I.

Es war an einem jener warmen, sonnenklaren Herbsttage, an welchen man

so recht den eigenartigen Zauber der langsam zum Winterschlafe sich

vorbereitenden Natur herausfühlt, als ein mit allerlei Hausrat beladener

Wagen, von zwei kräftigen Pferden gezogen, sich langsam die in mehreren

Windungen nach dem Bergdorfe D. führende Bergstraße hinaufbewegte.

Den Möbelstücken sah man es an, daß ihr Besitzer nicht gerade ein

reicher Mann sei; indessen deutete auch nichts darauf hin, daß er sich in

Verhältnissen befinde, die ihn zwängen, notwendige Haushaltungsgegenstände

entbehren zu müssen. Der sofort auffallende Unterschied der Mobilien in

Bezug auf Alter, Herstellungsweise und Material, ließ darauf schließen, daß

viele der einzelnen Stücke nach und nach, je nach Gelegenheit und Bedarf

angeschafft wurden. Es war deutlich zu erkennen, daß einige Schränke und

Kommoden schon mehreren Generationen gedient hatten. Wie vorteilhaft nehmen

sich doch diese schweren, harthölzernen, von ihren Erstellern scheinbar

für die Ewigkeit bestimmten Möbel gegen manche Erzeugnisse der heutigen

Möbelfabrikation aus, wo alles für das Auge berechnet ist und beim ersten

rechtschaffenen Putsch aus dem Leim geht.

Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß das hier seinen Wohnsitz

wechselnde Ehepaar oder wenigstens die eine Hälfte davon Liebhabereien für

Blumenzucht hege. Ein ziemlich geräumiger Waschzuber, der zu oberst auf dem

hochgeladenen Fuder tronte, schien ganz mit Topfpflanzen gefüllt zu sein,

wenigstens schauten die Blütendolden verschiedener Geranien wie verwundert

in die Welt hinaus, und die schwellenden Knospen einer Monatrose hingen

nickend über den Rand des Zubers hinunter. Hinten an dem Fuder aufgehängt,

baumelte ein Blumentisch aus einfachem Weidengeflecht und mit Föhrenzapfen

verziert -- wohl von eigener Hand des Besitzers gefertigt.

Der Hausrat gehörte dem aus D. gebürtigen Zimmermann Martin Müller,

der gleich nach beendigter Lehre ins Unterland gezogen war, wo er an

verschiedenen Orten gearbeitet und sich zu einem tüchtigen Arbeiter

ausgebildet hatte. Der lebenslustige, dabei sehr fleißige und sparsame

Zimmergeselle wurde überall, wo er hinkam, gerne gesehen. Als er bei einer

größern Baufirma einen gutbezahlten Palierposten erhielt, verheiratete er

sich mit der Tochter eines Kleinbauern, die freilich keine große Mitgift in

die Ehe brachte, ihren Mann aber wahrhaft liebte und über zwei gesunde Arme

und einen häuslichen Sinn verfügte. Zwölf glückliche Jahre hatten sie

nun schon mit einander verlebt; sie waren zufrieden in ihren einfachen

Verhältnissen und dankten Gott, daß er sie bis jetzt vor herben Prüfungen

verschont hatte.

Martin hatte seine Mutter schon früh verloren, und nun war vor einem halben

Jahre auch sein Vater gestorben. Dieser war Maurer gewesen, der seit Jahren

für die Bewohner von D. die etwa notwendigen Reparaturen an ihren Häusern

ausführte und hie und da auch kleinere Bauten übernahm. Daneben versah er

die Stelle eines Gemeindeweibels und galt überall als ein äußerst fleißiger

und rechtschaffener Mann. Eine alte Verwandte, die dem Weibelhannes (so

wurde der alte Müller allgemein genannt) nach dem Tode seiner Frau die

kleine Haushaltung geführt hatte, zog jetzt zu einer im Oberland wohnenden

Schwester, und unser Martin erbte das kleine, mitten im Dorfe stehende Haus

samt angrenzendem Baumgarten und einigen andern kleineren Grundstücken.

Dieser Umstand hatte ihn bewogen, in die Heimat zurückzukehren und auf

eigene Rechnung ein kleines Geschäft zu gründen. Wir finden ihn heute mit

seiner Familie auf dem Wege dahin.

Martin ging neben dem Fuhrmann her; sie beide waren Schulkameraden und

hatten einander natürlich vieles zu erzählen, besonders Martin hatte

manches zu fragen über die heimatlichen Verhältnisse, in denen sich so

manches in den vielen Jahren seiner Abwesenheit geändert hatte.

Die an der Seite des Wagens dahinschreitende Mutter hatte vollauf zu tun,

all die Fragen zu beantworten, die zwei Knaben im Alter von sechs und acht

Jahren immerfort an sie richteten. Sie saßen auf dem Kanapee, das vorn auf

dem Wagen Platz gefunden, und schienen ein großes Wohlgefallen an der Fahrt

zu haben. Ein zehnjähriges Töchterchen, das an der Seite der Mutter den Weg

zu Fuß machte, war ganz in das Anschauen der ihm fremdartig erscheinenden

Berglandschaft versunken. Bald entlockte ihr der in den verschiedensten

Färbungen prangende Wald, bald die den Hintergrund des Tales bildenden

Bergriesen, die schon mit frischem Schnee bedeckt waren, laute Ausrufe

des Entzückens; bald machte sie die Mutter auf eine sich aus dem Gebüsch

erhebende Ruine oder auf die oben am Bergeshang zerstreut liegenden Hütten

aufmerksam.

Wir überlassen die vier Personen ihren Betrachtungen und wenden uns

den beiden Männern zu, um zu lauschen, über was sie so angelegentlich

miteinander verhandeln.

»Ja, Ja, Martin,« hub der Fuhrmann eben wieder an, »Du wirst sehen, daß wir

jetzt ganz andere Verhältnisse in D. haben als früher, und namentlich

Dir, der Du so lange abwesend warst, wird es erst recht auffallen, daß die

Zustände leider nicht besser, sondern schlimmer geworden sind.«

»Aber,« erwiderte Martin, »es ist mir doch, als ich beim Begräbnis meines

Vaters war, aufgefallen, daß viele Häuser ein vorteilhafteres Aussehen

haben als früher, daß auch einige neue freundliche Behausungen entstanden

sind, ein neues Schulhaus ist ja auch gebaut worden, und es schien mir, als

ob viele Leute am Sonntag viel besser gekleidet wären als früher. Alles das

deutet doch auf einen vermehrten Wohlstand hin, und der kann nicht aus so

mißlichen Zuständen entspringen, wie Du sie mir darstellst. Freund, ich

glaube, Du siehst die Sache mit einer zu schwarzen Brille an!«

»Wenn Du aus den eben angeführten Veränderungen, die bei uns stattgefunden

haben, den Schluß ziehst, daß mehr Geld vorhanden, also der Verdienst ein

größerer geworden sei, so ist das im ganzen genommen richtig, obwohl damit

noch lange nicht bewiesen ist, daß das für unsere Leute ohne weiteres einen

Vorteil bedeute. Du weißt, wie einfach es früher in unserm Dorfe

zuging. Die Leute bebauten ihre Wiesen und Aecker, hatten keine andere

Erwerbsquelle als die Landwirtschaft und waren gesund und zufrieden dabei.

Verdiente man weniger, so brauchte man auch weniger. Man kleidete sich in

selbstgesponnene und gewobene Stoffe, die freilich nicht so schön waren

als die heutige Fabrikware, sich dafür aber durch viel größere Haltbarkeit

auszeichneten. Nachdem man die ganze Woche tüchtig geschafft hatte, freute

man sich, den Sonntag als wirklichen Ruhetag feiern zu dürfen. Die einzige

Wirtschaft, die es damals bei uns gab, hätte als solche für sich allein

gewiß nicht rentiert, wenn nicht noch ein Kramladen damit verbunden

gewesen wäre. Am Werktag ging -- von einigen gewohnheitsmäßigen Schnapsern

abgesehen -- niemand ins Wirtshaus, und auch an gewöhnlichen Sonntagen war

der Zulauf kein großer; nur an der Bsatzig*), in der Fastnacht und bei

ähnlichen Anlässen ging es etwas höher her. Seit nun aber auch bei uns

alles darnach trachtet, in der Hotelerie und bei der Fremdenindustrie

Stellung und Verdienst zu finden, ist alles anders geworden. Du wirst

staunen, wenn Du im Frühling die Völkerwanderung siehst. Die jungen ledigen

Leute gehen sozusagen alle fort, und es gilt schon bald für eine Schande,

im Sommer hier bleiben zu müssen. Aber auch genug verheiratete Männer sind

den ganzen Sommer abwesend. Frauen, Kinder und Greise bilden der Hauptsache

nach im Sommer die Bevölkerung unseres Dorfes. Da werden im Frühjahr

vor dem Auszug die Aecker bestellt, die Wiesen gedüngt, überhaupt das

Notwendigste gemacht, und alle Sommerarbeit -- manchmal auch ein großer

Teil der Herbstarbeiten -- den Frauen und alten Leuten überlassen. Auch

die Kinder, die den ganzen Sommer keine Schule haben, müssen tüchtig

mit anfassen. Du kannst Dir denken, daß unter solchen Verhältnissen die

Landwirtschaft nicht sonderlich gehoben werden kann, weil alle Arbeiten nur

notdürftig und oberflächlich gemacht werden. Aber auch die Familienbande

lockern sich, und die Kindererziehung läßt vieles zu wünschen übrig.«

*) Wahl des Kreisgerichtes.

Martin, der ohne Unterbrechung den Worten des Fuhrmanns zugehört hatte,

war etwas nachdenklich geworden und sagte dann: »Ich weiß, daß Du es gut

meinst, und daß Deine Worte aus einem für die Heimat besorgten Herzen

kommen; aber es nützt nun einmal alles nichts, die Zeiten lassen sich nicht

ändern, was vergangen ist, kehrt nicht mehr. Das einzig Richtige ist, sich

den einem ewigen Wechsel unterworfenen Verhältnissen so gut als möglich

anzupassen; wer das am besten versteht, bleibt über Wasser und wird nicht

Heimweh haben nach der guten alten Zeit. Wenn es der Fremdenindustrie

gelungen ist, sich emporzuschwingen, oder wenn sie wenigstens das Bestreben

hat, es zu tun, so soll man sie unterstützen; denn wo diese Industrie

blüht, da bietet sie vielen Leuten Lebensunterhalt und Verdienst und stellt

eine vortreffliche Absatzquelle für alle landwirtschaftlichen Produkte

dar. Ich glaube, daß die besten Zustände da herrschen, wo die verschiedenen

Erwerbsgruppen sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Freilich gehe

ich mit Dir einig, daß es für unsere Verhältnisse nicht zum Nutzen

ist, wenn fast unsere gesamte Jungmannschaft und natürlich gerade der

intelligentere Teil derselben, ganz oder zeitweise auswandert, und wenn

dadurch das Bebauen der heimatlichen Scholle mangelhaft ist und überhaupt

fast jeder gesunde Fortschritt gehemmt wird. Doch ich denke, daß die

Auswüchse dieser Art von Auswanderung von selbst eingehen werden. Die

gesunden Elemente unserer Bevölkerung werden einsehen, daß auch manchmal

das Los eines Hotelangestellten nicht ein sehr beneidenswertes ist, und daß

man daheim im Kreise der Familie und bei landwirtschaftlicher Betätigung

ein Leben führen kann, das weit mehr Befriedigung verschafft, als die

abhängige und oft sehr aufreibende Tätigkeit in einem Hotel. Zu wünschen

wäre es, daß einige Männer sich unserer Landwirtschaft annehmen und an

deren Hebung arbeiten würden; das gute Beispiel würde andere hinreißen, und

der Erfolg müßte ein bedeutender sein.«

»Ich sehe schon,« fiel der Fuhrmann wieder ein, »Du fassest alles von der

leichten Seite auf, indessen möchte ich selbst nur wünschen, daß Du recht

behalten möchtest und alles wieder von selbst ins richtige Geleise käme.

Einstweilen sind viele unserer engern Landsleute zu bedauern, hauptsächlich

auch deswegen, weil sie moralisch allmählich auf abschüssige Bahnen kommen.

Das beweist schon das sich immer mehr entwickelnde Wirtshausleben unserer

Dorfbewohner. Wo früher eine Wirtschaft kaum bestehen konnte, rentieren

jetzt deren drei, wie es scheint, sehr gut. Nicht nur Wein und Branntwein

wie früher, sondern auch Bier und allerlei fremde Liqueure, die man früher

nicht einmal dem Namen nach kannte, werden jetzt ausgeschenkt. Das ganze

gesellschaftliche Leben spielt sich jetzt im Wirtshause ab. Unsere

jungen Männer, die im Sommer abwesend sind, finden es zu langweilig,

die Winterabende im Kreise ihrer Eltern und Geschwister zuzubringen; sie

glauben, es fehle ihnen etwas, wenn sie einmal abends nicht im Wirtshaus

gewesen sind. Sollte es einmal den Eltern einfallen, einen halberwachsenen

Jungen an Sparsamkeit und Häuslichkeit zu ermahnen, dann heißt es gleich:

»Ich verdiene ja das Geld, und wenn es Euch nicht gefällt, kann ich im

Winter auch fortgehen, denn ich bin mein eigener Herr und Meister und

brauche mich nicht wegen jedem Glas Bier, das ich trinke, auszanken zu

lassen.« Aber auch viele Familienväter fühlen sich zu Hause nicht wohl;

Kneipen und Spielen ist auch bei ihnen an der Tagesordnung, und wohin

das alles führen mag, kannst Du Dir leicht selbst vorstellen. Viele, die

Jahresstellen haben, oder den Winter in südlichen Gegenden verbringen,

kommen etwa einmal im Jahr, oder alle drei bis vier Jahre für einige Wochen

in die Heimat, um sich zu »erholen«; diese drehen dann erst recht alles

auf den Kopf, sie bestimmen gewöhnlich schon vorher eine gewisse Summe, die

während der »Ferien« verklopft werden soll. Wenn man so lange Zeit, ohne

sich einmal Ruhe zu gönnen, gearbeitet und dabei viel Geld verdient habe,

dürfe man sich schon etwas zu gute tun, denken solche Leute; etwas müsse

man vom Leben doch auch haben. Da werden denn allerlei Festlichkeiten

arrangiert, es gibt Bälle, Ausflüge, Kneipgelage und dergleichen mehr.

Teils weil jeder Genuß ohne passende Gesellschaft zuletzt langweilig wird,

teils aus verwandtschaftlichen Rücksichten oder aus alter Freundschaft,

teils aber auch aus purer Prahlerei oder Mitleid mit den »armen

Schluckern«, die immer zu Hause bleiben und die heimatliche Scholle bebauen

müssen, ergehen Einladungen an die nicht ausgewanderten oder sonst zufällig

ortsanwesenden Bekannten, denen dann meistens, um nicht zu verletzen, oder

um die willkommene Gelegenheit, auch einmal etwas mitmachen zu können,

nicht unbenutzt vorüber gehen zu lassen, Folge geleistet wird. Es kommt

sogar häufig genug vor, daß Jünglinge und Männer von der Arbeit weg ins

Wirtshaus geholt werden. Da braucht man sich nun gewiß nicht zu verwundern,

wenn bei den zum Hierbleiben verurteilten Handwerkern und Landwirten die

Unzufriedenheit mit ihrem Geschick immer mehr sich ausbreitet, wenn bei

ihnen gewisse Lüste und Leidenschaften wach werden, und wenn sich viele

eine Lebensweise angewöhnen, die mit ihrem Beruf und ihrem Verdienst

keineswegs in Einklang stehen.« So hatte sich der Fuhrmann in einen wahren

Eifer hineingeredet, und die Debatte zwischen den beiden Freunden wäre

jedenfalls noch lange nicht zu Ende gewesen, hätte man sich jetzt nicht

dem Dorfe genähert, welcher Umstand natürlich dem Gespräch ein Ende machte.

Martin wendete sich seiner Frau und den Kindern zu, während der Fuhrmann

vollständig von seinem Fuhrwerk in Anspruch genommen wurde.

Weil es gerade um die Mittagszeit war, als der Wagen über die holprige

Dorfstraße fuhr, hatten die Leute Gelegenheit, sich den Einzug der

Müllerschen Familie mit Muße anzusehen, und diese Gelegenheit wurde auch

reichlich ausgenützt.

Während sich die Dorfjugend in der Straße aufstellte und so von ihrem

Vorrecht, sich nicht genieren zu müssen, Gebrauch machte, standen die

Alten unter den Haus- oder Stalltüren, schauten zu den geöffneten oder

geschlossenen Fenstern heraus, und manche, welche sich nicht sehen lassen

wollten, hatten sich hinter den Fenstervorhängen postiert. Die einen

musterten mit kritischem Blick die Möbel, andere schienen sich für die

Kinder zu interessieren, während wieder andere die Augen nur auf die Frau

und ihre Kleidung gerichtet hatten.

Unterdessen hatte der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht und hielt vor

dem Hause, das fortan unsern Martin und seine Familie beherbergen sollte.

Der Fuhrmann spannte die Pferde aus und zog mit ihnen ab, seiner nicht weit

entfernt liegenden Behausung zu.

Einige Verwandte und alte Bekannte Martins hatten sich schnell eingefunden;

sie boten sich zur Hilfeleistung beim Abladen der Möbel an, und einige

Frauen zeigten sich bereit, so schnell als möglich für die leiblichen

Bedürfnisse der Familie sorgen zu wollen, da alle, wie sie meinten, von

dem ziemlich weiten Weg doch gewiß hungrig und durstig sein müssen. Martin

dankte allen für den freundlichen Willkomm und nahm gerne die dargebotene

Hilfe an; denn er meinte, es sei gut, wenn abgeladen werden könne, so lange

es noch Tag sei. Für das Essen aber sei bereits gesorgt, da der Fuhrmann

sie alle schon unterwegs eingeladen habe. Er gedenke nur noch schnell seine

Frau und die Kinder durch das Haus zu führen und dann der Einladung Folge

zu leisten, damit dann schnell mit dem Unterbringen des Hausrates begonnen

werden könne.

Elise, so hieß die Gattin Martins, zeigte sich sehr erfreut, nun einmal

eine geräumige Wohnung zu besitzen, in welcher man sich viel besser

einrichten konnte als in den engen Mieträumen, auf die man vorher

beschränkt war. Die vom Vater ererbten Einrichtungsgegenstände, zusammen

mit den mitgebrachten Mobilien, mußten eine Ausstattung geben, an welche

die bescheidene Frau vorher nie hatte denken dürfen.

Martin durchschritt mit einer gewissen Wehmut die ihm so wohlbekannten

Räume, wo alles ihn an seine Jugendzeit und an die nun heimgegangenen

Eltern erinnerte.

Wir überlassen es nun den Leutchen, ihr Mittagessen einzunehmen, ihre

Habseligkeiten abzuladen und sich notdürftig einzurichten, und wollen

unterdessen einen Rundgang durch das Dorf machen, um die herrschenden

Zustände etwas näher kennen zu lernen.

D. liegt an einem Abhang nach Süden, so daß es von rauhen Nordwinden

vollständig geschützt ist. Dieser glücklichen Lage ist es jedenfalls auch

zu verdanken, daß trotz der bedeutenden Höhe ein ziemlich ausgedehnter

Obstbau betrieben wird. Namentlich die unter der von Ost nach West sich

durch das Dorf ziehenden Hauptstraße gelegenen Häuser sind fast ganz in

dem Obstbaumwalde versteckt. Die Wohnhäuser und Ställe sind meistens mit

Schindeln gedeckt und gewähren in ihrer unregelmäßigen Gruppierung einen

pittoresken Anblick. Die Gassen und Plätze sind nicht gerade unsauber, doch

machen sich auch hie und da die braunen Bächlein bemerkbar, die von den

Düngerstätten abfließen und wenig Sparsinn der Bauern verraten. Manche der

Häuser lassen es deutlich erkennen, daß ihre Besitzer in der glücklichen

Lage sich befinden, etwas wagen zu dürfen zur Verschönerung und

Verbesserung ihrer Wohnstätten. Abgesehen von dem frischen Verputz, sehen

wir dort ein neues Ziegeldach, hier neue Fensterstöcke mit entsprechenden

Fenstern, an einem andern Hause ist sogar ein kleiner Balkon angebracht.

Auch einigen größeren und kleineren Neubauten begegnen wir beim

Durchschreiten der Hauptstraße. Wir vermuten, daß in diesen neuen und

frisch renovierten Behausungen jene Glücklichen wohnen, denen es gelungen

ist, fern von der Heimat, in den verschiedensten Lebensstellungen, sich ein

schönes Stück Geld zu verdienen, und die nun sich teils aus dem Getriebe

der großen Welt in ihr stilles Heimattal zum Ausruhen zurückgezogen, teils

aber noch mitten im Strudel des Erwerbes stecken und nur hin und wieder

einmal für kurze Zeit nach D. kommen, um sich etwas zu erholen von den

Anstrengungen ihres Berufes. Dieser Umstand läßt uns auch begreifen, warum

die Fensterläden vieler Wohnungen geschlossen sind, ein Zeichen, daß diese

leer stehen.

Mitten im Dorfe, wo auf einem freien Platze ein Brunnen steht, der aus zwei

Röhren das geräumige Brunnenbett mit klarem Quellwasser speist, steht das

Gasthaus zur Post, mit dem Postbureau, Laden und einer kleinen Gaststube

im Parterre. Einige Fuhrleute, die hier den Pferden eine kurze Rast

gönnen, schneiden Brot in die Futtertröge, schütten etwas Hafer aus

den mitgebrachten Säcken dazu, um sich dann zu einem Glase Wein in die

Gaststube zu begeben. Sonst ist es um diese Zeit hier ruhig und von

weiteren Gästen nichts zu bemerken. Es herrscht überhaupt eine gewisse

Stille im Dorfe; die Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen aber bei

dem schönen Wetter meistens auf dem Felde beschäftigt. Machen also auch

wir einen Gang vor das Dorf, um die Leute bei ihren Erntearbeiten zu

beobachten.

Wir kommen jetzt auch an der Kirche vorbei, die auf einer kleinen Anhöhe

liegt und mit ihrem spitzen Turm und den hohen gemalten Fenstern einen

freundlichen Eindruck macht. Dicht neben der Kirche liegt das Pfarrhaus,

und vor demselben finden wir den einzigen wohlgepflegten Garten, dem

wir bis jetzt in D. begegnet sind. Auf einer dem Zaune entlang führenden

Rabatte blühen feurigrote Dahlien, und gelbe und weiße Winterastern

beginnen ihre Blütendolden zu entfalten, gut entwickeltes Gemüse harrt

der Einwinterung und an der Hauswand bemerken wir schöngezogene und mit

Früchten vollbehangene Zwergbäume. So gewährt denn das Pfarrhaus mit

seinen blank geputzten Fensterscheiben, durch welche die Blüten einiger

Topfgewächse zwischen den blendendweißen Vorhängen herausschauen, inmitten

der freundlichen Umgebung einen höchst einladenden Anblick.

Zu äußerst im Dorfe und nicht weit voneinander entfernt, finden wir die

zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften, das Gasthaus zum Freihof

und das Restaurant National. Der Besitzer des letzteren ist jedenfalls

ein Wirt, der es mit seinem Berufe ernst nimmt und es versteht, die Gäste

heranzulocken und es ihnen bei ihm so angenehm als möglich zu machen.

Neben dem im Châletstil erstellten Hause befindet sich eine kleine

Gartenwirtschaft und eine Kegelbahn, aus der das Rollen der Kugeln und

lautes Gelächter an unser Ohr dringt, als Beweis, daß auch heute eine

lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt.

Gleich hinter den Wirtschaften liegen rechts und links von der Landstraße

einige Aecker, da und dort im Wiesland zerstreut. Weil die Kartoffeln hier

die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit der Ernte

ist, so herrscht reges Leben auf den Feldern. Ueberall sehen wir die

kleinen Bergwagen, zum Teil schon mit gefüllten Säcken beladen, an den

Ackergrenzen stehen. Die Kühe, welche als Zugtiere dienen, weiden daneben

in der Wiese. Die Leute arbeiten emsig; man sieht es ihnen an, daß es ihnen

sehr darum zu tun ist, bei dem schönen Wetter möglichst viel auszurichten.

Uns, denen die Verhältnisse fremd sind, fällt es auf, daß wir so wenige

Männer an der Arbeit sehen und die ganze Arbeit der Kartoffelernte fast

ausschließlich von Frauen besorgt wird. Es fällt uns aber das Gespräch

zwischen Martin und dem Fuhrmann ein, und wir vermuten, daß die

Fremdensaison noch nicht zu Ende und die meisten der männlichen Bewohner

infolgedessen noch abwesend seien. Die verschiedenen Aecker lassen auch auf

den ersten Blick die Unterschiede in der Art und Weise der Bewirtschaftung

deutlich erkennen. Während einige Stücke rein von Unkraut sind, zeigen sich

auf andern meterhohe Stauden von Melden und andern Unkräutern, welche durch

reichlichen Samenansatz dafür gesorgt haben, daß auch für ihre Verbreitung

im nächsten Jahre der Grund gelegt ist. Eine Frau fand es sogar für

zweckmäßig, das Unkraut zuerst abzumähen, um das Ausgraben der Kartoffeln

leichter vornehmen zu können.

So ist es denn über unsern Betrachtungen allmählich spät geworden, der

Rauch der verbrannten Kartoffelstauden vermischt sich mit der Dämmerung zu

einem leichten Nebel; da und dort sieht man bereits die Kühe einspannen

und zum Heimweg rüsten. Auch für uns wird es Zeit, zu unserer

Zimmermannsfamilie zurückzukehren, die wir in ihrem neuen Heim

zurückgelassen haben. Der kurze Rundgang hat uns belehrt, daß die

Verhältnisse in D. im ganzen nicht besser und nicht schlimmer sind als an

andern Orten, daß es auch hier zu loben und zu tadeln gibt wie allerwärts.

Wenn aber der Fuhrmann von Martins Habseligkeiten heute morgen der

Ueberzeugung Raum gab, daß die Auswanderung und das Streben nach

Hotelstellen, im Umfange wie beides heute besteht, in landwirtschaftlicher

und allgemein moralischer Beziehung einen ungünstigen Einfluß auf die

Zustände in D. ausübe, und daß dieser Uebelstand nicht ganz aufgehoben

werde durch die Erhöhung des Verdienstes und den Zufluß reicherer

Geldquellen nach D., so müssen wir ihm ein wenig recht geben.

Aus Berg und Tal: Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben · 第 7 / 12 题