Man braucht kein Reaktionär zu sein, um zu bedauern, wieviel durch

die Aufhebung der alten Innungsorganisation von der soliden Tradition

zerstört wurde, auf der die Leistungsfähigkeit des Kunstgewerbes

beruhte, jedenfalls aber hat man kein Recht, von ihr als einem alten

Zopf zu reden, der nichts weiter war als ein Hemmnis für die freie

Entwicklung des Gewerbes. Es ist ganz selbstverständlich, daß, wenn

die alten Innungen die Zahl der ausübenden Meister beschränkten, sie

nicht nur den Konkurrenzkampf abschwächten, der so sehr auf Güte des

Materials und Gediegenheit der Arbeit zurückwirkt, sondern zugleich

der Überfüllung des Handwerks vorbeugten. Um hier nicht ungerecht zu

sein, mußten sie zugleich auch die Zahl der Lehrlinge beschränken.

Damit fiel gleichzeitig das zweite Hauptübel unserer Zeit fort, die

Lehrlingszüchterei, und dem, der aufgenommen wurde, wurde wenigstens

die gediegene Ausbildung garantiert. Ließ man dem Publikum nur die

Auswahl zwischen wenigen Fachleuten, so schützte man die Käufer

andererseits gegen jeden Betrug, in der Goldschmiedekunst z. B. durch

ein überaus raffiniertes Kontrollstempelsystem, das zu jeder Zeit

Ort, Zeit und Meister eines Gerätes zu erkennen gestattete. Jene

schäbigen Surrogate edlen Materials, die das Elend unserer Zeit sind,

waren unmöglich in einer Epoche, in der Vergoldung edlen Metalles nur

gestattet wurde, wenn eine unvergoldete Stelle über den wahren Wert des

Materials Aufschluß gab, und die Vergoldung unedlen Metalls überhaupt

verboten war. In der gewissenhaften Ausbildung des Handwerkers wurde

jener sichere Grund technischen Könnens gelegt, das die Jahrhunderte

dem einzelnen überliefert hatten und das jedem Stil der gerade

gegenwärtigen Zeit die vollkommene Schönheit im kleinsten Erzeugnisse

sicherte. Wieviel Meisterschaft hier mit der Aufhebung der Innungen zum

Absterben verurteilt worden ist, weiß jeder, der einmal an irgendeinem

Familienjuwel einen gelösten Goldfaden hat wieder befestigen lassen

wollen. Heute bedeutet eine solche notwendige Reparatur fast stets eine

Entstellung des Stückes, und auch hier wieder ist es die Schönheit, die

den Schaden trägt.

Nun wurde ja die Aufhebung der Innungen nicht nur von den

Freiheitsidealen der Zeit gefordert, sondern auch von dem immer

zunehmenden Fabrikbetrieb notwendig gemacht, der sich jetzt sofort

an die Stelle des Handwerks setzte. Und während so die Ausführung

der Arbeit immer schematischer wurde, stellte sich zugleich dem

ausübenden Arbeiter eine Klasse entwerfender Künstler gegenüber,

die, an Kunstgewerbeschulen erzogen und im Grunde ohne Stilgefühl,

ihre Formmotive ganz äußerlich den Vorbildern der Vergangenheit

entnahmen, vor allem den Werken der deutschen Renaissance. Was dabei

herauskam, war ganz ohne Zusammenhang mit dem Zweck, ein reines

Gemengsel verschiedener Ornamente. Allein es muß einmal dagegen

protestiert werden, daß man diese Epoche der Stillosigkeit kurzerhand

aus der Geschichte der Entwicklung streichen will. Der spätrömische

Stil etwa der Kaiserzeit mit seinem Durcheinander von ägyptischen,

hellenischen und hellenistischen Motiven, die das wenige im römischen

Volk Geborene erstickten, mit seiner vollkommen dekorativen Verwertung

konstruktiver Bauglieder ist um nichts stilvoller als die Mitte des 19.

Jahrhunderts, und nur die Zeitdistanz läßt dort eben in der Stilwirrnis

eine Einheit dekorativen Empfindens sehen. Bedürfte es noch eines

positiven Beweises, daß es sich hier um eine regelmäßige Stilabfolge

handelt, so wäre es die Tatsache, daß die logische Reaktion gegen das

Empire ganz klar zutage tritt, und sich selbst unbewußt, aber für

den Historiker deutlich ausgesprochen ist in Sempers Anschauung, daß

die Antike eine sentimental schwächliche Kunst sei, während in der

Renaissance das starke Vorbild der Zeit liege. Dieses seltsame Urteil

wird erst erklärlich, wenn man sieht, wie stark die Biedermeierzeit

alles Empfinden, auch im Nachfühlen der Antike, ins Weichliche verzogen

hatte, so sehr, daß nur das geradezu Robuste, wie Semper es in seinen

Bauten gestaltete, als Antitoxin erscheint.

Und so entstehen jene Bauformen, die die schnell aufwachsenden

Stadtteile der Zeit so unerträglich machen, gerade Straßen, die keiner

natürlichen Bedingung des Bodens gehorchen, Plätze, die nichts weiter

sind als Straßenkreuzungen, und in deren Mitte Monumentalbrunnen

und Denkmäler Verkehrshindernisse bilden. Die Hausfassaden sind

nicht durch die Anlage der Wohnräume bedingt, sondern nur durch die

Absicht, möglichst reich und prunkvoll zu wirken. So werden sie

überladen mit Balustraden, Friesen, Pilastern und Ornamenten, die

aus Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko und allen anderen Stilarten

zusammengetragen und aus Stuck geformt und ausgeführt werden. Die

Wirkung ist denn auch für jedes geschmackvolle Auge unerträglich.

Keine Konsole hat etwas zu tragen, kein Sims etwas zu begrenzen, keine

Galerie einen Weg zu zeigen, und das Ornament überkleidet und zerstört

jedes Stückchen Wand, das etwa noch übrig ist. Dazu kommen Erker,

die keinen Weitblick gestatten, Fensterrahmen, mit gemalten Fenstern

gefüllt oder einfach leer gelassen, Dachtürmchen und Mansarden, die

nichts weiter als Attrappen sind. Ebenso unkultiviert sieht es im

Innern eines solchen Hauses aus. Auf einen mit derselben Talmipracht

ausgestatteten „hochherrschaftlichen“ Treppenaufgang folgen Wohnungen,

in denen die besten Zimmer zu Repräsentationszwecken verwandt, als

sog. gute Stube für die Hausbewohner verschlossen bleiben, während

die Familie selbst in unhygienisch kleinen Schlaf- und Wohnzimmern

zusammengepfercht bleibt. In den Räumen selbst kleben Papiertapeten und

Stuckdecken mit sinnlosen Ornamenten, sind die Möbelformen ebenso aus

allen Stilarten zusammengeholt (Abb. 39). Was soll man zu romanischen

Eßzimmern, gotischen Schlafzimmern, Herrenzimmern in flandrischem

Barockstil schließlich sagen? Es ist kaum begreiflich, daß solche

Dinge, die Widersinnigkeiten in sich sind, jemals die Häuser aller

Gebildeten beherrschten. Und über all das hin verteilt sich eine

Unmenge sinnloser Stoffdraperien, Makartbuketts, Nippes, unechter

Bronzen usw. Was gerade in diesen zwecklosen Zieraten geleistet

wurde, was hier von Reiseandenken, Vasen, Väschen und Biskuitfiguren,

unter denen man selbst plastische Kopien von Gemälden finden kann,

fabriziert, gekauft und aufgestellt wurde, zeigt einen schmachvoll

tiefen Kulturstand.

[Illustration: Abb. 39. Möbel vom Ende des 19. Jahrh. in

Pseudorenaissance.]

In der gleichzeitigen Malerei und Plastik herrscht dieselbe

Zuchtlosigkeit. Die Künstler sind zahllos, und es wird alles gemalt,

aber ohne Charakter und Augenkultur; der Gegenstand entscheidet.

Drollige Kinderbildchen, süßliche Liebesszenen, fade Frauengestalten,

charakterlose Allegorien sind das letzte Resultat der sentimentalen

Empfindelei. Und neben ihnen herrscht das falsche Pathos der

historischen Schlachtendarstellungen und Herrscherapotheosen. Aus dem

Historienbild, für das Piloty in seinen ersten Werken einen guten

Anlauf nahm, wird der vollkommene Maskenball, in dem der Reichtum der

Kostüme jeden Ausdruck verdrängt. Malt man Bauern oder sonst armes

Volk, so nur, um zu amüsieren oder zu rühren, und das Gemälde wird

zum süßlichen Genrebild. Auch die Plastik geht mit ihren gezierten

weiblichen Akten und pathetischen Herrscherdenkmalen denselben Weg.

Dabei sind oft die technischen Qualitäten die denkbar geringsten. Nur

wenige Meister beherrschen Form und Material.

Es ist unmöglich, hier auch nur die wichtigsten Namen zu nennen.

Die Zahl der Schaffenden ist Legion; Historienmaler wie Lessing und

Kaulbach, Genremaler wie Knaus und Vautier bedeuten in der Zeit den

Höhepunkt des Könnens und sind uns heute nur noch Repräsentanten

einer Vergangenheit. Daneben stehen als stärkere Erscheinungen echte

Romantiker, wie Böcklin und Feuerbach. Aber noch in dieser Generation

beginnt eine Gegenbewegung, deren erstes Symptom die künstlerische

Erscheinung Menzels ist.

Diese Bewegung setzt in der Malerei bewußt und energisch ein. Im

Kampf gegen eine Historien- und Genremalerei, die sich von der

deutschen nur durch das stärkere Temperament unterscheidet und deren

Hauptmeister Meissonier ist, entwickelt sich in Frankreich allmählich

ein Wirklichkeitsstil (Realismus), der in seiner Konsequenz zum

temperamentvollen Impressionismus wird. Schon Millet (1814-1875)

erkennt das Gegenständliche des Problems mit aller Schärfe, sucht den

Bauer bei seiner Arbeit auf, und wenn bei ihm die Darstellung noch

nicht frei vom Pathos ist, so bringt dafür Courbet das rein Malerische

des Problems zum Bewußtsein, das für den Kreis der „Impressionisten“

die einzige Aufgabe der Malerei wird. Manet, Monet, Degas erobern

die neue Anschauung in Frankreich in denselben Kämpfen, mit denen in

Deutschland Leibl, Liebermann, Trübner, Uhde und die ganze Gefolgschaft

der Sezession gegen die Historienmalerei und Genrekunst kämpfte.

Ihnen ist der Gegenstand an und für sich nichts, das Formproblem,

das er stellt, der eigentliche Inhalt des Bildes. Nicht Vorgänge

oder Stimmungen bestimmen seinen Gefühlswert, sondern der farbige,

unmittelbar dem Auge gehörende Reiz. Fabriken und Werkstätten,

Landschaften und Innenräume, Akte und Porträts interessieren um des

Wertes willen, den sie als malerisches Problem durch die Farbwerte

haben, die das Auftreffen des Lichtes auf sie erzeugt. Lokalfarben,

scharfer Kontur, theoretische Perspektive erscheinen jetzt als

bloße Abstraktionen kühler Köpfe. Es gilt, mit temperamentvoll

zugreifendem Auge von den jeden Augenblick wechselnden Lichtbewegungen

die interessantesten zu ergreifen. Monet malt einen Heuhaufen oder

eine Kathedrale immer wiederholt in ganzen Serien von Bildern, aber

jedesmal in der Beleuchtung einer anderen Tagesstunde; nicht um keinen

Gegenstand suchen zu müssen, wie törichte Gegnerschaft gemeint hat,

sondern weil sich so die feinsten Differenzierungen in der Beleuchtung

mit wissenschaftlicher Exaktheit feststellen lassen. Man kommt bis zum

Erfassen der reinen Farben, die das strahlende Sonnenlicht den Dingen

gibt (Pleinair) und gibt selbst sein Vibrieren durch prismatisches

Zerlegen (Pointillismus).

Es ist von vornherein anzunehmen, daß die Plastik die Absichten

des Impressionismus weniger scharf ausspricht. Ihr fehlt die

Möglichkeit, die Raum- und Lichtprobleme zu erörtern, und an der

freien Ausgestaltung des Formproblems ist sie durch die notwendigen

scharfen Begrenzungen gehindert. So legt man den Hauptton auf eine

Modellierung, die nicht wie in der Renaissance die anatomische Struktur

des Körpers studiert, sondern seine Oberfläche charakterisiert. Aber

jene Begrenzung der plastischen Aufgaben ist der Grund dafür, daß die

impressionistischen Skulpturen viel stärker literarische Gedanken und

Gefühle aussprechen als die Malerei. Wenn Rodin die Bürger von Calais,

die sich selbst in die Hände des Feindes geben, in Bronze formt, so ist

das vom Entsagen bis zum Entschluß erstaunlich ausdrucksvoll. Allein

das Nebeneinander der Skulpturen ist ganz untektonisch, folgt nicht

aus der Struktur der Plastik selbst. Man muß das Mienenspiel sehen,

um die Gruppenbildung, das Neben- und Hintereinander der Gestalten zu

begreifen. Und es ist ungemein bezeichnend, daß Constantin Meunier,

der von allen Plastikern der Gegenwart am fanatischsten das Thema des

Arbeiters in der Industrie variiert hat, die kraftvollsten Reliefs und

Freiskulpturen für ein Monument der Arbeit schafft, dessen Form noch

nicht feststeht. Eine tektonische Zeit würde den Skulpturenschmuck aus

der Anlage des Monuments gefolgert haben. Und in der Tat geht diese

Bewegung nicht mit der neuen Stilbewegung in den Zweckkünsten zusammen,

die funktionelle Klarheit sucht. Ihre Freude an bewegten Kompositionen

entspricht vielmehr der überreichen Ornamentarchitektur vom letzten

Drittel des 19. Jahrhunderts, mit der sie auch gleichzeitig ist, genau

so, wie der spätantike Impressionismus dem hellenistisch-römischen

Stil. Der Realismus hat wohl der Architektur das Gewissen für

bauliche Ehrlichkeit geschärft, aber ist mit ihr keine Stilverbindung

eingegangen.

[Illustration: Abb. 40. Tisch von Majorelle in Nancy.]

Der neue Stil beginnt um 1900 auch nicht kraftvoll und zweckbewußt,

sondern graziös und zartlinig, gleichzeitig mit der Vorliebe für

englische Präraffaeliten, japanische Farbenholzschnitte, Debussy,

Maeterlinck und Rilke. Man erkennt zwar, daß das stillose Ornament

unschön ist, aber man ersetzt es nur durch ein selbstgefundenes

geschmackvolleres und wagt noch nicht, die Formen durch den Zweck

bedingen zu lassen. Die französischen Möbel dieser Zeit (Abb. 40)

beruhen nicht auf der Formkraft, sondern auf der Linienbewegung, wie

die des Rokoko. In flüssigen elegant geschwungenen und gewundenen

Linien gleiten die Beine aufwärts in die ebenso weich geschwungenen

Umrisse der Platte. Keine Trennung der Glieder, kein festes

Aneinanderstoßen; alle Linien gehen aus jeder anderen hervor, in jede

andere über. Man hat das Gefühl einer kultivierten, aber kraftlosen

Schöpfung.

Von Frankreich und Belgien ausgehend, durch Van de Velde nach

Deutschland gebracht, sind die ersten Werke des Stiles bei uns die

Häuser, die Olbrich und Behrens 1901 in Darmstadt errichten. Sie

sind schon nicht mehr mit Rücksicht auf die Fassade gebaut, sondern

die Außenseite wird aus der zweckbedingten Verteilung der Räume, dem

Grundriß gefolgert; das Dach wird Abschluß oder Bedeckung. Aber auch

hier ist das Flächenornament die eigentliche Neuschöpfung des Stiles,

die Verknüpfung und Gliederung. So umziehen breite Ornamentbänder

stilisierter Pflanzen, in weiche Kurven gebogen, das Haus Olbrichs,

um seiner fensterdurchlöcherten Wand die Einheit zu geben, betont

Peter Behrens durch Lisenen aus dunkelglasierten Ziegeln die Umrisse

seines Hauses, aber nicht ohne auf schön geschwungene Parallelkurven im

Dachgiebel Wert zu legen.

Die Absicht geht nicht auf konstruktive Klarheit, sondern auf

harmonische Stimmung, und das spricht sich naturgemäß im Innenraum noch

stärker aus als im Außenbau. Nimmt man den Katalog der Darmstädter

Künstlerkolonie zur Hand, so findet man bei jedem Raum ein erklärendes

Wort über seine Stimmung, fein stilisiert wie ein Gedicht in Prosa.

Heute erscheint es uns schon etwas seltsam, Zimmer zu denken, die

ihren Bewohnern die Stimmung vorschreiben, anstatt sie von ihnen zu

empfangen. Allein das entspricht dem Geschmack einer Zeit, in der

Melchior Lechter den Pallenberg-Saal des Kölner Kunstgewerbemuseums

schafft, ein Zimmer, durchleuchtet von tieffarbigen Glasfenstern,

geschmückt mit symbolischen Gemälden und Skulpturen, mit Sprüchen

von Nietzsche und Stephan George, ein Zimmer, das überhaupt nicht

zum Bewohnen geschaffen wurde, sondern als ein von weihevoller

Stimmung durchfluteter Raum. Diese Stimmungseinheit, durch überall

sich verschmelzende Formeinheit ausgedrückt, ist das Gesetz dieses

Übergangsstiles. Kein Möbel ist ohne Beziehung zum nächsten, zur

Wand, zur Decke, zum Nebenraum. So führt die Täfelung mit ihrem zart

holzfarbenen, flächigen Intarsiaschmuck gleitend über die Wandfläche

hin, läßt sie allmählich „verklingend“ in die Decke übergehen und

ummantelt die Ecken. Wie Ornamente wachsen die Möbel aus diesen Wänden

hervor (Abb. 40), wie Blumen liegen Kissen auf ihnen. Vasen stehen

umher, die in feingeschwungener Kurve vom Boden bis zum Rand aufsteigen

und im Dekor, in Farbe und Form von der Feinheit der japanischen

Keramik sind, die gerade hier vielfach Vorbild war. Aber sie sind,

wie die Köpping-Gläser, nur um dieser Zartheit willen geschaffen,

nicht als Gerät, und es ist ungemein bezeichnend, daß die Keramik

der Zeit sich nicht am Hausrat, sondern am Ziergerät, vor allem

an den Vasen entwickelt hat. Allmählich beginnt man, die Tektonik

der Fläche zu empfinden, umkleidet das Glas mit undurchsichtiger

irisierender Masse und bevorzugt in der Keramik das Steinzeug. Man

sieht, der entscheidende Schritt ist getan. Dem Zurückführen vom

überreichen, selbst wirren Ornament zum gut empfundenen liegt bereits

ein Zweckbewußtsein zugrunde. Niemand hat gerade dieses Gefühl

stärker besessen, als Van de Velde. Wie seine Möbel im Material die

sachlichsten sind, so hat er dem modeverschnürten Körper der Frau im

ruhigen Fluß des Reformkleides neue Schönheit zu geben gesucht. Er

besaß schon damals das Empfinden für die Zweckschönheit der Maschine,

die bisher als nüchtern und häßlich galt, und seine Schriften,

interessante Denkmale der Zeit, sprechen von „hoher Kunst“, von

Plastik und Malerei, schon fast wie von einem Zersetzungsprodukt in

der Entwicklung der Kultur. Das war bedeutungsvoll, da dadurch die

Zweckkünste wieder gleichberechtigt in die Reihe der übrigen Künste

eintraten.

Es war keine Frage, daß hier konstruktive Tendenzen sich entwickeln

mußten, um so mehr, als in jener Feinfühligkeit eine Gefahr lag. Diese

Kunst war durchaus aristokratisch, ihre zarten Formen nur in den

Händen der feinsten Empfinder ausdrucksvoll. Da in ihr das Ornament

als Stilinhalt, nicht aus dem Zweck geformt, eine so selbständige

Rolle spielte, so übernahmen Handwerker und Gewerbezeichner nur die

ornamentale Form und verwandten sie ebenso unsinnig, wie bis dahin die

Motive der Renaissance und des Barock. Das deutsche Handwerk in seinem

weitesten Umfang hatte nur einen neuen Ornamentstil gewonnen, und in

seinen Vorlageheften figurierten neben den historischen Stilformen

nun auch diese Formen des sog. +Jugendstiles+, übel stilisierte und

ärmliche, endlos lange Linien, aus denen in diesen groben Händen jedes

feine Gefühl verschwunden war. Sie gehen ins Buchgewerbe über und in

die Tapetenmuster, werden, in Eisen getrieben, als Gitter verwandt

und als Stuckornament an die Häuser geklebt. Daß man an Stelle der

Rokoko- und Barockmöbel in den Salons jetzt die einfacheren Louis XVI.-

und Biedermeierformen zu kopieren beginnt, war immerhin ein kleiner

Fortschritt. Aber im allgemeinen tritt doch nur eine Stillosigkeit an

die Stelle einer anderen.

Die Forderungen, die Industrie und Handel an die Kunst stellten,

Fabriken und Eisenwerke, Warenhäuser und Ausstellungshallen, galten

dem an historischen Bauten erzogenen Auge als unschön, Beton und

Eisenträger als nüchtern, und man war bestrebt, sie nach Möglichkeit

zu Renaissancepalästen umzumaskieren. Das neue Sehen erkennt in ihnen

die monumentalen Werte der Zeit. Ihr Maßstab duldet kein Ornament, ihr

Material verlangt die reinste Form. Es hat ein Jahrzehnt gedauert,

bis diese Erkenntnis reif war. Messel, um die Jahrhundertwende tätig,

ist fast noch Klassizist. Seine Wohnhäuser, selbst sein Darmstädter

Museum, sind nur wandmäßig gebundenes Barock, sein Wertheimhaus ist zur

Zweckform verdichtete Gotik. Behrens beginnt in Darmstadt persönlicher

und gelangt nach der kurzen Episode einer Flächentektonik zum modernen

Raumstil. Seine Turbinenfabrik (Abb. 41) ist bereits Anfüllen des

Bauraumes in seiner Tiefe, und seine Gliederung nach Funktionen. Die

Wand ist Raumbegrenzung -- hohe, lichtaufnehmende Glasfenster zwischen

Eisenträgern. Die Ecken sind von starken, nach oben sich verengenden

Betonpfeilern akzentuiert. Auf diesen Trageformen ruht, durch starkes

Vorkragen abgesondert, ein Dach von stark beschwerter Silhouette,

das Spannung verhüllt, und wie Last und Abschluß wirkt. Doch hat das

Ornament bis auf die Pseudo-Rustika an den Betonpfeilern endgültig

jeden Wert verloren, und es ist ernst damit gemacht, die Form als

Zweckausdruck zu sehen. Und mit Poelzigs Bauten stellt sich neben

den Analytiker Behrens eine Architekturphantasie, die nicht nur den

Zweckforderungen gerecht wird.

[Illustration: Abb. 41. Behrens, Turbinenfabrik. Berlin.]

Damit werden auch die alten Aufgaben neu definiert. Villa und

Wohnhaus werden von Muthesius, Geßner und Tessenow neu untersucht,

Grundrißverteilung und Aufbau nach dem Bedürfnis bestimmt. Ihre Möbel

(Abb. 42) sind in Stimmungs- und in Stileinheit mit den Bauten. Stühle

und Tische von ihnen, von Bruno Paul und Heidrich stehen, ihre Teile

fest gegeneinander begrenzend, auf stark geformten tragenden Beinen.

Ja, Riemerschmied in München geht geradezu bis zur sichtbaren Zerlegung

der Struktur des Möbels, um die tektonische Klarlegung zu erzielen.

[Illustration: Abb. 42. Heidrich, Zimmer des Reichskommissars.

Brüsseler Welt-Ausstellung 1910.]

Diesen Stil heute schon nach seinen Absichten und Formen zu definieren

ist natürlich unmöglich. Alles ist noch im Fluß, und von den vielen

Stilformen unserer vielen Künstler hat noch keine das Recht, für

kanonisch zu gelten, zumal fast überall unwillkürlich klassizistische

Reminiszenzen mit im Spiel sind. Wir ahnen wohl das Ziel der

modernen Bewegung, aber es erscheint noch nicht klar und der Weg

ist noch von vielen anderen Spuren gekreuzt. Noch wissen wir nicht,

wie die Stilformen aussehen werden, die für das moderne Gefühl so

notwendiger Ausdruck sind, wie die romanischen Formen für die Kirche

des Mittelalters. Aber sicher scheint zu sein, daß das Resultat ein

Zweckstil sein wird, wenn auch jeder Zweck in vielen Formen ausdrückbar

ist.

Auch die Entwicklung der Malerei deutet darauf hin. Schon spricht

man von der Naturform wie von einer Fessel, sucht das Bild auf

Linienrhythmen aufzubauen, die es zum tektonischen Teil der Wandfläche

machen. Cézanne begann mit Verdichtung der Form, Hodler mit dem

Flächenrhythmus der Linien, und eine ganze Generation ist eben jetzt am

Werk, die Anschauung auf dem Gesamtstilgefühl aufzubauen, an Stelle der

Darstellung von Naturdingen das „Bild an sich“ als Endzweck zu suchen,

wie der Künstler des romanischen Stiles.

Siebentes Kapitel.

Das Wesen des Stilwerdens und die historische Stellung der

gegenwärtigen Kunst.

Die Stilerscheinungen, die wir vom Beginne menschlicher Kultur bis

in unsere Zeit überblicken konnten, sind so mannigfaltig, daß sich

ein objektiver Standpunkt zu ihnen zunächst schwer zu finden scheint.

Fraglos ist, daß unser Begriff von Schönheit durchaus relativ und hier

überhaupt nicht verwendbar ist. Nicht nur die Meinungen der einzelnen

Menschen gehen hierüber weit auseinander, sondern auch die Meinungen

der Epochen. Es genügt, darauf hinzuweisen, wie jede Zeit eine andere

Epoche des griechischen oder römischen Altertums als edelste Schönheit

empfand, von unserer Liebe zu den straffen Gebilden des frühdorischen

Stiles bis zur Vorliebe des Barock für die Werke der spätrömischen

Kunst. Der Begriff „Schönheit“ ist nichts weiter als ein subjektives

Werturteil, gefällt auf Grund unseres Gefühls und der Erziehung unserer

Augen.

Unsere von den Erscheinungen ausgehenden Beschreibungen der Stile, die

jedes Werturteil nach Möglichkeit vermieden, ergaben für den Verlauf

der Entwickelung drei Stilstufen, die aber jedesmal ohne feste Trennung

ineinander übergehen.

Die gebundenste ist die +tektonische+ Form. Dies Wort kann nicht so

verstanden werden, wie es oft angewandt wird, daß die Kunstwerke

in ihrer subjektiven Bauabsicht gut und klar durchgeführt sind --

das ist jede gute Architektur, und in diesem Sinne sind auch der

gotische Dom und die Barockkirche tektonisch --, sondern daß sie es

objektiv, vom Standpunkt der Bauaufgabe aus sind. Es kommt darauf an,

daß jeder Bau für einen notwendigen Zweck geschaffen, sein Grundriß

durch diesen bestimmt ist, daß die Innenanlage wiederum den Außenbau

bestimmt, somit der ganze Bau in Harmonie mit seinem Zweck und auch

die Einzelgliederung durch die Baufunktionen bedingt ist. Klar und

übersichtlich drücken die Teile das Tragen und Lasten, Begrenzen

und Ordnen aus, in Wand und Säule, Dach und Turm und den anderen

Baugliedern, denen sie anvertraut sind. Wie die Säule Stütze, bleibt

die Wand Fläche, und die Lagerung der Steinschichten dem Gesetz

der Schwerkraft gemäß bedingt, daß die Horizontale die wichtigste

Baulinie ist. Das Ornament, aus derselben Baulogik gewonnen, ist nicht

äußerlich angeklebter Schmuck, der dem Bau willkürliche Bewegung

mitteilt, sondern sachlicher Ausdruck des Steines, der es trägt.

Dessen zweckliche Ruhe betont seine Flächenhaftigkeit, die nirgends

aus der Wand herausdrängt. Selbständigen oder gar naturalistischen

Ausdruck kennt es nicht, und es entspricht der mathematischen Logik der

Flächendimensionen, daß seine Ausdrucksform allein die lineare ist.

Genau dasselbe Gesetz gilt im Kunstgewerbe. Alle Geräte unterscheiden

funktionsgemäß, welcher Teil zum Stehen dient und welcher zum Bewahren

des Inhaltes. Alle stehen fest auf dem Boden, am liebsten mit runder

Platte, als saugten sie sich an ihn an. Das Material kommt in der

Oberfläche voll zum Ausdruck: Ton wird nicht glasiert, Holz nicht

fourniert und, damit die Tafel einheitlich bleibt, kaum in Rahmen und

Füllung geschieden.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 7 / 9 段