Und nun ist das Verhältnis dieser gotischen Form zum Palazzo

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Aus Natur und Geisteswelt

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen

318. Bändchen

Die Entwicklungsgeschichte

der Stile in der bildenden Kunst

Von

~Dr. phil.~ Ernst Cohn-Wiener

Dozent an der Humboldt-Akademie -- Freie Hochschule Berlin

Zweiter Band:

Von der Renaissance

bis zur Gegenwart

Zweite Auflage

Mit 42 Abbildungen im Text

Verlag und Druck von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1917

[Illustration]

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Erstes Kapitel. Die italienische Renaissance 1

Zweites „ Die bürgerliche Gotik in Deutschland und die

sogenannte deutsche Renaissance 20

Drittes „ Der Barockstil 38

Viertes „ Der Stil Régence und der Rokokostil 63

Fünftes „ Der Stil Louis XVI. und der Stil Empire 73

Sechstes „ Die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart 81

Siebentes „ Das Wesen des Stilwerdens und die historische

Stellung der gegenwärtigen Kunst 94

Schutzformel für die Vereinigten Staaten von Amerika:

~Copyright 1917 by B. G. Teubner in Leipzig.~

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.

Erstes Kapitel.

Die italienische Renaissance.

In keiner anderen Äußerung des menschlichen Geistes heben sich

die Hauptrichtungslinien so eindeutig klar heraus, wie in der

Kunstgeschichte, unterjochen so tyrannisch feindliche Strömungen

oder lassen sie in provinziellem Dunkel. Der Grund dafür könnte

sein, daß das Kunstwerk, als anschauliches Resultat eines sehr

verwickelten seelischen Vorganges, doch fixierter ist als die

Gedankengänge beispielsweise der Literatur oder die Tonfolgen der

Musik, die sozusagen durch ganze Abfolgen von Stunden laufen, während

das Kunstwerk als Objekt in jedem Augenblick dasselbe bleibt. Kein

Land zeigt jene Einzigkeit des kunstgeschichtlichen Stilvorganges

deutlicher als Italien, das im Mittelalter neben den Ländern des

Nordens nur vegetiert, um seit dem 15. Jahrhundert ihre maßgebende

Führerin zu werden. Obgleich das italienische Mittelalter eines der

am wenigsten erforschten Gebiete der Kunstgeschichte ist, weil der

glänzende Mantel der Renaissance es allzulange dem Auge entzog, ist

es doch fraglos, daß, während sich nördlich der Alpen die wichtigsten

Stilbewegungen vollziehen, Italien zwar eine Fülle interessanter

Stilerscheinungen, aber keinen einheitlichen Stil geschaffen hat. Seine

Lage im Schnittpunkte der großen mittelalterlichen Kunstkreise mit

Frankreich, Deutschland, dem maurischen Spanien und dem Byzantinischen

Reich als Zentren, dazu die fortwährenden Kämpfe auf seinem Boden, die

allen diesen Ländern für längere oder kürzere Zeit Anteil am Lande

selbst gaben und ihnen so den direktesten Einfluß sicherten, all

das brachte es mit sich, daß in Italien fast alles Autochthone mit

fremden Anregungen verschmilzt und eine Fülle der verschiedenartigsten

Erscheinungen ausbildet. Während im Norden die romanische und gotische

Kathedrale sich entwickeln, behält die kirchliche Architektur Italiens

den altchristlichen Basilikatypus mit dem Eingange an der Schmalseite

und dem freistehenden Campanile bis in den Beginn der Renaissance

hinein bei; die eigengeschaffenen romanischen und die übernommenen

gotischen Formen werden nicht Stilglieder, sondern nur Schmuck.

Man kann sagen, daß die Gotik auch in Italien alle anderen Formen

verdrängt, aber wesentlich als Stil des Wimpergs und der Fiale

angewandt wird. Während man ihre Gewölbekonstruktion und ihre

Dekoration verwertet, scheut man doch jede konsequente Durchführung

der Vertikalen. Vollends dekorativ gestaltet das Land dort, wo es mit

orientalischen Stilelementen in Berührung kommt, wie in romanischer

Zeit in Süditalien, in gotischer in Venedig. Hier verwandeln sich die

gotischen Formen in eine elegante Steindekoration von der feinen Arbeit

durchbrochener Spitzen. Man arbeitet, um die Zartheit des Eindrucks

zu steigern, selbst mit Kontrastwirkungen, setzt auf zarte Arkaden

ein derbes mauerfestes Obergeschoß, wie beim Dogenpalast, während man

doch das Verhältnis umgekehrt erwartet, oder neben sie als Gegensatz

das geschlossene Mauerwerk, wie an Ca d’oro. Nur daß in romanischer

Zeit Oberitalien, allerdings wiederum mit Ausnahme Venedigs, in engem

Zusammenhang mit Deutschland stehend, an dessen Formenergie Anteil

nimmt.

Mit dieser Art, den Charakter der Bauten durch ihre Dekoration

bestimmen zu lassen, stimmt es überein, daß Plastik und Malerei als

Werte im Gesamtbild die Architektur überwiegen, im Gegensatz zum

Norden, und die große Zahl überlieferter Künstlernamen beweist, daß

sie ihren Wert kennen. Dabei ist es natürlich kein Zufall, daß auch

hier die Bewegung gleichzeitig mit der Loslösung der Plastik von der

Baukunst einsetzt, d. h. mit dem Ende der romanischen Periode, daß

also auch hierin Italien an den nordischen Bewegungen teilnimmt.

Aber das geschieht ganz unwillkürlich, genau so selbstverständlich,

wie die Glieder in den Blutumlauf des Herzens miteinbezogen sind.

Als Formvorbilder dienen nicht die französischen Schöpfungen,

sondern die antiken Überreste im Lande, und man hat geradezu von

einer Proto-Renaissance (Ur-Renaissance) gesprochen, zumal diese

Zeit die Vorbilder willenloser, weniger umformend übernimmt,

als später die Renaissance. Die Frucht ist in Mittelitalien die

antikisierende Umgestaltung des Architektur-Ornaments und die Kunst

des ersten Meisters aus dem Kreis der Pisani, des Niccolo, tätig

zwischen 1260-1280, dessen malerisch hohe Kanzelreliefs ohne das

Vorbild der römischen Sarkophage schlechterdings nicht denkbar sind.

Noch intensiver ist diese Bewegung in Süditalien, wo die geniale

Persönlichkeit des Hohenstaufen Friedrich II. für die Kunst dieselbe

Rolle spielt, wie Karl der Große für die karolingische Renaissance. Er

errichtet Triumphbögen mit Skulpturen, in deren Überresten antiker

Geist seltsam lebendig ist. Er schreibt ein Buch über die Falkenjagd,

und die Illustrationen dazu geben die Tierformen mit der subtilen

Genauigkeit eines zoologischen Werkes. Man muß freilich feststellen,

daß der Einfluß der hohen maurischen Kultur gerade hier den Boden sehr

geebnet hatte.

In der gotischen Generation, repräsentiert durch den Sohn des Niccolo,

Giovanni (um 1250-1328), wirkt das jetzt voll entfaltete Frankreich

stärker ein. Doch wird der Stil niemals weich, und in der Malerei

vollends wird die ganz byzantinisierende romanische Generation durch

den Gotiker Giotto (1266 bis nach 1317) abgelöst, der als Übergang zur

Renaissance anzusehen ist. Wenn auch die religiöse Inbrunst in seinen

Darstellungen aus dem Leben des heiligen Franziskus ganz gotisch im

Gefühl, die Gebundenheit seiner Formen noch mittelalterlich ist, so ist

doch die Bestimmtheit des Gefühlsausdruckes bei ihm die Ankündigung des

neuen Zeitalters.

Für uns Heutige hat das Wort +Renaissance+ nicht mehr den Sinn, den es

einst hatte: Wiedergeburt der Antike. Wir, die wir einen Stil nicht

mehr äußerlich nach den Detailformen analysieren, sondern nach dem

Sinn, den sie im Stilbild haben -- wir sehen, daß die Renaissance die

antiken Formen nur in den Dienst ihrer ganz selbständig gerichteten

Absichten stellt. Für uns bedeutet sie eine Wiedergeburt der starken

Persönlichkeit, der schaffenden Kraft des Menschen, welche die Formen

der antiken Kunst, die sie vor Augen hatte, als Hilfsmittel für das

eigene Wollen mit eigenem Ausdruck übernahm. Von hier aus beantwortet

sich auch die Frage, warum man gerade an die römische Antike anknüpfte

und nicht an die hellenische, deren Werke doch in Unteritalien noch

vor aller Augen standen. Die Begründung, man hätte die römische Kunst

gewählt, weil die italienischen Städte stolz waren, ihren Ursprung

von Rom abzuleiten, scheint uns zu äußerlich für Erscheinungen, die

so gesetzmäßig verlaufen. Vielmehr scheint dafür entscheidend gewesen

zu sein, daß die Freude dieser enthusiastischen Zeit am Reichtum und

am Prunk, die in ihren Festen und Bauten so hohen Ausdruck findet,

in den reichbewegten Formen der römischen Bauornamentik sich eher

befriedigen mußte, als in den schlichten, griechischen Architekturen,

dann, daß die Renaissancebauten Mauerbauten waren, bei denen vor allem

Wände dekoriert werden sollten, so daß sie in den reich dekorierten

Mauern römischer Bauten ihr gegebenes Vorbild hatten: der strenge

griechische Säulenbau mit seinen frei tragenden Stützen konnte für

diese Aufgaben keine Lösungen bieten. Dafür, daß die Antike für die

Renaissance im Grunde keine Triebkraft, sondern nur ein Hilfsmittel

war, ist beweisend, daß sie sich nicht im päpstlichen Rom entwickelte,

wo die meisten und reichsten Römerbauten damals noch standen, sondern

in Florenz, das fast ohne antike Überreste war, wo aber ein freies

und starkes Bürgertum sich entwickelte in einem Kampf, der halb

kaufmännische Konkurrenz, halb Ringen um die Macht war.

Diese Entwicklung der Persönlichkeit ist das wichtigste Ergebnis der

vorhergehenden Jahrhunderte und die Schöpferin der Renaissance, die man

meist um 1420 beginnen läßt. An Stelle der christlichen Demut tritt

der bürgerliche Stolz, an Stelle der Aufgabe der Persönlichkeit ihre

Pflege, an Stelle des Feudalismus die städtische Freiheit. Durch ihren

Handel erstarkt, erobern sich die Städte mit geworbenen Söldnern oder

Bürgerheeren einen Platz in der Reihe der Fürsten. Waren sie bisher

um ihres Reichtums willen Objekt des Streites zwischen diesen, so

erwerben sie jetzt mit diesem Reichtum das Recht ihrer Freiheit. Diese

neue Macht hat in Italien vielleicht früher ihre Erfolge errungen,

als nördlich der Alpen. Es genügt an die Schlacht von Legnano zu

erinnern, wo der langobardische Städtebund Friedrich Barbarossa schlug.

Es war der Stolz des Bürgers, Glied einer freien Stadt zu sein, die

er mitregierte, und so entstanden alle jene kleinen, aber mächtigen

Stadtrepubliken. Aber es war derselbe Bürgerstolz, der den einzelnen

antrieb, in diesem Staat unter den Mitbürgern sichtbar zu sein,

hervorzuragen durch Macht und Wissen, und so erscheinen jetzt alle jene

Mäzene, alle jene geschmackvollen Dilettanten, erwacht jenes große

bewegte Leben der Epoche, das uns Heutigen noch in seiner leuchtenden,

blühenden Triebkraft wie das Ziel einer Sehnsucht vor Augen steht. In

keiner Zeit war der Ehrgeiz so allgemeine Triebfeder für den Feldherrn

wie für den Staatsmann, den Gelehrten wie den Künstler, in keiner Zeit

aber wurde auch der Tüchtige so geschätzt. Es ist bezeichnend für die

Differenz zweier Weltanschauungen, wenn Dürer aus Venedig schreibt:

„Hier bin ich ein Herr, daheim ein Schmarotzer.“ Der Künstler des

Mittelalters war fast stets anonym gewesen. Je mehr man sich der

Renaissance nähert, auf desto mehr Künstlernamen trifft man. Während

noch die Meister der Frührenaissance selten ihre Bilder signieren, und

nur die allgemeine Wertschätzung das Ziel ihres Ehrgeizes ist, während

Botticelli Truhenbretter bemalt, und Verocchio Turnierfahnen, also das

Gefühl eines Unterschiedes zwischen Kunst und Handwerk noch völlig

fehlt, setzt man später auf jedes lächerlich geringfügige Bildchen

seinen Namen und arbeitet ebenso für seinen Ruhm wie für das Werk,

bis schließlich die Arroganz eines Barockmeisters wie des Cellini

unerträglich wird. Das geht so weit, daß man schon in der frühen

Renaissance von dem kaum verlassenen Stil mit allertiefster Verachtung

spricht, so daß damals das Wort „Gotik“ geprägt wird im Sinne einer

barbarischen Kunst, über die man sich hoch erhaben fühlte.

Allein dieser Gegensatz war nicht so einschneidend, wie die Epoche

glaubte. Das neue Kunstwollen ist zwar von vornherein sehr stark, die

Problemstellung sehr neu, aber die Lösungen entwickeln sich auf der

Basis der gotischen. Der erste Florentiner Renaissance-Architekt,

Brunelleschi (1377-1446), stellt die Tendenzen des neuen Stiles fast

dogmatisch fest, und doch hat seine Kuppel des Florentiner Domes noch

viel gotische Streckung, und seine Capella Pazzi noch die Dreiteilung

mittelalterlicher Kirchen in Vorhalle, Hauptraum und Altarnische,

ohne daß die Kuppel über dem Mittelraum für mehr als nur für diesen

ein Sammelbecken wäre. Erst die Hochrenaissance bringt in Bramantes

Tempietto die absolute Vereinheitlichung des Raumes unter einer Kuppel.

Wichtiger ist in diesem unkirchlichen Zeitalter der Profanbau, für

den ebenfalls die Gotik den Typus, zugleich mit der bürgerlichen

Gesinnung überhaupt, schon vorgebildet hat (Abb. 1). Die Rathäuser der

Städte mußten in jenen Zeiten der Kämpfe von Stadt gegen Stadt, von

Partei gegen Partei feste Gebäude, Kastelle im kleinen sein, Bauten,

deren starke Mauern nur von kleinen Fenstern durchbrochen werden

durften, während im Hofraum freiere Dekoration sich entfalten konnte.

Das ist die gegebene Form der Feste, wie schon die deutschen Burgen

der romanischen Zeit sie haben, und wie sie selbst dem Heidelberger

Schloß noch zugrunde liegt. Diese kleinen Städte Italiens aber geben

vielleicht ihre reinste Form, weil dort die kirchlichen Einbauten

fehlen, die in Deutschland üblich sind, und nicht die Plattform einer

Bergkuppe ihren Grundriß bedingt. Er ist so knapp wie denkbar, rein

quadratisch, die Mauern sind nur in ganz kleinen Fenstern und knappen

Türen nach außen geöffnet, der kraftvoll horizontale Abschluß des

Daches ist mit wehrhaften Zinnen gekrönt; aber die kleinen Simse, die

sich unter den Fenstern um das Gebäude herumziehen, zeigen doch, daß

man sich der gedrungenen Kraft dieser Horizontalen bewußt ist und ihr

durch die Parallele Nachdruck geben will. Nur der Turm durchbricht,

senkrecht emporsteigend, die Richtung dieser ruhenden Linien, ein

ungesucht starker Akzent in diesem Bau, der als Ganzes die Energie

eines neuen bürgerstarken Zweckgefühls in Formen von selbstbewußter

Klarheit ausspricht. Nach dem Hof zu aber öffnen sich schon jetzt

im Erdgeschoß säulengetragene Arkaden, umgürten weitgeöffnete

Fensterreihen die oberen Stockwerke.

[Illustration: Abb. 1. Florenz. Palazzo Vecchio.]

[Illustration: Abb. 2. Florenz. Palazzo Strozzi.]

[Illustration: Abb. 3. Rom. Fenster der Cancelleria.]

Und nun ist das Verhältnis dieser gotischen Form zum Palazzo der

Frührenaissance dasselbe, wie das der frühchristlichen zur romanischen

Basilika. Was vorher dumpf war, wird jetzt klar funktionell

ausgedrückt, wobei allerdings wichtig ist, daß dieses Zeitalter

an und für sich bewußter schafft als das Mittelalter. Der Palazzo

Strozzi (Abb. 2) drückt die Bauwerte viel redender aus, als St.

Michael in Hildesheim, und bei ihm und seinen Stilverwandten ist

die Wagerechte nicht allein Zweck- sondern schon Ausdrucksform. Ein

weit ausladendes Kranzgesims ist an die Stelle des Zinnenkranzes

gesetzt worden, mit der ästhetischen Funktion, das Haus in stark

betonter Horizontallinie abzuschließen. Am Fuß des Gebäudes wirken

die starken wagerecht fortlaufenden Ruhebänke ebenso als Sockel,

und zwischen diesen Hauptlinien wiederholt sich die Wagerechte

zweimal in den Simsen, die unter den Fensterreihen hinlaufen und

hier nicht mehr, wie beim gotischen Palazzo, schmale Linien, sondern

regelrechte Simse von äußerst kräftiger Profilierung sind. Hier

eine Parallele zur Energie der Wagerechten im romanischen Stil

zu sehen, ist ganz logisch. Aber sie ist hier mehr, als nur der

Steinschichtung abgewonnene Begrenzungslinie, wie auch die Wand mehr

Absichten hat, als nur Raumabschluß oder Dachstütze zu sein. Indem

die Renaissance die Mächtigkeit der einzelnen Quader innerhalb des

Gefüges dadurch ausdrückt, daß sie die Fugen tief als beschattete

Linien einschneidet (sog. Rustika), erzielt sie mehr den Eindruck von

Körper als von Fläche, von Mauer als von Wand. Fenster und Türen sind

nicht mehr bloße Öffnungen in der Mauer, wie noch im Palazzo Vecchio.

Symmetrisch angeordnet, bestimmen sie die Gliederung der Wand, und es

ist ausdrucksvoll, wie die Rustika, daß man den Bogen, der sie oben

abschließt, in seiner Technik, dem Keilschnitt, angibt. Nun sieht man,

wie fest die Steine ineinander verkeilt sind, und weiß, wie sicher der

Bogen die darüber lastende Mauermasse trägt. Später wird sogar der

mittelste Keilstein, wie der Schlußstein im gotischen Gewölbe, durch

seinen Schmuck noch besonders hervorgehoben (Abb. 4), weil er dem

Bogen den sicheren Zusammenhalt gibt. Ebenso schließt sich der Hof mit

offenen Bogengängen im Erdgeschoß an den ursprünglichen Plan der Gotik

an; aber alle gotisch eckig profilierten Formen sind auf einfachere

Querschnitte unter Zugrundelegung antiker Formen zurückgeführt --

aus Pfeilern, die Spitzbögen trugen, sind korinthisierende Säulen

mit Rundbögen geworden, besonders aber bevorzugt man den Pilaster

als Rahmenform für Fenster und Türen, als Stützform bei Grabmälern

oder als Wanddekoration. Aber all diese Formen werden viel schlanker,

dünner und graziler; ja man kann sagen, daß in der Betonung der

kantigen Randlinien beim Pilasterschaft ein Rest gotischen Gefühles

liegt und ebenso in der knolligen Behandlung der Akanthusblätter,

die, in springbrunnhaft aufsteigender Anordnung auf der eingesenkten

Mitte des Pilasters angebracht, dessen Bewegung mit ihrem Aufsteigen

begleiten. Erst allmählich mit dem wachsenden Vollklang des Stiles

werden diese Formen breiter, üppiger und gesammelter. Zugleich wird

die Palastfassade auf größere Wirkungen gestimmt. Allein auch zum

16. Jahrhundert, der Hochrenaissance, vollzieht sich der Übergang

ganz allmählich. Ein Palast, wie die um 1500 von Bramante gebaute

Cancelleria (Abb. 3), geht noch auf einen Typus der Frührenaissance

zurück, in dem indessen Keime für Zukünftiges lagen. Fest im Umriß und

in der Begrenzung, sind auch bei der Cancelleria die Horizontallinien

der unter den Fenstern durchgeführten Simse noch die wichtigsten

Gliederungen, scheint die Wand um die kleinen Fenster von ungebrochener

Festigkeit. Aber in der Gliederung der Mauerflächen machen sich dennoch

neue Tendenzen fühlbar, wenn auch nur in den beiden oberen Geschossen,

während das untere der starke Träger bleibt. Man muß eine ruhige

Wandfläche, wie die des Palazzo Strozzi, damals beinahe schon als kühl,

als unbelebt empfunden haben. Wie die Stärke der Zeit im Widerspiel

der strebenden Kräfte sich äußert, so gestaltet man die Mauer

ausdrucksvoller, indem man außer der wichtigen Horizontale, die die

Hauptlinie bleibt, die Vertikale als Wandgliederung anwendet, zwar nur

schüchtern als antikisierender Pilaster zwischen die horizontalen Simse

gestellt und wenig aus der Wand hervorspringend, aber um so wirksamer,

als sie zugleich den Fenstern, die sie aus der Wand herauslöst, ihren

besonderen Wert innerhalb der Fläche gibt. Das Fenster ist jetzt nicht

mehr ein Loch in der Mauer, sondern selbständiger Bauteil. Es wird

durch einen Rahmen gegen die Mauerfläche abgegrenzt, außerordentlich

energisch dadurch, daß dieser nur innen den Konturen des Fensters

folgt, außen aber rechteckig ist, wie die Wandglieder. Allein obgleich

diese Zusammenfassung sehr geistvoll ist, wird man gerade hier

einen Zwiespalt fühlen, der für die neue Absicht charakteristisch

ist. Keine Frage: gegenüber der strengen Folgerichtigkeit der Wand

beim Palazzo Strozzi stellt sich nun als Gliederung eine Dekoration

ein, die ihren eigenen Ausdruck hat und die Struktivität der Mauer

vernichtet. Es ist kein Zufall, daß das Kranzgesims hier weit weniger

vorragt, an den äußersten Ecken Pilaster die scharfen Kanten der

zusammenstoßenden Wände abschwächen, die horizontalen Simse verdoppelt

werden, und dadurch den Hauptlinien viel von ihrer Kraft genommen

wird, sie gewissermaßen zerfließen. Unzweifelhaft bedeutet auch hier

der neue Reichtum des Ausdrucks eine Schwächung der Gesetzmäßigkeit.

Und nun kann man stufenweise die konsequente Weiterentwicklung dieser

Prinzipien verfolgen, wie Fenster und Pilaster allmählich immer

kräftiger, die Wände immer schwächer werden, bis schließlich die

Bauten des Palladio (1508-1580) in Vicenza oder des Jacopo Sansovino

die letzte Stilstufe bezeichnen, auf der eine einheitliche Wirkung,

allerdings bereits von ganz malerischer Art, noch möglich ist. Die

Wand des Untergeschosses von Sansovinos Markusbibliothek in Venedig

(Abb. 4) öffnet sich in weiten Bögen, die durch dekorierende Säulen

voneinander getrennt sind. Noch ziehen über ihnen die Simse und

Friese in horizontalen Reihen, aber die beherrschende Kraft ihrer

Linien zersetzt sich. Ein dorischer Fries mit Tropfenregula, von

deren vermittelndem Sinne schon die Rede gewesen ist, führt vom

Untergeschoß aufwärts, und ebenso allmählich oberhalb des trennenden

Simses die Balustergalerie. Es kommt dazu, daß nicht nur die oberen

Säulen mit den unteren korrespondieren, sondern daß die oberen Säulen

innerhalb der Balustergalerie auf isolierten Sockeln stehen und so

die Linien der unteren für das Auge geradezu fortsetzen. Wie die

Fenster dieses Stockwerks eleganter, zierlicher sind als die Bögen des

Untergeschosses, auf denen es lastet, so ist auch die abschließende

Horizontale noch weicher behandelt als das trennende Sims zwischen

beiden. Sie ist geradezu aufgelöst, nach unten in ein breites Friesband

von kränzetragenden Putten, durchbrochen von kleinen Fenstern, nach

oben in eine freistehende Balustergalerie (Attika), die den ganzen

Bau weich in die Luft sich lösen läßt. Allein auch diese Auflösung

wird von den vertikalen Linien unterstützt. Die Putten im Fries nehmen

die Linien der Säulen auf und führen sie in eine Basis hinauf,

auf der jedesmal eine Statue steht, von allegorischer Bedeutung,

was nebensächlich ist, aber mit der Funktion, auch die letzte

Horizontallinie, die obere Begrenzung der Attika, zu zerstören und den

Abschluß noch weicher zu gestalten. Es beginnt also die Auflösung der

Wagerechten zugleich mit der Auflösung der Wand weiter vorzuschreiten

und zu ihrer tatsächlichen Zerstörung durch die Durchbrechung gesellt

sich ihre optische durch das starke Wechselspiel von Licht und Schatten

in der reichen Dekoration. Während die frühe Renaissance ganz flache

Formen isoliert benutzt (Abb. 3), häuft die Hochrenaissance weit

ausspringende Glieder. Es ist von derselben Art, wenn sie in der

Flächenfüllung an Stelle der einfachen, dünnen, aber klargeführten

Ranken der frühen Zeit das volle, quellende Ornament bringt, die

breithängenden Kränze und schweren Füllungen (Abb. 4). Der Ausdruck

bleibt also groß, wird nicht etwa spielerisch. Aber immerhin tritt das

Pathos an die Stelle der Sachlichkeit. Ein Bau wie etwa der bereits dem

Barock zugerechnete Palast Pesaro in Venedig führt alle diese Absichten

zur letzten Konsequenz. Hier ist die Wand völlig verschwunden.

Selbst der Rest, der in der Bibliothek Sansovinos an den Seiten der

Säulen steht, hat einer Säule Platz gemacht. Ebenso ist neben die

Horizontallinie nun völlig gleichberechtigt die Vertikale getreten.

Die Gesimse verkröpfen sich oberhalb der Säulen und das Auge wird ohne

Hindernis vom Erdboden bis hinauf ans Dach geführt. Dieser Widerstreit

zwischen den Richtungslinien wird noch ausdrucksvoller durch das starke

Vor- und Zurückspringen der Gliederungen, das im malerischen Wechsel

von Licht und Schatten die Fläche vollends ausschaltet. Kurzum, die

Absicht ist möglichster Reichtum auf Kosten des tektonischen Ausdrucks,

von dem nun auch nicht mehr das geringste Element äußerlich sichtbar

in die Erscheinung tritt. Wand und Dach sind durch die Dekoration

vollkommen verdrängt, und über die Fassade hin gleitet von oben nach

unten, von Seite zu Seite im regelmäßigen Wechsel des Vordrängens

und Zurücktretens das Licht, so daß eine vollkommene Wellenbewegung

entsteht. Auf diesen Tendenzen baut sich dann der Barockstil auf.

[Illustration: Abb. 4. Venedig. Markusbibliothek.]

Die Einheit des Gesamtkunstwerkes, die diese Zeit bewußter fordert,

als jede voraufgegangene, hält die Ausstattung des Hauses und dieses

selbst in jedem Augenblick in derselben Stilphase. Das Zeitalter ist

nicht reich an Möbelformen; die wichtigste, die Truhe, ist in der

bürgerlichen Gotik des Palazzo Vecchio ein schlichter Kasten, mit

stilisierter Bemalung von Wappen oder Ornamenten. Die Hochrenaissance,

die für ihre Prunksäle auch monumentalere Möbelformen, wie den Thron,

ausbildet, betont den Formgehalt der Truhe, stellt sie auf eine schwer

profilierte Basis, rahmt die reich bemalte oder mit Stuckornamenten

gezierte Wand durch Pilaster oder Wappenhalter und macht den oberen

Abschluß ebenso ausdrucksvoll (Abb. 5). In der Spätrenaissance

überwuchert hier wie am Palast der Schmuck. Man stellt das Gerät auf

katzenartig vorschnellende Löwenklauen, die einerseits die Truhe vom

Boden anheben, ihr jede Schwere des Stehens nehmen, andererseits den

Körper des Möbels in weichen Linien in den Boden führen. Das Gerät

nimmt diese Linien auf. Der Leib der Truhe biegt sich nach der Mitte

zu aus, um nach dem Deckel zu wieder schmäler zu werden und so die

bewegte Form des Gerätes als weiche Kurve endigen zu lassen. Ist

schon durch so starke Bewegung dem Gerät das Kastenartige genommen,

so tritt die überaus lebhafte Dekoration des Körpers mit reichem

figürlichen und ornamentalen Schnitzwerk dazu, um vollends jede

Fläche zu zerstören. Die Keramik beginnt, von maurischen Erzeugnissen

angeregt, mit übersichtlich geformten Kannen und Schüsseln, deren

Ton durch durchsichtige Glasur mitwirkend sichtbar ist und deren

Wandungen einfaches, aber sehr großzügiges Ornament unterstützt. In der

Hochrenaissance will auch der Töpfer prunken. Die großen Manufakturen,

wie Faenza (von dem die Technik den Namen Fayence erhält) und Urbino

fertigen Majoliken von großen bauchigen Formen, bei denen nur die

undurchsichtige Glasur, die Haut also, statt des Kernes, sichtbar

und also wirksam ist und figürliche Malereien trägt, die über jede

Gefäßteilung, selbst über Rand und Boden der Schüssel gleichmäßig

hinweggehen. Das Gerät ist nur noch Malgrund, kein zweckgeschaffenes

Gebilde.

[Illustration: Abb. 5. Florentiner Truhe. Berlin.]

Dieses Übergewicht der freien Kunst, das schon von der Gotik übernommen

wird, läßt die Einheit im Zweck, die alle Künste im dorischen Tempel

oder in der romanischen Kirche organisch verband, hier nicht zu. Daß

die langen Freskenreihen des Gozzoli und Ghirlandajo Wandschmuck sind,

setzt der Plastik ihres Ausdrucks keine Grenzen und schreibt ihrem

Stil keine Gesetze vor. Vielmehr trifft die beginnende Renaissance

Plastik und Malerei bereits als selbständige Künste von großer

Freiheit des Ausdrucks an und mit der Tendenz, jede Ausdrucksform

durch eine noch freiere abzulösen. In derselben Weise etwa, wie

die archaische griechische Kunst aus dem Steinblock und den späten

Formen griechisch-mykenischer Kunst allmählich den menschlichen

Körper entwickelt, seine Glieder immer stärker zu beherrschen lernt,

entwickelt die Renaissance unter den Gewandmassen, mit denen die

Gotik die Gestalten verbirgt, die menschliche Form zu immer größerer

Freiheit, zu immer sichererem Verständnis. Die disziplinierte Kraft,

die im Rahmen des Gesamtkönnens das Höchste leistet, fehlt diesem

erregten Zeitalter des Individualismus, das die Fülle erzeugt. Der Weg,

den Hellas in fast drei Jahrhunderten zurückgelegt hat, wird in kaum

drei Generationen durchmessen.

Mißt man ihn an der Plastik, die die Aufgabe am engsten, auf eine

oder wenige umgrenzte Gestalten konzentriert und so die schöpferische

Bildnerin des Körpers wird, so sind Ghiberti (1378-1455) Donatello

(1386-1466) und Verocchio (1435-1488) die Marksteine. Ghiberti ist in

der kurvigen Bildung seiner Gestalten, unter deren weichgleitenden

Gewändern der Körper noch nicht gefühlt ist, fast noch Gotiker. Die

beiden anderen, von der Tradition sich befreiend, sind schöpferische

Menschen der Renaissance, Donatello ein Ekstatiker, tiefster seelischer

Erschütterungen voll, seine Puttenreigen wirbelnde Tänze, seine

Antoniuslegenden erregte Dramen, seine Propheten und Täufer tief

innerlich durchflammte Visionäre, bei denen der Ausdruck im gepreßten

Munde, in gekrampften Händen und tief durchfurchten Gewändern verhalten

aber glühend wirksam ist. Er stellt das plastische Problem nicht

nur als Form-, sondern als Inhaltsproblem, läßt seinen Gestalten

die Anlehnung an architektonische Hintergründe, die Entwicklung der

Bewegungen für eine Ansicht und entblößt vom Körper nur, was der

innere Ausdruck fordert. Mit dem Problem der körperlichen Klarheit

stellt Verocchio der nächsten Generation die Aufgabe, ja, man kann

sagen, daß die nach Erkennen strebende Renaissance erst mit ihm

ihr erstes Wort spricht. Es ist frappant, hier, wie im klassischen

Altertum, die wissenschaftliche und gestaltende Analysis nebeneinander

hergehen zu sehen; wie Polyklet sucht auch Verocchio das Wesen der

Schönheit in der menschlichen Proportion, erforscht die Perspektive

und treibt mathematische Studien. Ebenso aber studiert er Bewegung

und Zusammensetzung des Menschen- und Pferdekörpers, differenziert

die Muskeln und Gelenke in seinen Skulpturen, so daß man selbst

unter dem Panzer des jugendlichen David noch jede Muskel, jede

Hautfalte spürt. Kraft dieser Kenntnis werden die Drehungen seiner

Gestalten ausdrucksfreier als bei Donatello, bis zu Werken, die ohne

Hintergrund, frei inmitten eines Hofes stehend von allen Seiten

reizvolle Ansichten gewähren. Wenn Donatellos Gattamelata der klug

überblickende Heerführer war, auf seinem Pferde sitzend, wie auf einem

Thron, so ist Verocchios Colleoni, in Bewegung und Gegenbewegung

von gespanntester Führerenergie. Diese klare Formulierung der neuen

Probleme und die Vielseitigkeit des Mannes, der zugleich auch Maler und

Goldschmied war, machen ihn wie die ihm verwandten Brüder Pollajuolo

zu Lehrmeistern der ganzen zweiten Generation, auch ihrer Maler.

[Illustration: Abb. 6. Ghirlandajo. Abendmahl. Florenz.]

[Illustration: Abb. 7. Lionardo da Vinci. Das Abendmahl. Mailand.]

Denn die Entwicklungslinie der Malerei ist im ganzen die gleiche. Von

den Zeitgenossen Ghibertis war Fra Angelico noch Gotiker gleich ihm,

während Masaccio, der erste, der seinen Menschen standfeste Realität

und ein Größenverhältnis zu den Häusern und Dingen in der Landschaft

gibt, zugleich noch aus der gotischen Verallgemeinerung der Form

ihre Größe gewinnt. Mit ihm hört das mittelalterliche Gedränge auf,

und die Dinge werden plastisch. Nun setzt die schöpferische Kraft

des Zeitalters mit all ihrer Fülle ein. Padua, wo Mantegna in harter

Zeichnung sich um Menschencharaktere und Perspektive müht, Venedig,

wo die Farbe herrscht, Umbrien, das weiche, idealistische Gestalten

sucht, und am vielseitigsten Florenz, wo neben Gegenwartsmalern

wie Ghirlandajo, Theoretikern, wie eben Verocchio, tiefe Empfinder

schaffen, wie Fra Filippo Lippi und sein Schüler, der Mystiker

Botticelli (1444 bis 1510), diese beiden letzten die deutlichsten

Repräsentanten der zwei Frührenaissance-Generationen in der Malerei.

Allein die Entwicklung kommt hier nirgends vom Tektonischen her.

Das Wandgemälde sucht durchaus die Tiefe, den Raum. Lionardo da

Vinci (1452-1519), der die Hochrenaissance einleitet, ist durchaus

nur Fortbilder dieses Suchens, wenn er den Gestalten dadurch die

Freiheit im Raum gibt, daß er ihren Umrissen die Härte nimmt und sie

so schwebend unsicher machte, wie man sie sieht. Auch Ghirlandajos

Abendmahl (Abb. 6) war räumlich gemeint. Was Lionardo (Abb. 7) vor

ihm voraus hat, ist die größere Intensität der Gesten, die jedem

Ausdruck die Bestimmtheit gibt, die bedeutendere Komposition, die

das Nebeneinander der Apostel zu großen Hauptgruppen sammelt. Es

ist dieselbe Entwicklung, die von den gleichmäßigen Wänden der

Frührenaissance-Paläste zu den sammelnden Achsen des Sansovino

(Abb. 4) führt. Wohl gibt es einmal in einem tektonischen Stil eine

gleichartige Komposition: der Giebel von Ägina (Bd. 1, Abb. 12) faßt

seine vier Einzelgruppen so durch die Säulen zusammen, wie Lionardo

durch die Tischböcke und läßt ihre Bewegung ebenso an der göttlichen

Mittelfigur abprallen. Aber der entscheidende Unterschied ist, daß

die Wand hinter dem Renaissance-Werk verschwindet, während die antike

Komposition nur in und mit der Architektur Bedeutung hat. Gewisse

Gleichartigkeiten in der Entwicklung sind jedoch auch hier nicht zu

verkennen. So entstehen auch hier aus der strengen, dabei zaghaften

Auffassung des Frührenaissancemeisters Können und Pathos, aus dem

unsicheren Vielerlei die Einheit der großen Bewegung, und es darf

uns nicht wundernehmen, hier die Antithese von Skopas und Praxiteles

wiederzufinden, die Steigerung des Ausdrucks zu gleicher Zeit nach den

beiden scheinbar entgegengesetzten Richtungen zartester Lieblichkeit

und kräftigsten Bewegungsausdruckes. Zog sich dieser Gegensatz schon

durch die ganze Frührenaissance, in der der umbrische Kreis ausnützte,

was Florenz sich erarbeitet hatte, wie Athen einst das Körperstudium

der Dorer, so gewinnt er jetzt in Raffael und Michelangelo seinen

stärksten Ausdruck. Raffael (1483-1520) fängt noch ganz altertümlich

an; seine Vermählung Mariä ist keineswegs als räumlicher Organismus

verstanden, der Vorgang im Vordergrund ist ohne Beziehung zum Raum, in

dem hier und da einzelne Gestalten ohne Zusammenhang mit der Handlung

verteilt sind. In seinen reifen Werken aber, etwa von 1506 ab, schmiegt

sich die Handlung vollkommen mit dem Raum zusammen. Die Komposition

wird räumlich gegliedert, während andererseits die Verteilung der

Gestalten den Raum in allen seinen Teilen belebt und zugleich die

Entfernungen bestimmt. Ebenso wie Raffael gelernt hat, den Menschen in

seinen Bewegungen zu verstehen und zu formen, hat er aus dem Bild einen

bewegten Organismus geschaffen, in dem alles Flächenhafte sich gelöst

hat. Allein er bleibt dabei immer ruhig und zart bis zur Weichheit. Er

zeichnet gelassen stehende, ruhig schreitende und lagernde Gestalten

und seine Komposition beruht nicht auf der Wirkung von Kontrasten,

sondern auf der weichen Führung der Bildlinien, auf feinster Abstufung

im Nebeneinander der Gestalten. Ganz anders Michelangelo. Er empfindet

nicht nur Schönheit, sondern seelische Erschütterungen. Seine Menschen

sind in scharfen Richtungskontrasten bewegt, so daß ihr Ausdruck

sich bis aufs äußerste steigert, und die Komposition seiner Werke

beruht nicht auf feinfühliger Abstufung, sondern auf der Dramatik des

Gegensätzlichen. Man nehme seine Erschaffung Adams aus den Fresken

an der Decke der Sixtinischen Kapelle (Abb. 8). Zwei Massen begegnen

einander. Gottvater durch die machtvollen Linien des Mantels mit

den Engeln zusammengeballt, und Adam, dessen stark differenzierte

Bewegung durch die Linien des Hügels hinter ihm zusammengenommen ist.

So treffen sich die Hände, von deren Berührung die bewegende Kraft in

den Körper strömt, im leeren Raum, und der Kontrast verbindet sich

zur Einheit. Zu diesem räumlichen Gegensatz tritt der Gegensatz der

Gestalten. Gottvater und sein Gefolge erscheinen als eine ungeheure

Masse. Man sollte meinen, gegenüber dem machtvoll thronenden Gott der

frühen Renaissance müsse dieser heranfliegende würdelos erscheinen.

Allein daran ist nicht zu denken. Gott und die ganze Masse von Engeln

um ihn sind durch gewaltige horizontale Linien zusammengeschlossen,

und er überspannt mit der Wucht seines Körpers ihre ganze Schar. Der

Akt Adams ist dagegen aufs feinste gegliedert. Mit beabsichtigter

Gegensätzlichkeit sind der rechte Arm und das linke Bein gebeugt,

liegen das rechte Bein und der linke Arm wagerecht. So bekommt

der Körper Schwere und ist doch alle seine Bewegung durch diese

Wendungen und die Drehungen in Hüfte und Hals Gottvater zugewandt. Die

Differenzierung der Gelenke geht bis in die Finger, von denen nicht

ein Glied ohne Beugung, ohne Bewegung ist. Dieses Verständnis des

menschlichen Körpers in seinem dreidimensionalen Wert, vor dem auf

unserem Bilde alles Landschaftliche zurückstehen muß, ist die neue

Erkenntnis Michelangelos, auch wenn sie ihm selbst nur Ausdrucksmittel

ist. Der letzte Gedanke an die Fläche des Gemäldes ist verschwunden;

die Gestalten bewegen sich vollkommen im Raum. Man wird von hier aus

verstehen, warum Michelangelo, der von der Plastik herkommt, seine

stärksten Gedanken über die Bewegung des Aktes im Gemälde niedergelegt

hat, wo die räumlichen Entwicklungen reicher ausgesprochen, mehrere

Gestalten zueinander in Gruppenbeziehung gesetzt werden konnten.

Die Bildfläche ist völlig zerstört; die Decke hat ihren Sinn als

Raumabschluß völlig verloren. Die Fresken der Frührenaissance waren

wenigstens noch annähernd durch die Wand gebunden. Michelangelos

flächensprengende Fresken an der Decke der Sixtinischen Kapelle aber,

zu denen auch die Erschaffung Adams gehört, bedeuten den vollkommenen

Verlust des tektonischen Zweckgefühls.

[Illustration: Abb. 8. Michelangelo. Erschaffung Adams. (Rom,

Sixtinische Kapelle.)]

So ist die Stilentwicklung der Renaissance festgelegt: Architektur

und Kunstgewerbe beginnen noch sachlich; dann nimmt die Dekoration

überhand, und der Schmuck vernichtet die Form. Plastik und Malerei

gehen parallel. Sie beginnen mit flächenmäßig entwickelten Gestalten,

um dann mit gestärktem Körper- und Raumbewußtsein die Grenzen zu

sprengen. Auch hier ist, wie in der Antike, die Lockerung in der

Haltung des Menschen die Folge; eine Gestalt wie der Adam des

Michelangelo ist ohne Beispiel. So wird es als Parallelbewegung

verständlich, daß in der Frührenaissance die gerade, fast steife

Haltung, in der Hochrenaissance die gelöste, ungezwungene

gesellschaftlich als vornehm gilt. Es ist dieselbe Differenz wie

zwischen dem Apollo von Tenea und der Art der Praxitelischen Zeit, und

auch hier führt sie zu immer stärkerer Vernichtung des Tektonischen im

Gefüge des Kunstwerks, zum Barock.

Zweites Kapitel.

Die bürgerliche Gotik in Deutschland und die sogenannte deutsche

Renaissance.

Wenn es noch irgend eines Beweises dafür bedürfte, daß die Bewegungen

der Kunst mit den allgemeinen Kulturbewegungen zusammentreffen, so

würde ihn die Erscheinung geben, daß zur Zeit der Gotik und der

Spätgotik, die in Deutschland erst nach 1500 der Renaissance weicht,

das deutsche Bürgertum wie das italienische sich in seinem Erstarken

einen Stil der Profankunst schafft, der vollkommen gotisch und doch

von sachlicher Formbildung ist. Eine stärkere bauliche Logik läßt

sich kaum denken, als in der Anlage des spätgotischen Rathauses

von Saalfeld in Thüringen (Abb. 9). Es ist notwendig, dem Nahenden

den Eingang zum Hause kenntlich zu machen, entweder mit leiser

Selbstverständlichkeit, wie bei der romanischen Kirche und dem Palast

der italienischen Frührenaissance, oder mit lauterem Hinweis, wie im

Stil der Gotik und der Spätrenaissance. Allein der Stil des deutschen

Bürgertums ist hier von besonders fein durchbildendem Gefühl. Er

empfindet den Eingang zusammen mit der Treppe als den Verkehrsweg im

Haus, als einen einheitlichen Teil gegenüber dem Gesamtorganismus. So

wird die Wendeltreppe hier hinter einem von spätgotisch krausen Linien

gerahmten Portal in einem gekanteten Treppenturm geführt und dieser

halb aus der Mauer hinausgelegt, so daß er in ihrer gleichmäßigen

Fläche die stärkste Bedeutung erhält. Zugleich aber ergibt sich ein

Vorteil für den Innenraum, der diese Anlage mit veranlaßt haben muß.

Sie ermöglicht es nämlich, die emporführende Treppe auf mehr als

die Hälfte jeder Windung von Fenstern begleiten zu lassen und so

auch hier die gleichmäßige Lichtverteilung des Zimmers zu erzielen.

Um die Vollkommenheit dieser Lösung zu erkennen, genügt es, darauf

hinzuweisen, wie bei den eingebauten Treppen unserer Zeit, auf die in

jedem Stockwerk nur ein Fenster führt, dieses Fenster unerträglich

blendet, während fast die ganze Länge der Treppe im Dunkel bleibt.

Wollte man nun aber in der Treppe tatsächlich einen bequemen

Verkehrsweg schaffen, so war es notwendig, den Treppenturm so zu

legen, daß von ihm aus alle Teile des Hauses gleichmäßig leicht zu

erreichen waren. Daher kommt es, daß die Treppentürme in den Höfen

des Merseburger und Marburger Schlosses in die Ecken gelegt sind,

während der Turm des Saalfelder Rathauses nahezu in der Mitte liegt.

So werden beim viereckigen Schloßhof die Ecken betont, während der

Turm hier die Wandfläche gliedert, nicht nach dem Gesichtspunkt der

Symmetrie, sondern mit zweckvoller Notwendigkeit. Die unsymmetrische

Anlage der Erker, die von vollkommener Schönheit ist, ist ebenso rein

aus dem Zweck gewonnen. Es ist nicht nur Eigentümlichkeit des Rathauses

von Saalfeld, sondern fast Regel in dieser Zeit, in die Wandfläche

Erker von viereckigem, an die Hausecke, wenn sie zugleich Straßenecke

ist, Erker von rundem Querschnitt zu legen, um von der Ecke aus den

vollkommenen Umblick, von der Wand aus sowohl den Überblick über die

eigene, wie über die gegenüberliegende Straßenseite zu gestatten. Man

kann an den Bauten der Gegenwart überall sehen, wie viereckige Erker

an der Ecke jeden weiten Blick, flachrunde in der Wandfläche das

Überschauen der darunterliegenden Straßenseite unmöglich machen. Den

energischen Abschluß gibt dann dem Saalfelder Rathaus das hohe Dach,

kräftig belebt durch die großen Linienführungen der Quergiebel, die den

Treppenturm begleiten.

[Illustration: Abb. 9. Saalfeld. Rathaus.]

Dieselbe Logik des Zweckbewußtseins bedingt die Einheitlichkeit im

Verhältnis von Innenbau und Außenbau. Die Anlage der Fenster ist

natürlich innen und außen dieselbe; wenn aber etwa beim Fachwerkhaus

dieser Zeit jedes Stockwerk über das darunterliegende etwas vorragt,

so werden die Unterzugbalken des Innenraumes einfach nach außen

weitergeführt, tragen so den überhängenden Gebäudeteil und geben dem

Außenbau nicht nur dieselbe Klarheit der baulichen Konstruktion wie dem

Innenbau, sondern motivieren ihn geradezu durch diesen.

Dessen Durchführung ist ebenso tektonisch bedingt. Ein gotisches

Zimmer, wie etwa das, in das Albrecht Dürer seinen heiligen

Hieronymus gesetzt hat (Abb. 10), ist von sicherer Klarheit der

architektonischen Konstruktion. Zwei mächtige Unterzugbalken, senkrecht

zur Fensterwand durchs Zimmer geführt, tragen eine Balkenlage, auf

der die eigentliche Decke ruht. So kennt man genau die Festigkeit der

Decke. Sie gibt zusammen mit der klaren Ruhe der Wand dem Zimmer jenes

Sicherheitsgefühl, das für den Bewohner die Behaglichkeit bedeutet.

Die warme Farbe der Holztäfelungen und die Verteilung des Lichtes

durch die Anlage der Fensterwand wirkt hierzu mit. Sie ergibt sich

mit zwingender Logik aus der geringen Intensität des Lichtes im

Norden; während unter dem klaren Himmel Italiens das Fenster schmal und

hoch ist, nimmt es in Deutschland den oberen Teil der Wand in seiner

ganzen Breite ein und ergibt so eine gleichmäßig ruhige Verteilung

des Lichtes. Es ist kein Zufall, daß die Gemälde dieser Epoche, die

in unseren Museen hängen, nicht bei hellem Sonnenschein, sondern bei

dem gleichmäßigen Licht des bedeckten Himmels die höchste Kraft ihrer

Farben entwickeln und geradezu von innen heraus zu leuchten beginnen.

Sind sie doch für das ebenso gleichmäßige und wenig intensive Licht des

breiten Butzenscheibenfensters gemalt worden.

[Illustration: Abb. 10. Albrecht Dürer. Der heilige Hieronymus.]

[Illustration: Abb. 11. Niederrheinische Schnelle.]

So erklärt sich der Eindruck harmonischer Schönheit bei den Bauten der

bürgerlichen Gotik. Außenbau und Innenbau sind in vollkommener Einheit,

weil beide allein abhängig sind vom Zweck und damit jeder durch den

anderen bedingt ist; nirgends drängt sich das Ornament vorlaut in die

ruhige Klarheit des organischen Gefüges. Es gibt überhaupt kein Haus in

dieser Zeit, das nur gebaut ist, um schön auszusehen, und eben deshalb

sind die unverletzt erhaltenen Häuser und Straßenzüge von vollkommener

Schönheit. Denn nicht nur die Schönheit des einzelnen Baues, auch die

des größeren Organismus, der Stadt, ist wesentlich Zweckschönheit.

Die Art, wie der Marktplatz aufgebaut ist, wie Brunnen und Rathaus

und Zunfthäuser auf ihm stehen, wie die Straßen einmünden, ist genau

geregelt nach den Forderungen des zuströmenden Marktverkehrs, die

Anlage der Stadt den Terrainverhältnissen angepaßt und nicht, wie

heute, das Terrain einem willkürlichen Schönheitsgesetze unterworfen.

Daher jener erstaunliche Zusammenhang mit der Natur in Nürnberg oder

Heidelberg, daß es scheint, als wüchse die Architektur wie eine

wurzelnde Pflanze aus dem Boden.

Allerdings leben die Stilelemente der kirchlichen Spätgotik fort,

aber sie werden nur dort wirksam, wo Schmuck gefordert wird, also an

bürgerlichen Prunkbauten wie dem Rathaus von Münster in Westfalen.

Noch widerstreitender erscheint dieses Nebeneinander von bürgerlichem

Zweckstil und prunkhafter Spätgotik im Kunstgewerbe. Der Tisch

in Dürers Hieronymus (Abb. 10) ist ganz konstruktiv gewonnen. Man

stellt zwei Bretter hin, die die Platte tragen, steckt zwei schmale

Balken durch dazu ausgeschnittene Löcher in ihnen und hält das Ganze

durch außen vorgelegte Keile zusammen. Aber gleichzeitig entstehen

elegante, hochbeinige Prunkmöbel wie der Stollenschrank, deren Flächen

aufgelöst sind in dem graziösen Maß- und Krabbenwerk des spätgotischen

Ornamentes. Beim Gerät greift diese Spaltung der Formstile noch

tiefer ein. Das Gebrauchsgerät, aus dem billigen Ton, ist absolut

tektonisch. Beispielsweise ist die niederrheinische Schnelle (Abb. 11)

ein walzenförmiges Gefäß, dessen obere und untere Begrenzung durch

ringförmige Säume ausgedrückt, dessen Oberfläche aus dem Eigenmaterial

des unglasierten Tones gebildet ist. Das goldene Prunkgerät dagegen

wird zunächst spätgotisch reich bewegt und geziert, um dann schnell zu

ebenso reichen Renaissanceformen überzugehen (Abb. 14 und 15). Denn die

italienische Renaissance wird in Deutschland nicht tektonisch, sondern

nur ornamental wirksam. Ihre Formen treten einfach an die Stelle der

spätgotischen Schmuckelemente, ohne das Gerüst wesentlich zu ändern.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Zweiter Band.: Von der Renaissance bis zur Gegenwart · 第 1 / 9 段