Der Winter, der diesmal seine strenge Herrschaft auch in D. geltend gemacht
hatte, begann dem Frühling zu weichen. Ein lauer Föhn, im Bunde mit den
kräftigen Strahlen der Märzsonne, hatte die mächtigen Schneemassen schon
ein gutes Stück den Hang hinauf zum Schmelzen gebracht. Die Wiesen ob dem
Dorfe begannen sich mit zartem Grün zu bedecken, in den Baumgärten blühten
die Maßliebchen, und hie und da begann schon eine vorwitzige Primel
ihre gelben Blüten zu entfalten. Die Zeit rückte allgemach heran, wo die
Landwirte wieder ihre Arbeit draußen in Feld und Wiese aufnehmen konnten.
Unsere Liese freute sich, daß auch sie bald wieder hie und da das Haus
verlassen und ihre Gartenarbeit aufnehmen könne. Schon im Herbst hatte
Martin neben dem Haus zwei große, aber altersschwache Birnbäume gefällt
und so einen freien und sehr günstig gelegenen Platz für einen kleinen
Hausgarten gewonnen. Ebenfalls schon vor Anbruch des Winters wurde die
Erde gut umgearbeitet und mit Dünger durchsetzt. Es hatte dann auch Tage
gegeben, an welchen Martin seiner gewohnten Arbeit nicht nachgehen konnte;
da wurde dann Holz vorbereitet für einen Gartenzaun und ein Gartenhäuschen,
welche jetzt beide beinahe vollständig erstellt waren. Liese hatte an
einer Geröllhalde unweit vom Dorfe geeignete Steine entdeckt, die für die
Wegeinfassungen paßten; diese wurden jetzt mit dem Handwagen unter Beihilfe
der Kinder herbeigefahren und den Wegen entlang so aufrecht eingegraben,
daß die Erde nicht in die Wege hinausfallen konnte. Dann holte Elise auch
noch Sand, den der Bergbach hie und da an seinen Ufern ablagerte, um
die Wege etwa fünf Centimeter hoch damit zu bedecken. Die Einteilung des
Gartens war höchst einfach ausgeführt. Rings um den Garten herum,
sowohl dem Zaune, als dem Hause entlang wurde eine Rabatte angelegt, die
80 Centimeter breit war; auf dieser sollten gegen den Zaun hin allerlei
Beerensträucher Platz finden. Die am Hause gelegene Rabatte, welche sehr
geschützt und sonnig gelegen war, wollte Elise im Frühjahr teils
als Anzuchtsbeet für frühe Setzlinge, teils zur zeitigen Aussaat von
Schnittsalat, Kresse, Radieschen u. s. w. benützen. Ein Mittelweg, der von
der hintern Haustüre zum Gartenhäuschen führte, teilte den Garten in zwei
Hälften, während ein anderer, etwas schmälerer, rings herum führte und die
Rabatte von den beiden Quartieren trennte.
Die notwendigen Sämereien hatte Liese schon beizeiten aus einer größeren
Samenhandlung kommen lassen, und als nun die Erde etwas abgetrocknet und
sonst alles vorbereitet war, ging es an das Umgraben und Ausebnen des
Bodens; es wurden Beete abgeteilt und solche Gemüse ausgesät, die von der
Kälte nicht so schnell leiden. Die Kinder mußten bei dieser Arbeit helfen,
und bald lag der Garten in schönster Ordnung da. Die Sicherheit, mit
welcher unserer Liese diese Verrichtungen durch die Hand gingen, ließ
leicht erkennen, daß sie mit den Gartenarbeiten vertraut war. Sie hatte
auch in der Tat schon als kleines Mädchen von der Mutter Anregung zu
allerlei leichten Beschäftigungen im Garten erhalten, und als sie dann
später an einem Gemüsebaukurs teilgenommen hatte, wurde ihr der
Garten sozusagen ganz allein zur Besorgung übertragen. Auch nach ihrer
Verheiratung verfügte sie über einen kleinen Hausgarten, wo sie dann erst
recht nach ihrem eigenen Willen schalten und walten konnte. Ihr Gärtchen
war denn auch immer ein wahres Schmuckstück gewesen; denn sie hatte nicht
nur immer die schönsten Gemüse gehabt, sondern auch ihre Blumenrabatten
hatten manchen der Vorübergehenden gezwungen, stehen zu bleiben und einen
bewundernden Blick über den Zaun zu werfen. Hier in D. hoffte sie nun, noch
bessere Erfolge mit dem Garten zu erzielen; hatte sie ja doch schon bei der
Anlage auf alles ihr Wünschenswerte Rücksicht nehmen können; auch war der
Garten ihr Eigentum und sie brauchte also nicht zu befürchten, denselben
nach einiger Zeit wieder andern Händen übergeben zu müssen.
Freilich wußte Liese wohl, daß nicht alles, was sie aus ihrem Garten zu
machen gedachte, gleich im ersten Jahre möglich war. Sie wollte sich auch
gerne mit manchem gedulden und zufrieden sein, wenn sie es nur soweit
brachte, daß der Garten so viel Gemüse hervorbrachte, als sie für ihre
Familie das ganze Jahr über notwendig hatte.
Martin und seine Familie waren so an den Genuß von Gemüse gewöhnt, daß sie
kaum erwarten konnten, bis die erste Kresse geschnitten werden konnte, und
als Liese an einem Sonntag die ersten Radieschen auf den Tisch brachte, da
gab es besonders bei den Kindern großen Jubel.
Der neue Garten und besonders das Gartenhäuschen beim Müllerschen Hause
hatte in D. wieder viel zu reden gegeben. Daß sich der Pfarrer mit solchen
Sachen abgab, das war weiter nicht aufgefallen. Immer konnte er doch nicht
innerhalb seiner vier Wände sitzen, und wenn er also zum Zeitvertreib sich
im Garten beschäftigte, so konnte man ihm diese Liebhaberei wohl verzeihen.
Er müsse ja auch nicht streng arbeiten -- hieß es -- und da schade es ihm
nichts, wenn er zur Abwechslung von seinem Grünzeug esse. Spare er damit
etwas an seiner Lebenshaltung, so sei das für alle gut, weil es ihm dann
viel weniger in den Sinn komme, auf eine Gehaltserhöhung bei der Gemeinde
zu dringen.
Mit ganz andern Augen verfolgte man hingegen die Bestrebungen von Martin
und Liese. Daß ein einfacher Zimmermann, von dem man wußte, daß er nicht
reich war, sich den Luxus erlaubte, einen Garten anzulegen und sogar eine
Laube zu erstellen, das konnte niemand recht begreifen. Man glaubte in D.
allgemein, daß Martin weit über seine Mittel hinausgehe. Wenn er bis jetzt
auch einen guten Verdienst gehabt habe und Anzeichen vorhanden seien,
daß derselbe nicht so bald nachlasse, so dürfe er doch nicht gleich daran
denken, es den Herrenleuten nachmachen zu wollen und alles aufs feinste
einzurichten.
»Wenn das sein Vater selig wüßte, wie jetzt mit dem ererbten Heimwesen
umgegangen wird!« meinte einer. »Was war doch der Weibelhannes für ein
einfacher Mann! Nie hat er einen Rappen umsonst ausgegeben, und kaum hat
nun der Martin sich ins warme Nest gesetzt, so ist ihm auch nichts mehr gut
genug; er tut gerade, als wenn er in der Fremde Wunder was verdient oder
erheiratet hätte, während man doch gesehen hat, daß es mitunter auch recht
alter Plunder war, den er mitbrachte, so daß er recht froh sein konnte, daß
der größte Teil der Möbel vom Vater auch noch da war.«
»Ich wette,« meinte ein anderer, »daß Martin auch anders wäre, wenn ihm die
Unterländerliese nicht ganz den Kopf verdreht hätte. Sie will jetzt einmal
ihren Garten haben und dabei bleibt's! Aber, was gilt's, dem Martin werden
schon die Augen aufgehen, wenn ihm erst einmal all das Kraut aufgetischt
wird, das die Liese in ihrem Garten großzieht! Grünfutter ist gut fürs
liebe Vieh; aber um die Arbeit eines Zimmermanns verrichten zu können, muß
einer etwas anderes als Salat und Spinat im Magen haben.«
Wie es immer in der Welt zu gehen pflegt, daß man das Alte ob dem Neuen
vergißt, so ging es auch hier. Als die Gartenangelegenheit und die
vermeintliche Verschwendungssucht Martins genügend breitgeschlagen und
durchgeklatscht war, begann man sich allmählich zu beruhigen. Die Arbeiten
in Feld und Wiese wurden auch immer dringender, und bald ging jedermann an
dem neuen Zaune vorüber, ohne etwas besonderes zu denken, ja einige Frauen
begannen sich schon hie und da für die so regelmäßig aufgehenden Saaten zu
interessieren.
Bald rückte wieder die Zeit des allgemeinen Auszuges heran; der größte
Teil der jungen Männer, der Jünglinge und erwachsenen Töchter traten ihre
gewohnten Saisonstellen an, und es wurde sehr ruhig in D.
Martin hatte für zwei Neubauten die Zimmerarbeit übernommen, und es fehlte
ihm deshalb nicht an Beschäftigung. Neben den Hausarbeiten besorgte Liese
die zwei kleinen Aecker, die sie mit Kartoffeln bepflanzt hatte, oder sie
hatte im Garten irgend eine Verrichtung; war sie aber mit allem fertig, so
saß sie in der Laube bei irgend einer Näharbeit. Die Kinder, welche jetzt
im Sommer nicht mehr den ganzen Tag in der Schule zubringen mußten, halfen,
wo sie konnten, nach Kräften mit. Die beiden Knaben zogen wohl auch mit
einem leichten Wagen auf die Landstraße hinaus, um Mist zu sammeln, der
dann an geeigneter Stelle zusammen mit allerlei Abfällen auf einen Haufen
geschüttet wurde und Kompost für den Garten liefern sollte. Das gab
den Leuten wieder frischen Stoff zu allerlei Gerede, und männiglich
bemitleidete die »armen Buben«, welche stets barfüßig waren, und wie
es schien, mit dem größten Vergnügen dem Geschäfte des Düngersammelns
nachgingen. In D. war es nie der Brauch gewesen, barfuß zu gehen, und
selbst die kleinen Kinder trugen auch im Hochsommer Schuhe und Strümpfe;
deshalb fiel es auf, daß Liese ihre Kinder barfuß laufen ließ, und gleich
hieß es: »Da sieht man es. Zu Hause ein solcher Luxus, und dabei haben die
Kinder nicht einmal Schuhe, und sogar Mist müssen sie zusammenlesen. Es ist
also bei Müllers doch nicht alles Gold, was glänzt, sonst müßten sie nicht
am Notwendigsten sparen.«
Elise, der wohl hie und da von solchen abfälligen Redensarten etwas zu
Ohren kam, kehrte sich nicht im mindesten daran. Sie merkte es an den roten
Backen der Kinder, daß ihnen das Barfußgehen nicht schade. Mit Freuden sah
sie auch ihren Komposthaufen zu immer größeren Dimensionen anwachsen. Sie
betrachtete ihn als eine Sparbüchse, gespeist mit Kapitalien, die sonst
nutzlos auf der Straße zugrunde gehen würden.
Die Gemüse in Lieses Garten standen prachtvoll, und als erst die
verschiedenen Sommerblumen auf den Rabatten zu blühen begannen, da dachten
sogar einige der Nachbarinnen, daß so ein Gärtchen doch unter Umständen
eine angenehme Sache sei. Die eine oder andere der Frauen blieb hie und
da am Zaune stehen, wenn Elise im Garten arbeitete, und hatte bald dieses,
bald jenes zu fragen. Besonders suchten sie in Erfahrung zu bringen,
wie dem Martin die Gemüsekost munde, und erstaunten nicht wenig, als sie
hörten, daß er sich ja längst daran gewöhnt habe, und ohne Gemüse gar nicht
mehr sein könnte. Freilich, erklärte ihnen Elise, müssen alle Gemüse auch
gut und schmackhaft zubereitet werden, das sei gerade so notwendig als die
richtige Kultur im Garten selbst. Sie rief auch manchmal diese oder jene
der Frauen in die Küche, machte sie mit der Art und Weise des Kochens der
Gartengewächse bekannt oder ließ sie die fertigen Gerichte probieren. Sie
zeigte ihnen auch, wie sie Gemüse in Gläser einmache, um auch Vorräte für
den Winter zu haben. Bald sahen denn auch die Nachbarinnen die Gartenkunst
Elisens mit ganz andern Augen an, und manche begann, sich auch einen
kleinen Garten zu wünschen.
Indessen waren es nicht nur Lieses Nachbarinnen, welche der Sache Interesse
abgewannen, sondern auch in weiteren Kreisen wurde man auf das schmucke
Gärtchen und seine Produkte aufmerksam.
Als einst ein Hotelbesitzer aus dem benachbarten Kurort F. mit seinem Wagen
durch D. fuhr und in der Post einkehrte, bewunderte er die gut entwickelten
Gemüse in dem Müllerschen Hausgarten und fragte gleich bei Elise an, ob sie
nicht gewillt sei, ihm von ihren Gartenerzeugnissen etwas zu verkaufen;
er sei bereit, gute Preise zu bezahlen, da es stets an frischen Gemüsen
mangle. Er sehe sich genötigt, seinen ganzen Bedarf kommen zu lassen, und
müsse da oft mit ganz minderwertiger Ware vorlieb nehmen. Sie bedeutete
ihm, daß sie leider zum Verkauf nicht eingerichtet sei; daß sie aber ein
anderes Jahr leicht auf einem Acker Gemüse bauen könne, und wenn er ihr
Aussichten auf Absatz eröffne, so werde sie das auch ausführen. Der Herr
war damit ganz einverstanden, und nachdem ihn Liese noch mit einem hübschen
Blumenstrauße beschenkt hatte, fuhr er von dannen.
Es braucht wohl nicht besonders bemerkt zu werden, daß Elise ob den andern
Arbeiten ihre Topfpflanzen nicht vergaß. Als sie im Frühjahr einmal in der
Stadt war, hatte sie beim Gärtner noch einige junge Pflanzen von leicht zu
kultivierenden Arten gekauft; diese gediehen jetzt prächtig und blühten
zum Teil schon. Der Pfarrer hatte ihr einige Ableger von jenen großblumigen
Nelken geschenkt, die man im Kanton Graubünden in einigen Talschaften
in oft prachtvollen Exemplaren bewundern kann. Diese bildeten nun ihren
besondern Stolz, da sie schon im Unterland von diesen Riesennelken gehört,
nie aber welche gesehen hatte. Elise besaß schon vorher einige hübsche,
wenn auch kleinblumige Topfnelkenarten, und so konnte sie jetzt zwei
Fenster gegen die Straße, wo die Sonne nicht so heiß hinbrannte, mit
ihren Nelkenstöcken dekorieren. Diese Nelken bildeten nun einen besonderen
Gegenstand ihrer Pflege; denn sie hatte von jeher eine große Liebhaberei
für diese Blumen gehabt. Als dann aber die Blütezeit herannahte, sah sie
sich auch reichlich für alle Mühe entschädigt. Die Pflanzen waren in Laub
und Blüte wunderbar gut entwickelt, und weit herum waren keine solchen
Nelken zu sehen.
Da geschah es eines Tages, daß eine reiche Familie aus Deutschland nach D.
kam. Sie wollte nach F. reisen, es war aber unterwegs etwas an dem Wagen
gebrochen, und somit gab es hier einen unfreiwilligen Aufenthalt, bis
der Schaden wieder gut gemacht war. Nachdem die Fremden im Gasthaus eine
Erfrischung genommen hatten, machten sie einen Spaziergang durch das Dorf
und entdeckten dabei gar bald Elisens Nelkenstöcke. Ganz verwundert blieben
sie unter den Fenstern stehen; denn solche Nelken hatten sie noch nie
gesehen. Die junge Frau äußerte denn auch sofort den Wunsch, eine solche
Pflanze zu kaufen, um sie mit nach Deutschland zu nehmen.
Elise war gerade in der Küche mit Konservieren von Gemüse beschäftigt und
erstaunte nicht wenig, als die Herrschaft bei ihr eintrat; fast noch mehr
erstaunt aber war sie, als sie hörte, daß sie einen ihrer Nelkenstöcke
verkaufen sollte. Ganz unumwunden erklärte sie denn auch, daß sie diese
Nelken nicht zum Verkaufen, sondern aus eigener Liebhaberei gezogen habe.
Das half indessen nicht viel, der Herr, welcher den Wunsch seiner Frau zu
dem seinigen gemacht hatte, fuhr fort zu bitten; er versprach, gerne jeden
verlangten Preis zu bezahlen und offerierte, als Liese noch zögerte, 15 Fr.
für eine der großblumigen Pflanzen. Als Elise diesen Preis nennen hörte,
meinte sie doch, es wäre eine Sünde, eine solche Einnahme von der Hand zu
weisen. Sie willigte also in den Handel ein und erlaubte der Dame, unter
sämtlichen Pflanzen diejenige auszuwählen, welche ihr am besten gefalle. So
war denn die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt, und während der
Nelkenstock verpackt wurde, ermunterte die fremde Dame Elise, nur möglichst
viele solcher Nelkenpflanzen zu ziehen, an Absatz werde es ihr gewiß
nicht fehlen. Der Herr war der gleichen Meinung und versprach, einen ihm
bekannten Blumenhändler in F. auf diese prachtvollen Blumen aufmerksam zu
machen. Es sei ja gar nicht ausgeschlossen, daß dieser dann auch allerlei
andere Blumen in D. ziehen lasse, sobald sich Elise nur entschließen könne,
einen solchen Auftrag zu übernehmen. Diese dankte ihren Gönnern für das
bewiesene Wohlwollen und versprach, die Sache überlegen zu wollen; es sei
ihr selbst auch schon durch den Sinn gefahren, ob sie vielleicht nicht
imstande wäre, mit Gemüse- und Blumenzucht ein hübsches Stück Geld zu
verdienen. Sie erzählte dann von dem Besuch des fremden Hotelbesitzers und
wie sie darauf den Vorsatz gefaßt habe, nächstes Frühjahr mit der Zucht von
Gemüsen zum Verkauf beginnen zu wollen. Nun ihr auch Aussicht gemacht
sei, Blumen und namentlich Nelken gut verkaufen zu können, so würde es
vielleicht nicht schaden, auch damit einen Versuch zu wagen. Nachdem die
Fremden versprochen hatten, Elise im nächsten Sommer wieder zu besuchen,
nahmen sie Abschied, und der kleine Hans trug ihnen den gekauften
Nelkenstock noch bis zum Wagen.
Martin war nicht recht einverstanden, als Elise ihm ihren Plan mitteilte,
im kommenden Jahr einen kleinen Gemüseversand einrichten zu wollen. Er
meinte, das verursache im Verhältnis zur Einnahme viel zu viel Arbeit,
und es sei ja nicht notwendig, daß sich Liese über Gebühr anstrenge wegen
einigen Franken, die vielleicht damit zu verdienen seien. Im Geheimen
mochte er wohl Angst haben, daß Elise die Hausgeschäfte vernachlässige,
wenn die vermehrte Gartenarbeit auf sie einstürme, und denken, daß es dann
um die Gemütlichkeit in seinem Hause geschehen sei. Sobald deshalb Elise
auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, gab er ausweichende Antworten und
suchte das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.
Als ihm nun aber Elise die 15 Fr. für die Topfnelke aufzählte, da meinte
er nun doch: »Ja, wenn solche Preise die Regel wären, würde ich Dir selbst
raten, die Sache in etwas größerem Maßstabe zu probieren. Ueberhaupt
glaube ich, daß bei der Blumenzucht mehr herausschauen dürfte, als beim
Gemüsebau.« »Aber schau Martin,« entgegnete Elise, »ich kann ganz gut
das eine tun und das andere nicht lassen. Manche Flickerei und andere
Handarbeiten kann ich ganz gut auf den Winter versparen. Dann mußt Du
bedenken, daß die Kinder größer werden und manches zu helfen imstande sind.
Auch wirst Du verstehen, daß ich mich mit keinem Gedanken mit der ganzen
Angelegenheit befassen würde, wenn ich denken müßte, deswegen auch nur das
Kleinste der notwendigen Hausgeschäfte vernachlässigen zu müssen.« So ward
denn der Widerstand Martins gebrochen, und es wurde endgültig der Beschluß
gefaßt, nächstes Jahr regelrechten Gartenbau zu treiben und den Verkauf der
erzielten Produkte an die Hand zu nehmen.