nahm, betrachtete und dann in seine Westentasche schob -- »Aufwartung
giebt's hier nicht -- aber einerlei, wollen schon Alles besorgen,« und
damit verschwand er aus der Thür. Jeremias war übrigens nicht der Mann,
etwas Begonnenes halb zu thun; ohne deshalb weiter bei der Besitzerin
des Hauses anzufragen, ging er in Oskar's Zimmer, wo er zwei Tische
wußte, nahm einen davon und trug ihn hinauf. Dann suchte er sich in
Helenens Stube und Schlafzimmer zwei Stühle, und das erst einmal
erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken und Handtuch, mit Kamm, Seife,
Zahnbürste und Allem was dabei lag, und trug es seinem einquartierten
Gaste zu.
»Zum Henker auch,« rief Pulteleben, als er damit ankam, »das ist ja ein
schon gebrauchtes Handtuch!«
»Herr Du meine Güte, sind _Sie_ eigen!« sagte Jeremias; »_ich_ brauche
gar keins, ich nehme immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?«
»Wasser und ein reines Handtuch.«
Jeremias schüttelte mit dem Kopfe, stieg aber doch noch einmal hinunter
und kam bald mit dem Verlangten zurück. Nur statt des Handtuchs hatte er
eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenens Toilettetisch
gefunden und ohne Weiteres als gute Beute mitgenommen.
»Und wie steht's mit dem Bette?« fragte der Fremde, indem er den Rock
auszog und die Hemdärmel in die Höhe streifte.
»Bett? giebt's nicht!« sagte Jeremias trocken, »wenigstens jetzt nicht.
Sie wollen sich doch jetzt noch nicht schlafen legen?«
»Nein -- aber doch den Abend.«
»Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.«
»Und kann man hier im Hause Etwas zu essen bekommen?«
»Zu essen? Hm« -- sagte Jeremias, der darüber noch nicht recht mit sich
im Klaren war -- »danach müssen wir erst fragen. Für heute sind die
Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. Aber da gehen Sie
lieber in's Gasthaus zu Bodenlos -- der hat's.«
»Und wie heißt der Eigenthümer dieses Hauses?«
»Spenker, Bäckermeister.«
»Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal herauf -- ich will mich
erst waschen -- damit ich mit ihm reden kann. Das ist ein verwünscht
öder Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht ein wenig behaglicher
einrichten will, ziehe ich wieder aus.«
»Auf die Straße?« fragte Jeremias; »denn weiter giebt's keinen Platz,
Sie müßten denn vielleicht in einem von den Gärten eine Laube zu
miethen bekommen.« Damit aber, als ob er jetzt seine Schuldigkeit gethan
habe, zog er sich zurück und drückte sich leise an dem Zimmer der Frau
Gräfin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen mochte. Der Fremde da
oben konnte nun sehen, wie er mit »der Alten« fertig wurde.
8.
Die Einquartierung.
Oskar und Helene hatten einen Spaziergang durch die kleine Stadt
gemacht, um sich an dem Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu
amüsiren, und waren, dessen müde geworden, nach Hause zurückgekehrt.
Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr natürlich die daselbst
vorgenommene Änderung nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem
Toilettetische und die darauf geordnet gewesenen Sachen standen wild
zerstreut umher; zwei Stühle fehlten außerdem, auf die sie gewohnt
gewesen war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem Mädchen, um zu
erfahren wer in ihrem Zimmer gewesen sei. Dorothea hatte aber in der
ganzen Zeit ihre Küche nicht verlassen und konnte ihr deshalb nicht die
geringste Auskunft geben.
Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine Mütze in eine Ecke, sich
selber auf das Sopha und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter,
als er in dem über ihm liegenden Zimmer die schweren Schritte eines
Mannes hörte. Das Haus war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich
zu ihm herunter, daß er sich endlich aufrichtete und horchte.
»Wer zum Henker ist denn da oben?« brummte er endlich leise vor sich hin
-- »dem Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren Karren in der Stadt
begegnet und die Dorothea hat keinen solchen Schritt.«
Er horchte noch eine Weile; da es sich aber gar nicht verkennen ließ,
daß da oben jemand Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die
Treppe hinauf. Die Thür der sonst immer leer stehenden Kammer war offen
und nur angelehnt, und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben könne,
stieß er sie noch etwas weiter auf und sah hinein.
Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen fertig und stand vor einem
der geöffneten Fensterflügel, den er vorläufig als Spiegel benutzte, um
sich die wohlgeölten Haare, so gut das eben gehen wollte, zu ordnen. Als
er aber das Knarren der Thür hörte, drehte er den Kopf herum, und sah
kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief:
»Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in dem Hause. Wohnen Sie hier?«
»Guten Morgen,« sagte Oskar, der, auf's Äußerste erstaunt den Fremden
hier zu finden, bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kasten starrte
-- »ja wohl wohne ich hier!«
»Wo ist denn nur der Lump von Aufwärter hingekommen?«
»Der Aufwärter?« sagte Oskar, noch immer seinen Augen nicht trauend
-- »der Jeremias etwa?«
»Ich weiß nicht wie er heißt; er wollte ja gleich wiederkommen. Gehen
Sie wieder hinunter?«
»Ich hatte die Absicht,« erwiederte Oskar.
»O, dann sein Sie doch so gut und schicken mir ein Glas zum Zahnputzen
herauf. Es ist ja noch gar Nichts eingerichtet. Das scheint eine schöne
Wirthschaft hier zu sein!«
»Bitte,« sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung gar nicht herauskam,
»geniren Sie sich nicht -- mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?«
»von Pulteleben,« sagte der junge Mann, seinen Locken eben den letzten
Strich gebend -- »um wie viel Uhr wird hier gegessen?«
»Um ein Uhr,« sagte Oskar, durch die Ruhe des Fremden immer mehr darin
bestärkt, daß er jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein müsse, wenn er
auch keinen denkbaren Zusammenhang dazu finden konnte. Wer hätte der
Fremde aber sonst sein können?
»Haben Sie eine richtig gehende Uhr?« fragte dieser endlich weiter.
»Ja,« erwiederte Oskar, indem er danach sah; »es wird gleich zwölf Uhr
sein.«
»O, desto besser, dann kann ich vorher noch zum Director hinübergehen.
Bitte, vergessen Sie nicht, mir das Glas gleich zu schicken.«
»Mit dem größten Vergnügen,« erwiederte Oskar, drückte die Thür wieder
in's Schloß, schickte das Mädchen von unten mit einem Glase hinauf und
ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um sich nach dem Fremden zu
erkundigen.
Die Frau Gräfin schloß eben ihren letzten Brief, als Oskar das Zimmer
betrat, und sah sich nach ihrem Sohne gar nicht um.
»Wer ist denn der Herr, Mama, den Du uns da oben einquartiert hast?«
fragte Oskar jetzt; »das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!«
Die Gräfin, welche gerade eine Adresse schrieb, drehte erstaunt den Kopf
über die Achsel und sagte:
»Und das fragst Du mich? Erst bringst Du mir, ohne die geringste
Erlaubniß vorher einzuholen, einen wildfremden Menschen in's Haus, und
dann weißt Du selber nicht einmal wer er ist? Oskar, es wird mit Dir
jede Woche schlimmer, und ich fürchte, daß es so nicht mehr lange dauern
kann!«
»Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht?« rief aber Oskar jetzt
seinerseits erstaunt und mit einer gewissen Genugthuung, daß er endlich
einmal an einem ihm aufgebürdeten Vergehen vollkommen unschuldig sei
-- »ich bin mit Helenen spazieren gegangen und habe den Menschen, der da
oben Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«
Es war jetzt an der Gräfin, erstaunt zu sein, und sich ganz gegen Oskar
drehend, rief sie aus: »Aber _Helene_ kann ihn doch nicht eingeladen
haben!«
»Helene -- Unsinn! -- Helene war ja den ganzen Morgen bei mir, und wir
haben mit keiner Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.«
»Aber der Jeremias hat ja doch sein Gepäck in's Haus gebracht, und
sagte mir, daß Alles in Ordnung sei.«
»Der Jeremias?« wiederholte Oskar, der nur immer noch verwirrter wurde.
»Und Du hast keine Ahnung, wer der Fremde ist?«
»Er sagte mir, er heiße von Pulteleben.«
»Und woher?«
»Das weiß Gott -- ich kenne ihn nicht, und der Jeremias -- aber zum
Henker noch einmal, was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnöthiger
Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden Herrn, der sich so #sans
façon# bei uns einquartiert hat, fragen dürfen wo er herkommt und was er
will!« Und mit den Worten schoß er auch ohne Weiteres zur Thür hinaus
und wollte eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias in den Vorsaal
treten sah.
»Jeremias,« rief er hinunter, »komm' einmal herauf -- aber rasch!«
»Ich fliege schon,« erwiederte dieser, der sich keineswegs dabei
beeilte, denn er wußte recht gut was ihn jetzt erwartete.
Oskar stand oben an der Treppe, und so wie der Alte nur so weit
heraufgekommen war, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte
er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem Zimmer seiner Mutter zu.
»Donnerwetter, junger Herr!« rief der Alte leise, »Sie reißen mir ja den
linken Löffel aus -- was ist denn das nur für ein zärtlicher Empfang?«
»Warte, Du Schlingel,« rief Oskar, »er soll noch zärtlicher werden!
Jetzt nur herein mit Dir und gebeichtet, was Du für verfluchte Streiche
heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama -- jetzt auf die Kniee
nieder, Halunke, und nun gestehe, was das für eine Geschichte mit dem
Fremden ist!«
»Aber, so schreien Sie doch nur nicht so,« flüsterte Jeremias, der sich
nicht im Geringsten außer Fassung bringen ließ -- »die ganze Stadt
braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit einander reden, und der
Fremde da oben hat Ohren wie ein Hirsch.«
»Wer ist der Fremde, und wo kommt er her?« fragte die Gräfin streng.
»So lassen Sie doch nur mein Ohr los,« bat Jeremias, »ich laufe Ihnen ja
nicht mehr davon, und es stört in der Unterhaltung.«
»Wer ist der Fremde? will ich wissen,« wiederholte die Gräfin, indem
Oskar das Ohr des Alten losließ, ihm aber den Ausweg verstellte.
»Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gräfin,« antwortete achselzuckend der
alte Spitzbube -- »fand ihn heute auf der Straße zwischen einem ganzen
Berge von Koffern und Hutschachteln, und da er kein Unterkommen finden
konnte, _wir_ dagegen Platz haben und er mir gefiel, so brachte ich ihn
mit nach Hause.«
»_Dir_ gefiel, Du Galgenstrick,« rief Oskar, »Dir gefiel! Und was für ein
Recht hast Du, fremde Gäste hier in das Haus zu führen?«
»Jetzt sein Sie einmal vernünftig,« sagte Jeremias, ohne sich auch nur
im Geringsten aus seiner Ruhe bringen zu lassen. »Der fremde junge
Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er hat ein paar ganz
ausgezeichnete Lederkoffer, die ein schmähliches Geld gekostet haben
müssen. Außerdem ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit den
Milreis nur so um sich.«
»Aber was geht das uns an?« rief Oskar, während die Frau Gräfin vor
Erstaunen noch immer nicht zu Worte kommen konnte.
»Was das _Sie_ angeht?« wiederholte Jeremias in vollkommener Seelenruhe
-- »das will ich Ihnen sagen. Die Stube oben....«
»Heh, Wirthschaft!« rief es in diesem Augenblicke laut von oben
herunter; »läßt sich denn Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie
ausgestorben -- heh, hollah!«
Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte, wie er oben die Stimme
hörte, öffnete die Thür ein Wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut:
»Komme gleich!« und schloß sie dann wieder, wonach er, ohne eine Miene
zu verziehen, ruhig fortfuhr:
»Stand doch außerdem leer und wurde nicht benutzt.«
Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze fing an ihm unendlich komisch
vorzukommen.
»Ich möchte jetzt nur eigentlich wissen,« sagte die Gräfin mit einem
finstern Blick auf Oskar und Jeremias, »wer noch Herr hier im Hause ist.
Sie werden jedenfalls dafür sorgen, Jeremias, daß der fremde Mensch
augenblicklich unser Haus wieder verläßt und eine andere Wohnung
bezieht.«
»Giebt's gar nicht,« sagte Jeremias ruhig; »hören Sie mich nur an. Was
haben Sie denn von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist ein
anständiger junger Mensch, der Ihnen eine gute Miethe bezahlt, und
außerdem hätte auf der Straße logiren müssen.«
»Aber wer hat _Ihnen_ denn die Erlaubniß gegeben, das zu vermitteln?«
fragte die Gräfin.
»Nur praktisch,« meinte Jeremias, »das ist die Hauptsache. Außerdem sind
Sie ja nicht mit einander verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei oder
drei Monaten nicht mehr gefällt, können Sie ihn ja immer noch wieder
ausquartieren.«
»Nach zwei oder drei Monaten?« rief die Gräfin erstaunt.
»Oder noch später,« meinte Jeremias trocken; aber jetzt muß ich
wahrhaftig hinauf, und sehen was der junge Herr will; er wird mir sonst
ganz ungeduldig und am Ende gar noch grob« -- und ohne weiter eine
Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinauf.
»Eine solche Unverschämtheit ist mir aber doch noch nicht vorgekommen,«
lachte Oskar, »und das Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche
den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder zusammen zu packen und das
Haus zu räumen.«
»Warte noch einmal,« sagte seine Mutter, die indessen nachdenkend am
Fenster gestanden hatte, indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte: »wie
sagtest Du daß der Herr hieß?«
»Er nannte sich von Pulteleben.«
»Wie alt etwa?«
»Nun, vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahre.«
»Hm -- und er scheint aus guter Familie? Da dürfen wir doch wenigstens
nicht ungezogen gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu befinden, und würde
schwerlich eingezogen sein, wenn er wüßte, wie sich Alles verhält.«
»Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um welche Stunde bei uns gespeist
würde,« lachte Oskar.
Die Gräfin ging im Zimmer auf und ab und blieb endlich wieder vor ihrem
Sohne stehen.
»Die Sache kann nicht so bleiben,« sagte sie, »denn einen Miethsmann
läßt man sich eben nicht mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der
junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie bleibt, so ist es auch
eben so klug gehandelt, sich nicht in Unfrieden, sondern in Frieden
wieder zu trennen. Gehe hinauf und lade ihn für heute Mittag ein, unser
Gast zu sein -- wir sind doch allein -- und bei Tische mag er dann
erfahren, auf welche außergewöhnliche Art er bei uns eingeführt wurde.
Es bleibt ihm dann der ganze Nachmittag, sich nach einem andern
Quartiere umzusehen.«
»Der Jeremias ist ein göttlicher Kerl!« sagte Oskar lachend.
»Und je eher Du _den_ wieder fortschickst, desto besser ebenfalls,«
meinte seine Mutter, »denn ich bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr
auszusetzen, von einem so eigenmächtigen Hausknecht in noch Gott weiß
was für unangenehme Situationen gebracht zu werden. Mit einem so
stockdummen Menschen ist außerdem gar Nichts anzufangen -- ich will
lieber mit einem Schurken zu thun haben, denn vor dem kann man sich in
Acht nehmen.«
Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias' Dummheit betraf, aber die Sache
mit dem Fremden ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer verlassend,
wollte er eben zu ihm hinauf, als er aus seinem Zimmer wieder den
Jeremias kommen sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der linken
Hand dabei einen Stiefelknecht und in der rechten einen kleinen
Handspiegel trug.
»Du bist doch ein ganz niederträchtiger, abgefeimter Halunke!« sagte
Oskar; »wer hat Dir denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszuplündern?«
»Machen Sie keine Geschichten,« erwiederte Jeremias, mit den Augen
blinzelnd; »das ist ein prächtiger junger Mensch, und thut schon so,
als ob er ganz zu Hause wäre.«
Oskar, dem die Sache Spaß machte, sprang jetzt die Treppe voran hinauf.
Als er die Thür öffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig
angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln in der Hand, mitten
in der Stube.
»Na, kommen Sie -- ah, Sie sind's -- entschuldigen Sie, ich glaubte, es
wäre der Strick, der Aufwärter; der bleibt eine Ewigkeit.«
»Er kommt dicht hinter mir,« sagte Oskar; »Herr von Pulteleben, ich soll
Ihnen melden daß pünktlich um ein Uhr gegessen wird.«
»So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem Zimmer essen.«
»Dazu ist die nöthige Einrichtung doch noch nicht getroffen,« erwiederte
Oskar; »ich habe den Auftrag, Sie zu ersuchen mit _uns_ zu diniren.«
»Hm,« sagte von Pulteleben, der sich schon zu Hause vorgenommen hatte,
der amerikanischen »Freiheit und Gleichheit« so viel als möglich aus dem
Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im Klaren war, ob er vielleicht
seiner künftigen Stellung in der Colonie Etwas vergeben würde, wenn er
mit der »Bäckerfamilie« speiste, -- »ich esse viel lieber allein.«
»Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal bei uns gefallen,«
lachte Oskar, »morgen werden Sie jedenfalls allein essen können.«
»Nun gut,« erwiederte von Pulteleben -- »na endlich,« wandte er sich
dann an den eben eintretenden Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht
abnahm und seine bestaubten Stiefel auszog -- »setzen Sie den Stuhl nur
dahin -- aha, und auch ein kleiner Spiegel. Das muß ich gestehen, lieber
Freund, auf Gäste scheinen Sie hier im Hause nicht eingerichtet zu sein.
Die Unordnung ist wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter.
Wie heißen Sie, he?«
»Jeremias, zu Befehl,« sagte dieses würdige Individuum in steifer Haltung
und warf einen etwas unruhigen Blick auf Oskar hinüber, von dem er nicht
wußte, wie er das Urtheil über die Wirthschaft aufnehmen würde. Dieser
aber amüsirte sich vortrefflich, und während der junge Mann seine Stiefel
wechselte und dann seinen Hut nahm, saß er verkehrt auf dem einen
Stuhle, stützte sich mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm lächelnd
zu. Endlich hatte von Pulteleben seine Toilette beendet, schloß seine
Koffer, sah sich noch einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergessen
hätte, und sagte: »So -- wenn's gefällig ist; ich möchte zuschließen.«
»Aha, mit Vergnügen,« rief Oskar aufspringend -- »wollen Sie den Schlüssel
mitnehmen oder da lassen?«
»Hm -- ich werde ihn da lassen, damit das Mädchen nachher aufräumen kann
-- man hat doch Nichts zu befürchten?«
Jeremias sah wieder Oskar bestürzt von der Seite an, dieser aber
erwiederte lächelnd: »Nicht das Geringste -- aber Sie sind pünktlich?«
»Wenn ich irgend kann, gewiß.«
Damit verließ er das Zimmer, wo hinaus ihm die Beiden folgten, und stieg
die Treppe hinab, während Oskar zu seiner Mutter hineinsprang, um ihr
Bericht abzustatten.
Gerade als von Pulteleben nach der untern Treppe zu ging, öffnete sich
dort die nächste Thür, die in Helenens Zimmer führte, und die Comtesse
trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden, der sie überrascht und
höflich grüßte, als sie sich mit einer halben und flüchtigen Verbeugung
wieder zurückzog.
»Alle Wetter,« wandte sich von Pulteleben leise zu dem dicht hinter ihm
dreinkommenden Jeremias, »das ist ja ein wunderschönes Mädchen; das war
doch nicht die Bäckerstochter?«
Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden oder absichtlich seinen
Spaß daran hatte, den Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor
Vergnügen grinsend, mit dem Kopfe, und von Pulteleben stieg, mit der
Entdeckung sehr zufrieden, die Stiege hinunter, um noch vor Tische
seine Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. Er war jetzt fest
entschlossen, die Stunde des Mittagessens pünktlich einzuhalten.
Arno von Pulteleben war ein lieber, guter, ehrlicher Mensch, der nur mit
einem ganz unbestimmten Begriffe nach Brasilien gekommen war, wie er das
Land überhaupt finden werde, und was er -- wenn er es gefunden -- da
eigentlich wolle. Es geht einer großen Menge von Auswanderern so, die
auch nur zu häufig weder wissen, was man von ihnen fordern könnte, noch
was sie im Stande wären zu leisten, und die dabei nur allein in dem
Namen Amerika den Inbegriff aller erfüllten Hoffnungen und Träume sehen.
»Nur erst einmal in Amerika,« sagen diese, »und das Andere findet sich
Alles von selber.« In Etwas haben sie Recht, denn es findet sich in der
That; nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich gedacht
hatten.
Mit einer solchen unklaren Idee war auch Herr von Pulteleben herüber
gekommen. Er trat übrigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, denn
er war sich bewußt, seinen Weg _bezahlen_ zu können. Er hatte Geld bei
sich, ein Capital von wenigstens tausend spanischen Dollars, und daß er
Speculationsgeist genug besaß, dasselbe im Laufe von einigen Jahren
vielleicht zu verzehnfachen, daran zweifelte er selber keinen Augenblick.
Sein Grundsatz dabei war, »den Moment zu erfassen« -- »frisch gewagt,
ist halb gewonnen!« und wie derartige vortreffliche Sprüchwörter alle
heißen. Jedenfalls hatte er volles Selbstvertrauen, und da er schon in
Deutschland einmal eine Fußpartie gemacht und dabei zwei Nächte hinter
einander auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er sich auch allen
Entbehrungen, die ihm hier etwa aufstoßen konnten, vollkommen gewachsen.
Herr von Pulteleben fand sich übrigens etwas überrascht, als er im
Directionsgebäude seine Karte abgegeben hatte und von dem Director die
Antwort zurück erhielt: »Es würde ihm sehr angenehm sein, die Ehre ein
anderes Mal zu haben, heute sei er aber so ausschließlich beschäftigt,
daß er keinen Besuch empfangen könne.«
»Hm -- angenehm,« brummte er vor sich hin, als er seine weißen
Glacéhandschuhe auszog, zusammenrollte, in die Tasche steckte und wieder
hinaus in's Freie ging; »Herr Director Sarno scheinen verwünscht wenig
Umstände zu machen, und die Artigkeit hätte doch wenigstens verlangt,
daß er ... aber was thut's -- ich habe jetzt doch meine Schuldigkeit
gethan, und wenn er nun meine Bekanntschaft zu machen wünscht, ist die
Reihe an ihm.«
Mit diesem beruhigenden Gefühle schlenderte er durch die Straßen der
Stadt und fand eine Menge bekannter Gesichter -- Leute, die mit ihm in
einem und demselben Schiffe über See gekommen waren und alle Gefahren
gemeinschaftlich getheilt hatten, aber -- _sie_ waren im Zwischendeck
gereist, und Herr von Pulteleben in der Kajüte -- eine Entfernung, die
in ihrer Räumlichkeit wohl kaum zehn Schritte betragen mochte, aber doch
ausreichte, beide Theile vollständig fern von einander zu halten. Man
kannte sich von Ansehen, aber man grüßte sich nicht, und so unbedeutend
das an sich scheinen mag, so diente es doch dazu, ein nichts weniger
als freundschaftliches Gefühl zwischen beiden Theilen zu erzeugen.
Das ist nun freilich nicht zu ändern, denn Standes- und Rangunterschiede
existiren einmal auf der Welt, und werden trotz aller Communisten
fortbestehen, bis wir Alle unser letztes Ziel, das Grab, erreichen.
Selbst unter den Thieren und Pflanzen herrschen Rang und Gewalt; es
giebt sogar edle und unedle Metalle, und das Menschengeschlecht läßt
sich nicht in einen Topf werfen und darin halten. Ein Theil von ihm
_will_ seine besonderen Gesache haben -- und bekommt sie auch, und der
Rest muß entweder danach streben, diese ebenfalls zu gewinnen, oder
-- sich darein fügen.
Herr von Pulteleben hielt das auch natürlich für ganz in der Ordnung,
denn daß es Kajüte und Zwischendeck geben mußte, verstand sich von
selbst. Allerdings kam ihm dabei fast unwillkürlich der Gedanke,
daß er zufälligerweise am Tische des Bäckermeisters mit einem
Zwischendecks-Passagier zusammentreffen könne -- aber das blieb doch
zu unwahrscheinlich -- die junge Dame, der er begegnet, sah dafür zu
anständig aus, und -- war ihm die Gesellschaft wirklich nicht passend,
so gab es immer einen Vorwand, sich zurückzuziehen.
Als er auf seinem Spaziergange die sehr einfache Kirche passirte,
zeigte die Uhr gerade zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in
Verlegenheit, da er den Namen des Bäckermeisters vergessen hatte, in
dessen Haus er abgestiegen.
Glücklicher Weise besaß er Ortskenntniß genug, wenigstens die Richtung
behalten zu haben; es war überhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen
Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins entdeckte er vor sich
das Haus, das sich überdies vor allen in der Nachbarschaft durch den
kleinen, aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe empfing ihn schon
Oskar, der sich das Vergnügen nicht wollte entgehen lassen, ihn
einzuführen.
»Ah, Herr Baron, das ist schön daß Sie Wort halten!« rief er ihm
entgegen. »Eben wird die Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester
erwarten Sie mit Ungeduld.«
»Mutter und Schwester?« dachte Herr von Pulteleben, »ist denn das der
Sohn des Bäckers?« Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, aber es
blieb ihm keine lange Zeit zur Überlegung, und wenige Minuten später sah
er sich der stattlichen Gestalt der Frau Gräfin und ihrer reizenden
Tochter gegenüber, und schaute jetzt wirklich verlegen nach seinem
Begleiter um, denn daß er sich hier in anderer als der vermutheten
Gesellschaft befand, mußte er wohl fühlen.
»Mein bester Herr,« sagte er zu Oskar, »ich muß dringend bitten, daß Sie
mich hier vorstellen, ich -- ich weiß selbst noch nicht einmal _Ihren_
Namen.«