Allein innerhalb dieses gemeinsamen Stilgefühls differenzieren sich

die einzelnen Kunstkreise sehr stark. Während Italien teilweise durch

seine früh erworbene Kenntnis des Körpers zu weichlichem Manierismus

gelangt, bringt Venedigs starkes Farbengefühl in Veronese einen

großen Dekorator, in Tintoretto einen genialen Ekstatiker, in Tiepolo

(Gemälde auf Abb. 23) einen fast schon pleinairistischen Lichtmaler

hervor. Der spanische Kreis mit Velazquez (1599-1660) und Murillo

(1618-1682) ist nicht weniger monumental, aber feiner im malerischen

Ausdruck. Gerade hier ist der Naturalismus in den Porträts, in den

Darstellungen aus dem Volksleben, selbst in der Mythologie von starkem

Wirklichkeitsgefühl getragen. Aber eine außerordentlich feinfühlige

Licht- und Farbenbehandlung ordnet alles Gegenständliche der großen

Bildwirkung unter. Im aristokratischen Flandern, dessen Hauptmeister

Rubens (1577-1640) und van Dijk (1599-1641) sind, dient die Malerei

hauptsächlich denselben pompösen Zwecken, zu denen das Zeitalter

die Plastik verwandte. Des van Dijk, unter dem Einfluß von Rubens

entstandenes Altarbild mit den beiden Johannes (Abb. 28) ist nur

im Rahmen einer Altararchitektur, wie auf Abb. 21, zu verstehen.

Nicht nur, daß das Heroische im antiken Sinne und mit antiker Geste,

Gewandung und Nacktheit ausgedrückt an Stelle des Geistigen tritt

-- die Bewegung der Gestalten ist Fortführung des architektonischen

Rahmens, nicht denkbar ohne die gedrehten Säulen an der Seite, und die

Kurve, mit der der Adler des Johannes dessen Bewegung fortführt, wirkt

wie die Bewegung der Giebelfeldplastik im Risalit. Gegenständlich und

künstlerisch reicher entfaltet sich die Kunst in den Niederlanden. Der

Boden dieses kleinen Landes, in dem ein reiches Bürgertum den Ertrag

seines Handels nützt, ist Wurzelland für alle wichtigen Strömungen der

Kunst, die von hier aus auf andere Länder, wie Spanien und das wenig

tüchtige Deutschland sich verpflanzen. Wie die Baukunst hier keine

Prunkpaläste schafft, sondern behagliche, wohnliche Bürgerhäuser,

so ist auch die Malerei in ihrer schlichten Auffassung wie in

ihren anspruchslosen Formaten für das Bürgerhaus berechnet, aber

vielgestaltig und kraftvoll. Nur die besten Namen ist hier zu nennen

möglich. Der froh-kräftige Impressionist Franz Hals, von Landschaftern

der pathetische Ruisdael und der feiner differenzierende Hobbema,

der Delfter Vermeer, der mit letzter Feinfühligkeit die Farbstimmung

des Innenraumes gibt, Brouwer und Ostade, die Szenen aus dem Leben

des Bauern und Bürgers mit gegenständlich und farbig gleich großer

Ausdruckskraft malen. Ganz einsam aber steht unter ihnen Rembrandt van

Rijn (1606-1669). Wie seine Kunst in immer fortschreitender Vertiefung

religiöse und menschliche Themata bis zu Visionen von nie erlebter

Gefühlstiefe steigert, wird bei ihm das Licht aus einem realistischen

Ausdrucksmittel zu dem für Einheit und unwirkliche Steigerung

des Werkes entscheidenden Wert. Wenn er, je älter, desto mehr,

Impressionist wird, so deshalb, weil er immer sicherer im Erschauen

der inneren Vision wird, wie der moderne Künstler zum Impressionismus

gelangt aus der Sicherheit, mit der sein Auge den äußeren Eindruck

aufnimmt.

[Illustration: Abb. 28. Van Dijck: Johannes der Täufer und Johannes der

Evangelist. Berlin.]

Von dieser Tendenz der Zeit auf das malerisch Bewegte aus wird man

verstehen, warum die Bandornamente des Barock einen guten Teil

ihrer räumlich auflösenden Wirkung durch den Gegensatz ihrer hellen

Fläche gegen den beschatteten Grund erhalten, und warum diese Epoche

eine so durchaus koloristische Ornamenttechnik geschaffen hat wie

die Boulearbeit, die im Gegensatz von vergoldetem dichtem Ornament

auf tiefrotem Grund geradezu die nächste Verwandte der spätantiken

Verroterie ist. Ja die Auflösung aller Bau- und Gerätformen durch

plastisch hohe Dekoration ist im Grunde malerisch gefühlt, wie in

der späten Antike und in der Gotik. Das Barock ist ein Stil, der den

wirkungsvollen Eindruck entwickelt hat auf Kosten des Zweckgefühls

in Architektur und Kunstgewerbe, die ganz dekorativ geworden sind,

während Malerei und Plastik selbständige, sogar bevorzugte Künste

werden. Das Rokoko bedeutet nichts weiter als eine noch stärkere, noch

konsequentere Ausbildung dieser Prinzipien.

Viertes Kapitel.

Der Stil Régence und der Rokokostil.

Schon im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts beginnen neue

Gedankengänge Kulturinhalt der Zeit zu werden. An Stelle des Pathos

wird die Grazie der Affekt der Zeit so sehr, daß alle Künste, auch

die Architektur, miniaturenhaft produzieren, und das Leben, in allen

Poren von Kunst durchtränkt, ihre Gesinnung vollkommener ausdrückt,

als sie selbst. Die Tracht des Barock wollte mit ruhigen Gewändern

und Mänteln von dunkler Farbe, mit dem großen weißen Kragen und

der Perücke dem Träger einen Ausdruck von Würde geben, schon ohne

Rücksicht auf den Körper. Beim Rokoko aber tritt an die Stelle

der ruhigen die grazile Linie, und damit die Kunstform des Körpers

so sehr in Gegensatz zu seiner Naturform, daß kaum die Tracht der

kretisch-mykenischen Epoche ihn so in ihre Fesseln zwang. Wennschon

beim Manne die Verengung der Kleidung in der Taille, die prall

anliegenden Kniehosen und Seidenstrümpfe mehr auf Zierlichkeit als

auf irgendwelche Arbeitsleistung berechnet sind, so hebt der breite

Reifrock der Frau die Zierlichkeit der kleinen Schuhe auf hohem Absatz

und der schmal geschnürten Taille hervor, und Busen und Arme sind, zur

Hälfte entblößt, reizvoller im Kontrast zum bekleideten Teil. So beruht

auch hier noch ein wesentlicher Teil der Wirkung auf dem Gegensatz,

auch wenn er zarter abgestimmt ist. Denn das Rokoko ist keineswegs nur

weich. Allein schon eine Erscheinung wie Mozarts Musik müßte hier das

Gegenteil beweisen, die die unerhörte Dramatik des Don Juan und der

Symphonien neben die köstliche Musik seiner Intrigenopern stellt. Dabei

ist ein Werk wie die „Entführung aus dem Serail“ ebenso bezeichnend für

die exotische Bizarrerie des Rokoko wie das chinesische Teehäuschen im

Park von Sanssouci.

Gerade diese Entwicklung in der Musik vom pompösen mythologischen

Ballett des Barock zur Oper, zur Symphonie, zum Quartett Haydns und

Mozarts, ist ungemein bezeichnend für die Differenz zwischen den

beiden Stilen. Für das Rokoko ist der Genuß Sinn und Ziel des Lebens

und die Liebe mit ihrer für unser Gefühl affektierten, für das der

Zeit feinfühligen Sentimentalität. Verborgene Pavillons, versteckte

Teehäuschen, lauschige Grotten im dichten Garten werden die bevorzugten

Zufluchtsorte dieser galanten Zeit und die Aufgabe der fürstlichen

Architekten. Fraglos bedeutet diese Annäherung an die Stimmungen der

Natur eine psychische Verfeinerung, die eines ihrer interessantesten

Denkmale in Haydns „Jahreszeiten“ gefunden hat. Man liebt an der

Natur nicht mehr, wie die holländischen Landschafter, die kraftvolle

Schönheit im Wechsel ihres Ausdrucks, sondern die idyllischen

Stimmungen der Wiesen und Bäche, und es ist das Unerhörteste von

Unwahrhaftigkeit, wenn die vornehmen Damen und Herren des Hofes

das Leben des Menschen in der Natur zu leben glauben, wenn sie im

affektierten Schäferkostüm liebeln und ländliche Feste geben von dem

Geld, das den Ärmsten im Volke abgepreßt ist.

Dieser Übergang vom Barock zum Rokoko vollzieht sich wesentlich unter

Führung des französischen Hofes, und es ist nicht unberechtigt,

wie man schon die letzte Stufe des Barock als Stil Ludwigs XIV.

bezeichnet hat, so auch die folgenden Phasen mit den Namen der

französischen Herrscher zu verknüpfen. Allein auch hier wird deutlich,

wie wertlose Klassifikationen unsere Stilbenennungen sind. In dieser

Zeit ästhetischer Kultur bildet jede Generation einen neuen Stil,

aber keiner läßt sich streng vom anderen scheiden. Alle sind nur

Übergangsphasen, und gerade der Stil der +Régence+, der, nach der

Regentschaft des Herzogs von Orleans (1715-1723) genannt, am Anfang

dieser Entwicklung steht, bezeichnet nur den Übergang vom Barock zum

Rokoko, dort, wo sich die Übergangsformen am eigenartigsten aussprechen.

[Illustration: Abb. 29. Kommode des Régencestiles.]

Eine Kommode dieses Stiles, wie Abb. 29, zeigt aufs deutlichste den

Weg, den man zu gehen willens ist. Der Zweck jedes Teiles ist mit

voller Absicht durch seine Form negiert. Der Fuß steht nicht fest --

seine Endigung biegt sich in einer Bronzeranke, und er selbst ist,

wenn auch in der Form vierkantig, so doch in der fließenden Kurve

einer zart geschwungenen Linie bewegt. Im Leib der Kommode setzen

sich seine durch feine Bronzelinien hervorgehobenen Konturen fort.

Der äußere Rand geht ohne weiteres in die seitliche, der innere Rand

in die untere Begrenzungslinie des Kommodenkastens über. Der ist

keine Truhe mehr, wie noch der Schrank des hohen Barock (Abb. 24). In

geschwungener Linie ist er nach unten, in geschwungener Fläche nach

vorn und den Seiten bewegt, und obendrein ist über seine Vorderseite

eine Chinoiserie, chinesische Blumen und Landschaften, gemalt, nicht

nur ohne Berücksichtigung der Schubladen, die herausgezogen das Bild

für den Moment zerstören mußten, sondern mit der offenen Absicht, jedem

funktionellen Ausdruck dieser Gerätteile geradezu entgegenzuarbeiten.

Denn wie hier durch das Bild werden die Fugen gelegentlich durch

Bronzebeschläge in Rankenform zugedeckt. Von irgendwelcher Abgrenzung

tragender und getragener Teile, wie noch beim Barockgerät (Abb.

25), ist gar keine Rede mehr; dessen abgesetzte Bewegung ist zur

fortlaufenden geworden und die Absicht geht allein auf die graziöse

Form. Und genau so frißt in der Zimmerdekoration die Zerfaserung durch

das Ornament weiter, das noch immer bandartig, aber schon weniger flach

ist.

[Illustration: Abb. 30. Schloß Amalienburg bei München. Spiegelsaal.]

Man sollte meinen, daß eine noch intensivere Zerstörung der Zweckformen

überhaupt nicht denkbar wäre. Und doch hat der Stil Louis XV., das

eigentliche Rokoko, das etwa 1725 einsetzt, jedes Gefühl für die

Funktion im Bauorganismus bis zu einem solchen Grade vernichtet,

daß im wandlosen Wohnraum das Gebrauchsgerät feinliniges Gerank

geworden ist. Ein Gemach, wie der Spiegelsaal der Amalienburg (Abb.

30), von Cuvilliés um 1740 gebaut, hat auch das letzte gliedernde

Gerüst aufgegeben und das Zimmer wie in einem schimmernden Meer

glitzernden Gerankes gelöst. Was von der Zimmerwand noch übrig

ist, hat jede Flächenhaftigkeit verloren, ist vollkommen zersetzt

durch das weichlinige Ornament. Der Stil meidet geradezu solche

Holzflächen, verkleidet sie mit Gemälden, deren romantisch sehnsüchtige

Landschaften sie noch intensiver zersetzen, am liebsten aber, wie in

unserem Beispiel, mit Spiegeln. Bedeuten die beiden andern Arten der

Wandfüllung eine Zerstörung ihrer Fläche, so bedeutet der Spiegel

ihre vollkommene Regierung. Wo er steht, ist die Wand einfach nicht

vorhanden, und das Spiegelbild tritt an ihre Stelle, das einen neuen

Raum hinter sich zu öffnen scheint. Gerade hier wird klar, wie

die raumerweiternde Tendenz des Barock eigentlich erst jetzt zur

konsequenten Ausbildung gelangt. Man liebt es, den Spiegel einer weiten

Flucht von Zimmern gegenüberzustellen, oder einem anderen Spiegel,

so daß jeder im andern ein unendliches Hintereinander von Räumen

vortäuscht. Leuchtet dann die große Lichtkrone in der Mitte, so ist der

Eindruck von einer fast märchenhaften Körperlosigkeit. Und während noch

im Saal des Würzburger Schlosses (Abb. 23) der Grundriß eckig war und

die Wandteile sich durch die Säulen gegeneinander abgrenzten, umzieht

hier die Wand das Gemach in weicher Rundung, in der Wellenbewegung

vorspringender Wandteile und rückspringender Nischen, deren Füllungen

durch das Geflecht des Ornaments miteinander verbunden sind. Denn wie

die Türfüllung, das Gemälde, der Spiegel in sich als Wandfläche nicht

fest sind, so sind sie es auch nicht in ihrer Umrahmung. Von den

vorgestreckten unteren Ecken, von der ausgeschweiften Seitenrahmung

sendet der Spiegel feine Ranken aus und klammert sich mit ihnen in die

umgebende Wandfläche. Wie die Wand den weichgerundeten oberen Abschluß

des Spiegels durch hängende Blumengewinde mit sich verbindet, sendet

der Spiegel ihr Ranken entgegen, verknüpft sich durch eine breite

Leiste, die der Rahmen am Beginn der oberen Rundung aussendet, mit

den Nebenfüllungen, und verläuft nach oben in ein Gitterwerk, dessen

geschwungene Begrenzungslinie durch musizierende Putten, durch Vasen,

Füllhörner und andere Bildungen ebenso aufgelöst wird, wie es selbst

die Wandfläche zerstört, auf der es aufliegt. So wird zugleich der

Übergang in die Decke gewonnen, die sich in ebenso weicher Kurve an

die Zimmerwand anschließt, wie diese selbst um das Zimmer geführt

ist. Denn die beiden Leisten, die als einzige Überbleibsel der

horizontalen Barocksimse sich oberhalb der eigentlichen Wand rings um

das Zimmer ziehen, sind kaum als trennende Glieder gedacht, vermitteln

vielmehr durch ihre eigene Abstufung, durch ihre Wellenbewegung und

die ornamentale Zerfaserung den Übergang um so unauffälliger. Gerade

hier läßt sich das Rokoko-Ornament in der ganzen Feinheit seines

Gefüges studieren. Während die Barockranke (Abb. 25) in ihrer Führung

übersichtlich war, so daß Haupt- und Nebenzweige sich klar voneinander

scheiden, die einzelne Ranke eckig und bandartig flach, in ihrer

Struktur also ruhig, ist die Rokokoranke unübersichtlich in ihrem

ornamentalen Reichtum, biegsam und rund in ihrer Linienführung und

Modellierung. Man trifft keine gerade Linie in diesem Ornament, bei

dem die reichste Bewegung Schönheit ist, und die fein geschwungene

Kurve des ganzen Gebildes noch in der letzten Ranke nachzittert. So

sind die muschelartigen Gebilde mit kurvigen Endungen Hauptmotive

und die felsartigen Ornamente, Rocaillen, die dem Stil den Namen

gegeben haben. Und wenn auch jedes Motiv, wenn Putten und Tiere,

Vasen und blumenvolle Füllhörner, Pflanzen und Girlanden sich mit

ihnen zu einem bunten Reichtum vereinigen, so werden doch die Vasen

rankenartig gebogen, die Putten in vielkurvigen Drehungen bewegt, die

Füllhörner gewunden. Jedes Ziermotiv wird weich und schmiegsam wie

die Ranke selbst, die sich in tausend Fasern löst, drängt sich in sie

hinein, hemmt ihren Verlauf, und die Feinfühligkeit der Modellierung

vereint sich mit der Zartheit der Farbenstimmung zur wohltönenden

Harmonie. Wenn in der Amalienburg das matte Kerzenlicht über die

Silberranken und ihren hellblauen Grund gleitet und mit seinen

Schatten die zarten Formen modelliert, so ist ein Reichtum kleinster

Schönheiten, eine Stimmung gegeben, die dem verfeinerten Auge den

höchsten Genuß gewähren. Und doch muß man sich gegenwärtig halten, daß

dieser Stimmungseindruck erreicht ist auf Kosten jeder Energie, daß

das Rokoko ein aufs äußerste verfeinerter Dekorationsstil ist, aus

dessen Formen auch der letzte Rest von Sachlichkeit gewichen ist. Das

konstruktivste Gerät wird zum bloßen Ornament: während der Sessel des

Barockstils doch wenigstens Sitz und Fuß trennte und auf seinen Füßen

stand, geht auf den Sesseln unseres Saales das Polster durch die weiche

Vermittlung des Ornamentes in die Beine über, die ihrerseits nichts

weiter als feingezeichnete Ranken sind, springt ein Tisch nur wie

eine feingeschwungene Ranke aus der Wand vor. Ebenso hat ein Gerät,

wie das Paar Kaminböcke (Abb. 31), jeden Zweckausdruck verloren und

ist zum bloßen Ornament vor dem ebenso ornamentalen Kamin geworden.

Die Funktion der Böcke ist ja ganz zwecklicher Art: festzustehen und

die brennenden Scheite zurückzuhalten. Aber selbst den Ausdruck dieser

einfachen Funktion erstickt das Rokoko in geradezu genialer Weise. Das

Gerät ist nichts weiter mehr als ein breites Rankengewinde, rund und

weich, das nicht fest auf dem Boden steht, sondern aus einer ebenso

weich zusammengerollten Ranke sich emporwindet, sich zurückbiegt, sich

verschlingt, um in einer elegant aufsteigenden zerfaserten Blütenform

zu endigen. Und zum Überfluß hat man auf dieses Gerät, von dem man

kaum begreift, wie es überhaupt steht, noch ein Chinesenpaar gesetzt

und Papageien, die sich zwar äußerst graziös in dem Gewinde bewegen,

aber in Größe und Realität der Erscheinung außer allem Verhältnis zur

Ranke sind und dem Ganzen selbst den letzten Rest von Wirklichkeitssinn

nehmen, das Gerät zur bloßen Spielerei machen.

[Illustration: Abb. 31. Kaminböcke des Rokokostils in Schloß

Fontainebleau.]

[Illustration: Abb. 32. Rokokoterrine im Kölner Kunstgewerbemuseum.]

Bei dieser Weichheit und Schmiegsamkeit der Ornamente mußte das

Streben der Epoche von vornherein dahin gehen, auch in der Keramik

einen gefügigeren Stoff zu finden, als die dickwandige, in ihrer

Struktur fast grob geschichtete Majolika. Das dünnwandige chinesische

Porzellan, das den feinen Formen sich so schmiegsam fügte und die

zarte Bemalung so willig in sich aufnahm, war das Ideal der Zeit. Daß

man es nicht nur um seiner Schönheit willen sammelte, sondern sein

Herstellungsgeheimnis auch als Ausdrucksmittel für die eigenen, ebenso

graziösen Formgedanken zu besitzen strebte, war nur naturgemäß. Daß

man Majolikavasen in chinesischem Stil herstellte (Abb. 26), war für

das Barock ein Ersatz gewesen, dessen Abstand von der Qualität der

Originale trotz der Verfeinerung der Technik stets fühlbarer werden

mußte. So kam es schließlich, daß man um die Wende des 18. Jahrhunderts

chinesische Porzellane übermalte oder europäische Vorlagen in China

auf Porzellan kopieren ließ. Seltsam bizarr umgestaltet erscheinen

die würdevollen Kupferstichporträts des holländischen Barock von

chinesischen Schlitzaugen gemalt. Aber die Experimente, die den

kostbaren Werkstoff für das Abendland erobern wollen, laufen vom Beginn

der Barockzeit durch die ganze Epoche, und als schließlich, etwa im

Jahre 1709, Böttger in Dresden das Geheimnis des Porzellans enthüllt

hatte, wurde Meißen sein Hauptfabrikationsort und das Porzellan

selbst der wichtigste, fast der einzige Stoff der abendländischen

Keramik. Allerorten entstehen nun Fabriken; mit List und forschender

Arbeit, mit Gewalt und Bestechung sucht man sich des Geheimnisses der

Fabrikation zu bemächtigen, ein deutliches Zeichen für das Bedürfnis,

das die Zeit nach einem keramischen Material von dem starken Glanz

und der Formbeweglichkeit des Porzellans hatte. So lassen sich vom

zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts an die Stilphasen des Rokoko

an der ungeheuren Fülle der erhaltenen Porzellangeräte am subtilsten

verfolgen. Zeitlich und stilistisch fallen die ersten Stücke mit dem

Übergangsstil zusammen, den wir unter dem Namen Régence kennen lernten.

Noch stoßen die Wandflächen gern in Kanten zusammen, allein sie sind

der fließenden Linien halber elegant gebogen; Henkel und Ausguß sind

zwar vom Gefäß abgesetzt, bewegen sich aber in weichen Kurven. Von hier

aus zeigt das Porzellan den Gang der Entwicklungslinien bis in die

feinsten Abstufungen: wie die Kanten verschwinden, die Wand rund um

das Gefäß läuft, sich immer stärker krümmt und biegt, wie die Henkel

immer weicher aus dem Gefäß hervorgehen, bis schließlich in einer

Terrine, wie Abb. 32, um 1740 der vollkommene Rokokotypus erreicht

ist, wie ihn die Amalienburg und die Kaminböcke uns schon kennen

lehrten. Der Körper der Terrine hat jeden Halt in der Form verloren,

ist vollkommen in Bewegung aufgelöst. In kräftiger Kurve biegt sich

das Gefäß aufwärts, lädt in der Mitte in einer zweiten Welle weit

aus, um in einer wieder beruhigteren Bewegung zu endigen, in die der

Deckel, kaum durch eine schmale Grenzlinie vom Körper getrennt, mit

aufgenommen ist. Diese Bewegung kreuzend läuft noch schneller, noch

ruheloser die Seitwärtsbewegung, die nicht in einfacher Rundung

auf- und abschwillt, sondern jedesmal eine stark ausspringende Kante

zwischen zwei Ausbiegungen schiebt, die in dem starken Glanz des

Porzellans ein außerordentlich erregtes Licht- und Schattenspiel

entwickeln. Die Weichheit dieser Bewegungen fordert als Vollendung ein

allmähliches Abschwellen des Gefäßkörpers nach außen. So kommt es, daß

man das Gerät nicht fest hinstellt, sondern, als letzte Konsequenz der

Löwenklauen der Hochrenaissance, Füßchen unterschiebt, die in ganz

weichem Übergang die Kurve des Gefäßes als zusammengerollte Ranken

fortsetzen und jeden Eindruck festen Stehens vermeiden. Ebenso sind die

anderen Zweckglieder des Gefäßes, Henkel und Deckelgriff, funktionslos

gemacht und zum gleichen Ausklingen der Gefäßform verwandt. Dort,

wo die mittelste Ausladung den Gefäßleib am stärksten nach außen

biegt, setzen zwei in ihren weichen Formen sehr charakteristische

Rokokoranken, die an Stelle der Henkel Halbfiguren von Mädchen tragen,

die Linie fort. In weicher Kurve läuft der Deckel nach oben aus; Putten

schmiegen sich in seine Form und geben den Übergang zum Apoll, der

als Deckelgriff das Ganze krönt. Ungemein bezeichnend ist die Gestalt

dieser Figuren für den Geschmack der Zeit: wie die gekreuzten Beine

Apolls absichtlich parallel den ansteigenden Deckellinien verlaufen,

wie die stark zurückgebogenen Oberkörper der Henkelfiguren mit ihrem,

auf geschwungener Nackenlinie vorgeschobenen Kopf die Formen der

Rokokoranken vollkommen stilgemäß fortsetzen und die Bewegungen ihrer

Arme wie Rankenausläufe behandelt sind, wie schließlich die weich

geformten rundlichen Köpfe als Knaufendigungen empfunden werden. Man

begreift von hier aus, warum Säle, Sessel und Gärten dieser Zeit vom

stilvollen Menschen eine ganz bestimmte kurvige Haltung verlangten.

Die Eigenart des Rokokocharakters präzisiert sich besonders scharf,

wenn man die Terrine mit der barocken Keramik (Abb. 26) vergleicht.

Stand die Delfter Vase, wenn auch nach unten zu schmäler werdend,

doch immerhin auf festem Untersatz, war in ihr der Deckel vom Gefäß

geschieden, wenn auch in den Linien nicht ohne Zusammenhang mit ihm,

so steht hier das Gerät auf eleganten Füßchen, die zu schwach zum

Tragen scheinen, und verschmilzt alle Teile vollkommen miteinander.

War das Barockgerät von oben nach unten leicht gebogen, seitwärts

durch Wellenparallelen bewegt, so schwillt hier die Bewegung von oben

nach unten dreimal an und ab, gekreuzt von noch lebhafteren seitwärts

gerichteten Schwingungen. Die Differenz ist dieselbe wie zwischen

dem Barocksaal und seinem Gegenstück im Rokoko und beruht auf dem

allmählichen Verschwinden der eckigen Formen zugunsten der weich

gerundeten, und sämtlicher kantiger Trennungen zugunsten kurviger, zart

fließender Vereinigungen.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 5 / 9 段