatten sich angemeldet -- bereit waren, an einem Gartenbaukurs
teilzunehmen. Der betreffende Lehrer stellte dann im Namen der Angemeldeten
bei der Regierung das Gesuch um Bewilligung eines solchen Kurses, welchem
Ansuchen auch gerne entsprochen wurde. Damit war die Angelegenheit
einstweilen geregelt und in die richtige Bahn geleitet.
Als im Frühjahr die günstige Zeit herangerückt war, erschien der von der
Regierung bestimmte Kursleiter und begann seine Unterweisungen. Er zeigte
den Teilnehmern nicht nur, wie man einen Garten anlegen solle, wie man den
Boden bearbeite, ihn verbessere und dünge, wie man säen und pflanzen solle,
sondern wies auch auf die eigenartigen Verhältnisse in D. hin, Belehrungen
anknüpfend, wie man dieselben am geeignetsten ausnützen könne. Er hob
besonders hervor, daß es in erster Linie gelte, für die eigenen Bedürfnisse
zu sorgen. An den Verkauf könne man erst denken, wenn man durch die Praxis
die notwendige Routine erworben habe, welche erforderlich sei, um
Gemüse erster Qualität zu ziehen; denn nur mit solchen könne der Verkauf
andauernden Erfolg haben. Die Aussichten, daß D. Hauptproduktionsgebiet
von Gemüsen für die benachbarten Kurorte werden könne, seien vorhanden.
Indessen dürfe man nicht meinen, daß es sofort alle der Blumenliese
gleichtun können. Sobald eben mehrere die Sache einander nachmachen, gebe
es Konkurrenz; die Preise werden heruntergetrieben, und in einigen Jahren
finde alles, daß sich in hiesiger Gegend der Gemüsebau nicht rentiere. Der
Gemüsebau zum Verkauf könne, so wie die Verhältnisse liegen, nur dann
ein befriedigendes Resultat zeitigen, wenn der Handel richtig organisiert
werde, d. h. wenn man ihn genossenschaftlich betreibe. Diese Einrichtung
ermögliche es allein, erstens hohe Preise zu erzielen, zweitens
große Quantitäten liefern zu können und drittens auch dem kleinsten
Gartenbesitzer die Möglichkeit zu bieten, sich am Verkaufe zu beteiligen.
Solche und ähnliche Belehrungen waren geeignet, die Teilnehmer für die
Sache zu begeistern. Mit ganz andern Begriffen konnten sie jetzt, als der
Kurs beendigt war, die Anlage ihrer Gärten an die Hand nehmen.
Soweit war nun alles so ziemlich im richtigen Geleise. In den neuen
Gärtchen keimte und grünte es, daß es eine Freude war. Da und dort war
schon der Spinat zum Schneiden groß genug, hie und da sah man schon
ziemlich entwickelte Salatköpfe, und in einem Garten streckten schon die
Erbsen ihre jungen Schötchen aus den abwelkenden Blüten hervor. Bald kam
also der Zeitpunkt, wo man neben Fleisch und Kartoffeln auch etwas
»Grünes« auf den Tisch stellen konnte. Die meisten der glücklichen
Gartenbesitzerinnen sahen mit einiger Sorge diesem Ereignis entgegen; denn
erstens beschlich manche ein banges Gefühl, wenn sie an die Zubereitung der
Gemüse dachte. Andere aber fragten sich: »Was werden wohl die Männer dazu
sagen?« Diese Sorgen waren berechtigt; denn weil Gemüse in den meisten
Haushaltungen in D. etwas neues waren, so hatten die Hausfrauen und Töchter
bis jetzt auch keine Gelegenheit gehabt, sich im Kochen der Gemüse zu üben.
Den Männern aber steckte der Erfolg im Kopfe, den die Blumenliese mit dem
Verkauf ihrer Gemüse erzielte. Als es aber hieß, man müsse vorläufig im
eigenen Haushalt den Genuß der Gemüse einführen, da waren sie unzufrieden,
und gerade die älteren Männer, welche im Sommer daheim geblieben, waren
sehr hartnäckig; denn sie wollten sich in ihren alten Tagen nicht mehr an
das »Grünfutter« gewöhnen, wie sie das Gemüse verächtlich nannten.
Es ging indessen alles viel besser als man meinte. Die Blumenliese mußte
mit ihren Ratschlägen und Rezepten den mangelnden Kenntnissen in der
Kochkunst nachhelfen, und als dann Erbsen, Spinat, Kohlrabi u. s. w.
richtig zubereitet auf dem Tisch erschienen, da probierten aus purer
Neugierde auch die Männer die bisher unbekannten Speisen, fanden sie zuerst
leidlich, dann gut, und hatten bald nichts mehr dagegen einzuwenden, ein
Zeichen, daß sie sich schnell daran gewöhnt hatten.
Indessen konnte schon wider Erwarten in diesem ersten Jahre von mancher der
neugebackenen Gärtnerinnen ziemlich viel verkauft werden. Die Blumenliese
wurde nämlich mit Bestellungen überhäuft und um manchmal einen guten
Auftrag nicht zurückweisen zu müssen, kaufte sie da und dort schöne Gemüse
zusammen und leitete so einen allgemeinen Gemüseexport aus D. ein.
Der Gemüsebau, den die Blumenliese unter so kleinen Verhältnissen begonnen
hatte, nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon im folgenden Jahre wurde
eine Genossenschaft zum Zwecke des Gemüseversandes in größerem Maßstabe
gegründet. Diese Gründung wurde besonders dadurch ermöglicht, daß ein
junger, unternehmender Mann, der schon mehrere Jahre die Stelle eines
Kontrolleurs in einem Hotel versehen hatte und also genaue Kenntnis, von
dem was in einem Hotel gebraucht wird, besaß, die Leitung und den Verkauf
der von den Genossenschaftern erzielten Produkte übernahm. Auch die
Blumenliese trat dieser Vereinigung bei, und so geht denn in D. bis auf
den heutigen Tag der Verkauf sämtlicher Gemüse nur durch eine Hand, nämlich
durch die Genossenschaftsleitung. Es kann sich auch die ärmste Frau, die
nur ein kleines Gärtchen hat, an dem Versand beteiligen; die einzelne
Gartenbesitzerin braucht sich nicht um Absatzgebiete zu kümmern und der
Preis wird nicht durch zu große Konkurrenz herabgedrückt.
Als man den großen Erfolg mit dem Gemüsebau sah, blieb man
selbstverständlich dabei nicht stehen. Einige Frauen versuchten sich mit
Glück in der Nelkenzucht. Ein denkender Bauer dachte, der Obstbau könnte
jedenfalls auch noch viel einträglicher gemacht werden, wenn er etwas
intensiver betrieben würde. Er bezog aus einer landwirtschaftlichen
Bibliothek Bücher, holte sich auch persönlich von Fachleuten Belehrung,
verbesserte seinen Baumbestand durch Neupflanzungen und Umpfropfen und
brachte dann durch rationelle Düngung und gute Pflege seinen Baumgarten zu
so reichen Erträgen, daß ihm viele nachzuahmen begannen.
Jetzt sah man auf einmal ein, daß in D. auf landwirtschaftlichem Gebiet
viel mehr zu machen war, als man früher annahm. Mancher, der vielleicht
schon seit mehreren Jahren gewöhnt war, seinen Verdienst auswärts zu suchen
und noch vor kurzer Zeit gewiß steif und fest behauptet hatte, daß es in D.
einfach unmöglich sei, so viel zu verdienen, um anständig leben zu können,
fing an ernstlich zu erwägen, ob es vielleicht nicht besser sei, zu Hause
zu bleiben und nach irgend einer Richtung hin sich mit der Landwirtschaft
abzugeben.
Weil man jetzt anfing, intensiver zu wirtschaften, den alten Schlendrian
beiseite zu lassen und nach vollständig neuen Gesichtspunkten zu handeln,
so mußten allerlei Verbesserungen die notwendige Folge sein. Die Feldwege
wurden verbessert und neue angelegt, durch Kauf und Austausch suchte man
die Güter zu arrondieren, und der allgemeine Weidgang wurde abgeschafft.
Freilich lief das alles nicht so glatt ab, und gegen manche Neuerung wurde
heftig Opposition gemacht; aber als dann alles glücklich durchgeführt
war, sah man allgemein den Nutzen ein. Man fühlte auch das Bedürfnis
nach Belehrung in den verschiedenen landwirtschaftlichen Fragen. Es wurde
deshalb ein landwirtschaftlicher Lokalverein gegründet, der namentlich
im Winter eine regsame Tätigkeit entwickelte. Vorträge und Kurse über
die verschiedensten Zweige der Landwirtschaft wurden abgehalten und
die Wanderlehrer waren häufige Gäste in D. Zwei Jünglinge besuchten die
landwirtschaftliche Schule. Einer war der jüngere Sohn Martins -- der
ältere war wie sein Vater Zimmermann geworden.
Alle die Veränderungen, die in den letzten Jahren in D. vor sich gegangen
waren, wirkten auch günstig auf die moralischen Verhältnisse ein, und wer
heute durch die Ortschaft wandert, erhält einen ganz andern Eindruck
als früher. Die sauber gehaltenen Gärten, die gesunden, kraftstrotzenden
Obstbäume, die blühenden Topfgewächse geben dem Dorf ein freundlicheres
Ansehen. Die Männer haben die schweren Arbeiten längst den Frauen
abgenommen. Infolgedessen sind sie so beschäftigt, daß sie nicht mehr Zeit
haben, alle Tage ins Wirtshaus zu gehen, und geschieht es hie und da, so
haben sie auch dort besseres zu tun als Karten zu spielen; denn es gibt
öffentliche Angelegenheiten zu besprechen, über wichtige Projekte und
Tagesfragen zu verhandeln etc. Die häuslichen Verhältnisse sind angenehmere
geworden, und der veredelnde Einfluß eines glücklichen Familienverbandes
macht sich immer mehr geltend. Die Auswanderung hat zwar nicht ganz
aufgehört, aber sie beschränkt sich auf das richtige Maß. Dafür hat
sich ein Stand von tüchtigen Professionisten am Orte gebildet, und die
verschiedensten Handwerker aus D. sind auch in den benachbarten Dörfern
geschätzt und geachtet.
Der alte Pfarrer, der noch immer in der Gemeinde amtiert, hat seine
helle Freude an den Veränderungen, die in seiner Pfarrei vorgehen, und
er behauptet steif und fest, daß man das alles nur dem gutem Beispiel der
Müllerschen Familie zu verdanken habe, und namentlich die Blumenliese habe
den deutlichen Beweis geleistet, wie sehr es auch heutzutage noch auf die
Tüchtigkeit einer Frau ankomme. Man dürfe daher nicht außer acht lassen,
die heranwachsenden Mädchen auf ihren zukünftigen Beruf vorzubereiten und
sie vor allem zu guten Hausfrauen und pflichtgetreuen Müttern zu erziehen.
Martin meint zwar, der Pfarrer übertreibe mit seinem Lob, er und seine
Frau hätten sich nicht besonders hervorgetan, sie seien vielmehr stets nur
bestrebt gewesen, dafür zu sorgen, daß sie für ihre Verhältnisse möglichst
zufrieden und sorgenlos haben leben können. Als ihnen das gelungen, haben
es zwar andere nachzumachen gesucht; aber das sei noch lange nicht der
Grund zu dem allgemeinen Umschwung gewesen; dieser sei vielmehr bedingt
worden durch das Unhaltbare der Zustände, die man gehabt habe. Es habe
einsichtige Leute genug gegeben, die Verbesserungen für unabweisbar hielten
und sie auch durchführten.
Sei dem nun wie ihm wolle; Tatsache ist, daß die Bewohner von D. mit
großer Achtung von der Blumenliese sprechen. Sie ist immer noch die gleiche
bescheidene, tüchtige Hausfrau. Auch ihre Liebhaberei für Gartenbau und
Blumenzucht hat sie bewahrt, wenigstens kann man sie häufig im Garten
hantieren sehen, wenn man durch D. geht.
[Illustration]
[Illustration]
Auf dem Lindenbühl.