Früh erwachter Kunsttrieb machte sich ... in so ausschliessl

KUNST UND KÜNSTLER ALMANACH

1909

BRUNO CASSIRER, VERLAG, BERLIN

DRUCK VON W. DRUGULIN IN LEIPZIG

INHALT:

Vorwort. Seite

Hermann Schlittgen, Erinnerung an Wilhelm Leibl 1

Eine autobiographische Note Adolf Menzels 16

Max Liebermann, Zwei Holzschnitte von Manet 23

Alfred Sisley: Über Landschaftsmalerei 35

Jozef Israels: Rembrandt 41

Edward Gordon Craig: Über Bühnenausstattung 59

Max Liebermann: Erinnerungen an Karl Steffeck 71

Maurice Denis: Aristide Maillol 83

Aubrey Beardsley über Turner 100

Anselm Feuerbach: Drei Briefe 105

Mac Neill Whistler: Der rote Lappen 117

Mac Neill Whistler: Wann ein Kunstwerk vollendet ist 120

Francisco de Goya: Drei Briefe 124

Christian Morgenstern: H. C. Andersens Silhouetten;

Des Märchendichters Scheere 132

Franz Krüger, Briefe an Karl Steffeck 141

Karl Hagemeister: Karl Schuch 148

Émile Zola: Edouard Manet 164

Ferd. Georg Waldmüller, Aus seinen hinterlassenen Schriften 177

Hans von Marées: Briefe 193

VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN:

Seite

Max Slevogt, Deckelzeichnung, farbig

Menzel, Aus Künstlers Erdenwallen 17

Edouard Manet, Pariserin, Holzschnitt 21

Edouard Manet, Olympia, Holzschnitt 33

Rembrandt, Zeichnung 39

Edward Gordon Craig, Zeichnung 57

Max Liebermann, Zeichnung 69

Aristide Maillol, Studie 81

Aubrey Beardsley: Zeichnung zu E. A. Poe 103

Anselm Feuerbach, Zeichnung 115

M. N. Whistler, Mallarmé 121

Francisco de Goya, Zeichnung 129

H. C. Andersen, Silhouette 139

Franz Krüger, »Maler Menzel« 145

Max Liebermann, Zeichnung 161

Wilhelm Leibl, Selbstporträt 175

Franz Krüger, Porträt einer Dame 191

VORWORT

_Wo Künstler über Kunst sprechen, da wird der Laie fast stets ruhige

Objektivität und Vollständigkeit vermissen; ja, er wird oft noch

verwirrter werden durch die leidenschaftlichen Einseitigkeiten der

Produzierenden als er es schon war. Dennoch wird er nach einiger Zeit

merken, dass ihn die einseitigen Ideen der Künstler mehr gefördert

haben, als es sachliche Auseinandersetzungen eines Schriftstellers

hätten tun können. Denn die Urteile der Künstler sind Willensäusserungen

und es wohnt ihnen als solchen fortreissende Kraft inne. Es ist

durchaus richtig, was Gottfried Keller einmal schrieb: »Die Literaten

sind wohl nützlich für das Logische und Chronologische, das Graphische

und Biographische, für das Einfügen des Festgesetzten; vor dem

Gegenwärtigen, sofern es als neu oder überraschend erscheint, stehen

sie in der Regel unproduktiv und ratlos, und die ersten Stichworte

müssen immer von Künstlerkreisen ausgehen und sind daher meist

parteiisch, welche Parteilichkeit von den Literaten, nachdem die erste

Kopflosigkeit überwunden, weiter ausgesponnen wird, bis der Gegenstand

der Vergangenheit angehört und einer verständigen Registrierung fähig

geworden ist.«_

_Von solchen Gedanken geleitet, hat sich der Verlag entschlossen,

einige der markantesten Aeusserungen von Künstlern über Kunst oder über

andere Künstler, die im Laufe von sechs Jahren in der Kunstzeitschrift

»Kunst und Künstler« veröffentlicht worden sind, gesondert in diesem

Almanach abzudrucken. Der Verlag glaubt, dass es den Lesern willkommen

sein muss, die in verschiedenen Jahrgängen verstreuten Aeusserungen

einmal zu bequemem Genuss und Vergleich beisammen zu haben. Es soll

nichts Vollständiges gegeben werden, es wird in keinem Punkte eine

systematische Uebersicht über das Wollen und Vollbringen der modernen

Kunst dargeboten; was der Leser hier findet, gleicht vielmehr einem

merkwürdigen Feuerwerk von Geistesblitzen, vom Zufall oft entzündet und

gleich dann wieder erloschen. Aber man wird finden, dass die Strahlen

leidenschaftlichen Erkenntnisdranges, die von diesen Künstlerworten

ausgehen, sehr oft mit ihrem jähen Glanz in neue Welten hineinleuchten

und den Geist so zu jener Selbstthätigkeit zwingen, die dem denkfrohen

Menschen höchster Genuss ist. Wenn diese Proben daneben Diesen oder

Jenen begierig machen sollten, die Zeitschrift kennen zu lernen, aus der

sie stammen, so wird diese Nebenwirkung sehr willkommen sein. Das ist

selbstloser gemeint als es klingt. Denn die Zeitschrift, die denselben

Titel trägt wie dieser Almanach, folgt im grossen derselben Tendenz,

wie dieses kleine Buch; auch sie will Freude an der Kunst und Liebe

zu den Künstlern erwecken und immer dem Grundsatz folgen, dem dieser

Almanach seine Existenz verdankt: die Künstler über sich und ihre

Arbeitsleidenschaften zum Sprechen zu bewegen und so zu erreichen, dass

sich die Ideen der Kunst an sich selbst immer von neuem entzünden, dass

die »Stichworte« immer rechtzeitig gegeben werden, worauf die andern

Akteure der fortschreitenden Kultur nur warten, um in Tätigkeit zu

treten._

_DER VERLAG BRUNO CASSIRER_

* * * * *

ERINNERUNG AN WILHELM LEIBL

VON

HERMANN SCHLITTGEN

Im Sommer 1892 musste ich nach Aibling, um Moorbäder zu nehmen. Aibling

war sonst ein langweiliges Nest; aber bei den Künstlern hatte es einen

guten Ruf: Leibl wohnte dort, seit vielen Jahren. Ich war von jeher

ein grosser Verehrer von Leibls Kunst gewesen; als junger Mensch nach

München gekommen, gehörte ich zu einem kleinen Kreise, dem schon damals

(es war im Jahre 1880) Leibl ein ganz Grosser war. Auch mein späterer

langjähriger Aufenthalt in Paris, wo ich die moderne Kunst an der Quelle

studieren konnte, that dieser Liebe keinen Eintrag; im Gegenteil: als

ein »rocher de bronce« stand Leibl gross und einzig in meiner Münchner

Erinnerung.

Doch wusste ich von seinem Misstrauen gegen Kollegen; man hatte ja so

viel über seine Menschenscheu erzählt. Deshalb kam mir auch gar nicht

die Idee, dass ich ihn vielleicht kennen lernen würde.

Den Abend nach meiner Ankunft in Aibling promenierte ich auf dem Markt

und freute mich über das originelle alte Rathaus mit dem gemütlichen

hohen Dachstuhl; da kommt Sperl aus einer Seitengasse auf mich

zugeschossen, Sperl, der einzige langjährige Freund und Kamerad Leibls.

»Kommen Sie doch mit auf den Keller, Leibl ist auch da und wird sich

sehr freuen!« Das erlaubte ich mir stark zu bezweifeln, aber Sperl

wurde dringend, stellte mir mit Sicherheit in Aussicht, dass ich nicht

schlecht behandelt werden würde und so ging ich mit.

Die Bekannten Leibls waren schon versammelt, Aiblinger Honoratioren und

Bürger, unter andern ein kunstsinniger Herr Justizrat und Baron, der

später über Leibl einen ausgezeichneten kleinen Nekrolog im Aiblinger

Tageblatt veröffentlicht hat, und der Kreistierarzt, dessen Freundschaft

mit Leibl ihm ein seltenes Glück gebracht hat: er und seine ganze

Familie wurden von Leibl in vielen kleinen Werken gezeichnet und gemalt;

die Kinder in allen Lebensaltern, in Oel, in Kreide, in Bleistift,

mit der Feder. Leibl, der auf der Jagd gewesen, kam erst spät auf den

Keller. Er war in oberbayrischer Gebirgstracht, die ihm vorzüglich

stand. Freundlich, wie einen alten Bekannten, begrüsste er mich. Wir

kamen schnell in ein Gespräch; gurgelnd und schwer in reinstem kölner

Dialekt floss seine Rede. Ich habe das nie begriffen: seit seiner

Jugend war er von Köln weggekommen, hatte fast ausschliesslich mit

oberbayrischen Kleinstädtern und Bauern verkehrt und nicht ein Atom von

seinem Kölner Platt war verwischt worden.

Bald wurden wir gute Freunde. Wenn wir zu dritt, Leibl, Sperl und ich,

bei verschiedenen Schoppen guten Tyrolers allein hinten im Wirtszimmer

sassen, vergass ich den Rheumatismus, der mich nach Aibling gebracht

hatte. Hoch gingen da die Wogen der Kunstbegeisterung; Leibl taute auf

und erzählte von seinen Anfängen, seinen Kämpfen. Sein Auge leuchtete,

wenn von den alten Meistern geschwärmt wurde: Holbein, Rembrandt, Hals,

Velasquez! -- Der Plan einer Reise nach Madrid zu Velasquez wurde

erwogen.

Schlecht, elend schlecht erging es den Modernen im allgemeinen und den

Münchnern im besonderen.

Ich zeigte Leibl einmal die Lithographie von Daumier: ein Maler sitzt in

der Landschaft vor seiner Staffelei, hinter ihm ein zweiter, ein dritter

und so fort in endloser Reihe. -- Der erste studiert die Natur, der

zweite kopiert den ersten, der dritte den zweiten und so weiter.

»Sehen Sie,« sagte Leibl lachend, »da haben Sie die ganze münchner

Kunst.«

Leibl war weniger menschenscheu als kollegenscheu. »Was soll ich mir

ihre schlechten Bilder ansehen, ich kann dann acht Tage lang nicht

arbeiten.«

Die Fontainebleauer und Courbet waren seine Liebe. Von ihnen sprach er

mit der grössten Begeisterung. Mit Courbet war er nach Paris gegangen,

Courbet hatte ihn dort in seinen engeren Freundeskreis eingeführt, in

revolutionärer Zeit, kurz vor dem Kriege. Im Hinterzimmer eines Cafés

hatten sie sich versammelt, in dem leise gesprochen wurde. Von Zeit zu

Zeit kam der Wirt herein und legte den Finger auf den Mund, wenn sich

draussen etwas Verdächtiges zeigte. Die Napoleonische Polizeiwillkür

stand in Blüte.

Mit wem er da zusammen sass, wusste Leibl nicht; er wusste nur das eine:

es waren Künstler und Schriftsteller.

Courbet klopfte ihn dabei hier und da freundschaftlichst auf die

Schulter: Gut Freund. Das empfahl Leibl bei der Tischgesellschaft.

Leibl, der kein Wort französisch verstand, hatte keine Ahnung, wovon

die Rede war. Nur in den Gesichtern der Leute las er, dass es etwas

Unerlaubtes war, wovon gesprochen wurde.

Courbet besuchte Leibl öfter im Atelier, wo er damals »die Cocotte«

und die »alte Pariserin« malte. Courbet erkannte ihn an: durch

Schulterklopfen und kräftigen Händedruck.

Leibl hatte aus dieser Zeit eine grosse Sympathie für die Franzosen

bewahrt; und später waren sie ja die ersten, welche seine Kunst

verstanden und anerkannten.

Mit grosser Bitterkeit erzählte Leibl, dass in der ersten Zeit Bilder

von ihm teilweise »verbessert« wurden. Entweder hatte er sie nicht genug

ausgeführt, dann wurden einzelne Stellen sauber übermalt, oder sie waren

zu leer, dann wurde noch etwas hineingemalt, z. B. auf dem »Jäger« (der

junge Baron Perfall) hinten am Seeufer ein Boot und ein idyllisches

Häuschen hinzugefügt.

(Nach Leibls Tode wurde Sperl ein Bild übersendet, er möge urteilen, ob

das Bild echt sei. Sperl schrieb: das ganze Bild ist unecht, bis auf

einen schmalen Streifen ringsum, welcher vom Rahmen verdeckt war.

Das Bild war ganz übermalt worden!)

Eines Abends erschien an unserm Tisch ein Kunstmaler. Wie gewöhnlich war

Leibl sehr zugeknöpft gegen den Gast. Dieser, um sich gut einzuführen,

begann: »Herr Professor, Sie werden sich wundern, in mir einen

Mitarbeiter zu sehen.« Leibl sah den Mitarbeiter scharf an.

»Ja, ich habe einmal auf eines Ihrer Bilder ein Stück Hintergrund hinein

gemalt.« (Dann schalkhaft:) »Sie hatten sich's hinten herum etwas leicht

gemacht, so huschel-buschel.«

Leibl sprang auf und ich dachte, etwas Furchtbares müsste geschehen.

Aber er beherrschte sich und ging hinaus in den Garten.

Als er nicht wiederkam, wurde ich ängstlich und suchte ihn draussen.

Mit grossen Schritten ging er auf und ab: »Ist der Mensch noch da? Ich

schlage ihn nieder!«

Es gelang mir endlich, Leibl zu beruhigen. Der Gast musste sich aber für

den Abend mit der Rückenansicht Leibls begnügen.

Der Ahnungslose flüsterte mir noch zu: »Leibl ist wirklich sehr

unzugänglich.«

Einmal warm geworden, unterhielt sich Leibl gern von seiner Arbeit.

Da er jeden Strich direkt nach der Natur machte, so hatte er oft mit

grossen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die »politisierenden Bauern« z. B.

sind unter den denkbar schlechtesten äussern Verhältnissen entstanden.

Niedrig, eng und schlecht beleuchtet war das Zimmer, in welchem er

das Bild malte. Alle fünf Bauern mussten sitzen, auch wenn er nur an

Nebensächlichem arbeitete. Leibl stand in der Thür und konnte kaum

sehen, was er malte. Um seine Arbeit betrachten zu können, musste Leibl

von Zeit zu Zeit ins Freie gehen. Manchmal schlief ein Bauer ein und

brachte das Ensemble durcheinander.

Ueberhaupt musste er die Gesellschaft immer an Händen und Gliedmassen,

wie Marionetten, zurechtrücken.

Die »drei Frauen in der Kirche« hätte er beinahe unfertig stehen lassen

müssen, nachdem er bereits zwei Sommer daran gearbeitet hatte.

Sein Freund, der Pfarrer, der ihn bestimmt hatte, vom Ammersee nach

Aibling überzusiedeln, starb plötzlich. Und der Nachfolger verbot Leibl

das Arbeiten in der Kirche. Erst durch die Vermittlung eines sehr hohen

Herrn wurde das Verbot zurückgenommen.

Leibl malte an diesem Bilde drei Sommer (nicht 10 Jahre, wie in münchner

Künstlerkreisen allgemein erzählt wurde).

Da er meist in engen Bauernstuben arbeitete, in denen er nicht

zurücktreten konnte, so »verhaute« er sich oft in den Verhältnissen der

Figuren. Die junge Bäuerin z. B. im Vordergrunde des Kirchenbildes,

welche jetzt noch zu lang ist, war einmal noch länger. Sperl kam und sah

es. Leibl musste das ganze Stück herauskratzen, eine Arbeit von drei

Monaten.

Auf die »Wilderer« hatte er grosse Hoffnungen gesetzt; das sollte

wieder einmal ein grosses figurenreiches Werk werden. Die Hosenträger

des vordern jungen Bauern reizten ihn besonders in der Farbe; er fing

an, daran zu malen und wollte das Ganze danach stimmen. Das Modell,

vor kurzem erst vom Militär gekommen, reckte sich fortwährend mit

»Stillgesessen« krampfhaft in die Höhe. So geriet die Figur bei Leibl

furchtbar in die Länge. Sperl war gerade in München. Da besuchte ihn der

alte Bauer, welcher für den Wilderer im Hintergrunde sass. Er war nach

einem Ort bei München gewallfahrtet.

»Herr Sperl, mit dem Herrn Leibl geht's schlecht. Er bringt sein Bild

net z'samm'. Er ist ganz auseinand!«

Sperl fuhr nach Aibling hinaus und sah das Unglück. Zu ändern war da

nichts mehr. Leibl hatte das Bild bereits für eine Ausstellung nach

Paris versprochen und schickte es dorthin.

Im Cercle international bei Georges Petit sah ich es. Ich fragte

Leibl später, was aus dem Bilde geworden wäre. Mit tiefer

Niedergeschlagenheit, wie von einem grossen Unglück, erzählte er, dass

er das Bild zerschnitten hätte, als er es wiedersah.

Einige Fragmente existieren noch davon und zeigen Leibls ganz

wundervolle Charakteristik.

Mit dem Zerschneiden war Leibl immer schnell bei der Hand. Die

verschiedenen Handfragmente, die man von ihm kennt, rühren alle von

zerschnittenen Bildern her. Erbarmungslos wurde oft die Arbeit langer

Monate vernichtet.

Hände zu malen war ihm das grösste Vergnügen; charakteristisch ist, dass

bei den nach seiner Ansicht misslungenen Bildern die Hände immer gut

waren, Gnade vor seinen Augen fanden und gerettet wurden.

Der Fehler, in den er oft verfiel, dass der Kopf zu klein wurde, kam

wohl daher, dass er meist zu nahe am Modell sitzen musste. Auch auf dem

Porträt des alten Baron Perfall in der Münchner Pinakothek fällt der

etwas zu kleine Kopf auf; für mich sind die Hände das schönste auf dem

Bilde, wahre Wunderwerke einfacher, köstlicher Malerei.

Eines Abends war in unsrer Gesellschaft eine Dame, an deren Händen

Leibls Blicke wie gebannt hingen. »Solche wundervollen Hände, mein

ganzes Leben lang möchte ich nur Porträts mit Händen malen. Die Damen

sitzen aber nicht ruhig, die Bauern sitzen besser. Dann muss man die

Damen dabei unterhalten, das kann ich nicht. Ich muss doch bei den

Bauern bleiben.«

Als ihm ein Bekannter aus Florenz die Photographie nach dem Triptychon

des Hugo van der Goes schickte, geriet Leibl in helle Begeisterung über

die Hände der Hirten.

Meisterhaft in ihrer Einfachheit war die Technik Leibls. Er war

fanatischer Prima-Nass- in Nassmaler. Die zwei grossen Feinde waren das

Einschlagen und das zu schnelle Trocknen der Farben. Er war überzeugt,

dass die Alten ein Mittel besassen, um die Farbe lange nass zu erhalten.

Was hat er nicht alles versucht! In nasse Tücher gegen die kühle Wand

wurde das Bild gestellt, im Sommer wurde im Garten eine tiefe Grube

gegraben als Nachtquartier für das Bild.

In fortwährender Sorge war Leibl, in welchem Zustande am folgenden Tage

die Farbe sein würde; ging es nicht mehr, war sie schon zu trocken, dann

wurde das ganze Stück ausgekratzt. Zwei scharfe Rasiermesser, die er

bei dieser Gelegenheit mit grosser Meisterschaft handhabte und Spiritus

waren die Mittel zur Vernichtung. Auf trockne Farbe zu malen, war ihm

einfach unmöglich; für ihn war der schöne Guss der Farbe, die Reinheit,

der Schmelz alles. Deshalb haben sich auch alle seine Bilder wundervoll

erhalten.

Wenn über Böcklins Technik ganze Bände geschrieben werden konnten, so

ist die von Leibl in wenigen Worten zu beschreiben. Von ihm existiert

kein einziges gesprungenes Bild.

Die letzten 20 Jahre seines Lebens hat Leibl nur in Oel gemalt. Mitte

der siebziger Jahre versuchte er sich in Temperamalerei; der »Offizier«

(Freiherr von Stauffenberg) auf der Münchner internationalen Ausstellung

1901 war in Tempera; dann hat er noch die Gräfin Fichler-Treuberg, deren

herrliches Porträt in gestreiftem Kleid die Perle dieser Ausstellung

war, ein zweites Mal in Tempera angefangen (das Bild ist verschollen),

und als dritten und letzten Versuch malte er Langbehn in Tempera, den

Verfasser von »Rembrandt als Erzieher«. Dieses Bild muss sehr schwarz

geworden sein.

Leibl hatte viel Angst vor dem Firnissen. Bei dem Bilde Langbehns

erlaubte Sperl, der immer sonst das Firnissen allein ausführte, Leibl

einige Pinselstriche. Dabei kam Leibl in eine grosse Firnissierwollust

hinein, so dass das ganze Bild von Firnis schwamm, der auf der Rückseite

in grossen Tropfen herausrann.

Ueberhaupt war Leibl unpraktisch. Als er das wunderbare Bildnis

seiner Mutter (mit den herrlichen Händen) mit der Feder zeichnete,

war das Papier so miserabel aufgespannt, dass die alte Frau in helle

Verzweiflung über die Zukunft ihres Sohnes geriet.

Leibls Palette war die denkbar einfachste.

Cremserweiss. Cobalt.

Cadmium hell. Terra di Sienna.

Cadmium dunkel. Patentzinnober.

Ocker licht. Krapplack.

Ocker dunkel. Elfenbeinschwarz.

Manchmal:

Gebrannter lichter Ocker.

Goldocker.

Sehr selten:

Ultramarin.

Preussisch Blau.

Mancher Kollege wird hier eine Farbe vermissen, welche heute als fast

unentbehrlich gilt: Vert Emeraude. Sperl und ich hatten sie ihm einige

Male empfohlen, wir fanden die Tube später vertrocknet auf seinem

Maltisch.

Moderne Maler wird es empören, dass Leibl Elfenbeinschwarz in das

Fleisch nahm; ich kann die Tatsache aber leider nicht verschweigen.

Aufgezeichnet wurde das Bild mit wenigen Kohlenstrichen oder mit dem

Pinsel und Elfenbeinschwarz; nur in den grossen Verhältnissen.

Wunderbar war es zu sehen, wie Leibl eine Figur, einen Kopf, eine Hand

baute.

Welch enormes Können gehört dazu, ohne grosse Vorbereitungen ein

Stück prima in dieser Meisterschaft zu vollenden. Jedes Material, das

er in die Hand bekam, beherrschte er. War es Oelfarbe, Kohle, Kreide,

Bleistift, die Radiernadel, Tinte; mit der Feder, mit dem Pinsel, mit

dem Finger hineingewischt: alles fügte sich seinem starken Willen.

Es war ein grosser Genuss, ihn in seiner ruhigen Kraft arbeiten zu sehen.

Bedächtig und langsam wurden die Töne gemischt, vorsichtig und bedächtig

hingesetzt. Keine Aufregung, keine Zappelei, hervorgegangen aus

Unzulänglichkeit. Ruhig, sicher und bewusst: ein ganzer, echter Meister.

Fing ein Stück an, einzuschlagen, dann kam Sperl und tränkte es mit

seinen feineren, geschickteren Fingern vorsichtig mit Oel.

Aus einem ganzen Guss musste das Werk entstehen, ohne schmutzige, ohne

blinde Stellen; das fertige Stück eine Augenweide, ein Anreiz für die

spätere Arbeit.

Natürlich war diese Art des Schaffens nur möglich bei einem Künstler wie

Leibl. Auch kannte er genau die Grenzen seiner Kunst. Lebhaft bewegte

Figuren malte er nicht, alles war bei ihm ruhige Grösse.

Mitte der siebziger Jahre waren vier Meisterwerke von Leibl in München

ausgestellt: Die Dachauerinnen, Die Cocotte, Ungleiches Paar und

Dachauerin in Pelzhaube mit Kind. Mit Ausnahme des »Ungleichen Paars«,

welches Defregger erwarb, ging alles ins Ausland. Munkaczy erstand die

Dachauerinnen, die Dachauerin mit Pelzhaube kam nach Paris, für die

Cocotte dauerte es lange, bis ein Liebhaber kam: der amerikanische Maler

Chase.

Noch vor zehn Jahren hätte man für ein Butterbrot folgende Meisterwerke

haben können: Die Pariserin (alte betende Frau), Tischgesellschaft,

Bildnis des Bildhauers Schreibmüller und andere schöne Werke aus Leibls

bester Zeit.

Auch Defregger hat vor einiger Zeit das »Ungleiche Paar« verkauft; man

liess es von München fortgehen und regte sich nicht auf. Die Aufregung

spart man sich für die Zeit, in der es gilt, Bilder von fragwürdigen

Tagesgrössen zu erwerben. Beim Tode Munkaczys verkaufte die Witwe die

»Dachauerinnen«, Leibls wunderbarstes Maler-Werk, das heute in der

Berliner Nationalgalerie ist.

Leibls Verbitterung gegenüber München war ungerecht. Wir haben ihn doch

immer anerkannt.

Siehe oben.

Wenn man heute Gelegenheit hätte, in der Neuen Pinakothek nach der

Durchwanderung der öden Säle, in denen die gute Kunst aus der neuesten

Zeit so dünn gesät ist, in einem »Leiblzimmer« mit den genannten

Meisterwerken auszuruhen, welche Wohlthat wäre das!

In den späteren Werken Leibls spürt man deutlich eine gewisse

Schwächlichkeit und Zaghaftigkeit. Die Kraft liess nach.

Eine Reise nach den Niederlanden rüttelte ihn noch einmal auf. Verjüngt

kehrte er zurück. »Einen Grössern, als Franz Hals hat es nie gegeben und

wird es nie wieder geben,« schrieb er mir. Ich fuhr damals ohne ihn nach

Madrid, und ich glaube, er schrieb das, um sich damit zu trösten.

Als ich im vorigen Sommer wieder einmal nach Aibling kam, um Freund

Sperl in seiner Vereinsamung zu besuchen, wurde das Atelier ausgeräumt;

die Sachen sollten nach München zur Versteigerung kommen. Auf dem

Fussboden lagen alte Briefe, zerrissene Zeichnungen, Leinwandreste,

vernichtete Studien.

Auf dem Schranke standen zwei Gipsbüsten eines Kunsthändlers, welcher

Leibl in den letzten Jahren für den Kunsthandel entdeckt hatte. Die

beiden Gipsköpfe sahen scharf und forschend in das Chaos.

Unten am Boden lag eine heute kostbare Kunstgeschichte, in Stücke

gerissen.

Ich erinnerte mich, wie Leibl sich über eine Stelle in dem Buche masslos

aufgeregt hatte, in der es von Menzel geheissen hatte, er hätte nie

geliebt.

Eine schöne schwarze Marmortafel haben die Aiblinger an dem Kaufmann

Mayerschen Hause am Marktplatz angebracht, darauf mit Goldschrift zu

lesen ist, dass in diesem Hause der berühmte Maler Wilhelm Leibl aus

Köln am Rhein viele Jahre wohnte und 56 Jahre alt geworden ist.

Grösser wäre die Ehre gewesen, wenn die Tafel im Rathaus angebracht

worden wäre, denn da gehören die Männer hin, welche sich um die Stadt

ganz besonders verdient gemacht haben. Die Stadträte haben in ihrer

Weisheit erwogen und beschlossen, dass dies Leibl nicht gethan hat.

Deshalb musste er hinaus, ins Freie, auf den Markt. Es ist auch besser

so.

Als die guten Aiblinger nach Leibls Tode all' die schönen Aufsätze in

den Zeitungen lasen, wurde es ihnen aber doch etwas bange ums Herz:

»Haben wir ihn auch genug zu schätzen gewusst?« Ja, wer hätte denn auch

gedacht, dass er ein so grosser Meister wäre. Er kam ja so einfach

daher, wir liebten ihn und wussten, darin steckt etwas Tüchtiges. Aber

dass er ein so grosser Mann war, wussten wir nicht. Ueber alle grossen

Meister in München drinnen wird doch so ausgiebig in den Zeitungen

berichtet. Und bei unserm Leibl haben sie gar nichts geschrieben. »Herr

Professor« ist er ja geworden, aber erst in späten Jahren. Auch einen

Orden hat er bekommen. Vierter Klasse sogar.

Aber die in München drin, die müssen doch viel grössere Meister sein.

Man braucht sie nur zu sehen, wie sie daher kommen.

Einfach und still war es bei Leibls Begräbnis. Manche offizielle Stelle,

manche Künstlervereinigung vergass eine kleine Ehrung für den Meister.

Freilich: er war ja nur »ein guter Handwerker«.

Möchten wir alle doch etwas von diesem guten Handwerk erlernen!

EINE AUTOBIOGRAPHISCHE NOTE ADOLF MENZELS

Früh erwachter Kunsttrieb machte sich ... in so ausschliesslicher

Weise geltend, dass der Vater sich bestimmen liess,... Pläne

aufzugeben. Die Ergebnisse einiger Versuche, mich nunmehr in die

Förderung künstlerischer Schulung einzuführen, blieben hinter gehegten

Erwartungen zurück. Fand ich doch Erbauung, Belehrung, höchsten Genuss

in oft stundenlangem Verweilen in Sonnenbrand und Schnee vor ein paar

kleinen Schaukästen italienischer Kupferstichhändler -- das schon: die

Sixtina, das Abendmahl, Schule von Athen, Heliodor und was nicht alles

noch verschlingen zu können!!! Und wie manch Andachtmartyrium ward in

der Kirchen ehrwürdiger Nacht, hinter Staub und Kerzenqualm, für die

Knabenphantasie zum Meisterwerk umgezaubert! Beiher wurde Fortbildung

nicht etwa vernachlässigt. Der Büchertrödel erschloss mir »Damms

Götterlehre«, auch manch andere Aesthetica.

[Illustration: Ad. Menzel, Aus Künstlers Erdenwallen]

In römischer Geschichte hatte ich schon auf der Schulbank festen Fuss

gefasst. Virginias Tod beschäftigte mich auf das Lebhafteste, noch

vielmehr als vorher die Allüren des Metellus. Jetzt ward auch der

ganze Olymp porträtiert, versteht sich, in ganzer Figur, in Kontur und

als Plastik gedacht! Streng ohne Augäpfel; ich tat mir hierin einige

Gewalt an. Innerhalb dieser Zeit nahm ich auch bereits teil an der

Geschäftstätigkeit durch Zeichnen. Diesem Treiben, das dem Auge jedes

regulär Gesinnten doch nur als ein wildes erscheinen konnte, musste ein

Ende werden.

Wesentlich also um für mich die Gelegenheit zur künstlerischen

Ausbildung zu gewinnen, führet mein Vater die Uebersiedelung von Breslau

nach Berlin aus. Hier in diesem neuen Horizont, unter dem Eindruck der

öffentlichen Monumente -- Schlüter, Rauch, Schadow -- und auch was die

Schaufenster in so anderer Fülle boten -- setzte das alte Leben sich

fort, freilich so viel fruchtbarer für mein Lernen! Vorzugsweise an

Chodowiecki.

Da, im Januar 1832, versetzte der schnelle Tod meines Vaters mich

in die Lage der Selbständigkeit. Statt nun in meiner Hilflosigkeit

(16 jährig) nach Unterstützung zur Förderung meines künstlerischen

Strebens auszuschauen, zog ich es vor, den geplanten Besuch der Akademie

aufzuschieben und nur dem Erwerb zu leben, darin aber, mochte das

Jedesmalige wie bisher gleichviel wie geringfügig sein, so gut ich

konnte, und viel besser als nötig und verlangt wurde, zu leisten.

Ostern 1833 meldete ich mich dann (ohne Sehnsucht), um es doch zu

thun, zur Akademie, frequentierte dieselbe nur sehr lückenhaft, und

blieb gegen Ende des Jahres ganz fort. Ich will damit das damalige

Lehrwesen nicht schelten; es konnte nicht anders sein. Ich hatte mir

das alles schon auf anderem Wege angeeignet, hatte schon meinen ersten

öffentlichen Erfolg -- Weihnachten 33. »Künstlers Erdenwallen«, freie

Illustration nach Goethe, schaffte mir, dem in der Künstlerwelt noch

ganz verborgen Gebliebenen, sofort die einstimmige Aufnahme in den

Künstlerverein, 22. Februar 34...«

[Illustration: Ed. Manet, die Pariserin, Original-Holzschnitt]

ZWEI HOLZSCHNITTE VON MANET

VON

MAX LIEBERMANN

Einen erläuternden Text zu den wunderschönen Reproduktionen nach Manet?

Qui bono? Wer Manet versteht -- und ihn daher liebt -- braucht keine

Erläuterungen, und wer ihn nicht versteht, noch viel weniger.

Auch Holzstöcke scheinen ihr Schicksal zu haben. Während der

Holzschnitt der Olympia erst wieder durch Duret ans Tageslicht gezogen

wurde, ist das Porträt der Dame, die den Kopf auf die Hand stützt,

verschwunden gewesen: ebenso wie die Olympia hatte Manet das Porträt

für ein Journal gezeichnet, das vor der Veröffentlichung der Zeichnung

einging. Der Holzstock ist verloren gegangen und nur ein Probedruck

hatte sich erhalten, und nach ihm hat derselbe Xylograph, der seinerzeit

Manets Zeichnung geschnitten, einen zweiten Holzstock hergestellt. Beide

Holzschnitte sind im Original wiedergegeben: wir haben also Manets

Handschrift vor uns. --

Wenn ich früher einmal Zeichnen als die Kunst wegzulassen, definiert

habe, so könnte ich keine besseren Beispiele für diese Definition

auswählen, als die vorliegenden beiden Holzschnitte.

Alle Kunst ist Form und alle Form: Vereinfachung.

Wie die tausend Formen und Flächen des Gegenstandes, den der Künstler

darstellen will, sich in seinem Kopfe zu wenigen, charakterischen

vereinfachen, während seine Hand sie niederschreibt: das bildet den

Zeugungsprozess eines jeden Kunstwerkes. Weder der Kopf allein, noch die

Hand ohne Kopf können ein Kunstwerk hervorbringen; beides ist, wie die

Seele mit dem Körper, verbunden. Der Kopf ist der Vater, die Hand die

Mutter, und nur die aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder sind legitim,

d. h. echte Kunstwerke.

Aber in den bildenden Künsten sind Inhalt und Form nicht nur, wie in

den andern Künsten, untrennbar, sie sind auch in der philosophischen

Bedeutung des Wortes identisch: ihr Inhalt ist die Form.

Natürlich können Malerei, Plastik oder Architektur -- die man sogar

gefrorene Musik genannt hat -- poetische oder musikalische Gefühle in

uns hervorrufen, aber sie dürfen sie nur durch die einer jeden der

bildenden Künste eignen Ausdrucksmittel hervorrufen wollen. Sonst macht

der Maler oder Bildhauer bei der Poesie oder Musik Anleihen, die er mit

den rechtmässigen Mitteln seiner Kunst nicht bezahlen kann.

Manet ist »Nur-Maler«. Er malt ebensowenig Poesie wie Musik; worüber

die sogenannten Gebildeten aller Nationen quittierten, indem sie ihn

gleichermassen verabscheuten, und wohl immer noch verabscheuen, wenn sie

sich jetzt auch schämen, es einzugestehn.

Manet so recht verstehn kann wohl nur der Maler, und auch nur der,

welcher in der Wiedergabe der Natur das A und O der Malerei sieht;

was freilich der moderne Maljüngling, und noch viel mehr der moderne

Kunstskribifax für einen überwundenen Standpunkt hält. Wie jener

Maler, den Einer fragte, warum er aus einem Naturalisten ein Symbolist

geworden, antwortete: »nach der Natur malen ist zu leicht«. Ja! nach der

Natur malen kann heutzutage fast jeder Malklassenschüler, beinahe so gut

wie Manet, jedenfalls viel zu viel à la Manet.

Und sind doch keine Manets worden!

Bei der Wahl seiner Themata -- er malt einen Schinken oder ein

Blumenbouquet, Pfirsiche oder eine Melone, Fische oder eine Brioche,

Porträts, männliche und weibliche, oder einen Akt wie die Olympia --

ist es klar, dass das Aussergewöhnliche nicht in seinen Sujets liegt.

Manets Kunst beruht also, wie die eines jeden echten Malers, in seiner

neuen Auffassung. Der eigentliche Maler sucht nichts Neues zu malen,

sondern das Alte neu zu malen. Ueberhaupt ist es ganz gleichgültig, ob

der Künstler ein schon tausendmal dargestelltes Thema behandelt oder

ein funkelnagelneues -- was übrigens schwer zu finden sein dürfte -- da

es in der Kunst nur darauf ankommt, dass das Thema in persönlicher und

daher neuer Weise dargestellt wird. Wenn Einer einen Rosenstrauss oder

einen Schinken so persönlich wie Manet zur Darstellung bringen kann, so

ist er, wie es in der Kunstgeschichte heisst, ein bahnbrechendes Genie:

denn indem er neue Reize an dem Schinken entdeckt und dargestellt hat,

hat er das Bereich der Malerei erweitert.

Der Maler sucht überhaupt nicht, sondern er findet. Er empfängt, wie

Schiller von Goethe sagt, sein Gesetz vom Objekt. Tausend Maler haben

einen liegenden Akt oder ein Damenporträt gemalt: dass Manet den Akt

oder das Porträt in dieser Einfachheit sah und für diese Vereinfachung

die adäquate Form fand, darin liegt sein Genie.

Nicht in seiner Maulfaust, sondern in seiner malerischen Phantasie

liegt seine Grösse. Er sieht malerisch: er weiss aus dem Frauenkörper

das Typische herauszuholen, ohne die momentanen und zufälligen

Reize, die die Natur bietet, einzubüssen. Er malt nicht nur, wie der

»akademische Maler«, was er gelernt hat, was er kann, sondern wie der

wahre geborene Maler, was er sieht. Aber er ist auch ein Poet dazu, denn

die Idee »verdichtet« sich unter seinem Pinsel zur plastischen Form.

Daher das Verblüffende des Eindrucks eines jeden Striches Manetscher

Kunst: die Form, die er uns zeigt, hat nur er gesehen.

Es ist daher der grösste Unsinn, Manets Bedeutung in seiner Technik

zu sehen, wie wir's täglich zu lesen bekommen -- und welcher Unsinn

würde nicht gedruckt! -- als wäre er ein virtuoser Maler gewesen, nur

ein äusserlicher Kopist der Natur. Man vergleiche nur einen nach der

Natur photographierten Akt mit der Olympia, um -- was aus dem Bilde

natürlich noch viel deutlicher als aus dem Holzschnitte hervorgeht -- zu

erkennen, dass nie ein Maler einen Frauenkörper weniger von der Natur

»abgeschrieben« hat: weder Tizian noch Rembrandt noch Velasquez haben

einen Akt persönlicher aufgefasst.

Aber ebensowenig wie die Natur hat Manet die Alten kopiert. Die liegende

Venus des Velasquez in der Sammlung Morrit hat viel mehr Verwandtschaft

mit Tizian, als die Olympia mit Velasquez.

Manet hat mehr als je ein Maler vor ihm oder nach ihm die

konventionelle »schöne Form« vermieden: die ganze Pose, die Linie,

der Rhythmus in der Bewegung -- um von der Malerei ganz zu schweigen

-- sind in der Olympia ebenso wie in dem Damenporträt so momentan, so

ungezwungen, als hätte er das Modell in einem unbelauschten Augenblicke

gesehn und gemalt. Daher das Ueberraschende, das Frappierende, dass

wir beim ersten Anblick jeder Arbeit von Manets Hand, sei es Oelbild,

Pastell, Aquarell, sei's Radierung, Lithographie oder Zeichnung, die

Empfindung haben, als hätten wir Aehnliches nie zuvor gesehn.

Und dieses Wunder sollte die Hand vollbringen können? Nein, nur der

Geist vermag Geist zu erzeugen, nicht aber die Hand oder der Körperteil,

der uns von der Natur zum Sitzen gegeben ist.

Manets Technik, weit davon entfernt, Virtuosität zu sein, ist -- wie es

bei jedem echten Künstler sein muss -- der Ausfluss und der Ausdruck

des innerlich Geschauten. Nach der Vorschrift, die der alte Hippokrates

dem Arzte giebt, lässt uns Manet aus dem Sichtbaren das Unsichtbare

erkennen. Wie der wahre Maler geht er stets von der Erscheinung aus,

nicht aber -- wie das leider nicht nur bei deutschen Künstlern geschieht

-- umgekehrt, sucht er für den Gedanken die plastische Form. Er will

nicht grosse, philosophische Gedanken in Malerei umsetzen, sondern er

sucht das Einfachste, was freilich das Schwerste -- die Natürlichkeit

und -- mit einer leichten Umschreibung der Worte Merks an Goethe --

möchte ich sagen: er sucht nicht das sogenannt »Malerische«, sondern

er fasst das Leben malerisch auf: die höchste Aufgabe des malenden

Künstlers.

Es versteht sich von selbst, dass der Maler desto mehr die

Ausdrucksmittel seiner Kunst beherrschen muss, je mehr er sich auf

die Malerei beschränkt, d. h. je mehr er auf literarischen Inhalt

verzichtet, und wir müssen schon bis auf Velasquez und F. Hals

zurückgehen, um einen »Malermeister« wie Manet zu finden.

Aber selbst Justi, der berühmte Verfasser des Velasquez, nennt noch

Manet in seinem Pamphlet gegen die moderne Kunst (das, obgleich oder

richtiger weil es nur als Manuskript gedruckt ist, in aller Händen ist)

einen geistreichen Skizzisten. Was freilich nicht geschimpft ist, wenn

damit gesagt sein soll, dass Manets Bilder die Frische der Skizze, die

leider im Bilde fast immer verloren geht, bewahren.

In der Skizze feiert der Künstler die Brautnacht mit seinem Werke; mit

der ersten Leidenschaft und mit der Konzentration aller seiner Kräfte

ergiesst er in die Skizze, was ihm im Geiste vorgeschwebt hat, und er

erzeugt im Rausche der Begeisterung, was keine Mühe und Arbeit ersetzen

können. Im längeren Zusammenleben mit seinem Werke erkaltet die Liebe,

und der Künstler sieht zu seinem Schrecken, daß das Bild nicht hält, was

die Skizze versprochen hat.

Aber Justi verbindet mit dem Worte »Skizze« einen Vorwurf; er meint,

dass Manet -- und die moderne Kunst überhaupt -- keine vollendeten Werke

geschaffen hat. Freilich hat Manet seine Bilder nicht vollendet wie

Metsu, Mieris oder Meissonier. Aber hat er deshalb weniger vollendet?

Ist etwa die berühmte Kürassier-Attacke von Meissonier durchgeführter?

Allerdings sieht man jedes Hufeisen der Pferde, jedes Glanzlicht auf der

Nase der Reiter, jeden Strohhalm des Kornfeldes. Nur leider fehlt die

Hauptsache: das Stürmen und Dahersausen der Kürassiere, es fehlt das

»hurre, hurre, hopp, hopp, hopp, ging's fort im sausenden Galopp«. Wie

Manet ebenso treffend wie boshaft vor dem Bilde sagte: alles ist wie

aus Erz, bis auf die -- Kürasse. In einem Bildchen, nicht grösser als

eine Seite von »Kunst und Künstler« hat Manet ein Wettrennen gemalt.

Drei oder vier Jockeys, ganz von vorn gesehen, die auf den Beschauer

losjagen. Man fühlt das Vorbeisausen der Pferde, wie die Jockeys sie zur

höchsten Schnelligkeit im Laufe anspornen, und obgleich man kaum die

Beine der Pferde oder die Köpfe der Reiter sieht, ist Manets Bild im

Eindruck viel vollendeter als das Meissoniers, wo jeder Pferdehuf, ja

fast jeder Nagel im Hufe zu sehen ist.

Freilich malt Manet nicht wie Velasquez, und das ist ein Glück, denn

sonst hätten wir ein Genie weniger und nur einen lumpigen Nachahmer

mehr. Manet hat uns etwas Eignes zu sagen: daher hat er seine eigne

Sprache, die zu verstehen wir erst lernen müssen, denn nur das Gemeine

wird allgemein und sogleich verstanden. Er malt keine Kunststücke,

sondern Kunstwerke; keine Spur von Kalligraphie.

Ausführung heisst nicht Ausführlichkeit. Kunst giebt nicht breite

Bettelsuppe, sondern Extrakt. Manet macht keinen Strich zu viel, aber

auch keinen zu wenig, ein jeder ist notwendig. Man betrachte die beiden

Holzschnitte: jeder Strich »zieht«; er modelliert mit dem Kontur, mit

der Linie weiss er das Schwellende des Körpers wiederzugeben, mit zwei

dunklen Punkten das Funkelnde der Augen. Der Körper leuchtet. Und die

Verteilung von Schwarz und Weiss: der ganze Raum ist angefüllt von

»Licht und Luft und bewegendem Leben« -- daher die Grösse des Eindruckes

auch bei dem kleinsten Format.

Darin beruht die Poesie der wahren Malerei: mit den ihr eignen

Ausdrucksmitteln, d. h. mit der Zeichnung und Farbe das Gefühl von Licht

und Luft uns vorzuzaubern; sonst ist sie vielleicht Poesie oder Musik,

keinesfalls aber Malerei.

Wie jeder wahre Maler, ist Manet vom höchsten sinnlichen Reize. Die

Mathematik in seiner Kunst ist völlig versteckt. Aber hinter der

scheinbaren Zufälligkeit verbirgt sich die vollkommenste Kunst der

Komposition und die Kultur der Holländer, Spanier und -- last not least

-- der Japaner.

Was er macht, ist eine Freude anzuschauen; jedem Material weiss er

seinen geheimsten Zauber zu entlocken: welche Sattheit der Farbe, welche

Fülle des Tons selbst in diesen kleinen Schwarz-Weiss-Blättchen; diese

Kraft und dabei die Zartheit! Die wunderbaren Aktzeichnungen Rembrandts

im Amsterdamer Kupferstichkabinett fallen mir ein: nur Rembrandt wusste

mit so wenigem so viel zu geben!

Und das sollte keine Kunst sein? Weil die Alten es anders gemacht haben?

Wer das behauptet, beweist nur, dass er von alter Kunst ebensowenig

versteht wie von moderner.

Denn es giebt nur eine Kunst: die lebt, ob sie alt ist oder modern.

Was jung geblieben an der alten Kunst, wird an der modernen Kunst jung

bleiben. Das übrige veraltet.

Wer aber an der alten Kunst anderes schätzt als das Leben, läuft

Gefahr, nicht das Werk der alten Meister zu schätzen, sondern in den

meisten Fällen nur das Werk des Restaurators.

[Illustration: Ed. Manet, Olympia, Holzschnitt]

UEBER LANDSCHAFTSMALEREI

VON

ALFRED SISLEY

Aperçüs über Kunst niederschreiben, was man heutzutage so etwa sein

ästhetisches Glaubensbekenntnis nennt: das scheint mir eine recht heikle

Sache zu sein, und wenn ich es versuche, muss ich gleich an Turner

denken und an eine Anekdote, die mir von ihm erzählt wurde. Er ging

von ein paar befreundeten Malern fort, wo nicht schlecht über Malerei

gerauft worden war. Im Innern hielt natürlich jeder seine Kunst für die

beste, äusserlich versuchte aber jeder, diese Vorliebe hinter grossen

Worten und schönen pompösen Theorien zu verbergen. Während der ganzen

Diskussion hatte Turner kein Wort geäussert. Auf der Strasse erst

wendete er sich an einen Freund, der ihn begleitete, und sagte: »Eine zu

komische Sache, die Malerei, was?«

Denselben Widerwillen, den Turner empfand, Theorien aufzustellen,

empfinde auch ich und glaube, dass es tausendmal leichter ist, mit dem

grossen Mund ein Meisterwerk zu schaffen, als mit dem Pinsel oder einem

anderen Material.

Doch ohne irgend welchen Anspruch darauf zu erheben, eine Art Vortrag

über die Landschaftsmalerei zu halten, werde ich ganz einfach sagen, was

ich darüber denke.

Das Interesse an einem Bilde beruht auf verschiedenen Ursachen.

Das Sujet oder das Motiv muss stets in einer für den Beschauer

einfachen, verständlichen und packenden Weise wiedergegeben werden.

Der Maler muss den Beschauer zwingen durch Fortlassen alles

überflüssigen Details denselben Weg mit ihm zu gehen und sofort das zu

sehen, was den ausübenden Künstler gepackt hat.

Auf einem Bilde giebt es immer ein Eckchen, das man besonders liebt.

Dies bildet einen besonderen Reiz von Corot und auch von Jongkind.

Neben dem Sujet liegt das Hauptinteresse innerhalb der

Landschaftsmalerei in dem Leben und in der Bewegung.

Und darin liegt zugleich auch die Hauptschwierigkeit. Seinem Werke

Leben einzuhauchen, ist die unerlässliche Bedingung für den echten

Künstler. Alles muss dazu beitragen: die Form, die Farbe, die

Ausführung. Die Erregung des Schaffenden erzeugt das Leben und erweckt

dieselbe Erregung beim Beschauer.

Und obgleich der Maler über seinem Werke stehen soll, so muss in

gewissen Momenten die Ausführung leidenschaftlich sein, um dem Beschauer

die Erregung zu suggerieren, die der Künstler empfunden hat.

Daraus sehen Sie, dass ich für eine verschiedenartige Ausführung auf ein

und demselben Bilde bin. Das ist nicht die landläufige Meinung, doch

glaube ich recht zu haben, hauptsächlich wenn es sich darum handelt,

Lichteffekte wiederzugeben. Denn die Sonne mildert manche Teile der

Landschaft und hebt andere kräftiger heraus, und diese Lichtwirkungen,

die sich in der Natur beinah materiell nachweisen lassen, müssen auch

materiell auf der Leinwand wiedergegeben werden.

Es ist wichtig, dass die Gegenstände richtig und fest aufgebaut sind,

absolut notwendig ist aber, dass sie von Licht umflutet dargestellt

werden, wie sie es in der Natur sind.

Der Himmel muss das Mittel dazu sein. Er darf nicht nur als Hintergrund

behandelt werden. Er hat nicht allein die Aufgabe, dem Bilde Tiefe durch

seine verschiedenen Pläne zu geben -- denn auch der Himmel hat Vorder-,

Mittel- und Hintergrund wie das Terrain -- sondern er belebt es auch

durch seine Wolkenbildungen.

Giebt es etwas Herrlicheres und Bewegteres als einen blauen Himmel mit

leichten weissen Wölkchen, wie man ihn oft im Sommer sieht? Welche

Bewegung, welcher Schwung darin, nicht wahr?

Er hat dieselbe Wirkung wie die Welle, wenn man auf dem Meer ist: man

wird begeistert, hingerissen. Und ein anderer Himmel, später, am Abend.

Die Wolken dehnen sich länger, fliessen zusammen wie das Wasser am Kiel

des Schiffes; sie scheinen in der Luft erstarrte Wirbel zu sein, bis sie

nach und nach, von der untergehenden Sonne eingesogen, verschwinden.

Solch ein Himmel ist noch zärtlicher, melancholischer; er hat den Reiz

der Dinge, die Abschied nehmen, und ich liebe ihn ganz besonders.

Nun will ich aber nicht etwa alle Himmel aufzählen, die dem Maler lieb

sind. Ich habe hier nur von solchen gesprochen, die mich vor allen

andern anziehen.

Auf diesen Teil des Landschaftsbildes bin ich so ausführlich

eingegangen, um Ihnen zu beweisen, welchen grossen Wert ich darauf lege.

Als Fingerzeig diene: ich fange immer ein Bild mit dem Himmel an.....

Welches meine Lieblingsmaler sind? Um nur von den Zeitgenossen zu

sprechen: Delacroix, Corot, Millet, Rousseau, Courbet -- unsere Meister.

In kurzen Worten: alle jene Künstler, die die Natur geliebt und stark

empfunden haben!

[Illustration: Rembrandt, Zeichnung]

REMBRANDT

VON

JOZEF ISRAELS

Es war so etwa gegen die Hälfte des vorigen Jahrhunderts, dass

ich nach Amsterdam ging, um mich unter der Leitung des damals sehr

renommierten Porträtmalers Krusemann zum Maler auszubilden. Bald erhielt

ich Zutritt in das Atelier meines Meisters und sah mit Bewunderung

die Porträts von vornehmen Personen Amsterdams, an denen er gerade

arbeitete. Die Rosafarbe der Gesichter und die feine Behandlung der

Stoffe, die sich manchmal vor einem Hintergrund mit dunkelrotem Sammet

abhoben, gefielen mir sehr. Als ich den Wunsch ausdrückte, einige dieser

Porträts kopieren zu dürfen, wurde mir dies von meinem Lehrmeister

rundweg abgeschlagen. 'Wenn Du kopieren willst,' antwortete er, 'dann

gehe nach dem Museum im Treppenhaus.' Ich wagte nicht, es einzugestehen,

dass dies eine grosse Enttäuschung für mich war, ich war so grasgrün

aus der Provinz gekommen und die alten Meister waren für mich noch ein

Geheimnis, denn ich konnte in den alten Gemälden und in dieser dunkeln

Leinwand die Schönheit nicht entdecken, die von jedermann gerühmt

wurde, für mich waren die Ausstellungen in 'Arti' viel schöner und ich

bewunderte besonders Pienemann, Gallait, Corot und Kukuk. Nicht, als ob

ich so viel rückständiger gewesen wäre als die andern, aber es fehlte

mir Studium und Uebung, ohne die man das Fremdartige und so ungemein

Künstlerische der holländischen Meister nicht begreifen kann, und ich

behaupte heute noch, dass man, mag man noch so intellektuell sein, diese

grossen Alten nicht nur so ohne weiteres geniessen kann, wenn man sie

nicht viel und oft gesehen und sich in ihre Kunst eingelebt hat. Es

dauerte lange, ehe ich den Mut hatte, mich mit Farbe und Pinsel nach

dem Heiligtum zu begeben, aber, nachdem ich eine Zeitlang viel nach der

Natur gemalt, viel Nacktstudien und noch viel mehr Stilleben gemacht

hatte, ging mir ein Licht auf. Ich begriff, dass es nicht die gefällige

zarte Behandlung des Stoffes sei, was erreicht werden müsse, sondern

dass ich zuerst auf das Relief der Gegenstände, auf die Haltung der

Figuren in ihrem Verhältnis zu Licht und Schatten, ihre Gebärden und

Bewegungen zu achten hätte. Mit dieser Ueberzeugung besuchte ich das

Treppenhaus. Hier wurde mir allmählich deutlich, worin die Schönheit und

Wahrheit dieser bewundernswürdigen alten Meister eigentlich bestand,

denn ich merkte, dass ihre so einfachen Vorwürfe durch ihre Behandlung

reich und vielsagend wurden. Sie waren Genien, ohne es selbst zu wissen,

und die sie umgebende Welt wusste es damals auch nicht.«

(Nachdem Israels es zuerst mit einem kleinen Gemälde von Gerard

Dou und dann mit einem Kopf von van der Helst versucht hatte, ohne

davon befriedigt zu sein, wandte er sich zu einem der Köpfe der

Staalmeesters.) »Der Mann in der Ecke links mit seinem spitz zulaufenden

Hut und seinen grauen Haaren hatte es mir angethan. Ich fühlte, dass

hier etwas sei, dessen Schönheit ich wiedergeben konnte, wiewohl ich

alsbald sah, dass die Bearbeitung eine ganz andere sein musste, als

bei meinen bisherigen Versuchen; aber das Verlangen, dieses Neue und

Breite zu erreichen, zog mich derart an, dass ich beschloss, es zu

wagen. Wie diese Kopie geworden ist, weiss ich nicht mehr, wohl aber

weiss ich, dass sie jahrelang in meinem kleinen Malerkämmerlein gehangen

hat. So trachtete ich, das Kolorit und die Behandlung des grossen

Künstlers zu erfassen, bis endlich die Schönheiten der Nachtwache und

der Staalmeesters mich so beherrschten, dass mich überhaupt nichts mehr

anzog, was nicht die Hand des grossen Rembrandt geschaffen hatte. In

seinen Werken sah ich etwas, was ich bei den anderen nicht fühlte: es

war seine Freiheit und Ungezwungenheit, die ich bewunderte und die auf

der Zeichenakademie und im Atelier meines Lehrmeisters verpönt waren.

Kunst und Künstler Almanach 1909 · 第 1 / 10 段