seines Angesichts, den Karren hinter sich, durch die Straßen keuchte,
und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens achtzehn
Talglichtern mit blechernen Reflectoren, #à quatre épingles# gekleidet,
durch den Saal hüpfte, würde eine solche Veränderung, ohne den Mann
genauer zu kennen, nicht für möglich gehalten haben, und doch war es
eine und dieselbe Persönlichkeit.
Es läßt sich nicht läugnen, weder der hellblaue Frack mit den blanken
Knöpfen, noch die weißen Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen
Glacéhandschuhe waren je für ihn gemacht, und die beiden ersteren gerade
um das zu weit, was die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch,
wie der Pfarrer meinte, »den guten Willen«, und einen aufmerksameren und
den Formen strenger genügenden Tanzmeister wie ihn gab es nicht auf der
weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien.
Jeremias war in der That überall, und hatte er heute über Tag bei seinem
Karren geschwitzt, so überstieg seine Transpiration gegenwärtig alle
Gränzen. Er troff förmlich, und das helle Wasser lief ihm unter der
brennend rothen Perrücke in kleinen Bächen nieder.
Eigentlich hatte Jeremias ursprünglich gar kein rothes Haar gehabt, und
das kleine Stückchen Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren
stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als ihm aber damals, nach
einer Art Nervenfieber, und kurz vorher, ehe er Deutschland verließ,
sämmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur für eine _schwarze_
Perrücke eine seine Kräfte übersteigende Summe, und da er die _rothe_
Perrücke -- der Träger war darunter weggestorben -- aus zweiter Hand
billig erstehen konnte, entschloß er sich kurz und wechselte die Farbe.
Jetzt war er nun so an die rothe Perrücke gewöhnt, daß er eine andere,
schwarze nicht mehr umsonst genommen hätte.
Übrigens war Jeremias in der ganzen kleinen Stadt als ein fleißiger,
nüchterner Arbeiter beliebt, und seiner oft drolligen Antworten wegen
fast in jedem Hause gern gesehen. Weil er aber fleißig arbeitete,
verdiente er auch ganz hübsches Geld, und nur, was er mit dem Verdienten
machte, erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht, da er
außerordentlich mäßig lebte, und nie auch nur einen halben Milreis
vergeudete, aber trotzdem hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben
gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, und von Staatspapieren
wußte er außerdem Nichts. Allerdings hatte sich das Gerücht verbreitet,
daß er sein Geld heimlich im Walde vergraben und schon einen ganzen Sack
voll Milreis irgendwo eingescharrt habe. Gewißheit bekam aber Niemand
darüber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere das wissen zu lassen,
was sie eben nicht zu wissen brauchten.
So gutmüthig Jeremias aber auch im Ganzen sein mochte, und so
dienstwillig und gefällig er sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit
zeigte, so unumschränkt regierte er hier, und der geringste Verstoß
gegen die Tanzordnung wurde auf das Unerbittlichste geahndet. Ein
Schneider aus Santa Clara ärgerte ihn besonders, und man erzählte sich,
die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe sich daher, daß Jeremias
eine Heirath des Schneiders, den er als einen liederlichen Schlingel
kannte, hintertrieben habe. Das Mädchen war braver Bauersleute Kind, und
Jeremias kannte den Bräutigam, der aus seinem Orte stammte, schon von
Deutschland her. Daheim hatte dieser aber ein anderes Mädchen sitzen,
dem er die Ehe versprochen, und das auf ihn wartete, und als die
Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber das Haus verboten.
Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, war nicht ganz bestimmt,
jedenfalls hieß es so, und der Schneider haßte ihn seitdem wie seinen
Todfeind, ohne daß sich Jeremias deshalb die geringste Sorge gemacht
hätte. Heute nun, wo Jener etwas mehr als gewöhnlich getrunken haben
mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem kleinen Ceremonienmeister,
und als dieser ihn eben so oft derb abfertigte, wußte er sich auf andere
Weise zu rächen. Jeremias hatte gerade wieder in der einen Ecke einen
Schluck Punsch mit dem jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf der
andern Seite des Saales eine Unordnung entdeckte. Wie der Blitz sprang
er auf und dorthin; unglücklicherweise mußte er aber an dem Schneider
dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt, und Jeremias, darin hangen
bleibend, schoß, so lang er war, mitten in den Saal.
Dem böswilligen Schneider bekam das aber schlecht. Zu viele Leute waren
Zeuge gewesen, und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden aufraffen
konnte, hatten sie den Schneider gepackt, machten ein Fenster auf und
warfen den sich aus Leibeskräften dagegen Sträubenden hinaus in die
Büsche.
Übrigens war es eine so allgewöhnliche Begebenheit, daß bei einem
deutschen Balle auch zwei oder drei Personen zu Thür oder Fenster
hinausgeworfen wurden, daß Niemand weiter darauf achtete. Der Tanz
ging ruhig fort, und Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom
Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider beseitigt, als er auch
augenblicklich wieder in den Tact der Musik einfiel, und nur im
Herüber- und Hinüberhüpfen noch den Staub von seinem Fracke zu entfernen
suchte. Leider war kurz vorher gesprengt worden, und die weißen Hosen
hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen, aber Jeremias
selber sah es nicht und Niemand achtete weiter darauf.
Pilger war auch aus dem Gastzimmer herübergekommen, um seine Frau zu
suchen, die versprochen hatte bei dem Balle zu erscheinen, aber sie
fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde später ging er nach Hause, um
sie abzuholen.
Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort gewesen sein, als er mit
etwas verstörtem Gesichte wieder zurückkam und seine Blicke unruhig im
Saal umherschweifen ließ -- dann verschwand er wieder, ohne daß
natürlich irgend Jemand auf ihn achtete, um bald darauf wieder
zurückzukehren, wo er den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer
aufsuchte und zu sich hinausrief.
»Nun,« sagte dieser, der eben nicht gern von seiner Partie aufgestanden
war, indem er ihm vor die Thür folgte, »was haben Sie denn, Sie schneiden
ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen brennte?«
»Meine Frau ist fort,« flüsterte Pilger mit heiserer, von innerer
Aufregung fast unhörbarer Stimme.
»Ihre Frau ist fort?« sagte der Geistliche erstaunt -- »wohin?«
»Ich weiß es nicht,« stöhnte der Mann -- »sie ist nicht hier beim Tanze,
sie ist nicht zu Hause und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem
Bündel in der Hand fortgegangen.«
»Na ja, das wäre nicht übel,« schüttelte der Herr Pfarrer mit dem Kopfe
-- er hatte drin ein Eichelsolo auf dem Tische liegen, und die Sache kam
ihm sehr unbequem -- »aber wohin _kann_ sie denn hier?«
»Da steckt der Schuft, der Bleifuß dahinter,« knirschte der Mann zwischen
den zusammengebissenen Zähnen durch; »aber wenn ich die Gewißheit kriegte,
dann gnade ihm Gott!«
»Hm,« sagte der Pfarrer, welcher die deshalb umlaufenden Gerüchte schon
lange gehört hatte und kannte -- »und haben Sie keine Ahnung, wohin sie
sich gewandt haben könnte?«
»Keine,« ächzte Pilger; »aber was um Gottes Willen kann ich thun, um sie
wieder zu bekommen?«
»Heute Abend gar Nichts,« sagte der Pfarrer; »es ist stockdunkel, und
aus dem Tanzsaal bringen Sie Keinen fort -- noch dazu, wenn Sie nicht
einmal eine bestimmte Richtung angeben können.«
»O, Du großer, allmächtiger Gott!« stöhnte der Mann und preßte die fest
zusammengeschlagenen Hände gegen seine Stirn.
»Machen Sie sich keine Sorgen,« sagte der Geistliche, »wenn die Frau Sie
auf so leichtsinnige Weise verlassen konnte, so haben Sie auch Nichts an
ihr verloren, und den Mosje, den Bleifuß, wollen wir schon kriegen, wenn
der wirklich dahinter steckt. Der muß blechen, daß es ihm blau und braun
vor den Augen wird.«
»Meine Grethe -- meine Grethe!« hauchte der arme Teufel; »daß sie mir
die Schande anthun konnte!«
»Es läßt sich heute Nichts mehr machen,« versicherte der Pfarrer -- er
_konnte_ seinen Eichelsolo nicht länger im Stiche lassen -- »gehen Sie
ruhig nach Hause -- morgen früh komme ich zu Ihnen und da besprechen
wir das Weitere« --, und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er dem
Unglücklichen auf die Schulter und ging wieder in das Zimmer zurück an
seinen Spieltisch.
Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in der offenen Thür, dann
aber lief er noch einmal zurück zu seinem Haus, und als er die Verlorene
auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die Nacht hinein -- er
wußte ja selber nicht, wohin.
Unten an der Landung, etwa zweihundert Schritte tiefer als die Boote
gewöhnlich lagen, hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter Büsche
angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang waren schon verschiedene
Blechkoffer und Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer, die
zu einem der weiter unten ankernden Schooner gehörten, lagen auf ihren
Riemen und warteten auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des Bootes,
das jetzt ein Stück draußen im Strom ankerte, dicht zum Lande zu schieben.
Jetzt pfiff es viermal rasch hintereinander, und während sich das
schmale Fahrzeug noch tiefer in die Büsche hineinschob, eilten ein Mann
und eine Frau den schräg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die Stelle
zu, wo dasselbe verborgen lag.
Der Mann hielt ein größeres Paket im Arme und konnte nicht so rasch von
der Stelle, weil er, seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die
Frau führte ein kleines Bündel bei sich und war ihm immer um einige
Schritte voraus, bis sie den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie
plötzlich und wie erschreckt an und flüsterte:
»O, Du mein lieber himmlischer Vater, was will ich thun, was will ich
thun!«
»Hier sind wir an Ort und Stelle,« sagte der Mann, der sie hier
einholte, in portugiesischer Sprache, aber mit unterdrückter Stimme,
»nur rasch, meine Geliebte, daß uns die Tölpel nicht doch noch am Ende
auf die Spur kommen.«
»O, mein armer Mann, und er ist immer so gut und rechtschaffen, und
_ich_....«
Während sie klagte, hatte der Portugiese schon sein Bündel in das Boot
gegeben und der Frau das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen
gereicht. Jetzt legte er leise seinen Arm um ihre Taille und schob sie
sanft rückwärts.
»Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir versäumen sonst die günstige
Zeit über die Barre -- dort hinten höre ich auch Leute. Denken Sie, wenn
man Sie hier fände -- mit _mir_!«
Die Frau schreckte empor. Etwa hundert Schritte weiter oben führte
ein Weg vorbei, auf dem zwei Männer gingen, die sich laut miteinander
unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme des Einen zu erkennen und
wich scheu mehr in die Büsche hinein. Dort lag die Planke -- einer der
Matrosen ergriff ihre Hand, und keine halbe Minute später glitt das Boot
in die dunkle Strömung hinaus und mit dieser abwärts.
Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt, die horchend stehen blieb,
als sie das Knarren der Ruder in den Blöcken hörte, das nur so viel
deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen ließ sich freilich
Nichts von dort, wie nur vielleicht der dunkle Schatten des Bootes
selber.
»Grethe,« rief da eine leise, klagende Stimme in den Strom hinaus
-- »Grethe -- bist Du dort?«
Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben die Ruder das Boot
vorwärts, das wenige Minuten später um eine ablaufende Biegung des
Flusses verschwand. --
Bei dem Director, in der kleinen Oberstube, saß Könnern, und Beide
waren, Jeder mit einem Lichte vor sich, beschäftigt zu lesen. Der
Director wühlte in einer Anzahl von Briefschaften, während Könnern
ein Packet Zeitungen durchblätterte, die der Capitain des Schiffes
mitgebracht hatte. Die Haushälterin brachte gerade den Thee herein,
denn die Abende waren frisch genug, um eine warme Tasse Thee recht gut
vertragen zu können.
»Na, da hört Alles auf!« sagte der Director plötzlich, und sah über
einen eben geöffneten Brief nach Könnern hinüber.
»Nun,« fragte dieser, dem Blicke begegnend -- »irgend eine unangenehme
Nachricht?«
»Unangenehm gerade nicht,« lautete die Antwort, »aber gerade zu der
unpassendsten Zeit in der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese,
den wir an der Schule trafen, zeigt mir eben an, daß er von der Regierung
auf unbestimmte Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit in seiner
Abwesenheit die laufenden Geschäfte übertrage. Die ganze lange Zeit hat
der Herr Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil ich die kleinen
Streitigkeiten zwischen den Colonisten immer selber schlichtete, ja,
eher noch selber Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen Familien
gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze Schaar durch die Seereise halb
verwilderter Menschen bekommen, die außerdem noch untergebracht werden
sollen, will er sich von jeder Arbeit drücken. Das geht nun einmal unter
keiner Bedingung an, und wenigstens muß er noch die nächste Woche
dableiben. Ich habe überdies Scheererei genug -- kommen Sie, trinken Sie
eine Tasse Thee -- da drüben steht der Rum -- helfen Sie sich selber.«
Könnern schob die Zeitungen und Papiere bei Seite, um freien Raum zu
bekommen. Eine kleine, zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den
Tisch.
»Hallo,« lachte er, »die Dinger gehören doch hier wohl eigentlich zu
den exotischen Gewächsen. Wie heißt denn der Herr? Arno von Pulteleben
-- den Namen kenn' ich nicht.«
»Irgend wieder ein junger Adeliger,« sagte der Director, sich Rum zu
seinem Thee gießend, »der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe
herüber kommt, sich hier eine Zeit lang herum treibt und über Alles
schimpft, bis sein mitgebrachtes Geld verzehrt ist, und dann, empört
über die traurigen Verhältnisse des Landes, nach Deutschland zurückkehrt,
für das er Märchenstoff in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute
besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack, Seidenhut und die weißen
Glacéhandschuhe durch's Fenster sah, hatte ich schon übrig genug und
-- ließ mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.«
»Wo mag er denn nur Quartier gefunden haben?« sagte Könnern, »die Häuser
sind ja fast alle überfüllt.«
»Gott weiß es,« sagte der Director gleichgültig, »vielleicht doch noch
im Hotel, denn Bohlos macht oft das Unglaubliche möglich. Überhaupt,
lieber Könnern, glauben Sie gar nicht, was sich in einer solchen
Colonie wie die unsere oft für wunderliche Subjecte und Charaktere
ansammeln, und man könnte sie sich oft nicht besser assortirt für ein
Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen. Aus allen Schichten der
Gesellschaft bekommen wir die Proben, und der hohe Adel, wie Künstler
und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten Exemplare. Unseren
Baron haben Sie schon gesehen, die Gräfin werden Sie jedenfalls noch
kennen lernen; außerdem treibt sich hier auch ein ganz tüchtiger
Künstler herum, ein Mann, der wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst
Ehre machen könnte, und hier gerade so viel damit ausrichten wird, wie
ein Holzhacker in den Pampas, oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.«
»Ist es ein Maler?« fragte Könnern.
»Nein,« lachte Sarno, »Sie brauchen keinen Concurrenten zu fürchten
-- nur ein Clavierspieler. Aber auch ein anderer Musiker macht die
Gegend unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug geworden bin.
Er _nennt_ sich Randolph und scheint mir ein excentrischer Kopf, wie
alle derartigen Künstler....«
In dem Augenblicke wurde draußen an die Thür geklopft und die alte
Haushälterin meldete gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger wünsche den
Herrn einen Augenblick zu sprechen.
»Ach,« sagte der Director, unzufrieden mit dem Kopfe schüttelnd, »immer
wieder die alte Geschichte, aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht
geben, denn er wird seinen Quälgeist wenigstens auf einige Zeit los.
Lassen Sie ihn nur herein kommen.«
Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand,
sah aber todtenbleich aus und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen
auf der Stirn.
»Guten Abend, Herr Director!« stöhnte er, ohne auf den noch im Zimmer
befindlichen Fremden weiter zu achten.
»Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen, wie seht Ihr denn aus, Mann? Was
ist denn vorgefallen?«
»Meine Frau ist mir davon gelaufen, Herr Director,« sagte der arme Teufel,
und man sah es ihm an, wie er sich nur mit äußerster Gewalt zwang, seine
Fassung zu bewahren.
»Eure Frau? Wann?!« rief der Director erschreckt und ein eigener Verdacht
schoß ihm durch den Kopf.
»Heute Abend -- vor einer Stunde etwa, vielleicht noch nicht so lange.
Sie wollte auf den Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber
jetzt nirgends mehr zu finden.«
»Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so kurze Zeit vermißt, kann sie
ja auch zu einer Freundin gegangen sein, um die abzuholen.«
»Nein,« sagte der Mann ruhig, »sie hat ein Bündel mitgenommen und ist
nach dem Flusse gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet ist.«
»Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei die Hand im Spiele haben
könnte?« fragte der Director.
»Verdacht? Nein,« sagte Pilger mit fest zusammengebissenen Zähnen, »aber
die _Gewißheit_, daß es jener gottverfluchte Bleifuß, der Delegado,
gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine Möglichkeit,« fuhr er fort,
während der Director leise vor sich hin mit dem Kopfe nickte, »daß die
Flucht nach dem Flusse zu vielleicht nur zum Schein war und meine Grethe
jetzt ruhig drüben im Hause des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr
vor etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabwärts, aber ich kann mir
nicht denken, daß der Portugiese die Frau allein fortschicken wird, und
deshalb komme ich her, Herr Director, und wollte Sie bitten, das Haus
des Portugiesen augenblicklich durchsuchen zu lassen. Finden wir dort
nichts, dann muß sie den Strom hinunter sein, und ich glaube, ich weiß
ein Haus, wo sie sich möglicher Weise verborgen halten könnte.«
»Wart Ihr schon am Hause des Delegado?«
»Ja -- es ist Alles stockfinster drin, aber das bedeutet nichts.«
»Wißt Ihr, daß der Delegado Urlaub von der Regierung und mir heute Abend
schriftlich angezeigt hat, ich solle sein Amt hier für ihn versehen?«
Der Mann schlug entsetzt die Hände zusammen.
»Dann ist's auch richtig,« stöhnte er -- »dann ist er fort und sie waren
in dem Boote, das ich gesehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr
Director?«
»Von Herzen gern, Pilger, aber wie?«
»Erst gehen wir jetzt zu seinem Hause und sehen ob er fort ist, und
finden wir das bestätigt, dann bitte ich Sie um weiter Nichts, als Ihr
Boot -- Leute schaff' ich schon herbei.«
»Aber keine Gewaltthätigkeit, Pilger!« warnte der Director; »Ihr macht
die Sache dadurch nur noch schlimmer.«
Ȇberlassen Sie das mir, Herr Director. Ich habe den Eltern meiner Frau,
braven, ordentlichen Leuten daheim, versprochen, über dieselbe zu wachen
wie über meine Augen; ich darf die unglückliche Frau nicht den Händen
dieses Buben überlassen, und _darin_ werden mich doch hoffentlich die
Gesetze schützen.«
»Das allerdings,« sagte Sarno, von seinem Stuhle aufspringend -- »und
dann wollen wir auch keine weitere Zeit mehr versäumen -- kommt!«
Er griff seinen Hut auf, und von Könnern begleitet, gingen die Männer
rasch nach dem Hause des Delegado hinüber. Es war aber hier, wie es Sarno
gefürchtet hatte, sie fanden das Haus nicht allein fest verschlossen,
sondern auch leer. Dicht daneben wohnte ein deutscher Cigarrenmacher,
der einen kleinen Stand nach der Straße zu hatte. Dieser konnte ihnen
wenigstens die Nachricht geben, daß gleich nach Dunkelwerden mehrere
brasilianische Matrosen Kisten und Koffer aus dem Hause die Straße
hinab getragen hätten. Weiter wußte er ebenfalls nichts, denn den
Delegado hatte er mit keinem Auge gesehen.
»Dann bleibt mir Nichts weiter übrig, als das Boot,« stöhnte Pilger, als
er mit seinen Begleitern wieder die Straße hinauf ging -- »darf ich es
nehmen, Herr Director?«
»Geht mit Gott!« sagte Sarno, indem er ihm den kleinen Bootschlüssel gab
-- »Ihr wißt, wo es liegt?«
»Ja wohl -- und Segel und Ruder?«
»Hat der Fischer gegenüber -- der kann Euch auch wahrscheinlich gleich
Leute zum Rudern nachweisen.«
Pilger dankte und flog mehr als er ging die Straße hinab und der Landung
zu. --
* * * * *
Im Hause der Gräfin Baulen war die kleine Familie mit ihrem Gaste
ziemlich spät beim Thee zusammen gewesen, und hatte den Abend, so gut
das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von Pulteleben erzählte von
seiner Familie daheim und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden,
von seinen Plänen und Hoffnungen und seinem Eifer, etwas Ernstliches
zu beginnen, und die Frau Gräfin selber war ihm mit Interesse dabei
gefolgt. Nur Oskar langweilte sich; aber er wußte, daß im Wirthshause
Ball sei. Allerdings würde ihm seine Mutter nie die Erlaubniß gegeben
haben, dem beizuwohnen, deshalb ersparte er ihr das Unangenehme einer
Weigerung, verließ unbemerkt das Zimmer und ging eben _ohne_ Erlaubniß.
Herr von Pulteleben erzählte jetzt von seiner Reise und den Abenteuern
derselben, und da er wirklich gar Nichts dabei erlebt, wurde die Frau
Gräfin endlich müde und schlief ein.
Helene setzte sich auf kurze Zeit an's Clavier, aber ihr Gast war nichts
weniger als musikalisch, und da er auch keinen Geschmack an den kleinen,
reizenden Liedern fand und sie immer nur -- oft mitten in einem Stücke
-- bat, einen Walzer oder Galopp zu spielen, ermüdete Helene ebenfalls.
Es war Zeit zum Schlafengehen geworden, das Mädchen wurde gerufen, um
dem Fremden in sein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in das ihrige,
stellte das Licht auf den Tisch, stützte den Arm auf das offene Fenster,
zu dem der balsamische Duft der Orangenblüthen voll hereinströmte, und
schaute träumend in die Nacht und auf die dunklen Conturen der Gebirge
hinaus.
Da zuckte sie plötzlich erschreckt empor, denn fast dicht unter ihrem
Fenster erklangen wieder die leise klagenden Töne der Violine, die sie
schon an jenem Abend so wunderbar ergriffen hatten. Es lag ein solcher
Schmelz in der einfachen Melodie, daß es ihr unwillkürlich das Herz
ergriff, und sie stand auf, setzte sich auf das Sopha, um von unten
aus nicht gesehen zu werden, und horchte mit angehaltenem Athem dem
meisterhaften Spiele.
Herr von Pulteleben, der schräg über ihrem Zimmer wohnte, hatte schon
sein Licht ausgelöscht und sich eben niedergelegt, als der Spielende
unten begann. Er stand wieder auf, lehnte sich in das offen stehende
Fenster und hörte eine Weile zu, bis die Töne unten leise verhallten.
Jetzt rief er von oben herunter:
»Bravo! Sehr hübsch! Wirklich allerliebst!«
Helene barg die Stirn in ihre Hand; es war wie ein Mißton in diese
Harmonie hinein. Der Spielende unten aber schwieg. Sie löschte ihr Licht
aus und trat verdeckt ans Fenster, um vielleicht den Schatten seiner
hinweggleitenden Gestalt zu sehen, aber Nichts regte sich -- dunkel lag
die Nacht auf dem Thale, und nur von weit herüber schallten dann und
wann, von einem gelegentlichen Luftzuge getragen, die munteren Töne der
Violinen und Trompeten, die dem jungen, lustigen Volke von Santa Clara
zum Tanze aufspielten.
10.
Eine Familienscene.
Vier Tage waren nach den oben beschriebenen Vorfällen verflossen und die
Frau Gräfin hatte an diesem Morgen noch nicht vollständig ihre Toilette
beendet, als draußen auf dem Vorsaale schwere Tritte laut wurden, und
gleich darauf ein Mann mit Dorothea sprach. Jetzt klopfte diese an die
Thür und rief:
»Frau Gräfin, der Meister Spenker ist draußen und wünscht die Frau
Gräfin zu sprechen.«
»Soll später wieder kommen,« lautete die Antwort -- »ich bin noch nicht
fertig angezogen.«
»Ach, machen Sie keine Umstände, Frau Gräfin,« sagte der Bäckermeister,
der die Antwort gehört hatte -- »ich habe meine Frau auch schon oft im
Negligé gesehen -- bin ja ein verheiratheter Mann und kann nicht so lang
von zu Hause fort bleiben. Es giebt jetzt schmählich viel zu thun, denn
die vielen neuen Mäuler im Ort wollen doch alle satt werden und Brod
haben.«
»Aber weshalb kommen Sie denn so früh -- ich _kann_ jetzt nicht.«