Es ist beim Palast dieselbe Absicht wirksam wie beim Kirchenbau,

wenn hinter dieser verhältnismäßig ruhigen Fassade sich Räume voll

unerhörten Prunkes öffnen. Vor den Repräsentationszimmern des

Schlosses, die das Gebäude mit ihrer prunkvollen Eleganz beherrschen,

treten alle Privatgemächer zurück. Ein großes Stiegenhaus öffnet

sich im Mittelbau unmittelbar hinter dem Hauptportal. Zwei breite

Treppen steigen in ihm durch die Stockwerke empor, von elegant

geformten Geländern begrenzt, in weichen Kurven sich begegnend,

geschaffen zur prunkvollen Entfaltung festlicher Züge, dabei von

größter Weiträumigkeit, wie die Prunksäle, die sich von ihnen aus

öffnen. Der Hauptsaal desselben Schlosses gibt ein gutes Bild von der

Art, wie hier allmählich von der Absicht möglichst wirkungsvoller

Raumgestaltung alle Zweckgliederungen verdrängt werden (Abb. 23).

Im viereckigen Zimmergrundriß, der den Raum zwischen vier Wände und

vier Ecken gespannt hätte, hat man die Ecken abgeschrägt, und so eine

polygonale, weichere Form gewonnen. Und wenn auch jeder Wandteil

durch dekorative Säulen nach den Seiten, durch das auf ihnen ruhende

Gebälk nach oben abgegrenzt scheint, so wird er doch durch die

Füllung zerfasert. War schon die Täfelung der deutschen Renaissance

bloße Wanddekoration, so folgte sie doch in den Hauptlinien der

äußeren Begrenzung; hier aber arbeitet sie der Wandbegrenzung an

ihren empfindlichsten Stellen geradezu entgegen. Die Gliederung

der Palastfassade lehrte, daß dieser symmetrisch empfindenden Zeit

die seitlichen Begrenzungen und der Mittelteil als die gliedernden

Punkte, als die empfindlichsten Stellen des Gefüges gelten. Gerade an

diesen Stellen setzt im Wandgetäfel das leichte Gerank an, zerfasert

die rechteckige Tafel oben und unten und reißt sie in der Mitte

auseinander. Die Begrenzungen zwischen den einzelnen Wandfeldern

werden ebenso unwirksam gemacht. Bei näherer Überlegung erweist es

sich, daß eben das Sims, das jeden Teil nach oben abzuschließen

scheint, zugleich die einzelnen Felder, über die Säulen hinweggleitend,

miteinander verbindet. So beginnt die Wand in fließender Rundung das

Zimmer zu umkreisen, und diese Bewegung wird dadurch gesteigert, daß

jeweils nach einer horizontal geführten Simspartie ein Aufsteigen

über einer Fenster- oder Türnische einsetzt. Mit ihm ist gleichzeitig

jene Aufwärtsbewegung eingeleitet, die dem Plafond ebenso den Wert

als Abschluß raubt. Sie beginnt vom Fußboden an. Denn die Säulen sind

keineswegs Träger, sondern elegant aufsteigende Dekorationsmotive, und

Beweis dafür ist das untektonische Gefühl im Kapitell. Gerade diesem

entscheidenden Gebälkträger ist jede tragende Kraft geraubt; durch

Ranken wird er aus dem Schaft emporgeleitet, mit weichen Kurven in das

verkröpfte Gesims hinaufgeführt. Von ihm aus streben Zwickel aufwärts,

von einem schon dem Rokoko sich nähernden plastischen Rankenornament

immer bunter, immer reicher bewegt, bis schließlich reich geformtes,

wirr verschlungenes Gerank die Zimmerwände in bunte Fetzen zerreißt.

Dadurch wird jeder festen Abgrenzung des Plafonds gegen die Zimmerwand

so entgegengearbeitet, wie durch den polygonalen Grundriß der festen

Abgrenzung der Wandteile gegeneinander, und ebenso wie die Struktur

der Zimmerwand selbst durch die Ranken des Ornamentes zerstört wird,

zerstört eine illusionistische Dekoration auch den Plafond. Er wird

über unserm Haupt geöffnet wie ein Himmel, in den man hineinschaut, in

dessen Wolken Götter auf Wagen fahren, Genien sich emporschwingen. Hier

ist die Stelle, wo die antikisierende Allegorie eine Stätte zu jeder

noch so plumpen Huldigung an den Herrn des Hauses findet.

Schon Michelangelos sixtinische Decke zeigt die Empfindungslosigkeit

der Zeit für die Funktion eines Plafonds (Abb. 8). Er malte die

Bilder ebenso an die Decke, wie er sie auf die Tafel gemalt hätte. So

führen bei ihm Gemälde und Saaldecke nebeneinander jedes sein eigenes

Leben. Dem Barock aber geht der Zweckwert des Plafonds vollkommen

verloren. Es nützt ihn zu einer Illusion aus, die ihn zerstört. Es kann

vorkommen, daß dieser als geöffneter Himmel gemalte Plafond in Kirchen

geradezu an die Stelle der Kuppel tritt. Die kühnste Fortsetzung der

Wandarchitektur nach oben wird durch die Malerei vorgetäuscht und

mit Gestalten bevölkert. Engel schweben aus ihm empor, und strahlend

scheint über unsern Häuptern der Heilige selbst gen Himmel zu fahren.

Das ist ein neuer Beweis dafür, daß man ein Recht hat, der Kuppel

in der Barockkirche, ebenso wie der Wandgestaltung, wesentlich

raumsprengende, raumerweiternde Wirkung zuzusprechen.

Von hier aus läßt sich die Stilentwicklung und die Stiltendenz

der Barock-Architektur vollkommen übersehen. Von der strengen

Frührenaissance geht der Weg zur Hochrenaissance, in der die Dekoration

mit großen Linien die Wand bewegt, zum italienischen Frühbarock, in dem

das reichere Ornament diese Gliederungen zerfetzt und den Raum sprengt,

schließlich zum französischen Hochbarock, wo Wand und Raum völlig

gelöst erscheinen.

[Illustration: Abb. 24. Schrank des Barock.]

[Illustration: Abb. 25. Sessel aus dem kgl. Schloß zu Berlin.]

Für die Formen, die dieser Kampf der Schmuckformen gegen die Struktur

im +Kunstgewerbe+ schafft, mag ein Schrank aus der Mitte des 17.

Jahrhunderts (Abb. 24) und ein Sessel Beleg sein, wie Abb. 25, der,

etwa um 1700 entstanden, dem Stil des Andreas Schlüter, des Erbauers

des Berliner Schlosses, angehört. Der Schrank entspricht genau dem

Stil des hohen Barock, wie ihn die römischen Kirchen und der Danziger

Saal (Abb. 19) zeigen. Alles an ihm ist massig und schwer. Drei große

Halbsäulenformen geben der Front ihre Wucht, auf Kugelfüßen stehend und

ein weit vorragendes schwer profiliertes Horizontalsims auf schweren

Rankenkapitellen tragend. Schwer, nach der Mitte zu sich verdichtend,

sind auch die Türfüllungen, und die neue Technik der Furnitur, des

Aufleimens edler Hölzer, dient zur Farbenbetonung dieser Schwere. Wo

die Renaissancefüllung (Abb. 17) gelockert und geteilt war, faßt dieser

Schrank zusammen; die spätgotische Bewegung ist endgültig zur Ruhe

gekommen. Den Stilformen nach etwas früher als das Würzburger Schloß,

ist der Berliner Sessel (Abb. 25) für die Entstehung der späteren

Barockformen, besonders für das ornamentale Detail ein gutes Beispiel.

Das Motiv ist aus der denkbar struktivsten Form gewonnen. An den vier

Ecken wird der Polstersitz von vier Füßen getragen, von denen je zwei

durch Leisten verbunden sind, die ihrerseits durch eine Querleiste

zusammengehalten werden, also etwa das Motiv des spätgotischen Tisches,

wie ihn Dürers Hieronymus im Gehäus (Abb. 16) zeigt. Allein wie in der

Architektur ist auch hier überall an Stelle der sachlichen Struktur

ein gewollter Bewegungsausdruck getreten. Er führt, etwa beim Bein

des Sessels, sofort zur Disharmonie. Vom Würfel aus, der den Ansatz

der Leisten bezeichnet, gliedert sich das Bein in einen -- wie bei

allen dekorativen Stilen -- spitzen Fuß als stehenden Teil, der durch

eine abwärts gerichtete Akanthusform zu Boden geleitet wird, und

in einen tragenden Teil, der in gleicher Weise aus einer aufwärts

gerichteten Ranke nach oben steigt, sich plötzlich, in der Silhouette

dem spätgotischen Pokal ähnlich, ausbreitet, noch einmal zusammenzieht,

und ausladend die Last des Sessels aufnimmt. Allein diese Teilung des

tragenden Fußes ist in der Konstruktion nicht begründet. Sie bedeutet

nur ein weiches Hinaufführen des Beines in den Sitz einerseits, ein

Hinabführen in den Boden andererseits, und das Resultat ist die

dekorative Zerlegung eines einheitlichen Gliedes bis zur vollkommenen

Divergenz der Richtungen. Ebenso ist die Wahl des Leistenansatzes zum

Gelenk dieser Teilung ganz willkürlich. Sie hätte allenfalls einen

Sinn, wenn die Leiste hier festansetzen, stark ablaufen würde. Allein

der Würfel dient auch hier dem Auge nur als Vermittlung, da die Leisten

unfest, mit eingerollten Voluten beginnen und als geknickte S-Ranken

weiter laufen. Sie begegnen sich in der Mitte, und an diesem Punkt

setzt mit derselben eingerollten Volute ebenso unfest die Querleiste

an, läuft in denselben Ranken dem Mittelpunkte zu, wo ihre Linien

sich ausladend vereinigen, um dann weich in eine umgekehrte Blüte

auszulaufen. So ist also die Leiste keine feste Trageform, sondern

eine gekrümmte Ranke, und der gliedernde Mittelpunkt, der sachlich

nicht vorhanden, sondern erst durch die Dekoration gefunden ist, ist

nicht struktiv gemeint, sondern weicher Zusammenfluß der Linien. So

entscheidet sich auch hier der Kampf zwischen Struktur und Dekoration

zugunsten der letzteren. Die Formen aber sind noch übersichtlich und

klar, und trotz der weichen Überführungen ist jede Holzform durch die

dem Material angemessenen scharfen Kanten abgegrenzt.

Innerhalb der Flächen, die dadurch bestimmt sind, entwickelt sich

dann das Ornament, das ein gutes Beispiel für die Form des späteren

Barockornaments überhaupt ist. Als flaches Band ist es aus der Fläche

gewonnen, über die es sich wenig erhebt, während seine Form aus der

Bewegung der Gerätteile gefolgert ist. Die feinen Bänder und Ranken,

die sich vom Rande abzweigen, sind es, die dem Auge die Richtung der

Leisten und der Fußglieder erläutern.

Die Vase (Abb. 26) ist ein gutes Beispiel für die bewegungsreiche

Keramik der Zeit, deren Hauptfabrikationsort, Delft, und deren

wichtigste Technik, Fayence, sie repräsentiert. Zwar ist der Fuß gegen

das Gefäß abgegrenzt, das Gefäß selbst durch einen ausladenden Rand vom

Deckel geschieden, zwar scheiden sich die Wandflächen, die den Leib des

Gefäßes bilden, deutlich voneinander. Aber der Fuß ist absichtlich nur

mehr ein kleiner Rand, als tragendes Glied möglichst wenig zur Geltung

gebracht zugunsten der Form des eigentlichen Gefäßes, das, von schmalem

Boden ansteigend, in breiter Kurve sich erhebt, seine Linien über den

Rand hin bis in den Deckel fortsetzt und hier in die Form eines Löwen

ausmündet, der den Deckel mehr krönt, als daß er ihm als Griff dient.

Durch eine gleich weiche Bewegung beginnt man auch die Grenzkanten im

Gefäßleib unwirksam zu machen. Man riefelt die Fläche, so daß auch

hier das Auf- und Abwogen einer Welle das ganze Gefäß umkreist und die

Kanten zum Glied der Bewegung macht.

Zwischen dem Schrank und der Vase liegt dieselbe Entwicklung wie

zwischen dem italienischen Kirchenbarock und dem französischen

Palastbarock, das erste seine dekorativen Gliederungen scheidend,

das zweite sie immer stärker durch reiche Dekoration verwischend.

Gerade der Schmuck chinesischer Motive, der sich gleichmäßig ohne

Rücksicht auf die Gliederung und die Riefelung um die ganze Fläche der

Vase zieht, ist hierfür bezeichnend, und es ist kein Zufall, daß die

Schlösser der zweiten Stilstufe an chinesischen Motiven so reich sind.

In den feinen Linien der Form, die das in Europa damals noch nicht

erfundene Porzellan den chinesischen Geräten gestattete, im Reichtum

buntfarbiger seltsamer Dekoration mit bizarren Landschaftsmotiven,

steif gekleideten Menschen, starr geformten Blumen mußten die

Erzeugnisse chinesischer Kunstindustrie damals für die dekorativen

Tendenzen der abendländischen Kunst unerreichte Vorbilder sein. Man

kopierte chinesische Porzellanvasen im roheren Material der Fayence,

bildete Lackarbeiten nach, und sammelte die Originale mit Leidenschaft,

um sie in eigenen chinesischen Kabinetten, Zimmern von derselben

bizarren Dekoration, aufzustellen.

[Illustration: Abb. 26. Delfter Fayencevase. Um 1700.]

Gerade die Absicht der Stimmungseinheit, die hierin liegt, lernten wir

in beiden Phasen des Stiles als charakteristisch für ihn kennen. Was

im italienischen Barock erst Vereinigung ist, wird im französischen

zur Verschmelzung. Und dieses weite Ausgreifen des Kunstwerks in seine

Umgebung macht es nötig, über die Kunsterzeugnisse im engsten Sinne

hinauszugehen, um den Stil zu verstehen. Denn man sucht der Fassade

durch Ausgestaltung ihrer Umgebung eine genau bemessene Wirkung zu

sichern. Bernini schließt die Peterskirche und den Petersplatz in Rom

zu einer äußerst wirkungsvollen Einheit zusammen, indem er von den

Ecken der Fassade aus Arkaden um den ganzen Platz führt und ihn in die

Anlage mit einbezieht. So wurde der Blick auf streng begrenztem Wege

immer auf die Kirche als sein Ziel geführt und die Wirkung der Fassade

außerordentlich gesteigert. Genau so wie im Schloß jedes einzelne

Zimmer in Form und Farbe der Möbel und der Wandbekleidung eine Einheit

bildet, wie wir den Innenraum mit der Fassade sich zur Wirkung eines

abgestimmten Gegensatzes vereinen sahen, ist die Umgebung des Schlosses

auf seine Fassade abgestimmt. Zu ihr hin führt meist ein Hof, umgeben

von einer Mauer oder von Arkadengängen, die die Wirkungsabsicht der

Kolonnaden vor der Peterskirche in Rom haben; im Hof verteilt, oft

auch statt seiner, stehen staffelförmig gereiht kleinere Gebäude,

die nur dem dekorativen Zweck dienen, das Auge allmählich auf die

breitgelagerte Schloßfront hinzuführen. Hinter dem Schloß öffnet sich

dann der Park, kein naturgewachsener Baumpark mehr, sondern Alleen

künstlich verschnittener Bäume auf kurzgeschorenem Rasen. Schon die

Hochrenaissance in Italien leitet diese Entwicklung ein. Sie schuf

bereits Alleen, die nicht nur zum Schloß führten, sondern bestimmte

wirkungsvolle Ausblicke eröffneten, setzte diese Alleen aus Bäumen

zusammen, die in regelmäßiger Form emporwachsen, vor allem aus Pappeln

und Zypressen, und die in ruhiger Aufeinanderfolge den Wandelnden

geleiten. Jetzt aber breitet sich vor der Gartenfront des Schlosses

ein weiter Platz mit geschorenen Rasenbeeten aus, deren Ränder in

den regelmäßigen Schnörkeln der Barockranke verlaufen, dazwischen

Alleen von Bäumen, die in unnatürliche Kugel- und Pyramidenformen

oder zu glatten fortlaufenden Wänden verschnitten sind. Sie eröffnen

überraschende Ausblicke auf das Schloß und seine Nebengebäude, oder

auf Wasserkünste von erstaunlicher technischer Kühnheit, auf ungeheure

Fontänen in großen Becken, in die kleine Wasserstrahlen von der

Mitte und vom Rande her springen, aus Tritonenhörnern oder aus Urnen

fließend, die von Meergöttern gehalten werden. Man darf sich nicht

wundern, wenn die Absicht so weit geht, selbst über Menschenmöglichkeit

hinaus die Natur diesen Wirkungen untertänig zu machen, wenn das

zerstörte und nur in Abbildungen noch bekannte Schloß Favorita bei

Mainz aus seinen Alleen überraschende Ausblicke auf den Rheinstrom

eröffnet haben muß, und am Ende einer gewaltigen Allee von zwei

geschorenen Baumwänden im Park von Oliva die weite Fläche der Ostsee

sich dehnt. Wir wundern uns nicht, in Anlagen, in denen die Natur so

zur Schaustellung mitwirkt, Naturtheater zu finden, in denen Alleen und

Gesträuche als wirkungsvolle Kulissen dienen. Die dramatische Literatur

und Kunst ist ja in dieser Zeit in Frankreich durch Molière, Racine,

Corneille zur höchsten Wirkung emporgeführt. Und ebenso wie an den

Plafonds der Säle benutzt man die antike Allegorie in pompösen Balletts

zur Huldigung für irgendeinen Fürsten, vergleicht ihn, von dem die

Geschichte uns oft kaum den Namen überliefert hat, mit allen antiken

Göttern und Heroen. Damals werden die Urkunden geschrieben mit Titeln

und Würden, Siegeln und Stempeln, hinter denen keine Macht steht,

damals erscheinen die feierlichen Anreden und die lange, unterwürfige

Unterschrift, damals kommt das Pochen auf Rang und Titel, so daß es

nichts Schwierigeres gibt, als einen Zug von Fürstlichkeiten zu ordnen,

und man eigene Bücher von der Zeremoniellwissenschaft verfaßt hat;

damals aber ist auch die Zeit, in der kein Niedriggestellter sein

Recht finden kann. Die breit auf dem Kopfe thronende Allongeperücke

wird das Zeichen der Würde, die französischen Brocken im Brief das

Zeichen der Bildung, und alle Gefühle werden so ins Äußerliche

übersetzt. Das Hochzeits- oder gar Trauerkarmen, das man selbst

den nächsten Verwandten schreibt, wird guter Ton, und von geradezu

grotesker Komik wird die Verlogenheit, wenn hier der kleine Bürger

mitmachen will, wenn die Stadttore antike Triumphpforten werden, auf

dem Marktbrunnen jedes Nestes ein grollender Neptun erscheint, aus

dem ehrsamen Goldschmied Peter Dingsda in den Innungslisten in einem

Jahr plötzlich ein Monsieur wird, oder Joh. Seb. Bach alle Götter des

Olymps zur keineswegs scherzhaft gemeinten Huldigung an den Obstzüchter

Augustus Müller aufruft. Man trieb solche Dinge bis zur Spielerei,

ließ vom Zuckerbäcker Schaugerichte mit allegorischen Darstellungen

anfertigen, die gar nicht zum Essen bestimmt waren, und benutzte

die Geschicklichkeit des Handwerkers zur Herstellung spielerischer

Kuriositäten und mechanischer Kunststücke. Es ist ohne Sinn, hier

Beispiele zu häufen, genug, daß überall hinter einer prunkvollen

Außenseite ein wenig inhaltreiches Leben sich verbirgt, wie hinter den

bombastischen Buchtiteln der Zeit oft der geringfügigste Inhalt sich

findet, oder die Kriege zwar von den Heeren gekämpft, aber von den

Diplomaten entschieden werden.

Bei diesem Kulturstand der Epoche, bei dieser Steigerung der

individualistischen Tendenz bis zur eigenwilligen Arroganz mußten die

vom Zweck gelösten Künste, mußten Freiplastik und Tafelmalerei zur

höchsten Freiheit künstlerischen Wollens sich entwickeln, Reliefplastik

und Wandmalerei ihren tektonischen Bedingungen sich ganz entfremden.

Es genügt, auf die Illusionen in den Plafonds hinzuweisen, von denen

schon die Rede war, um das ohne weiteres festzulegen. Es kam dazu,

daß die prunkliebenden Fürsten und das reiche Bürgertum durch die

Menge der Kunstwerke, deren sie zur Verewigung ihrer Persönlichkeit

und zum Schmuck ihres Lebens bedurften, dem Künstler ebenso reiche

Arbeitsmöglichkeiten boten. Allein schon von der Plastik wurden

in einem fürstlichen Schloß, an den Wegen seiner Parks, in den

Becken seiner Wasserkünste, an der Fassade und in den Räumen des

Schlosses Hunderte von Skulpturen gefordert, die sie vor eine Fülle

künstlerischer Probleme stellten. Naturgemäß aber stehen in dieser Zeit

die Aufgaben im Vordergrund, die der Verherrlichung des Bestellers

dienen; wie die Poesie der Zeit Huldigungskarmina, schafft die Plastik

Porträts und Denkmäler. Gerade hier spielt die Veräußerlichung der

Gefühle, die dieser Epoche eigen ist, eine Hauptrolle. Nicht nur daß

man pompöse Grabdenkmale aufführt mit Wappen und mit den Allegorien

der Tugenden übersät, wie man den Lebenden mit Titeln überschüttete --

man kommt sogar so weit, der heiligen Dreifaltigkeit und der Madonna

auf offenem Markt Monumente zu setzen, die nicht Altäre, sondern im

eigentlichsten Sinne des Wortes Denksäulen sind.

[Illustration: Abb. 27. Schlüter. Denkmal des Großen Kurfürsten.]

Gegenüber solchen Dingen ist das Monument eines Fürsten, wie Andreas

Schlüters Denkmal des Großen Kurfürsten in Berlin (Abb. 27), nur das

typische Beispiel einer Sitte, die in Frankreich damals zahlreichere

Werke schuf, und zugleich ein äußerst charakteristisches Beispiel

für die Plastik des Barock. Der bauchige Sockel erhält die Struktur

durch vier schwere Ranken an den Ecken, die zugleich die Funktion der

Pilaster in der Architektur ausüben, seine horizontalen Gliederungen

zusammenfassen und aufwärts führen zum ausladenden oberen Rand, über

dem die Standplatte für das Reiterbild ansetzt. Vier gefesselte

Sklaven schmiegen sich eng mit diesen Ranken zusammen, von starrster

Verzweiflung bis zu ergebener Huldigung alle Empfindungen des

unterworfenen Feindes aussprechend, in Gesicht und Körper erregt bis zu

äußerster Leidenschaftlichkeit des Affekts. Von gleich ausdrucksvollem

Pathos ist die Gestalt des triumphierenden Fürsten. Sein Roß schreitet

erregt vorwärts, die Mähne gesträubt, die Nüstern gebläht, energisch

in der Bewegung, die über das absichtlich schmale Postament Kopf

und Hals hinausführt. Wir sahen ja, daß das Barock Skulpturen in

zu enge Nischen setzt, um ihren Ausdruck zu steigern. Die ruhige

Sicherheit des Reiters bekommt ihren Wert durch den Kontrast, in

dem das Zurückbiegen und die stolze Seitwärtsdrehung seines Körpers

zu dem vorwärtsgerichteten Schreiten des Pferdes steht. Das Werk

ist ausgeglichen in Kunstform und Gedankeninhalt. Die Kunstform hat

jenes feine Verschmelzen und Ineinanderstimmen der Teile, das wir

als Stileigenschaft kennen lernten, bis ins feinste durchgebildet.

Wie die Sklaven den Ansatz der Ranken verhüllen, um von den Stufen

zu ihnen eine weiche Überleitung zu schaffen, wie die Reiterfigur

diese aufsteigenden Linien fortsetzt, die sich im Haupt des Mannes

vereinigen, ist außerordentlich fein berechnet. Man denke an ein

Reiterstandbild der Renaissance, etwa Donatellos Gattamelata. Dort

ist der Sockel durchaus nur Träger des Denkmals. Dem Barock aber, dem

die weiche Linienbewegung Stilbedingung ist, muß Schlüters Bildwerk

ein Muster von Würde gewesen sein. Denn überall dort, wo lebhaftere

Empfindungen geweckt werden sollten, wäre im Barock das Monument

jäh vom schmalen Postament aufgestiegen, während dieses langsame

Ansteigen von breiter Grundfläche äußerst würdig gewirkt haben muß.

So begreift sich der Sinn der pompösen Allongeperücke, während jene

lebhafte Bewegung das Interesse der Zeit am ägyptischen Obelisk

erklärt. Beruht so die architektonische Wirkung im Denkmal auf der

harmonischen Verschmelzung der Teile, so beruht die innere Wirkung auf

der energischen Differenzierung der Kontraste. Der Gesamteindruck des

Monuments ist bedingt durch den Gegensatz zwischen den Unterjochten

und der Triumphgebärde des Herrschers, zwischen besiegter Schwäche

und siegender Kraft. Der Kampf spielt in dieser Zeit dieselbe Rolle

wie in der Kunst der hellenistisch-römischen Epoche auch. Und die

Wirkung beruht ebenso auf dem Gegensatz des Besiegten und des Siegers,

von denen der eine unser Mitleid um so mehr erregt, je mehr wir

der Stärke des anderen uns freuen. So wird im Barock die Kraft des

Siegers gewalttätig bis zur Roheit, die Hoheit, wie im Denkmal des

Großen Kurfürsten, stolz bis zur pathetischen Geste, die Schwäche

des Unterliegenden gesteigert bis zur sentimentalen Weichheit. Daher

die vielen Schilderungen von mythologischen Kämpfen zwischen Männern

und Frauen, die uns gerade jetzt, etwa bei dem Hauptmeister der

italienischen Barockplastik, Lorenzo Bernini, begegnen, Apoll und

Daphne, Pluto und Proserpina, am ausdrucksvollsten Rubens’ Gemälde:

Die Amazonenschlacht und Der Raub der Töchter des Leukippus. Auch

hier ergibt sich dasselbe wie in der deutschen Spätgotik und der

spätrömischen Kunst, daß erregtester Zorn und sentimentalste Weichheit

nur Ausdrucksformen derselben dramatischen Erregung der Zeit sind.

Hand in Hand damit geht die physische Erregung in der Körperbewegung

der Gestalten. Die Zeit hat die Studien der Renaissance weiter geführt,

kennt den Körper bis in die letzten Geheimnisse des Gelenkes, weiß

jedes Glied zu bilden und zu bewegen und nutzt diese Kenntnis aus bis

zur letzten Möglichkeit dreidimensionalen Ausdrucks. Man nehme etwa den

vordersten Sklaven des Denkmals, bei dem jedes Glied im Kontrast zum

anderen steht, schon hier, wo die Gestalt doch durch ihren Hintergrund

gebunden ist, während bei Freiskulpturen, namentlich bei Gruppen,

der Körper sich nach allen vier Seiten hin entwickelt. Einer kühnen

Bewegung zuliebe, an deren Gelingen man sich freut, wird die Grenze

manierierter Verdrehung oft hart genug gestreift. Und alle diese

Bewegungen sind um so eindrucksvoller, je momentaner sie sind, um so

interessanter und reicher, je mehr sie für den nächsten Augenblick

eine Veränderung verheißen, und, wie beim römischen Laokoon, um so

kräftiger, je kleiner das Hindernis ist, gegen das die Bewegung sich

richtet. Die Kleinheit der Ketten, mit denen die Sklaven an den Sockel

des Kurfürstendenkmals gefesselt sind, ist ein gutes Beispiel dafür.

Es ist von vornherein anzunehmen, daß die Malerei sich nach denselben

Geschmackstendenzen entwickelt, parallele Erscheinungsformen schafft

und daß diese nur gemäß der größeren technischen Beweglichkeit

mannigfaltiger sich aussprechen. Denn die Plastik, deren Werke

materiell kostbar sind, ist in dieser Epoche die eigentlich höfische

Kunst geblieben, während die Malerei und mehr noch der Kupferstich

bis in jedes Bürgerhaus gelangen konnte. Man darf sich also nicht

wundern, die Malerei geradezu in sozialen Schichten entwickelt zu

sehen. Sie erscheint als repräsentative Malerei, die mit antiken

Mythologien großen Formates Wände und Decken der Paläste füllt, und

als bürgerlicher Zimmerschmuck voll einfach klaren Gefühls, ein

Unterschied, der selbst im Porträt fühlbar wird. Immer aber steht sie

ganz selbständig, oft, wie wir sehen, selbst auflösend, innerhalb der

Architektur, die diese vorgetäuschte Raumerweiterung ebenso fordert,

wie einst im pompejanischen Haus. Auch hier also handelt es sich um den

räumlichen Ausdruck des Bildes, der gegenüber der Renaissance freier

und reicher geworden ist. Landschaften, Räume und Körper sprechen in

den naturgesehenen Lichtabstufungen die räumlichen Differenzen aus,

und allein die impressionistische Malweise und die schnelle und weiche

Radiertechnik, deren Aufkommen für diese Zeit bezeichnend ist, vermag

sie vollkommen wiederzugeben.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 4 / 9 段