»O, mit Vergnügen,« lachte Oskar, indem er mit einer etwas förmlichen

und muthwilligen Verbeugung sagte: »Herr von Pulteleben, liebe Mutter,

-- Herr von Pulteleben, ich habe hier die Ehre, Ihnen die Frau Gräfin

Baulen und Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein eigener

Name ist Oskar.«

»Frau Gräfin Baulen?« stammelte der junge Mann, während über Helenens

Züge ein leises, spöttisches Lächeln zuckte.

Die Frau Gräfin war aber nicht gesonnen, den jungen Mann weiteren

Verlegenheiten auszusetzen.

»Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie sind durch die Ungeschicklichkeit

unseres Hausknechtes oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, sich

in einer Familie einzuquartieren, der selbst Ihre Ankunft vollkommen

fremd geblieben war.«

»Gnädige Frau, ich will doch nicht hoffen!« rief Pulteleben erschreckt.

»Beruhigen Sie sich,« unterbrach ihn die Gräfin, »ich weiß, daß Sie

nicht die geringste Schuld tragen. Das Ganze war ein mißverstandener

Diensteifer von Seiten jenes Burschen, der über eine Localität unseres

Hauses verfügte, ohne auf Sie, noch auf uns Rücksicht zu nehmen.«

»Aber man sollte doch kaum glauben, daß so Etwas möglich wäre!« rief von

Pulteleben entsetzt, denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor

Augen, in der er, als reiner Eindringling, den Damen gegenüber stand;

»meine Seele konnte ja an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie müßten

überzeugt sein, daß ich....«

»Bitte, keine Entschuldigungen weiter,« lächelte die Gräfin; »Brasilien

erzeugt gar sonderbare Zustände, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit

näher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns Jeremias, wie jener

unglückliche Mensch heißt, Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntschaft zu

machen; alles Andere läßt sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren, und

nun bitte ich, daß Sie Platz nehmen, denn die Suppe wird sonst kalt.«

Herr von Pulteleben befand sich noch immer in einem gemäßigten Grade

von Verzweiflung, denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie auf

eine solche Art eingeführt zu haben, trieb ihm fast die Haare zu Berge.

Außerdem blieben ihm noch eine Menge Dinge unklar -- die Geschichte

mit dem Bäckermeister zum Beispiel, und daß ihm der junge Mensch nicht

gleich einen Wink gegeben, wo er sich eigentlich befände. Sehr rasch im

Denken war er außerdem nicht, und es bedurfte einer neuen Aufforderung

der Gräfin, Platz zu nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr den

Arm zu bieten und sie zur Tafel zu führen.

Da sich die Gräfin aber einmal vorgenommen hatte, ihm weitere

Verlegenheiten zu ersparen, so wußte sie auch bald geschickt in ein

Gespräch einzulenken, das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben konnte

-- ein Gespräch über die eben zurückgelegte Seereise, an dem sie ebenfalls

Interesse nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen Fahrt und der

damit verbunden gewesenen Seekrankheit gedachte.

In das Capitel eingelenkt, fühlte sich auch von Pulteleben bald wieder

behaglicher, und das Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, war

der etwas sarkastische Zug um der Comtesse Mund, wenn sie einem Blicke

ihres Bruders begegnete und sein Auge gerade auf ihr ruhte -- und sein

Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von Pulteleben erinnerte sich nicht,

je in seinem Leben schon ein schöneres Mädchen gesehen zu haben.

Mochte es sein daß es ihm nur so vorkam, weil er gerade durch die lange

Seereise dem geselligen Umgange mit dem schönen Geschlechte hatte völlig

entsagen müssen, oder fühlte er sich gerade von dieser Form der Züge

besonders gefesselt, wie das ja oft im Leben der Fall ist, aber er

konnte sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und eben so wenig

entging Helenen selber, mit welcher Aufmerksamkeit er sie behandelte.

Freilich war sie daran gewöhnt, ihren Zoll von Bewunderung überall

einzuernten, aber trotzdem fühlte sie einen gewissen Grad von Genugthuung,

und ihr Antlitz, das im Beginne der Tafel seine volle Strenge bewahrt

hatte, wurde etwas freundlicher gegen den jungen Gast. Sie wich

wenigstens Oskar's Blicken aus und schien nicht mehr gesonnen, sich

über ihn lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der Unterhaltung.

Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine ganze Fassung wieder,

und als das Diner, bei dem Dorothea ihr Möglichstes geleistet hatte,

beendet war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin und sagte:

»Frau Gräfin, wenn ich auch jenem unglücklichen Jeremias und meinem

Schutzgeiste danke, diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben,

so fühle ich doch recht gut, daß ich hier, als Ihr Gast, eine sehr

unerquickliche Rolle spiele, und je eher ich der ein Ende mache, desto

besser. Gestatten Sie also daß ich mich entferne, um mich nach einem

andern Quartier umzusehen, und erlauben Sie mir nur -- Ihre Güte hat ja

meiner Unverschämtheit schon verziehen -- daß ich damit nicht gezwungen

bin, diese für mich so ehrenvolle und liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen.

Ich werde mich jedenfalls längere Zeit in Santa Clara aufhalten und

würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir wenigstens gestatten

wollten, Ihnen manchmal meine Aufwartung zu machen.«

»Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden sind,« lächelte die

Gräfin, »so übereilen Sie auch wenigstens Nichts. Es wird Ihnen überdies

schwer werden, für den Augenblick eine passende Wohnung in Santa Clara

zu finden; _bis_ Sie die aber gefunden haben, bitte ich Sie unser Haus

als das Ihrige zu betrachten.«

»Gnädige Frau Gräfin!« rief Pulteleben erstaunt aus.

»Bitte, machen Sie keine Umstände,« fuhr die Gräfin ruhig und freundlich

fort, »wir sind hier in Brasilien, wo der Fremde nur zu häufig einzig

und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen bleibt, und es

existiren deshalb hier ganz andere Verhältnisse, wie in der alten

Heimath. Außerdem sagten Sie uns vorher, daß Sie verschiedene Pläne für

Ihre Zukunft hätten.«

»Allerdings,« versicherte der junge Mann, »aber es fehlt mir da freilich

noch Kenntniß des Landes, um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen zu

können, und ich sammle lieber erst Erfahrung.«

»Das ist sehr vernünftig von Ihnen gedacht,« erwiederte die Gräfin; »wo

_ich_ Ihnen aber dabei mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz

über mich zu disponiren.«

»Sie sind zu gütig, gnädige Frau Gräfin!«

»Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren in diesem Lande, und man ist

gezwungen, die Verhältnisse genau kennen zu lernen, oft sogar gegen

unsern Willen. Doch Sie wünschen jedenfalls eine Cigarre zu rauchen

-- Oskar, führe den Herrn in den Garten; wir kommen dann ebenfalls

hinunter, um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.«

Damit standen die beiden Damen auf, grüßten freundlich und verließen das

Zimmer, während Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von Seligkeit

zurückblieb und jetzt gar nicht oft genug zu Oskar sagen konnte, wie

glücklich er sich fühle diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es

auch der größten Dummheit verdanke, deren er sich in seinem ganzen Leben

schuldig gemacht.

»Na nu werden Sie nicht langweilig,« meinte Oskar -- »Apropos, haben Sie

etwa eine vernünftige Cigarre bei sich? Das Zeug, was man hier bekommt,

ist kaum zu rauchen.«

»Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen,« sagte Herr von Pulteleben,

erfreut dem Bruder jenes Engels nur in Etwas angenehm sein zu können.

»Das ist gescheidt,« meinte Oskar -- »sie sind doch nicht zu schwer?«

»Nein, sicher nicht -- ich selber rauche nie schwere Cigarren.«

»Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, hier ist eine Hitze, nicht

zum Aushalten,« -- und seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte

er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die Damen zu erwarten.

Diese zögerten auch nicht lange, und hatte sich Herr von Pulteleben

schon gegen das Ende der Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gefühlt, so

entzückte ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die Natürlichkeit und

Liebenswürdigkeit Helenens, die allen Zwang abgeworfen zu haben schien

und nach Herzenslust lachte und plauderte.

Helene war wirklich bildschön. Es gab Zeiten, wo ihre so regelmäßigen

Züge von einem düstern Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas

Unheimliches, ja Abstoßendes geben konnte. Ihr Mund, wenn fest geschlossen,

sah dann ebenfalls, der etwas schmalen Lippen wegen, unschön aus. Wenn

aber das lebendige Auge in Scherz, ja Übermuth leuchtete, wenn ihre

Zähne, die zwei Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden,

wenn sich das Grübchen tiefer in ihr Kinn einschnitt und das Lachen

auf dem gar so lieben Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem

murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich nicht satt sehen an dem

Mädchen, und sie war sich auch ihres Sieges stets so sicher bewußt, daß

sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben wollte.

Nur dann und wann verließ sie manchmal die Laube, und von Pulteleben

würde noch mehr entzückt gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß sie

gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer etwas wohnlicher

einzurichten und ein Bett darin aufzustellen. Es hatte das seine

Schwierigkeiten, denn die Gräfin war nur nothdürftig auf solchen Besuch

eingerichtet, aber es _ging_ doch, und ein paar rasch und geschickt

improvisirte Gardinen machten das kleine Gemach noch so viel

freundlicher.

Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau Gräfin allein blieb, wurde

dann von dieser benutzt, ihm einen kurzen Überblick über die hiesigen

Verhältnisse zu geben, der Herrn von Pulteleben außerordentlich

befriedigte. Er ersah nämlich daraus, daß in diesem Lande wirklich nur

ein kleines, unbedeutendes Capital dazu gehöre, um, mit kluger Benutzung

des Augenblickes, ganz erstaunliche Erfolge zu erzielen. Die Frau Gräfin

wußte ihm eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen Leute durch

kleine, aber richtige Spekulationen in Stand gesetzt waren, unbedeutend

begonnene Geschäfte auf das Großartigste auszudehnen, und sich dann mit

einem _erworbenen_ Vermögen nach Deutschland zurückzuziehen, um es dort

in Ruhe zu verzehren.

»Sehen Sie, Frau Gräfin,« rief Herr von Pulteleben, durch diese

Mittheilungen zu einem vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, »das

ist gerade was ich will. Zu Hause haben sie mir immer vorgeworfen, daß

ich unpraktisch wäre, daß ich nie im Stande sein würde, mir aus mir

selber eine Carrière zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob

es nicht möglich ist sie Lügen zu strafen. Sie sollen erleben, mit

welcher Energie ich Alles angreife, was ich unternehme. -- Wenn ich nur

erst wüßte was!«

»Übereilen Sie sich darin nicht, junger Freund,« sagte die Gräfin. »Es

giebt zwar eine Menge von Wegen, die zum Ziele führen, aber der eine ist

länger als der andere, und wenn man denn doch noch die Wahl hat, warum

soll man da nicht suchen den kürzesten zu nehmen? Übrigens sein Sie

versichert, daß ich selber schon ein Wenig herumhorchen will. Sie sind

uns nun einmal auf so abenteuerliche Weise zugeführt, daß ich ein

gewisses Interesse daran nehme.«

»Gnädige Frau Gräfin, Sie sind unendlich gütig.«

»Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so ist es vielleicht sogar

Egoismus von mir selber; denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die

Zeit verstreicht, wenn man so gar Nichts auf der Gotteswelt zu thun

hat. Eine kleine Beschäftigung, eine bestimmte Thätigkeit wird zuletzt

wirklich zum Bedürfniß, und ein wenig Sorgen und Umschauen gehört mit zu

unserem Leben.«

»Aber durch was habe ich verdient, daß Sie sich _meiner_ gerade so

unendlich freundlich annehmen?«

»Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien, leben in Verhältnissen,

die mit denen der alten Welt auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit

haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und wunderbar. Doch Sie

werden das Alles noch viel besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal

selber längere Zeit im Lande sind.«

Oskar hatte sich bei dem Gespräch gründlich gelangweilt, denn er haßte

Nichts mehr auf der Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszwecke die

Rede war -- und seine Mutter hielt ihm dieses Capitel sehr häufig vor.

Dafür gönnte er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen Hausgenossen,

und amüsirte sich die Zeit über, mit seinem Blasrohr von einem erhöhten

Stand der Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schießen. Wenn er sie

traf, nahmen sie gewöhnlich den Schwanz zwischen die Beine und rannten

in wilder Flucht die Straße hinab, und Oskar wollte sich dann halb todt

darüber lachen.

Um das Angenehme übrigens mit dem Nützlichen zu verbinden, nahm er Herrn

von Pulteleben nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von dem er ihm schon

viel erzählt und ihm auch die Überzeugung beigebracht hatte, daß ein

Mann ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren könne -- nicht einmal

eine Frau, und da Herr von Pulteleben erfuhr, daß es früher Helenens

Lieblingspferd gewesen sei, die sich jetzt einen etwas ruhigeren Grauen

-- der Graue war das wildeste Pferd in der Ansiedelung -- angeschafft

habe, kaufte es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, außerordentlich

mäßigen Preise (Oskar hatte auch in der That höchstens hundert Procent

daran verdient) und schwelgte dabei in der Hoffnung auf morgen, denn

Helene hatte ihm versprochen mit ihm spazieren zu reiten.

9.

Ein Abend in der Colonie.

Das war ein Leben und Treiben heute in dem sonst so stillen Städtchen,

daß man es kaum wieder erkannte, und das Wirthshaus »Zum Hoffnungsanker«

hatte, so lange der Ort stand, noch keine so guten Geschäfte gemacht.

War es doch auch bis unter das Dach hinauf von Gästen angefüllt, die auf

Matratzen, Decken, Stroh, oder wie es eben ging, untergebracht werden

mußten, während fast alle männlichen Bewohner von Santa Clara hier

ebenfalls zusammenkamen, um die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen,

und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim -- das heißt aus

ihrem Dorfe zu hören, denn was wirklich _deutsche_ Nachrichten und

besonders deutsche Politik betraf, kümmerte die Wenigsten der

Colonisten.

Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert, und den

politischen Verhältnissen daheim, die sie selbst an Ort und Stelle nicht

verstanden, so entfremdet worden, daß sie kaum noch die geographischen

Namen der verschiedenen Staaten kannten. Aber selbst erst kürzlich

Herübergekommene fragten nicht nach dem, was Preußen oder Österreich,

oder sonst ein Theil Deutschlands treibe -- das war deren Sache, und sie

mochten es mit einander ausmachen -- sondern nur aus welcher Gegend Der

und Jener sei, und ob daheim Der und Jener noch lebe, und nicht Lust

habe nach Brasilien zu kommen.

Außerdem wollten sich die Leute aber auch gern einmal einen sogenannten

»fidelen Abend« machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen ziemlich

geräumigen Schuppen an sein Haus gebaut und mit Dielen hatte belegen

lassen, ja auch in diesem Schuppen ein hölzernes Gerüst für ein Musikcorps

angebracht war, so verstand es sich von selbst, daß heute Abend ebenfalls

getanzt wurde.

Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu bestellt -- denn es gab deren

zwei -- und daß sich das andere darüber zurückgesetzt fühlte und erklärte,

das sogenannte _beste_ Musikcorps könne gar nicht spielen und vollführe

eine wahre Heidenmusik -- blieb sich gleich.

Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die Gäste -- auf acht Uhr Abends

waren nach stillschweigendem Übereinkommen die Frauen angesagt, denn die

Kinder mußten erst zu Bette gebracht werden -- und bis dahin gingen Flasche

und Krug lustig im Kreise. -- Aber nicht etwa das dünne brasilianische

Bier wurde getrunken, das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute,

obgleich das besonders die Neuangekommenen mit Leidenschaft forderten,

sondern vaterländischer Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gewöhnlich

das schwere Geschütz. Die langhalsigen, schlanken Originalflaschen

ragten fast von allen Tischen empor, und Scharlachberger-, Brauneberger-,

Markobrunner- und Hochheimer-Etiquetten gehörten zu den gewöhnlichsten

Dingen.

An dem einen Tische präsidirte der »Pfarrer« des Ortes, eine

breitschulterige, etwas massive Gestalt, mit hochgeröthetem Gesichte,

kurzen, etwas struppigen blonden Haaren und einem _wenigstens_

zweitägigen weißen Halskragen, aber nicht etwa in schwarzer Ordenstracht,

sondern in einer grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen, und um

ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von Santa Clara -- unter ihnen

auch unser alter Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der

unmittelbaren Nähe des Städtchens, von denen dann wieder verschiedene

»frische Einwanderer« zugezogen worden, um zuerst Bericht über ihre

Reise abzustatten, und dann Enthüllung über das »erhoffte Brasilien« zu

vernehmen.

An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls der Bursche mit dem

Silberband um die Mütze gedrängt, der heute schon mit dem Director

Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion Braten stand vor ihm.

Seine Frau lag drüben im Auswanderungshause mit ihren Kindern in einer

dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen das kärgliche Mahl, das

sie sich von geliefertem Mehle selber hatte bereiten müssen.

Die übrigen Tische waren eben so dicht gedrängt mit Gästen, und Bohlos'

Frau und ein paar Mägde konnten sich kaum in dem überfüllten Raume Bahn

machen, um die verlangten und oft stürmisch geforderten Speisen und

Getränke auszutheilen.

»Na, hier lebt sich's aber doch besser als an Bord von dem Schiffe, das

muß wahr sein, wenn ich auch gerade nicht über die Kost auf dem Schiffe

klagen will,« sagte einer der Zwischendeckspassagiere.

»Saufressen,« kaute der Mann mit dem Tressenstreifen mit vollem Munde;

»bei uns kriegen's die Schweine besser, wie sie's uns für unser schweres

Geld auf dem Schiff gegeben haben.«

»Vielleicht sind _Sie's_ zu Hause besser gewöhnt gewesen,« meinte einer

der jungen Kaufleute, ein Kajütenpassagier, der sich aber hier schon in

brasilianische Gleichheit hinein zu finden suchte, indem er seinen, ihm

unangenehmen Nachbar von der Seite ansah.

»Bin ich auch,« knurrte der Mann -- »ja, Sie, die Kajütenpassagiere,

haben hineingestopft gekriegt, was nur eben hinein ging, aber _uns_

haben sie behandelt wie die Hunde -- und noch schlechter.«

»Na, ich weiß nicht,« sagte der Erste wieder, »ich bin doch auch im

Zwischendeck gefahren, habe aber Nichts davon gemerkt. Daß man's auf

dem Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim, na ja, das haben wir

freilich schon zu Hause gewußt, und dafür ist's eben eine Seereise.

Außerdem habt _Ihr_, so viel ich weiß, nicht einmal Passage bezahlt,

sondern Eure Gemeinde daheim hat's zusammengeschossen.«

»Das geht Keinem 'was an,« sagte der Bursche mit einem finstern Blicke

nach dem Sprecher -- »bezahlt ist's doch, ohne daß _Ihr_ dazu die Hand

in den Sack gesteckt.«

Die Übrigen schwiegen, denn der Mann hatte nicht genug Einnehmendes

in seinem Wesen, sich mit ihm in ein längeres Gespräch einzulassen.

Freilich war hier offener Wirthstisch, und man konnte ihm auch nicht gut

verwehren, sich der Unterhaltung anzuschließen, so lange er eben nicht

selber fühlte, daß er da nicht hinein passe.

Oben am Tische wechselte das Gespräch jetzt wieder auf die Verhältnisse

in der Colonie, und die Klagen über die Regierung waren allgemein, daß

nie Land vorräthig vermessen sei, wenn einmal Colonisten eintrafen. Die

Neuangekommenen wollten das dem Director zuschieben, und der »Pfarrer«

gab ihnen Recht. Da stäk' es, denn das sei ein hochmüthiger Patron, der

sich den Henker um den armen Mann scheere. Dagegen sprachen aber, und

zwar mit Eifer, mehrere der Colonisten selber und vertheidigten den

Director.

»Was kann er denn machen, wenn ihn der Präsident im Stiche läßt? Das

ist die vorgesetzte Behörde, und an die muß er sich wenden, und für den

gemeinen Mann thut gerade _er_ mehr, denn irgend Einer vor ihm. Und wie

hat er jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!«

»Ein Lump ist's,« rief der mit der Tresse, seine Faust auf den

Tisch schlagend, daß sich Alle erstaunt nach ihm umsahen -- »ein

nichtsnutziger, grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's Gesicht

gesagt, und will es ihm morgen auch noch einmal hinein sagen.«

»Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos?« fragte Pilger laut, als

der Wirth gerade an ihm vorüberging.

»Wer?« fragte Bohlos, sich am Tische umsehend.

»Der mit der hübschen blauen Mütze.«

»Na,« sagte der also Bezeichnete erstaunt aufstehend -- »wem geht denn

_das_ wieder 'was an, was _ich_ schuldig bin?«

»Der Tisch hier bezahlt's,« sagte Pilger, ohne von dem Einwurfe Notiz zu

nehmen -- »wie viel macht's?«

»Portion Braten und vier Glas Bier,« sagte Bohlos -- »wollen's gerade

einen Milreis rechnen, es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.«

»Sehr schön,« sagte Pilger, »und jetzt, guter Freund, thut uns einmal

den Gefallen und macht die Thür _von außen_ zu. Verstanden?«

»Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht Keinem einen Quark an!«

rief der Bursche, rückte sich die Mütze auf das eine Ohr, und sah den

Redenden mit wüthenden Blicken an.

»Wollt Ihr Vernunft annehmen?« fragte Pilger ruhig, indem er langsam von

seinem Stuhle aufstand -- »oder soll ich Euch....«

»Ach, laßt den Lump zufrieden, Pilger!« riefen ein paar Andere -- »fangt

keinen Streit an.«

»Streit?« sagte Pilger vollkommen kaltblütig -- »fällt mir gar nicht

ein, aber sollen wir uns etwa von so einem Burschen, wie der da, den

ganzen Abend verderben lassen? Entweder der Gesell geht, Bodenlos, oder

ich gehe.«

»Ach, seid vernünftig,« sagte der Wirth beruhigend.

»Nein, er hat Recht!« riefen nun auch die früheren Mitpassagiere des

Burschen; »auf der ganzen Reise hat er Nichts wie Skandal und Streit

gehabt, und seine arme Frau dabei mißhandelt, daß es eine Schande war.«

»Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit drein reden?« rief der mit der

Mütze, und fuhr von seinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn schon am Kragen

und hob ihn mit riesiger Kraft vom Boden; drei oder vier Andere faßten

ihn zugleich an Armen und Beinen, und keine Minute später fand er sich

ziemlich unsanft hinaus auf die Straße gesetzt. Kaum aber hatten die

Männer ihre Sitze wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgroßer Stein

durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte und glücklicherweise

gegen die nächste Stuhllehne traf, sonst hätte er Schaden anrichten

können. Fünf oder sechs junge Burschen flogen jetzt hinaus, um den

Frevler abzustrafen, aber der Passagier hatte es doch für gerathen

gefunden, etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war verschwunden.

Indessen rückte die Zeit vor -- es war acht Uhr, und die »Damen« kamen

zum Balle. Es waren meist Frauen und Töchter von Bauern und Handwerkern,

aber viele der letzteren selbst in Brasilien geboren und großgezogen, wo

sie dann, mit Kindern der eingeborenen Brasilianer aufwachsend, auch den

Schnitt von deren Kleidung, wie eine freiere Haltung angenommen hatten

-- und reizende Gestalten gab es unter ihnen.

Hier und da kam freilich noch ein echt deutsches Bauernmädchen, die

rothe Kattunschürze hoch in der Taille umgebunden, das riesige weiße

Taschentuch in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand schlenkernd und

mit der eigenthümlich schaufelnden Bewegung im Gange. Junge Mädchen

mit weißen Kleidern und Rosabändern dazwischen, mit Füßen, die einem

Grenadier zur festen Basis hätten dienen können, und eine Handvoll

künstliche, arg zerdrückte Blumen geschmacklos auf den Kopf gebunden.

Aber auch leichte und selbst zarte Figuren mischten sich dazwischen,

junge Mädchen aus irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden

sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere Mischung des »schönen

Geschlechts« konnte in keinem Lande der Welt aufgetrieben werden.

Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende und Ordnende

dieses ganzen Balles? Wer stellte, als die Musik endlich begann, die

Contretänze? Wer klatschte in die Hände, wenn die ersten Paare antanzen,

wer klatschte wieder, wenn sie wechseln sollten? Wer drückte sich dann

in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit einem oder dem anderen

Nachbar, nur im Vorbeigehen, ein Glas Wein oder Punsch zu trinken,

und war im Nu wieder bei der Hand und mitten im Saale, sobald nur die

geringste Unordnung zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der sich

aber so entpuppt hatte, daß man ihn heute Abend wirklich nur an der

rothen Perrücke wiedererkannte.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Erster Band. · 第 11 / 13 段