Im Müllerschen Hause war alles in reger Tätigkeit, besonders Frau Elise tat
sich in ihrer Eigenschaft als Hausfrau tüchtig hervor. Mit sicherem Blick
ordnete sie das Plazieren der verschiedenen Möbelstücke so an, daß jedes
Stück gleich an den richtigen Platz kam und nicht nachher alles wieder
von einem Zimmer ins andere gebracht werden mußte. Noch bei vollständiger
Tageshelle war alles unter Dach gebracht und die schwerste Arbeit getan.
Begreiflicherweise herrschte im ganzen Hause noch eine große Unordnung, und
bis Kisten und Körbe ausgepackt und jede Kleinigkeit ihren Platz gefunden,
waren noch einige Tage erforderlich.
Elise ließ es sich nun vor allem angelegen sein, die Küche so in den Stand
zu stellen, daß es ihr möglich war, selbst zu kochen und sie nicht mehr
nötig hatte, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schon beim Einpacken hatte
sie auf diesen Umstand Bedacht genommen und alles so eingerichtet, daß
die verschiedenen Gegenstände leicht gefunden und sofort benützt werden
konnten. Die kleine Marie ging der Mutter fleißig an die Hand, und bald
stand auf dem Tisch eine kräftige Mahlzeit, der dann auch -- zum erstenmal
im neuen Heim -- von allen Seiten tüchtig zugesprochen wurde. Als dann
auch in den Schlafzimmern alles soweit in Ordnung war, daß man die Betten
benutzen konnte, begab sich die ganze Familie zur Ruhe. »Es tauge nichts,«
meinte Martin, »wenn man sich noch länger abmühe; es gehe dann alles viel
leichter morgen, wenn man die Nacht gut ausgeruht habe. Zudem komme man
doch bei Licht mit solcher Arbeit nicht so recht vom Fleck, das gehe
doppelt so schnell, wenn das Tageslicht einem helfe.«
So ruhig wie am ersten Tage wurde auch an den folgenden gearbeitet, bis
das ganze Haus von oben bis unten in Ordnung war. Als auch die letzte
Verrichtung, das Befestigen der Fenstervorhänge, beendigt war, da
freuten sich Martin und Elise wie die Kinder und fühlten sich froher und
glücklicher in ihrem kleinen Hause, als ein Fürst in seinem Palaste.
Das freundliche Aussehen, das Martins Häuschen nun erhalten hatte, als auch
Elisens Topfpflanzen vor den blitzblanken Fenstern ihren Platz
gefunden hatten, veranlaßte nicht nur manchen Vorübergehenden zu kurzem
Stehenbleiben und Hinaufschauen zu den heruntergrüßenden Blumen, welche
die kurze Zeit, die ihnen der Herbst noch gewährte, durch reiches Blühen
ausnützen zu wollen schienen, sondern erregte auch -- namentlich bei
einigen Nachbarinnen Elisens -- den Wunsch, einmal einen Blick hineinwerfen
zu dürfen in die innere Häuslichkeit der Müllerschen Familie. An Vorwänden
für allerlei Besuche fehlte es nicht, und so sah sich denn Elise --
namentlich wenn Martin in seinen Geschäften abwesend war -- häufig in
Gesellschaft von Bewohnerinnen D's, die ihr bald in dieser, bald in jener
Angelegenheit ihre Aufwartung machten.
Elise ließ sich durch solche Visiten in ihren häuslichen Verrichtungen
gewöhnlich nicht stören, erteilte aber gerne Auskunft, wenn eine solche von
ihr verlangt wurde und sie imstande war, eine solche zu geben. Sie müßte
auch keine Evastochter gewesen sein, wenn sie sich nicht gefreut hätte über
das Lob, das ihr hin und wieder bei solchen Gelegenheiten gespendet wurde.
Elise verdiente aber dieses Lob auch, besonders wegen ihrer Reinlichkeit
und ihrem strengen Ordnungssinn, der sich auch in dem kleinsten Winkel
ihres Hauses bemerkbar machte. In der Küche glänzte und blitzte alles. Auf
einem Gestell, welches mit ausgezacktem Papier belegt war, war das etwas
ungleiche Geschirr so geordnet, daß dieser Mangel kaum bemerkbar war, wie
es Elise überhaupt verstand, ihre im ganzen ja sehr einfache Einrichtung
so herauszuputzen und in ein solches Licht zu stellen, daß alles mehr
vorstellte, als es eigentlich in Wirklichkeit war. Der kleine eiserne Herd
und der Fußboden aus Steinplatten waren stets so sauber, als wenn sie gar
nicht gebraucht würden. So war es in der freundlichen Wohnstube, in den gut
gelüfteten Schlafzimmern und hinauf bis auf den Dachboden.
Den Nachbarinnen gefiel das alles sehr wohl, wenn auch einige meinten, es
sei für gewöhnliche Leute nicht notwendig, daß alles so glänze, daß man
sich drin spiegeln könne; von dem ewigen Putzen, Wischen, Abstauben habe
man nicht gegessen, das müsse man den Herrenleuten überlassen, die hätten
Zeit und Geld für solche unnützen Sachen. Die Elise würde es auch bald
bleiben lassen, wenn sie im Feld und im Stall herum hantieren müßte; aber
die habe es lange gut, sie könne den ganzen Tag in der Stube sitzen, indem
das bißchen Hausarbeit schnell gemacht sei. Das werde aber schon noch
anders kommen, der Martin verrechne sich allweg mit seinem Verdienst; im
Winter könne ein Zimmermann auch nicht jeden Tag etwas verdienen und dann
werde es bei den teuren Zeiten wohl ohne den Nebenverdienst der Frau nicht
ausreichen, um fünf Mäuler zu stopfen. Solche Redensarten bedeuteten aber
nichts anderes, als eine schlechtangebrachte Verdeckung des Neides und der
Unzufriedenheit mit dem eigenen Los.
Manche der Frauen, die mit Elise in Berührung kamen und sie ganz aufrichtig
wegen ihrer musterhaften Ordnung und Reinlichkeit im Hauswesen lobten,
ließen durchblicken, daß sie das gerne auch hätten, aber die Fülle der
landwirtschaftlichen Arbeiten, die auf ihren Schultern ruhe, lasse sie
nicht dazukommen, alles so im Stande zu halten, wie sie es gerne möchten.
Fremde Leute zu halten, das sei viel zu teuer, und außerdem bekomme man
auch gute landwirtschaftliche Arbeiter selbst um hohen Lohn nicht mehr. Die
Männer und zum Teil auch die Töchter seien gezwungen, auswärts Verdienst
zu suchen, weil das »Bauern« nicht mehr so rentiere, um ein gesichertes
Auskommen zu haben. Da müsse man sich halt nach der Decke strecken und die
Verhältnisse nehmen wie sie seien.
Bei Gelegenheit solcher Gespräche hielt dann auch Elise nicht hinter dem
Berg mit ihren Gedanken und machte durchaus kein Hehl daraus, daß ihr die
Verhältnisse in D. gar nicht gefallen. Sie führte dann ihre Heimat als
Beispiel an, indem sie auseinandersetzte, daß man im Unterland auch
Landwirtschaft treibe, daß sie ja selbst die Tochter eines Bauern sei, aber
es falle dort niemanden ein, den Frauen und Töchtern die schwerste Arbeit
sozusagen allein aufzubürden; solche besorgen die Männer schon selbst und
die Frauen seien in erster Linie zur Führung des Hauswesens da, was dann
freilich nicht ausschließe, daß auch sie zu gewissen Zeiten tüchtig in
Feld, Wiese und Weinberg mit Hand anlegen müssen. Daß unter Umständen die
Frauen auch beim Erwerb mithelfen sollen, sei ganz recht, aber man dürfe
nicht vergessen, daß eine tüchtige Hausfrau auch indirekt viel mehr
verdienen könne, als man im allgemeinen annehme. »Rechnet nur aus,« sagte
sie einmal zu zwei Nachbarinnen, mit denen sie über diesen Gegenstand zu
reden kam, »wie viel müßte ich der Schneiderin und dem Schneider geben,
wenn ich die Kleider für mich und die Kinder nicht selbst anfertigen
könnte. Mein Vater hat nicht gesagt, daß ich keine Zeit habe, als ich einen
Zuschneidekurs besuchen wollte; er wußte, daß die Zeit gut angewandt sei.
Schaut, da habe ich gerade meinem Manne ein Paar Pantoffeln gemacht, auch
das habe ich in wenigen Tagen in einem Kurs gelernt. So ist es noch mit
vielen Sachen, und es ist deshalb unrecht zu glauben, daß ich nichts
verdiene, wenn ich nicht gerade Mist führe und Erde schaufle wie ihr
andern. Mein Mann hat mir schon versprechen müssen, einen kleinen Garten
anzulegen und damit hoffe ich dann viele Auslagen zu sparen, indem ich
darin Gemüse ziehe, so daß wir das ganze Jahr genug davon haben. Wir sind
an den Genuß der verschiedenen Gartengemüse gewöhnt und haben sie als
gesunde und billige Nahrungsmittel schätzen gelernt. Selbst das Putzen
und Waschen trägt noch etwas ein. Die Reinlichkeit ist wie nichts anderes
geeignet, den Krankheiten vorzubeugen und Seife und Bürsten sind viel
billiger als die hohen Doktorrechnungen. Durch gute Ordnung nutzen sich
alle Dinge weniger ab, man spart also Geld und hat obendrauf weniger
Arbeit, als wenn alles in Unordnung herumliegt und oft allein mit Suchen
nach Dingen, die irgendwo verlegt sind, sehr viel Zeit verloren geht. Das
einzige was mir vielleicht nichts einbringt, sind meine Blumen; aber ein
Vergnügen muß der Mensch doch auch haben. Die Pflege meiner Topfpflanzen
gewährt mir Erholung von meiner Arbeit, und weil diese Freude sehr wenig
kostet, so mag man mir dieselbe wohl gönnen.«
Diese und ähnliche Auseinandersetzungen von seite Elisens waren geeignet,
die Frauen von D. zu überzeugen, daß bei ihnen manches anders sein könnte,
als es war, und sie begannen die »Unterländerliese« -- wie man unsere Elise
in D. kurzweg nannte -- zu beneiden. Es war deshalb kein Wunder, daß man
immer mehr von ihr sprach. Freilich hatte das keine weitere Aenderung zur
Folge, als daß die Unzufriedenheit bei den Frauen wuchs und die Männer
infolgedessen manchen Vorwurf zu hören bekamen über die ungerechten
Zumutungen der Männer. Diese waren deshalb nicht gut auf Elise zu sprechen
und meinten, sie wäre besser im Unterland geblieben, als da herauf zu
kommen und ihren Weibern die Köpfe zu verdrehen. Die Frauen glaubten
zuletzt selbst, daß an der Sachlage nichts zu ändern sei; sie stellten,
teils um des lieben Friedens willen, teils weil ihre Neugierde über die
häuslichen Verhältnisse Elisens befriedigt war, den Verkehr mit ihr nach
und nach ein, und alles blieb vorerst beim alten.
Elise ihrerseits hielt das Verhalten ihrer Nachbarinnen für Hochmut. Sie
hatte sich schon von Anfang an nicht aufgedrungen und wollte das auch
ferner nicht tun, obwohl sie sich eine Zeitlang in dem Gedanken gefallen
hatte, etwas beitragen zu können zur Verbesserung des harten Loses vieler
Frauen von D.
Die einzige Person, welche die Bestrebungen der Unterländerliese nicht
verkannte, sie vielmehr zu unterstützen trachtete, war der Pfarrer. Er war
in der Gegend aufgewachsen und kannte die Verhältnisse genau. Die sozialen
Uebelstände, die nach und nach in der Talschaft eingerissen, hatte er mit
schwerem Herzen bemerkt, war aber unfähig, ihnen zu steuern, da es ihm an
tatkräftiger Hilfe mangelte. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als er
das schöne Familienleben im Müllerschen Hause bemerkte, und er sagte sich
gleich, daß ein solches Beispiel nicht ohne wohltätigen Einfluß bleiben
könne. Als ihm Elise nun klagte, wie alle Nachbarinnen sich voll Hochmut
von ihr abgewandt und ihre guten Absichten mißdeutet haben, da lächelte
er nur und meinte, das werde schon wieder anders werden. Ein wenig sei sie
vielleicht auch selbst schuld, weil sie den hier herrschenden Verhältnissen
zu wenig Rechnung getragen habe. Es gehe nicht an, die hiesigen Frauen auf
einmal zu Unterländerinnen umformen zu wollen. Um Besserung erzielen zu
können, müsse man die Ursachen kennen, aus welchen die ungünstigen Zustände
entsprungen seien. Indem man dann durch gutes Beispiel zeige, daß diesen
mit Erfolg entgegengetreten werden könne, werde man Frauen und Männer für
durchgreifende Reformen gewinnen. Er möchte ihr den Rat geben, mit
allen Leuten freundlich zu sein, ihren Nachbarinnen gegenüber nicht als
Besserwisserin und Lehrmeisterin aufzutreten, und namentlich das Unterland
als Beispiel ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Verhältnisse seien dort zu
verschieden im Vergleich zu den hiesigen. Die Landwirtschaft leide
unter der großen Güterzerstückelung, dem allgemeinen Weidgang und andern
ungünstigen Einflüssen, von denen man im Unterland nichts wisse derart,
daß es nur zu natürlich sei, wenn andere sich bietende Erwerbsquellen
bereitwillig ausgebeutet werden. Die landwirtschaftliche Lage sei zwar
nicht derart, daß keine Besserung mehr zu hoffen sei, im Gegenteil, es
zeige sich schon Tendenz zu einer solchen; aber es brauche Zeit und Geduld
und Männer, die sich mit ganzer Kraft der Sache widmen. Vor allen Dingen
gelte es, die Leute so gut als möglich an die Heimat zu fesseln, und das
geschehe am besten durch die Bande der Familie. Hier müsse man vor allen
Dingen veredelnd eingreifen, und hier rechne er auch am meisten auf Elisens
Hilfe.
Martin hatte vollauf zu tun. Große Unternehmungen waren es vorderhand
freilich nicht, mit denen er sich beschäftigte; denn es waren meist nur
kleinere Reparaturen, mit denen man ihn betraute, und die man vielfach
aufgeschoben hatte, um sie von Martin ausführen zu lassen, weil in D.
vorher kein Zimmermann ansässig war. Es waren das alles Arbeiten, die
kein großes Betriebskapital erforderten und doch einen sichern Verdienst
abwarfen. Das war ganz im Sinne Martins; denn er wollte nur nach und nach
sein Geschäft vergrößern.
Zufrieden und vergnügt ging er seiner Arbeit nach. Die Sonntage und die nun
immer länger werdenden Abende verbrachte er in seiner Familie. Schon hie
und da hatten alte Freunde versucht, ihn in diese oder jene Gesellschaft
hineinzuziehen, ihn zu einem Kegelabend einzuladen, zu einem gemütlichen
Jaß aufzufordern oder sonst, eine Gelegenheit vorschützend, ihn ins
Wirtshaus zu ziehen; freundlich aber entschieden lehnte er jedesmal ab.
Viele sahen in ihm deshalb einen erbärmlichen Pantoffelhelden, der nach der
Pfeife seiner Frau tanzen müsse. Weil sie keinen Sinn hatten für das Glück
einer stillen Häuslichkeit und eines durch nichts getrübten Familienlebens,
hielten sie die Anhänglichkeit Martins an seine Familie für eine nicht
ganz freiwillige, und während ihn einige bemitleideten, meinten andere, es
geschehe ihm ganz recht; warum habe er diese Unterländerin geheiratet,
er hätte eine aus der Talschaft nehmen können, dann hätte er nicht nötig
gehabt, innerhalb seiner vier Wände Trübsal blasen zu müssen.
Martin, dem natürlich solches Gerede auch zu Ohren kam, lächelte nur
darüber; ihm war es gleichgültig, was andere Leute in dieser Beziehung
über ihn dachten. Nur als es einmal einer wagte, sich ihm gegenüber direkt
mißbilligend über Elise zu äußern, indem er sagte: »Es schaut gewiß nichts
dabei heraus, wenn in einer Familie, die nicht reich ist, die Frau nichts
als putzt und wascht, sich und die Kinder stets in frische Kleider steckt,
die doch schnell wieder schmutzig werden. Das ist gut für Herrenleute, die
Geld genug haben, aber für einen gewöhnlichen Handwerker oder Bauer paßt
das nicht; ich wenigstens möchte es mit so einer Frau nicht machen; ich
wüßte nicht, wo Geld genug auftreiben, wenn mein Weib, statt auf dem Feld
und im Stall zu arbeiten, nur immer ans Kochen, Putzen und Waschen denken
würde, wie es die Liese tut.« Da konnte er sich denn nicht enthalten, dem
Manne ziemlich aufgebracht zu erwidern.
»Du denkst wahrscheinlich nicht daran,« hub Martin seine Entgegnung an,
»daß Du da meiner Liese die größte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr
z. B. sehr dankbar, daß sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hält; ist es
doch mein Stolz, daß sie so gut geraten; nichts trägt mehr zum Verderbnis
von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es
mit dem Schmutz auf den Böden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den
Geräten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken
liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe
ein fröhliches Gesicht schauen sehen. Daß mein Weib vollends keine Lumpen
aufkommen läßt, däucht mir gerade das schönste an ihr; denn ich weiß nicht,
ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige
Menschen; eines aber ist gewiß, daß sie stets bei einander sind. Deine
Kathrine ist eine fleißige und brave Frau, der man gewiß nichts nachsagen
kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen
in aller Frühe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, während Du
gemütlich drüben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst
Du? Wie viel Seife und Bürsten ließen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du
abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das würde noch so weit
reichen, daß Du Dir eine Häuslichkeit schaffen könntest, in der es Dir weit
besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen würde. Schau! wenn ich an den
Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus
den Händen. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so
doch kräftiges und schmackhaftes Essen. Während mir mein kleiner Hans die
Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon
parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlüfteten
und erwärmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mühen
ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, daß sie es
versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den
Vergleich aushalten kann.«
Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu
entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich
denkend, daß der Zimmermann eigentlich recht habe, und daß es einen Versuch
wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen,
sondern sie auch zu befolgen.
Mit den Arbeiten, die Martin ausführte, war man allgemein zufrieden. Es
konnte eben leicht wahrgenommen werden, daß er wußte, als Handwerker nicht
nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern daß ihm auch die Pflicht
zukam, etwas vollwertiges dafür zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch
aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und
Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Aufträgen überhäuft,
trotzdem er einen höheren Lohn verlangte, als mancher der andern
Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen müssen.
Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken ließ, so waren
diejenigen, welche einen Auftrag für ihn hatten oder in irgend einer
Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, genötigt, ihn zu Hause
aufzusuchen. So kam es nun immer mehr vor, daß am Abend oder an Sonntagen
Leute im Müllerschen Hause vorsprachen. Merkwürdig war es dabei, zu
beobachten, wie mancher, der nur das Geschäftliche schnell abtun wollte,
um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Türklinke
aus der Hand ließ, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen
konnte und dann oft für mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das
bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Häuslichkeit Martins ausging,
das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gespräche
Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzählen wußte.
Es läßt sich leicht begreifen, daß da mancher sozusagen gezwungen
wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen
Verhältnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in
seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen,
wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen
Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten können, in Martins Stube zu
sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es
dann vielleicht, daß er das auch in seiner Stube könnte, wenn es dort so
behaglich wäre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu
probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ändern ließe.
Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, daß nach und nach mancher gestrenge
Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwürfe machen wollte,
wenn sie der Unterländerliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl,
künftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, daß es dort eine bessere
Ordnung gebe, dabei aus freien Stücken von der Stallarbeit etwas mehr
übernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen
Jaß machte, statt mit den alten Freunden drüben im Wirtshaus.
So begann sich ganz langsam, ohne daß es eigentlich jemand gewahr wurde,
ein Umschwung in D. anzubahnen, ausgehend von dem Müllerschen Hause, wo
Reinlichkeit und Ordnung waltete, und wo das schönste Familienleben jene
Zufriedenheit schuf, welche Eltern und Kindern aus den Augen leuchtete.