der Arbeit war -- »es hat eben Elf geschlagen, und bei uns drüben sagen
wir nicht einmal mehr »guten _Morgen_« -- es wird gleich zu Mittag
gegessen. Wenn Sie aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die
Thür melden, was mich hergeführt -- ich glaubte nur, es wäre Ihnen
angenehmer wenn ich Sie _allein_ spräche.«
Es entstand eine kleine Pause und der Bäckermeister lächelte leise vor
sich hin -- endlich sagte die Gräfin von innen heraus:
»Ich komme den Augenblick -- gehen Sie in das andere Zimmer.«
»Sehr wohl, Frau Gräfin,« erwiederte der Meister kopfnickend, und wußte
auch ganz genau, in welches, denn er hatte schon sehr viele derartige
Conferenzen mit der Dame gehabt. Er brauchte indessen nicht sehr lange
zu warten, denn kaum zehn Minuten später ging die Thür auf und Frau
Gräfin Baulen, einen großen Shawl umgeschlagen, trat herein und sagte
eigentlich viel freundlicher, als man nach der erzwungenen Audienz hätte
vermuthen sollen:
»Guten Morgen, Meister! Was wünschen Sie?«
»Guten Morgen, Frau Gräfin -- Nichts, als die alte Geschichte, die wir
schon einige Mal verhandelt haben; _Geld_ -- meine Miethe.«
Die Gräfin warf ungeduldig den Kopf auf die Seite.
»Aber Sie wissen ja doch, daß meine Wechsel, die ich jedenfalls mit dem
nächsten Dampfer erwarte, noch nicht angekommen sind -- ich habe Ihnen
das schon das letzte Mal gesagt, als ich das Vergnügen hatte Sie zu
sehen.«
»Bitte,« sagte der Mann -- »ja, und das vorletzte Mal auch, und das
vorvorletzte, aber es ist ein merkwürdiges Ding um einen Wechsel, der
nie ankommt, wenn er am Nothwendigsten gebraucht wird.«
»Und ist das etwa _meine_ Schuld?« sagte die Gräfin piquirt.
»Glaube kaum,« lächelte der Bäckermeister -- »nur die Schuld der Leute,
die eben keinen schicken wollen.«
»Aber sie _sind_ abgeschickt,« rief die Gräfin ungeduldig, »und können
jetzt jede Stunde eintreffen. Sie denken doch nicht etwa, daß ich Ihnen
eine Unwahrheit sagen werde?«
»Nein,« sagte der Bäckermeister kopfschüttelnd -- »es wäre wenigstens
nicht hübsch, aber damit kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange
von der Sache ist einfach _das_, daß ich nicht länger auf die Wechsel
warten kann, und es thut mir leid Ihnen das sagen zu müssen, Frau
Gräfin. Ich bin nur ein Handwerker, und was ich brauche, muß ich mir
sauer genug verdienen; außerdem habe ich Kinder die versorgt sein
wollen, und das kostet, wie Sie ebenfalls recht gut wissen, viel Geld.
Deshalb muß ich das Meinige zusammenhalten -- Sie sind eine zu
vernünftige Frau, um das nicht einzusehen, und ich kann die Milreis
nicht hundertweis ausstehen lassen.«
»Aber, lieber Freund, »ich _kann_ Sie ja doch nicht eher zahlen, bis
mein Wechsel kommt,« sagte die Gräfin ungeduldig -- »was hilft also all
das Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!«
»Eben _weil_ ich lieber auf die Vernunft hören will, als viele Reden
machen, bin ich heute Morgen hergekommen,« sagte der Meister ruhig,
»und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau Gräfin, daß ich mein Geld in
dieser Woche haben _muß_ und _will_, Wechsel oder keine Wechsel, die
mich eigentlich gar Nichts angehen. Ich werde Sie nicht zu sehr drängen
und gebe Ihnen noch bis zum Samstag Zeit, das ist aber auch, das schwöre
ich Ihnen, der allerletzte Termin, den Sie von mir herausdrücken können;
denn die Geschichte spielt jetzt fünfzehn Monate, und ich will mich
nicht länger zum ... na, ich meine, ich kann eben nicht länger warten.«
»Ich will sehen was in meinen Kräften steht,« sagte die Gräfin
gleichgültig, und wie es schien, mit dem Wunsche, das Gespräch
abzubrechen -- »erzwingen läßt sich aber so etwas nicht.«
»Oh, doch wohl,« sagte Meister Spenker, den die vornehme Gleichgültigkeit
zu ärgern anfing -- »es läßt sich auch erzwingen, Frau Gräfin, wenn es
mir auch sehr leid thun sollte, etwas Derartiges zu thun. Der ganze Ort
ist jetzt voll Leute, die Logis suchen, und eine solche Wohnung, wie das
Haus hier, mit Vergnügen noch höher als Sie und gleich baar bezahlen
würden; überall fragen sie an, ob nichts Derartiges zu bekommen sei.
Außerdem haben Sie selber schon einen Aftermiether in's Haus genommen,
der _Sie_ doch auch bezahlt, und ich sehe gar nicht ein, weshalb ich
das nicht selber verdienen und sonst Nichts auf der Welt davon haben
soll, wie leere Versprechungen.«
»Der Herr,« sagte die Gräfin doch etwas verlegen, »ist -- ein Verwandter
von mir, und zahlt mir also keine Miethe.«
»Na, das geht mich Nichts an,« sagte der Bäcker, »ob er _Ihnen_ Etwas
zahlt. Wenn er bei _mir_ wohnte, _würde_ er zahlen. Also Nichts für
ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld nicht bekomme, so muß ich
Sie, so leid mir das thun sollte, auf die Straße setzen und mich an dem
schadlos halten, was Sie mir für meine zweihundert Milreis an Pferden
oder Möbeln zurücklassen können.«
»Herr Spenker,« rief die Gräfin auffahrend, »eine solche Sprache
verbitte ich mir! Wenn Sie sich in Ihrem Rechte gekränkt glauben, so
wenden Sie sich an die Gerichte, und wir wollen dann sehen, ob mir nicht
jeder Kaufmann selbst bezeugen muß, daß in einem solchen Winkel der
Erde, wie wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wechsels verzögert
werden kann -- aber so lange Sie in meiner Stube sind, vergessen Sie
nicht die mir schuldige Achtung.«
»Ach was,« sagte der Mann mürrisch -- »_Sie_ vergessen auch immer die
mir schuldigen zweihundert Milreis, und mit dem vornehm -- aber wir
wollen uns nicht zanken,« brach er kurz ab, »deshalb bin ich nicht
hergekommen. Ich mag mit keinem Menschen Streit haben, am wenigsten mit
meinen Miethsleuten -- so weit's eben geht -- also nochmals, Nichts für
ungut, Frau Gräfin, und sorgen Sie dafür, daß wir die Sache am Samstag
in's Klare kriegen, sonst läßt sich's eben nicht länger vermeiden und
müßte Ihnen doch fatal sein. Wünsche Ihnen einen recht angenehmen
Morgen« -- und mit einer kurzen Verbeugung und einer Schwenkung des
rechten Armes drehte er sich um und stieg langsam wieder die Treppe
hinunter.
Die Gräfin hatte seinen Gruß sehr kalt erwiedert und blieb, als er schon
lange das Zimmer verlassen, noch immer in finsterem Brüten auf derselben
Stelle stehen. Sie hatte die Arme gekreuzt und starrte nieder vor sich
auf den Boden, als die eine Seitenthür aufging und Helene eintrat.
Sie ging still an der Mutter vorüber zu dem nächsten Fenster, wo ein
Buch lag, das sie nahm und aufschlug -- aber sie las nicht darin. Ihre
Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre Gedanken schweiften zu
anderen Scenen, als den hier geschilderten. Endlich sagte sie leise:
»Und was soll _nun_ werden?«
Die Mutter schrak ordentlich bei der Frage empor, die nur das in Worten
aussprach, worüber sie selber eben erst nachgedacht.
»Du hast gehört, was der Mensch sagte?« fragte sie, ohne ihre Stellung
zu verändern.
»Ja.«
»Alles?«
»Jedes Wort -- aber Dein Wechsel _muß_ jetzt kommen; der Dampfer ist
schon seit vier Tagen fällig und bleibt nur in seltenen Fällen über
diese Zeit.«
»Und _wenn_ er kommt?« erwiederte die Gräfin mit einem bittern Lächeln,
»was dann? Ja, ich bin mit den wenigen Hundert Thalern im Stande, unsere
Hauptschulden zu decken, aber wovon weiter leben? Helene, Helene, Dein
starrer Sinn wird uns noch theuer zu stehen kommen!«
»_Mein_ starrer Sinn?« fuhr die Tochter auf; »etwa deshalb, weil ich
nicht auf die Anträge jenes schurkischen Portugiesen hören wollte, der
mir seine Hand anbot? Hast Du nicht jetzt selber den Beweis, was für
eine gemeine Creatur es war, wo er die Frau des Schuhmachers entführte,
als er die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der Mensch war als ein
Wüstling in der ganzen Stadt bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du
konntest mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja, wirfst mir jetzt
noch meinen Starrsinn vor!«
Helene stand mit leuchtenden Augen ihrer Mutter gegenüber und die Frau
schlug fast scheu den Blick vor ihr zu Boden.
»Du denkst nur an Dich,« sagte sie aber trotzdem, wenn auch nur mit
halblauter Stimme -- »was aus Deiner Mutter wird, kümmert Dich nicht.«
»Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir verdient?« erwiederte Helene,
und ein eigener wehmüthiger Zug zuckte um ihre Lippen -- »hab' ich ihn
auch da verdient, als ich des wackeren Vollrath Bewerbung ausschlug, der
mich mit einem gebrochenen Herzen verließ und dessen ganze Liebe ich
besaß? Dachte ich auch da nur an mich, wo ich im Stande war, mir eine
bescheidene Heimath zu gründen, aber Dich auch hätte hülflos zurücklassen
oder in Verhältnisse hineinziehen müssen, von denen ich vorher wußte,
daß Du Dich darin unglücklich gefühlt und Vollrath unglücklich gemacht
hättest?«
»Nein -- nein -- ich weiß, Du bist ein gutes, vernünftiges Kind,« sagte
die alte Gräfin, von dem Vorwurfe getroffen -- »ich war vielleicht zu
hart gegen Dich, aber -- _sollte_ die Zeit kommen, wo Du Dich gut
versorgen kannst, so bedenke auch, daß Du -- nicht zu lange damit säumen
darfst. Unsere Stellung hier wird mit jedem Monate unhaltbarer, wenn
nicht bald Etwas geschieht, der Sache eine andere Wendung zu geben.«
»Und was _könnte_ geschehen?« sagte Helene, und ein ganz eigenes wehes
Gefühl beengte ihr die Brust.
»Ich habe doch jetzt Hoffnung,« sagte ihre Mutter, »daß sich mein Plan
noch wird realisiren lassen.«
»Du meinst mit der Cigarren-Fabrik?«
»Ja.«
»Und glaubst Du wirklich, daß Etwas dabei gewonnen werden kann?«
»Wenn es richtig angefaßt wird, gewiß.«
»Aber wirst Du im Stande sein das zu thun? Gehören nicht zu einem
solchen Geschäfte praktische Erfahrungen?«
»Liebes Kind, glaubst Du nicht, daß ich mir in meinem Leben
Menschenkenntnisse genug gesammelt habe, auch mit Menschen umzugehen?«
»Aber das ist eine Sache, wo Du weniger Menschen- wie
_Waaren_kenntnisse brauchst, und wie leicht kannst Du darin betrogen
werden.«
»Waarenkenntnisse, Du lieber Gott!« sagte die Gräfin; »das Material ist
so einfach, daß sich das gewiß in wenigen Monaten vollständig erlernen
läßt. Aber weißt Du selber etwas Besseres?«
»Ich? Du mein Himmel!« seufzte Helene -- »wie sollte _ich_ Dir rathen
können, der noch nie verstattet wurde, in das praktische Leben der
Menschen einzugreifen, ja, sie nur bei demselben zu beobachten? Lange
schon hätte ich Unterricht im Französischen und Englischen gegeben, um
mich nur in Etwas nützlich zu machen, aber selbst das hast Du mir ja
nicht einmal gestattet.«
»Weil es sich mit unserer Stellung nicht verträgt,« sagte die Gräfin
finster -- »mit welchem Gesicht hätte ich nur dem Baron entgegentreten
können, wenn die »Comtesse« den Bäcker- oder Schusterskindern da drüben
Unterricht gegeben hätte? -- Das verstehst Du nicht, Kind.«
»Und Cigarren machen für Bäcker und Schuster?« sagte das junge Mädchen
traurig.
»Das ist etwas ganz Anderes, wir _lassen_ sie machen,« erwiederte die
Gräfin rasch -- »wir leiten nur die Fabrikation, und wenn wir selber
»zum Spaße« dann und wann und auf unserer Stube ebenfalls arbeiten, so
ist das etwas ganz Anderes. Auch Damen der höchsten Stände in Europa
haben zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben, Blumen, Pappsachen,
Verzierungen auf Glas- und Holzwaaren und tausend andere Dinge gemacht.
Wir hier brauchen solche Sachen nicht, und wenn wir dafür Cigarren
machen, kann Niemand etwas Ungehöriges darin sehen. Selbst der Baron
fand das in der Ordnung.«
»So hast Du schon mit ihm darüber gesprochen?«
»Ja,« sagte die Gräfin nach einigem Zögern -- »vor mehreren Tagen kam
einmal das Gespräch darauf.«
»Und wird er sich dabei betheiligen?« fragte Helene schnell.
»Nein,« erwiederte die Gräfin wieder zögernd; »der Mann war stets
zu unpraktisch. Er hat nicht den geringsten Sinn für ein wirklich
nutzbringendes Unternehmen, und da ist es auch viel besser, daß man gar
nicht mit ihm beginnt; man hätte sonst ewig nur Klagen und Vorwürfe zu
hören.«
»Und wer sonst -- meinst Du -- würde auf einen solchen Plan eingehen?«
fragte die Tochter und sah ihre Mutter scharf dabei an.
Die Gräfin hatte sich halb abgewendet und beschäftigte sich an ihrem
Nähtische damit, ein aufgerolltes Knäuel schwarzer Seide wieder in
Ordnung zu bringen.
»Ich glaube,« sagte sie, und wandte dabei den Kopf lächelnd der Tochter
zu -- »der Himmel selber hat uns einen Bundesgenossen gesandt, der am
Ende der rechte Mann dazu sein dürfte.«
»Unser Gast?«
»Derselbe. Er wünscht sehnlichst, wie er mir wieder und wieder gesagt
hat, irgend Etwas in Brasilien zu beginnen, wodurch er nicht allein eine
Beschäftigung findet, sondern auch Geld verdienen kann, und ich denke
fast, daß mein Plan für alle Beide von Nutzen sein könnte. Meinst Du
nicht?«
»Und glaubst Du wirklich, Mama, daß mit dieser Arbeit etwas Ordentliches
verdient werden könnte? Ich kann es mir noch immer nicht denken.«
»Aber würde ich es denn sonst beginnen?«
»Ich weiß nicht,« sagte Helene, »es ist mir ein Gefühl, als ob wir der
Sache keinen rechten Ernst entgegen bringen könnten -- als ob eigentlich
andere Kräfte dazu gehören müßten, etwas Ähnliches zu beginnen.«
»Aber ich begreife Dich gar nicht.«
»Und wie wird sich Oskar hinein finden?«
»Wie ihn die Nothwendigkeit zwingt,« sagte die Gräfin entschieden. »Ich
habe seinem Leichtsinn jetzt lange genug nachgesehen, aber meine Kräfte
sind erschöpft. Ich bin nicht mehr im Stande, sein müssiges Leben zu
unterstützen, und er _muß_ eben arbeiten, wenn er existiren will. Dafür
sind wir nun einmal in Brasilien.«
»Er wird schwer an eine regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen sein,«
seufzte Helene; »es ist ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch
nachgesehen worden.«
»Das muß eben anders werden,« sagte die Gräfin, »und ich habe die feste
Hoffnung, daß er das selber fühlt, indem er schon sein Reitpferd verkauft
hat. Das Geld dafür ist allerdings nur ein sehr kleines Capital, aber es
ist immer ein Capital und kann auf weit nützlichere Weise verwandt
werden.«
Ein lauter, jubelnder Ruf von der Straße aus unterbrach sie hier, und
als Beide an das Fenster traten, sahen sie, wie Oskar eben einen sehr
hübschen Rappen, der unter ihm sprang und tanzte, gerade vor dem Fenster
parirte und ihn auf und ab galoppiren ließ.
»Da hast Du die Anlage des neuen Capitals,« sagte Helene ruhig -- »ich
kenne das Pferd; es hat früher dem Director gehört und ist von ihm um
160 Milreis verkauft worden. Billiger hat es Oskar auf keinen Fall
bekommen, und wahrscheinlich noch Sattel und Zaum besonders bezahlt. Das
sind die neuen Ersparnisse.«
»Ich will doch nicht hoffen!« rief die Gräfin, wirklich erschreckt.
Oskar aber war indessen aus dem Sattel gesprungen, hatte sein Pferd, das
noch ungeduldig den Boden scharrte, an den Baum unten befestigt und kam
jetzt mit flüchtigen Sätzen die Treppe herauf und in's Zimmer.
»Nun, wie gefällt Euch mein neues Pferd?« rief er hier triumphirend aus
-- »nicht wahr, das ist ein Prachtrappe? Jetzt, Helene, wollen wir
wieder einmal zusammen reiten, und Du sollst sehen, wie ich Dir mit dem
da unten davon laufe. So wie Jeremias kommt, soll er Deinen Schimmel
satteln, und dann können wir's gleich versuchen.«
»Und das Pferd hast Du _gekauft_?« fragte die Mutter erschreckt.
»Nun, glaubst Du, daß es mir Jemand _geschenkt_ hätte?« lachte Oskar
-- »aber es ist spottbillig. Denke Dir, Helene, ich habe nur sechszig
Milreis mehr dafür gezahlt, wie ich für meinen Braunen bekommen habe
-- sechszig Milreis und Sattel und Zaum dazu, für das Prachtthier! Es ist
der beste Renner in der Colonie -- aber was habt Ihr denn nur um Gottes
Willen? Ihr steht ja Beide da, als ob irgend ein Unglück geschehen
wäre!«
Die Gräfin hatte sich auf den nächsten Stuhl gesetzt und seufzte tief
auf, Helene aber sagte ruhig:
»Und wovon willst Du diese sechszig Milreis bezahlen, wenn man fragen
darf?
»Fragen darf?« sagte Oskar trotzig -- »fragen darf man schon, aber wenn
ich Dir nun antworte: Was geht _Dich_ das an?«
»Und wenn _ich_ Dich nun frage, mein Herr Leichtfuß?« rief die Gräfin,
indem sie mit zusammengezogenen Brauen zu ihm aufsah; »ich hoffe doch,
daß _ich_ wenigstens das Recht dazu habe.«
»Allerdings, Mama,« lachte Oskar, »denn Du bist ja mein Cassirer -- dann
werde ich Dir also einfach antworten, das macht Alles meine gütige
Mutter ab.«
»Und darin könntest Du Dich dieses Mal verrechnet haben!« rief die
Gräfin rasch und ärgerlich; »Deine Verschwendung geht in das Bodenlose,
und ich habe nicht länger Lust, mich Deinethalben nur immer in neue
Sorgen und Verlegenheiten zu stürzen.«
»Huih!« sagte Oskar, erstaunt von Mutter zu Schwester und wieder
zurücksehend -- »da bin ich ja, wie es scheint, zu sehr unrechter Zeit
in eine Familienberathung über Wirthschaftsangelegenheiten hineingekommen,
wo aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer Hausplan entworfen wird.
Bitte tausendmal um Entschuldigung daß ich gestört habe« -- und seine
Mütze aufgreifend, sprang er, so rasch er gekommen, die Treppe wieder
hinab, machte unten sein Pferd los, setzte sich auf und galoppirte im
nächsten Momente wieder in voller Flucht und was das Pferd laufen
konnte, die Straße hinab.
»Das muß anders werden,« seufzte die Mutter, »das muß anders werden oder
der Junge richtet uns vollständig zu Grunde!«
»_Noch_ vollständiger?« sagte Helene, und ein bitteres Lächeln zuckte um
ihre Lippen.
»Die einzige Möglichkeit,« fuhr die Mutter fort, »ist, ihn durch eine
regelmäßige Beschäftigung zu binden. Er soll und muß erst einmal lernen,
was es heißt sich sein Brod selber zu verdienen. Hat er das, dann wird
er auch das Geld mehr zu Rathe halten -- er wird geizig werden und
sparen -- Du glaubst es nicht? Du sollst sehen, ich bringe ihn noch
dahin, daß er ein Zwanzigerstück dreimal in der Hand herumdreht, ehe er
es ausgiebt.«
»Und wann soll diese Arbeit beginnen?« fragte Helene, die nur zu oft
schon die guten Vorsätze ihrer Mutter, was die Erziehung des Bruders
betraf, hatte anhören müssen und ihre vollkommene Gehaltlosigkeit zur
Genüge kannte.
»Ich will heute noch mit Herrn von Pulteleben sprechen,« sagte die
Gräfin, selber gern bereit, das trostlose Thema abzubrechen; »er hat
mich ja sogar dringend gebeten, ihm eine Anlage für ein Capital zu
rathen; ich bin es ihm sogar schuldig, daß ich ihn von unserm Plan in
Kenntniß setze, und ich zweifle keinen Augenblick, er wird mit Freuden
zugreifen. Wäre er doch auch ein Thor, wenn er es _nicht_ thäte, denn
nicht jedem jungen Fremden wird eine solche Aussicht geboten, wie er nur
kaum das fremde Land betreten hat.«
»Es ist gut,« seufzte Helene, »gehe nur um Gottes willen sicher in der
Ausführung, daß der Fremde nicht später glauben könnte, Du habest nur
sein Geld zu Deinen Zwecken benutzt; es wäre fürchterlich, wenn es fehl
schlüge.«
»Es schlägt _nicht_ fehl, Helene, oder ich müßte zum ersten Mal in
meinem Leben in -- doch es ist nicht nöthig, Weiteres darüber voraus zu
bereden. Laß mich jetzt allein, mein Kind, ich werde das Mädchen hinauf
schicken und unsern Gast ersuchen lassen, zu mir zu kommen. In einer
Stunde ist Alles abgemacht. Noch Eins,« fuhr sie fort, als sich Helene
schweigend wandte, um ihr eigenes Zimmer aufzusuchen -- »wer ist denn
jener unverdrossene Violinspieler, der Dir fast jeden Abend ein kurzes
Ständchen bringt?
»Gott weiß es!« sagte Helene achselzuckend -- »_ich_ wenigstens kenne ihn
nicht. Er spielt übrigens vortrefflich!«
»Von den Neuangekommenen kann es Niemand sein, denn wenn ich nicht irre,
war er schon den Abend vorher unter Deinem Fenster. Er muß also
jedenfalls in die Ansiedelung gehören.«
»Möglich.«
»Und hat Dir Niemand hier besondere Aufmerksamkeit erwiesen?«
»Niemand.«
»Sonderbar -- Oskar, der Übermuth, hat sich neulich um den Garten
geschlichen, um den nächtlichen Musikanten zu entdecken, aber ich weiß
nicht, was ihm geschehen sein muß, denn er kam ganz still wieder zurück
und sagte, er hätte ihn nicht gefunden, was eigentlich kaum möglich
ist. Diese Aufmerksamkeit fängt an, mir lästig zu werden; ich werde sie
mir nächstens einmal verbitten.«
Helene antwortete nicht, sondern nahm ihr Buch auf und schritt ihrem
eigenen Zimmer zu.
Ende des ersten Bandes
Druck von _G. Pätz_ in Naumburg.
TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME
Contemporary spellings have generally been retained even when
inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected; missing punctuation has been silently added. Words in Roman
type are identified like #this#.
Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert; fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt. In
Antiqua gedruckte Wörter wurden #so# gekennzeichnet.
The following additional changes have been made:
Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:
sie möchten auch Hause kommen sie möchten _nach_ Hause kommen
griff dann das (...) Buch auf, griff dann das (...) Buch auf,
und um sich zu zerstreuen _um_ sich zu zerstreuen
mitten unten ihnen mitten _unter_ ihnen
auf die aus dem Herzen kommende auf die aus dem Herzen _kommenden_
Worte Worte
wir haben mit kei- wir haben mit _keiner_
Seele gesprochen Seele gesprochen
tief in in die seinigen tief _in_ die seinigen
wurde (...) ein Mann _wurden_ (...) ein Mann
und eine Frau (...) geschüttelt und eine Frau (...) geschüttelt
nur von weit herüber schallten (...) nur von weit herüber schallten
die munteren Töne der Violinen und die munteren Töne der Violinen und
Trompeten herüber Trompeten
»Oh, doch wohl,« fragte Meister »Oh, doch wohl,« sagte Meister
Spenker Spenker
End of Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker