den Tuilerien« waren es, bei denen damals das Pulver explodierte. Ein
aufgeregter Amateur ging so weit, zu drohen, dass er handgreiflich
werden würde, wenn man die »Musik in den Tuilerien« länger in dem
Ausstellungssaal hängen liesse. Ich begreife den Zorn dieses Liebhabers;
denkt euch unter den Bäumen des Tuileriengartens eine ganze Menge --
hundert Personen vielleicht, die sich in der Sonne bewegen. Jede Person
nur als einfachen Flecken, kaum bestimmt, und die Details zu Linien
und schwarzen Punkten geworden. Wäre ich dagewesen, so hätte ich den
Liebhaber gebeten, sich in eine achtungsvolle Entfernung zu begeben.
Dann hätte er gesehen, dass diese Flecke lebten, dass diese Menge sprach
und dass dieses Bild eins der bezeichnendsten des Künstlers sei, eines
von denen, bei denen er am meisten seinen Augen und seinem Temperamente
gefolgt ist.
[Illustration: W. Leibl, Selbstbildnis]
FERD. GEORG WALDMÜLLER
Aus seinen hinterlassenen Schriften
Seiner Excellenz dem Herrn Staatsminister Anton Freiherrn von
Schmerling, Grosskreuz des Öst. Leopold-Ordens etc. etc. etc.
Eure Excellenz!
Ich erlaube mir diese Zeilen an Eure Excellenz zu richten, in denen ich
eine getreue durchaus wahrheitsgemässe Darstellung der Verfolgungen, und
moralischen Misshandlungen zu Ihrer Kenntnis zu bringen beabsichtige,
und es der Gerechtigkeitsliebe Eurer Excellenz anheim stelle, darüber
zu entscheiden, ob mein Verlangen nach einer Rehabilitierung ein
gerechtfertiges sei oder nicht.
Die Verfolgungen, welche ich erlitten, haben ihren Grund lediglich
in meinem Streben die Übelstände unseres bisherigen akademischen
Unterrichtes der Wahrheit gemäss zu beleuchten, und der Kunst überhaupt
jene Stellung zu erringen, welche ihr in civilisirten Staaten gebührt.
Dieses Streben habe ich in mehreren Broschüren entwickelt, besonders
in jener, welche den Titel führt: Andeutungen zur Belebung der
vaterländischen bildenden Kunst.
Die in dieser Broschüre ausgesprochenen Enthüllungen über den in dem
akademischen Lehrsystem herrschenden Schlendrian erweckten natürlich
das grösste Missfallen in den diesem Schlendrian, bei welchem sie ihren
Vorteil fanden, huldigenden akademischen Kreisen, und es ward das
Anathema über den kühnen Reformator ausgesprochen, der es unerschrocken
aussprach, was Not thue, um dem Verfalle der Kunst entgegen zu treten.
Der damalige Herr Minister des Unterrichtes, Graf Leo Thun, gestand
mir mündlich, dass er zwar die Wahrheit der Enthüllung des gänzlich
mangelhaften =kunsttötenden= statt =kunstlebenden=
akademischen Unterrichtes in meiner Broschüre nicht bestreite, dass
aber Enthüllungen solcher Art, von einem Mitgliede der Akademie, und
ihres Rates selbst, von einem Professor der Akademie ausgehend, offenbar
als ein Disciplinarvergehen betrachtet werden müsse, welches mit der
Enthebung von meiner Anstellung bei der Akademie zu bestrafen sei.
Diese Bestrafung ward dann auch vollzogen, da ich am 4. September 1857
in Pension gesetzt ward, jedoch nur mit dem Bezuge einer Pension von
400 fr. statt meines Gehaltsbetrages von 800 fr., welche ich in meiner
Anstellung bezog.
Dass meine Beleuchtung der damals an der Akademie eingeführten
sog. Reform, deren Entwurf und Fassung von dem ministeriellen
Berichterstatter Herrn Grafen =Franz Thun= und seinem Freunde
Herrn Ruben herrührte, und dem Herrn Minister gleichsam oktroyiert
ward, da er, wie er in einer Unterredung mit mir unverhohlen äusserte,
dass er in Sachen der Kunst kein Verständnis habe, -- dass, sage ich,
meine Beleuchtung jener Schöpfung des Herrn Grafen Franz Thun und des
Herrn Ruben diesen Herrn und ihren Schmeichlern unbequem gewesen,
begreife ich, um so mehr, als meine Wahrheitsliebe und Freimütigkeit
nicht gestattete, auch in Unterredungen mit diesen Herren selbst meine
Ansichten zu verhehlen. In einer solchen Unterredung mit dem Herrn
Grafen Franz Thun äusserte ich, dass ich die Ernennung des Herrn Ruben
zum Direktor der Akademie gegenüber der Einführung von Meisterschulen
befremdlich fände, da ja doch nicht angenommen werden könne, dass die
Meister sich =dirigieren= lassen würden, und der Graf antwortete
mir: Er lasse dies dahin gestellt sein, die Ernennung des Herrn Ruben
zum Direktor sei nur erfolgt um demselben =einen grösseren Gehalt
zuzuwenden=! Ich glaube, dass die Anführung eines solchen Motives zur
Anstellung keines Kommentars bedarf, um die Zustände der akademischen
Gebahrung, sowohl im Kunst- als im Geschäftswesen zu charakterisieren.
Meine eigenen Bestrebungen wurden nie von unlauteren Interessen
beeinflusst. Ich glaube dies durch alle Handlungen meines künstlerischen
und bürgerlichen Lebens bewiesen zu haben. Ich erhielt von Sr.
Majestät dem verewigten Kaiser Nikolaus von Russland eine höchst
ehrenvolle, von den wesentlichsten persönlichen Vorteilen für mich
verbundene Aufforderung, mich in Petersburg zu etablieren, und daselbst
eine Meisterschule zu gründen. Ich leitete damals auch hier eine
Privat-Meisterschule, und konnte es nicht über mich gewinnen, meine
Schüler, talentierte Jünglinge, welche ihre künstlerische Ausbildung mir
anvertraut hatten, zu verlassen. Ich wies ohne Bedenken den glänzenden
Antrag zurück, und sandte einen meiner besten Schüler, Herrn von Zichy
nach Petersburg, welcher sich dort eine ehrenvolle und lukrative
Existenz gründete, was er auch vollkommen durch sein Talent verdient.
Ich habe mir erlaubt auf diese Episode meines künstlerischen Lebens
hinzudeuten, weil sie wohl den sprechendsten Beweis liefert, wie ich es
mir (als) meine Lebensaufgabe erachtete, alle meine Kräfte der Belebung,
und dem Gedeihen der =vaterländischen= Kunst zu widmen, und dadurch
meinen echten Patriotismus zu bethätigen.
Dass diese meine Bestrebungen in jenen Kreisen künstlerischer und
akademischer Thätigkeit, welche in der Erhaltung des Schlendrians
Vorteile finden, angefeindet wurden, darauf musste ich bei meinem
Vorgehen gefasst sein, dass aber diese feindliche Gesinnung auch in
jene Sphären gedrungen sei, welche ihrer Natur nach erhaben über alle
Einflüsse solcher Art stehen sollten, darüber habe ich in neuerlichster
(Zeit) die überraschendsten Beweise erhalten. Ich hatte es nämlich
für meine Pflicht gehalten, die oben erwähnte Broschüre Sr. Majestät
dem Kaiser ehrfurchtsvoll zu Füssen zu legen. Der Vorschrift gemäss
reichte ich das Exemplar in dem k. k. Oberstkämmereramt ein. Nach
einiger Zeit ward ich zu Seiner Excellenz dem Herrn Oberstkämmerer
Grafen von Lauzcownski beschieden, und empfing aus seinem Munde folgende
Abfertigung: »Ich soll Ihre Broschüre dem Kaiser geben, dass Sie eine
Auszeichnung, etwa gar einen Orden bekommen! Nein, das thue ich nicht!«
Auch diese Rede bedarf keines Kommentars. Ein solcher Beweggrund dem
Kaiser ein Werk nicht zu überreichen dürfte so ziemlich beispiellos
genannt werden, und noch verwunderlicher ist es, wie ein Kavalier, dem
man doch wenigstens einen gewissen Grad von Bildung beimessen dürfte,
sich so weit vergessen kann, in solch unanständiger Weise einen solchen
Bescheid einem Manne zu erteilen, der durch die Haltung seines ganzen
Lebens als Bürger und Künstler makellos stehend den vollen Anspruch,
und die Berechtigung, wenn auch nicht auf die =Zuneigung= doch
jedenfalls auf =die Achtung= auch des höchsten Würdenträgers hat.
Einen zweiten Beweis, wie man sich in jenem Bureau die grösste
Geringschätzung gegen mich erlauben zu dürfen glaubte, fand ich in dem
folgenden Vorgange. Ich hatte mir erlaubt eines meiner neueren Gemälde,
welches die Anerkennung als eines meiner besten Werke erhielt, Seiner
Majestät dem Kaiser vorzustellen, und um dessen Ankauf zu bitten. Diese
Bitte wurde indessen, obschon Seine Majestät dem Bilde Beifall schenkte,
abschlägig beschieden, und ich erhielt meine Bittschrift mit diesem
Bescheide aus dem Oberstkämmereramt =zerrissen= zurück, also mit
einer durch keine Amtsvorschrift gebotenen Verschärfung des Ausdruckes,
einer in keiner Weise gerechtfertigten verächtlichen Missachtung.....
Abgesehen davon, dass die juridische Entscheidung, ob durch freimütige
Besprechung bestehender unleugbarer Übelstände in einem Institute, von
Übelständen, für welche ich bereit bin, den thatsächlichen Beweis vor
jeder Kommission von Fachmännern, und einem Vorsitzenden zu liefern,
ob Mitteilungen solcher Art unbedingt und =in allen Fällen=,
wo sie von einem Mitgliede eines solchen Institutes selbst ausgehen
als Disciplinar-Vergehen, und strafwürdig zu behandeln seien, immer
noch erst zu erwarten wäre, da sich ohne Zweifel hoch Vieles pro et
contra sagen liesse, so halte ich dafür, dass in diesem Falle, wenn
ich wirklich straffällig wäre, die Strafe durch meine Pensionierung
=überhaupt= in genügender Weise hätte befunden werden mögen, auch
wenn ich mit 28 Dienstjahren in Berücksichtigung meiner Verdienste um
die Kunst, als ausübender Künstler, und als Lehrer und Rat, mit meinem
=ganzen= Gehalt bedacht worden wäre, statt mit einem Bruchteile
desselben. Ich glaube mir also die Bitte erlauben zu dürfen, mir in so
ferne eine Rehabilitierung zu Teil werden zu lassen, wodurch mir die
Beziehung meines gehabten Gehaltes von 800 fr. im Ruhestand belassen
würde, wobei ich mich aber erbiete auch noch eine Meisterschule zu
leiten, von welcher ich mir guten Erfolg, sowohl die Resultate meiner
früheren Leistungen, als durch den Umstand hoffen zu dürfen mich
berechtigt halte, da sich fortwährend viele akademische Schüler an mich
wenden, welche unter meiner Leitung studieren wollen, und mir dadurch
ihr Zutrauen in meine Lehrmethode, und in das Prinzip, welches ich
derselben zum Grunde lege, aussprechen.
Somit fühle ich mich denn ermutigt, die Entscheidung dieser Frage der
Weisheit und Gerechtigkeitsliebe Eurer Excellenz anheim zu stellen, in
festem Vertrauen, dass der erleuchtete Geist Eurer Excellenz am besten
zu beurteilen wissen wird, in wie ferne mein Ansuchen gerechtfertigt
erscheint, und zu würdigen sei.
Im Gefühle der aufrichtigsten Verehrung
Eurer Excellenz
Unterthänigst ergebenster Diener
F...
Was soll uns die Kritik?
Was soll uns die Kritik? Soll sie die bildende Kunst fördern? Als die
Kunst auf ihrer Höhe, als es eine wahrhafte Kunst gab, existierte
damals eine Kritik? Eine Kritik in solcher Weise wie jetzt, vornehmlich
bei uns? Nein! Das »ne sutor ultra crepidam« ist auch jetzt noch die
passendste Antwort auf alle und jede Kritik in der bildenden Kunst.
Der Künstler, welcher sein Kunstwerk in die Öffentlichkeit giebt,
unterzieht sein Werk der Beurteilung des Publikums. Jeder Beschauer
wird nach seinem individuellem Empfinden und Erkennen in seinem
Gemüte von dem Werke ergriffen werden, oder kalt bleiben. Es kann der
Gegenstand schon die Ursache sein, obwohl Kunstwerke in ihrem Inhalte
für alle Beschauer ein allgemeines Interesse haben sollen, es ist eine
Bedingung, denn wenn es nur für eine Person, oder für einen kleinen
Kreis Interesse hat, so soll es nicht in die Öffentlichkeit. Dass aber
weder das Publikum noch Kunstliebhaber eine eigentliche Kritik zu fällen
im stande sind, ist gewiss; sie sprechen ihre Empfindung des Gefallens
oder Missfallens aus, und dieses ist für den Künstler genügend, ihn in
der Wahrheit zu bestärken, oder einzulenken auf den Weg der Wahrheit.
Solcher Art Kritik erreichte bei den Griechen und im Mittelalter jene
hohe Stufe der Ausbildung.
Betrachten wir dagegen die Folgen, welche das Gefasel unserer
sogenannten Kunstkritiker in den Journalen mit sich bringt, welche ganz
gewiss schamrot würden -- ich thue ihnen die Ehre an, es zu glauben
-- wenn sie eine Ahnung hätten, wenn es nur ihr Dünkel zuliesse zu
erkennen, dass ihre Aussprüche voll Widersprüche sich selbst aufheben,
welches durch ihre völlige Unkenntnis veranlasst wird. Durch was und an
wem sind sie berufen, decidierte Urteile, Belehrungen u. s. w. über die
Kunst abzugeben? Gewöhnlich sind es Schreiber in Bureaus, oder Personen,
die durch Talentlosigkeit und Faulheit sich keinem Berufe widmen
konnten, nichts sind, der Gesellschaft zur Last fallen, wogegen jeder
Taglöhner Nutzen bringender ist. Es geschieht wohl manchmal, dass sie
von Künstlern, welche durch die Feder das Publikum aufmerksam machen,
was man von solchen Aussprüchen zu halten hat, zurechtgewiesen werden,
allein, die Frechheit geht so weit, dass sie drohen einen solchen
Künstler, der sie lächerlich gemacht, zu vernichten! Welche Macht steht
ihnen als Hintergrund zu Gebote? Es wäre die grösste Schmach, wenn hohe
Staatsmänner sich von solchen Individuen ihre Handlungsweise bestimmen
liessen. So ist es gerade dem Gedeihen wahrer Kunst nur hinderlich;
einmal schon durch die dreisten Behauptungen ihrer lächerlichen, oder
persönlich verleumdenden Aussprüche, und da das Publikum in der Regel
derlei Aussprüche glaubt, weil sie gedruckt sind, ja sogar viele diese
Kritiken bei den Bildern in der Ausstellung zur Hand haben, um nur ja
kein eigenes Urteil zu haben, sich in solcher Weise gängeln lassen, und
dann um gleichsam der Kunst Hohn zu sprechen, indem sie Leistungen von
Malern ihrer Clique, die unter aller Kritik sind, mit Weihrauch der
höchsten Huldigung bestreuen.
Was haben also diese Kritiker geleistet? Die heimische Kunst ist immer
mehr und mehr, statt sich zu heben, gesunken. Diese Aussprüche haben
viele junge Talente schon bei ihrer Entwicklung in solcher Weise beirrt,
dass jede Hoffnung für sie dahin ist.
Ich habe bei einigen Gelegenheiten versucht dieses Treiben durch
Entgegnungen in den Journalen zu paralisieren, und es ist mir auch
zeitweise gelungen, gewisse Stimmen in ihrer Lächerlichkeit dem
Publikum zu bezeichnen, und zum Schweigen zu bringen; allein die Herren
Redakteure nehmen sehr ungern, oder einige auch gar nicht, derlei
Beleuchtungen in ihr Journal auf, ausser mit Insertionskosten, und da es
das Beste der Kunst betrifft, und nicht meinen persönlichen Vorteil, so
musste ich meinem Eifer Einhalt thun. Die Herren Redakteure besorgten
vor allem, ihre von ihnen bezahlten Berichterstatter als unfähig erklärt
zu sehen, und bei der Gleichgültigkeit, welche sie für die bildende
Kunst haben, beschützen sie lieber ihre Lieblinge, und lassen die
Spalten ihrer Journale nur diesen erbärmlichen Umtrieben offen. Wäre
es nicht besser die Räume ihres Blattes mit etwas andern zu füllen,
über bildende Kunst lieber ganz und gar zu schweigen? Denn derlei hebt
kein Journal. Wird auch manchmal die Wahrheit verkündet, so erscheint
es so ausser aller Gewohnheit, wird für Sotise gegeben, und man macht
Pressvergehen daraus; wer soll aber bei einem solchen Pressprozesse
das richtige Urteil fällen, da unsere Kunstzustände weder erkannt noch
beachtet sind?....
Jene Journalisten sind nebst dem, dass sie Ignoranten sind, auch
böswillige parteiische, die auf Kosten der Sache, der Kunst, Individuen
lobhudeln, in einer Art, die angesichts der Kunst wohl höchst lächerlich
ist, aber wegen obiger Ursachen das wahrhaft Gute beeinträchtigt. Ihre
Aussprüche sind gewöhnliche, allbekannte, abgenützte Phrasen.
Wenn es diesen Kritikern wirklich um die Sache und nicht um Personen
zu thun wäre, wenn sie im stande wären, durch ihre Kritik nützen
zu können, so ist nicht das Journal der Platz dazu, auch nicht die
Öffentlichkeit, sondern das Atelier der Künstler. Dort könnten sie ihre
Meinung gegenüber dem Künstler aussprechen, insofern sie eine haben, und
der Künstler sie erwidern; es würde sich bald zeigen, wer der Belehrung
bedarf. Denn belehren soll ja die Kritik, das ist ihr Zweck.
Wenn nun die Herren Kritiker sich befähigt wähnen, gegenüber
dem Künstler ihre Meinung zur Geltung bringen zu können, ihn zu
=belehren,= ihm wenn er auf Abwegen wandelt den rechten Weg zum
Heile der Kunst zu zeigen, so dürften sie insgesamt diesen Vorschlag,
derlei Besprechungen in den Ateliers der Künstler zu pflegen, ihre
begonnenen und vollendeten Leistungen kritisch zu beleuchten, annehmen,
und ich verpflichte mich, der erste zu sein, der in seinem Atelier
seine Werke einer solchen Besprechung unterzieht. Nur eine kleine
Bedingung setze ich daran: dass meinerseits einige Zeugen, wenn auch
stillschweigend, diesen Verhandlungen beiwohnen.
Nun meine Herren, kann man billiger sein, haben Sie eine bessere
Gelegenheit Ihre Beurteilungsfähigkeit zu beweisen?
Auch verpflichte ich mich der erste zu sein, der über diese Fähigkeit in
der Öffentlichkeit seine Anerkennung ausspricht, und alles widerruft,
was er über ihre Ignoranz zum öftern gesagt und geschrieben, wenn sie
das Gegenteil in solcher Art beweisen. Im Gegenteil aber müssen sie
die Sache, wenn auch eine Lieblingssache von ihnen, aufgeben und keine
Kritik mehr schreiben, denn sonst würde ich auch ihr Fiasko, bestätigt
durch ihre Zeugen, dem Publikum zur Einsicht stellen.....
Auch dürfte ihre Anonimität aufhören (vielleicht verschweigen sie aus
zarten Rücksichten für ihre Angehörigen ihre Namen!) sie müssten ihre
Kritiken mit ihren wirklichen, nicht Pseudonamen unterzeichnen, damit
das Publikum gleich ersehe, mit wem es zu thun hat, auch würden dann
die Künstler sich an sie wenden können ihren Rat einzuholen, überhaupt
Nutzen schöpfen von ihren Kenntnissen. Es wäre auch für die Nachwelt
wünschenswert ihre Namen zu wissen, damit sie bei der verdienten
Anerkennung manches Künstlers und seiner Werke auch ihren Teil bekämen.
Wie sind Mozart, Beethoven bei ihren Lebzeiten von gewissen Richtern
heruntergerissen worden! Die Nachwelt denkt anders; ihre Werke in
ihrer Vortrefflichkeit und Originalität stehen vor den Jetztlebenden
unerreicht da. Mozart, Beethoven haben in dürftigen Verhältnissen
gelebt, niemand dachte daran, ihnen wegen ihrer genialen Leistungen
Auszeichnungen zukommen zu lassen, während jetzt manche Kompositeure (ja
wohl ist jetzt alles aus Verschiedenen gestohlen, =komponiert=!)
mit mehreren Orden prangen, die nicht würdig sind, Jenen die
Schuhriemen aufzulösen. Beethoven hätte sich hoch geehrt und glücklich
gepriesen, wenn er die goldene Medaille erhalten hätte als Anerkennung
seiner künstlerischen genialen Leistungen. Die Anerkennung wirklich
künstlerischen Verdienstes ist aber jedem Staate Pflicht und gereicht
ihm zur Ehre.
Wie in der Musik, ebenso in der bildenden Kunst sowohl in Österreich
als in Deutschland. Diejenigen Maler oder Bildhauer und Architekten,
die so recht aus den vorhandenen Kunstwerken aller Zeiten zu stehlen
wissen, werden für diese Diebstähle honoriert und dekoriert. Bei
solchem Treiben wäre es am Platze, dass die Kunstgelehrten ihre Stimme
erheben und darauf hinweisen sollten; was ist aber die Ursache ihres
Stillschweigens? Unkenntnis, Parteilichkeit.....
Mögen derlei geschichtliche Thatsachen das Publikum für die Folge
aufmerksam auf die Unterscheidung von Wahrheit und Trug machen.
[Illustration: Franz Krüger, die Fürstin von Liegnitz, Zeichnung]
HANS VON MARÉES
Briefe
_I diavoli tengano sempre una buonissima memoria
specialmento quando s'incontrano con angeli:
anche che siamo angeli di giorno a giorno._
I.
Neapel, 18. Juli 1873.
... -- Sie müssten eigentlich wissen, dass ich Versprechen selten
halte, mich aber hie und da bemühe, mehr zu leisten, als ich verspreche.
Bei einer gewissen Fähigkeit, mich in die Lage Anderer hineinzudenken,
ist es ein Zug meines guten Herzens, dass ich Ihnen bisher nicht
wissentlich Langweile bereitet habe. Doch kein Mensch entgeht seinem
Schicksale und selbst Sie nicht. So hören Sie denn! Die erste Bedingung,
um in einer Kunst etwas Gutes zu leisten, ist der Takt. Hier stehe ich
nun schon da wie Faust. Denn um zu erklären und deutlich zu machen, was
ich damit meine, müsste ich schriftlich viele, viele Seiten ausfüllen,
wobei dann allerdings sich auch herausstellen würde, dass eben dieser
Takt die erste und auch die letzte Bedingung zu allem künstlerischen
Treiben in sich schliesst. Ist man sich nahe, so bieten sich tausend
Gelegenheiten dar, die Einem den Ausdruck der eigenen Gesinnung und
Meinung erleichtern; und auch wenn man lange zusammengelebt, kann Einer
dem Andern mit wenig Worten viel sagen, doch so auf Distanze zu wirken,
befällt mich doch bei meiner mangelhaften Ausdrucksweise eine gewisse
Furcht, missverstanden zu werden. Und zumal bei einer Kunst, die Dinge
sagen soll, für die keine Worte gemacht sind. Bei der grössten Achtung
für Ihre Auffassungskraft. Indessen erscheint es mir ganz richtig, dass
Sie jetzt ein Stilleben malen. Ich mache Sie piccola pittrice (verzeihen
Sie diese Interjection) darauf aufmerksam, dass Sie dabei niemals einen
Gegenstand für sich betrachten, sondern stets beobachten, wie sich
derselbe zu seiner Umgebung verhält, sei es nun in seiner Begrenzung,
d. h. Form, oder auch in der Farbe. Wenn Sie sich das zur Gewohnheit
machen, so werden Sie bald dahinter kommen, dass man rund malen kann
ohne zu modellieren. Unser Auge nimmt zunächst in der Natur nur
verschieden begrenzte und gefärbte Flecken wahr und nur unsere Erfahrung
und unser Wissen lassen uns auch die ganzen Gegenstände erkennen. Schon
die blosse naive Nachahmung dieser Flecken bringt stets eine gewisse
Täuschung hervor. Davon würde ich an Ihrer Stelle ausgehen, weil Sie
auf diese Weise zuerst dazu kommen, die Mittel, mit denen man nachahmt,
zu beherrschen. Ganz falsch ist es, sich die Manier, die Handgriffe
eines Andern anzugewöhnen, weil man sich damit einen Block zwischen die
Augen und die Natur, der besten Meisterin setzt. Es versteht sich ganz
von selbst, dass auf diese Weise kein erschöpfendes Bild gemalt wird,
doch wollen wir heute bei diesem Punkte stehen bleiben, weil sich dann
nach und nach aus diesem rohen Block etwas Feines herausmeisseln lässt.
Es kommt auch darauf an, ob Sie an das, was ich sage, glauben können:
das ist eine conditio sine qua non. Also denn nach dem italienischen
Sprichwort chi va piano arriva sano, wer langsam geht, erreicht sein
Ziel gesund. Wenn Sie sich auch mit Blumen befassen möchten, so würden
Sie um so mehr himmlische Kränze durchs irdische Leben flechten und
weben. Doch ich bin des trocknen Tones nun endlich satt, möcht einmal
wieder den Teufel spielen. Nein, haben Sie keine Angst, die Hitze,
wenn auch Teufelselement, macht mich dazu unfähig. Ich fühle mich ganz
Maresele. Freuen Sie sich, dass Sie Gebirgsluft atmen können. -- Um
der Hitze einer Nacht zu entgehen, kam ich neulich auf den Einfall, um
Mitternacht auf einem kleinen Kahne nach Sorrent zu fahren, doch da
machte ich die Erfahrung, dass zur Nacht es zur See noch heisser ist
als auf dem Lande. Aber es war doch eine der reizendsten Nächte, die
ich erlebt habe. Die See spiegelglatt, der hellste Vollmond, dazu noch
später Frau Venus, die strahlend die rauchige Werkstätte ihres Herrn
Gemahls verliess und sich im Meere spiegelte. Nur hie und da strich
geisterhaft ein Fischerkahn bei uns vorüber; bis sich endlich ein
frischer Wind erhob, der das Meer gleich schwarz erscheinen liess, auf
dem wir dann mit aufgezogenen Segeln uns schnell unserem Ziele näherten
und mit der aufgehenden Sonne erreichten. Sorrent mit seinen Gärten ist
schon ein kleines Paradies, wenn ich Zeit hätte, führe ich jede Woche
hin. Es sind keine Sirenen dort, aber ein Gasthof nennt sich zu den
Sirenen und solche könnten wohl da einmal ihr Quartier aufschlagen. -- ...
Der Schluss, der leider ein wenig verfrühte Ihres Briefes hat mich
bewogen, Sie in den Teufelsorden aufzunehmen, und zwar verdienen Sie
einen verteufelt hohen Rang in demselben. Also carina diavoletta oder
diavoletta carina, als solche werden Sie zur Zeit der festlichen
Aufnahme Ihr Diplom empfangen. -- ...
(Unterschrift) Der arme, jetzt ein wenig gebratene Teufel, Maresele
genannt.
II.
Neapel, den 9. Sept. 1873.
Gestern Abend wurde ich durch ein verteufeltes Kunstwerk überrascht.
Es ist schwer zu sagen, ob die glückliche Wahl des Gegenstandes oder
die Conzeption und Verarbeitung mehr zu loben ist. Nun, in meine Hände
gelangt, wird es demselben an einem würdigen Platze nicht fehlen.
Hoffentlich und anscheinend hat meine schöne Fleckentheorie Wurzel
gefasst.
Indess soll ich wohl die gestellte Frage unverzüglich beantworten? Fast
möchte ich mich weigern und darin Ihrem teuren Beispiele folgen. Ist das
recht, so gut gemeinte Fragen, wie die meinen, unbeantwortet zu lassen?
Doch ich will Ihren allerhöchsten Unwillen nicht erregen, und meinem
Naturell folgend, ganz zahm und artig folgen.