Schon in der Kunst der römischen Kaiserzeit überraschte die

Leichtigkeit, mit der man fremde, selbst exotische Formen aufnahm und

sich assimilierte. Hier -- bei der deutschen Spätgotik -- finden wir

die gleiche Fähigkeit, und das Rokoko hat sie ebenso besessen. Denn

das Streben nach Formenreichtum, das im Charakter dieser dekorativen

Epochen liegt, mußte in den Gebilden fremder Kunst viel reichere

Vorbilder sehen, viel stärkere Ausdrucksmöglichkeiten finden, als

in den mit dem Geschmack des Stiles entwickelten und daher für ihn

weniger interessanten eigenen Formen. So erklärt sich die Freude

an den zu Trinkgefäßen gefaßten Straußeneiern und Nautilusschalen,

ja, es findet sich selbst zartes chinesisches Seladon-Porzellan in

gotische Silberstreifen gefaßt, wie später in die Bronzeranken des

Rokoko. So erklärt sich aber auch die Gier, mit der sich die deutsche

Spätgotik auf die Formen der italienischen Renaissance stürzte, sie

vollkommen zusammenhanglos in die eigene Dekoration mit aufnahm und

die eigenen Formen in sie wandelte, Pfeiler in Baluster, Laubwerk in

Akanthus, Fialen in Obelisken, Maßwerk in Voluten, ohne daß dadurch

etwa ein einheitlicher Renaissance-Stil in Deutschland entstand. Es

ist eben falsch, den Stil nur nach dem Ornament zu benennen. Vielmehr

kann man durchaus sagen, daß die sogenannte deutsche Renaissance

nur eine deutsche Spätgotik mit italienisierendem Ornament ist.

Vielleicht versteht man auch von hier aus, wie es möglich war, eben

bei Albrecht Dürer, dem Hauptmeister der deutschen Renaissance,

dessen Hieronymus-Stich gleichzeitig ist mit der sixtinischen

Decke Michelangelos, so rein die Formen der deutschen Spätgotik

wiederzufinden.

[Illustration: Abb. 12. Dürer. Der Sündenfall.]

Gerade bei Dürer (1471 bis 1528) wird es deutlich, daß der Stil

dieser Zeit mit allen Wurzelfasern in der Spätgotik haftet. Der Kampf

zwischen den alten Formen und dem neuen Kunstwollen war es, der bei

ihm alle Schaffenskraft entwickelte. So stark wie er hat keiner um

die neue Schönheit gerungen; ihm genügt es nicht, die Vorbilder der

Italiener verstehend nachzubilden, ihm genügt es nicht, die Schönheit

zu schaffen, sondern er ringt um sie, wie Verocchio, und sucht ihrer

Gesetze Herr zu werden im Studium der Proportionen. Daß er es an dieser

formalen Schönheit nicht Genüge sein ließ, sondern in seinen Bildern

phantastisch reichen Formen und Gefühlen Ausdruck gab, unterscheidet

ihn vom Italiener der Renaissance. Allein eben dieses Interesse am

Gedanken, das naturgemäße Resultat der gotischen Geistesrichtung,

gehört zum Spätgotischen seiner Erscheinung. So erklärt sich im

Hieronymusblatt die fein empfundene Stimmung des Gelehrtenzimmers,

so aber erklärt es sich auch, daß er selbst in dem Werke, in dem er

vielleicht dem italienischen Schönheitsgefühl am nächsten gekommen

ist, im Sündenfall von 1504 (Abb. 12), dessen Gestalten ganz auf Grund

seiner Proportionsstudien entstanden sind, in wesentlichen Zügen

Spätgotiker bleibt. Man sieht freilich, es ist eine neue Schönheit

in diesen Gestalten, die mit stolzer Bewußtheit zur Schau gestellt

wird. Allein schon die Art, wie der Akt uns hier vor Augen tritt, ist

Beweis einer neuen Gesinnung. Zwar, auch das Mittelalter hat Adam

und Eva nie anders als nackt geformt (Bd. I, Abb. 45). Aber erst in

der Renaissance wird die Nacktheit des menschlichen Körpers die

entscheidende Form seiner Schönheit, während sie vorher nur Symbol

war, und Dürers Stich ist das wichtigste Denkmal der neuen Gesinnung

in Deutschland. In diesen schlanken und doch kraftvoll geformten

Gestalten ist von dem überzierlichen Schönheitsgefühl der gotischen

Kurve keine Spur. Großlinig werden die Körper umgrenzt, großflächig

durchgeformt, und die ruhig fließende, durch keine Einschnürung

zerstörte Linie des Frauenkörpers steht der Antike so nahe, wie weniges

damals selbst in Italien. Die Freude an so großen einfachen Formen

hatte dann die fast primitive Anordnung im Gefolge, die in diesem

Kupferstich die Körper in breiter Vorderansicht zur Schau stellt,

die Köpfe aber ins Profil wendet. Allein die krause Zeichnung des

zierlichen Lockenhaares verrät noch das spätgotische Gefühl, und ebenso

die Bevorzugung des leichtgestützten Spielbeines. Es ist ungemein

bezeichnend, daß das erste Problem, das Dürer aus der italienischen

Renaissance übernimmt und mit hartnäckiger Intensität studiert, gerade

dieses zwanglose Stehen mit gehobenem Fuße ist. Es liegt noch ein

Rest von der Spitzfüßigkeit der späten Gotik in seinem Interesse an

dieser Art des Stehens. Ja, das Problematische des Zeitalters, sein

innerer Widerstreit, macht das ganze Blatt zwiespältig. Diese klassisch

gedachten Akte stehen vor einem Hintergrunde von spätgotischem Reichtum

und spätgotischer Enge, ohne auch nur den Versuch zu machen, mit

ihm zur Bildeinheit zu verschmelzen. Spätgotisch gefühlt ist diese

Zerlegung des Waldes in Einzelstämme, ihre Überschneidung durch das

ornamenthaft knorrige Geäst mit seinen krausen Blättern. Allerdings gab

Italien damals die klarste Antwort auf viele Fragen der Raumgestaltung

und Körperbildung, die schon das 15. Jahrhundert gestellt hatte, und

das erklärt den Enthusiasmus, mit dem Dürer und seine Zeitgenossen,

besonders Hans Holbein d. ä., seine Lösungen ergriffen. Aber eine

Einheit, ein Stil entsteht auch in der Malerei nicht. Dürer gelingt

in den Werken seiner letzten Jahre eine Synthese deutschen Reichtums

mit italienischer Größe, die ihm das innere Gleichgewicht, seinen

Werken die monumentale Sicherheit gibt. Aber noch in der nächsten

Generation steht neben Hans Holbein d. j. (1497-1543), dessen Werke

die renaissancehafte Ruhe erreicht haben, Mathias Grünewald, der die

gotische Gefühlserregtheit bis zur Ekstase treibt und seine Altäre mit

gotischem Laubwerk krönt.

[Illustration: Abb. 13. Peter Vischer. Sebaldusschrein (sog.

Sebaldusgrab) in Nürnberg. St. Sebald.]

Genau dieselbe Aufnahme der Renaissanceformen in das Stilgefühl der

Spätgotik, wie in der Malerei, findet auch in der Plastik statt. Am

meisten von ihnen berührt wird Peter Vischer. Sein Sebaldusgrab in

Nürnberg, das geradezu als das Hauptwerk der deutschen Renaissance

gilt, ist trotz seiner italienischen Balusterformen das Werk eines

echten Spätgotikers (Abb. 13). Es ist schon bezeichnend, daß man das

früher geformte Reliquiar überhaupt mit einem dekorativen Gehäuse zu

umkleiden für nötig hielt. Die Art, wie der ganze Aufbau nicht fest

auf dem Boden steht, sondern auf Schnecken ruht, die als Füßchen

dienen, wie man das Reliquiar und die Reliefs durch das davorgelegte

kleinformige Gerüst zerschneidet, schließlich die Auflösung des oberen

Abschlusses durch die drei ornamental zerlegten kleinen Kuppeln,

all das ist vollkommen im Sinne der Spätgotik empfunden, und es ist

nicht nur äußerlich interessant, sondern sehr bezeichnend, daß die

Apostelfiguren des Grabes stilistisch den Gestalten des Italieners

Ghiberti so ähnlich sind, den wir ja als einen von gotischer Schulung

noch sehr stark abhängigen Künstler kennen lernten. Peter Vischers

künstlerische Entwicklung geht ähnlich wie die Dürers von der

spätgotischen Zerfaserung zu einer renaissancehaften Beruhigung der

Formen.

Damit ist die kunsthistorische Stellung von Malerei und Plastik

in dieser Epoche gegeben. Sie ist der letzte Ausläufer derselben

Bewegung, die mit der Gotik als Reaktion gegen die zweckvolle

romanische Kunst begann, und in allen Beziehungen ihre höchste

Steigerung. Plastik und Malerei gingen hier denselben Weg, den sie

unter parallelen Entwicklungsbedingungen in der hellenistisch-römischen

Zeit gegangen sind, befreien sich von den Fesseln der Architektur,

werden Freiplastik, Hochrelief und Tafelmalerei, steigern ihre

Ausdrucksformen bis zur höchsten Freiheit des Malerischen und

ihre Ausdrucksmöglichkeiten über die Genrekunst hinaus bis zur

Charakteristik des Menschen, zum Realismus. Aber es ist kein starkes

Bewußtwerden seiner Kraft wie in Italien, sondern die letzte Konsequenz

gotischen Gefühls. So erklärt es sich, daß sich Malerei und Plastik

nicht verhalten wie der neue tektonische Bürgerstil, sondern wie

der spätgotisch kirchliche. Denn sie sind Kirchenschmuck wie die

Monstranz. So bleiben sie noch mittelalterlich dumpf. Erst das bewußte

Erkennen der Umwelt, der Struktur des Raumes und des Menschen konnte

sie zu einer Vollkommenheit bringen, die sie aus eigener Kraft nicht

erreichen konnten. Um so begieriger ergriff das Zeitalter Dürers die

italienischen Lösungen all dieser Probleme: die Erkenntnisse von

Perspektive, Proportion und Anatomie. Das geschieht in derselben

Weise, in der der Norden den Humanismus versteht. Er ist als Trieb

zur wissenschaftlichen Erkenntnis genau so die höchste Steigerung

spätgotisch-mystischer Gefühlserregtheit auf weltlichem Gebiet, wie

die Reformation auf religiösem. Man hat es also keineswegs, wie oft

behauptet wird, in Italien und in Deutschland mit derselben Strömung

realistischer Kunst zu tun. Vielmehr beginnt diese Stilbewegung in

Italien mit der Frührenaissance und erreicht den höchsten Ausdruck

im Barock, während es in Deutschland noch die mittelalterliche Kunst

ist, die hier die letzten ihrer Werke schafft, um unmittelbar darauf

zu erlöschen. Die sogenannte deutsche Renaissance ist so sehr eine

Episode, der eigentlichen Stilbewegung Deutschlands so fremd, daß

die Anlehnung an Italien nur ein letzter Notbehelf ist, um das Ende

dieser tausendjährigen Entwicklung aufzuhalten. Gegen 1550 gibt es in

Deutschland keinen bedeutenden Maler oder Plastiker mehr.

[Illustration: Abb. 14. Gotischer Pokal von 1462 in Wiener-Neustadt.]

Die Aufnahme der italienischen Formen in Architektur und Kunstgewerbe

geschieht ebenso unter Zugrundelegung der alten gotischen.

Die tragkräftigen Balkenköpfe an der Außenseite des deutschen

Fachwerkhauses verwandeln sich in dekorative Konsolen, die hohen Füße

des Stollenschrankes in italienisierende Säulen, ohne das Gerät oder

die Hausfront, geschweige den Grundriß wesentlich umzuwandeln. Das

Resultat ist natürlich ein Kompromiß. So, wenn bei einem Tafelaufsatze

des berühmten Goldschmiedes Jamnitzer die weibliche Figur, die ganz

renaissancemäßig die Schale trägt, aus feinstem Gras- und Pflanzenwerk

emporsteigt, das das Stehen ihrer Füße verunklärt und von genau

derselben Art ist, wie das feinlinige Pflanzenwerk der Spätgotik. Die

Entwicklung eines einzelnen Gerätes, etwa des Pokals, kann den Weg der

neuen Formen vielleicht am klarsten aufzeigen.

Die Gliederung des gotischen Pokals (Abb. 14) ist nicht Klarlegung,

wie beim romanischen Kelch (Bd. I Abb. 46), sondern Bewegung des

Gefäßes. Auf schmaler, durch hohe Buckel zerteilter Platte hebt ein

dünner, steil ansteigender Fuß den nach oben sich verbreiternden Leib

des Gefäßes empor. Buckel begrenzen die Kuppa am oberen und unteren

Rand, aber von ihnen laufen Zungen aus, die sich lückenlos ineinander

verzahnen und so diesen Teil des Gefäßes in sich zusammenschließen.

Wenn von seinem unteren Rand aus loses Rankenwerk nach unten

weiterleitet, so führt das den Fuß ebenso in sich zurück, wie die

Doppelvolute die ionische Säule. Obgleich der Deckel durch einen

schmalen Rand gegen das Gefäß abgegrenzt wird, bildet er doch in allen

Linien dessen unmittelbare Fortsetzung. Dann erst stockt die Bewegung,

und hastig endet der Pokal in einen dünnen Stab, der nicht Deckelgriff

ist, sondern den Sinn der gotischen Kreuzblume hat. Das Verhältnis

des gotischen Pokals zum romanischen ist also dasselbe, wie das der

gotischen Kirche zur romanischen. War für den Eindruck des romanischen

Kelches nur der Zweck seiner Teilung bestimmend, so geht hier die

Absicht auf eine Eleganz, die in dem Aufbau ebenso zum Ausdruck kommt,

wie in der Ausgestaltung der einzelnen Teile. Schlank und schmal steigt

das Gerät pfeilschnell in die Höhe, und alle größeren Formen an ihm

sind zerspalten durch Buckel und Ornamente in Treibarbeit oder in

plastisch aufgelegtem Email, so daß auch in der Dekoration an Stelle

der flächenmäßigen romanischen Verzierung die plastische getreten ist.

Und nun werden gegen das Ende des Jahrhunderts die Einzelformen immer

stärker herausgehoben gegenüber der Grundform, die Buckel stärker

herausgetrieben, die Zungen in Windungen um den Pokalleib gelegt,

so daß er geradezu in Drehung befindlich scheint, wie die Säulen

des Braunschweiger Domes. Allein das bedeutet zugleich eine erhöhte

Wichtigkeit der Buckelreihen, die nicht mehr mit den gegenüberliegenden

eng verflochten sind, sondern einen Wert bekommen, der sie dann im

Buckelpokal der Renaissance zur wichtigsten Gliederung macht (Abb.

15). Seine Abstammung vom spätgotischen Pokal ist evident; es ist

derselbe schmale Fuß, derselbe breite Leib, dieselbe schmale Endigung

im Deckelgriff. Allein hier handelt es sich nicht mehr um Bewegung,

sondern um Ordnung, nicht mehr um die gotische Senkrechte, sondern um

die renaissancehafte Wagerechte. Die drei Buckelreihen von Körper und

Deckel wollen allein von der Proportion aus verstanden sein. Von der

mittleren aus, die so energisch ausladet, der oberen des Pokalleibes

also, wird die Gliederung im Gleichgewicht gehalten. Nicht nur, daß

die untere Buckelreihe des Leibes und die des Deckels, daß Fuß- und

Deckelgriff sich in den Gliederungen entsprechen: es ist aufs genaueste

abgewogen, daß, wenn auf den kleinen Deckelgriff der Deckel mit breiter

Ausladung folgt, über dem hohen Fuß ein schmalerer Buckelkranz sich

anschließt. Allein das ist nur eine schmückende, keine funktionelle

Teilung, nur vom Aussehen, nicht vom Zweck des Gerätes aus gewonnen. Es

will dabei gar nichts besagen, daß die eleganten Formen der Spätgotik

durch die knollige, derbere Art der Renaissance verdrängt worden ist,

etwa der kantige Fuß durch den italienischen Baluster. Darin spricht

sich nur die Absicht auf den wuchtigen, massigeren Eindruck aus. Ein

Ornament an und für sich kann nie konstruktiv sein, sondern wird es

erst durch seine Anwendung. So ist für den untektonischen Sinn dieser

Epoche die Vorliebe für den sog. Ornamentstich ganz bezeichnend, den

Stich ornamentaler Blätter als Vorlage für den ausführenden Handwerker.

Ist schon die Arbeitsteilung zwischen entwerfendem Künstler und

ausführendem Arbeiter charakteristisch für den Sinn der Zeit, so war

es außer Frage, daß diese Vorlagen in den Händen von Handwerkern mit

geringem Stilgefühl ebenso sehr verderblich wirken mußten, wie sie

andererseits das energische Durchdringen der fremden Formen erklären.

[Illustration: Abb. 15. Buckelpokal aus Lüneburg.]

[Illustration: Abb. 16. Zimmer aus Schloß Höllrich. Berlin.]

So wandelt sich auch das gotische Zimmer (Abb. 10) in das der

Renaissance (Abb. 16). Aus der Balkendecke, die als Stützform des

Plafonds dem Raum Sicherheit gab, wird die italienische Kassettendecke,

die nur den oberen Abschluß des Zimmers ausdrückt; aus der wandhaften

Holztäfelung, die das Klima verlangt, wird eine bloße architektonische

Dekoration. Bei einer Lübecker Täfelung (Abb. 17) teilen paarweis

gestellte korinthische Säulen, deren Schaft mit einer reich

ornamentierten Trommel beginnt, die Wand in Felder. Ist schon die Säule

durch diese phantastische Zusammenstellung italienischer Elemente mehr

Schmuck- als Trageform, so ist sie auch tatsächlich funktionslos -- sie

und das Gebälk, das sie tragen sollte, sind als bloße Scheinarchitektur

vor die Wand gesetzt, um deren Erscheinung zu bereichern. Geradezu

peinlich ist dann der Eindruck des Mittelfeldes. Denn hier ist eines

der kraftvollsten Architekturmotive als bloße Dekoration verwertet.

Wir sprachen beim Palast der italienischen Frührenaissance davon, wie

klar die Tragkraft des Bogens sich zum Ausdruck bringt, wenn man seinen

Organismus dadurch klarlegt, daß man die Keilsteine aufzeigt, und den

Schlußstein, der die ganze Konstruktion zusammenhält, figürlich betont.

Dieses edle Motiv wird nun hier aus jedem Zusammenhang gerissen und

einfach als Rahmung verwandt für eine Wappentafel, bei der willkürlich

verknüpfte Architekturteile mit gleicher Unsachlichkeit als bloßes

Rahmenwerk verwertet sind. Es wird also nicht nur der architektonische

Sinn der Wandtäfelung durch die Dekoration verschleiert -- diese

selbst verwendet architektonische Trageformen widersinnig dekorativ

und wendet Steinformen als Holzformen an. Die Vorbedingung hierfür war

gegeben durch das kirchlich spätgotische Stilgefühl, das mit seinen

eigenen Bauformen ebenso umsprang (Bd. I Abb. 62), nur geht die

Ausdrucksabsicht jetzt nicht mehr auf Zierlichkeit, sondern auf Würde,

nicht mehr auf Zerlegung, sondern auf Ordnung.

[Illustration: Abb. 17. Lübeck. Täfelung im Fredenhagenschen Zimmer.]

[Illustration: Abb. 18. Braunschweig, Gewandhaus.]

So kommt es, daß die Fassade, die Schauseite des Hauses, nun plötzlich

eine Wichtigkeit erhält, die sie bis dahin nicht besessen hat, und

unabhängig von der Innenarchitektur zu einem eigenen Ausdruckswert

gelangt (Abb. 18). Zwar die breiten Fenster, die eine so gute

Lichtverteilung schufen, sind noch beibehalten, auch die klaren

Horizontallinien der Simse, die außen anzeigen, wo die Stockwerke innen

sich scheiden. Aber genau so wie in Italien und abhängig von ihm stellt

auch in Deutschland die Hochrenaissance vertikale Gliederungen zwischen

die horizontalen, setzt an die Stelle des sachlichen Ausdrucks den

ästhetischen.

Die Front des Braunschweiger Gewandhauses, 1591 errichtet (Abb.

18), ruht auf einem Laubengang von drei wuchtigen, gleich breit

gespannten Bogen. Durch Säulen sind sie voneinander geschieden, und

Säulen wiederholen in den drei darüberliegenden Stockwerken dieselbe

Einteilung. So ist das eigentliche Gebäude gegenüber dem Giebel zu

einem festen Organismus zusammengeschlossen. Tatsächlich wird hier

ein Gegensatz beabsichtigt: über das Sims, das den Giebel vom Hause

scheidet, geht keine der Gliederungen hinweg. Über ihm setzt eine

neue, reichere Dekoration ein. Die Horizontalsimse verdoppeln sich;

damit sind die scharfgezogenen Grenzlinien zwischen den Stockwerken

zwar verwischt, aber die Mauerfläche ist stärker belebt. Wurden

im eigentlichen Hause je zwei Fenster durch die Säulen zu einer

Einheit zusammengeschlossen, so wird im Giebel jedes Fenster durch

einen Pilaster oder eine Herme vom Nachbarfenster geschieden. In

jedem Giebelstockwerk nehmen diese vertikalen Teilungen die des

darunter liegenden Stockwerks auf, die horizontalen Linien eines

jeden Simses werden durch gleitende Voluten am Rande zum nächsten

Sims emporgeführt, und allegorische Gestalten oder kleine Obelisken

sammeln diese Linien und führen sie über den Umriß des Hauses hinaus

in die Luft. Allein auch das ist Kulisse, ein Randornament, das mit

dem wirklichen Giebelrand nichts zu tun hat, genau so wenig, wie diese

ganze Gliederung mit dem ganz traditionell beibehaltenen Grundriß- und

Aufbautypus dahinter.

Auch in diesem Fassadenaufbau ist gotisches Gefühl überall lebendig.

Gotisch ist das entschiedene Betonen des Aufstiegs, trotz aller

wagerechten Gliederungen. Schon im ersten Geschoß über der Laube

sondert sich das Mittelfenster durch seine Breite heraus, die

Mittelfenster der darüber liegenden Geschosse stehen geradezu isoliert,

in denen des Giebels geht die Linie weiter, steigt immer steiler an

und schließt sich zuletzt mit der Linienführung des Giebels in der

krönenden Figur auf der Spitze zusammen. Man kann nicht umhin, auch

bei seinen Obelisken und Figürchen an gotische Fialenarchitektur zu

denken, wie sich auch zwischen allem Renaissanceornament spätgotisches

Maßwerk als Brüstung im ersten Stock findet, so gleichwertig, daß man

fühlt, wie hier ein dekorativer Stil von einem anderen abgelöst wird,

der nicht strenger empfindet. Tatsächlich geht die Verwandtschaft

bis ins einzelne, und die ganze Fassade ist schließlich nur die

Übersetzung einer spätgotischen, wie der des Rathauses von Münster,

in die Renaissance. Es ist hier dieselbe malerische Tendenz in der

wellenförmigen Bewegung der Wand durch das weiche, regelmäßige

Ineinanderströmen von Licht und Schatten, dieselbe malerische Tendenz

in der Verwischung der Randkontur. Es ist frappant, wie auch hier

eine große Vertikalachse durchgeht und zugleich jeder Rest, den sie

im Ansteigen läßt, von den kleinen Obelisken und Figürchen, die an

der Stelle der Fialen stehen, in die Luft geführt wird. Allein der

Unterschied ist derselbe wie zwischen den spätgotischen Zaddeln und

der frühbarocken Spitzenmanschette in ihrem Verhältnis zum Gewand.

Der Turm der gotischen Kirche und der Giebel des gotischen Hauses

wachsen, wie der Deckel aus dem gotischen Pokal, mit vollkommener

Selbstverständlichkeit aus dem Gebäude hervor, die Renaissance aber

gliedert, grenzt diese Dinge gegeneinander ab und vereinigt sie dann

in überlegter Harmonie. Auch das ist keine funktionelle Teilung, wie

man wohl gemeint hat, sondern eine symmetrische Gliederung durch die

Dekoration mit der Absicht einer bestimmten Schönheit. So wirken die

Fassaden der deutschen Renaissancearchitektur sehr harmonisch, aber

eigentlich nur, solange man sie als Bilder und nicht als zweckbedingten

Aufbau betrachtet.

[Illustration: Abb. 19. Saal im Rathaus zu Danzig.]

Man hat Bauten vom Ende des 16. Jahrhunderts, wie das Braunschweiger

Gewandhaus, schon dem deutschen Barock zugerechnet, und nicht mit

Unrecht. Ist doch gerade das Pathos in der Dekoration das spezifische

Kennzeichen des italienischen Barockstiles. Und es ist bezeichnend,

daß erst in diesem völlig dekorativen Stil eine Eingliederung der

deutschen Kunst in die allgemeine Stilentwicklung erreicht wird. In der

Sommerratsstube des Danziger Rathauses vom Anfang des 17. Jahrhunderts

(Abb. 19) ist die Verschmelzung mit dem italienischen Frühbarock

vollkommen. Alle Täfelungen, Türfüllungen und Möbel sind hier in

pathetisch-schweren Formen gehalten. Die Decke hängt geradezu über dem

Raum, alle ihre Formen wirken nach unten. Allein diese Schwere ist

nicht die Ruhe konstruktiver Ehrlichkeit, sondern das Pathos, das durch

große Formen imponieren will. Während die gotische Zimmerdecke fest auf

Stützbalken lag, die Renaissancedecke, in ihrer Konstruktion weniger

entschieden, in quadratische Kassetten geteilt das Zimmer objektiv

abschloß, hängen hier gewaltige Zapfen, schwer profilierte Kassetten

geradezu von der Decke herab. Sie wird also für das Auge nicht mehr von

den Balken getragen, wie es natürlich wäre, sondern läßt sie von sich

herabhängen; die Dekoration ist nicht mehr logischer Schmuck, sondern

Feind der tektonischen Bedingungen, und strebt danach, an Stelle des

konstruktiven den Stimmungsausdruck, Wucht und Würde, zu setzen. Es

ist von derselben Art, wenn jetzt in der Kleidung die großen, sog.

„Mühlsteinkrausen“ aus Spitzen kommen, die die wichtige Ansatzstelle

des Halses, das eigentliche Scharnier zwischen Kopf und Rumpf, einfach

überbrücken, um die Silhouette der ganzen Gestalt einheitlich zu machen.

So gerät zu dieser Zeit Deutschland völlig in künstlerische

Abhängigkeit von Italien, dessen Kunstformen es zwar nicht

unverarbeitet, aber doch in allem Wesentlichen übernimmt. Im Anfang

des 17. Jahrhunderts vernichtet der Dreißigjährige Krieg Deutschlands

letzte Volkskraft. Das Resultat ist für Deutschland dasselbe, wie

das der dorischen Wanderung für die kretisch-mykenische Kultur, das

der Völkerwanderung für Italien. Im 17. Jahrhundert ist Deutschland

künstlerisch als eine Provinz Italiens anzusehen, im 18. gerät es

wie unter die politische auch unter die künstlerische Suprematie der

französischen Kultur.

Drittes Kapitel.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 2 / 9 段