höchst erbaulichen Kunstschreiben verfertigt, aber allerdings dieselbe,
zunächst aus Zerstreutheit, statt abzusenden, in der Tasche mit
herumgetragen, ein Los, das meinen Schriften häufig genug zufällt.
Zweitens folgt hier eine Beschreibung meines täglichen Lebens. Wie die
meisten Menschenkinder stehe ich morgens auf. Ohne weiteren Verzug,
als den Genuss von etwas gefrorener Limonade, gehe ich an die Arbeit.
Zuerst also den Arbeitern ihre Tagesarbeit bestimmen, das heisst, die
Grösse des Stückes Mauer angeben, das ich bemalen will. Dann wird einige
Stunden nach dem Modell in Oel gemalt und zwar in der grössten Eile;
dann ist der Grund präpariert, und da muss nun oft kolossal viel an
einem Tage zusammengearbeitet werden, bei welcher Gelegenheit nicht
nur Kopf und Hand, sondern auch der ganze Körper in Anspruch genommen
wird, da man oft recht verzweifelte Stellungen einnehmen muss. Bei einer
solchen Geistesgegenwart verlangenden Arbeit vergisst man zwar selbst
die erdrückendste Hitze, aber ist der Abend herangenaht, so ist man auch
zu allem unfähig. Dann lass ich mich höchstens von einer Leib und Seele
erschütternden Carosetta zum kleinen Hafen hinfahren und mir von der See
den Rest geben. Die Seeluft setzt Einen dann wenigstens in Stand, sein
Souper mit einigem Behagen zu halten; schlechtgespielte Strauss'sche
Walzer, korallenfeilbietende Hausierer, scheussliche Moden noch
übertreibende Neapolitanerinnen treiben einen dem Lager zu, wo Freund
Morpheus von summenden, stechenden Janzaren nur zu bald vertrieben
wird. So geht es seit sechs Wochen Tag für Tag. Ist es da ein Wunder,
wenn zuletzt statt eines Menschen oder auch Teufels nur ein dünner
Sommerfaden übrig bleibt, mit dem wenig abzuspinnen ist?... --
III.
Neapel, 19. Sept. 1873.
... -- Wenn ich sicher wäre, dass die Wesen ohne Schnurrbart so
verschwiegen wären, wie die mit, so würde ich Ihnen jetzt sehr -- sehr
viel zu sagen haben. Doch wollen wir jetzt einmal zuerst mit Ihnen
beginnen, in Parenthese, an meine barsche Manier müssen Sie sich nun
schon gewöhnen. Wenn Sie zufrieden mit sich wären, so wäre auch alle
Hoffnung verloren, denn das müssen Sie wissen, dass der Künstlerstand
der wahre Stand der Unzufriedenheit mit sich ist. Je weiter man gelangt,
desto grössere Ansprüche stellt man an sich: das alte Sprichwort:
lang ist die Kunst, kurz ist das Leben, bewährt sich nur zu sehr als
zutreffend. Uebrigens bin ich auch nicht direkt der Ansicht, dass der
Schnurrbart das allein seligmachende Mittel zum Leisten ist; jedoch
sind den Frauen grössere Hemmnisse in den Weg gelegt. Vor allen Dingen
hinderlich ist es ihnen, dass sie vorzugsweise und in erster Linie
Damen sein wollen, mit anderen Worten die Männer mehr vom Leisten
abhalten, anstatt sie darin, wie ihre Geschlechtsgenossinnen, die Musen,
anzueifern und zu bestärken. Wer etwas leisten will, darf den Teufel
darnach fragen, was man sagt, sondern muss unverrückt sein Ziel vor
Augen haben; und das soll nicht ganz leicht sein. Man muss sich mehr
für eine Sache als für die Leute interessieren. Vor allem aber muss
man lernen, das Gute vom Mittelmässigen zu unterscheiden; das ist der
einzige Weg zum Heil. Glauben Sie nicht, dass ich Sie einschüchtern
will, sondern ich gebe Ihnen nur zu überlegen, was doch erwähnenswert
ist. Bei allen Leistungen von dauerhaftem Werte spielt der Charakter
eine grössere Rolle als man glaubt. Das grösste Hindernis bleibt stets
die gute Gesellschaft; um comme il faut zu sein, bedarf es nicht
mehr Verstandes, als der eines Nussknackers, während die verlangten,
erbärmlichen Rücksichten den Gescheiten seiner besten Zeit und besten
Gedanken berauben. Ein Mann kann sich über dergleichen Dinge mit
Leichtigkeit hinwegsetzen; aber einer jungen Dame dürfte das schon
eine schwierige Aufgabe sein, wenn auch nicht unmöglich. So, für heute
erlassen Sie mir die Fortsetzung meiner Predigt; Sie müssen wissen,
dass ich heute schon eine lebensgrosse Giovinetta in einen Orangenhain
gesetzt habe, am liebsten wäre es mir gewesen, ich hätte Ihr liebes
Konterfei statt dieses machen können. Aber Ihre Photographie ist zu
sehr verschieden vom Original. -- ..... -- Doch muss ich Sie zunächst
noch um sechs Wochen Urlaub bitten, damit ich als ein Mann erscheinen
kann, der in Wahrheit etwas geleistet hat. So lange brauche ich, um mein
ganzes Werk, das Jahre in Anspruch zu nehmen schien, zu vollenden. Einen
solchen Einfluss hat die italienische Luft auf mich ausgeübt.
Diese neue Erfahrung lässt mich allerdings mit Grauen an den Norden
und speziell an Dresden, die Capitale der Mittelmässigen, denken. Ich
habe grosse Pläne, sobald sie sich realisieren oder die Möglichkeit dazu
sich herausstellt, so werde ich dieselben Ihnen mitteilen... -- Es wird
dunkel und ich schliesse. Duncque carissima carina non dimenticate me
poveretto, perchè sarebbe poco bene a me di cantare come la mia bella
vicina: Ti voglio ben assai e tu non pensa me -- ...
IV.
Florenz, 3. Dezember 1873.
... -- Die Wahrheit zu gestehen, befand ich mich die ganze Zeit in
einem sehr anormalen und jedenfalls für das Briefschreiben höchst
ungeeignetem Zustande, der erklärt und entschuldigt wird durch die für
mich allerdings grossen Anstrengungen. Zu Beginn voriger Woche bin ich
mit meinen Arbeiten in Neapel zu Ende gekommen und gleich darauf über
Rom hierher gereist. Es war meine Absicht, nach Deutschland zu reisen,
die habe ich aber, da ich in der That zu sehr der Erholung bedarf,
vorläufig aufgegeben. Dafür habe ich aber hier ein Lokal in einem
reizend gelegenen Kloster gemietet und wenn wir es bei der Ortsbehörde
durchsetzen können, werden wir nach und nach Herren des ganzen Gebäudes
werden. Was ich mir nach dieser Seite gewünscht, scheint nun in
Erfüllung zu gehen -- ...
... -- Soeben habe ich Frau Koppel aufgesucht und habe da zu meiner
Ueberraschung gehört, dass la bella in diesen Tagen hierher kommt.
Da wird denn wohl die Zeit nicht fern sein, wo auch die carina hier
erscheinen wird und ebenso la graziosa, um dann den Sirenengesang in
choro anzustimmen. Dann würden Sie im Frühjahr nach der Heimat Ihrer
Kolleginnen wandern und sich bei der Gelegenheit überzeugen können,
welche Schandthaten ein von den Sirenen Bethörter verrichtet hat. Diesen
Brief, es ist der fünfte, schicke ich jetzt definitiv ab -- ...
V.
Neapel, 1. Juli 1874.
... -- Ein trauriger Anlass rief mich zu Beginn des Frühjahres nach
Deutschland und nachdem ich dort meinem von mir hochverehrten Vater die
letzte Ehre erwiesen hatte, strebte ich sobald wie möglich die Stätte
trauriger Erinnerungen zu verlassen und kehrte so über Paris nach
Florenz zurück. Dort hatte indessen Hildebrand den Kauf eines Klosters
abgeschlossen, wo nun jetzt auch für mich eine bleibende Stätte bereitet
wird. Wenn Sie nach Florenz kommen und den berühmten Aussichtspunkt
Bello-Sguardo besuchen wollen, so können Sie nicht vermeiden, bei der
Statue des S. Francesco vorbeizukommen. Das Bildwerk ist schlecht,
doch, wenn auch mit bedauerndem Gesichtsausdrucke, zeigt seine erhobene
Hand dahin, wo der stets fidele Giovanni Cerbero weilt. Unmittelbar
hinter ihm -- dem Heiligen -- öffnet sich gross und weit die Pforte des
Verderbens. Doch fürchten Sie nichts und treten Sie unbekümmert hinein,
das höllische Ungeheuer wird Sie sofort als Herrin begrüssen. Oben aus
den ehemaligen Zellen geniesst man die herrlichste Aussicht auf die
friedlichen Stätten, denen unsere Kultur soviel zu verdanken hat. -- Da
es jetzt gar zu heiss in Florenz ist und bei uns gebaut wird, so lebe
ich für die zwei Monate Juli und August hier in Neapel, wo ich mich mit
der Beobachtung der Menschheit in ihrem wahren Naturzustande
beschäftige -- ...
[Als Adresse angegeben: H. v. M. jetzt Napoli Stazione zoologica oder
Firenze 19 San Francesco di Paola fuori porta Romana.]
VI.
[Unterzeichnet: Spiriti capuzineschi di S. Francesco di Paola].
VII.
Florenz, S. Francesco di Paola, 29. I. 1875.
Hoffentlich wird sich Eure Engelschaft von dem Entsetzen über meine
Heiligkeit wieder einigermassen erholt haben. Was ist zu thun,
heutzutage muss man sich eben gewöhnen, für etwas gehalten zu werden,
was man nicht ist. So kann ich Ihnen im Vertrauen sagen, dass ich
allerdings weder in heiligen, noch in profanen Sachen ein grosser
Meister bin, was ja auch schliesslich gar nicht nötig ist. Es ist genug,
wenn man es dahin bringt, das Unglück, in unserem reizenden Jahrhundert
geboren zu sein, mit Geduld zu ertragen. Die Herren Damen können lachen,
sie haben weniger Grund, unzufrieden zu sein, wenigstens brauchen sie
es nicht zu merken. Und nun soll ich Ihnen wohl sagen, wo das Unglück
steckt: das werde ich aber fein bleiben lassen. Im Gegenteil, wenn
Sie nicht in der Stadt der Phäaken lebten, würde ich ein wenig Ihren
Neid zu erregen suchen, durch Erzählungen von Sonnenschein, blühenden
Rosenbüschen und dem friedlichen Klosterleben. Es könnte das vielleicht
auch einen Engel reizen, wenn nicht Wolken von Anbetern noch reizender
wären. Doch, wenn das paradiesische Dasein darin besteht, dass ein Tag
wie der andere vorübergeht (denn so ist es ja doch), so scheint mir hier
das wahre Engelsklima zu sein. Nur bringt das Land wenig dergleichen
hervor, nichts natürlicher daher, wenn man wünscht, dass sie von
anderwärts daher geflogen kommen. Sie sehen, Einsamkeit und Klosterleben
bringen einen in etwas heiligen Geruch, mit Engeln dagegen würde man
selig sein. Doch im Ernst, der selige Marées möchte ich vor der Hand
noch nicht genannt werden. In der Kunst bin ich indessen ziemlich dahin
gelangt und wenn mein Herr Genius sich nicht bald mit neuem Vorrate im
Lande der Seligen versieht, so mag er sich vom Teufel holen lassen.
Was treiben Sie denn eigentlich? Von der Hauptsache, das heisst von
sich, lassen Sie ja Ihren caro maestro gar nichts hören. Ich muss mich
ja schämen, jedesmal so viel von meiner Wenigkeit zu plaudern, und
fürchten, für einen selbstsüchtigen Narren gehalten zu werden. Immerhin
glaube ich kein Narciss zu sein -- ...
VIII.
Roma Via Sistina 107. 25. Mai 1877 (?).
... -- Wie werden Sie aufatmen, nun vor schwerfälligen Römern sicher
zu sein, die andern Menschen nur das Dasein verleiden und vor lauter
Eitelkeit nicht einmal Hinz noch Kunzen aufkommen lassen möchten. -- ...
-- Nachdem wir, Adonis und ich Sie verlassen hatten, befanden wir
uns glücklich in einem Bummelzuge, der erst 9 Uhr abends in Florenz
ankam. Dies setzte uns jedoch in die Lage, der heiligen Cäcilia in
Bologna unsere Bewunderung und Verehrung darbringen zu können. Zwei
Tage blieb ich noch in Florenz, wo auch Ihre Angelegenheiten erledigt
wurden, und bin heute wieder in meine mehr traurige als trauliche
Einsamkeit eingekehrt. Sie sehen in diesen schlechten Zeilen meine erste
Beschäftigung. -- ...
IX.
... -- Denn nichts ist trauriger in der Welt als Missverstehen und man
soll vom Apfel nicht verlangen, dass er auch eine Rose sei. -- ...
X.
1877.
... -- So entsteht eine sehr schöne Sammlung, in der die launige,
schlechtlaunige, gutlaunige, strenggelaunte, ernstgelaunte
Selbstschilderung eines so interessanten Individuums als das meinige,
enthalten ist. Daneben Sprüche der Weisheit, tiefsinnige Bemerkungen
über Kunst und goldene Lebensregeln. Es ist blos schade, dass das alles
doch am Ende ein Raub der Flammen sein wird -- ...
... -- Ich bin überzeugt, dass mein Streben nach Klarheit und Wahrheit
in Kunst und Leben des Lohnes nicht entbehren wird. -- Ich gedachte
nach Deutschland zu gehen, doch nach reiflicher Ueberlegung habe ich
das aufgegeben, ich darf mich nicht zu sehr zerstreuen und werde Ischia
als Badeort und Villegiatur benutzen, und vielleicht finde ich an jener
homerischen Küste auch eine Bucht, an der ich die künftige Villa erbauen
kann. Das Geplätscher der Meereswogen ist unbedingt notwendig zu einem
erspriesslichen Landaufenthalt. -- ...
XI.
(wahrsch. Rom, Ende Mai 1877.)
Vielleicht weiss die unvergessliche, vergesslichste Pallas trotz ihrer
Göttlichkeit nicht, dass dieser Monat der Monat der »Allegria« ist.
Hier in Rom, auf seinem Siegeszug von Indien aus, gelangte endlich Gott
Bacchus auch hierher; auf dem Janiculus pflanzte er seinen Thyrsusstab
in den Boden und sagte: Auch ich will von hier aus die Welt beherrschen!
Und in der That, wenn ein Kult in der ewigen Stadt unvergänglich und
unerschüttert bleibt, ist es der seine. Namentlich ist es in diesem
Monate, dass er seine Macht zeigt, dann müssen sich alle anderen
Gottheiten, selbst Venus und Amor, ihm beugen. Gross und klein, Mann
und Weib huldigen ihm in dieser Zeit und zwar in bacchantischem Jubel.
Darf nun wohl der Priester der Pallas, der hohen, über gewöhnliche
Weiberschwächen erhabenen Pallas, der schon oft zürnenden Pallas, sich
in diesen wilden Strudel der Begeisterung fortreissen lassen? Er vor
allen Dingen sollte den Ruhm und die Ehre seiner Gottheit aufrecht
halten. Doch wie kann er das, wenn sie selbst in undurchdringlichen
Nebel tiefen Schweigens gehüllt sich seinem Aug' und Ohr verbirgt?
Verlassen ohne Trost, ohne Stärkung, was soll er thun? Dort steht der
Knabe, der lächelnde, mit gefüllter Schale, komm, winkt er und trinkt
den Trank freudiger Begeisterung, süssen Vergessens. Komm, was dein Herz
auch beunruhigt, hier bei mir findest du Trost, Ruhe und Freude. Komm,
deinen Gliedern gebe ich Kraft und Rüstigkeit, deine Phantasie erfülle
ich mit den lieblichsten Bildern, und sagst du Schmeichler, ich verlange
von dir nichts als Nehmen, kein Gelübde, keinen Schwur, keine Treue,
nimm du nur und ich will nur geben. So spricht er, der Jubel seiner
Scharen, die fliegenden Haare, die leuchtenden Augen, die schwellenden
Lippen, Gesang und Tambourinen -- das alles betäubt mich, ich kann nicht
länger widerstehen, ich schwanke -- nein, ich schwanke nicht, denn ich
weiss, der Pallasdienst gewährt höhere, bewusstere Freuden. -- ...
XII.
Rom, 2. Juni 1877.
... -- Von meinem versteinerten Dasein wird sich wenigstens das Haupt
in nächster Woche in einen vergipsten Zustand verwandeln und die
Metamorphose einer zweiten Versteinerung wird im nächsten Winter vor
sich gehen. Sollte dieses Gipsscheusal in Wien willkommen sein, so würde
sich dasselbe gehörig eingetrocknet dorthin bewegen. Di Lei umilissimo
servitore e sciavo.
H. v. M.
XIII.
jedenfalls Juni 1877.
... -- denn klar und ehrlich sein, ist sich selbst offen zeigen. Der
ganze Vorgang meines Lebens ist eigentlich dies Bestreben gewesen und
ich weiss auch, dass dadurch sowohl ich als andere mehr gewonnen wie
verloren haben. Durch nichts wird die gegenseitige Teilnahme mehr
gesteigert. -- ...
... -- Sie werden nicht böse sein, wenn ich ein Beispiel anführe: Après
nous le déluge, d. h. ich will mitnehmen was ich kann, mag auch die
Welt darüber zu Grunde gehen. Könnte man sich, wenn solch ein Grundsatz
wirklich ins Gemüt gedrungen wäre, noch Liebe zu einer Person oder Sache
vorstellen? Beides, Glück und Genuss, werden dann unmöglich sein und
auch die Wirkung auf die Umgebung ist vernichtend. Besser, richtiger,
glaube ich, wäre es zu sagen, handle, lebe deiner Ueberzeugung treu,
sollte auch deine Person darüber zu Grunde gehen. So und nicht anders
sind alle Menschenwerke entstanden, die das Leben, die Welt auch nach
dem Hingange ihrer Schöpfer schliesslich zusammenhalten... --
-- ... -- Rom ist auch der Ort, wo ich mich selber doch am meisten
fühle, denn hier ist mein Wesen erst zu sich selbst gekommen und
lernen kann hier jeder; denn auch die Sitten, richtig gesehen, können
nur günstigen Einfluss haben, namentlich die der Frauen. Ich freilich
habe einige, nicht ganz mit meinen übrigen harmonierende italienische
Eigenschaften angenommen, die man mir wohl wieder abgewöhnen kann. -- ...
... -- Hoffentlich wird der Abguss wohlerhalten ankommen, es dauert
immer etwas lange. Vom Verfertiger desselben erhalte ich soeben aus
Deutschland die Anzeige seiner Verlobung und demnächstigen Heirat.
XIV.
Juni 1877.
... -- Das Schicksal hat mir doch die grosse Gunst erwiesen, dass ich
auf weitere und nicht gemeine Ziele lossteuern durfte. Im Grossen und
Ganzen habe ich die Zeit nicht unbenützt vorüberziehen lassen; ich habe
manches erworben, was vielleicht nicht zu verachten ist. Ich habe nicht
planlos gelebt, und die Zeit nähert sich, in der sich das zeigen wird.
Von Natur nicht ohne Mut, beseelt von Glauben und bewährt mit festen
selbsterrungenen Ueberzeugungen hat mich der Blick in die Zukunft nie
zittern gemacht. -- Von Haus aus hielt ich es unter der Würde meines
Berufes, der ein edler ist, denselben zum eigentlichen Erwerb zu
missbrauchen, obgleich es mir oft, wenn ich wollte, nicht so schwer
wurde -- ...
... -- Und so hätte ich vor der Hand weiter nichts zu sagen, als
dass die Büste heute abgegangen ist, mögen die starren, harten Züge
derselben, weil sie die Hülle eines weichen, treuen und zarten Gemütes
sind, nicht unwillkommen sein. Der Pallas die gebührende Verehrung und
Kniebeugung von ihrem getreuen Ritter Hans.
XV.
Ischia, Marina della Mandra, wahrscheinlich 1878.
... -- Wer nach irgendetwas in der Welt strebt, kann von
Kleinlichkeiten nur momentan befangen sein und wird sie auch bei
niemand anderem voraussetzen. So wie man in der Kunst sich bemühen
soll, die vorzüglichen Seiten der Kunstwerke zu erkennen, anstatt der
mangelhaften, so soll man es im Leben auch machen, im anderen Falle
würde letzteres sehr freudlos sein. Darum muss ich immer wiederholen,
dass ich selbst auf einen vollen Lebensgenuss stets erpicht bin und mich
darum wohl befähigt fühle, auch anderen darin etwas beizustehen und
da muss es Einen natürlich betrüben, wenn man sieht, wie die Meisten
dem momentanen Amüsement dauerndes Vergnügen, Wohlbehagen und Glück
ohne weiteres zum Opfer bringen. Um von allgemeinen Betrachtungen auf
mich selbst zurückzukommen, so kann ich sagen, dass ich mich hier
durchaus heimatlich fühle. Und wie könnte es anders sein. Lachend Himmel
und Meer, lachende Landschaft und fröhliche Menschen, da müsste man
allerdings versteinert sein, wenn man nicht auch eine etwas heiterere
Physiognomie wie gewöhnlich annähme. Ich führe hier allerdings ein
reines Schlaraffenleben. Baden, segeln, reiten, auch auf den Bergen
herumklettern und sich dann gelegentlich erfrischen und stärken, ist
jetzt meine ganze Thätigkeit, und nebenbei fehlt es nicht an der
vortrefflichsten Unterhaltung, da ein Freund von mir hier lebt, den man
schon zu den ungewöhnlich intelligenten Menschen rechnen darf. Soviel
steht fest, dass, wenn man sich von der Arbeit erholen und zu neuerer
frischerer Thätigkeit vorbereiten will, es kein anderes Land giebt,
dass das so möglich machte als die glücklichen Küsten dieses Meeres.
Hier von meinem Fenster aus sehe ich die Stelle, wo die Elite der Römer
sich ihre Landsitze baute, und dass es heute nicht mehr so ist, beweist
nur, wie wenig man jetzt zu leben versteht. In diesem verdienstlosen
Hinschlendern habe ich doch ein kleines Verdienst, dass ich nämlich den
Lockungen von Sirenenkünsten und Najaden standhaft widerstehe. Doch
was schreibe ich das, da ich doch weiss, dass dasselbe, weil es nicht
berührt, auch nicht anerkannt wird. Im übrigen hoffe ich, dass Pallas
sich wohl befinde und überhaupt (als solche nämlich) existiert. Dass die
Ueberzeugung hiervon mein Wohlbefinden unendlich heben würde, versteht
sich von selbst und ich verbleibe bis dahin ein knurrendes Meerscheusal.
* * * * *
Neapel, den 26. Mai 1873.
Verehrteste gnädige Frau! Aus den blauen Wogen, auf denen ich mich
jetzt täglich schaukeln kann, steigen immer lebhafter die Erinnerungen
an die verlebten schönen Tage in Wien empor. Damit mir dieselben nicht
auch zu gleicher Zeit Gewissensbisse erzeugen sollen, so erlaube
ich mir, Ihnen noch einmal meinen lebhaftesten, herzlichsten Dank
auszusprechen für alle Liebenswürdigkeiten, die dem Eindringling von
Ihnen und den bösen Sirenen zuteil geworden sind. Anders kann ich leider
die letzteren nicht nennen, denn während Odysseus nur die Knochen der
Verlockten am Strande erblickte, so sind diese wertlosen Gegenstände
das Einzige, was ich so halbwegs gerettet habe. Als das Palladium für
das übrige ist der Hut in Wien geblieben, der wohl noch so schwarz wie
früher sein wird.
Uebrigens ist es besagten Knochen in der Gesellschaft eines
liebenswürdigen gescheiten Freundes bisher nach Umständen gut ergangen.
Der Himmel verhüllte während der ganzen Reise gnädig das Antlitz der
Sonne. Vergeblich suchte ich in Venedig Ihren Herrn Sohn zu entdecken,
in Florenz verlebte ich mit alten und neuen Freunden zwei angenehme
Tage, in Rom nur einige Stunden als Herr von Münchhausen und bin
seit drei Tagen hier mit den Vorbereitungen zu einer vita pittoresca
beschäftigt. Meine demnächstige Werkstätte wird fast vom Meer bespült,
wodurch die Einwirkungen der nun hereinbrechenden Sommerhitze bedeutend
abgeschwächt werden.
Verzeihen Sie meine gnädige Frau, dass ich soviel von mir geschrieben
habe, es ist nur aus dem Beweggrunde geschehen, so doch einmal etwas von
Ihnen vernehmen zu können.
Ich hoffe, dass Frau H. nun gänzlich hergestellt sein wird und dass
sich Ihre ganze Familie eines wünschenswerten Wohlbehagens erfreut.
Ihrem Herrn Gemahl bitte ich mitzuteilen, dass ich mich bereits
umgesehen habe, doch bei dem einzigen vorgefundenen wegen ganz
übertriebener Forderungen von den Unterhandlungen abstand. Da ich einmal
im Bitten bin, so bitte ich Sie auch noch Ihr jüngstes Fräulein Tochter
auf ein künstlerisch-pädagogisches Sendschreiben vorzubereiten von einem
al fresco-pittore, der sich zum Schluss dem geneigten Andenken von Ihnen
und Ihrer ganzen Familie empfiehlt und in dankbarster Ergebenheit nennt
Hans von Marées, Napoli Hôtel grande Bretagne.
* * * * *
Neapel, den 5. Juli 1873.
Verehrteste gnädige Frau, Ihr liebenswürdiger Brief hat mir die
unbeschreiblichste Freude bereitet. Wie herzlich ich den Anlass der
Verzögerung einer solchen Freude bedauere, brauche ich gewiss nicht zu
versichern. Hoffentlich wird sich nun Ihre Frau Tochter nach so langem
Leiden einer desto dauernderen Gesundheit erfreuen.
Uebrigens will ich es Ihnen nur gestehen, ich war im Stillen recht
trostlos so gar kein Lebenszeichen von Ihnen und den Ihrigen zu haben.
Umsomehr fühlte ich mich jetzt entschädigt. Vielleicht hat sich keine
Gelegenheit gegeben Ihnen den Hauptzug meines Charakters zu offenbaren,
das ist der Egoismus. Und er mag sich denn auch darin zeigen, dass, wo
ich einmal Sympathie gefasst habe, ich auch zäher und fester halte als
ein Polyp seine Beute. Bisher hat mich darin mein Instinkt noch nie
getäuscht und so vertraue ich ihm auch blindlings.
Ob Sie mich übrigens so sehr beneiden würden, wenn Sie den hiesigen
Sommer kennten, dürfte bezweifelt werden. Auf die schönen, bedeckten
Regentage muss man schon Verzicht leisten. Besser steht es schon mit
einigen Menschen und noch besser, das kann ich nicht leugnen, mit der
Kunst.
Und ich kann ja gewiss sein, Sie werden keinen Gebrauch davon machen, so
will ich Ihnen anvertrauen, dass ich anfange zu merken, dass die Mutter
Natur es recht gut mit mir gemeint hat, und tritt kein feindlicher Dämon
mir in den Weg, so werde ich bald meiner Person und noch mehr meiner
Kunst Ehre machen.
Ich bin nun fest überzeugt, dass ich den Lohn um den ich Jahre lang
durch angestrengtes Studium und heimliche Selbstverleugnung gerungen
habe, erhalten werde. Er besteht darin, dass ich das Beste -- Feinste
was ich empfinde, ausdrücken kann und vielleicht für Viele verständlich.
Ich arbeite mit Hildebrand zusammen, wir sind uns gegenseitig nur
Ergänzungen, eigentlich nur eine Person: das kommt daher weil wir uns
beide ganz einer Sache gewidmet haben.