Der Barockstil.

Während italienische Formen immer stärker in die Kunst Deutschlands,

Frankreichs, der Niederlande eindringen, hat Italien selbst, das so

fast ganz Europa sich künstlerisch unterworfen hat, den Bauausdruck

immer stärker im Gegensatz zur Zweckform entwickelt. Jene Tendenz

auf das Pathos groß wirkender Bauformen, die schon der Renaissance

zugrunde lag, wird im Barock zu einer architektonischen Geste, die,

weit ausholend, an der Villa den Park, vor der Kirche den ganzen Platz

in den Dienst desselben Eindruckes stellt. Der Name des Stiles, der die

bizarre Krümmung der Bauformen bezeichnet, trifft hier so wenig wie

sonst sein Wesen. In Wahrheit handelt es sich um so tiefe seelische

Erschütterungen, daß Visionäre auftreten, wie Ignatius von Loyola, daß

die Kunst überwiegend kirchlich wird und ihre Wirkungen sich bis zur

Ekstase steigern. Kein Stil war innerlich der Gotik verwandter.

Wo die Renaissance vom Kirchenbau sprach, war die Absicht, wie im

Profanbau, äußerste Konzentration der Anlage bei strenger Betonung

von Ecke und Wand. Der fast quadratische Grundriß ist ebenso straff

wie der des Palazzo, und an die Stelle des sammelnden Hofes tritt die

Kuppel. So ist der Idealgrundriß einer Kirche gedacht, den Filarete in

seiner theoretischen Schrift entwirft, und auch Michelangelos berühmte

Kuppel für St. Peter in Rom war so beabsichtigt. Machtvoll sollte sie

den Kirchenraum zusammenfassen, machtvoll den Außenbau krönen. Und

nun ist es charakteristisch für die Stilwandlung, zu sehen, wie das

Barock, der Vollender des Baues, die Absichten des Schöpfers umgeformt

hat. Es hat ein tonnengewölbtes Langschiff vor diese Kuppel gelegt,

so daß am Ende des düsteren Tunnels ihr leuchtender Glanz über dem

Altare um so heller strahlt. Und im Außenbau nimmt die Kuppel die

Formen der Fassade auf; ihre aufwärts fließenden Linien bedeuten für

sie die Auflösung nach oben. So ist sie in Außen- und Innenbau gleich

eindrucksvoll aufgenommen; allein man muß sich fragen, wie es möglich

war, Michelangelos Kuppel in einer Weise zu vollenden, die für unser

Auge die vollkommene Vernichtung der Absichten des Meisters bedeutet.

Hat doch das Barock sich überall an Michelangelo angeschlossen und ihn

gefeiert wie nie einen zweiten.

Die Lösung gibt eine zweite scheinbare Vergewaltigung. Michelangelos

gewaltiger Moses ist vom Barock in S. Pietro in Vincoli in eine viel

zu enge Nische gestellt worden, die uns Heutigen unerträglich auf

das Bildwerk zu drücken scheint. Allein man hat festgestellt, daß

das Barock es liebte, Skulpturen in einen engen Raum zu stellen, um

so ihre Bewegung um so sieghafter erscheinen zu lassen. Von diesem

Gesichtspunkt genommen, ist die Aufstellung des Moses zu ihrer Zeit

eine Idealaufstellung gewesen, trotz der anderen Wirkungsabsicht des

Schöpfers, der eben einer früheren Periode angehörte. Und genau so muß

die Verwendung der Kuppel Michelangelos für den Barockgeschmack eine

außerordentliche Steigerung ihrer Wirkung bedeutet haben. Um das zu

verstehen, ist es notwendig, den Kirchenbau des neuen Stiles genauer

kennen zu lernen.

Es ist dabei fast gleichgültig, wo man seine Denkmäler aufsucht.

Niemals vorher ist der Katholizismus so international gewesen wie

gerade jetzt. Das liegt nicht nur an der Arbeit des Jesuitenordens,

nicht nur an der Arbeit der Kirche selbst; diese ist vielmehr

Gegenwirkung gegen die Loslösung der politischen Faktoren von der

kirchlichen Macht, die ihrerseits immer weniger weltlich, immer mehr

Religion werden muß. Es ist dieselbe Scheidung, die jetzt Wissenschaft

und Religion, welche die Scholastik in sich vereint hatte, voneinander

trennt, und das Endresultat ist die Gesinnungsfreiheit Friedrichs

des Großen: „Hier muß ein jeder nach seiner Façon selig werden.“ Der

Absolutismus der Fürsten, der sich jetzt als Regierungsform entwickelt,

erlaubt der Kirche keine tatsächlichen Eingriffe in die aktive Politik;

allein sie herrscht mittelbar durch ihren Einfluß, der international

und um so gefährlicher ist. Auch dieser staatliche Absolutismus konnte

sich nur als internationaler Gedanke entwickeln. Die Landesgrenze ist

keineswegs mehr die Grenze des Volkes, und über dessen Bedürfnisse

hinweg, oft ohne sie zu kennen, strebt der Fürst nach Idealen

internationaler Kultur, die sein Volk nicht begreift. Wohin das führt,

zeigen die ehrgeizigen Prachtbauten kleiner Fürsten, die es Ludwig XIV.

gleich tun wollten, zeigen aber auch die Versuche Peters des Großen

und Josephs II., ihr Volk zu kultivieren. So ist es kein Zufall, wenn

das Barock nach einem internationalen katholischen Kirchenbaustil

einen ebenso internationalen Palaststil ausgebildet hat. Es ist ganz

bezeichnend, daß die Kirchen des Protestantismus, wenn auch aus

denselben Stilelementen gebildet, doch wesentlich ruhiger geformt sind,

und die protestantische Dresdener Frauenkirche ein Bau von erhabenster

Größe ist.

So haben wir ein Recht, das Beispiel für den katholischen Kirchenbau

nicht aus dem Italien des Vignola, Maderna und Bernini zu holen,

sondern aus dem katholischen Bayern, wo die Zahl der Barockkirchen

schlechterdings Legion ist. Die Theatiner-Hofkirche in München (Abb.

20) bietet nicht nur ein besonders edles Beispiel des Stiles, sondern

gestattet selbst, seine beiden Entwicklungsphasen zu erkennen,

deren jede am Bau Teile, wie Jahresringe, angesetzt hat. In der

Hauptsache 1661-1675 errichtet, ist der mittlere Hauptteil der

Fassade durchaus ein Beispiel des strengen römischen Stiles. In zwei

Geschosse zerlegt, fließt in jedem die Bewegung in großen Wellen

dahin, mit Doppelpilastern im Untergeschoß beginnend, über andere

Pilaster der Mittelachse zugeführt. Das Barock liebt den schweren

Wandpilaster; nur wo die Welle dieser Bewegung einen Moment gehemmt

wird, vor dem Mittelportal, das durch diese Pause seine Betonung

bekommt, steht, überleitend, eine runde Säule. Auf jeder Seite

dieser Mittellinie symmetrisch an- und abschwellend fließt die Welle

über die ganze Fassade, um sich in der Mitte mit großem Schwung zu

erheben. Hier strebt der Bau energisch aufwärts. Was die Reihe der

übereinanderstehenden Pilaster, die durch die Vasen in die Luft gelöst

wird, vorbereitete, gipfelt in der Kontur des Giebels, die allmählich

steigend nach der Mitte sich erhebt. Es ist die Funktion dieses

wichtigsten zusammenfügenden Bauteiles, die in St. Peter von der Kuppel

übernommen wurde. Die Kuppel der Theatinerkirche ist für die Fassade

überhaupt ohne Wert, und eben das ist beweisend für die Absicht, der

Kuppel Michelangelos in der heutigen Verwendung eine beherrschende

Stellung in der Fassade zu sichern. So ist die Wandauflösung

vollkommen. Ihren Eindruck bestimmt nicht der Innenbau, sondern eine

wagerecht durchgeführte und in der Senkrechten gesammelte Bewegung von

erstaunlicher Lebhaftigkeit, vergleichbar dem musikalischen Gebilde der

Fuge, und es ist vielleicht kein Zufall, daß auch diese derselben Zeit

ihre Entstehung dankt.

[Illustration: Abb. 20. München, Theatiner-Hofkirche. Äußeres.]

Die Türme, 1690 hinzugefügt, zeigen in jeder Linie die Absicht, die

Fassadenbewegung noch zu verstärken, zeigen die Ekstase vom Ende des

Stiles. Vom Erdboden bis in den Turmhelm gehen hier die Linien der

Pilaster über die verkröpften Simse hinweg. Und die Weichheit dieser

Übergänge von der Basis in den Pilaster, vom Pilaster in den Architrav,

vom Architrav in das horizontale Sims, vom Sims in die Pilasterbasis

des zweiten Stockwerks und weiter bedeutet für das Auge eine Bewegung

der Wand in vertikaler Richtung, deren Wellen viel leiser, aber auch

viel unabirrbarer ziehen als die des Mittelschiffes. Es ist von

derselben Art, wenn auch die seitlichen Begrenzungen der Türme nicht

streng sind, wenn ihre Wände an den Ecken nicht in scharfen Kanten

zusammenstoßen, vielmehr durch Abstufung der Pilaster in weicher

Biegung über die Ecken hinweggeführt werden. Da diesen Pilastern

nach der Wandfläche zu ebensolche Halbpilaster vorgelegt werden, so

entsteht eine zweite Bewegung in horizontaler Richtung, die der ersten

entgegenarbeitet und dadurch die lebhafte Bewegung des ganzen Bauteiles

bewirkt. Es ist ungemein interessant, daß die Voluten am Turmhelm

keineswegs die Linien der Hauptpilaster weiterführen, sondern von

ihnen aus einander genähert werden, und zwar bis zum gleichen Abstand

voneinander. So hört im Turmhelm die Betonung der Ecke auf, entsteht

eine vollkommene Rundung, die in der Auflösung des Turmes nach oben

zugleich eine Auflösung seiner Motive bewirkt.

Überraschend ist die Verwandtschaft der Fassade mit der Front der

gotischen Kathedrale (Bd. I, Abb. 58). Daß das Malerische der

Gliederung, die auch hier wesentlich als Abfolge von Licht und Schatten

wirkt, die Auflösung durch zwei Türme und einen Mittelgiebel oder durch

Fialen, an deren Stelle hier die Vasen stehen, und anderes an beiden

Kirchenfronten sich findet, ist mehr als bloßer Zufall. Hören wir doch

gerade im Barock von gelegentlicher Wiederbelebung der Gotik. Hat es

doch unzählige romanische Kirchen in seinen Geschmack umzugestalten

für nötig befunden, da sie ihm kahl und nüchtern schienen, aber

keine einzige gotische. Tatsächlich ist zwischen diesen malerisch

empfindenden Stilen eine innerliche Verwandtschaft. Auch im Barock ist

die Ausgestaltung eine lediglich dekorative. Ihre Absicht geht auf eine

Bewegung, die groß und würdig ist. Sie ist zweifellos erreicht, allein

nicht mit der sachlichen Würde etwa des romanischen Stiles, sondern mit

dem Pathos dekorativer Gesten.

[Illustration: Abb. 21. München. Theatiner-Hofkirche. Inneres.]

Wie in der Gotik ist auch hier das Verhältnis zum Innenraum kein

tektonisches, ist nicht bedingt durch den Grundriß des Baues, sondern

durch den wirkungsvollen Eindruck. Auf die in ihren großen Formen

verhältnismäßig ruhige Front folgt ein Kirchenraum von überraschender

Größe des Raumgefühls und, bei aller Pracht, fast klassischen Formen

(Abb. 21). Die Großlinigkeit dieser korinthischen Säulen, Gebälkfriese

und kassettierten Bögen steht zu den kleinen Teilungen derselben

Formen in der deutschen Renaissance (Abb. 17) in völligem Gegensatz.

Nichtsdestoweniger zeigt eine so häufige Form wie die spindelförmig

gedrehten Säulen am Altar wieder eine innere Verwandtschaft mit der

Gotik. In deren Spätstil wurden solche geschraubten Säulen erwähnt,

aber was dort ein Aufwirbeln bedeutet, ist hier ein mühevolles

Sichemporwinden gegen eine drückende Last. Ebenso ist der gebrochene

Giebel darüber zu verstehen, der hier auch im Außenbau vorkommt und

überhaupt charakteristisch für den Stil ist. Zu ebenso großer Bewegung

wie der Einzelteil sammelt sich der ganze, festlich geschmückte

Innenraum. Auf antikisierender Bogenarchitektur ruhend, mit schweren

Tonnengewölben geschlossen, führt das Hauptschiff unter der Kuppel

weg bis zum Altarraum; das Sims vor allem, das die Obermauer des

Mittelschiffs von der Stützenreihe scheidet, ist hier führende Linie.

Die Absicht geht allerdings darauf, im Innen-, wie schon im Außenbau,

die Teile zu großen Wirkungen zu verschmelzen, an Stelle ihrer

tektonischen Scheidung den Zusammenfluß zu geben. So verkröpfen sich

die dekorativen Säulen des Mittelschiffes im darübergelagerten Sims,

um, als Gurtbögen fortgesetzt, das Gewölbe in sich einzubeziehen.

So wächst die Kanzel als Form geradezu aus der Säule heraus, an der

sie befestigt ist, bildet auch der Altar nur einen Bestandteil des

Altarraumes, keinen selbständigen Organismus. Nicht nur, daß das

Fenster in der Kirchenmauer als leuchtendes Auge Gottes zu einem

Glied des Altars wird, ebenso werden seine gedrehten Säulen durch die

Linien der Gewölbe fortgesetzt. Auch der Beginn dieser Tendenz liegt

in Italien. Ihre Geburtsstätte ist vielleicht die Mediceerkapelle

Michelangelos, wo der Meister die Fensteranlage zusammen mit der

Grabanlage schuf, nicht nur mit der Absicht, die volle Beleuchtung

zu erzielen, sondern um bestimmte Ausdrucksakzente in die Figuren zu

legen, etwa durch die Beschattung von Giulianos nachdenklichem Kopf.

Allein wir sehen nun, daß solche Verschmelzung jeden Teil um den

klaren Ausdruck seiner Funktionen bringt und eine charakteristische

Eigenschaft untektonischer bewegungsuchender Stile ist. In der späten

Gotik fanden wir sie ebenso wie im Stil der ausgehenden Antike. Während

der romanische Altar eben nur ein Tisch war, war beim spätgotischen

der Aufsatz Hauptsache geworden, der für das Auge seine feinen Spitzen

mit den ruhelos aufwärts strebenden Pfeilerlinien verflicht. Man wird

nun auch den Außenbau der Barockkirche und seinen Parallelismus zur

gotischen Fassade verstehen. Es handelt sich in beiden Fällen nicht

nur um eine Verknüpfung der horizontalen Geschosse, sondern zugleich

auch um eine weiche Auflösung nach oben, nach Analogie der eben

festgestellten Wirkung um eine Art Verschmelzung mit dem Luftraum.

Und es ist nur natürlich, wenn wir eine parallele Erscheinung auch

im Innenraum der Barockkirche finden. Hier ist die Kuppel zugleich

Zusammenfassung und Auflösung; nach ihr zu öffnen sich Hauptschiff,

Seitenschiffe und Altarraum in mächtigen Bögen. Sie faßt den Raum in

sich zusammen und läßt ihn mit ihrer großen Zahl von Fenstern in den

Luftraum verströmen. Sie beherrscht den Raum, und es war daher keine

Pietätlosigkeit, sondern im Gegenteil die Absicht einer besonderen

Wirkungssteigerung, die der leuchtenden Kuppel Michelangelos ein

düsteres Langschiff vorlegte.

Die Kuppel der Barockkirche ist keine tektonische Verknotung der

Bauteile, wie die der romanischen Kirche (Bd. I, Abb. 41). Sie

schließt den Bau nicht als Architekturglied zusammen, sondern wirkt

durchaus malerisch und zwingt durch ihr Licht das Auge nach der Stelle

des intensivsten Ausströmens hin. Sie ist nicht so sehr Körper wie

Beleuchtungseffekt, ja neben der ruhigen Architektur der romanischen

Kuppel ist sie geradezu formlos. Nicht nur weil bei dieser nur vier

Fenster in den Ecken die Struktur betonen, während hier acht Fenster

das ganze Rund durchbrechen und in Schein und Widerschein ihre Konturen

und die Konturen der Kuppelteilungen verwischen; auch der Dekor wirkt

an dieser Zersetzung mit. Zwar noch werden die Hauptlinien, die

Begrenzungen der Kuppel und der Zwickel, von denen sie getragen wird,

festgehalten, allein überall hinein setzt sich schon das lebhafteste

Ornament, Ranken, die in kompliziertesten Kurven bewegt sind, oder

figürlicher Schmuck. Gerade er gibt den Formen die Überleitung zur

Nebenform, so, wenn der Schlußstein der Bögen, in denen sich das

Hauptschiff nach dem Seitenschiff öffnet, und dem eigentlich ein

ganz tektonisches Gefühl zugrunde lag, in eine Ranke umgeformt wird,

von der aus ein kleiner Engel mit den Händen bis in die Obermauer

hinübergreift, oder wenn die Zwickel, auf denen die Kuppel ruht,

diese wichtigen struktiven Glieder, nicht nur mit reichverschlungenem

Bandornament gefüllt, sondern von ihm geradezu zerrissen und am Rand

vollkommen aufgelöst werden. Für diesen Aufputz fand man im Stuck

den schmiegsamen Stoff, der sich willig jeder Form fügte. Gerade

dieses Material hat ungeheure Verheerungen in den romanischen Kirchen

angerichtet, die man mit seiner Hilfe sehr leicht barock umdekorieren

konnte.

Die vollkommene Überwindung der Zweckbedingungen durch technische

Gewandtheit und die reichste Ausbildung der dekorativen Formen macht

also das Bauwerk frei für jede Art des künstlerischen Ausdrucks. Die

vollkommene Sprengung des früher durch seine natürlichen Bedingungen

begrenzten Raumes ist seine erste Absicht, ihr Resultat an der Fassade

die Auflösung der Stockwerksbegrenzungen nach oben, im Innenbau die

Raumauflösung durch die Kuppel. Daß man andererseits danach strebt, die

Bauteile möglichst miteinander zu verknüpfen, ist nur scheinbar ein

Paradoxon. Vielmehr bedeutet beides eine Aufhebung der funktionellen

Differenzierungen zugunsten einer einheitlich dekorativen Wirkung.

Damit aber hört die Kirche auf, allein ihrem Zwecke zu dienen, und

wird ein künstlerisch repräsentatives Monument. Der Architekt selbst

wird ein großer Hofherr mit vielen Titeln, den man sich von weit her,

in Deutschland meist aus Italien oder Frankreich kommen läßt. Das Wort

„Künstler“ bekommt damals schon jenen Sinn des herrischen Gegensatzes

zum Handwerk. Und die Zünfte führen oft einen verzweifelten Kampf

gegen Leute, die ihnen nicht angehören und unmittelbar im Dienste der

Fürsten an den einträglichsten Stellen stehen. Wie die Kirche wird

auch die Messe aus einem Gottesdienst immer mehr zu einem ekstatischen

Schauspiel. Ihr Eindruck liegt nicht mehr in ihren klaren Worten,

sondern in der Musik, die ausdrucksvoller Träger ihrer Stimmung wird.

Hier bedeutet Bachs Hohe Messe in ~H~-Moll den Höhepunkt. Man darf

die Rückkehr unserer Zeit zu Bach nicht als Rückkehr zum Primitiven

ansehen, wie das wohl geschehen ist. Er ist nicht primitiv. Die

mittelalterliche Messe mochte es sein, die ihre Musik aus dem Rhythmus

des gesprochenen Textes folgerte. Bach ist der echte Barockmeister, wie

Mozart in seinem gesteigerten Ausdruck der echte Rokokomeister ist.

Wie im Credo der ~H~-Moll-Messe sich die Oboe um die Solostimme legt,

das hat seine frappantesten Parallelen im Verhalten der Barockranke zu

den gedrehten Säulen, in deren tiefe Windungen sie sich einschmiegt.

Mit der Messe wird auch ihre Zelebration zum Schauspiel. Wie der Römer

an die Stelle der kunstreichen griechischen Arbeit das Prunken mit

pfundschweren Goldarmbändern setzte, so tritt nun an die Stelle der

fein geformten Geräte die Pracht reicher Gewänder, mit Edelsteinen

übersäter Mitren und Bischofsstäbe. Es macht einen seltsamen Eindruck

von kultivierter Barbarei, im Domschatz zu Limburg a. L. neben den

edlen mittelalterlichen Emailreliquiaren Ornatstücke des Barock zu

finden, die in der Form ohne jede Feinheit sind, bei denen aber die

Fülle der Perlen und glitzernden Edelsteine kein Fleckchen des Grundes

freiläßt.

Diese Absicht, Repräsentation und Prunk geradezu zum Zweck des

Lebens zu machen, ist der Grund dafür, daß sich diese Kultur in den

öffentlichen Bauten ihren wichtigsten Ausdruck geschaffen hat. Die

bürgerliche Baukunst tritt hinter ihnen zurück, sucht jedoch ebenso das

Pathos wuchtiger Formen, wie der Danziger Innenraum (Abb. 19) zeigte.

Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts aber ist die Stilbewegung in eine

neue Phase getreten. Was Italien bisher für das kirchliche Barock ist,

wird Frankreich jetzt für das profane Barock, und sein Einfluß auf die

gesamte europäische Kunst ist nicht geringer dank der Hilfsquellen, die

dem Absolutismus Ludwigs XIV. zu Gebote standen, und der Rolle, die

er im politischen Leben Europas spielte. Es ist ungemein interessant,

hier die Pfade zu verfolgen, die Politik und Kultur verbinden. Sicher

in der Absicht, Frankreichs Kunstindustrie zu heben, verpflanzt der

tüchtige Finanzminister Colbert fremde Techniken nach Frankreich und

gründet hier jene königliche Manufaktur, die unter der künstlerischen

Leitung des Malers Lebrun eine Zentrale des Barockgeschmacks in

Frankreich wird. Zusammen mit den charakteristischen Werken des

Königs, seinen Schloßbauten, wie Versailles, deren bedeutende Meister

Hardouin Mansard und Robert de Cotte sind, wird sie der eigentliche

Träger des Zeitgeschmackes. Aber es ist gar keine Frage, daß diese

offizielle Kunst den letzten Rest der Volkskunst überwinden mußte,

weil sie an Geldmitteln und Nachfrage konkurrenzlos war, und daß sie

in Frankreich wie den übrigen Ländern Europas alle bodenständige Kunst

vollkommen nivellieren mußte. Europa war damals selbst in eminent

nationalen Fragen sehr wenig national gesinnt; in dem zerrissenen

Deutschland herrschten französisches Geld und französische Kultur

unumschränkt. So kann sich im 17. und 18. Jahrhundert von Frankreich

aus eine einheitliche Lebenskultur verbreiten, wie sie in der Gotik

von demselben Lande ausgegangen ist. Auch die deutschen Architekten

der Barockzeit, wie Schlüter (1664-1714) und Neumann (1687-1753),

haben in ihren Schlössern jeden Festungscharakter aufgegeben; sie sind

nichts weiter als Prunkbauten, die nur noch durch die Rücksicht auf den

möglichst wirkungsvollen Eindruck bestimmt sind.

In imposanter Breite lagert sich Balthasar Neumanns Würzburger

Schloßfront, mit den vorgestreckten Flügeln weit nach den Seiten

ausgreifend (Abb. 22). So sehr wird der Ton auf diese repräsentative

Aufrollung der Fassade gelegt, daß das Gebäude unverhältnismäßig

niedrig ist und nur sehr geringe Tiefe hat. Wie beim Kirchenbau werden

auch hier die seitlichen Bauendigungen als Ablauf der Fassadenbewegung

und der Mittelteil als ihr Sammelpunkt durch eigene Frontbildung, sog.

Risalite, betont. In zwei Geschosse geordnet, von denen das untere

gewöhnlich als Sockel gedacht und in Rustika ausgeführt ist, während

das obere schlankere oft noch ein Halbgeschoß (Mezzanin) einschließt,

werden sie durch übereinandergestellte Säulen oder Pilaster einem

Giebelfeld zugeführt, das das Risalit zusammenfaßt. Zwischen diesen

Fixpunkten wird die Wand entwickelt, in gleicher Dekoration, deren

Säulen die wagerechte Bewegung schrittweise begleiten. Aber wie

hier alle Formen reduziert, flächenhaft sind, ist es auch der obere

Abschluß. Seine Führung bleibt wagerecht, eine Attika meist, die den

Bau längs der ganzen Dachlinie auflöst, wie der durchbrochene Kamm das

Reliquiar im Übergangsstil des 13. Jahrhunderts, und diese Auflösung

wird noch weicher durch die Vasen oder Skulpturen, die auf der Brüstung

verteilt stehen. Hinter ihr schließt das breit gelagerte Mansardendach

(so genannt nach seinem Schöpfer, dem Architekten Mansard) den Bau ab.

[Illustration: Abb. 22. Würzburg, Schloß. Gesamtansicht.]

[Illustration: Abb. 23. Würzburg, Schloß. Kaisersaal.]

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 3 / 9 段