Zwecklose Dinge existieren nicht, Prunkpaläste, die nur der

Repräsentation dienen, Prunkgeräte ohne Gebrauchswert werden nicht

geschaffen. Stile von so konstruktiver Art sind der dorische Stil des

griechischen Altertums, der romanische des Mittelalters, die früheste

Renaissance in Italien. Sie entstehen jedesmal aus einer dumpfen

Vorform, die schon das tektonische Gefühl, aber noch keine tektonische

Gliederung hat, die Teile schon sondert und festhält, aber noch

nicht funktionell durcharbeitet. Dahin gehören der Dipylonstil, der

frühchristliche Stil und die Profangotik in Italien.

Die +pathetisch bewegte+ Form löst diese strengen Grenzen auf. Der Bau

ist kein Ausschnitt aus dem Weltraum mehr, sondern ein Teil seiner

Ausdehnung. Man liebt den feierlichen Schritt großer Fronten und

Säulenreihen, hohe Stufenbauten, Kuppeln und steigende Türme. Jeder

Bauteil ist in Bewegung, schreitend, steigend oder fallend, und an den

nächsten angeknüpft. Das Ornament wirkt dabei als wichtiger Faktor

mit. Es betont nicht mehr die Funktion des Bauteils, sondern löst

ihn in plastischem Hervorquellen auf und führt ihn über sich hinaus.

Auch die Fassade ist nicht mehr Mantel um den Innenraum, sondern

Einleitung zu ihm und aufgelöst, um wieder zusammengefaßt zu werden.

So ist der Bau selbst über seine Grenzen in den Raum erweitert, um mit

ihm zusammenzuwirken; durch ansteigende Gewölbe, lichte Kuppeln oder

Raumtiefe vortäuschende Deckengemälde im Inneren, durch Vasen, Statuen

und Türme über der Dachlinie gegen den Luftraum und durch Stufenbauten,

Arkaden und Alleen mit seiner Umgebung zusammengeschlossen. Zugrunde

liegen Gefühle, die durch die Kunst seelischen Stimmungen den Ausdruck

geben wollen. Es ist nur ein Symptom für diese starke Raumauflösung,

wenn hier die vertikale Tendenz, die doch der natürlichen Schichtung

der Steine widerspricht, an die Stelle der horizontalen getreten ist.

Im Kunstgewerbe wirken dieselben Kräfte. Der Becher wird zum Pokal und

zum prunkvollen Tafelaufsatz, die Truhe zum Schrank und seine Wand

zur architektonischen Fassade. Man löst die Flächen in plastische

Bewegungen auf, und faßt sie in großen Linien wieder zusammen; man

bestimmt die Oberflächenwirkung nicht mehr durch das Kernmaterial,

sondern deckt das Holz durch Fournierung, den Ton durch glänzende

Glasuren, wenn nicht überhaupt das transparente Glas eintritt, das jede

Wandfestigkeit negiert. Dieser Stilform gehören der hellenistische Stil

mit dem frühen römischen, die hohe Gotik und das Barock an.

Die +richtungslos bewegte+ Form treibt diesen Reichtum ins

Phantastische. Da die Verstärkung der Bewegung im Baukörper selbst kaum

noch möglich ist, ohne die Festigkeit zu gefährden, wird das Ornament

ihr Träger. Hemmungen durch den Zweck oder die Disziplin bestehen nicht

mehr, die Phantasie schaltet völlig frei und ist so reich, daß das

Ornament in kleinste Teile zerspalten wird, jeder von neuer Form und in

freier Bewegung mit dem nächsten verflochten. Gerade Linien vermeidet

man und liebt die wirbelnde Drehung. Jeder Kurve entspricht eine

Gegenkurve, jede Tiefe hebt eine Höhe auf, Begegnungen verflechten sich

und lösen sich in Wirbeln. Einheimische und exotische, stilisierte und

realistische Formen, Natur- und Architekturelemente stehen im selben

Wandteil nebeneinander, und ihre Kurven geben der Wand für das Auge

eine Tiefenbewegung, die sie selbst mit Rundungen und Ausbauchungen

begleitet.

Das kunstgewerbliche Gerät, dessen Formen durch diese Freude am

Reichtum zahllos vermehrt werden, wächst aus dem Zimmer heraus wie ein

Teil des Ornaments. Es wird vom Boden aufgehoben, auf Ranken federnd

oder auf hohen Füßen gleichsam balanzierend, indem es sich von schmaler

Basis nach oben verbreitert. Seine Struktur wird weiter zerstört durch

malerisches Auflösen der Wandungen in Gegensätze heller und dunkler

Flächen, in tiefschimmernden Emails und Glasuren und in plastischen

Modellierungen, denen die Kurven frei aufgelegter Ranken begegnen.

Stile dieser Art sind der spätantike Stil, die Spätgotik, das Rokoko.

Und so ergibt sich, daß sich in der geschichtlichen Reihenfolge der

abendländischen Stile, vom kretisch-mykenischen angefangen bis zum 19.

Jahrhundert, dieser Zirkel der drei Stilformen dreimal wiederholt, je

einmal die Entwicklung in Antike, Mittelalter und Neuzeit durchführend.

Es ist auffallend, wie ähnlich die Symptome an den entsprechenden

Stilpunkten in den drei Zeitaltern sind. Auf vieles wurde schon

hingewiesen; aber wie überraschend ist beispielsweise das Vorkommen der

gedrehten Säulen an römischen Kandelabern, im spätgotischen nördlichen

Seitenschiff des Braunschweiger Domes und an Barockaltären oder die

Gefühlsverwandtschaft der spätantiken Verroterie, der auf rotem Grund

aufgelegten zerpflückten Metallbeschläge spätgotischer Truhen und der

Bouletechnik! Die stilgeschichtliche Bewegung ist also eine vollkommene

Wellenbewegung zwischen strenger und freier Form. Sie fließt vom

dorischen Stil zum spätrömischen, vom altchristlich-romanischen zum

spätgotischen, von der italienischen Profangotik bis zum Rokoko. Wenn

uns eine Periode als Aufstieg und eine andere als Niedergang erscheint,

so trägt allein unsere Abhängigkeit vom eigenen Geschmack die Schuld.

Wertet man objektiv, so ist die Kunst jeder Periode als Ausdruck ihres

besonderen Schönheitsgefühls der jeder anderen gleichwertig.

Daraus folgt, daß unsere Stilbenennungen objektiv unrichtig sind,

insofern sie bloße Klassifikationen von Erscheinungen sind, zwischen

denen sich Grenzen eigentlich nicht recht ziehen lassen; aber auch

subjektiv sind sie falsch, weil, wenn man überhaupt klassifizieren

will, man die Bewegung vom konstruktiven Beginn bis zum ornamentalen

Abschluß als einheitlich zusammenfassen muß. Wir sind hier überaus

inkonsequent; wir unterscheiden in der mittelalterlichen Stilbewegung

nur zwei Hauptformen, nämlich Romanisch und Gotisch, in der ganz

parallelen Bewegung der neuen Zeit aber mindestens acht Formen, von der

Renaissance bis zur sog. Stillosigkeit des 19. Jahrhunderts. Es ist

absolut notwendig, diese einzelnen konventionellen Benennungen, die

obendrein selbst als Worte nicht immer verständlich sind, zu verlassen

und von größeren entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten aus etwa

von der antiken, der mittelalterlichen, der neuzeitlichen Stilbewegung

zu sprechen.

Faßt man die Linie so, dann ergibt sich auch für Plastik und Malerei

ein Verhältnis zu den Stilbewegungen, das nach der bisher üblichen

Methode, die nur von freigeschaffenen Werken ausging, garnicht zu

gewinnen war. Es ist gar keine Frage, daß sie im Anfang jeder Stilwelle

nicht selbständig gewertet werden wollen, sondern wie die Baukunst den

Gesetzen des Zweckes untergeordnet sind; ihre wichtigste Aufgabe ist

die architektonische Dekoration. Hier stehen sie unter demselben Gesetz

wie das Ornament: die Plastik als an die Fläche gebundene, figurale

Dekoration oder als Flachrelief, die Malerei als linear geführte

Wandmalerei, beide durch die Architekturanlage bedingt und ihrer

Klarheit dienend. Die Wand ist nicht nur Bildgrund, sondern Bildteil

und Bildgrenze und die Komposition daher friesartig. Jede Gestalt steht

für sich, und die Gruppe ist eine Aufreihung paralleler Gestalten.

Wo die Einzelfigur erscheint, beim Grabmal etwa, ist sie Denkmal und

dadurch gebunden. Dem entsprechend ist das Interesse am Erfinden neuer

Formen nicht sehr groß; die Tradition herrscht, und die Disziplin eines

auf die Tätigkeit konzentrierten Willens hemmt die Phantasie ebenso wie

der Mangel an Stoffen infolge der Interesselosigkeit für die umgebende

Welt. Was wir „Seele“ nennen, scheint das früheste Hellas und der

Mensch der romanischen Kunst vielleicht nicht einmal gekannt zu haben.

Den Ausdruck gibt die Kraft des Linienstiles, und er ist ebenso reich

an Form wie die freieste Modellierung. Allein hier tritt dieselbe

Bewegung ein wie in der Architektur; die Gebundenheit der Gestalten

beginnt sich durch eine Bewegung zu lösen, die ihre Grundlage im sich

ausbreitenden Raumgefühl hat, das die Zweckbedingungen negiert und die

Flächen allmählich sprengt. Wir sahen oft genug, wie die Bewegung,

die sich bei der einzelnen Gestalt schließlich bis zum Fixieren des

Momentanen steigert, im Raum zur Gruppenbildung führt, also zu einer

Verknüpfung der Teile, die der in der Architektur ganz parallel

läuft, bis das Hochrelief und die freie Form in der Plastik und die

freie Modellierung in der Malerei den letzten Rest von tektonischem

Flächenbewußtsein brechen. Wie der Ausdruck der Form steigert sich der

des Gefühls, und wie Ruhe und Bewegung werden Pathos und Weichheit.

Und immer reicher erfindet die befreite Phantasie Stoffe, Gebilde und

Formen. Die letzte Phase verhilft dem Gefühl und der Form zu noch

feineren Differenzierungen, sie ist einerseits naiv, andererseits

sentimental im Sinne Schillers, die realistische und die zugleich

eigentlich romantische Periode, die daher, archaisierend, gern Werke

strengerer Zeiten nachbildet, als könnte sie dadurch ein innigeres

Gefühl aussprechen als ihr eigenes. Entsprechend werden die Formen

zarter, die Kurven weicher und das Relief flacher, um nach Art der

Malerei die tiefsten Raumwirkungen allen vom Material geforderten

Beschränkungen zum Trotz vorzutäuschen. Diese Art des Flachreliefs

ist natürlich ebensowenig tektonisch wie das Vorhandensein einer

Fläche unter dem zerstörenden Ornament des Rokoko. Entsprechend dieser

malerischen Plastik findet die Malerei selbst jetzt ihren räumlich

freiesten Ausdruck im Impressionismus. Dabei muß betont werden, daß

zeichnerische und malerische Darstellungsweise, wie Wölfflin[1] diese

Worte braucht, beide diesen Spätperioden gehören, die erstere mehr

der zweiten, die letztere mehr der dritten Stilphase vorbehalten.

Die Ausdrucksform der ersten, strengsten Periode, die auch von

zeichnerischer Art ist, ist bisher unerörtert geblieben, weil eben die

Tendenz besteht, unter Malerei und Plastik nur die künstlerisch freien

Zeiten zu verstehen. In der Tat ist der Grundsatz ~l’art pour l’art~

der jeder untektonischen, von Sachbedingungen freien Epoche. Während

im tektonischen Beginn der Bewegung die Zweckkünste herrschen, treten

im Ausklang diese, mit einer gewissen Arroganz „hohe Kunst“ genannten

Kunstübungen mindestens gleichberechtigt, oft bevorzugt neben sie.

Interessanterweise ergab es sich, daß beim Beginn der dorischen Epoche

wie der romanischen und der Renaissance diese beherrschende Stellung

noch fortdauert, obgleich die konstruktiven Tendenzen in Architektur

und Kunstgewerbe bereits zum Durchbruch gekommen sind.

[1] Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. München 1915.

Das Gesetz der drei Stilphasen gilt also auch für die sogenannten

„freien Künste“, die in denselben Zeiten frei sind, in denen die

Zweckkünste phantasievoll gestalten, und in denselben Zeiten gebunden,

in denen auch diese bedingt sind. Aber man darf dieses ganze Gesetz

in seiner Wichtigkeit nicht überschätzen. Innerhalb seiner hat jede

Menschheitsperiode ihre eigene künstlerische Gesinnung. Das Mittelalter

ist dumpfer, unbestimmter in all seinen Ausdrucksformen als die in

der Klarheit großer Anschauungen schaffende Antike, beide aber sind

stärker vom Stilgesetz abhängig als die neuzeitliche Bewegung, die

in ihrer Gesinnung sehr persönlich ist und den Eigenwert der Dinge

betont. Trotzdem ist der Unterschied vom Stilstandpunkt aus gesehen

nur graduell; das Gesetz gilt auch hier, und so trägt die gesamte

Kunstgeschichte nicht den Charakter einer fortlaufenden Entwicklung,

sondern den einer Wellenbewegung.

Aber das Stilwerden selbst aus den bloßen Erscheinungen erklären zu

wollen, erscheint so unmöglich wie alle rationalistischen Ausdeutungen

tief seelischer Phänomene. Man hat versucht, das Stilgefühl der

Zeit von Haltung und Kleidung des Menschen abzuleiten, und dabei

nicht bedacht, daß gerade sie Glieder des Kunstschaffens sind, ein

plastisches Bilden des eigenen Leibes. Wie in der zierlichen Eckigkeit

des Gerankes äußert sich das spätgotische Schönheitsgefühl auch

darin, daß die spitze Stuhlecke zwischen den Beinen sitzender Männer

hervorsieht, oder der Präsidentenstuhl einer Gerichtssitzung nicht, wie

in der Renaissance, an der Langseite, sondern in einer spitzen Ecke

steht, als wäre dort der ausgezeichnetste Platz. Und verlangt nicht

der hellenistische Spiegel wie der kleine Henkel der Rokokotasse ein

elegantes Fassen mit spitzigen Fingern?

Man hat das Stilwerden ferner auf die Entwicklung der Technik, den

Stilausdruck auf das Material zurückführen wollen. Aber auch das

führt nicht weiter. Denn es erklärt nicht, warum sich Materialien,

die so verschieden sind wie Stein, Holz, Silber und Fayence im selben

Zeitalter völlig gleichartig verhalten, und öffnet wiederum die

Frage nach der Ursache für die Entwicklung der Technik. Nein, es ist

völlig unmöglich, den Stil von außen her zu erklären. Vielmehr macht

sein Geschmack Material und Technik zu seinen Werkzeugen, wählt den

Werkstoff, der seinen Absichten entspricht, und die Technik, die sie

am besten in ihm herausarbeitet. Wie lange hat nicht das Rokoko sich

um das Porzellan gemüht, dessen Schmiegsamkeit es als keramisches

Ziel immer vor Augen sah! Nein, die griechische Plastik ist um 550

nicht dadurch verfeinert worden, daß sie in Marmor zu arbeiten begann,

während sie bisher den groben Muschelkalk verwandte, die Gotik hat

nicht das durchsichtige Email um des schimmernden Silbergrundes

willen verwandt. Vielmehr hat die hellenische Skulptur zu dem edleren

Werkstoff gegriffen, weil ihren neuen Absichten der grobe nicht

mehr genügte, hat die malerische Gotik den Silbergrund verwandt, um

die Farbenwirkung des durchsichtigen Schmelzes zu steigern. Wenn

tatsächlich die Verwendung von Stuck am Ende des 12. Jahrhunderts die

strengen Formen der romanischen Plastik gelockert hat, hat er dann auch

die Rokokoranke geschaffen oder hat nicht vielmehr in beiden Fällen der

beweglich gewordene Stil zu dem gefügigen Material gegriffen, wie das

Rokoko zum Porzellan? Nur dadurch, daß der Stil Material und Technik

bedingt, ist das seltsame Paradox erklärlich, daß die Hausteinkirchen

der Spätgotik eleganter sind als die ernsten Gotteshäuser, die

die strengen Stämme Norddeutschlands in weichem Backstein bauten,

ebenso wie das Berliner Barock gehaltener ist als das Münchener, das

Rokoko von Sanssouci trockener als das von Würzburg. Gerade das aber

erweist, daß die Eigenschaften des schaffenden Volkes von starkem, ja

maßgebendem Einfluß auf die Formgestaltung sein müssen.

Für das Stilwollen ist also das Schönheitsgefühl, der Geschmack die

ästhetische Grundlage. Es sichtet, siebt und ordnet die von den Augen

gesammelte Vorstellungswelt des Künstlers für das neue Werk. Auch

unsere drei Stilkategorien, obgleich vom Verhältnis der Stile zum Zweck

hergeleitet, sind doch nicht äußerlich zu verstehen. Denn es gibt

kein Kunstwerk, kein geformtes Werk überhaupt, bei dem nicht zwischen

Absicht und Ausführung das Schönheitsgefühl oft unbewußt mittätig

ist. Objektiv genommen ist das freie Kunstwerk ebenso vom Stilgesetz

gehemmt wie das dem Zweck unterworfene, und dieses nicht mehr gefesselt

als jenes. In beiden Fällen sind gleich viel Formen denkbar und nicht

nur theoretisch. Hat man sich einmal in die besondere Schönheit etwa

der romanischen Buchmalerei eingefühlt, so ist man erstaunt über den

Reichtum in der Strenge, der sich hier offenbart. Während sich aber

die Empfindung des Künstlers in den tektonischen Stilen nur auf das zu

schaffende Werk konzentriert, entwickelt sie sich von hier aus immer

reicher, spaltet Gefühlselemente ab, differenziert sich, nimmt Elemente

aus der Verstandeswelt und aus anderen Nichtgefühlskreisen auf. So

werden schließlich Empfindungen ausgedrückt, die nicht mehr rein

ästhetisch sind, sondern auf Stimmungsausdruck abzielen.

Dieser Gefühlsweg ist ganz einheitlich, und das erklärt, warum sich

alle Künste gleichartig verhalten. Malerei und Plastik sind nicht von

der Baukunst abhängig, sondern von denselben Gefühlen wie sie, und

werden bewegt und sentimental, sobald auch der Bau nicht mehr seinen

Zweck, sondern Gefühle ausdrücken will.

Nun versteht man auch, warum die Kunst nicht mit dem Zweckgefühl

beginnt, sondern in den Steinzeithöhlen und in Kreta mit sehr freiem

„impressionistischem“ Gestalten. Doch offenbar, weil Auge und Gefühl

bei Menschen, die mit der Natur unmittelbar zusammenhängen, weil

sie überall von ihr abhängig sind, sehr viele Eindrücke empfangen

müssen, die sie aber noch nicht zu vereinigen verstehen, während erst

nachdenklichere, bewußtere Zeitalter das Interesse am Ordnen des

Kunstwerks haben.

Trotz alledem bleibt die Einheitlichkeit aller dieser Vorgänge

rätselhaft. Warum ist das Schönheitsgefühl aller Menschen einer

Zeit im Grunde genommen dasselbe, ein Stil? Warum findet auch der

begabteste Künstler eine Schranke für seine künstlerische Freiheit im

Geschmack seiner Welt und unterwirft sich ihm unbewußt und im Glauben,

er schüfe völlig Neues? Schinkel, Semper, Van de Velde haben alle in

ihren Schriften das tektonische Programm aufgestellt, und doch sind

die beiden ersten Eklektiker und die Werke des letzteren ersticken in

den Schlangenwindungen seines Ornamentes. Warum macht ferner diese

Stileinheit nicht nur als Ganzes eine Entwicklung durch, sondern

vollzieht sich diese so gesetzmäßig, mehr als dreimal schon in der von

uns überblickten Spanne der Kunstgeschichte?

Daß sich Parallelerscheinungen in anderen Gebieten menschlichen

Schaffens finden, daß Religion, Musik, Literatur und selbst die

Wissenschaft sich ebenso und in denselben Perioden von der Enge zur

Freiheit entwickeln, ist keine Begründung für die Wege der Kunst. Die

ganze Gesinnung ist eben in der Frühzeit einfach und „naiv“, in der

Spätzeit kompliziert, „sentimental“ und selbst ekstatisch. Keine dieser

Parallelen ist von der andern abhängig, sondern alle beruhen auf der

gemeinschaftlichen Entwicklung der menschlichen Gefühlskomplexe.

Nun ist aber der Mensch, der Träger dieser Empfindungen, selbst kein

Einzelwesen, sondern sozial geordnet, Glied einer Gemeinschaft, die

in Bedürfnissen, Neigungen, Befriedigungen verflochten und abhängig

von allen ihren Gliedern ist. Was wir Stil nennen, bezeichnet die

künstlerische Gefühlsgemeinschaft als dem Gefühl des Einzelwesens

übergeordnet. Schon oben ergab sich die Wichtigkeit der Eigenschaften

des kunstschaffenden Stammes für das Kunstwerk. Sie bedingt es,

daß sich italienische Bilder von deutschen oder niederländischen

prinzipiell unterscheiden. Noch interessanter ist, daß unser ganzes

Stilsystem offenbar nur für die arischen Völker gilt. Ägypten verhielt

sich nur ähnlich, aber keineswegs gleich, und wenn es von einer Art

Tektonik herkommt, so endet es nicht im Ornament, sondern in dumpfer

Schwere. Mesopotamien, Indien, China, Japan, die Negervölker und die

amerikanischen Urstämme verhalten sich gänzlich anders.

Und nun kennt die soziale Struktur Entwicklungen von ähnlicher Art wie

die Kunst. Ich spreche dabei nicht von der Regierungsform, sondern von

der Schichtung des Volkes in sich. Man kann sagen, daß die frühe Antike

und das frühe Mittelalter Völkern angehören, deren Aufbau ziemlich

einheitlich ist. Große Unterschiede an Besitz und Bedürfnis werden

nicht bestanden haben. Gerade daß die Vorrenaissance sich auch hierin

etwas anders verhält, erklärt ihre künstlerisch freiere Artung. Später

setzen sich Schichten ab, der Besitz sammelt sich in immer weniger

Händen, einzelne Schichten sinken auf den Grund, andere tauchen empor,

bis schließlich eine dünne Oberschicht über einer großen Masse wenig

Begüterter lagert. In ihr sammelt sich nicht nur der Reichtum, sondern

auch das Bedürfnis nach Wissenschaft, Prunk und Behaglichkeit. Von

solchen Schichtungen ist aber die Kunst direkt abhängig; wenn auch das

Schönheitsgefühl des Künstlers ihre Werke schafft, so ist sie doch

Ware, abhängig, oft unbewußt, vom materiellen und religiösen Bedürfnis.

Dies ist in der Frühzeit einfach und der Gesamtheit gemeinsam, und so

erklärt sich ihr geschlossenes Stilbild und die Einfachheit, um nicht

zu sagen Armut, seiner künstlerischen Glieder. Aber im selben Maße, wie

für die geringer begüterten Volksteile die Kunst überhaupt ausschaltet,

wird sie für die Reichen zum Bedürfnis. Jeder tektonische Stil ist

echt sozial, weil die Schlichtheit seiner Formen auch dem Ärmsten jede

Stilschönheit gönnt und sie auch der letzte Handwerker in gleicher

Folgerichtigkeit und mithin Schönheit schaffen konnte, ja mußte. Der

ornamentreiche Stil dagegen erlaubt nur dem Begüterten den vollen Genuß

seiner Stilschönheit; in ihm werden die Arbeiten des Handwerkers, wie

Bauernrokoko und Jugendstil lehren, immer minderwertige Produkte sein,

da sein einfacher Sinn ihn die komplizierten Formen nicht in all ihrer

Feinheit wird empfinden lassen.

Liegt also der Stilentwicklung ein soziales Gesetz zugrunde, so wäre es

nötig, jenes zu begründen, um dieses zu verstehen. Dann wird vielleicht

klar werden, warum auch die Geschichte Parallelgänge zeigt, sie, die ja

im eminentesten Sinne von der Struktur der Völker abhängt. Es ist eine

historische Probe aufs Exempel, daß die großen Völkerkatastrophen, wie

die dorische Wanderung, die Völkerwanderung und der Krieg, den wir eben

jetzt erleben, genau an dem Punkt stehen, wo eine Stilwelle die andere

ablöst.

Verzeichnis der Abbildungen und ihrer Quellen.

Abb. Seite

1. Florenz. Palazzo Vecchio. Aufnahme der Neuen Photographischen

Gesellschaft A.-G., Berlin-Steglitz 6

2. Florenz. Palazzo Strozzi. Nach Photographie von Brogi 8

3. Rom. Fenster der Cancelleria. Nach Photographie 9

4. Venedig. Markusbibliothek. Nach Photographie von Brogi 11

5. Florentiner Truhe. Nach Cornelius, Elementargesetze. 2. Aufl. 13

6. Ghirlandajo. Abendmahl. Nach Photographie von Alinari 16

7. Lionardo da Vinci. Das Abendmahl. (Die Veröffentlichung

verdanken wir der Freundlichkeit des Herrn Prof. Vogel vom

Museum der bild. Künste in Leipzig.) 17

8. Michelangelo. Erschaffung Adams. (Rom, Sixtinische Kapelle.)

Nach Photographie 19

9. Saalfeld. Rathaus. Nach Photographie von Zedler und Vogel,

Darmstadt 21

10. Albrecht Dürer. Der heilige Hieronymus. Kupferstich 23

11. Niederrheinische Schnelle. Aus Haendcke, Deutsche Kunst im

tägl. Leben. 1908 24

12. Dürer. Der Sündenfall. Kupferstich 26

13. Peter Vischer. Sebaldusschrein (sog. Sebaldusgrab) in Nürnberg,

St. Sebald. Nach Photographie 28

14. Gotischer Pokal von 1462 in Wiener-Neustadt. Nach Photographie 30

15. Buckelpokal aus Lüneburg. Nach Photographie 32

16. Zimmer aus Schloß Höllrich. Aus v. Falke, Geschichte des

deutschen Kunstgewerbes 33

17. Lübeck. Täfelung im Fredenhagenschen Zimmer. Nach Lübeck, seine

Bauten und seine Kunstwerke 34

18. Braunschweig. Gewandhaus. Nach einer Aufnahme der Neuen

Photographischen Gesellschaft, A.-G., Berlin-Steglitz 35

19. Saal im Rathaus zu Danzig. Nach Schultz, Danzig und seine

Bauten 37

20. München. Theatiner-Hofkirche. Äußeres. Photographie G.

Stuffler, München. (Nach einer Photographie aus dem Jahre

1769.) 41

21. München. Theatiner-Hofkirche. Inneres. Nach Photographie 43

22. Würzburg, Schloß. Gesamtansicht. Photographie Dr. F.

Stoedtner, Berlin 48

23. Würzburg, Schloß. Kaisersaal. Photographie Dr. F. Stoedtner,

Berlin 49

24. Schrank des Barock. Photographie von H. Keller. Aus Danziger

Barock, Frankfurt a. M. 1909 51

25. Sessel aus dem kgl. Schloß zu Berlin. Nach Graul, das 18.

Jahrhundert 52

26. Delfter Fayencevase. Um 1700. Nach Brinckmann, Das

Hamburgische Museum 54

27. Schlüter. Denkmal des Großen Kurfürsten. Nach einer Aufnahme

der Neuen Photographischen Gesellschaft A.-G., Berlin-Steglitz 58

28. Van Dijk: Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist.

Photographie von F. Hanfstaengl, München 62

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 8 / 9 段