So wird ein Schloss mit imitierten Steinen, mit scheinbar wirklichem

Epheu an den Mauern und manchen anderen trefflichen Einzelheiten

vorgeführt, und danach hängen sie vier oder fünf Streifen blauen Tuchs

hin, jeden in einer verschiedenen Nuance, und von uns wird erwartet,

wir sollten ernst bleiben, weil ein Schauspieler, der auf den hölzernen

Boden stampft, um zu beweisen, dass hier nicht solide Erde ist, mit

einer abstrakten Miene deklamiert:

»This castle hath a pleasant seat; the air

Nimbly and sweetly recommends itself

Unto our gentle senses.«

und ein anderer Schauspieler, ohne im mindesten auf die Stelle einen

Blick zu werfen, fortfährt:

»This guest of summer,

The temple-haunting martlet does approve,

By his loved mansionry, that, the heaven's breath

Smells wooingly here: no jut, frieze,

Buttress, nor coign of vantagety, but this bird

Hath made his pendent bad and procreant cradle

Where they most breed and haunt, I have observed,

The air is delicate.«

Die Worte, wie sie auch gesprochen werden mögen, rufen das Bild

einer wundervollen Scene herauf, etwas, was ganz verschieden ist von

der Pappdeckelgeschichte, die uns vorgeführt wird. Doch ich kann mir

durchaus denken, dass der Schauspielerdirektor sich vorstellt, er lasse

die Scenerie sich den Worten anpassen. Er sieht durchaus nicht, wie

das alles lächerlich ist. Und liesse ich einen Augenblick gelten, dass

Genauigkeit im Detail vollkommene Illusion hervorbrächte, so halte ich

doch fest, dass niemals, seit das Theater besteht, irgend eine Scene

vorgeführt werden konnte, in der alle Details genau waren. Denn es ist

unmöglich, die Bewegung der Zweige und Blätter accurat wiederzugeben,

unmöglich, eine genaue Wiedergabe eines Kornfeldes zu zeigen; und so

weiter auf allen Gebieten der Natur. Die meisten dieser Dinge können

suggeriert werden -- doch kann man sie nicht in einem Netz auffangen, so

dass sie körperlich auf der Bühne eines Theaters wieder erscheinen.

Wer auch immer versuchen mag, eine genaue Darstellung zu geben, ohne

dass er zuvor ein genaues Tageslicht geschaffen hat, müsste nach

meiner Meinung von dem ganzen Ding bleiben. Ich zweifle, auch wenn er

alle Zeit zur Verfügung hätte, ob er es möglich machen kann, all die

tausend kleinen Geräusche wiederzugeben, die ich in einem gewissen

Moment um mich höre, die Stimme des Wachsens im Walde, das Geräusch der

kleinen Zweige, den Wirrwarr und das Singen der Hunderte von Vögeln;

unzählige Schatten liegen über dem Boden und haften an den Wolken, an

diesen unnachahmlichen Wolken, die sich unaufhörlich bewegen und ihre

Form verändern und wieder verändern, und die Erde sendet ihre tausend

verschiedenen Gerüche aus und füllt mit ihnen die Luft, in fortwährendem

Wechsel. Die Wiedergabe von all diesen Dingen ist etwas, was über die

Arbeit einer Million von herkulischen Regisseuren und Technikern ginge.

Realistische Scenerie ist an ihrem Platze nur, wenn sie die Fassung

realistischer Dramen ist. Man sieht sie jetzt selten, und nur im

Auslande.

Ich will mich nun mit der Scenerie beschäftigen, wie sie aus der

Einbildungskraft gewonnen werden kann. Einige Aufführungsleiter zeigen

uns drei Vorhänge und einen Teppich, und nennen das eine Scenerie,

die von der Einbildungskraft geschaffen worden. Doch das ist nur

eine Scheinscenerie; es ist ein geschmackvoller Weg, der aus einer

Schwierigkeit herausführen soll, eine Idee, die von einem Naturell

ausgeht, das des malerischen Sinnes entbehrt. Eine Scenerie, die aus

der Einbildungskraft geschaffen wird, ist für Shakespearesche Dramen,

für Phantasiestücke und Opern geeignet. Ein künstlerischer Regisseur

müsste die Fähigkeit haben, durch Suggestion für uns das ganz Innerste

der Natur wiederzugeben. Suggestion, nicht Realismus durchflutet alle

Shakespeareschen Dramen.

Des Regisseurs Aufgabe wird leichter, wenn, wie dies bei Shakespeare

der Fall ist, der Dichter bereit ist, ihm Hilfe zu leisten. Unter diesem

Beistand verstehe ich nicht die Bühnenanweisung, denn Shakespeare hat

das Besondere, keine Bühnenvorschriften zu geben, und nur sehr wenige

Andeutungen sind es, die er für den Schauspieler hinterlassen hat.

Nehmen wir z. B. Akt 1, Scene 1 aus Hamlet. Nicht Shakespeare, sondern

erst seine Herausgeber Malone, Theobald, Capell, Pope und andere, die

befürchteten, dass Shakespeare sich nicht klar genug ausgedrückt hätte,

fügten solchen Unsinn wie: »ein offener Platz vor dem Palaste« oder

»eine Terrasse vor dem Palaste« hinzu. Bevor diese Leute das Gemälde

nach ihrer eigenen Auffassungskraft erniedrigten, war die Scene so weit

wie die Einbildungskraft Shakespeares. Seine einzige Notiz zu Anfang

ist: »Actus Primus, Scaena Prima«. Kein Wort auch nur über Dänemark,

oder über Helsingör, ebensowenig wird über eine Terrasse gesagt. An

Stelle von all dem hilft Shakespeare uns auf einem andern Wege. Er führt

uns ein Gemälde aus der Einbildungskraft vor. Ein Streifen schwarzen

Himmels wird angedeutet durch einen einzelnen Stern. Es ist eine kalte

Nacht. Nichts rührt sich. Plötzlich schlägt eine Uhr die Stunde an. Ein

Mann, der bis jetzt im Schatten verborgen gewesen, steht langsam auf

und bleibt horchend stehen. Dann geht er ruhelos hin und her. Der Platz

erfüllt ihn mit einer gewissen Furcht. Er fährt fort zu gehen, er geht

uns gegenüber vorbei. Nun ist er in einen ungeheuren, unergründbaren

Schatten versunken, aus welchem er jetzt wieder in das graue Licht

auftaucht. Er erscheint wie irgend ein Gespenst; das, was er zu treffen

fürchtet, ist das, womit er am meisten Aehnlichkeit hat.

So weit führt Shakespeare uns, dann überlässt er dem Regisseur die

Ausführung mit der auf jeder Seite seines Dramas niedergeschriebenen

Bemerkung, dass die Scenerie und die Scheingegenstände beredtsam sein

sollen und Sohnesliebe, Mord und Melancholie, Gewalt und Uebergewalt

ausatmen müsse.

Genauigkeit ist einen Pfifferling wert! Shakespeares Meinung vom Werte

der Genauigkeit bei einer solchen Gelegenheit ist im Hamlet bezeugt.

Douce erwähnt einige Anachronismen. Er führt aus, dass die dänische

Geschichte Hamlet in märchenhafte Zeiten versetzt hat, lange bevor

das Christentum nach Nordeuropa gebracht wurde, und dass mithin die

häufigen Anspielungen auf Gewohnheiten der Christen unsachgemäss sind.

Hamlet schwört beim heiligen Patrick und spricht von den Chorknaben der

Pauls-Kirche. Wir sehen Kanonen, ein Königssiegel, bevor eines gebraucht

wurde, eine Universität in Wittenberg, Schweizer Garden, Glocken,

Dukaten, moderne Herolde, Rappiere, und wir hören von Ausdrücken der

modernen Fechtkunst.

Wenn aber Shakespeare akkurater gewesen wäre, könnte man glauben, dass

wir dann ein besseres Drama hätten, eines, das treuer gegen die Natur

ist? Genauigkeit ist da von keiner Bedeutung. Was wichtig ist, ist

allein, dass der, der die Stücke aufführt, jede Scene und jeden Teil

einer Scene wägt, wie ein Redner jede Silbe seiner Rede wägt. Nichts

muss dem Zufall überlassen bleiben. Die Form der Scene ist so wichtig

wie ihre Farbe. Schlösser mögen architektonisch korrekt sein oder nicht,

aber vor allem müssen sie sich prächtig im Luftraum erheben. Gärten

müssen voll von unbekannten Bäumen und Pflanzen sein. Die Form der

Zimmer und Möbel darf niemals zuvor gesehen worden sein ausser in der

Phantasie. Die Kostüme müssen so sein wie sie niemals getragen worden

sind ausser in den Bildern, die die Vision der Poeten bevölkern. Diese

Dinge müssen geschaffen werden, sie müssen voll Bedeutung sein, oder sie

sind nutzlos.

Ich habe Regisseure allem seine Bedeutung rauben sehen, indem sie

gleichgültig gegenüber dem Wert von Linien und Farben waren.

[Illustration: Max Liebermann, kleine Strasse in Naarden, 1901]

ERINNERUNGEN AN KARL STEFFECK

VON

MAX LIEBERMANN

Ich kam als Sekundaner zu Steffeck, 1863 oder 64, um Mittwoch und

Sonnabend Nachmittags bei ihm zu zeichnen. Nachdem ich 1866 das

Abiturientenexamen gemacht hatte, trat ich in sein Schüleratelier

ein, um Maler zu werden. Möglich also, dass mir Steffecks Bild als

zu »verklärt« in der Erinnerung geblieben ist, im Licht der goldenen

Jugendzeit. Steffeck erscheint mir wie »der grosse Künstler« in Romanen:

schön, geistreich, witzig, unter dessen Pinsel mühe- und sorglos, bei

anmutigem Getändel mit schönen Damen und klugen Reden mit vornehmen

Herren, Meisterwerke entstehen.

Steffeck bewohnte in seinem Hause Hollmannstrasse 17 -- er war aus

begüterter Familie -- das Erdgeschoss; in den anstossenden Garten

hatte er zwei Ateliers bauen lassen für sich und seine Schüler. Die

Hochschule für bildende Kunst, die damals Akademie hiess, war sehr

versumpft und erfreute sich keines besonderen Renommés. Desto mehr

Zuspruch hatte Steffeck, dessen Schule nach Pariser Vorbild -- dem

einzig nachahmenswerten -- eingerichtet war: Vormittags von 9-1 Uhr

wurde nach dem lebenden Modell gearbeitet, nachmittags nach Gips

gezeichnet und abends von 6-8 Uhr war Aktsaal, wo neben uns angehenden

Malern Architekten wie Kayser und von Grossheim, Kunsthistoriker wie

Wilhelm Bode die menschliche Figur studierten. Oft zeichnete Steffeck

selbst mit, und es war eine Freude, zu sehen, mit welcher Sicherheit

und Leichtigkeit er das Modell hinunterfegte, fast ohne den Bleistift

abzusetzen. Korrekturen gab's bei ihm nicht, wie bei seinem Meister

Gottfried Schadow, von dem Steffeck oft die niedliche Geschichte

erzählte, dass, als sein Sohn Wilhelm, der spätere Akademiedirektor in

Düsseldorf, ihn um einen Groschen für Gummi gebeten, er ihn gefragt

hätte, wozu er Gummi gebrauchte, er, Gottfried Schadow, mache keinen

falschen Strich, den er wegzuwischen hätte.

Nach seinem allmorgendlichen Spazierritte, so gegen 10 Uhr, kam

Steffeck ins Schüleratelier, gewöhnlich noch in Reithosen und mit Sporen

an den Stiefeln; im Munde die Zigarre, die er in einem fort ausgehen

liess, um sie ebenso oft wieder in Brand zu stecken. Er interessierte

sich nur für die Arbeiten, in denen er etwas in der Natur Beobachtetes

wiedergegeben fand. Routine und Chick waren ihm ein Greuel, ebenso

wie die gewerbsmässige Kalligraphie, wie sie damals auf den Akademien

gelehrt wurde. Ueberhaupt wurde er nicht müde, vor diesen Pflanzstätten

des Künstlerproletariats zu warnen: »Entweder hat einer genügend Talent,

dann braucht er den akademischen Unterricht nicht, oder er hat nicht

genügend Talent, dann nützt er ihm nichts.« Richtig zeichnen lernen, das

Uebrige war ihm Hekuba.

»Zeichnet, was Ihr seht«, war seine immer wiederholte und beinahe

einzige Lehre. Mit sonstiger Aesthetik behelligte er uns nicht, denn er

wusste, dass alles Lernen in der Kunst in nichts anderem bestehen kann,

als die Form zu finden, das Gesehene wiederzugeben.

Daher hatte er nur Schüler, die ihn grenzenlos verehrten, oder solche,

die ihn ebenso grenzenlos hassten und -- bald weiterzogen, besonders

nach München, wo Piloty den Nürnberger Trichter zu haben schien, d. h.

in ein paar Monaten hatten ihm seine Schüler, die vornehmlich Polen,

Tiroler, Böhmen waren, sämtliche Mal-Tricks und Schlenker abgeguckt, und

nacheinander gab's eine berühmte tiroler, eine polnische und böhmische

Malergeneration. Neben dem vielen G'schnass und dem talentvollen Kitsch

trat damals gerade ein wirkliches Genie wie Makart auf, und ich erinnere

mich noch des beispiellosen Erfolges seiner Pest von Florenz. Steffeck

sagte von dem Bilde: es ist schlecht gezeichnet und mit Hurensalbe

lasiert. Und wenn er das Wort nicht erfunden hatte, so hätte er's

jedenfalls erfunden haben können.

Er war ein zu getreuer Schüler Schadows und seines vergötterten Lehrers

Franz Krüger, dazu Berliner bis auf die Knochen, um sich irgendwelcher

Gefühlsduselei in Form oder Farbe hinzugeben. Für das französische

Blut in ihm -- er gehörte zur Kolonie -- war nur der Gedanke, der klar

ausgedrückt war, klar gedacht. Auf Klarheit und Richtigkeit war sein

Streben in der Kunst gerichtet, wobei er leider, ohne es zu merken,

in allzu grosse Nüchternheit und Trockenheit verfiel. Die Franzosen

schienen ihm seinem Kunstideale am nächsten zu kommen: er hatte ein paar

Jahre in Paris studiert, er sprach glänzend französisch und wurde nicht

müde, Paris als das Dorado der Kunst uns zu schildern. Seit Napoleon

III. herrschte Couture als französischer Malerkaiser, und jeder Maler,

der sich einigermassen respektierte, suchte sich dessen Rezept für

die alleinseligmachende Malerei zu verschaffen. Der alte Ravené hatte

den berühmten Edelknaben von Couture für seine Galerie erworben, und

es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass er bis zum

französischen Krieg als schönstes Stück Malerei bei uns angesehen wurde.

Auch Steffeck lehrte nach Coutures Methode: die Zeichnung wurde zuerst

mit einem dünnen Umbraton angetuscht, dann wurden die Lokaltöne in die

braune Untermalung hineingesetzt, die Schatten blieben womöglich von

der Untermalung, jedenfalls ganz dünn und transparent, stehen, und zum

Schluss wurden ein paar pastose Glanzlichter aufgesetzt. Neben der

Korrektheit der Zeichnung handelte es sich für Steffeck um Eleganz des

Vortrages. Wo diese beiden Eigenschaften einem höheren, gesteigerten

Leben geopfert waren, wie bei Menzel, war's aus mit seiner Anerkennung.

Ueberhaupt hatte er eine ausgesprochene Abneigung gegen Menzel, vor

dessen »Karikaturen« er uns eindringlich warnte.

Freilich stand Steffeck damals mit dieser seiner Abneigung gegen

Menzel durchaus nicht vereinzelt da. Dieser war noch der Apostel des

Hässlichen, wie ihn W. v. Kaulbach genannt hatte, und noch längst nicht

der »Altmeister mit dem Schwarzen Adlerorden«.

Man weiss, wie Schadow über Menzels erste Illustrationen zu Kuglers

Friedrich dem Grossen in der Haude und Spenerschen Zeitung geurteilt

hatte: »Die Kritzeleien oder Griffonagen eines gewissen Menzel seien des

grossen Königs unwürdig«, und noch 1861 erwähnt Wagen in seinem Katalog

zu der Wagnerschen Sammlung, Menzels, von dem kein Bild in der Sammlung

war, überhaupt nicht. Bis vor dem französischen Kriege waren neben

Steffeck der alte Eduard Meyerheim, Gustav Richter, Eduard Hildebrandt

und Carl Becker viel berühmter als Menzel, und Steffecks Urteil über

ihn erhellt aus folgender Geschichte, die mir mein damaliger Meister

öfters als einmal erzählte (denn er war sehr stolz darauf). Menzels

Krönungsbild war gerade ausgestellt und war sehr abfällig beurteilt,

besonders von Steffeck. Menzel, dem das zu Ohren gekommen sein mochte,

hatte sich an Steffeck brieflich mit der Bitte gewandt, wenigstens vor

dem Publikum sein ungünstiges Urteil über das Bild etwas zurückzuhalten,

worauf ihm Steffeck geschrieben, dass er sich der grössten Mässigung

befleissigt hätte, sonst hätte er erklärt, dass das Krönungsbild

aussähe, als ob 14 Tage -- S....dreck darauf geregnet hätte. Menzels

Genie war seiner Zeit um eine Generation voraus, deshalb war unserem

Meister, der trotz seines Talentes ganz in seiner Zeit steckte, Menzel

zuwider, wie diesem dreißig Jahre später etwa die Impressionisten

zuwider waren.

Steffeck war Vater von 14 Kindern, und während der zweieinhalb Jahre,

die ich sein Schüler war, hatte ihm seine Gattin drei Zwillingspaare

hintereinander »geschenkt«; trotzdem glaube ich nicht, dass die Sorge

um seine grosse Familie ihn -- wie er oft im Missmut behauptete -- an

der vollen Entfaltung seines Talentes gehindert hat. Sein kolossales

Jugendwerk »Albrecht Achill«, das er als Dreissigjähriger gemalt, hatte

sein Renommee gegründet; 20 Jahre später malte er das fast ebenso grosse

Bild, das jetzt im Schlosse hängt: »König Wilhelm nach der Schlacht von

Königgrätz«, leider ohne den erhofften Erfolg. Das grosse Format lässt

die Fehler oder richtiger das Fehlende in Steffecks Talent natürlich

vergrössert erscheinen. Ihm fehlte die innere Leidenschaft, der Kampf

und das Ringen nach dem Höchsten, die Konzentration, vor allem aber der

künstlerische Egoismus, der alles seinem Werke opfert. Weil sein Werk

ihn nicht mit sich fortreisst, reisst er auch uns nicht mit sich, wie

z. B. Schmitson, der gerade damals, Anfang der sechziger Jahre, Berlin

enthusiasmierte.

Besser als in den grossen Maschinen, wie »Albrecht Achill« oder »Die

Schlacht von Königgrätz«, erscheint daher Steffecks Talent in den

unzähligen Pferde- und Hundebildern kleineren Formats; am schönsten aber

in seinen Pferde- und Reiterporträts, die er zu sechs Friedrichsd'or

das Stück und gewöhnlich à la prima in einer Sitzung heruntermalte --

auch darin, dass er nur prima malte, zeigte sich sein gesunder Instinkt

-- und die die glücklichen Besitzer oft noch nass mit nach Hause nehmen

konnten. Ausser Franz Krüger verstand wohl keiner ein Pferd so gut wie

Steffeck. Bevor er den Gaul malte, liess er ihn sich in dem kleinen

Garten hinter seinem Atelier vorreiten -- ach! wie oft und wie gern

habe ich's gethan -- um seine Gangart kennen zu lernen. Mit wunderbarer

Sicherheit und mit photographischer Treue wusste er sie nachher

wiederzugeben. Er hatte eine Steeplechase gemalt, wie ein Gaul, alle

vier Beine unterm Leib, über eine Hürde setzte, und die Kritik hatte

ihn wegen der allerdings höchst ungewöhnlichen und gewagten Stellung

der vier Pferdebeine, als unmöglich in der Natur, heftig angegriffen.

Eines Tages zeigte er uns triumphierend eine Momentphotographie, die

inzwischen erfunden worden war und woraus deutlich hervorging, dass er

ganz richtig die Stellung der Pferdebeine wiedergegeben hatte. Und nur

jemand, der sich mit ähnlichen Problemen beschäftigt hat, weiss, was es

heisst, derartige Bewegungen zu beobachten und richtig wiederzugeben.

Sein Sinn für Zeichnung war eminent: wie jedes wahrhaft künstlerische

Zeichnen, beruhte er auf dem Gefühl für richtig und gross gesehene

Verhältnisse. Ich entsinne mich noch eines seiner Skizzenbücher

mit Studien zu einer Parforcejagd, die er für den Grossherzog von

Mecklenburg malen sollte; oft nur Andeutungen, der Kopf in Form eines

Ovals und mit ein paar Strichen für Augen, Nase und Mund, aber die

Proportionen waren so richtig, dass man aus den wenigen Strichen die

dargestellten Personen erkennen konnte.

Doch, wie gesagt, Steffeck war nicht nur Berufsmensch und

Familienvater: er war auch Genussmensch. Er interessierte sich für

alles, für Politik, für alles, was in der Welt, d. h. in Berlin,

passierte. Er sass in unzähligen Kommissionen und er war wohl durch 20

Jahre Präsident des Vereins Berliner Künstler. Nicht nur Präsident,

sondern dessen Seele: er hatte es verstanden, durch Heranziehen von

führenden Männern aus andern Berufen aus dem Verein den geselligen

Mittelpunkt Berlins zu machen. Ich glaube, dass er Präsident des Vereins

blieb bis zu seinem Weggange nach Königsberg, wo er Direktor der

dortigen Akademie wurde. Jetzt ist aus dem Verein, der ursprünglich nur

gesellige und wohlthätige Zwecke verfolgte, weder zu seinem Vorteile,

noch zu dem seiner Mitglieder ein kunstpolitischer geworden: nachdem

er die Mitwirkung an den grossen Kunstausstellungen erlangt hat,

wird er versuchen, auch Juryfreiheit für die Mitglieder des Vereins

herauszuschlagen. Und es liegt auf der Hand, dass dadurch das Niveau der

Kunst in Berlin unendlich leiden muss.

Ich sah Steffeck zum letzten Male im Jahre 1886, als er von Königsberg

auf der Durchreise nach Karlsbad sich ein paar Tage hier aufhielt; er

war ein Greis geworden, der, von Rheumatismus geplagt, sich nur mühsam,

auf den Stock sich stützend, fortbewegen konnte, und wenige Jahre

darauf, 1890, ist er gestorben.

Es wäre lächerlich, von Steffeck in Superlativen zu reden: er selbst --

denn er war wie Th. Fontane, mit dem er auch sonst manche Aehnlichkeit

hat, ein Cyniker, und zwar von der Sorte, der sentimentale Phrasen und

feierliche Redensarten am ekelhaftesten sind -- würde am lautesten

darüber lachen. Aber er war ein ganzer Mensch und ein echter Künstler,

der sein Handwerk ehrte, und darum sollte auch ihn das Handwerk ehren.

Seine Kunst und sein Leben waren ausgeglichen und in Harmonie, daher

die Liebenswürdigkeit, die beides umstrahlt.

Ich aber wollte der Liebe und Verehrung, die ich ihm übers Grab

hinaus bewahrt habe und bewahren werde, Ausdruck geben: Nehmt alles nur

zusammen, Steffeck war ein famoser Kerl.

[Illustration: A. Maillol, Studie]

ARISTIDE MAILLOL

VON

MAURICE DENIS

I. Die Begabung für das Klassische.

Es gereicht der französischen Skulptur zur besonderen Ehre, dass die

Kunst Aristide Maillols ihre Blüte und ihren Erfolg zur gleichen Zeit

feiert, in der der ungeheure Ruhm von Rodin uns noch mit seinem ganzen

Zauber beherrscht. Rodin hat uns aufgezwungen das Gefühl für seine

schneidende Art, für seinen Geschmack an dogmatischer Schönheit an

Charakter und Ausdruck, hauptsächlich an seinem Stil, der ganz nur ihm

eigentümlich ist, der feurig und kompliziert, leidenschaftlich ist,

der zum Fremdartigen neigt und der, was dies Alles besagt, durchtränkt

ist von Romantik. Er wird auf unsere Epoche einen ähnlichen Einfluss

haben wie Richard Wagner: er ist das Haupt der modernen Schule, alle

Neuerer werden aus ihm hervorgehen. -- Und nun entdeckt uns ein neuer

Meister ein anderes Ideal, andere Schönheiten, deren naive Sinnlichkeit,

Einfachheit und Vornehmheit ohne Pose wieder mehr den Geschmack für das

Klassische hervorheben und den Reiz eines frischen und kristallklaren

Wassers haben.

Seine Kunst ist eine vornehmlich synthetische Kunst. Ohne durch irgend

eine Theorie dahin geführt zu werden, nur durch seinen eigensten

Instinkt, hat er an der neoklassischen Bewegung teilgenommen, deren

Ursprung man bei Cézanne und Gauguin suchen muss. Die Terrakotten und

die Holzschnitzereien des Meisters von Tahiti, ebenso wie die Kartons

zu Gobelins von Emile Bernard sind nicht ohne Einfluss auf seine

Entwicklung gewesen. Die Kunstleistungen der Synthetischen, die sich

gegen den eklektischen Realismus der Akademien empörten, haben in

Maillol, der ein Schüler von Cabanel war, seine wahrhafte Natur erweckt.

Aber während wir jene Einfachheit, jenen grossen Stil nur in Paradoxen

suchten und nur unter grössten Opfern fanden, entdeckte ihn Maillol in

sich selbst, fast mühelos. Er verstand es, die kleinlichen Berechnungen,

die Vorurteile der akademischen Schule einfach über Bord zu werfen,

und kam früh dazu, auf allen Gebieten Werke von wirklich synthetischer

Schönheit zu schaffen.

Jeder denkende Künstler kommt früher oder später dahin, diese Art

Schönheit jeder anderen vorzuziehen. Das Ideal der Kunst ist, in

wenigen klaren und bestimmten Formen die unendlich verschiedenartigen

Beziehungen zu kondensieren und zusammenzuziehen, die wir in der Natur

beobachten. Gegen Ende ihrer Laufbahn verzichten ein Degas, ein Rodin,

ein Renoir auf die köstlichsten Feinheiten ihrer früheren Malweise und

erweitern ihr Handwerk, kürzen ab, vereinfachen und bringen Opfer. Wer

unter uns, der sich der wahren, der einzigen Schwierigkeit unserer

Kunst bewusst ist, würde nicht gern all seine Qualitäten von Geschmack,

Feinfühligkeit und Technik eintauschen gegen jene kostbare Gabe, die

vorzüglich die Begabung Maillols ist: die klassische Begabung.

II. Ueber klassische Kunst.

Kunst und Künstler Almanach 1909 · 第 3 / 10 段