Malerei und Plastik zeigen dieselbe Weiterentwicklung der

Barocktendenzen. Wie die weiche Verschmelzung, die zarte Abstimmung

in Architektur und Kunstgewerbe herrscht, herrscht sie auch in

der Malerei. Die Themata Watteaus und seiner Zeitgenossen sind

romantische Stimmungen, Schäferszenen und galante Feste unter dunklen

Baumgruppen und in ländlicher Einsamkeit. Allein das erfordert die

höchste Fähigkeit farbiger Darstellung, das stärkste Gefühl für

räumlichen Ausdruck und für die Nuancen der Bewegung. Und so wird

der Impressionismus des Barock immer konsequenter ausgebildet.

Watteau ist selbst im Freien gebunden in den Farben; Fragonard aber,

der vollkommene Plein-air-Maler, gibt jede Bewegung des Lichtes

und die schnellgesehene Schwingung einer fliegenden Schaukel mit

temperamentvoll erfaßtem Strich. Dieses Wirklichkeitssehen führt

bis zum Realismus. Trocken, aber von großer Sachlichkeit ist die

Porträtkunst Graffs und Chodowieckis in Deutschland. Goya (1746-1828)

vollends ist nur als Abkömmling dieser Epoche zu verstehen. Dieser

kühnste Impressionist des Zeitalters besitzt die letzten Geheimnisse

der Freilichtmalerei und benutzt sie zu den erregtesten Bildern.

Unvergleichlich kühn sind die Farbenbewegungen seiner Stierkämpfe

und Volksfeste im glühenden Sonnenlichte, bis zum letzten grauenvoll

nächtliche Hinrichtungen und gespenstische Inquisitionsprozessionen.

Mit derselben Intensität sieht er Porträts. Er geht selbst bis zur

Satire und verhöhnt Priester, Aristokraten und Dirnen in kühnen

Radierungen. Und wie sein impressionistischer Realismus die völlige

Befreiung der Malerei von jeder architektonischen Schranke bezeichnet,

ist seine satirische Kritik schon Protest gegen die Genußsucht des

Zeitalters.

Daß gerade zersetzende Epochen Zeitalter künstlerischer und

wissenschaftlicher Kritik sind, war schon in Rom, schon in der Gotik

zu lernen. Mit dieser Kritik aber zerstören sie sich selbst und

schaffen die kommende Welt. Das letzte Resultat der Philosophie dieses

Zeitalters war die Negierung seiner selbst, war der Nachweis des

gleichen Rechtes aller Menschen auf der Grundlage des Naturgemäßen. Das

letzte Resultat der Zeitkultur war die Verzweiflung der Massen und die

französische Revolution. Diese Tendenzen haben auch in der Kunst ihren

Widerhall gefunden. Das Wort „Sansculotte“ bedeutet nicht nur eine neue

politische, sondern auch eine neue Geschmackstendenz.

Fünftes Kapitel.

Der Stil Louis XVI. und der Stil Empire.

Das Feingefühl, das formende Element bei der Bildung des Rokokostiles,

war es, das seit 1760 zu dem in Farben und Formen schlichteren Stil

geführt hat, den man mit dem Namen des letzten französischen Königs

als den Stil „Louis seize“ bezeichnet. Die Auffassung dieses sog.

Zopfstiles als eine Verödung der Kunstformen ist ganz unberechtigt.

Unsere Zeit, die einen ganz ähnlichen Stilwandel durchgemacht hat,

müßte die raffinierte Verfeinerung empfinden, die hier beabsichtigt

war, und die ganz allmählich zu immer einfacheren Formen führte. Der

Stil Louis XVI. bedeutet noch keine Umwandlung der Grundtendenzen des

Rokoko, sondern nur eine Reaktion gegen die Erregtheit seiner Formen.

Seine frühe Zeit kennt noch all die raffinierten Boudoirmöbel, läßt

die Tische in eleganten Kurven aus der Wand hervorgehen, und nur diese

Kurven selbst werden schlichter. Der Stuhl der Zeit steht noch nicht

mit breiter Endigung fest auf dem Boden, krümmt sich aber auch nicht

mehr in elastischer Ranke zusammen, sondern seine Füße sind als antike

Pfeilbündel geformt, die sich geradlinig nach unten zuspitzen. In der

geschweiften Zarge bilden sie mit ornamentierten Würfeln Ruhepunkte,

an denen zugleich die Armlehnen sich abgrenzen. Mit zwei Sphingen

beginnen sie, deren Flügel in die Lehnen hinaufführen; diese, an einem

bärtigen Kopf in zwei Teile geschieden, werden durch Akanthusranken

in die Rückenlehne geleitet. Auch diese ist gut begrenzt: seitwärts

von zwei antiken Fackeln, oben von einem Stab, auf dem zwischen zwei

symmetrischen Füllhörnern eine Kartusche ruht. Aber man sieht, daß die

Teile des Gerätes noch ineinander übergeführt sind, die Flammen der

Fackel und das Füllhornmotiv den oberen Abschluß noch weich machen.

Indes, die Teile beginnen sich zu scheiden, und wie in der Architektur

herrschen auch im Ornament die mathematisch einfachen Linien und

Flächen. Dasselbe gilt auch für das Flächenornament, wie es die

Holztäfelungen der Zimmer geschnitzt, Rückenlehne und Kissen unseres

Stuhles gestickt zeigen. Es wird übersichtlich im Gefüge des Ganzen,

einfacher, fast dünn in der Struktur der einzelnen Ranken. Der bunte

Überschwang des Rokoko hat auch hier aufgehört, und einfachere Formen,

denen antike Motive zugrunde liegen, treten an seine Stelle. Auch das

Farbengefühl ist feiner geworden; die Hauptfarbe in der Stickerei

unseres Sessels ist ein zartes Grün, und seine anderen Farben sind

darauf eingestimmt. In den Holzteilen selbst werden jetzt Weiß und Gold

bevorzugt.

[Illustration: Abb. 33. Lehnstuhl von Jacob. Stil Louis XVI. Berliner

Kunstgewerbemuseum.]

Wenn diese Zeit, wie das Rokoko, chinesische Geräte in Bronze montiert

(Abb. 34), bevorzugt sie feingeführte Formen, einfachere Konturen,

einheitliche Farben und mit ihren ruhigeren Formen fließen die

Linien des neuen Stiles in eins zusammen. Zeigt doch gerade diese

Montierung, daß man die starken Formen noch immer nicht liebt, daß man

sich scheut, ein Gerät fest auf den Boden zu stellen, und es auch

jetzt noch auf Rankenfüße setzt. Aber die Ranken sind nicht mehr rund

geführt, schlingen sich nicht mehr in weicher Drehung zusammen wie

im Rokoko, sondern sind im Querschnitt kantig und in den Biegungen

strenger gegeneinander begrenzt. Man sieht, daß diese Vereinfachung

gelegentlich Formen schafft, die denen des Barock überraschend ähnlich

sind. Girlanden schlingen sich von einem Fuß zum anderen, aber nicht

die bunten, schwellenden Blumengirlanden des Rokoko, sondern regelmäßig

begrenzte von ruhigen Lorbeerblättern, noch immer ein kurviger Abschluß

des unteren Gefäßrandes, aber von strengerer Form. Und ebenso ist alles

andere im Gerät auf einfachere Formen gebracht, die Henkel, die als

Widderköpfe ansetzen, wie der Deckel, in dessen Bronzerand sogar schon

die ruhende Horizontallinie sich einzustellen beginnt.

[Illustration: Abb. 34. Chinesische Gefäße, in Bronze gefaßt. Stil

Louis XVI.]

Aus antiken Motiven hellenischen Ursprungs ist dieses Ornament

abgeleitet, und wenn auch das Pathos überrascht, das Pfeilbündel als

Stuhlbeine, Sphinge als Armlehnen und als Kaminböcke verwendet, so

beweist doch das Heranziehen gerade hellenischer Vorbilder den zu

ruhigerer Art gewandelten Geschmack. Aber er bedingt auch, daß der

Zeit der Glasurglanz des Porzellans zu leuchtend, seine Farben zu

bunt erscheinen. Wie die Puderperücke Glanz und Farbe des Haares, so

verdrängt das glanzlos weiße Biskuit jetzt vielfach das Porzellan. Es

war die große Erfindung Wedgwoods, dieser Masse die gebrochenen feinen

Farbentöne zu geben, die das Ideal der Zeit sind, das matte Grün, das

zarte Blau, das tiefe Schwarz. Während die Wirkung der schimmernden

Porzellanglasur die Durchbrechung der Gefäßoberfläche ist, ist das

Wedgwoodgerät in der Färbung und der Masse vollkommen gleichmäßig und

ruhig. All das also eine Rückkehr zu struktiveren Absichten, mit denen

der Stil Louis XVI. als Vorläufer des +Empirestils+ zu den Prinzipien

des Rokoko in Gegensatz tritt.

Man hat geglaubt, und noch jetzt ist es in allen Handbüchern zu lesen,

daß diese Anlehnung an die hellenische Antike das eigentliche Wesen

des Empirestiles bedeutet. Allein sie ist nur ein Symptom. Wir sahen

ja, wie die Antike seit der Renaissance immer wieder als Vorbild

dient, und es ist interessant, zu beobachten, wie sie jedesmal der

Zeittendenz entsprechend umgeformt wird. Hogarth zeichnet 1753 den

Apoll von Belvedere und den Herakles Farnese, von denen er ein treues

Abbild geben will, ganz unwillkürlich in seltsame Bildungen um, um

seine Rokokotheorie von der Schönheit der S-Linie an ihnen zu beweisen,

und Lessing, der objektivere, wählt die Laokoon-Gruppe, dieses Ergebnis

einer antiken Barockkunst, um auf sie seine Kunsttheorien aufzubauen,

die der moderne Mensch die Forderung des Pathos nennen muß. Aber

ebensowenig stand das Empire der griechischen und ägyptischen Antike,

die seine Wissenschaft genauer kennen lehrte, objektiv gegenüber.

Nicht einmal das ist richtig, daß es die klassischen Formen reiner

aufnimmt als der Stil Louis XVI. Kein Stil saugt fremde Elemente auf,

ohne sie seinem Geschmack entsprechend umzuformen. Ebensowenig wie die

italienische Renaissance nur eine Neugestaltung der römischen Antike

ist, ist das Empire eine Wiedergeburt der hellenischen. Die Wahrheit

ist, daß die Renaissance, wie wir sahen, ihre Motive der römischen

Kunst entnahm, weil diese für die majestätische Pracht den stärksten

Ausdruck gefunden hatte, und das Empire der hellenischen, weil es hier

jene Ruhe der Formen fand, der die Epoche selbst zustrebte, nachdem

sie im Ornament des Rokoko sich übersättigt hatte. Beide Stile aber

formten das Gegebene ihren Zielen entsprechend um, und gerade diese oft

unbewußte Differenz zwischen dem Vorbild und dem Kunstwerk spricht das

eigene Wollen des Stiles aus. Es ist ebenso äußerlich, zu sagen, die

Entdeckungen in Pompeji und Herkulanum hätten das Empire geschaffen,

wie es äußerlich ist, zu behaupten, die Renaissance wäre ein Kind der

römischen Kunst. Dann hätte das Empire ebensogut im südlichen Italien

entstehen können, wo man nicht nur Pompeji und Herkulanum, sondern die

edlen Formen der Tempel von Paestum und Agrigent täglich vor Augen

hatte. Allein es entstand in Frankreich aus dem Stil Louis XVI. und

führt seinen Namen nach dem Kaiserreich Napoleons.

Dessen Arbeitszimmer im Schloß Fontainebleau (Abb. 35) zeigt den Stil

in all seiner Wucht. Die Wand ist in streng abgegrenzte Felderflächen

geteilt, Tür und Kaminspiegel von geraden Rahmen umgeben. Die

rechteckig feste Platte des Arbeitstisches tragen balkenhafte Beine auf

breiten Löwentatzen. Jede Form ist kantig fest begrenzt, jedes Material

nur durch sich selbst zur Geltung gebracht: die antikisierenden

Bronzeornamente des Schreibtisches nicht schmiegsam, wie im Louis

XVI., sondern geschaffen, die Oberflächenebenen des Möbels zu betonen,

nicht aber seine Funktion. Alles scheint rein zweckvoll und ist doch

so pathetisch, wie die Schwurgeste der Horatier auf Davids Bild. Nicht

Stehen oder Lasten ist ausgedrückt, sondern Wucht und Größe, nicht

selbstverständliche Ordnung herrscht, sondern bewußte Wirkung. Und was

für die Möbel gilt, gilt ebenso für die Wandung des Zimmers und für die

Architektur.

[Illustration: Abb. 35. Fontainebleau, Schloß. Arbeitszimmer Napoleons

I.]

In Frankreich sind uns von ihr weniger Denkmale erhalten geblieben als

in Deutschland, dessen schlichtsachlicher Handwerklichkeit der Stil

sehr willkommen sein mußte. Schinkel ist hier der Hauptmeister, seine

neue Wache in Berlin (Abb. 36) ein Zeugnis für die Selbständigkeit, mit

der das Zeitalter den Vorbildern gegenüberstand. Denn die Front des

dorischen Tempels ist hier nur Bauglied. Ihre aufsteigende Kraft wird

zusammengepreßt durch die Turmformen zu ihren Seiten, niedergedrückt

durch die über ihr ruhende Horizontale. Bei all ihrer Energie bleibt

sie wirkender Teil eines größeren Ganzen von pathetischer Ruhe. Und man

soll nicht vergessen, daß Schinkel daneben romantische Landschaften

gemalt und gotische Dome projektiert hat.

Dieses Unterordnen aller Formabsichten unter Gefühle erklärt das

Hervorgehen dieses Stiles aus Rokoko und ~Louis seize~. Das Empire

ist kein tektonischer, sondern ein pathetischer Stil; und wenn das

Kunstgewerbe noch nicht überzeugend ist, so ist es sicher die Tracht

der Zeit.

[Illustration: Abb. 36. Berlin, Neue Wache.]

Gerade für das Empirekleid, wie es Madame Recamier auf dem Bild von

David, dem Maler des Napoleonischen Kaiserreichs, trägt (Abb. 37),

ist die Ableitung vom hellenischen Stil evident, aber die Umformung

ist charakteristisch für die Eigenart des Empire. In vollkommener

Harmonie schmiegt sich die Linie der Frau der Lehne und dem Lager

ein, überbrückt mit dem herabfließenden Gewand die Strenge seiner

Horizontalen, ja, der Hals scheint, der Linienparallele zuliebe,

übermäßig in die Länge gezogen. Es kommt nicht auf die gesunde

Umhüllung des Körpers an, wie die Antike sie schuf, sondern auf den

zarten Fluß der Linien. Das Korsett ist hier keineswegs verschwunden.

Das Verhältnis des schlichtlinigen Kostüms im Empire zu dem

kontrastbewegten im Rokoko spiegelt das aller Künste wider. Auch in

der Malerei erstirbt alle Bewegung. Flächig entrollte Vorgänge spielen

vor flachen Hintergründen, alle Gestalten, selbst die Porträts werden

dem antiken Gipsschema angenähert und jeder Individualität entkleidet.

Nicht mehr die Plastik der Form, sondern der Rhythmus der abstrakten

Linien bestimmt das Bild. In Davids (1748-1825) Madame Recamier (Abb.

37) ist es die fein geführte Linie, die von der Lampe des Kandelabers

aus über das Haupt der Frau und den gleitenden Fluß des Gewandes hinweg

in die Lehne am Fußende führt. Auch die Farben haben sich immer mehr

gedämpft, sind trüber, erdiger geworden, und es kommt bei den deutschen

Klassizisten, wie Carstens und Genelli, so weit, daß sie nur noch auf

den edlen, d. h. unplastisch abstrakten Umriß sehen und in der Graphik

an Stelle des belebten Farbstiches der bloße Umrißstich tritt.

[Illustration: Abb. 37. J. L. David. Madame Recamier. Paris, Louvre.]

Es handelt sich hier nicht um eine sachlich flächenhafte Bildruhe, die

die Wand zugrunde legt, sondern um eine pathetische oder sentimentale

Weichheit des Ausdrucks, geschult an antiken Vorbildern, die aber

ganz ins Gefühlvolle gezogen werden. Auch die Plastik des Empire

ist trotz ihres Flachreliefs nicht struktiv gemeint, sondern bloße

Mäßigung der Bewegungen, die eine vorhergehende Zeit in allen ihren

Komplikationen ausgeschöpft hatte. Ganz scharf bezeichnet Canova

(1757-1822) den Übergang, den Stil Louis XVI. Seine Bildwerke haben

noch die gegensätzlichen Bewegungen von Licht und Schatten, die starken

Kontrastformen des Barock, aber schon gehemmt durch eine Tendenz der

Beruhigung, die keine energievolle Handlung mehr wagt. Für uns ist es

unerträglich, wenn bei Canovas Amor und Psyche Amor wild dahergestürzt

ist, mit gespreizten Beinen und gespreizten Flügeln dasteht, sich

auf die Frau wirft, und wenn dann plötzlich die Bewegung stockt, und

aus dem heißen Begehren ein zages Tasten wird. So wirkt er in seiner

Absicht, einfach und edel zu sein, süßlicher als irgendein anderer.

Aber die Berühmtheit gerade seiner Skulpturen in ihrer Zeit beweist,

daß sie den Geschmack der Epoche am klarsten aussprachen. Die laute

Bewegung wird ihr allmählich immer unsympathischer und mäßigt sich,

wenn auch noch nicht zu verinnerlichter Ruhe, so wenigstens zu

äußerlicher Zartheit. Selbst Thorwaldsen sagte von Canovas Amor und

Psyche, die Gruppe wäre komponiert wie eine Windmühle, und es könnte

wohl im Stil der Zeit begründet sein, was als ein Charakterfehler

Thorwaldsens ausgelegt worden ist, daß er Canovas Arbeiten weniger

geschätzt habe, als Canova die seinen.

Denn Thorwaldsen (1770-1844) ist der klassische Plastiker des Empire.

Auch er ist ein Routinier, der nicht vom eigenen Studium der Natur

ausgeht, sondern von der erlernten Form, und den Wert seines Werkes

nicht durch die subjektiv erschaute Erscheinung, sondern durch

Gefühle und Sentiments bestimmt. Insofern lebt auch in seiner Kunst

noch die Art des Barock und des Rokoko fort. Aber der beabsichtigte

Eindruck selbst ist ein anderer geworden. An die Stelle der großen

pathetischen Bewegung ist jene Zagheit der Darstellung getreten, die

die Empfindsamkeit des Beschauers erwecken soll und in fortschreitender

Entwicklung notwendig zur Sentimentalität werden mußte. So wird auch

hier die Form beruhigt; an Stelle des Hochreliefs ist das Flachrelief

getreten, an Stelle der bewegten Formrundung der zart geführte Kontur.

Trotzdem ist diese Stilisierung im Grunde stillos, weil sie ohne

Architekturenergie nur von der Wirkung der Darstellung ausgeht. So

charakterisiert sich hier das Epigonentum der Epoche. Gerade für diese

Schlichtheit der Darstellung erscheint der Zeit die Antike als das

beste Vorbild, und eben in der Differenz zwischen Antike und Empire

erweist sich, wie in der Baukunst, die eigene Art des Stiles. Wenn

beispielsweise die Antike die drei Grazien bildet, so sind es drei

nackte Frauen, von denen jede ihre Arme mit den Armen der Schwestern

verflicht, so daß sich alle zu einem Kreis der Schönheit verbinden,

der, von wo immer gesehen, ein vollkommener Ring ist. Thorwaldsen

dagegen stellt zwischen zwei Frauen eine dritte, die um jede Schwester

einen Arm schlingt und die Reihe zur Gruppe schließt -- eine ruhige

Gruppe, nicht als kreisender Reigen gedacht, wie das Werk der Antike,

sondern von einer Gestalt aus zartlinig gegliedert. Die Antike schafft

den kraftvollsten Ausdruck des Gedankens, das Empire den ruhigsten,

in seinem Sinn, in dem das Wort leider auch uns noch gilt, idealsten.

Gerade diese Gruppe spricht den Geist der Zeit ganz klar aus. Die

Architektur hat Parallelen geschaffen: Klenzes Königsplatz in München

mit dem Abschluß durch die Propyläen, oder Schinkels Gedanke, das

Gegenüber der beiden Barockdome auf dem Berliner Gendarmenmarkt durch

das Schauspielhaus in ein Miteinander zu verwandeln.

Sechstes Kapitel.

Die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart.

Daß die Einfachheit des Empire kein prinzipieller Stilwechsel,

sondern nur die Reduktion eines Stiles auf neue Gefühle ist, zeigt

die Leichtigkeit, mit der die Gefühlsinhalte wechseln. Schon in

Thorwaldsens Skulpturen für die Kopenhagener Frauenkirche und

auch sonst in der Empirekunst verschmolzen antike Schlichtheit

und christliche Milde zu einer Formeinheit. Derselbe Weg, der zum

Klassizismus führte, führte in Deutschland weiter zum Nazarenertum.

Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts hat das Ziel der romantischen

Zeitsehnsucht, aber auch nur dieses, nicht das Gefühl, gewechselt.

Statt für die Antike begeistert man sich nun für das Mittelalter,

aber nicht für die kraftvolle romanische Epoche, die man kaum kennt,

sondern für die weichere gotische, die man für klassisch deutsch

hält. Schon Klopstock dichtete Bardengesänge neben Oden in antiker

Form. Jetzt schreibt man ritterliche Balladen und Dramen, malt

christliche Legenden, und um auch des Glaubens nicht zu ermangeln, der

die Vorbilder geschaffen, treten die feinsten Geister Deutschlands

scharenweis zur katholischen Kirche über. Es ist bezeichnend, daß

nicht die Baukunst, die wesentlich klassizistisch bleibt, sondern

die Malerei den Ausdruck hierfür gegeben hat. Die Malerschule der

sog. Nazarener, die sich gegen 1815 in Rom um Cornelius und Overbeck

schart, hat die christlichen und mittelalterlichen Gedanken dieser

Zeit am schärfsten ausgesprochen. Mit bewußter Einfachheit erzählte

rührende Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, Mariensagen

und die Geschichte des Jünglings Joseph, daneben die geistlichen und

ritterlichen Legenden des Mittelalters geben ihren Werken den Inhalt,

der Umriß ihren Gestalten die Form. Während noch bei den Malern des

Empire die Farbe dem Bild wenigstens nicht seine Ruhe nimmt, mußte für

diese malerisch uninteressierten Augen das Gemälde zur kolorierten

Zeichnung werden. Die Bilder der Nazarener sind für uns nur noch in den

Kartons zu genießen, wo der Gegenstand allein zur Geltung kommt. Auf

den ausgeführten Werken überschreien die grellen Farben einander.

Wie stark empfindungsgemäß hier alles ist, zeigt am besten der Hang

dieser romantischen Periode zur Lyrik, die das Drama allmählich

geradezu verkümmern läßt. Poesie durchtränkt das tägliche Leben,

und man scheint bestrebt, mit ihr jede Alltäglichkeit in eine

ideale Sphäre zu heben. Verse auf jedem Schlummerkissen, auf jedem

Klingelzug, auf jedem Stammbuchblatt.

Die Bau- und Gerätformen, die diese Gefühlsrichtung geschaffen hat,

sind unter dem Namen Biedermeierstil zusammengefaßt worden. Allein

der Begriff ist schwer greifbar. Man kann kaum von einem Stile im

üblichen Sinne reden, denn er hat nie, auch nicht in Teilgebieten eine

unumschränkte Herrschaft gehabt. Goethes Beschreibung des Stilwandels

vom Rokoko zu ihm:

Alles soll anders sein und geschmackvoll,

Wie sie’s heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke;

Alles ist einfach und glatt, nicht Schnitzwerk oder Vergoldung

Will man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten.

(Hermann und Dorothea.)

läßt einen tektonischen Stil erwarten, dessen Möbel ihre Form vom

Zweck, ihre Oberfläche vom Material erhalten. In der Tat sind

seine Häuser einfache Mauerbauten mit schlichten, breitdeckenden

Ziegeldächern. Die Wände seiner Zimmer sind kantenfest begrenzt, mit

Papiertapeten von flächenhafter Musterung bekleidet, die sich zu den

glänzenden Seidentapeten des Rokoko verhalten wie das Wedgwood zum

Porzellan. Für die Form seiner Möbel ist ihr Holzgerüst entscheidend,

Tischplatte und Stuhlpolsterung als gesonderte Formen auf ihm

angebracht, und seine Schränke sind kastenförmige geradflächige

Behältnisse (Abb. 38). Immer ist der Holzform die natürliche des

vierkantig behobelten oder rund behauenen Balkens zugrunde gelegt,

immer bildet Holzmaserung den einzigen Oberflächenschmuck. Aber es

fällt doch auf, wie der Stil runde weiche Übergänge und spitzes Stehen

liebt und daß beim Öffnen des Schreibsekretärs hinter der einfachen

Wand eine so prunkvolle Ausstattung, selbst mit ganzen antiken

Tempelarchitekturen, sich öffnet, daß man an das Verhältnis von Fassade

und Prunkräumen in Barock und Rokoko erinnert wird. Es handelt sich in

der Tat nur um eine Abwandlung des Empirestils ins Kleinbürgerliche.

Die Formen sind wohl ornamentlos und einfach, aber ihre Ordnung, ihre

Übergänge ineinander und zur Erde sind von einer Ruhe, die nicht

die energievolle Festigkeit bewußter Kraft, sondern gefühlvolle

Zartheit geschaffen hat. In der Malerei entsprechen ihr Romantiker,

die ohne das Pathos und die große Form der Nazarener zu haben,

doch ihre Gefühlsweichheit besitzen und sie in schlicht empfundene

Naturformen kleiden, wie der Landschafter Kaspar David Friedrich,

der Farbensymboliker Runge und der Impressionist Waßmann. Aber dieses

Gefühl verlangt nach gegenständlichen Bildinhalten, und Schwind und

Spitzweg werden die Übergänge zu einer Historien- und Genremalerei,

die schließlich den Wert des Bildes nur noch im erzählten Vorgang

sieht. Das wirkt wiederum auf die Zweckkünste zurück. Das Interesse

an historischen Stimmungen läßt den im Biedermeier schlummernden

tektonischen Gedanken sich nicht erst entfalten, führt zum Nachahmen

der historischen Stilarten und schließlich zu jener Stilwirrnis,

die die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihren seltsamen

Geschmacklosigkeiten anfüllt.

[Illustration: Abb. 38. Möbel des Biedermeierstils.]

Zu diesem Resultat, dem völligen Mißverhältnis zwischen Form und Zweck,

wirken soziale Entwicklungen nach zwei Seiten mit, die den Handwerker

in demselben Maße unschöpferisch werden lassen, in dem der entwerfende

Künstler an Stolz und Eigenwillen zunimmt.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 6 / 9 段