1876 waren wir in Venedig zusammen. Schuch mietete ein Haus am Canal

grande, wo ich ganz oben ein Atelier einrichtete, mit einer Treppe nach

der Plattform des Daches, von wo wir oft des Abends die versinkende

Pracht Venedigs bewunderten. Schuchs Aufenthalt in Venedig hatte den

Zweck, ausserhalb jeder Konvention selbst auszureifen und vom Stilleben

zur Architektur und von dieser zur Landschaft zu kommen. Hier in tiefer

Einsamkeit mit mir als Mitstrebenden bildete er sich weiter und es

entstanden die grossen wunderbaren Stilleben: das »Küchenstilleben«,

das »Stilleben mit der Figur seines Dieners aus Cadore« und das

»Studierzimmer«. Die Einsiedelei in Venedig war etwas Wunderbares an

Arbeit, wenn ich die Gondelfahrten, die Ausflüge nach Chioggia, ins

Gebirge usw. mit hinzurechne; denn immer war es Forschung, die zu allem

trieb. Von ihm mit Mitteln ausgestattet, schleppte ich alles Malenswerte

herbei, sogar einen lebenden Uhu aus den Cadorischen Alpen.

Die Art und Weise wie Schuch arbeitete, war ungeheuer interessant.

Er hat, so lange ich mit ihm malte, niemals gezeichnet, weil er nur

malerisch empfand und eine Zeichnung ihm nicht ausdrucksvoll genug war.

Wenn er ein Stilleben gestellt hatte, betrachtete er es lange und hielt

eine förmliche Konsultation ab, um das Bild geistig fertig zu bekommen

und die Mittel festzustellen, womit die Absicht am besten zu erreichen

war. Die Palette mit den wenigsten Farben war ihm die liebste. Fand

er nach einer prima Malerei, dass ein Stück nicht recht gelungen war,

so wurde es mit Ossa sepia wieder ausgeschliffen und neu gemalt. So

sind oft Dinge, namentlich in den grossen Stilleben, zweimal gemalt.

Es sind auch oft gute Sachen abgeschliffen und einmal standen sogar 38

abgeschliffene Leinwände da, um Neues aufzunehmen. Matheo, der Diener,

schliff manchmal wie ein Besessener.

Er liess ein gestelltes Stilleben stehen und malte es oft mit einer

anderen Farbenzusammenstellung, wenn er glaubte es treffender und

vollkommner auszudrücken. Ueber alle Erfahrungen, Beobachtungen,

Paletten usw. führte er Buch. Jede Farbe prüfte er auf ihre

Ausdrucksfähigkeit für Schatten, für Licht usw. Worauf Schuch gar keinen

Wert legte, das war sein empfindungsvoller Vortrag, der seinem die

Dinge förmlich befühlenden Blick entsprach. Und so sehr er Meister der

Technik war, so hasste er die Geschicklichkeit, die nichts ausdrückt.

Jeder Strich hatte bei ihm etwas zu sagen und wenn er früher einer

Fleckentheorie huldigte, als er noch in München war, so kam er nach und

nach davon ab. Er hatte erkannt, dass er, wenn er alle Töne ehrlich

abschrieb, doch nur eine Seite der Erscheinung gab, selbst wenn alles im

Ton war. Er wollte kein Mosaik der Erscheinung geben, sondern auch in

seiner Darstellung den Gehalt der Dinge ahnen lassen. Er wusste, dass

er über diese Stufe hinweg musste und wurde nun breiter und freier in

seinen Stilleben, namentlich in seinen Riesenstilleben von Venedig. Die

Empfindungsweise seiner frühen Arbeiten war gleichmässig und nicht durch

sein Temperament variiert, wie es später geschah, wo die Skala immer

grösser wurde. Am feinsten sind für mich seine Skizzen, worin die ganze

Feinfühligkeit mit dem Temperament gepaart zum Ausdruck gekommen ist.

Als Beispiele seiner ersten Art führe ich an: »Krebsstilleben«; als

seiner zweiten Art entsprechend: »Die Wildente«, und von Skizzen das

Atelier in Venedig.

Wenn Schuch in Venedig immer das Ziel hatte, vom Stilleben zur

Landschaft über die Architektur zu gelangen, so giebt es doch nur eine

Architektur von ihm: Abazzia St. Gregorio. Dagegen viele Blumenstücke,

die denselben instruktiven Zweck hatten.

Die alten Italiener übten den Einfluss, dass Schuch aus seiner früheren

Schwärze herauskam; nur Tizian mit seinem warmen Licht bewog ihn

mehrmals Stillleben des Spätnachmittags in seinem Atelier zu malen.

Dieses hatte ich mit Holztäfelung versehen, die ein brütendes Licht

erzeugte, wenn die Sonne schien.

Eine Sendung meiner Federzeichnungen aus Ferch bewog Schuch dann

hierher zu kommen und nur zu landschaftern. Drei Sommer malten wir

zusammen und Ferch war nur die Fortsetzung der wunderbaren Einsiedelei

von Venedig. Als er klar über das Stilleben war, suchte er auch für

die Landschaft die reinste Vorstellung. Er fasste die Natur als etwas

Lebendiges auf, worin Licht und Luft das eigentliche Leben erzeugen; er

wollte aus der Natur nichts machen, sie nicht aufbauschen, sondern durch

feinste Beobachtung ihr eigenstes Leben geben und die Natur von Ferch,

die Wiesen mit kleinen Wässern, die graziösen Birken waren immer wieder

Gegenstand seines intimsten Studiums.

Im Winter 1883-84 waren wir in Paris. Ein Ereignis für ihn war die

Ausstellung Manet und selbstredend war der Impressionismus Gegenstand

seines tiefsten Nachdenkens. Er erkannte die impressionistische

Darstellungsart nur als Ausdruck, Sprache, die nicht für jeden passt

und darum für viele gefährlich werden muss. Er bewunderte das Licht,

das Leben in den Arbeiten; am meisten aber eigentlich Monet, den er als

Genie betrachtete, weil er den Darstellungskreis bereichert hat, indem

er das bewegte Licht ausdrückte. Dass Monet alle möglichen Dinge malte,

dass er alle Stimmungen zum Ausdruck brachte, interessierte ihn nicht

sehr, sondern nur, dass er durch feinste Beobachtung der Valeurs ein

bewegtes Licht schuf und dass alle Gegenständlichkeit doch nur die Folie

war, auf der der Kampf zwischen Luft und Licht ausgekämpft wurde. Diese

That Monets war ihm das Wertvolle am ganzen Impressionismus und die

grösste Errungenschaft der modernen Malerei.

Die Auswüchse des Impressionismus (die oft den Eindruck gestopfter

bunter Wolle machten), verlachte er als geistloses Gestupfe, ebenso

hatte er für jede Schmierskizze, die Impressionismus sein sollte, ein

bitteres Lachen.

Die ungeheure Energie aber, womit Alle das Prinzip erfassten,

bewunderte er und sie war für ihn ein Sporn, seine Art weiter zu

entwickeln. Während einer Debatte, die es schon des Morgens beim Kaffee

gab, sagte er mir:

»Ich möchte am liebsten gar nichts, weder Impressionismus noch Leibl,

weder Daubigny noch Millet -- ich möchte treu und ehrlich sein können

und nicht ein Verhältnis zur Natur wie Troyon oder X und Y, sondern wie

ich selbst.«

Er meinte hiernach auf das Klarste, dass in letzter Instanz ein Werk nur

Wert hat durch die Persönlichkeit, die dahinter steht, nicht durch die

Ausdrucksform, Sprache, in der es vorgetragen. Dass er sich treu blieb,

sieht man an seinen grossen Waldbildern vom Doubs, wohin er in den

achtziger Jahren oft ging. Das Licht zittert in den Bildern, aber der

Helle ging er doch eher aus dem Wege, als dass er sie suchte. Es zittert

durch die mannigfaltigen Valeurs. Nur ein Deutscher konnte Waldbilder

schaffen von solcher Intimität und Wucht, diese Waldbilder vom Doubs

geben mir Recht, wenn ich behaupte, dass Schuch sein Ziel vom Stilleben

zur Architektur und Landschaft zu kommen erreichte. Statt aber, dass

eins dieser grossen Waldbilder mit dem grossen Küchenstilleben, das

Schuch für sein Hauptwerk hält, eine deutsche Galerie schmückt und sein

Bild vervollständigt, sind sie in Wien begraben.

Dass Schuch auch Köpfe, von denen mein Porträt Leiblsche Qualitäten

hat, und auch Akte malte, darf ich nicht unerwähnt lassen. Leider werden

nur meine Sachen übriggeblieben sein.

Schuch als Menschen zu schildern, würde auch sehr interessant sein, doch

muss ich mich kurz fassen. Wenn bei einer künstlerischen Persönlichkeit

der Künstler nur der Extrakt von seinem Menschen ist, so ist der

Rückschluss bei Schuch nicht trügerisch. Nur ein tief- und feinfühlender

Mensch konnte diese Kunst schaffen, und wenn für den Liebhaber der Sinn,

Bilder zu sammeln, der ist, dass er hinter seinen Kunstwerken ihre

Erzeuger von der Wand deutlich reden hört, so muss ich sagen, dass mir

mein Porträt von ihm ein kostbarer Besitz ist, der mir sein Andenken als

Freund und Lehrer immer gegenwärtig und lebendig erhält.

Bei allseitiger Bildung, bei lebhaftem Temperament, bei grosser

Opferfreudigkeit und Aufrichtigkeit, war es eine Freude, mit ihm

zu leben und zu streben. Seine Treue war gross; und für mich war

es die schönste Zeit, meine eigentliche Lehrzeit, als ich mit ihm

zusammenstrebte und lebte.

[Illustration: Max Liebermann, Zeichnung]

Wenn ich neuerdings lese, in welcher Weise Trübner über seinen

verstorbenen Freund spricht, so befremdet mich das sehr. Ich weiss,

dass Schuch mit Trübner intim befreundet war, dass Schuch mit ihm

Freundschaft schloss, um gemeinsam zu streben und dass Schuch der Letzte

sein würde, einen Einfluss Trübners zu bestreiten. Wieviel Einer dem

Andern gab, ist schwer festzustellen und auch vollkommen gleichgültig,

da es in letzter Instanz für die Bedeutung Schuchs doch nur darauf

ankommt, was er ohne Einfluss geschaffen hat. Ich glaube aber, dass bei

der starken Intelligenz Schuchs, die aus seinem Lebenswerk sowie aus

seiner Korrespondenz spricht, auf der ich fusse, von einer Abrichtung

keine Rede sein kann. Wenn Trübner diese Briefe, in denen Schuch über

ihn spricht, lesen würde, so könnte er keinen Augenblick im Zweifel

sein, wie ihn Schuch als Freund verehrte, wie er sein Talent anerkannte

und stets für ihn eingetreten ist. Sicher hätte Trübner nicht in solcher

Weise über seinen toten Freund sprechen können. Wenn Talent gestaltendes

Gefühl ist, so hatte Schuch sehr viel und sein Lebenswerk wird für

Einsichtige bekunden, inwieweit er von Trübner beeinflusst war und was

er unbeeinflusst schuf. Dies Lebenswerk (die grossen genannten Bilder an

der Spitze), wird deutlicher für ihn reden als ich es jemals vermöchte.

EDOUARD MANET

VON

EMILE ZOLA

Edouard Manet ist mittelgross, eher klein als gross. Sein Haar und

Bart sind blass kastanienbraun, die Augen, dicht bei einander und tief,

haben jugendliches Leben und Feuer. Der Mund ist charakteristisch

dünn, beweglich, etwas spöttisch in den Mundwinkeln. Das ganze Gesicht

von einer feinen, intelligenten Unregelmäßigkeit zeigt Biegsamkeit,

Kühnheit, Verachtung des Banalen und der Dummheit. Wenn wir vom Gesicht

zum Wesen kommen, so finden wir in Manet einen Menschen von einer

ausgesuchten Liebenswürdigkeit, sehr höflich, von vornehmen Allüren und

sympathischem Eindruck.

Der Künstler hat mir eingestanden, dass er leidenschaftlich gern in die

Gesellschaft geht und eine geheime Wollust bei der parfümierten und

leuchtenden Zartheit der Soiréen empfindet. In die Gesellschaft treibt

ihn ohne Zweifel seine Liebe für breite und lebhafte Farbströme, aber es

ist in seinem Inneren auch ein angeborenes Bedürfnis nach Vornehmheit

und Eleganz, und dieses mache ich mich anheischig, ebenfalls in seinen

Werken zu finden.

So ist also sein Leben. Er arbeitet hartnäckig und die Zahl seiner

Bilder ist schon beträchtlich. Er malt, ohne entmutigt zu werden,

ohne müde zu werden, und schreitet geradeaus, seiner Natur gehorsam.

Nach der Arbeit geniesst er die ruhigen Freuden des modernen Bürgers,

geht in Gesellschaften und führt das Leben eines Jeden, nur mit dem

Unterschiede, dass er vielleicht noch friedlicher und noch besser

erzogen ist, als die Andern.

Was mich in Manets Bildern zuerst frappiert, ist eine sehr zarte

Richtigkeit in den Beziehungen der Töne unter einander. Früchte sind

auf eine Tafel gesetzt und heben sich von einem grauen Hintergrunde ab.

Es giebt unter den Früchten, je nachdem sie mehr oder minder nahe sind,

Farbenwerte, die eine ganze Tonleiter bilden. Wenn ihr von einer Note

ausgeht, die heller als die wirkliche Note ist, müsst ihr einer Leiter

folgen, die immer heller bleibt. Und umgekehrt muss es sein, wenn ihr

von einer dunkleren Note ausgeht. Das ist, was man, glaube ich, das

Gesetz der Valeurs nennt. Ich kenne in der modernen Schule niemanden

ausser Corot, Courbet und Edouard Manet, die ständig diesem Gesetze

gefolgt sind, wenn sie Figuren malen. Die Werke gewinnen dabei eine

seltsame Reinlichkeit, eine grosse Wahrheit und einen grossen Reiz.

Edouard Manet geht gewöhnlich von einer Note aus, die heller als die

in der Wirklichkeit existierende Note ist. Seine Malereien sind blond

und leuchtend, von einer soliden Bleichheit. Das Licht fällt weiss und

breit auf die Gegenstände und beleuchtet sie auf ein sanfte Art. Es

giebt da nicht den geringsten erzwungenen Effekt. Die Personen und die

Landschaften baden sich in einer heiteren Klarheit, welche das Bild

völlig erfüllt.

Was mich danach frappiert, ist die notwendige Folge der genauen

Beobachtung des Gesetzes von den Werten. Der Künstler lässt sich

irgend einem Gegenstand gegenüber durch seine Augen leiten, die diesen

Gegenstand in breiten Tinten bemerken, welche gegenseitig Einfluss auf

einander nehmen. Ein Kopf gegen eine Mauer ist nur noch ein mehr oder

minder weisser Fleck auf einem mehr oder minder grauen Hintergrund;

und das Kleid, an das Gesicht herangesetzt, zum Beispiel ein mehr oder

minder blauer Fleck neben dem mehr oder minder weissen Flecke. Daher

eine grosse Einfachheit, fast gar keine Details, eine Gesamtheit von

richtigen und zarten Flecken, die in einigen Schritten Entfernung dem

Bilde ein ergreifendes Relief geben. Ich lege auf diesen Charakter der

Werke von Edouard Manet Nachdruck, denn er herrscht in ihnen und macht

sie zu dem, was sie sind. Die ganze Persönlichkeit des Künstlers besteht

aus der Art, in der sein Auge gebildet ist: er sieht blond und in Massen.

Was mich in dritter Linie frappiert, ist eine etwas trockene, jedoch

reizvolle Grazie. Man verstehe mich richtig: ich spreche nicht von

der rosa und weissen Grazie, die die Porzellanköpfe der Puppen haben,

sondern von einer durchdringenden und wahrhaft menschlichen Grazie.

Edouard Manet ist ein Weltmann und in seinen Bildern sind gewisse

auserlesene Linien, gewisse schlanke hübsche Haltungen, die von seiner

Liebe für die Eleganzen des Salons zeugen. Das ist das Element des

Unbewussten, die Natur des Malers.

Nach der Zergliederung die Zusammenfassung. Nehmen wir gleichviel

welches der Bilder Manets und suchen nichts anderes, als was es enthält:

beleuchtete Gegenstände, wirkliche Geschöpfe. Der Gesamtanblick ist,

wie ich es gesagt habe, leuchtend blond. In dem ausgebreiteten Licht

sind die Gesichter in breiten Fleischflächen behandelt, die Lippen

werden einfache Striche, alles vereinfacht sich und hebt sich vom

Hintergrunde in machtvollen Massen ab. Die Richtigkeit der Töne stellt

die Pläne fest, erfüllt das Bild mit Luft, giebt jedem Gegenstande

Kraft. Man hat, um sich über Manet lustig zu machen, behauptet, dass

seine Bilder an die Bilderbögen von Epinal erinnern; sehr viel Wahrheit

liegt in diesem Spott, der ein Lob ist. Dort auf den Bilderbögen und

hier auf den Bildern sind die Verfahren die gleichen, die Tinten sind

schichtweise angewendet, mit dem einzigen Unterschiede, dass die

Arbeiter der Bilderbögenfabrik die Töne rein brauchen, ohne sich um

die Werte zu kümmern, Edouard Manet die Töne jedoch vervielfacht und

sie in die richtigen Beziehungen bringt. Es würde eher am Platze sein,

Manets vereinfachte Malerei mit den japanischen Farbenholzschnitten

zu vergleichen, die ihnen durch ihre seltsame Eleganz wie durch ihre

prachtvolle Fleckenverteilung ähnlich sind.

Der erste Eindruck, den ein Bild von Edouard Manet hervorbringt, ist

ein wenig hart. Man ist nicht daran gewöhnt, so einfache noch auch so

aufrichtige Uebersetzungen der Wirklichkeit zu sehen. Dann giebt es,

wie ich gesagt habe, einige elegante Schroffheiten, die überraschend

wirken. Das Auge bemerkt zuerst nur breit geschichtete Tinten. Bald

zeichnen die Objekte sich und stellen sich an ihre Plätze. Am Ende

einiger Augenblicke erscheint das Ganze, kraftvoll, und man empfindet

einen wirklichen Reiz, indem man diese helle und gewichtige Malerei

betrachtet, die die Natur mit einer sanften Brutalität, wenn ich mich

so ausdrücken darf, wiedergiebt. Wenn man sich dem Bilde nähert, sieht

man, dass die Behandlung mehr delikat als schroff ist. Der Künstler

benutzt nur den Pinsel (nicht den Spachtel) und bedient sich seiner sehr

vorsichtig. Er giebt keine Farbenanhäufungen, sondern eine einfache

Schicht. Dieser Wagehals, über den man sich lustig macht, hat eine

Technik, die sehr vorsichtig ist, und wenn seine Werke einen besonderen

Anblick gewähren, so verdanken sie das nur der persönlichen Art, in der

Manet die Objekte sieht und übersetzt.

Wenn man mich prüfte, wenn man an mich die Frage stellte, welche neue

Sprache Edouard Manet spräche, so würde ich hinsichtlich des Ganzen

antworten: er spricht eine Sprache, die aus Einfachheit und Richtigkeit

gemacht ist. Die Note, die er bringt, ist das Blond, das das Bild mit

Licht erfüllt. Die Uebersetzung, welche er uns giebt, ist eine richtige

und vereinfachte Uebersetzung, die in Ensembles vorgeht und nur die

Massen angiebt.

Nicht oft genug kann ich wiederholen, dass wir tausend Dinge vergessen

müssen, um dieses Talent zu verstehen und zu geniessen. Es handelt

sich hier nicht mehr um eine Untersuchung der absoluten Schönheit; der

Künstler malt weder die Geschichte noch die Seele; was man Komposition

nennt, existiert für ihn nicht, und die Aufgabe, die er sich stellt,

ist nicht, diesen Gedanken darzustellen oder jenen historischen

Vorgang. Darum muss man ihn auch nicht vom Standpunkt des Moralisten

oder des Literators beurteilen, sondern als Maler. Er behandelt die

Figurenbilder, wie es in den Kunstschulen erlaubt ist, die Stilleben

zu behandeln; er stellt, will ich damit sagen, die Figuren ein bißchen

dem Zufall nach vor sich hin, und hat nur danach Verlangen, sie auf die

Leinwand zu bringen, wie er sie sieht, mit den lebhaften Gegensätzen,

welche sie bilden, indem sich eine von ihnen von der anderen absetzt.

Fordert von Manet nichts anderes als eine Uebersetzung von wörtlicher

Richtigkeit. Er kann nicht singen und philosophieren; er kann malen. Er

hat die Gabe, und das da ist sein Eigentum, sein Temperament, in ihrer

Feinheit die hauptsächlichen Töne zu ergreifen und solcherweise in

grossen Plänen die Dinge und die Wesen zu modellieren.

Man hat Manet vorgeworfen, dass er die spanischen Meister nachahme.

Ich gebe zu, dass einige Aehnlichkeit zwischen seinen ersten Arbeiten

und den Arbeiten dieser Meister ist. Man ist immer jemandes Sohn.

Aber von seinem »Mittagessen im Grase« an scheint mir Manet klar die

Persönlichkeit zu zeigen, die ich kurz zu erklären und auszulegen

gesucht habe. Die Wahrheit ist vielleicht, dass das Publikum, indem

es sah, dass er Scenen und Kostüme aus Spanien malte, auch annahm,

dass Manet seine Modelle von jenseits der Pyrenäen nähme. Von da bis

zur Anklage des Plagiats ist es nicht weit gewesen. Daher ist es gut,

bekannt zu geben, dass Edouard Manet die »espada« und den »majo« gemalt

hat, weil er in seinem Atelier spanische Kostüme hatte und sie schön in

der Farbe fand. Er bereiste Spanien erst im Jahre 1865, und seine Bilder

tragen einen zu persönlichen Accent, als dass man in Manet nur einen

Bastard von Velasquez und Goya erblicken könnte.

Das erste, was ich empfand, als ich ins Atelier von Edouard Manet trat,

war ein Gefühl von Einheit und von Kraft. Es ist Herbheit und Sanftheit

beim ersten Blick, den man auf die Wände wirft. Ehe die Augen sich

auf einer bestimmten Leinwand festsetzen, irren sie von ungefähr von

unten nach oben, von rechts nach links, und diese hellen Farben, die

eleganten, sich mischenden Formen haben eine Harmonie, einen Freimut von

äusserster Einfachheit und Energie.

Dann habe ich langsam die Werke hintereinander zergliedert. Hier gebe

ich in einigen Zeilen mein Gefühl über jedes von ihnen, mit etwas

Nachdruck bei den umfangreicheren.

Das älteste Bild ist der »Absynthtrinker«; ein abgezehrter,

abgestumpfter Mann, in eine Ecke seines Mantels gehüllt und in

sich versunken. Der Maler suchte sich noch; es ist beinahe eine

melodramatische Absicht in diesem Gegenstand; und dann finde ich hier

nicht das einfache und genaue, mächtige und grosse Temperament, das der

Künstler später hat.

Danach kommen der »spanische Sänger« und das »Kind mit dem Degen«.

Das sind die Pflastersteine -- jene ersten Werke, deren man sich

bedient, um mit ihnen die letzten Werke des Künstlers zu erschlagen.

Der »spanische Sänger«, ein Spanier, der auf einer Bank von grünem

Holz sitzt und singend Guitarre spielt, hat auf der Ausstellung eine

»mention honorable« bekommen. Das »Kind mit dem Degen« ist ein kleiner

Knabe, stehend, mit naiver Miene, und uns anstaunend. Er hält mit beiden

Händen einen grossen Degen mit Wehrgehänge. Diese beiden Malereien sind

fest und solide, übrigens sehr fein, und sie verwunden in gar nichts

den schwachen Blick der Menge. Man behauptet, dass Edouard Manet einige

Verwandtschaft mit den spanischen Meistern hat und er hat es nie so

sehr bekundet wie in dem »Kinde mit dem Degen«. Der Kopf des Knaben ist

ein Wunder von Modellierung und besänftigter Kraft. Hätte der Künstler

immer derartige Köpfe zu malen unternommen, so würde er vom Publikum

gehätschelt, mit Lob und Geld überschüttet worden sein. Freilich wäre er

ein Reflex geblieben, und nie würden wir die schöne Einfachheit kennen

gelernt haben, die sein ganzes Talent bildet. Für mich, ich gestehe es,

ist das Sympathische in seinen Werken anderswo als in diesen Stücken;

ich ziehe die freimütigen Schärfen, die richtigen und mächtigen Flecke

der »Olympia« den gesuchten und engen Feinheiten des »Kindes mit dem

Degen« vor.

Aber von jetzt an habe ich nur noch von solchen Bildern zu sprechen,

die mir das Fleisch und Blut Edouard Manets zu sein scheinen. Zu

Anfang kommen die Bilder, die im Jahr 1863 bei Martinet auf dem

Boulevard des Italiens einen wirklichen Auflauf verursachten.

Pfeifen und Hohngelächter kündigten, wie es Brauch ist, an, dass

ein neuer originaler Künstler sich offenbart habe. Die Zahl der

damals ausgestellten Bilder war vierzehn. Acht von ihnen werden

wir in der Weltausstellung wiederfinden: den »alten Musiker«, den

»Leser«, die »Gitanos«, einen »Strassenjungen«, »Lola de Valence«,

die »Strassensängerin«, das »spanische Ballet« und die »Musik in den

Tuilerien«.

Die vier ersten der Reihe citiere ich nur. »Lola de Valence« ist durch

den Vierzeiler von Charles Baudelaire berühmt, der ebenso ausgezischt

und übel behandelt wurde wie das Gemälde selbst:

Entre tant de beautés que partout on peut voir

Je comprends bien, amis, que le désir balance,

Mais on voit scintiller dans Lola de Valence

Le charme inattendu d'un bijou rose et noir.

Ich beabsichtige nicht, zur Verteidigung dieser Verse beizutragen und

sage nur, dass sie für mich das Verdienst haben, ein gereimtes Urteil

über die ganze Persönlichkeit des Künstlers zu geben. Ich weiss nicht,

ob ich übertreibe. Es ist vollkommen wahr, dass »Lola de Valence« ein

»bijou rose et noir« ist. Der Künstler geht bereits nur durch Flecke vor

und seine Spanierin ist breit, mit lebhaften Gegensätzen gemalt; die

ganze Leinwand von zwei Tinten bedeckt.

Das Bild, das ich unter den aufgeführten aber vorziehe, ist die

»Strassensängerin«. Eine junge, auf den Höhen des Panthéon wohlbekannte

Person tritt aus einer Schenke heraus, während sie Kirschen isst,

die sie aus einer Tüte nimmt. Das ganze Werk ist von einem sanften

blonden Grau. Die Natur scheint mir in diesem Bild mit der äussersten

Einfachheit und Genauigkeit zergliedert zu sein. Ein derartiges Bild

hat, von seinem Gegenstande unabhängig, eine Erhabenheit, welche den

Rahmen erweitert; man fühlt darin die Erforschung der Wahrheit, die

gewissenhafte Arbeit, die ein Mann leistet, der vor allem freimütig

sagen will, was er sieht.

Kunst und Künstler Almanach 1909 · 第 7 / 10 段