II.

Im Müllerschen Hause war alles in reger Tätigkeit, besonders Frau Elise tat

sich in ihrer Eigenschaft als Hausfrau tüchtig hervor. Mit sicherem Blick

ordnete sie das Plazieren der verschiedenen Möbelstücke so an, daß jedes

Stück gleich an den richtigen Platz kam und nicht nachher alles wieder

von einem Zimmer ins andere gebracht werden mußte. Noch bei vollständiger

Tageshelle war alles unter Dach gebracht und die schwerste Arbeit getan.

Begreiflicherweise herrschte im ganzen Hause noch eine große Unordnung, und

bis Kisten und Körbe ausgepackt und jede Kleinigkeit ihren Platz gefunden,

waren noch einige Tage erforderlich.

Elise ließ es sich nun vor allem angelegen sein, die Küche so in den Stand

zu stellen, daß es ihr möglich war, selbst zu kochen und sie nicht mehr

nötig hatte, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schon beim Einpacken hatte

sie auf diesen Umstand Bedacht genommen und alles so eingerichtet, daß

die verschiedenen Gegenstände leicht gefunden und sofort benützt werden

konnten. Die kleine Marie ging der Mutter fleißig an die Hand, und bald

stand auf dem Tisch eine kräftige Mahlzeit, der dann auch -- zum erstenmal

im neuen Heim -- von allen Seiten tüchtig zugesprochen wurde. Als dann

auch in den Schlafzimmern alles soweit in Ordnung war, daß man die Betten

benutzen konnte, begab sich die ganze Familie zur Ruhe. »Es tauge nichts,«

meinte Martin, »wenn man sich noch länger abmühe; es gehe dann alles viel

leichter morgen, wenn man die Nacht gut ausgeruht habe. Zudem komme man

doch bei Licht mit solcher Arbeit nicht so recht vom Fleck, das gehe

doppelt so schnell, wenn das Tageslicht einem helfe.«

So ruhig wie am ersten Tage wurde auch an den folgenden gearbeitet, bis

das ganze Haus von oben bis unten in Ordnung war. Als auch die letzte

Verrichtung, das Befestigen der Fenstervorhänge, beendigt war, da

freuten sich Martin und Elise wie die Kinder und fühlten sich froher und

glücklicher in ihrem kleinen Hause, als ein Fürst in seinem Palaste.

Das freundliche Aussehen, das Martins Häuschen nun erhalten hatte, als auch

Elisens Topfpflanzen vor den blitzblanken Fenstern ihren Platz

gefunden hatten, veranlaßte nicht nur manchen Vorübergehenden zu kurzem

Stehenbleiben und Hinaufschauen zu den heruntergrüßenden Blumen, welche

die kurze Zeit, die ihnen der Herbst noch gewährte, durch reiches Blühen

ausnützen zu wollen schienen, sondern erregte auch -- namentlich bei

einigen Nachbarinnen Elisens -- den Wunsch, einmal einen Blick hineinwerfen

zu dürfen in die innere Häuslichkeit der Müllerschen Familie. An Vorwänden

für allerlei Besuche fehlte es nicht, und so sah sich denn Elise --

namentlich wenn Martin in seinen Geschäften abwesend war -- häufig in

Gesellschaft von Bewohnerinnen D's, die ihr bald in dieser, bald in jener

Angelegenheit ihre Aufwartung machten.

Elise ließ sich durch solche Visiten in ihren häuslichen Verrichtungen

gewöhnlich nicht stören, erteilte aber gerne Auskunft, wenn eine solche von

ihr verlangt wurde und sie imstande war, eine solche zu geben. Sie müßte

auch keine Evastochter gewesen sein, wenn sie sich nicht gefreut hätte über

das Lob, das ihr hin und wieder bei solchen Gelegenheiten gespendet wurde.

Elise verdiente aber dieses Lob auch, besonders wegen ihrer Reinlichkeit

und ihrem strengen Ordnungssinn, der sich auch in dem kleinsten Winkel

ihres Hauses bemerkbar machte. In der Küche glänzte und blitzte alles. Auf

einem Gestell, welches mit ausgezacktem Papier belegt war, war das etwas

ungleiche Geschirr so geordnet, daß dieser Mangel kaum bemerkbar war, wie

es Elise überhaupt verstand, ihre im ganzen ja sehr einfache Einrichtung

so herauszuputzen und in ein solches Licht zu stellen, daß alles mehr

vorstellte, als es eigentlich in Wirklichkeit war. Der kleine eiserne Herd

und der Fußboden aus Steinplatten waren stets so sauber, als wenn sie gar

nicht gebraucht würden. So war es in der freundlichen Wohnstube, in den gut

gelüfteten Schlafzimmern und hinauf bis auf den Dachboden.

Den Nachbarinnen gefiel das alles sehr wohl, wenn auch einige meinten, es

sei für gewöhnliche Leute nicht notwendig, daß alles so glänze, daß man

sich drin spiegeln könne; von dem ewigen Putzen, Wischen, Abstauben habe

man nicht gegessen, das müsse man den Herrenleuten überlassen, die hätten

Zeit und Geld für solche unnützen Sachen. Die Elise würde es auch bald

bleiben lassen, wenn sie im Feld und im Stall herum hantieren müßte; aber

die habe es lange gut, sie könne den ganzen Tag in der Stube sitzen, indem

das bißchen Hausarbeit schnell gemacht sei. Das werde aber schon noch

anders kommen, der Martin verrechne sich allweg mit seinem Verdienst; im

Winter könne ein Zimmermann auch nicht jeden Tag etwas verdienen und dann

werde es bei den teuren Zeiten wohl ohne den Nebenverdienst der Frau nicht

ausreichen, um fünf Mäuler zu stopfen. Solche Redensarten bedeuteten aber

nichts anderes, als eine schlechtangebrachte Verdeckung des Neides und der

Unzufriedenheit mit dem eigenen Los.

Manche der Frauen, die mit Elise in Berührung kamen und sie ganz aufrichtig

wegen ihrer musterhaften Ordnung und Reinlichkeit im Hauswesen lobten,

ließen durchblicken, daß sie das gerne auch hätten, aber die Fülle der

landwirtschaftlichen Arbeiten, die auf ihren Schultern ruhe, lasse sie

nicht dazukommen, alles so im Stande zu halten, wie sie es gerne möchten.

Fremde Leute zu halten, das sei viel zu teuer, und außerdem bekomme man

auch gute landwirtschaftliche Arbeiter selbst um hohen Lohn nicht mehr. Die

Männer und zum Teil auch die Töchter seien gezwungen, auswärts Verdienst

zu suchen, weil das »Bauern« nicht mehr so rentiere, um ein gesichertes

Auskommen zu haben. Da müsse man sich halt nach der Decke strecken und die

Verhältnisse nehmen wie sie seien.

Bei Gelegenheit solcher Gespräche hielt dann auch Elise nicht hinter dem

Berg mit ihren Gedanken und machte durchaus kein Hehl daraus, daß ihr die

Verhältnisse in D. gar nicht gefallen. Sie führte dann ihre Heimat als

Beispiel an, indem sie auseinandersetzte, daß man im Unterland auch

Landwirtschaft treibe, daß sie ja selbst die Tochter eines Bauern sei, aber

es falle dort niemanden ein, den Frauen und Töchtern die schwerste Arbeit

sozusagen allein aufzubürden; solche besorgen die Männer schon selbst und

die Frauen seien in erster Linie zur Führung des Hauswesens da, was dann

freilich nicht ausschließe, daß auch sie zu gewissen Zeiten tüchtig in

Feld, Wiese und Weinberg mit Hand anlegen müssen. Daß unter Umständen die

Frauen auch beim Erwerb mithelfen sollen, sei ganz recht, aber man dürfe

nicht vergessen, daß eine tüchtige Hausfrau auch indirekt viel mehr

verdienen könne, als man im allgemeinen annehme. »Rechnet nur aus,« sagte

sie einmal zu zwei Nachbarinnen, mit denen sie über diesen Gegenstand zu

reden kam, »wie viel müßte ich der Schneiderin und dem Schneider geben,

wenn ich die Kleider für mich und die Kinder nicht selbst anfertigen

könnte. Mein Vater hat nicht gesagt, daß ich keine Zeit habe, als ich einen

Zuschneidekurs besuchen wollte; er wußte, daß die Zeit gut angewandt sei.

Schaut, da habe ich gerade meinem Manne ein Paar Pantoffeln gemacht, auch

das habe ich in wenigen Tagen in einem Kurs gelernt. So ist es noch mit

vielen Sachen, und es ist deshalb unrecht zu glauben, daß ich nichts

verdiene, wenn ich nicht gerade Mist führe und Erde schaufle wie ihr

andern. Mein Mann hat mir schon versprechen müssen, einen kleinen Garten

anzulegen und damit hoffe ich dann viele Auslagen zu sparen, indem ich

darin Gemüse ziehe, so daß wir das ganze Jahr genug davon haben. Wir sind

an den Genuß der verschiedenen Gartengemüse gewöhnt und haben sie als

gesunde und billige Nahrungsmittel schätzen gelernt. Selbst das Putzen

und Waschen trägt noch etwas ein. Die Reinlichkeit ist wie nichts anderes

geeignet, den Krankheiten vorzubeugen und Seife und Bürsten sind viel

billiger als die hohen Doktorrechnungen. Durch gute Ordnung nutzen sich

alle Dinge weniger ab, man spart also Geld und hat obendrauf weniger

Arbeit, als wenn alles in Unordnung herumliegt und oft allein mit Suchen

nach Dingen, die irgendwo verlegt sind, sehr viel Zeit verloren geht. Das

einzige was mir vielleicht nichts einbringt, sind meine Blumen; aber ein

Vergnügen muß der Mensch doch auch haben. Die Pflege meiner Topfpflanzen

gewährt mir Erholung von meiner Arbeit, und weil diese Freude sehr wenig

kostet, so mag man mir dieselbe wohl gönnen.«

Diese und ähnliche Auseinandersetzungen von seite Elisens waren geeignet,

die Frauen von D. zu überzeugen, daß bei ihnen manches anders sein könnte,

als es war, und sie begannen die »Unterländerliese« -- wie man unsere Elise

in D. kurzweg nannte -- zu beneiden. Es war deshalb kein Wunder, daß man

immer mehr von ihr sprach. Freilich hatte das keine weitere Aenderung zur

Folge, als daß die Unzufriedenheit bei den Frauen wuchs und die Männer

infolgedessen manchen Vorwurf zu hören bekamen über die ungerechten

Zumutungen der Männer. Diese waren deshalb nicht gut auf Elise zu sprechen

und meinten, sie wäre besser im Unterland geblieben, als da herauf zu

kommen und ihren Weibern die Köpfe zu verdrehen. Die Frauen glaubten

zuletzt selbst, daß an der Sachlage nichts zu ändern sei; sie stellten,

teils um des lieben Friedens willen, teils weil ihre Neugierde über die

häuslichen Verhältnisse Elisens befriedigt war, den Verkehr mit ihr nach

und nach ein, und alles blieb vorerst beim alten.

Elise ihrerseits hielt das Verhalten ihrer Nachbarinnen für Hochmut. Sie

hatte sich schon von Anfang an nicht aufgedrungen und wollte das auch

ferner nicht tun, obwohl sie sich eine Zeitlang in dem Gedanken gefallen

hatte, etwas beitragen zu können zur Verbesserung des harten Loses vieler

Frauen von D.

Die einzige Person, welche die Bestrebungen der Unterländerliese nicht

verkannte, sie vielmehr zu unterstützen trachtete, war der Pfarrer. Er war

in der Gegend aufgewachsen und kannte die Verhältnisse genau. Die sozialen

Uebelstände, die nach und nach in der Talschaft eingerissen, hatte er mit

schwerem Herzen bemerkt, war aber unfähig, ihnen zu steuern, da es ihm an

tatkräftiger Hilfe mangelte. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als er

das schöne Familienleben im Müllerschen Hause bemerkte, und er sagte sich

gleich, daß ein solches Beispiel nicht ohne wohltätigen Einfluß bleiben

könne. Als ihm Elise nun klagte, wie alle Nachbarinnen sich voll Hochmut

von ihr abgewandt und ihre guten Absichten mißdeutet haben, da lächelte

er nur und meinte, das werde schon wieder anders werden. Ein wenig sei sie

vielleicht auch selbst schuld, weil sie den hier herrschenden Verhältnissen

zu wenig Rechnung getragen habe. Es gehe nicht an, die hiesigen Frauen auf

einmal zu Unterländerinnen umformen zu wollen. Um Besserung erzielen zu

können, müsse man die Ursachen kennen, aus welchen die ungünstigen Zustände

entsprungen seien. Indem man dann durch gutes Beispiel zeige, daß diesen

mit Erfolg entgegengetreten werden könne, werde man Frauen und Männer für

durchgreifende Reformen gewinnen. Er möchte ihr den Rat geben, mit

allen Leuten freundlich zu sein, ihren Nachbarinnen gegenüber nicht als

Besserwisserin und Lehrmeisterin aufzutreten, und namentlich das Unterland

als Beispiel ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Verhältnisse seien dort zu

verschieden im Vergleich zu den hiesigen. Die Landwirtschaft leide

unter der großen Güterzerstückelung, dem allgemeinen Weidgang und andern

ungünstigen Einflüssen, von denen man im Unterland nichts wisse derart,

daß es nur zu natürlich sei, wenn andere sich bietende Erwerbsquellen

bereitwillig ausgebeutet werden. Die landwirtschaftliche Lage sei zwar

nicht derart, daß keine Besserung mehr zu hoffen sei, im Gegenteil, es

zeige sich schon Tendenz zu einer solchen; aber es brauche Zeit und Geduld

und Männer, die sich mit ganzer Kraft der Sache widmen. Vor allen Dingen

gelte es, die Leute so gut als möglich an die Heimat zu fesseln, und das

geschehe am besten durch die Bande der Familie. Hier müsse man vor allen

Dingen veredelnd eingreifen, und hier rechne er auch am meisten auf Elisens

Hilfe.

Martin hatte vollauf zu tun. Große Unternehmungen waren es vorderhand

freilich nicht, mit denen er sich beschäftigte; denn es waren meist nur

kleinere Reparaturen, mit denen man ihn betraute, und die man vielfach

aufgeschoben hatte, um sie von Martin ausführen zu lassen, weil in D.

vorher kein Zimmermann ansässig war. Es waren das alles Arbeiten, die

kein großes Betriebskapital erforderten und doch einen sichern Verdienst

abwarfen. Das war ganz im Sinne Martins; denn er wollte nur nach und nach

sein Geschäft vergrößern.

Zufrieden und vergnügt ging er seiner Arbeit nach. Die Sonntage und die nun

immer länger werdenden Abende verbrachte er in seiner Familie. Schon hie

und da hatten alte Freunde versucht, ihn in diese oder jene Gesellschaft

hineinzuziehen, ihn zu einem Kegelabend einzuladen, zu einem gemütlichen

Jaß aufzufordern oder sonst, eine Gelegenheit vorschützend, ihn ins

Wirtshaus zu ziehen; freundlich aber entschieden lehnte er jedesmal ab.

Viele sahen in ihm deshalb einen erbärmlichen Pantoffelhelden, der nach der

Pfeife seiner Frau tanzen müsse. Weil sie keinen Sinn hatten für das Glück

einer stillen Häuslichkeit und eines durch nichts getrübten Familienlebens,

hielten sie die Anhänglichkeit Martins an seine Familie für eine nicht

ganz freiwillige, und während ihn einige bemitleideten, meinten andere, es

geschehe ihm ganz recht; warum habe er diese Unterländerin geheiratet,

er hätte eine aus der Talschaft nehmen können, dann hätte er nicht nötig

gehabt, innerhalb seiner vier Wände Trübsal blasen zu müssen.

Martin, dem natürlich solches Gerede auch zu Ohren kam, lächelte nur

darüber; ihm war es gleichgültig, was andere Leute in dieser Beziehung

über ihn dachten. Nur als es einmal einer wagte, sich ihm gegenüber direkt

mißbilligend über Elise zu äußern, indem er sagte: »Es schaut gewiß nichts

dabei heraus, wenn in einer Familie, die nicht reich ist, die Frau nichts

als putzt und wascht, sich und die Kinder stets in frische Kleider steckt,

die doch schnell wieder schmutzig werden. Das ist gut für Herrenleute, die

Geld genug haben, aber für einen gewöhnlichen Handwerker oder Bauer paßt

das nicht; ich wenigstens möchte es mit so einer Frau nicht machen; ich

wüßte nicht, wo Geld genug auftreiben, wenn mein Weib, statt auf dem Feld

und im Stall zu arbeiten, nur immer ans Kochen, Putzen und Waschen denken

würde, wie es die Liese tut.« Da konnte er sich denn nicht enthalten, dem

Manne ziemlich aufgebracht zu erwidern.

»Du denkst wahrscheinlich nicht daran,« hub Martin seine Entgegnung an,

»daß Du da meiner Liese die größte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr

z. B. sehr dankbar, daß sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hält; ist es

doch mein Stolz, daß sie so gut geraten; nichts trägt mehr zum Verderbnis

von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es

mit dem Schmutz auf den Böden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den

Geräten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken

liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe

ein fröhliches Gesicht schauen sehen. Daß mein Weib vollends keine Lumpen

aufkommen läßt, däucht mir gerade das schönste an ihr; denn ich weiß nicht,

ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige

Menschen; eines aber ist gewiß, daß sie stets bei einander sind. Deine

Kathrine ist eine fleißige und brave Frau, der man gewiß nichts nachsagen

kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen

in aller Frühe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, während Du

gemütlich drüben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst

Du? Wie viel Seife und Bürsten ließen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du

abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das würde noch so weit

reichen, daß Du Dir eine Häuslichkeit schaffen könntest, in der es Dir weit

besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen würde. Schau! wenn ich an den

Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus

den Händen. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so

doch kräftiges und schmackhaftes Essen. Während mir mein kleiner Hans die

Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon

parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlüfteten

und erwärmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mühen

ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, daß sie es

versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den

Vergleich aushalten kann.«

Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu

entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich

denkend, daß der Zimmermann eigentlich recht habe, und daß es einen Versuch

wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen,

sondern sie auch zu befolgen.

Mit den Arbeiten, die Martin ausführte, war man allgemein zufrieden. Es

konnte eben leicht wahrgenommen werden, daß er wußte, als Handwerker nicht

nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern daß ihm auch die Pflicht

zukam, etwas vollwertiges dafür zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch

aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und

Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Aufträgen überhäuft,

trotzdem er einen höheren Lohn verlangte, als mancher der andern

Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen müssen.

Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken ließ, so waren

diejenigen, welche einen Auftrag für ihn hatten oder in irgend einer

Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, genötigt, ihn zu Hause

aufzusuchen. So kam es nun immer mehr vor, daß am Abend oder an Sonntagen

Leute im Müllerschen Hause vorsprachen. Merkwürdig war es dabei, zu

beobachten, wie mancher, der nur das Geschäftliche schnell abtun wollte,

um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Türklinke

aus der Hand ließ, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen

konnte und dann oft für mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das

bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Häuslichkeit Martins ausging,

das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gespräche

Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzählen wußte.

Es läßt sich leicht begreifen, daß da mancher sozusagen gezwungen

wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen

Verhältnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in

seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen,

wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen

Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten können, in Martins Stube zu

sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es

dann vielleicht, daß er das auch in seiner Stube könnte, wenn es dort so

behaglich wäre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu

probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ändern ließe.

Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, daß nach und nach mancher gestrenge

Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwürfe machen wollte,

wenn sie der Unterländerliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl,

künftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, daß es dort eine bessere

Ordnung gebe, dabei aus freien Stücken von der Stallarbeit etwas mehr

übernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen

Jaß machte, statt mit den alten Freunden drüben im Wirtshaus.

So begann sich ganz langsam, ohne daß es eigentlich jemand gewahr wurde,

ein Umschwung in D. anzubahnen, ausgehend von dem Müllerschen Hause, wo

Reinlichkeit und Ordnung waltete, und wo das schönste Familienleben jene

Zufriedenheit schuf, welche Eltern und Kindern aus den Augen leuchtete.

Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben · 第 8 / 12 题