Klipp, klapp, sagte die Scheere, dieweil sie nun wieder einen Gang

in dem weissen Papier vollendet hatte, klipp klapp, klipp klapp, so wie

jemand, der befriedigt mit den Lippen schmatzt, nachdem er ein grosses

Stück Kuchen abgebissen und verschluckt hat. Und dann ging es von

neuem an die Arbeit. Sie war eine kluge Scheere und wusste gar viele

lustige Sächelchen auszuschneiden: als da kleine Damen, die tanzten,

Liebesgötter, Schwäne, Palmen, Männer mit Schirmen, Engel mit langen

feierlichen Flügeln. Und wie sie gab es viele Scheeren im Land, und alle

konnten mit mehr oder weniger Glück dieselben Bilder ausschneiden wie

sie. Nur eines konnten sie nicht, und das war gerade die Hauptsache.

Unsere Scheere nämlich hatte zu ihrer grossen Geschicklichkeit, die sie

mit mancher ihrer Schwestern teilte, auch noch eine Art Seele, die sie

zu einem ganz neuen und ausserordentlichen Wesen machte, sobald es ihr

einfiel, in sie zu fahren. Sie fuhr aber immer zugleich mit den Fingern

ihres Herrn in sie, so dass es aussehen konnte, als wären diese selbst

ihre Seele. Da würde man sich aber sehr getäuscht haben. Denn unsere

Scheere ward von diesem Augenblick an ein ganz eigenwilliges Persönchen,

das bald so, bald so dachte und that, recht wie eine kleine Prinzessin,

die sich nichts zu versagen braucht, wonach ihr das Herz steht. Und

die guten dicken Finger mussten immer mit, immer mit und konnten froh

sein, wenn sie nicht ganz rot geschunden wurden. Ja, das war eine

wunderliche Scheere. Während die anderen immer ganz genau wussten, was

sie wollten, und nie mehr wollten als sie konnten, erlebte man von ihr

die unerwartetsten Dinge, sei es, dass sie sich einfach in ihren Stoff

hineinstürzte und dann dem Zufall überliess, sei es, dass sie sich

von vornherein sagte: Jetzt soll es einmal etwas ganz Absonderliches

werden, etwas über die Maassen Spassiges, oder Verwirrendes, oder

Geheimnisvolles. So fing sie eines Tages an, einen Baum auszuschneiden.

Als sie an den zweiten Ast von unten kam, fuhr es ihr durch den Kopf,

ihn in einen Cupido auslaufen zu lassen; und da sie den kleinen Gott

schon auszuschneiden geübt war, verwandelte sie das Ende des Zweigs

stracks in ein Büblein mit Flügeln. Und weil der Baum nun schon ein

Märchenbaum geworden war, konnte es gewiss nichts schaden, wenn man ihn

oben mit einer Balleteuse krönte, die sich in einem Storchennest auf

der Fussspitze wippte, im Begriff, in kühnem Bogen empor und herab zu

schweben. Zur Ergänzung sodann -- denn was sollte wohl solch ein Baum

(und nun gar einer mit einem Amor und einem Frauenzimmer) allein auf

der Welt -- erfand sie einen komisch bestürzten Mann hinzu, wie einen,

der vor diesem sonderbaren Baum halb überrascht, halb auch schon »im

Bilde« sich fühlend, so zu reden begonnen haben möchte: »Es ist mir

ungemein schmeichelhaft, sehr verehrter Herr Baum -- oder soll ich

sagen: sehr verehrte Madame Baum und Mutter zweier so liebreizender

Sprösslinge -- hier auf freiem Felde Ihre Bekanntschaft zu machen;

wiewohl ich stets überzeugt war, dass Euer Hochwohlgeboren durchaus

nicht nur so ein Baum wären, wie meine lieben Kopenhagener dort hinten

anzunehmen nur allzu geneigt sein dürften... Also, wie wäre es etwa,

wenn Ihro Gnaden, die leicht beschwingte Tänzerin da droben, mir auf

die Schulter zu springen geruhten, während der kleine Herr vor mir sein

Füsschen vielleicht auf meine Nase setzen will, damit ich ihn mit einem

kurzen Ruck seinem Fräulein Schwester auf die linke Hüfte werfen kann.

Es wäre mir ein Vergnügen, den Kinderchen dann ein wenig mein liebes

Kopenhagen dort hinten zu zeigen und ganz besonders mein wunderschönes

Schloss mit seinen feenhaften Gärten, Grotten und Wasserkünsten, das mir

der König und die Königin geschenkt haben, und wo sie gewiss die beste

Gesellschaft finden würden.«

Ein ander Mal ging unsere Scheere bewusster vor. Sie hatte zudem kein

einfaches, sondern ein wie ein Briefbogen zusammengelegtes Stück Papier

zu verarbeiten, und da musste man schon etwas nachdenklicher zu Werke

gehen. Denn was nun heraus kam, wurde zugleich eine Art Ornament,

indem, wenn man das Papier auseinanderfaltete, dasselbe von zwei Seiten

sich entgegenkam und ein von der Spitze eines Schwanenfittigs vorwärts

stürmender Mann zum Exempel auf diese Weise zu einer Doppelgänger-Szene

ward, in welcher zwei auf Schwänen balancierende Turnkünstler sich mit

ihren Nasen und linken Beinen im Gleichgewicht hielten, während hinter

sich jeder seine Fächerpalme und seinen Schutzengel hatte, der nur

darauf wartete, bei einem etwaigen Unglücksfall helfend einzugreifen.

Aber wie wir sehen, warten sie heut noch darauf, und das kommt

wahrscheinlich daher, dass der von den Männern und der von den Schwänen

eingeschlossene Raum ein so zierliches Ornamentenpaar darstellt,

dass man garnicht lange hinzugucken braucht, um zu meinen, _er_ sei

eigentlich die Hauptsache und das andere nur ein Drumherum. Und das

empfand die Scheere auch selbst und liebte deshalb diese Doppelbilder

mit ihrem doppelten Reiz und Sinn ganz besonders.

»Ich möchte manches von diesen Sachen sticken« -- sagte eines Tages eine

Dame, die bei dem Dichter zu Besuch war. »Es würde ausserordentlich

wohlthuend sein, diese durch Symmetrie gebändigten, ja fast beruhigten

Bizarrerien vor seinem Nähtisch liegen zu haben.«

»Und seinen niedlichen Schuh darauf zu stellen!« fügte der Dichter

hinzu, indem er mit einer galanten Handbewegung sich leicht verbeugte.

Die Scheere aber, die das gehört hatte, ersann am selben Abend noch

einen schneeweissen Hain auf güldenem Grund, darinnen zwei junge Mädchen

tanzten. Dabei kam dem Dichter eine ganz merkwürdige Empfindung. Als er

nämlich den schneeweissen Hain so ansah, schien er ihm nicht nur ein in

Erfindung und Anordnung gut geglücktes Bildchen, sondern auch noch etwas

anderes, etwas fast wie ein richtiges kleines Gemälde, so recht keck und

unbekümmert um alle anatomischen Einzelheiten, nur als Lichteindruck,

zusammenfassender Farbenfleck, ornamentale Abbreviatur lebendiger

Wirklichkeit hingeworfen. Aber das flog nur so wie der Schatten eines

Vogels durch sein Hirn. Denn im allgemeinen sah er doch nur hübsche

Spielereien in diesen Sachen und litt wohl kaum an Weltschmerz darüber,

dass sie nicht _mehr_ waren.

Was im übrigen unsern Dichter als Maler gelockt hätte, würde man

vielleicht am besten aus einem Ofenschirm, dessen vier Flügel er in

seinem letzten Lebensjahr mit aus aller Welt zusammengesammelten

Bildern beklebte, ersehen haben. Nach Ländern -- Dänemark, Schweden und

Norwegen, Deutschland, Frankreich, England -- geordnet, gaben die ein

ebenso geschickt komponiertes wie traumhaft romantisches Durcheinander

von Porträtbildnissen, Gruppen, Aufzügen, Sälen, Kirchen, Palästen,

Wäldern, Gebirgen und was weiss ich noch allem, und mochten aus der

ganzen Ferne ihres Schwindschen Barock an Fresken alter Italiener wie

den trionfo della morte des Campo Santo in Pisa oder die festlichen,

kindlich redseligen Wandmalereien des Benozzo Gozzoli in der Hauskapelle

der Medicäer erinnern. --

Klipp klapp machte die Scheere, -- aber nicht die, von welcher wir

hier geredet haben, sondern die der alten weisen Parze; und was sie

zerschnitt, war nicht einfältiges Papier, sondern der Lebensfaden des

grossen Märchendichters Hans Christian Andersen selbst.

Unsere irdische Scheere aber, nachdem sie ihren Besitzer verloren

hatte, wurde wieder eine gewöhnliche Scheere wie alle andern. Sie

schnitt auch ferner Putten und Palmen aus, aber es war kein rechter Sinn

mehr dabei, denn sie hatte mit ihrem Meister zugleich ihre besondere,

übermütige Seele eingebüsst. Eines Tages aber ging sie hinaus in den

Garten ihres ehemaligen Herrn und suchte sich ein Plätzchen, wo die

Levkojen am dichtesten standen. Und schnitt mit sich selber einen

Stengel nach dem andern ab, bis dass sie ganz von Blumen wie von einem

kleinen goldenen Grabhügel bedeckt war. Und so blieb sie liegen. Und

wenn sie der Rost nicht gefressen hat, so liegt sie dort heute noch.

[Illustration: Andersen, Silhouette]

FRANZ KRÜGER

Briefe an Karl Steffeck

Mein lieber Herr Steffeck!

Sie haben mich durch Ihren eben so lieben als interessanten Brief recht

sehr erfreut; er hat mich einestheils über Ihr Wohlergehen beruhigt,

anderntheils von dem Zustande der dortigen Kunst in Kenntniss gesetzt.

Ich danke Ihnen recht herzlich dafür und sollten Sie einmal wieder die

Idee bekommen, mir schreiben zu wollen, so genieren Sie sich keineswegs

wegen der Länge des Briefes und lassen Sie dabei das Sprichwort gelten:

je länger je lieber! Ohne nun auf die einzelnen Punkte in Ihrem Briefe

zurückzukommen, so hat mich besonders die Schilderung über die Art des

Grau-Malens der dortigen jungen Künstler um so mehr in Verwunderung

gesetzt, als uns Deutschen ja die Farbe in den französischen Bildern

vorzugsweise zusagt. Sollte dies Verfahren nicht dazu dienen, die

Leutchen im Zeichnen und Modelliren erst recht fest zu machen? Dieser

einzig guten Grundlage folgt alsdann, vorausgesetzt, dass einer

Farbensinn hat, die Farbe von selbst. -- Wie beneide ich Sie so viel

Schönes sehen, die Ateliers der berühmtesten dortigen Künstler besuchen

zu können! etc. Wills Gott, im nächsten Frühjahr; dann hoffe ich, Sie

auch noch dort zu treffen und nehme im Voraus Ihren Schutz und Beistand

in Anspruch. Sehr freue ich mich, Arbeiten von Ihnen zu sehen, bitte Sie

aber, doch die Pferde nicht ganz zu vernachlässigen. Sollte auch die

franz. Cavalerie deren nicht die schönsten haben, wie ich schon vielfach

gehört habe. -- An Le Poitteoin 1000 Grüsse sowie an meine Landsleute,

die sich meiner erinnern -- Hier ist alles beym alten. Perdisch geniert

mich sehr durch seine feurige Lebhaftigkeit und Raabe durch sein

burschikosen, lüderlichen Lebenswandel!! Themann will ein religiöses

historisches Werk auf die Reformation bezüglich herausgeben und hat

Herrn Perdisch dafür angepumpt, jedoch vergebens. Wollen Sie ihm nicht

4-500 Thaler dazu vorschiessen oder schei...... Meine Wenigkeit ist

jetzt mit den Hannoverschen Bildern beschäftigt und ich werde nun bald

diesen liebenswürdigen Monarchen zu Pferde mit Umgebung in der Art wie

den Kaiser von R. eben so gross beginnen. -- Nun leben Sie recht wohl,

mein lieber Herr Steffeck. Gott erhalte Sie gesund, heiter, lasse Sie

recht ernst und fleissig wie Sie es immer waren und gebe ihnen die

gute Idee ein, mir recht bald wieder zu schreiben. Meine Frau grüsst

Sie herzlich und vereinigt ihre Wünsche für Ihr Wohl mit den Meinigen.

Behalten Sie lieb

Ihren

aufrichtigen Freund F. Krüger

Berlin d. 6. April 40.

Mein verehrter lieber Herr Steffeck!

Ihre freundliche Zuschrift aus Rom hat mir eine recht herzliche Freude

verursacht, nicht allein seines interessanten Inhaltes wegen, sondern

hauptsächlich deshalb, weil ich daraus erkenne, dass Sie meiner noch

freundlich gedenken. Ich danke Ihnen für diese Teilnahme und wünsche

Ihnen aufrichtig alles Wohlergehen in Ihrer künstlerischen Laufbahn.

Ein Bild, was Ihr Herr Vater die Güte hatte, mir zu zeigen, das erste,

glaub' ich, was Sie in Rom vollendet, hat mir in Farbe, Composition und

theilsweiser Technik recht wohl gefallen, nur (nehmen Sie, ich bitte,

den freundlichen Rath Ihres Freundes wohlgefällig auf) in der Zeichnung,

besonders der Hände etc. dürften Sie etwas gewissenhafter sein, da

Zeichnung, wie ich mir einbilde, die Grundlage alles Malens ist. Die

Studien die Sie in Paris gefertigt und die mir von Ihren verehrten

Eltern auch gezeigt wurden, haben mir in jeder Einsicht, besonders aber

in der Farbe ausserordentlich gefallen und mit aufrichtiger Freude

habe ich darin die grossen Fortschritte bemerkt, die Sie in der Kunst

gemacht. Gebe der Himmel Ihnen frohen Sinn, Ausdauer in der begonnenen

Laufbahn, Gesundheit und es wird Ihnen nicht fehlen. --

Was mich anbelangt, so habe ich, Gott sei Dank, immer vollauf zu thuen.

[Illustration: Franz Krüger, Bildniszeichnung des »Maler Menzel«]

Ausser den König und Hannover in Lebensgrösse zu Pferde, von dem

Kronprinzen, von einigen Generalen umgeben, (ein Bild, was mich

interessierte) habe ich kürzlich unseren König zu Pferde, halbe

Lebensgrösse, mit zahlreichem Gefolge eine Parade seines Regimentes

abnehmend, vollendet und die Composition, die Russischen Garden auf

einem Bilde darstellend, von welchen Sie die Skizzen bei mir noch

gesehen haben, ist in 8-14 Tagen auch fertig. Es ist ein reiches aber

sehr buntes Bild, was sehr mühsam auszuführen war. Nächst diesen

Arbeiten habe ich noch zwei grosse Bilder begonnen, wovon das eine mich

lebhaft beschäftigt, das andere mich dagegen eben so sehr langweilt. Das

Erste ist der russische Fürst Wittgenstein neben seinem Pferde stehend,

mit Umgebung in Lebensgrösse, das Zweite die Huldigungsszene, die in

der Natur über alle Beschreibung grossartig war, in der Ausführung zu

einem Gemälde indessen höchst monoton und langweilig ist. Indessen

ich habe den Auftrag einmal angenommen und lasse durch Schwarz auch

schon tapfer die Architectur (von der Schlossapotheke nach den Linden

zu) aufzeichnen. -- Sonst wüsste ich Ihnen nichts weiter von meiner

Wenigkeit zu melden, als dass ich mich mit meiner Frau wohl und munter

befinde, was wir Ihnen von Herzen auch wünschen. -- Rabe ist wie Sie

wissen werden, in Paris und hat auf 2 Jahre vom König 1000 Thaler

bekommen; eine Vergünstigung, die natürlich viele Neider fand bey ihn,

der vermögende Eltern hat. Perdisch ist stets noch mein treuer Gefärte

im Atelier, sonst hätte aber auch, ausser Schwarz, der wie ich eben

schon bemerkt, am Huldigungsbilde zeichnet, Niemand weiter Platz, da es

für den Augenblick recht sehr mit Arbeiten angefüllt ist. -- Mein Pferd,

ein sehr kräftiger Yvenacker dunkelbrauner Wallach, sowie meine Hunde,

deren ich 6 Stück sehr schöner habe, die aber für den Augenblick durch

einen unglücklichen Zufall sich fasst alle lahm gelaufen haben, lassen

sich Ihnen schönstens empfehlen. -- Nun mein lieber Herr Steffeck,

muss ich schliessen, da es mir an Raum gebricht und ich Sie mit meinem

Gewäsch auch nicht länger langweilen möchte. -- Meine Frau und ich

grüssen Sie von ganzem Herzen und wünschen Ihnen alles Wohl im fernen

Süden. Der Himmel erhalte Sie gesund und ........... tugendhaft und

lassen Sie Ihre Freunde in der Heimat nicht ganz vergessen, besonders

aber nicht

Ihren treu ergebensten Freund

F. Krüger

Berlin, den 18. Sept. 41.

KARL SCHUCH

VON

KARL HAGEMEISTER

Dass die deutsche Kunstwissenschaft in den letzten Jahren auf den Namen

Schuch immer mehr hingewiesen wurde, ist nur dadurch zu erklären,

dass Schuch eine Persönlichkeit ist, die klar und deutlich aus einem

bedeutenden Lebenswerk spricht und so stark ist, dass ihre dauernde

Stellung in der deutschen Kunst nicht mehr bestritten werden kann.

Schuchs ganzes Wesen war deutsch; dass er in Wien geboren wurde, ist

zufällig. Sein Vater, ein Pfälzer, war nach Wien eingewandert, wo ihm

im Jahre 1846 sein Sohn Karl geboren wurde. Ich weiss, dass er Karl

hiess und nicht Charles; wir nannten ihn immer so. Der Umstand, dass

er eine Französin zur Erzieherin hatte und dass seine spätere Frau,

eine Französin, ihn wahrscheinlich auch Charles nannte, ist nicht

imstande seinen Namen zu ändern. Ich muss ihn unbedingt für Deutschland

reklamieren und habe nur ein bitteres Lächeln, wenn ich jetzt hören

muss, dass Oesterreicher sagen: Unser Schuch. Und ebenso darüber, dass

der österreichische Staat nicht ein Bild von ihm erworben hat.

In kleinem Kreis war Schuchs Kunst längst geschätzt. Da er aber den

schweren Kampf Leibls und Trübners um Anerkennung sah und nicht

gezwungen war des Erwerbs wegen auszustellen, blieb er so lange

unbekannt. Durch einen Hinweis Trübners kam dann die Ausstellung

bei Schulte zu Stande, die mit einem Mal die Sachlage änderte. Die

Kennerschaft von Tschudis, und Schuchs Zugehörigkeit zum Kreise Leibs,

die durch die Jahrhundertausstellung deutlich wurde, brachten dem toten

Künstler allgemeine Anerkennung, als deren logische Folge die Ankäufe

für die Nationalgalerie, für Düsseldorf, Hamburg und viele andere

Galerien zu betrachten sind.

Zufällig besuchte ich die Ausstellung bei Schulte und alte köstliche

Erinnerungen wurden in mir wach, als ich die herrlichen Bilder sah, von

denen so viele neben mir, Staffelei an Staffelei, entstanden waren.

Ich fühlte den Drang für mich festzustellen, wie Schuch zu Leibl und

Trübner steht. In der Nationalgalerie konnte ich den Gedanken dann nicht

unterdrücken: ein Ebenbürtiger und von unvergänglichem Wert. Trotz

Sperl, Hirth und Anderer aus dem Leibl-Kreis.

Was Schuch als Künstler und Mensch war, will ich versuchen aus

der Erinnerung und auf Grund einer umfangreichen Korrespondenz

festzustellen, wenn ich auch weiss, dass von der Frische, die ein

zeitiges Zusammensein erzeugt, viel verloren geht.

Im Sommer 1873 lernten wir uns am Hintersee kennen und schlossen eine

Freundschaft, die die schönste Erinnerung meines Lebens bildet. Schuch

war aus München von Leibl und Trübner gekommen, um seinen Weg zu suchen.

Sein erster Lehrer war Halauska, Gebirgsmaler in Wien, gewesen. Unter

ihm malte er schon in letzter Zeit eigenartig gesehene Studien, wahr,

breit und durchdrungen von einem starken Naturgefühl.

Ein Bild, das ich noch heut in der Erinnerung habe, Erlen, die über

einen Bach mit rotbraunem Gestein hängen, war mir voller Beweis für ein

angeborenes Talent.

»Das Rezept Halauskas«, sagte er mir, »mag für sein Gefühl ausreichend

sein, für mich war es aber nicht genügend. Ich ging darum nach

München und schloss mich Leibl und Trübner an, als den echtesten

Wahrheitssuchern, die Deutschland damals hatte.«

Der Verkehr mit Leibl und Trübner liess ihn erkennen, dass der

engste Anschluss an die Natur die Grundlage sein musste, um Eigenart

zu entwickeln und dass nur Holbein als direktes Vorbild für ihn in

Betracht kommen konnte. »Der Ernst und die Ehrlichkeit, jene tiefe

leidenschaftliche Wahrheitsliebe Holbeins«, waren ihm und auch Leibl

und Trübner Vorbild. Was diese Künstler dem Vorbild hinzufügten, war

die Tonschönheit im Sinne einer gesetzmässigen Entwicklung von Luft und

Licht über der konkreten Form. Dieses Ziel suchte jeder von ihnen zu

erreichen und geschah das mit einer bewundernswerten Scharfsinnigkeit

und Gewissenhaftigkeit, die Alle in ihren besten Arbeiten gemein haben.

Was sie unterscheidet, ist im Grunde nur das impulsive Gefühl, womit sie

ihre Naturbeobachtungen auf die Leinwand übertragen. Wenn das bei dem

Einen mehr verstandesmässig geschieht, beim Andern mehr gefühlsmässig,

so ergeben sich daraus die Unterschiede für ihre Wertschätzung. Ich

halte es für belanglos, den Einen aus dem Andern zu erklären und kann

nicht zugeben, dass Einer vom Andern etwas direkt genommen hat; denn

solche starke Naturen sind weder Nachahmer noch geistige Diebe, nur ihr

intensives Streben lässt sie zu verwandten Resultaten kommen.

In letzter Instanz ist für mich massgebend: was für ein Mensch steht

hinter dem Werk, und wie stark ist seine Ausdrucksfähigkeit.

Mir liegt nichts ferner als die Reihenfolge der Künstler aus dem

Leibl-Kreis nach ihrer künstlerischen Bedeutung festzustellen.

Gefestigt in seinen Kunstanschauungen und klar in seinen Zielen malte

Schuch am Hintersee nicht Bergriesen, Gletscher oder den See, sondern

intime Dinge, alte Ahornbäume, Weiden, kleine Bäche usw. und jedesmal

suchte er dabei eine malerische Aufgabe zu lösen. Was alle Arbeiten

gemeinsam haben, ist die Tonschönheit, die immer prima erreicht worden

ist. Sie war ihm die wichtigste Erscheinungsform. Was er darunter

verstand, geht aus einem Brief hervor, in dem er sagt:

»Meine früheren Stilleben sind mir alle zu aufdringlich an Realität,

es fehlt Distanz, Luft, die Dämmerung des Raumes, meine Sachen sind

alle bis an stärkste Lokalfarbe getrieben, woraus sich ein Widerspruch

ergiebt, denn die Lokalfarbe ist so genommen, als hätte man das Objekt

unter der Nase und durch Zeichnung und Perspektive als stünd's doch in

der Entfernung. Der Ton deutet letzteres auch an, aber die Lokalfarbe

widerspricht und ist zu hart, zu laut. Was ist denn der Ton als die

Modifikation, die die Lokalfarbe erleidet durch die zweifache Bedingung

des Lichts und der Entfernung? und doch Ton mit ganzer Kraft? ein

ganzer Unsinn, selbst im Atelier -- denn diese Bedingungen sind immer

da. Absolutes Licht und absolutes Dunkel ist der äusserste Ton, und

beides vernichtet die Lokalfarbe und die Plastik. Daraus geht als

logischer Schluss hervor: dass wer in voller Kraft und Plausibilität

malen will, notwendig den Ton ausschliesst und umgekehrt; wer Ton malen

will, notwendig die Plastik und Lokalfarbe unterordnen muss. Ich denke,

das ist klar; sollte aber meine Logik und Empfindung falsch sein, so

will ich doch lieber mit Leibl, Trübner und den Alten irren als mit

der neupreussischen Kunst und mit Gussow. Wollen die Leute bloss den

plausiblen Schein der Natur malen, so sehe ich den Zweck ihres Malens

nicht ein -- ich begreife nicht, warum ich mir dann lieber nicht die

Natur selbst ansehe -- darin lässt sich ja diese doch nicht erreichen

und wenn, so wäre gar kein Unterschied mehr zwischen Bild und Vorbild,

zwischen Kunst und Natur und mir bliebe weiter nichts zu bewundern übrig

als die Fertigkeit des Nachbildners; und das sollte Kunst sein und der

Maler ein Künstler? Nein, hier handelt es sich um etwas Anderes: um das

Begreifen der Natur und das Wiedergeben ihrer geistigen Wahrheiten,

um das »Warum« der Erscheinung, das Hervorheben ihrer Gesetzlichkeit,

und so sind Trübner, Leibl, Daubigny usw. Künstler, wenn sie die

Eigenschaften des Lichts und des Tons studieren, und ein Gussow trotz

aller Fertigkeit und Geschicklichkeit ein Affe der Natur. Für diese Art,

das Hervorheben, Hervorsuchen der Gesetzlichkeit in den Erscheinungen,

wird man aber keine Maschine erfinden, das wird immer der Geist besorgen

müssen und zwar der künstlerische Geist. Einerlei Licht und Luft ist der

Ton, aber nicht einerlei Farbe wie bei Vollon, diesem geschickten Lügner

in Asphalt, und die Bedeutung des Tons ist die, dass er den Dingen das

Materielle nimmt und nur die ätherische Essenz der Erscheinung festhält.«

Dieser Brief giebt am klarsten seine gesamte Kunstanschauung wieder.

Vom Hintersee gingen wir über Wien und Dresden nach Brüssel, um den

Holländern näher zu sein. Nach Neujahr kam auch Trübner. Erst ging

Schuch mit mir nach Holland, um Galerien zu sehen und gleich dann

nochmals mit Trübner, so begeisterten ihn die Holländer. Wenn ihn

ein Bild interessierte, belagerte er es förmlich und wie ernst er

sich vertiefte, mag daraus erhellen, dass er immer und immer wieder

drängte, die Natur zu sehen, die dargestellt war, um so den Zusammenhang

zwischen Natur und Kunst zu finden. Die grossen Meister Rembrandt, Hals

usw. begeisterten ihn; doch ein Bild ging ihm über alles: die kleine

Architektur von van der Meer in der Galerie Six. »Trotz Leibl, trotz der

grössten Modernen, trotz der grössten Formate und Farbenwirkungen und

Geschicklichkeiten -- eine solche Arbeit hat doch Keiner gemalt, d. h.

so tief hat Keiner mehr die Natur angesehen«, sagte er zu mir.

Nach den tiefen Eindrücken Hollands wurde fleissig studiert und als

Hauptleistung ist der Christus von Trübner daraus hervorgegangen.

Im Jahre 1875 war Schuch in Olevano, um Architekturen zu malen, jene

schmutzigen, grauen Strassen in unbeschreiblicher Tonschönheit.

Kunst und Künstler Almanach 1909 · 第 6 / 10 段