In der Kenntnis der klassischen Kunst herrscht vor allem die Idee

der Synthese. Kein Klassiker, der nicht ökonomisch mit seinen Mitteln

umgeht, der nicht die Grazie des Details der Schönheit des Ensembles

unterordnet, der nicht die Grösse durch Prägnanz erreichen will. --

Aber die klassische Kunst verlangt ausserdem den Glauben an notwendige

Beziehungen, an mathematische Proportionen, an einen Schönheits-Standard

-- entweder ein Sujet des Kunstwerks (Kanon des menschlichen Körpers)

oder in der Oekonomie des Werkes (Gesetze der Komposition). Wichtig ist

auch, das Gleichgewicht zwischen Natur und Stil, zwischen Ausdruck und

Harmonie zu finden. Der Klassiker handelt nach synthetischer Methode,

stilisiert oder erfindet sogar vielleicht Schönheit, nicht nur beim

Bildhauen oder Malen, sondern schon beim Sehen, wenn er die Natur

anschaut. Jedes Objekt, das er betrachtet, erschafft er neu; wenn er

ihm auch seine hauptsächliche logische Berechtigung belässt, wandelt er

es seinem eigenen Genie gemäss um. Der griechische Bildhauer aus der

Schule des Phidias weicht nicht dem Modell aus, indem er vereinfacht;

er lässt nichts aus, aber so meisterhaft beherrscht er jedes Detail

der Mathematik, dass sie sich alle in erhabener Harmonie auflösen.

Der Körper, den seine Kunst erdenkt, ist so objektiv, dass er wahr

erscheint, und doch hat ihn der Gedanke des Menschen konstruiert,

er hat Stil. So bildet der Klassiker aus den der Natur entlehnten

Elementen nicht nur die Elemente von Kunstwerken, wie der Orientale,

der Romantiker oder der Impressionist, sondern auch die Elemente einer

Natur, wie er sie sieht, ideal verständlich und nach seinem Bilde

erschaffen. Es scheint übrigens, dass es die Griechen des fünften

Jahrhunderts und die Aegypter sind, welche die allgemein verbreitetsten

Schönheitstypen und die besten Proportionen geschaffen, sowie am meisten

Leben und Realität in eine bis dahin rein architektonische Auffassung

des menschlichen Körpers gebracht haben. Und ist es nicht gerade das,

was wir auch in anderen Epochen bei den Meistern der Bildhauer- und

Malkunst am Mittelmeer, bei den Mosaikkünstlern von Rom und Ravenna, bei

den Giottisten bewundern?

III. Griechische oder gotische Klassik?

Wie jene bemüht sich auch Maillol vollkommen schöne und vollkommen

einfache Formen zu schaffen. Den Gegenstand seiner Sinnlichkeit, alles,

was er in der Natur liebt, kleidet er in gewisse Konventionen, die er

erfunden hat. Er erschafft, ganz naiv, vielleicht sogar unbewusst,

klassische Synthesen. Nichts Ueberflüssiges belastet die Knappheit

seiner Figuren, von denen so manche die Reinheit einer Tanagra-Figur

hat. Durch seine Geburt, durch seine Rasse gehört er dem Süden

Frankreichs an: er kommt uns von den Ufern des Mittelmeers, dessen

blaue Fluten die Geburt der Venus gesehen und zu so vielen berühmten

Kunstwerken begeistert haben. Irgend ein Grieche, sein Ahnherr, hat

vielleicht an unsere südlichen Küsten mit dem Kultus der Schönheit auch

den der Pallas Athene mitgebracht, also den Kultus des klassischen

Geistes. Er selbst, mit seiner gut gebauten Stirn, seiner geraden Nase,

seinem borstigen Bart, gleicht einem der Krieger aus dem äginetischen

Giebelfeld; er ruft in einem die Gedanken an einen Begleiter des

schlauen Odysseus wach, den eine keltische Nymphe an diesen Ufern

zurückgehalten hat. In Bauyulx in Roussillon geboren, wo er auch

alljährlich die Wintermonate verlebt, ist er zwischen den Pyrenäen

und dem Meer aufgewachsen, unter Olivenbäumen und in Weingärten. Da

erhält eine freigebigere Sonne die Geister der Menschen, eine lächelnde

Jugend. Sie sind immer zum Enthusiasmus bereit, feurig in Worten, zu

wunderbaren Erzählungen geneigt. Wer Maillol gehört hat, wie er Melodien

seines Vaterlandes singt, den Himmel, die Sonne und den Wein rühmt,

der weiss, wie tiefe Wurzeln ihn an den lieben Boden des Vaterlandes

knüpfen, [Greek: Philên es patrida gaian], dort hat er die

Weisheit Houdon's wiedergefunden, da knüpft er mit leichter Grazie an

die Traditionen der griechischen Bildhauerkunst an.

Von anderer Seite[1] wird behauptet, dass Maillol ein Anhänger der

Gotik sei. Und das scheint ein direkter Widerspruch gegen uns zu sein.

Ich gebe zu, er hat die Grazie, die Intimität, die Feinfühligkeit des

Occidentalen. Seine Auffassung des Realen berührt uns näher als die

Vollkommenheit der Antike, er hat eine anmutende Heiterkeit, »incessu

patuit dea« lässt sich nicht auf seine nackten Figuren anwenden. Sein

Klassizismus liegt uns näher, mit einem Wort, er ist ein Moderner. Aber

man muss sich darin verstehen. Ich teile nicht das Vorurteil unserer

lateinisch-heidnischen Erziehung, die uns unser Mittelalter als eine

dunkle Epoche der Askese und der Barbarei zeigt. Im Gegenteil, das

Christentum erweckte die Leidenschaft für die Natur: die Kunst des

Mittelalters, bald mystisch, bald sinnlich, hatte ein sehr lebhaftes

Gefühl für alles, was reizvoll auf der Erde ist. Die Meisterwerke

unserer Bildhauerkunst des XIII. Jahrhunderts lassen sich ganz mit den

Meisterwerken des griechischen V. Jahrhunderts vergleichen. Obgleich

sie verschiedenartiger, lebendiger, ausdrucksvoller sind, dürfte man

ihnen den Charakter allgemeiner Menschlichkeit, und jene erhabene

Roheit absprechen, durch die Maillols Statuen mit den schönsten Antiken

verwandt sind. Aber von unserm Standpunkt, d. h. vom klassischen

Standpunkt aus, muss jeder zugeben, dass z. B. die Statuen von Chartres

eine ebenso geläuterte Kunst, einen ebenso gefeilten Stil, ein ebenso

reines Formgefühl zeigen wie die schönsten griechischen Statuen. Und

es giebt wenig Darstellungen der Frau in der griechischen Kunst des V.

Jahrhunderts, die so frisch und köstlich wirken, wie die Darstellung der

heiligen Jungfrau, die die Gotik uns so rundlich und heiter lächelnd

zeigt. Das Buch über die Sinnlichkeit und die Vollkommenheit der Form

der französischen Bildhauerkunst des Mittelalters ist noch nicht

geschrieben.

[1] Jacques Blanche.

Ich weiss nicht, ob Maillols synthetische Methode sich an die Griechen

oder an die Gotiker lehnt. Aber unbedingt sehe ich bei ihm ein

entschiedenes Eingehen auf die Natur und auf das individuelle Leben,

das er, wie in den Kirchenbildern, durch absolute Wahrheit übersetzt,

die ihn bis zur Missbildung und zum Linkischsein führt. Am Portal von

Notre Dame in Paris, in der Herodias von Rouen, im Vierblatt von Amiens,

im Giebelfeld der Brautthür von St. Sebaldus in Nürnberg finden sich

Rundungen, eine Grazie, Naivitäten, die der reine Maillol sind.

In ihm vereinigen sich versöhnlich zwei aufeinanderfolgende Traditionen,

das griechische V. und das christliche XIII. Jahrhundert, zwei

Kunstformen, die den idealen Typus der Menschheit durch die Fülle der

Form verwirklicht haben.

IV. Fülle der Form.

Bis zu welchem Grade Maillol das Gefühl für die Form, für die

Schönheit einer Linie, für die geometrische Vollkommenheit eines Körpers

hat, das drücken schon vollkommen seine Entwürfe, seine flüchtigen

Skizzen aus. Ein einfacher Zug genügt ihm, um sein plastisches Interesse

an einem Werke zu rechtfertigen, an dem wir ihn dann lange Monate

arbeiten sehen. Die zauberhaften Arabesken seiner Tapisserien zeigen

sein erstes Tasten nach der Form; allerdings sind sie farbig und das

ist auf den ersten Blick ihr grösster Reiz. Wenn er auch aus einem Land

stammt, das Poussinsche Linien und mehr graue Tinten zeigt, so reizte

ihn doch von Jugend an das Spiel der Farben. Er war ein malerisches

und dekoratives Talent, ehe er Bildhauer wurde. Man kennt die schönen

gewirkten Tapeten, die er im Salon der Société Nationale ausstellte:

grosse Figuren genial drapierter Frauen in der Umgebung eines

Obstgartens oder Parks. Aber gerade in diesen ersten Werken, ebenso in

seinen wenigen Malereien, Lithographien und Holzschnitten entdeckt man

unter der Zartheit der Farben sein tiefes Gefühl für die Form, auf den

emaillierten Fayencetellern, die aus seiner Anfangszeit stammen, z.

B. den beiden jungen Mädchen, die eine Giesskanne tragen, stehen die

Umrisse in voller Schärfe, und doch treten schon die Modellierungen

bedeutungsvoll hervor. Und schon seine ersten Figurinen zeigen in ihrer

Fülle all seine plastischen Qualitäten. Seine Meisterschaft bestätigt

sich in den Statuen und Statuetten der letzten Jahre, der halbdrapierten

Figur von Octave Mirbeau; den Kämpferinnen und dem sitzenden jungen

Mädchen von Herrn Vollard, einer stehenden Frau von Mr. Fayet, einer

kauernden weiblichen Gestalt vom Grafen Kessler; in allen entdeckt man

erstaunliche Kombinationen von Flächen und gefälligen Rundungen, ein

vollkommenes Verständnis der relativen Wichtigkeit der Volumen, eine

starke Modellierung und Breite in der ganzen Ausführung. Was ist nun in

der Ausarbeitung seines Werkes sein Kriterium, sein Führer? Es ist nicht

der Charakter eines ein für allemal gewählten Typus; denn er entnimmt

verschiedenen Modellen, Abgüssen und selbst Photographien die ganz

verschiedenen Elemente, die er zu einem Ganzen verschmilzt. Es ist auch

nicht die Bewegung, denn er verändert sie im Laufe seiner Arbeit, es ist

einfach das wundervolle, instinktive, natürliche Gefühl für die Form.

Keiner komponiert so wie Maillol das Element des Fleisches, die

Symmetrie eines Torsos und die ganze Architektur der Sinne, in der sich

seine Phantasie entfaltet. Er braucht absolute Freiheit, um nach seinem

sicheren Instinkt zu erfinden und die Materie zu gestalten. Aber auch im

Meistern der Ueberfülle seiner Gaben, in der Art, wie er unter tausend

verschiedenen Elementen diejenigen wählt, die am geeignetsten sind, ihn

zu befriedigen, fühlt er ganz wie die Klassiker das Bedürfnis eines

Zwangs. Dieser Nachkomme der Aegypter, der Griechen und des herrlichen

Pradier schreibt sich selbst festgelegte Proportionen, feste Satzungen

vor: nach seinen gewöhnlichen Modellen hat er die Maasse präzisiert,

die ihm gefallen, und einen idealen Typus geschaffen, dem er nach

Möglichkeit alles unterwirft. Ich habe beobachtet, dass er sich, indem

er möglichst systematisch kugel- und cylinderähnliche Formen verwendet,

den Rat von Ingres zu verwirklichen bemüht: »dass die Beine wie

Säulen sein müssen«. -- Und er verwendet die vom Meister bezeichneten

Mittel: »Um die Schönheit der Form zu erreichen, muss man rund und

ohne innere Details modellieren. Denn »schöne Form ist gerade Flächen

mit Rundungen«. -- Und Ingres fügte hinzu: »Warum schafft man nicht

grossen Stil? weil man statt einer grossen Form drei kleine macht.« Eine

glänzende Formel, welche die ganze Kunst und Methode Maillols umfasst!

V. Der Sinn für das Reale.

So haben wir nun untersucht, welche Qualitäten er für sein Schaffen

mitbringt und mit welcher Beherrschung er eine ganz konkrete und ganz

mit Realismus genährte Phantasie beherrscht. Denn solche Kunst wäre in

der That akademisch, wenn die Liebe zum Realismus nicht überall darunter

hervorblühen würde. Aus seinen vollendetsten Synthesen ist es leicht,

seine Begeisterung für die Natur herauszufühlen. Dieser grosse Klassiker

hat eine ganz kindliche Empfindung. Jedes noch so vertraute Schauspiel

in der Natur sieht er jedesmal wieder mit entzückten Augen und einem

frischen Herzen. Die ganze Aussenwelt liebt er leidenschaftlich. Giebt

er nun wirklich dem was er sieht den Vorzug vor dem, was er erfindet?

Eine offene Frage. Jedenfalls hat er die Gabe der Frische in einem

unerhörten Grade. Ich habe ihn in Ekstase geraten sehen über einen

Kieselstein, über ein Stückchen Erde, über den Glanz eines Metalls.

Seine Zärtlichkeit ist unermesslich, er ist für den Zauber jeder Sache

empfänglich.

Wenn seine künstlerische Neugierde so universell ist, wenn er sich

so warm mit dem anzuwendenden Material, mit der Patina, beschäftigt,

wenn er gern neue Mischungen zum Modellieren erfindet, wenn er bei

seinen Spaziergängen auf dem Lande Pflanzen sammelt, um ihren Saft zu

Farbstoffen auszupressen, so kommt das daher, dass nichts in der Natur

ihn gleichgültig lässt. Er ist eben mit allen Sinnen der geborene

Realist.

VI. Maillols Sinnlichkeit.

Dies ist auch das Geheimnis seiner sexuellen, mehr griechischen als

christlichen Sinnlichkeit, in der seine Kunst sich gefällt. Ein voller

Rücken, strotzende Schenkel, runde Schultern, die Weichheit des Leibes,

straffe Brüste -- bei all diesen Reizen des weiblichen Körpers verweilt

zärtlich sein Meissel. Die Antike, die nicht die Frauen liebte, hat uns

wenige so verführerische Figuren hinterlassen. Keine Romantik, keine

Literatur kompliziert ihm die jugendliche Vision dieser schönen, zur

Liebe bereiten Körper, ohne Scham und ohne Leidenschaft, Geschöpfe der

feinsten und köstlichsten Bestialität, kräftig gebaute und gesunde

Musen, deren lässige Stellungen sie der Mutter Erde nähern, oder die

manchmal ohne Bewegung im Glanz ihrer Nacktheit dastehen; Architekturen

des Fleisches, die kalt wären ohne jenes Erzittern der Haut, ohne

jene Unbestimmtheit der Geste, ohne die Zärtlichkeit, die ihnen die

wundervolle Schüchternheit Maillols einhaucht.

VII. Das Linkische in Maillols Kunst.

So oft er aufrichtig ist, wird er linkisch. Ich verstehe unter

»linkisch« jene Art von Ungeschicklichkeit, durch die sich, nicht

gebunden an äussere Formen, die persönliche Erregtheit des Künstlers

offenbart. Nicht nur unsere alten Meister, die frühen Gotiker, nein,

auch die grössten unserer Modernen haben uns Zeugnis von dieser

glücklichen Naivität gegeben. Ingres ließ sich, statt sich mit den

akademischen Vorschriften der Schule Davids zu begnügen, ruhig der

Ungeschicklichkeit zeihen und wagte die Thetis zu zeichnen! Der alternde

Puvis de Chavannes bäumte sich gegen den Verfall der Ingres-Schule

auf und in ihm erstand die Kindlichkeit der Giottoschule wieder. Um

der jämmerlichen Oberflächlichkeit der Kunst des zweiten Kaiserreichs

zu entgehen, begnügten sich Manet, Renoir, Degas damit, aufrichtig zu

sein und verachteten die Virtuosität, und die Kritik witzelte über ihre

Unkenntnis der Prinzipien von Kunst, Farbe und Zeichnung!

Der Fall Maillol ist ein komplizierterer; seine Kunst ist eine Kunst

der Formeln, aber sein Instinkt stellt sie auf: er enthält sich jedweder

Konvention, wenn er sie nicht, wenn ich so sagen darf, selbst erlebt

hat. Man muss folgendes richtig verstehen: Seine Aufrichtigkeit kennt

nur Grenzen insoweit, als sein klassischer Geschmack in Betracht kommt.

Immerhin ist sie aber begrenzt; und trotz dieses Zwanges bricht sie

überall siegreich hervor, sie macht diese kanonische Schönheit lebendig,

so dass, so vollendet er auch erfindet, seine Kunst doch der Triumph des

Instinkts ist. Wie naiv sieht er sein Modell, wie natürlich formt er es!

Die Kühnheiten, die er sich mit der Natur erlaubt, die Missbildungen,

durch die er eine Bewegung, eine Stellung betont, der Rhythmus

eines schönen Körpers, kein Kunstgriff verbirgt sie: man sieht sie

deutlich, er hat gar nicht die Absicht, etwas zu verbergen! Keinerlei

Erleichterung, kein Notbehelf! Wie seine Frauengestalten sind, ist

seine Kunst nackt und natürlich! Und wie sie hat er auch jene bäurische

Derbheit, eine ganz altmodische Gesundheit und jene Schamhaftigkeit, die

jeder von Natur offene Mensch einer komplizierten Zivilisation gegenüber

hat. Welch herrliches Naturell! er vereinigt die Tugend eines Klassikers

mit der Unschuld eines Primitiven!

VIII. Ein klassischer Primitiver.

Wie die Primitiven hat er die Achtung vor seinem Handwerk. Er macht

sich gar nichts aus den Klassifikationen der Theoretiker, und er

glaubt nicht, dass die Inspiration allein genügt ohne die Fügsamkeit

der Hände. Er lässt sich nicht durch leere Worte düpieren, er weiss,

dass die Kunst kein Priesteramt ist, dazu bestimmt, um die Gesetze der

»essentielle humanité« zu entwirren und zu verkünden. Die Dilettanten

unserer Zeit, die abergläubisch die geringfügigsten Skizzen irgend eines

geschickten Talentes verehren, werden in Maillol keinen Mitschuldigen

für ihren Fanatismus finden. So durchdrungen er von seinem Werte ist,

so will er weder sich noch uns durch eine Skizze zufriedenstellen. Er

hat den Ehrgeiz und die Anständigkeit, zu vollenden, zu glätten, mit

einem Wort, ein vollkommenes Kunstwerk zu schaffen. Er nimmt sich dazu

die notwendige Zeit, er hat die Redlichkeit des Kunsthandwerkers aus

früheren Tagen: er hat Geduld. Solch ein Praktiker ist eine Seltenheit

in unserer Epoche des Impressionismus und der Improvisation, er

verschmäht, mit den Abdrücken seiner Finger im Thon zu modellieren, und

ist nicht zufrieden, bis sein Holz hübsch sauber, sein Thon geglättet

ist und bis die Bronze unter der Feile die Fülle der Oberflächen und

die Eleganz der Rundungen angenommen hat. Wenn er die Geduld der

Primitiven hat, so treibt er auch wie sie sein Handwerk einfach, indem

jede Handhabung aus der Erfahrung seiner Hände resultiert. Die moderne

Industrie mit ihren flinken Hülfsmitteln schädigt nicht seine eifrigen

Versuche, ja, ich wage zu sagen, er verachtet sie; ebenso hat er kein

grosses Zutrauen zu den Neuerungen auf wissenschaftlichem Gebiete: er

verlangt von der Natur direkt alle Hülfsmittel, die sie ihm bieten kann,

und für das übrige nimmt er zu den Traditionen des Handwerks Zuflucht.

Auf seinen zufälligen Spaziergängen in Banguls entdeckte er die

seltensten und dauerhaftesten Tinkturen, ein alter Apotheker leitete

seine botanischen Sammlungen und um seine Färbmittel herzustellen,

bediente er sich der Rezepte von Empirikern. Und so gelang es ihm, Wolle

von absolut echten Farben herzustellen, die, wie Herr Meier-Graefe

versichert, denen aus der Manufaktur der Gobelins vorzuziehen sind. Ich

muss noch hinzufügen, dass er dieselbe Methode in der Zusammensetzung

der Thonerde und der Emaille anwendet, ebenso in der Wahl und der

Verfertigung seines Handwerkszeugs.

Voller Verehrung für die Vergangenheit, gehorsam den Lehren der

Museen, ahmt er keine Epoche sklavisch nach und liebt sie alle.

Daher archaisiert er auch nie mit Absicht, er erschafft jede seiner

Formeln neu. Wenn er manchmal den Griechen aus der Zeit des Phidias

sich nähert -- und das springt bei einer lebensgrossen Figur, an der

er jetzt arbeitet, in die Augen, kommt das nicht etwa durch eine

mühsame gnostische Nutzanwendung, durch die Vermittlung einer kühlen

Ueberlegung, oder durch Nachahmung -- nein, er fühlt eben einfach ganz

wie sie, und ihre Vollendung ist die seine, die ganz mit seinem Instinkt

übereinstimmt. Er ist ein primitiver Klassiker.

IX. Inwiefern ist er Meister seines Geschicks?

Ich habe gezeigt, welchen selbst erwählten Platz Aristide Maillol

unter den Neueren in der Kunst unserer Epoche einnimmt. Keine

Versuchung, kein Einfluss (wenn es nicht etwa der Rausch des Erfolges

wäre) könnte ihn von einem so scharf gezeichneten Wege ableiten, auf

dem er schon Werke von einer seltenen Vollendung geschaffen hat.

Und doch entwickelt er sich noch. Es sei erlaubt, dem nachzudenken,

nach welchen Zielen seine letzten Arbeiten streben. Seine ersten

Terrakotta-Plaketten, in denen er bei seinem Auftreten so geglückte

Silhouetten prägte, seine Bronze-Figurinen, hauptsächlich seine letzten

Statuetten, waren schon trotz ihrer kleinen Proportionen monumentale

Werke. Es wäre von nun an richtig, dass die Architekten ihn teilnehmen

liessen an der Ausschmückung künftiger Paläste. Niemand verstünde besser

als er, seinen Statuen die gebührende Rolle zu geben, die der Skulptur

in der Oekonomie eines Gebäudes zukommt. Sie würden den strengen

Linien der Steine ein heiteres Leben einhauchen, ohne die Grösse der

Gesamtheit zu zerstören, ohne die Uebertreibung einer Bewegung oder

die Aufdringlichkeit eines Ausdrucks. Wie selten sind aber moderne

Architekten, die soviel Stil und soviel Mässigung verdienen! Ich denke

mir ihn lieber, wie er die Alleen eines Parks verschönt und wie er unter

dem dichten Grün eines neuen Versailles, in der klassischen Umgebung

eines französischen Parks, edle und verführerische Bildwerke errichtet,

eine Freude für die Augen und ein Ausruhen für den Geist.

AUBREY BEARDSLEY

ÜBER

TURNER

Sobald ausserordentliche Künstler über Künstler sprechen, ist es

bemerkenswert; sie übertreffen die »richtigen« Meinungen, ebenso wie

ausserordentliche Gemälde in den Geist der Kunst selbst dann einführen,

wenn sie Fehler haben. Die Fehler gehen aus dem Begnadetsein des

Künstlers hervor; wer den Künstler liebt, wird ihn auch in seinen

Uebertreibungen lieben und lernt durch ihn unsagbare Dinge. In

glänzender Weise hat Ruskin, der, obzwar Schriftsteller von Profession,

doch gleichfalls ein Künstler war, der sich in Uebertreibungen erging,

gesagt: Michelangelo und Turner waren Gegenpole und die beiden grössten

Künstler jeder in seiner Art, der eine der grösste Monumentalkünstler,

der andere der grösste Landschaftsmaler. Er hat sich geirrt. Derartiges

Generalisieren führt notwendig einen Mangel an Feinheit des Urteils

herbei. Er hat jedoch in grossen Strichen gezeichnet und sein Urteil

wirkt anschaulich. Aber wunderbar hat andererseits der geniale Zeichner

Aubrey Beardsley den englischen Landschaftsmaler charakterisiert --

ebenfalls mit paradoxen Mitteln. In einer Novelle hat Aubrey Beardsley

dies Kunsturteil über Turner niedergelegt. Zauberhaft geschrieben ist

sie. Beardsley zeigt den Helden seiner Novelle in einer Morgenstunde,

den sonderbar gemusterten Betthimmel anblickend und seinen Ideen

nachhängend. Nachdem er erzählt hat, an was alles sein bizarrer Held in

diesem Augenblick denkt, an lauter schöne, anmutige und interessante

Dinge, fährt Aubrey Beardsley, der sich mithin nicht allein zum

Novellisten sondern auch zum Kritiker geeignet zeigte, in seiner

Erzählung fort:

»Er dachte auch an den Claude Lorrain in Lady Delaware's Sammlung, das

Hauptwerk eines anbetungswürdigen und unfehlbaren Meisters, der mehr

als irgend ein anderer Landschaftsmaler uns von der Atmosphäre unserer

Städte frei und uns vergessen macht, dass das Land zuweilen schon

steif, langweilig und ermüdend sein kann. Es scheint fast unglaublich,

dass man Claude jemals in ungünstigem Sinne mit Turner, dem Wiertz

der Landschaftsmalerei, verglichen habe. Corot ist sein einziger

ebenbürtiger Rival, doch verdunkelt oder ersetzt er Claude Lorrain

nicht. Ein Corot'sches Gemälde ist wie ein zartes lyrisches Gedicht voll

Liebe und persönlicher Aussprache; während eine Landschaft von Claude an

eine vornehme, gedankenschwere Ekloge erinnert.«

Eine feinere Bemerkung als der Vergleich von Turner mit Wiertz, dem

belgischen Gernegross, ist selten gemacht worden. In der Verurteilung

Wiertz' ist sich alle Welt einig, in der Geringschätzung Turner's ist

man sich so wenig einig, dass Aubrey Beardsley gewiss der Letzte gewesen

sein würde, der den Vergleich mit Wiertz ernstlich aufrecht gehalten

hätte. Dennoch fühlt man, wie etwas Treffendes in dem Worte liegt.

[Illustration: Aubrey Beardsley, Zeichnung zu E. A. Poe]

DREI BRIEFE

VON

ANSELM FEUERBACH

Liebe Mutter!

Du wirst mit Einpacken für Emilie[2] beschäftigt sein und ich freue mich

darüber, dass wenigstens Eines Deiner Kinder entschlossen ist, während

auf mir noch immer der Dämon der Unentschlossenheit ruht.

[2] Die Schwester des Malers.

Ich habe wahrhafte Sehnsucht an die Arbeit zu kommen. Vorgestern Abend

wurde mir allerseits zugesetzt, den Winter hier zu bleiben.

Professor Schwind, mit dem ich von früherher ganz auseinander war,

wurde ich vorgestellt und er hat sich den ganzen Abend mit mir auf das

herzlichste unterhalten. Gestern war ich bei ihm und ich muss ihm,

trotzdem er nicht malen kann, den Preis geben vor allen Andern. Er ist

wirklich der Genialste, der mir noch vorgekommen.

Spät in der Nacht, nach dem Abendessen, liess er die Musiker, welche bei

Tafel gespielt hatten, noch ein Quartett von Haydn machen.

Er findet es schlimm, dass ich bloss vom Verkaufe meiner Sachen leben

muss, und meint, es hätte einen bessern Klang, wenn ein Bild aus

München, als aus Karlsruhe komme.

An Böcklin schreibe ich heute. Piloty war von exquisiter Freundlichkeit.

Der Grossherzog von Weimar hielte viel auf mich; er selbst gehe auf

Besuch hin und nach Berlin und schlug mir vor, mitzugehen, aber nicht

vor Anfang November, da der Herzog auf der Jagd wäre und er es mir sehr

übel nähme, wenn ich zu einer Zeit hinkäme, wo er abwesend...

Wenn ich (hier) die Behaglichkeit der Leute sehe, den Reichthum ihrer

Ateliers, der Hilfsmittel, die ihnen dadurch zu Gebote stehen, so möchte

ich mich sofort ersäufen...

Mit Modellen sieht es hier schlecht aus, in Weimar auch...

Was habe ich von Karlsruhe, wo man mir nicht einmal einen Auftrag

gegeben? Böcklin hatte nach langem Kampfe sein Bild[3] endlich für

sechshundert Gulden in die Galerie hier gebracht!

[3] Den Pan im Schilf in der neuen Pinakothek.

Kunst und Künstler Almanach 1909 · 第 4 / 10 段