Hatte ich nun eine Zeitlang Rembrandts Gemälde von allen Seiten

betrachtet, dann ging ich in den unteren Stock des Treppenhauses,

wo sich die sogenannte Prentenkamer befand. Hier waren Rembrandts

Radierungen in ausgezeichnetem Zustande zu sehen. Oft und immer sehr

lange sass ich da, um mich in diese 240 Kunstwerke zu vertiefen, häufig

mahnte mich der Konservator zur Vorsicht, wenn ich die Blätter allzu

eifrig umschlug, um sie miteinander zu vergleichen. Ich war erstaunt,

dass der Künstler, der die ruhmreiche Nachtwache und die breiten

Staalmeesters mit Farben geschaffen hatte, hier als ein ausgezeichneter

Stecher erschien, der nicht nur mit der Kraft und der Leichtigkeit eines

echten Führers des Pinsels ausgestattet war, sondern alles beherrschte,

was die Nadel auf dem harten, glänzenden Kupfer hervorzubringen im

Stande war. Es war aber nicht diese aussergewöhnliche Kunstfertigkeit,

welche mich bei diesen Radierungen so fesselte, noch viel mehr wurde

ich durch die erfinderische Vielseitigkeit der Vorstellungen, durch die

wundervollen Beleuchtungen und die naiven kindlichen Manieren, die er

seinen Figuren zu geben wusste, getroffen. Nicht nur das Gemüt sprach

laut in der Vorstellung, sondern es durchdrang alles durch die subtile

Anwendung der Nadel. Die biblischen Scenen werden in alt-amsterdamscher

Weise vorgestellt, aber welche Kunstfertigkeit bei der Verteilung von

Licht und Schatten und welche Phantasie in der Komposition! So wunderbar

originell, so vollendet im Ausdruck war hier alles, dass andere Bilder

dagegen, mochten sie noch so kunstreich bearbeitet sein, die Schule

und die Akademie verrieten. Hier waren herrliche Porträts, selten

schöne Köpfe, oft von ihm selbst oder seinen Freunden. Aber wenn man

das kleine Bild seiner Mutter gesehen hat, muss man die Mappe einen

Augenblick zuschlagen ... und seine Augen wischen. Etwas Schöneres,

was mit solchem Gefühl gestochen ist, besteht nicht: die mütterliche

Milde, das Wohlwollen und die Innigkeit des alten Frauchens blickt uns

aus jedem Strich, aus jedem Häkchen der Nadel entgegen, jede Linie hat

etwas zu bedeuten, kein Pünktchen hätte weggelassen werden können. Und

dieses lebensvolle Porträt hat Rembrandt in dem jugendlichen Alter von

24 Jahren geschaffen! Ich schlage die Mappe wieder auf und sehe die

reich bearbeiteten Bettler. Das sind Typen, nach denen er damals nur

zu greifen hatte und die er so gerne und so oft darstellte: man sollte

sie eigentlich gar nicht arm nennen, so warm, so farbig hat sie der

Meister ausgestattet. Dann kamen die wirkungsvollen Landschaften an die

Reihe, jene merkwürdigen Nacktstudien, mit einem Wort ein Kosmos. Wenn

ich dann, nachdem ich eine Mappe durchgeblättert hatte, wieder in die

Stadt zurückkehrte, war es mir, als ob ich allerlei Gestalten begegnete,

welche den seinigen glichen. Vom Treppenhaus nach der Hoogstraat, dann

durch die Sint Anthoniebreestraat und endlich in der Joodenbreestraat,

wo ich damals einige Schritte von dem Hause entfernt, in dem Rembrandt

so viele Jahre geschaffen hat, wohnte, überall da sah ich wieder die

malerische Menge, dieses geräuschvolle Leben, diese warmen jüdischen

Gesichter mit ihren eisgrauen Bärten, die Frauen mit ihren fuchsrothen

Haaren, die Karren voll von Fischen und Früchten und allerlei Waren. --

Alles war Rembrandt!

Es giebt aber noch eine dritte Aeusserung von Rembrandts Talent:

das sind seine Zeichnungen. Für einen jungen Maler, der nach Mitteln

sucht, um seine Gedanken auszusprechen, waren diese Zeichnungen ebenso

rätselhaft wie ermutigend. Da sie nicht so deutlich waren wie seine

Radierungen, dauerte es einige Zeit, ehe ich mich mit ihnen befreunden

konnte, aber als ich begriffen hatte -- was ich heute noch glaube --

dass der Meister diese Zeichnungen nicht gemacht hatte, um sie mit

zierlichen Linien zu umgeben und sie dann dem Publikum vorzuführen, da

fühlte ich ihre wahre Tragweite. Es waren meistens Gefühlsäusserungen,

um seinem phantasiereichen Gemüt zu Hülfe zu kommen. Ohne jedes

Nachdenken auf das Papier geworfen, aber mit einer Hand, die bei jedem

Zucken und bei jeder Erregung Meisterstücke schuf. Oberflächlich

betrachtet, werden diese Zeichnungen durch allerlei Tintenflecke und

harte dicke Striche, die wild und wunderlich durcheinander gingen,

entstellt, betrachtet man sie aber gut, dann scheint alles wohl

berechnet und gefühlt.

So sah ich also diesen Rembrandt als den Mann, der mit seinem Pinsel,

seiner Feder oder dem Grabstichel alles darzustellen und vor die

Phantasie zu zaubern vermochte. Vom Himmel und von der Erde, von

den Helden der Geschichte und von den alltäglichen Menschen, von

einem Stückchen des Turms der Westerkirche wusste er eine schöne

Zeichnung zu machen, Löwen und Elefanten wurden in der seltsamsten

Weise wiedergegeben. Besonders seine Nacktfiguren von Frauen sind

deshalb so merkwürdig, weil bis jetzt kein Maler es gewagt hatte, sie

so darzustellen, wie sie im Atelier vor ihm standen, aber Rembrandt,

bezaubert durch das Licht und die Glut der Fleischfarbe, zauderte

keinen Augenblick, sie so zu malen, wie er sie sah. Es war keine Venus,

keine Juno oder Diana, es war die Waschfrau seines Nachbars, die er

entkleidete und in der Herrlichkeit ihres Fleisches wiedergab. Und seine

Handschrift allein, ich meine die Manier, mit der er seine Schnörkel

und Striche hinwarf, war an sich schon ein genussreicher Anblick, von

dem man sich nur schwer trennen konnte. Und das alles that er mit einer

Leichtfertigkeit, mit einer Ausgelassenheit und mit einer Sicherheit,

welche den Gedanken eines Studiums oder irgend einer Anstrengung gar

nicht aufkommen liess.

* * * * *

Und wie denke ich jetzt über den Meister, nachdem so viele Jahrzehnte

verflossen sind? Wohlan denn, Leser, betrachte mit mir die gewaltigste

Aeusserung von Rembrandts grossartiger Malkunst, die er in seiner

»Nachtwache« niedergelegt hat.

Schon beim ersten Anblick werden wir sofort durch breite Bewegungen

von Schatten und Licht getroffen, die wie Farbentöne durch die enorme

Fläche der Leinwand singen. Dann kommen plötzlich zwei Männer auf uns

zu, die aus der Gruppe nach vorne treten, der eine ganz dunkel, der

andere ganz hell gekleidet. Das ist Rembrandt! Er wagt, schreiendes

Licht gegen Dunkel zu stellen. Und um diesen Gegensatz von grossen

Linien harmonisch zu machen, ersinnt er etwas: der linke Arm des dunklen

Mannes ist ausgestreckt, als ob er mit der vorgehaltenen Hand etwas

behaupten will, und so wirft er mit seiner Hand einen grossen sonnigen

Schlagschatten auf seinen weissen Kameraden! Das Genie weiss sich zu

helfen, wo gewöhnliche Menschen keinen Rat mehr wissen. Diese Männer

sind offenbar miteinander im Gespräch, man sieht es, sie sind die

Anführer des ganzen Trupps. Da stand er jetzt, der grosse Meister, als

alles auf die Leinwand gebracht war, was darauf kommen musste -- aber

er schüttelte das Haupt. Nach seiner Meinung traten diese beiden Männer

noch nicht genügend in den Vordergrund. Dann nahm er noch einmal seine

grosse Palette, seinen breitesten Pinsel taucht er noch einmal tief in

den Farbentopf, und diese zwei vordersten Figuren wurden noch einmal mit

kräftigen Strichen behandelt, hier mehr Tiefe, dort noch mehr Licht,

und so versuchte er alles, um dem, was in den Vordergrund zu kommen

hatte, noch ein kräftigeres Relief zu geben -- und dann sah er, dass

es gut war, und so liess er es dann auch stehen. Vielleicht war die

Aehnlichkeit seiner Herren Auftraggeber etwas weniger sprechend, auch

beklagte man sich bei ihm über Mangel an Ausführlichkeit, aber für ihn

war die Hauptsache, dass die Figuren lebten, und dass sie sich bewegten.

Wie herrlich ist ihm dies gelungen! Von den Federn ihrer Hüte an bis zu

den Sohlen ihrer Schuhe, die beinahe den Rand des Gemäldes erreichen,

ist alles, als ob man es mit der Hand prüfen könnte. Wie sind die Köpfe

voll Energie und Charakter, ihre Kleidung ist auf den Leib gegossen,

der stählerne Halsberg, die Schärpe, die Stiefel des hellen Mannes sind

von wunderbarer Malkraft; dann der dunkle mit dem roten Wehrgehänge,

mit dem Handschuh und dem Stock ist von einer Erfindungsgabe, die nur

deshalb nicht auffällt, weil alles so richtig, einfach und natürlich

ist. Ich kenne keine Darstellung, welche die Pracht und das Malerische

jener Zeiten so stark ausdrückt, wie diese zwei Männer, die auf diesem

Riesengemälde einherschreiten.

Wenden wir uns nun zu der rechten Seite, um den schwitzenden Trommler

zu betrachten. Sein scheinbar pockennarbiges Gesicht unter dem Schatten

seines verschlissenen Huts ist eine echte Falstafffigur, die dicke

Trunkenboldnase, sein fettiger Mund, alles, was an ihm ist, sind von

einer malerischen Bravour, die den Wagemut des Meisters so besonders

charakterisieren; man sehe nur, wie er darauf lostrommelt, als ob er

jedermann sagen wollte, dass er eine der prächtigsten Figuren des

berühmten Meisters sei, den man Rembrandt nennt. Ich begreife sehr gut,

dass beim Anblick dieses Mannes, wie er vor uns webt und lebt, der

beschränkte, quasi gelehrte und dummgewissenhafte Gérard de Lairesse in

seinem grossen Buch über die Malkunst (in welchem Rembrandt der grösste

Farbenklekser genannt wird) ausrief: »Bei Rembrandt läuft die Farbe wie

Dreck aufs Paneel!« Genialität und philisterhaftes Knotentum sind und

bleiben geschworene Feinde.

Wenden wir uns jetzt nach der linken Seite des Gemäldes. Hier steht

der durchgeistigte Landsknecht, ganz in Rot gekleidet. Ein Maler mit

dem Hell- und Brauntalent brauchte nicht bange zu sein, jemand von Kopf

zu Fuss rot zu malen, er wusste, dass das Spiel von hell und dunkel ihm

helfen würde. So liegt denn auch hier das Rot teilweise im Schatten

einer herrlichen Nuance und vereinigt sich trefflich mit den gräulich

grauen Tönen der übrigen Figuren. Auch dieser rote Mann ist in der

eben beschriebenen Weise mit dem Pinsel behandelt worden; betrachtet

man ihn gut, dann scheint es, als ob Rembrandt diesen malerischen

hervortretenden Mann mit einem vollen Pinselstrich von oben bis zu den

Füssen hingeworfen hat. Wie fest ist die Behandlung der Hand, welche das

Gewehr ladet, wie forsch die Striche auf seinem roten Hut, auf dem roten

Wams, wie kräftig, lebhaft, beweglich und reich steht er da!

In diesem wunderbaren Gemälde stossen wir jeden Augenblick auf etwas

Interessantes. Sprechend ist der Hellebardier, der vom Rande links

rückwärts blickt, dann der Mann, der hinter dem weissen Mann sein

Gewehr untersucht, und wie herrlich wirkt der lachende, von dunklem

Hintergrunde sich abhebende Junge mit seinem grauen Hut! Der Kopf

des Mannes, der mit seinem Arm auf etwas zeigt, ist auch wieder von

besonderer Farbe und Malweise; selbst der graue Pfeiler, gegen den

sich der Kopf mit dem Helm abhebt, wirkt trefflich zum Gesamteindruck

mit. Aber hier ist noch etwas Wunderbares, und zwar das fremdartige

Mädchen, das sich zwischen allen diesen männlichen Figuren bewegt. Viele

Kritiker und Kunsthistoriker haben sich den Kopf darüber zerbrochen, was

dies eigentlich zu bedeuten habe und gefragt, ob diese Figur überhaupt

hierher gehöre. Hätte Rembrandt sie gehört, denn würde er lächelnd

geantwortet haben: Seht ihr denn nicht, dass ich dieses liebumflossene

Kind hier nötig hatte, um gegen alle diese nach unten laufenden Linien

und diese dunklen Farben einen Kontrast zu schaffen? Der Mann mit der

Fahne im Hintergrund, der weglaufende Hund -- alles unterstützt und

hilft einander in Farben, Linien und Effekt. Da ist auf diesem Gemälde

auch keine winzige Stelle, die nicht ein seltsames Malertalent verrät.

Hier gilt die Behauptung: Schneide nur ein kleines Stück aus einem

Gemälde heraus, und ich will dir sagen, ob der Maler ein Künstler ist.

Und nun noch die »Staalmeesters«.

Hier schallt uns eine ganz andere Musik entgegen, als aus den Tönen

der »Nachtwache«. Still und vornehm ist hier alles, hier herrscht allein

die hohe Auffassung des menschlichen Antlitzes. Sie sitzen hier, diese

alt-holländischen Männer und beratschlagen, ihre Geschäftsbücher vor

sich auf dem Tisch. Rembrandt hat uns ihre Köpfe mit so viel Leben

verdeutlicht, dass sie im Laufe der Zeiten alte Bekannte geworden

sind. Ja, alte Bekannte, die schon einige hundert Jahre gelebt haben,

ehe wir da waren. Wie lange schon kenne ich diesen Mann an der linken

Seite mit seiner Hand auf dem Lehnstuhl, mit den grauen, feinen Haaren,

die unter seinem hohen spitzigen Hut von seiner breiten gerunzelten

Stirn hervorquellen. Hier giebt die Farbe, sowohl im Licht, wie im

Schatten, ein Durcheinander von Fleischtönen, Zwischentönen von Grün

und Rot, Grau und Gelb, sie ist so aneinander gereiht, dass hier etwas

erreicht ist, wobei der Verstand förmlich stille steht. Das Relief, das

Hervorspringen aus dem Hintergrund ergreift uns wunderbar, aber auch

welches Modell, wie sieht uns der Mann mit dem einfachen Blick aus den

tiefen Augenhöhlen an -- es ist ein Unikum, wie es Rembrandt selbst

niemals übertroffen hat. Auch alle anderen Köpfe, besonders der Mann,

der sich nach vorn beugt, dieser wunderbar natürliche Zunftmeister, der

vor dem Buch Platz genommen hat und sein neben ihm sitzender Nachbar

bis zum fünften Kaufmann an der rechten Seite mit dem Diener hinter

sich -- alles ist Männlichkeit, Reichtum und Leben. Der Hintergrund

ist wieder eine Schöpfung, wie sie nur Rembrandts feines Gefühl für

Linien hervorzubringen wusste. Die Wand und das Getäfel umgeben diese

Komposition, als ob sich dies von selbst verstände, und als ob es auch

thatsächlich so gewesen wäre. Und doch wird dieser geniale Kunstgriff

noch durch die Herrlichkeit des Kolorits des roten warmen Tischtuchs

übertroffen, welches dem ganzen Gemälde einen tieferen dunkleren

Ton verleiht. Ob über dieses Gemälde nach seiner Vollendung von den

Zeitgenossen viel gesprochen und geschrieben worden ist, weiss ich

nicht, aber für uns stellen diese Männerköpfe das Höchste dar, was die

Malkunst erreichen kann. In Madrid, wo mich die Gemälde von Velasquez

bezauberten, machte ich mit Bekannten einen Spaziergang durch die

Strassen und über die Plätze der Stadt, an einem Gebäude sahen wir

einen grossen, vielfarbigen Anschlagezettel, auf dem vermerkt war,

dass hier eine Ausstellung moderner spanischer Künstler zu sehen war.

Neugierig traten wir ein, wir sahen viel Schönes und Gutes, aber

plötzlich standen wir, wie aus Spanien weggeblasen, vor drei Köpfen aus

den Staalmeesters, die ein spanischer Maler in Amsterdam kopiert hatte.

War es Chauvinismus, war es Ueberzeugung? Diese Kopien redeten zu uns

einen Geist grösserer Einfachheit, grossartigerer Auffassung der Natur

und der Menschenwürde als alles, was wir im Prado bewundert hatten. Ja,

dieses Gemälde ist selbst ein Totschläger für die alt-holländischen

Kunstbrüder: Der tüchtige van der Helst wird neben ihm oberflächlich,

der prächtige Frans Hals skizzenhaft und durchsichtig, denn so viel

Genialität, so viel Relief bei solcher Natürlichkeit der Haltung und

Gebärden wird nicht mehr gefunden. Und der Mann, der dieses Wunderwerk

geschaffen, war damals ein armer Bürger, der in einem dunklen Winkel der

Stadt wohnte, in der jetzt zu seinen Ehren ein Fest gefeiert wird.

Rembrandt steht in unseren Tagen im Zenit seines Ruhms; Gold hat neben

seinen Meisterstücken keinen Wert mehr; um das Unbedeutendste davon

zu besitzen, opfert man Hände voll Gold, man durchreist nach ihm die

Welt, und die Kritik, die sich lange Jahre hat hören lassen, ist jetzt

verstummt. Merkwürdig ist es, dass keine der allgemein anerkannten

Grössen der Malkunst im Laufe der Zeiten der Gegenstand so vieler Kritik

gewesen ist wie das Werk Rembrandts. Und dennoch, was man auch über

die Unwahrscheinlichkeit der Vorstellung und die Uebertriebenheit des

dunklen Hintergrunds gesagt, bleibt die »Nachtwache« noch stets, wie

die Engländer sie nennen, das Wunder der Welt. Schon während seines

Lebens gab es Leute genug, die es ihm übel nahmen, dass er nicht bei

der Antike und bei den Italienern in die Schule gegangen war, und dass

er die Natur so malte, wie er sie wirklich zu sehen glaubte. Uns dünkt

dies befremdend, aber es ist doch wahr, denn schon während der letzten

Jahre von Rembrandts Leben war man mit den alten holländischen Begriffen

in Kunst und Literatur nicht mehr zufrieden, und jetzt noch lese ich

mit Widerwillen, wie man die Namen latinisierte und in holländischen

poetischen Werken über griechische Götter und mythologische Figuren

sprach, die zu unserem holländischen Himmel so schlecht passen. Aber

zum Glück hat sich Rembrandt stark genug gefühlt, um unbeirrt seinen

eigenen Weg zu gehen, und die Zeit liegt hinter uns, in der man von

den kunstgefährlichen Theorien sprach, die seinen Gemälden anhaften

sollten, man hielt sich an die Behandlung der Technik, aber zu der

tiefen, ihr zu Grunde liegenden Idee wusste man nicht durchzudringen.

Aber die liberalen Ansichten der modernen Welt sind auch auf dem

Gebiete der Kunst siegreich gewesen, heute fühlen und wissen wir, dass

die vermeintlichen Schwächen und Uebertreibungen nur die Eigenart

eines ausserordentlichen Menschen bilden, und wir entbehren sie nicht

gerne, weil wir dann befürchten müssen, ein unvollständiges Bild der

Persönlichkeit vor uns zu haben, von der jede Lebensäusserung unser

Interesse rege macht.

Ich schliesse ... aber, wie so manches Mädchen an ihren Liebhaber

schreibt: ich höre mit der Feder auf, aber nicht mit dem Herzen ... ich

denke an das Porträt von »Jan Six«, dieses seltene Juwel, ich denke an

das Louvre, an Kassel, an Braunschweig und an was nicht alles -- aber

genug. Ich wollte in diesen Zeilen dem Leser nur sagen, wie ich mir

Rembrandt stets vorgestellt habe, als das Ideal des Künstlers, frei und

ungebunden in seinem Werk, genial in allem, was er tat, eine Figur, in

der sich die Grösse unserer alten Republik abspiegelt.

[Illustration: E. Gordon Craig, Holzschnitt]

ÜBER BÜHNENAUSSTATTUNG

VON

EDWARD GORDON CRAIG

Es giebt drei Arten von Bühnendekoration, die phantastische, die

realistische und die schlechte. Schlecht ist die Ausstattung, die weder

ganz und gar realistisch noch ganz und gar phantastisch ist. Diese

Dekoration findet der Londoner Theaterbesucher allabendlich.

Diese Dekoration ist schlecht, weil sie zugleich echt und schön sein

soll und weder das eine noch das andere ist. Es giebt zwei Gründe

dafür, dass es damit so steht: erstens weil dem Bühnenmaler, auch wenn

er grosses technisches Talent hat, nicht bis zu dem Moment, in dem

der Vorhang aufgeht, freies Spiel gelassen wird, oder aber weil man

ihm gestattet, der eigenen Idee zu folgen und dadurch die schönere

Vorstellung des Dichters zu verdrängen.

Ich habe verschiedentlich gesehen, wie Dekorationen, nachdem sie ins

Theater gebracht worden waren, durch die Unfähigkeit des Schauspielers,

der Direktor ist, vollkommen verdorben wurden. Der Schauspielerdirektor,

der von der Kunst und Technik der Bühnendekoration keinen Begriff hatte,

war der Ansicht gewesen, entweder dass er es besser gemacht haben würde,

oder dass er in dieser Dekoration nicht spielen könne, -- und vor

allen Dingen hatte er gewähnt, er müsse ein Wort mitzureden haben. Mit

diesem Worte streicht er ein paar Stunden hintereinander freundlichst

Fehler heraus, und die Scene wird dann dem Publikum vorgeführt, nachdem

allmählich Vernunft und Sachlichkeit aus ihr entfernt worden. Die Form

wird verändert, Monde werden hinzugefügt, Farben gewechselt, Schatten

dort unterdrückt, wo der Maler sie mit bewusster Absicht hingesetzt

hatte, und alles das geschieht, damit sich der Schauspielerdirektor zu

Hause fühle. Nach meiner Ansicht kostet diese Verwüstung viel Geld.

Für den Theatermaler muss, obwohl sich solche Sorte von Betrieb für

ihn bezahlt macht, darin etwas ausserordentlich Verletzendes liegen;

ja, diese Art kann ihn aus dem Theater und einem Institut in die

Arme treiben, das des Theatermalers Paradies ist: es ist eine von

dem berühmten Theatermaler de Loutherbourg gemachte Erfindung. De

Loutherbourg, der im 18. Jahrhundert lebte, hatte anfangs für David

Garrick, später für sich selbst gearbeitet. Bei diesem seinem eigenen

Unternehmen hatte er von den Schauspielern Abstand genommen. Weshalb

sollten die Schauspieler die Aussicht verderben, indem sie zwischen der

Bühne und den Zuschauern standen? Weshalb sollte man ihnen gestatten,

über Herrn N.'s Rasenplätze oder Herrn so und so's Waldungen zu

schreiten? Mochten diese Herren lieber ein Schild aufstellen mit der

Bemerkung, dass das Betreten verboten sei, oder auf dem die Worte

standen: Achtung, hier ist die Bühne.

Anstatt mit Worten unterhielt de Loutherbourg das Ohr seines Publikums

mit Geräuschen. Die Aufführung bestand entweder aus der naturalistischen

Darstellung eines Schiffsbruchs oder aus der eines brennenden Hauses

oder aus irgend einem sonstigen realistischen Vorgang. Wirkliche

Wellen schienen gegen das Schiff zu schlagen, und der Regen strömte

unaufhörlich hernieder, der Wind heulte und zerwirbelte die Raketen,

die in der dunklen Nacht aufschossen, er verteilte feurige Garben

rings um das Boot, dazu hörte man die Stimmen der Mannschaft, die

mit den Elementen kämpfte, und jedes Detail war bis zur Vollendung

ausgearbeitet. Wahrscheinlich war dies die grösste Annäherung an die

Wirklichkeit, die je auf der Bühne versucht worden ist.

Es ist evident: so faszinierend diese Art bei der Darstellung

von Feuerwerk ist, so lächerlich und unreal ist sie in einem

Shakespeareschen Stück.

Vor kurzer Zeit suchte ein bekannter Londoner Schauspieler, der sein

eigener Direktor ist, zu beweisen, dass »vollkommene Illusion« durch

grösste Genauigkeit der Details erreicht werden könnte. Er wähnte, dass,

wenn im Laufe des Dramas eine Scene »vor einem Schlosse« spiele und

im Dialog dieses Schloss erwähnt würde, man dies Schloss mit grösster

Genauigkeit vor dem Zuschauer aufbauen müsste. Nehmen wir einmal eine

Aufführung von Macbeth. Ich stelle mir vor, wie der Schauspielerdirektor

zum Theatermaler sagt: Machen Sie mir diese Ausstattung möglichst

prächtig, benutzen Sie alle Ihnen zu Gebote stehenden Mittel, um sie

möglichst brillant zu machen. -- Er sagt nicht nur dies, sondern geht

noch einen Schritt weiter, z. B. sagt er: Wir brauchen eine Scene

»vor einem Schloss«: ich finde es nötig, dass Sie diese Bücher von

unschätzbarer Wissenschaftlichkeit ansehen. Gehen Sie mit Herrn so und

so nach dem South Kensington Museum, suchen Sie dort soviel Bilder als

möglich vom Schloss Glamis, machen Sie Skizzen, wenn es Ihnen erlaubt

wird und reisen Sie mit ihnen im nächsten Zug nach Schottland. Messen

Sie das Schloss aus, nehmen Sie den Grundriss und nehmen Sie Ansichten

von den verschiedenen Punkten auf. Die Zeichnungen machen Sie mit recht

viel Gefühl und mit Lokalkolorit. Dann legen Sie mir die Zeichnungen

vor, und ich werde Ihnen sagen, welche ich für am meisten geeignet für

unsere Zwecke halte.

Diese kleine Reise wird ziemlich viel Geld kosten. Modelle werden

gemacht werden und werden mehr Geld kosten, und das Ergebnis von all

diesen Mühen und diesen Geldausgaben wird eine genaue Wiedergabe des

kolossalen Schlosses Glamis sein, auf die »Forderungen der modernen

Bühne reduziert«, 25 Fuss im Quadrat... Durch diese Genauigkeit der

Details hofft der Direktor »vollkommene Illusion« zu erreichen.

Aber diese beiden Dinge sind wie zwei Pole einander entgegengesetzt. Die

vollkommene Illusion wird durch die sogenannte Akkuratesse viel eher

verhindert. Der Schauspielerdirektor ruft dem Geist zu: »Steh, Phantom«,

und versucht ihn mit einer Hellebarde aufzuhalten.

Kunst und Künstler Almanach 1909 · 第 2 / 10 段