Ich besuche alle Ateliers, manche mehrmals, weil ich durchaus wissen

will, woran ich bin. Es hat mich Manches so frappiert, erfreut,

abgestossen und die Behaglichkeit der Hülfsmittel verblüfft, dass ich,

nach meinem unkünstlerischen heidelberger Aufenthalt, mir manchmal

vorkam, wie der Bauer, der zum Erstenmal in die Residenz kommt. Auf

jeden Fall ist der Aufenthalt ein sehr lehrreicher.

In ruhigen Augenblicken will mich's bedünken, als ob mein Farbensinn

feiner sei und mein Streben, mein Weg, immer der gleiche bleiben müsste,

um ein grosser Künstler zu werden, oder zu sein. Allein diese Perioden

der Unentschlossenheit, die ich nur meiner Erfolglosigkeit zu verdanken

habe, ruinieren mir gar zu viel. Alles arbeitet darauf los, und nur ich

bin auf dem Punkte, nicht zu wissen, wohin ich meinen Stab lenken soll.

-- Die Unthätigkeit ist mir wahrhaft verhasst.

Was das Alterthümeln meiner Bilder anbelangt, so sind das Kleinigkeiten,

die die Leute abstossen, und ist dies leicht zu vermeiden.

An Böcklin habe ich das Beispiel, wie weit man kommt; seine Sachen

stehen gegen die römischen zurück. Wie sollte es auch anders sein, da

ihm die Anschauung fehlt und immerwährende Nahrungssorgen seine reizbare

Natur aufreiben.

Piloty hat sich gut geäussert über ihn und mir gesagt, wie sehr er an

mir hänge.

Fries... ist der Einzige, der mir nach Rom räth, da alles Glaubenssache

sei. Doch ist Unentschlossenheit begreiflich bei diesen Zeiten, mit

tausend Franken in der Tasche, die noch dazu gepumpt sind.

Morgen sehe ich mich nach Atelier um, obgleich bei kalten leeren

Wänden sich der Genius nicht gleich einstellen dürfte, nur um Alles zu

versuchen. Briefe Riedels und Böcklins erwarte ich noch hier.

Dass in München doch eine Künstlerluft ist, thut wohl gegen Frankfurt

und Karlsruhe.

Nach Berlin schicke ich nie mehr was, es kommt gar nichts dabei heraus.

Mein einziger Trost ist meine rasche Art zu produzieren, was mich diesen

ewigen Zeitverlust verschmerzen lässt. Eines ist sicher, dass man

herumreisen muss, anschauen etc. heut zu Tage, sonst bleibt man zurück.

Ich habe nun immer mehr die Ueberzeugung, dass mein Weg ein feiner und

bedeutender ist, dass ich wohl so fortfahren muss; doch ist mit der

Energie nicht Alles gethan und dass ich dabei immer arm bleiben werde

scheint ausser allem Zweifel.

Hier sind die gegensätzlichsten Richtungen; in meiner liegt eigentlich

Alles versöhnt...

Dass ich Rom wiederbetreten werde, steht fest in meiner Seele; möchte

ich doch bald dieser zweifelnden Ungewissheit enthoben sein.

Es ist zum Verzweifeln, Alles will mich haben und Niemand bietet Etwas.

-- Nachher will ich zu Kaulbach, der gewiss ein ganz heruntergekommener

Mann ist.

Man ist sehr artig gegen mich und habe ich dies Wenige nicht blos

meiner Arbeit und Rom zu verdanken. Es kann sich kein Mensch mehr

Vorwürfe über diese Unschlüssigkeit machen, als ich selbst; ich

verfluche sie und werde deshalb doch nicht klüger...

Wie freue ich mich, dass Emilie ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt;

es kann und soll ihr leichter fallen, als mir, der ich ganz Künstler bin

und den man nicht so verpflanzen kann nach Belieben...

Eines habe ich gesehen, dass meine Kunst ein delikates Pflänzchen ist

und ich kann noch übertölpelt werden, auch wenn ich unverdrossen weiter

mache.

Wenn ich hier geblieben wäre, so hätten meine Bilder hierher gemusst,

denn es wäre doch möglich, dass mir eine Bestellung vom König geworden

wäre; so sind sie in Berlin, was mich am meisten ärgert, gehen dann nach

Hannover, wo ich wenig Hoffnung habe zum Verkaufe...

Der Gedanke an ein grosses Werk in Rom steht unverrückt fest in meiner

Seele und die Zeit, wann, kommt nicht einmal so sehr in Betracht, nur

dürfte es nicht zu lange anstehen.

Eine blosse Reise nach Weimar kostet mir zu viel. --

Schwind ist der einzige, echte Künstler; bei den Andern sind es

frappante, photographische Studien, wobei das Detail immer besser ist,

als die Gestaltung.

Mein Studium des Menschen ist eine heut zu Tage brodlose Kunst.

Schwind nahm mich gleich unter den Arm und schimpfte furchtbar über

meinen Hafis.[4]

[4] Schwind hasste den französischen Kolorismus und also auch

Feuerbachs in Paris entstandenen »Hafis vor der Schenke«.

* * * * *

Liebe Mutter!

Ich habe gestern einen sehr schönen Tag verlebt, Vormittags in der

Galerie, Nachmittag und Abend mit Schwinds Familie. Er hatte die Güte,

mir die sieben Raben zu zeigen, Eigenthum des Grossherzogs von Weimar,

ein Werk so köstlicher Genialität und so ergreifender Lieblichkeit,

dass ich ganz selbst verzaubert bin. Ich glaube, dass sich Niemand der

Thränen erwehren kann, wie am Schlusse die langersehnten Kinder, als

Jünglinge, jauchzend herangesprengt kommen und den Scheiterhaufen, auf

welchem die Schwester steht, umringen. Es hat mich lange nichts so

ergriffen.

Abends gingen wir noch in die Redaktion der Neuesten Nachrichten und

da habe ich ein Atelier ausschreiben lassen, vielleicht hilft es. Sie

wollen mich wenigstens bis Donnerstag halten, wo Händels Esther gegeben

wird. Aber ich thue es nicht, sondern gehe, so schwer mir der Abschied

wird, nächste Woche nach Rom.

Was werden mir die Karlsruher denn schreiben, die Philister?

Schwinds haben mir sogar ihre Villa angeboten am Starnbergersee, für den

Winter, wo auch Du hinziehen sollst. Doch das sind Träume. Du siehst

daraus, wie herzlich man hier gegen mich ist.

Ich habe hier viel gelernt und bereue keine Stunde, die ich hier

verlebte. Ich habe jetzt noch einige Tage zum Zuwarten, dann gehe ich --

mein Koffer steht noch in Friedrichshafen -- aber für nicht länger, als

anderthalb bis zwei Jahre; dann will ich an ein fröhliches, deutsches

Schaffen gehen, weil ich fürchte, in Rom Hypochonder zu werden.

Dass mir Schwind die Bilder zeigte, darf ich hoch genug anschlagen, da

sie beim Photographieren sind und Tausende sie zu sehen verlangten.

Seine Frau, die mich noch vom Maskenfeste[5] her kennt, meint, ich sei

jünger geworden seit damals.

[5] Feuerbach war 1848 und 1849 studienhalber in München gewesen.

Schwinds waren seit 1847 in München.

In Schwinds Sachen weht ewige Jugend und ein Duft, dass ich mich

wirklich, mit all meinem Talente, tief unter ihm fühle.

Ich werde hier kein Atelier finden und dann heisst es nächste Woche

fort. Wäre ich geblieben, so hätten alle meine Bilder hergemusst. Mit

Karlsruhe will mir's nicht in den Kopf, ich würde dann doch gleich im

Frühling hierherkommen.

Es gehen mir nach und nach die Augen auf; ich habe viel gelernt und

bin ein feiner Künstler -- aber ob ich je so sprudeln lassen kann, wie

Schwind, daran zweifle ich.

Was ist es ein eigenes Ding um das innere Gefühl! Warum bin ich von

Friedrichshafen nach München? -- Ich glaube, dass sich in meinem Innern

Etwas umgestaltet und ich werde auch in Rom andere Sachen machen.

Schwind sagte mir, er habe nach langen Kämpfen endlich so viel, dass

seine Familie nach seinem Tode leben könne.

Man sagt hier, dass die Polizei in Karlsruhe die Künstler scharf

bewache, wegen der Modelle!!!

Gönne mir noch die paar Tage ruhigen Betrachtens, der Abschied kommt

früh genug. Ich will dann doppelt und dreifach fleissig sein. Später

komme ich dann nach München, wo ich mich an Schwind anschliessen will.

Ich kann lernen von ihm, wie man heiter bleibt und gesund. Meine Farbe

bleibt mir immer. Ich halte ihn für den Ersten, und blos, weil er das

Herz bewegt mit seinen Sachen.

Briefe von Dir treffen mich noch hier...

Ich komme mir manchmal wie ein rechtes Rindvieh vor, Gottlob sind das

nur vorübergehende Stimmungen...

Schreibe mir noch einmal hierher, wie ich Dich bereits im vorigen Briefe

gebeten.

Jenes feuchte, kleine Atelier nehme ich nicht, man kann sich dort den

Tod holen[6]. Jetzt warte ich noch bis Anfang nächster Woche, dann muss

ich weg.

[6] In Karlsruhe.

Heute gehe ich zu den Antiken.

Dein Anselm.

* * * * *

Liebe Mutter!

Als kurze Antwort auf deinen wohlgemeinten Brief kann ich nur sagen,

dass mir München das Liebste wäre, doch wird es am Ateliermangel

scheitern, so wie es Knaus ging. Ich bin deshalb immer auf den Beinen

und habe auch Auftrag gegeben. Ich kann nicht mehr thun. Hier stünden

mir alle Hilfsmittel zu Gebote und wenn ich Etwas auftreibe, so wäre ich

gleich bei der Hand.

Genelli hat geschrieben und ich habe Gelegenheit gehabt über Weimar so

viel zu hören, dass mir die Lust ein für allemal vergangen ist...

Was Rom betrifft, so ist Ende November noch nichts verloren, und

schreibt Riedel günstig, so wäre kein Hindernis.

Wenn Du anfragen willst in Karlsruhe, so thue es, nur weiss ich keine

Ateliers dort, ausser die der Kunstschule und da gehe ich wirklich nicht

gern hinein und auf andere Geschichten lassen sie sich nicht ein.

Ich benütze die nächsten Tage zur Atelierjagd; an Umgang würde es

nicht fehlen, auch habe ich noch für acht Tage genug zu sehen und zu

studieren...

Finde ich hier kein Atelier, und ist die Antwort der Karlsruher nicht

so, wie wir es wünschen, und (lautet) Riedels Brief nur halbwegs

acceptabel, dann breche ich zum zweiten Mal Alles ab und gehe nach Rom

und wenn es Ende November wäre.

Die Motive die mich nach München trieben sind klar; es entsprang aus dem

innersten Bedürfniss, mitlebende Künstler sehen und schätzen zu lernen

und meine Sache in Rapport damit zu bringen, weil ich Isolierung als

Mensch und Künstler in Rom befürchtete. Dem Uebelstand wäre jetzt schon

abgeholfen, da ich Eindrücke genug habe, um sie für ein Jahr in der

Stille zu verarbeiten. Hier wäre ich gut am Platz, weil meine Richtung

mittendurch geht. Ich kann nichts weiter sagen, als dass ich in München

bleibe, wenn ich Etwas finde... Scheitert es, dann bin ich reduziert auf

Rom oder Karlsruhe.

Du wirst bald an der Antwort merken, ob sie flau oder ermuthigend ist,

und dann breche ich die Zelte ab und laufe dem Teufel in den Rachen,

wenn es sein muss. Ich weiss nichts Besseres. Weimar und Frankfurt sind

mir ganz Null geworden.

Hier ist neutraler Boden, billiges Leben und ernsthaftes Streben -- aber

auf der Strasse kann ich nicht arbeiten...

Ich beschliesse diesen Brief, weil ich wieder herumlaufen will... Hätte

ich ein Atelier gefunden, dann sässe ich heute schon drinnen... Hier

wird doch was geleistet, man giebt und empfängt Anregung und ich habe

nur einen Wunsch, dass es mir gelingen möge ein Atelier zu finden...

Dass mir Rom immer das Edelste bleiben wird, versteht sich von selbst,

denn dort allein habe ich nie geschwankt!

Dein Anselm.

[Illustration: A. Feuerbach]

MAC NEILL WHISTLER

Der rote Lappen

Warum sollte ich meine Werke nicht Symphonien, Arrangements,

Harmonien und Nocturnos nennen? Ich weiss recht wohl, dass manche

braven Leute meine Bildertitel komisch und mich selbst exzentrisch

finden. Ja, exzentrisch ist das Wort, das sie für mich aufgebracht

haben. Die grosse Mehrheit des englischen Publikums kann und wird nie

ein Bild einfach als Bild ansehen, losgelöst von allen literarischen

oder historischen Momenten. Mein Bild -- eine Harmonie in Grau und

Gold -- eine Schneestimmung mit einer einzelnen schwarzen Gestalt

und einer erleuchteten Schankwirtschaft, ist hierfür ein Beispiel.

Mir ist die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der schwarzen Figur

vollkommen gleichgültig und ich habe sie dorthin gemalt, einfach weil

an diesem Punkte eine schwarze Note hingehörte. Das einzige, was

mich dabei interessiert, ist, dass die Kombination von Grau und Gold

der Grundton des Bildes ist. Und das ist gerade, was meine Freunde

nicht begreifen können. Sie sagen: »Warum soll man es nicht 'Trotty

Veck' nennen und diese Harmonie von Grau und Gold dadurch in einen

hübschen Haufen Gold und Silber verwandeln? Und geben damit ganz naiv

zu, dass, ohne einen netten Taufnamen, kein Geschäft zu machen ist.

Aber selbst vom kaufmännischen Standpunkt aus wäre dies Anfüllen

seines Ladens mit den Waren eines Anderen unanständig, wenn es nicht

durch den Brauch geheiligt wäre. Selbst die Beliebtheit eines Dickens

dürfte nicht heraufbeschworen werden, um einer ganz anders gearteten

Kunst zum Erfolge zu verhelfen. Ich würde es als einen gemeinen und

niederträchtigen Trick ansehen, das Publikum durch den Namen Trotty

Veck anzulocken. Denn wenn es überhaupt Sinn für die Malerei hätte, so

müsste es wissen, dass ein Bild sein eigenes Verdienst hat und nicht auf

dramatisches, anekdotisches oder lokales Interesse angewiesen ist. Wie

die Musik die Poesie des Schalles, so ist die Malerei die Poesie der

Farbe und die Anekdotenmalerei hat nichts mit der Harmonie des Schalls

oder der Farbe zu thun. Die grossen Musiker wussten dies. Beethoven und

die anderen Grossen komponierten Musik, einfach Musik, eine Symphonie in

dieser Tonart, ein Konzert oder eine Sonate in einer anderen. Auf F oder

G bauten sie himmlische Harmonien auf -- Tonverbindungen, die sie aus F

oder G und deren verwandten Moll-Tonarten entwickelten. Dies ist reine

Musik und ebenso verschieden von den beliebten Liedchen, die an und für

sich trivial sind, aber durch die Gedankenverbindungen interessieren,

wie z. B. der Jankee Doodle oder Partant pour la Syrie. Die Kunst sollte

auf all solche Köder verzichten, sollte ganz allein stehen, und zu dem

künstlerischen Sinn des Auges oder Ohres sprechen, ohne damit Erregungen

zu vermischen, die ganz fremd dazu stehen, wie Frömmigkeit, Mitleid,

Liebe, Patriotismus und dergleichen. All diese Empfindungen haben

keinerlei Beziehung zum Kunstwerk und darum lege ich so grosses Gewicht

darauf, meine Werke Arrangements oder Harmonien zu nennen. Man nehme das

Bild meiner Mutter, das ich in der Königl. Akademie als ein »Arrangement

in Grau und Schwarz« ausgestellt habe. Dieser Titel sagt, was es ist.

Für mich hat es Interesse als das Bild meiner Mutter. Was kann oder darf

aber das Publikum die Identität des Porträts interessieren?

Der blosse Nachahmer ist ein armseliges Geschöpf. Wenn der Mann schon

ein Künstler wäre, der einen Baum, eine Blume, oder irgend einen

Gegenstand einfach abmalt, so müsste der Photograph der König der

Künstler sein. Der Künstler muss mehr als dies thun: bei einem Porträt

muss er mehr auf die Leinwand bringen als das Gesicht, das das Modell

gerade an diesem einen Tage zur Schau trägt, er muss, kurz gesagt,

den ganzen Menschen malen, nicht nur den momentanen Ausdruck. Beim

Farbenarrangement muss er die Blume als die Tonart betrachten, in der

er komponiert, nicht als das trockene Modell. Dies wird jetzt leidlich

gut verstanden, wenigstens von den Schneidern. In jedem Kleid ist man

jetzt auf eine gewisse Tonart in bezug auf die Farbe bedacht, die in

der Komposition immer wiederkehrt, wie der Gesang der Wiedertäufer im

»Propheten« oder das Hugenotten-Lied in der Oper gleichen Namens.

* * * * *

Wann ein Kunstwerk vollendet ist.

Ein Gemälde ist vollendet, sobald jede Spur der Mittel, die zur

Erreichung des beabsichtigten Resultates angewandt wurden, verschwunden

ist.

Von einem Gemälde sagen, -- wie das so oft zu seinem Lob geschieht, --

dass es eine grosse und ernste Arbeit erkennen lasse, das heisst sagen,

dass es unvollendet ist, und unwert, gesehen zu werden.

Der Fleiss in der Kunst ist eine Notwendigkeit -- nicht etwa eine

Tugend -- und jedes Zeichen, das man von ihm in einer Schöpfung

wahrnimmt, ist ein Fehler, nicht ein Vorzug, ein Beweis, nicht der

Vollendung, sondern von unbedingt ungenügender Arbeit; -- denn die

Arbeit allein nur kann die Spur der Arbeit auswischen.

[Illustration: Whistler, Stéphane Mallarmé]

Am Werke des Meisters darf man nicht nur nicht den Schweiss seiner

Stirne riechen, sondern auch nicht die leiseste Anstrengung seiner

Arbeit fühlen; es ist beendet, sobald es begonnen worden.

Eine Aufgabe, die durch Fleiss und Beharrlichkeit allein zu Ende geführt

worden ist, ist niemals begonnen worden und wird ewig unvollendet

bleiben: -- sie ist ein Monument des guten Willens, -- des guten Willens

und der Dummheit.

Je mehr sich einer abringen, je mehr er sich Mühe geben und beeilen mag,

umsomehr wird er zurückbleiben.

Das Meisterwerk muss uns erscheinen wie die Blume dem Maler erscheint,

in ihrer Knospe vollendet wie in ihrer Entfaltung, ohne ihre Gegenwart

zu begründen, ohne eine Mission, die sie zu erfüllen hätte -- einfach

eine Freude für den Künstler, eine Illusion für den Menschenfreund,

ein Rätsel für den Botaniker -- ein Erwecker des Gefühls und seiner

Allitterationen für den Dichter.

FRANCISCO DE GOYA

Drei Briefe

Lieber Martin, ich habe sehr bedauert, dass Dir die

Festlegung des Kapitals auf Leibrente schlecht erschienen, aber glaube

mir, wenn es noch Zeit wäre, würde ich Dir danken und Deinem Rat folgen,

aber da ist nichts mehr zu ändern, man muss sich damit abfinden. Es

entschuldigt mich gewiss, dass ich mir von einem Beichtvater raten liess

(freilich habe ich ihn selbst um Rat gefragt); kurz das ist vorbei.

Ich habe etwas mehr als die 1000 Doblonen daran gewandt. Meiner Frau

habe ich so täglich 6 Realen ausgesetzt. Doch verlassen wir diesen

Gegenstand, um ihn zu vergessen. Bei dem Hause sehe ich, dass Du uns

soviel Gefälligkeiten wie nur möglich erweisest, auch meine Frau ist Dir

dafür unendlich dankbar und beauftragt mich, dir zu sagen, dass, da das

Haus das Grab der Frauen ist, so erscheint ihr die Lage traurig; aber

ich wiederhole, dass Du, wenn Du weisst, dass es geeignet ist, es machen

mögest.

Ich für mein Teil sage Dir, dass alles, was Du thust, immer meinen

Beifall finden wird, mag es sich um Monate oder um Jahre handeln,

einerlei, wie es Dir am besten erscheint. Betreffs der Wohnung genügt

sie mir reichlich für meine Frau, eine Magd und einen Diener und

höchstens noch Jemand, denn ich hatte vergessen Dir zu sagen, dass meine

Eltern lieber die Zurückgezogenheit wünschen und mit meiner Schwester

fortziehen wollen.

Ich habe den ersten Entwurf einer Kuppel beendet, aber ich werde

wahrscheinlich noch 2 Monate hier sein, denn bevor alles hergerichtet

sein wird, werden damit allein mindestens 40 Tage vergehen; noch sind

keine Anzeichen vorhanden, es scheint, dass es um so mehr sich hinzieht,

als ich es dringend wünsche.

Möglicherweise bekomme ich hier ein Pferd; teile mir deine Ansicht

mit und wenn es sich macht und Dir gut scheint, ob ich es von hier

mitbringen soll. Leb wohl! und Vorsicht mit den langfingrigen

H....-weibern, die beissen. Ich weiss nicht, ob ich Dir auf alles

antworte, nur weiss ich soviel, dass das, was Du thust, wohlgethan sein

wird.

Dein Fran de Goya

Madrid 9 de Agoto de 80.

* * * * *

Lieber Martin, wie ich in meinen früheren Briefen sagte, will ich

sehen, ob sie mir meinen Wunsch erfüllen lassen, Dir ausführlich zu

schreiben, obgleich ich hinke von einem Sturze, den wir mit einem

Wagen hatten, der schon halb ausgehandelt war zu 90 Doblonen. Er ist

wirklich ein Prachtstück (es giebt in Madrid nur 3 solche Wagen), er ist

englischer Bauart und daher so leicht, dass man keinen zweiten finden

würde, von ausgezeichneter Eisenarbeit, vergoldet und lackiert, fein!

auch bleiben die Leute hier stehen, um ihn anzugaffen! Wir fuhren aus um

ihn zu probieren mit einem Pferde, das ich auch kaufte, sehr gut, schon

10 Jahre alt, aber mit allen guten Eigenschaften für meinen Zweck. Wir

fuhren, sein Besitzer und ich, so flott in feinem Trab und es konnte

garnicht besser gehn. Schon ausserhalb von Madrid fingen wir an scharf

zu fahren, ich führte die Zügel, da sagte er zu mir: soll ich ihn einmal

umdrehen lassen à la Napolitana. (Das Pferd stoppte daher), ich gab ihm

die Zügel, da ich wünschte, etwas Neues zu sehen und kennen zu lernen

und im Galopp, wie er in der Mitte des Weges ging, -- obwohl dieser

breit war, war er es doch nicht genug, um sich das, was er ausführte,

vorstellen zu können -- kamen wir beim Umbiegen zum Stillstand, Wagen,

Pferd und wir überschlugen uns und Gott sei Dank, war der, welcher am

schlechtesten davonkam, nur ich, es hatte nichts weiter zu bedeuten, als

dass ich seit dem Santjago-Tage, als dieses passierte, bis heute meinen

Hofarzt erwarte, um zu wissen, ob er mir erlaubt, etwas zu gehen. Es

ist nämlich am Knöchel das rechte Bein verletzt, aber nichts gebrochen

noch ausgerenkt. Ich hatte mir ein beneidenswertes Dasein geschaffen,

schon hatte ich nicht mehr zu antichambriren. Wer etwas von mir wollte,

kam zu mir, ich machte mich immer rarer, und wenn es nicht eine sehr

hohe Persönlichkeit war oder mit Empfehlung eines Freundes kam, führte

ich für Niemanden eine Arbeit aus, und je unentbehrlicher ich mich

machte, desto weniger verliessen sie mich (noch verlassen sie mich), so

dass ich nicht weiss, wie fertig werden. Indem ich auf diese Weise so

ahnungslos war wie du es nur im entferntesten sein kannst, erfuhr ich,

dass es Anwärter für die Teppichfabrik gab, und es interessierte mich

nicht weiter, als dass ich mich freute, dass einige der verdientesten

Professoren ihr Auskommen finden würden. Eines Tages liess mich

Bayeu rufen -- wir standen uns nicht besonders (?), was mir grosse

Verwunderung verursachte und begann mir zu sagen, dass der Dienst des

Königs immer begehrenswert wäre und dass er mit 12000 Realen angefangen

hätte und dass er diese aus der Hand Mengs erhalten und zwar nur als

Gehilfe, dass ich jetzt aber eine bessere Gelegenheit hätte, in den

Dienst des Königs zu treten zugleich mit Ramon, und dass wir schon in

Betracht gezogen wären, denn ihm und Maella wäre ein Befehl des Königs

zugegangen, die besten Maler in Spanien auszusuchen, und dass ein Jeder

einen vorschlagen solle, und dass er seinen Bruder vorgeschlagen und es

derart arrangiert hätte, dass Maella mich vorschlüge, um die Vorlagen

für die Teppichfabrik zu malen und für jede andere Art von Arbeit

für den königlichen Dienst mit jährlich 15000 Realen. Ich dankte ihm

und wusste nicht, was mir geschah; nach 2 Tagen hatten wir schon die

Mitteilung, dass der König es zu denselben Bedingungen, wie angegeben,

dekretiert habe, derart, dass, als ich es erfuhr, es schon dekretiert

und dem Schatzamt angewiesen war. Wir gingen dem Könige, Kronprinzen

und Infanten uns vorzustellen, und da bin ich ohne zu wissen, wie das

Abscheuern geschah.

Mit dem, was ich hatte, bringe ich es auf beinah 28000 Realen und nicht

will ich mehr Gnade bei Gott, was ich Dir aufrichtig zur Verfügung

stelle, Du musst nicht sagen, dass ich nicht ein Schwätzer bin. Bitte

grüsse D. Juan Martin und sorge, dass diese Beilage meine Schwester

empfange.

Dein Fran de Goya

Madrid, den 1. August 1786.

Ich habe Pallas noch nicht gesehen, um ihm den Brief zu geben.

[Illustration: Franc. Goya, Zeichnung]

* * * * *

Lieber Martin, ich schreibe Dir nicht französisch, bis ich es besser

zu sprechen verstehe, weil es mir noch viel Arbeit kostet. Durch

Yoldi erfuhr ich, dass du Drosseln fängst und dich so gut wie möglich

zerstreust, wir sind einige Mal auf Lerchen gegangen und schossen so

schön vorbei, wie Du, aber wir brachten den Tag vergnügt und im Freien

zu. Alles erscheint einem Zerstreuung, nur das Beschmutzen der Flinten

ist unangenehmer als es erscheint. Ich möchte wissen, ob Du schmuck,

vornehm oder ruppig bist, ob Du Dir einen Bart zugelegt hast, ob Du alle

Zähne hast, ob dir deine Nase gewachsen ist, ob du Brillen trägst, ob

du stramm schiffst, ob du irgendwo weiss geworden bist und ob für dich

die Zeit wie für mich verstrichen ist. Mich hat sie alt gemacht mit

vielen Runzeln, so dass Du mich nicht erkennen würdest, ausser an der

Stumpfnase und an dem feuchten....... Sicher beginne ich schon recht die

41 Jahre zu fühlen. Du aber hast dich vielleicht so conserviert, wie in

der Schule des Pater Joaquin.

An den Mönch in Valencia habe ich wegen der Farben geschrieben. An meine

Schwester schreibe ich heute Abend, dass sie zu Dir gehen soll und Du

wirst ihr die 15 Duros geben, die ich hier an Piran und an Joldi zahlen

werde, denen ich, bevor ich die Summe wusste, die sie Dir schuldete, 200

Realen gab, aber auf dein Conto rechne ihm nur die 9 Thaler an, denn er

sagte mir schon, dass er mir den Rest gutschreiben würde, aber ich brach

in Lachen aus, indem ich ihm für die Rechtschaffenheit dankte.

Gute Nacht, Friede auf Erden und Wohlgefallen in Ewigkeit, Amen.

Fran de Goya

28. November 87.

Entschuldige die Mühe.

H. C. ANDERSENS SILHOUETTEN

Des Märchendichters Scheere.

VON

CHRISTIAN MORGENSTERN

Kunst und Künstler Almanach 1909 · 第 5 / 10 段