Der Director faltete den Contract langsam zusammen und gab ihn dem Manne

zurück.

»Lieber Freund,« sagte er ruhig, »die Sache ist höchst einfach die, daß

Ihr Euch in Antwerpen habt anführen lassen -- weiter Nichts. Der Agent

dort hatte gerade dieses Schiff liegen und _seinem_ Contracte nach

Passagiere dafür zu schaffen; deshalb seid Ihr da mit aufgepackt

und fortgeschickt. Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine

regelmäßige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich Gelegenheit durch

einen der kleinen Küstenfahrer, der Euch nach Santa Catharina bringen

könnte. Dort müßt Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff. Was außerdem

die kleine Entfernung betrifft, so _könnt_ Ihr die Reise nach Santa

Catharina _vielleicht_ in vier bis fünf Tagen machen, wenn der Wind gut

ist -- im andern Falle nimmt sie eben so viele Wochen in Anspruch, und

von da sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio Grande nöthig.

Außerdem wird Euch _diese_ Tour fast noch eben so viel kosten, als die

Reise von Deutschland hierher.«

»Aber Du mein großer, allmächtiger Gott, wir haben ja keinen Pfennig

Geld mehr!« schrie die eine Frau.

»Und der Herr Agent hat gesagt, daß uns die Reise von hier nach Rio

Grande keinen Heller kosten sollte.«

»Dann hat der Agent einfach gelogen,« sagte der Director ruhig, »und es

ist eine Betrügerei, wie sie schon mehrfach vorgekommen.«

»O, Du mein gütiger Heiland,« jammerte eine andere Frau, »dann sind wir

verrathen und verkauft und müssen hier elend verderben!«

»Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch nicht,« tröstete sie der

Director -- »wenn Ihr Euch nicht vielleicht doch noch entschließt hier

zu bleiben und Euch hier niederzulassen.«

»Aber wir haben unsere ganze Freundschaft bei Rio Grande; meiner

Schwester Sohn und der Elias und die Dorothea sind auch drüben und

warten auf uns. --«

»Gut, gut, ich sehe jetzt schon wie die Sache steht; ich will einen

Versuch machen und an die Regierung nach Rio schreiben, welche schon

mehreren anderen armen Auswanderern, die von betrügerischen Agenten in

eine ähnliche Lage gebracht worden, geholfen hat, und vielleicht läßt

sich doch noch Alles einrichten.«

»Und wann können wir fort?« fragte die Frau rasch -- »kommt das Schiff

bald?«

»Ja, liebe Frau,« sagte der Director, »so rasch geht die Sache nicht;

wenn ich Euch in zwei oder drei Monaten hier wegbringe....«

Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach ihn, aber es war hier gar

Nichts weiter zu thun. Die Leute hatten sich einmal betrügen lassen, und

es blieb nichts Anderes übrig, als die Regierung um Hülfe anzusprechen,

was freilich nicht in ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein

brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute mußten aber eben doch

untergebracht werden, und wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden

sollten, blieb außerdem noch zu bedenken. Die Männer waren indessen

kräftig und konnten arbeiten, und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur

zu Wegebauten gewesen wäre.

Daß der Director nicht viel ruhige Stunden bei all' diesem Wirrwarr

hatte, läßt sich denken, und außerdem wollte auch noch der Bursche, den

er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die Einwanderer gegen ihn

aufhetzen, und lief von einer Gruppe zur andern, ihre Hülfe fordernd,

weil er nichtswürdig behandelt sei und sich das nicht gefallen zu lassen

brauche. Die Leute hatten aber heute zu viel mit sich selber zu thun;

außerdem kannten sie den Gesellen schon von der Reise her und mochten

sich nicht mit ihm einlassen.

Es war eine verwilderte, rohe Gestalt, der Bursche, eine Persönlichkeit,

wie man sie daheim besonders in Meßbuden und herumziehenden Banden oder

Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen, fleckigen und zerrissenen

Rock, schmutzige Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe eine

dunkelblaue Mütze mit einem Stück schmaler Silbertresse darum genäht.

Schnurrbart und Knebelbart ließ er sich ebenfalls wachsen. Mit den

blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz der markirten Einschnitte

etwas Jungenhaftes behalten, was durch den übergeschlagenen schmutzigen

Hemdkragen noch unterstützt wurde, und man wäre veranlaßt gewesen, ihn

auf den ersten Blick für einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis

zwanzig Jahren zu halten.

Während er aber mitten auf der Straße stand und schimpfte und fluchte,

saß neben ihm sein bleiches, abgehärmtes Weib, ein Kind an der Brust

und ein Mädchen von etwa acht und ein Junge von zehn Jahren neben ihr

stehend -- ein Bild des Jammers, mit großen, hellen Thränen in den

Augen.

Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und Leid lag in ihrem Antlitz, in

der ganzen gebrochenen Gestalt -- aber sie klagte nicht, kein Wort kam

über ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte sie mit der einen Hand,

während sie mit der andern sich das Blut von der Stirn wischte, wohin

sie der Unmensch, als sie ihn gebeten hatte keinen Streit am ersten Tage

anzufangen, mit roher Faust geschlagen.

Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die Scene. Auf einem kleinen

Leiterwagen, dem man nur durch eine Partie Strohschütten einige Elasticität

abgewonnen und der, von ein Paar kräftigen braunen Pferden gezogen,

lustig dahergerasselt kam, wurden im scharfen Trabe ein Mann und eine

Frau die breite Straße entlang geschüttelt, die in die Stadt hinein

führte. Der Mann sah sonnverbrannt, aber kräftig und gesund aus, und

verrieth auch in seiner ganzen, einfachen aber saubern und passenden

Kleidung den behäbigen Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf dem

Schooße hielt und dasselbe des bösen Stoßens wegen mehr hob, als vor

sich sitzen hatte, war jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den

aber Beide unablässig nach rechts und links sandten, verrieth, daß sie

Etwas suchten, und als der Wagen den belebteren Theil der Straße

erreichte, hielt der Mann sein Pferd an, und die Frau rief fast

ängstlich einige der Vorübergehenden an:

»Ja, wo sind sie denn nur -- wo sind sie denn hingebracht?«

»Wer?« fragte der Angeredete.

»Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen sind.«

»Ja,« lachte der Mann, »die stecken überall herum, wo man sie eben

unterbringen konnte, Einer da, Einer dort.«

»Wen sucht Ihr denn?« fragte eine Frau, die gerade des Weges kam und

auch zu den neuen Einwanderern gehörte.

»Die alte Frau Mecheln aus dem Würtembergischen, aus Bellstadt,« rief

die Frau vom Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die Zügel, weil

das Pferd nicht stehen wollte.

»O, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! -- Gleich da drüben um die

Ecke, wo der große Baum vor dem Hause liegt.«

»Und sie ist wohl?«

»Kerngesund, die ganze Reise gewesen.«

Der Mann hatte bei der Erwähnung des Hauses schon sein Pferd in die

bezeichnete Straße eingelenkt; die Frau winkte dankend mit der Hand,

fort rasselte das Geschirr, daß die Funken stoben, und hielt gleich

darauf vor dem genannten Hause. Und sie brauchten hier nicht lange zu

warten. Sobald der Wagen anhielt, ging die Thür auf, und die alte Frau,

die mit Schmerzen darauf gewartet hatte, daß sie Einer der Ihrigen hier

erwarten solle, trat in die Thür.

»Großmutter!« schrie die Frau ihr schon vom Wagen aus entgegen

-- »Großmutter -- wie geht's -- wie geht's?«

»O, Du mein himmlischer Vater!« rief die alte Frau und hielt sich an dem

Thürgeländer, an dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon unten bei

ihr -- wie sie mit dem Kinde vom Wagen gekommen, wußte sie selber nicht

-- mit Einem Satze war sie unten und bei der Großmutter, ließ das Kind

auf die Erde niedergleiten, umfaßte die alte, zitternde Frau und

schluchzte, als ob ihr das Herz brechen solle vor Nichts als Wonne und

Seligkeit.

Der Mann hatte noch mit den Pferden zu thun, die nicht stehen wollten,

aber ein Bekannter kam die Straße herunter, der ihm dabei half und

dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf erst die Stränge los,

daß kein Unglück geschehen konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur

Großmutter hinüber, die er beim Kopfe nahm und herzhaft abküßte.

Dann aber faßte er die Sache auch praktisch an, denn ein einziger Blick

in den innern Raum sagte ihm schon, daß die alte Frau hier nicht länger

bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um etwas Anderes zu bekümmern,

ging er in das Haus und ließ sich die sämmtlichen Sachen von der

»Großmutter« geben, die schon alle zusammen in der einen Ecke standen,

lud dieselben mit Hülfe einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm

dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den Arm, um sie auf den schon

für sie bereiten Sitz zu tragen.

»Aber Junge, Junge,« rief die Alte halb erschreckt über die gewaltsame

Entführung -- »meine Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der

Stube.«

»Schon Alles auf dem Wagen droben, Großmutter.«

»Auch die blaue Kiste?«

»Da hinten steht sie.«

»Und der kleine Holzkoffer?«

»Alles oben.«

»Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf, und die rothe Lade....«

»Alles da; es fehlt Nichts.«

»Aber den Regenschirm seh' ich nicht.«

»Den Regenschirm?« sagte der Enkel verblüfft, denn da war wirklich

Etwas, was er vergessen hatte.

»Er steht gleich neben dem Fenster in der Ecke« -- aber einer der Jungen

aus dem Hause war schon hineingesprungen, um das Vermißte zu holen, und

kam gleich darauf im Triumph damit zurück.

»So, Großmutter,« sagte der Mann, »ist nun Alles da?« Die Enkelin hatte

mit dem kleinen Kinde schon neben ihr Platz genommen.

»Alles, meine Kinder -- und sind wir denn jetzt wirklich in Brasilien?«

»Na, ob!« sagte der Mann, gab seinen Pferden einen kleinen

Peitschenhieb, und fort rasselte der Wagen wieder, die glücklichen

Menschen ihrer eigenen Heimath zuzuführen.

Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt verließ, landete noch ein

kleines Boot, die Capitainsjölle, worin dieser einige Kajütenpassagiere

an's Land brachte. Drei oder vier andere waren schon gestern Abend mit

den Zwischendeckspassagieren gelandet und gleich in den Gasthof gegangen,

um dort Unterkunft zu finden. Eben dahin hatte sich aber auch eine

Anzahl von Zwischendeckspassagieren gewandt, die sich in dem, ihnen von

der Direction angewiesenen Raume nicht wohl fühlten und noch Geld genug

bei sich führten, wenigstens die erste Zeit davon leben zu können. Waren

sie dann erst einmal acht oder vierzehn Tage in der Colonie, so ließ

sich mit mehr Muße eine bequemere Einrichtung treffen.

In dem letzten Boote befanden sich ein paar junge Kaufleute und ein

junger Baron, ein Herr von Pulteleben; mit einer wahren Unmasse von

kleinem Handgepäck, das er im Boote um sich her aufgeschichtet hatte. An

der Landung konnte er aber natürlich nicht gleich Jemanden finden, der

es ihm trug, und die Folge davon war, daß er, das »Hôtel« eine halbe

Stunde später als die Übrigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr

fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn wünschte, d. h. ein Zimmer

allein, wie er auf dem Schiffe auch eine Koje für sich selber gehabt.

Der junge Herr hatte übrigens Geld, und glaubte, darauf pochend, Alles

durchsetzen zu können.

Der Wirth »Bodenlos«, wie er von den Colonisten genannt wurde -- eigentlich

hieß er Bohlos -- stand schon etwas halbselig in der Thür, denn er hatte

es sich nicht nehmen lassen, mit all seinen neu angekommenen Gästen den

sogenannten Willkommenstrunk zu leeren, und betrachtete, die Hände in

den Taschen, den von zwei endlich gefundenen Lastträgern begleiteten

Fremden.

»Ist dieses das Hôtel?« fragte dieser rasch.

»Aufzuwarten,« sagte der Wirth, und überflog mit einem lächelnden Blicke

die um die Thür hergestreute Bagage; »Hôtel zum Hoffnungsanker in Santa

Clara. Wollen Sie ein Bett?«

»Ich wünschte ein Zimmer -- allein, wo möglich mit Cabinet -- vorn

heraus und im ersten Stock.«

»Kann ich mir wohl denken,« sagte Bodenlos mit unerschütterlicher Ruhe,

ohne selbst die Hände aus den Taschen zu nehmen -- »das wünschen sich

Mehr, können es aber eben nicht kriegen.«

»Nicht kriegen?« sagte der junge Mann erstaunt -- »ich heiße von

Pulteleben.«

»Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen,« sagte der

Wirth -- »_ich_ heiße Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der

Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt sich indessen ganz gleich, wie

wir Beide heißen.«

»Aber ich _muß_ ein Zimmer haben,« sagte von Pulteleben, der noch gar

nicht recht wußte, was er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte.

»Natürlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel bleiben wollen,« meinte

der Wirth, -- »und wenn's regnete, wäre das fatal -- besonders für alle

die Schachteln.«

»Dann bitte ich nur, daß Sie Anstalt machen,« sagte von Pulteleben,

»denn es ist nicht angenehm, hier draußen zu stehen, und ich möchte mein

Gepäck los sein.«

»Na, das wäre das Leichteste,« lachte der Wirth -- »wenn Sie's nur hier

eine Stunde allein draußen stehen ließen. Aber Herr von Bullleben, oder

wie Sie gleich hießen, ich will Sie nicht lange hinhalten. Verlangen

Sie hier ein Bett, um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer zu

schlafen, so denke ich, daß ich es möglich machen kann -- ich will mir

wenigstens Mühe geben, und Essen genug haben wir im Hause, aber ein

Zimmer allein _können_ Sie nicht hier bekommen, weil ich eben keins mehr

habe, und andere Gäste hinaus werfen geht eben so wenig. Also damit

Basta!«

»Und existirt hier kein anderes Hôtel in der Stadt?« fragte der

sichtlich schon sehr Enttäuschte.

»Gegenwärtig nicht,« bemerkte äußerst artig Herr Bohlos; »wenn Sie aber

vielleicht noch drei oder vier Monate warten wollen, so wird sich

wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und ein Hôtel zur Belle

Vue errichten; das Grundstück ist wenigstens schon dazu angekauft.«

Herr von Pulteleben stand in einer wahren Verzweiflung mitten auf der

Straße, denn die Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes, dem er

nicht das Geringste entgegenstellen konnte, ließ ihn noch vollkommen

unschlüssig, was er thun solle -- erst grob werden und den Burschen dann

mit Verachtung strafen, oder das Letztere lieber gleich zuerst thun.

»Sie wollen ein hübsches Zimmer, vorn heraus und mit Aussicht?« redete

ihn da plötzlich eine Stimme an, nach der sich von Pulteleben überrascht

umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes war es, der vor ihm stand, sah

aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu überraschen,

der frisch aus Deutschland herüber kam und an jene exotischen Individuen

noch nicht gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild zerstreut findet.

Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, eine Art von Factotum

in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschäftigung,

sondern nahm nur da Arbeit an, wo er sie gerade bekam, so daß er oft

fünf oder sechs verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann wieder

einmal gar keinen hatte. Dazwischen ließ er sich Wege schicken, putzte

den Honoratioren Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, und

stand sogar in dem Rufe, schon hier und da Heirathen zwischen Familien

vermittelt zu haben, die sonst im Leben nicht zusammengekommen wären.

Jedenfalls hatte er ein ähnliches Gewerbe in Deutschland getrieben, wo

zwischen Bauernfamilien und überhaupt auf dem Lande Ehen nur zu häufig

auf diese Art geschlossen werden.

Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn während der Seidenhut

(Cylinder, Schraube, Angströhre, oder wie die Namen alle heißen mögen)

in die höhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit den groben, schweren

nägelbeschlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der übrige Mensch

trug außerdem nur die Kleider der übrigen Menschen -- abgelegte Hosen,

Westen und Röcke, wie sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist

noch alle aus Deutschland herübergekommen waren. Leider paßten sie nur

nicht immer, und Jeremias schien darin eine eigene Geschicklichkeit

erworben zu haben, seinen Körper allen derartigen Errungenschaften, so

gut das nur möglicherweise gehen wollte, anzuschmiegen.

Heute nun fand er reichliche Beschäftigung bei den neuen Ansiedlern,

theils um Gepäck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu schaffen,

theils die verschiedenen Parten an passenden Stellen unterzubringen. Daß

er seine übrigen und alten Kunden dadurch vernachlässigte, störte ihn

nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter

der Zeit _hier_ verdiente, war rein gewonnen.

Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten zu können, hatte er seinen

Rock ausgezogen und ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an der

Straße hineingeschoben; so stand er denn jetzt vor von Pulteleben, die

unten zu einem Wulst aufgekrämpelten Hosen oben mit einer grellrothen,

wollenen Schärpe statt Hosenträger festgehalten, darüber eine hellblaue

Seidenweste geknöpft, die der frühere Besitzer nicht mehr tragen konnte,

da ihm der Kellner eines Mittags die Saucière darüber geschüttet, eine

schwarze Halsbinde um den nackten Hals, denn der weiße Hemdkragen war

ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht, und ein großes,

blaubaumwollenes Taschentuch in die linke Hosentasche so weit

hineingezwängt, wie es möglicherweise gehen wollte.

Jeremias schwitzte außerdem, daß ihm das Wasser ordentlich in Strömen

von Stirn und Schläfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, trotz

seiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias das

blaue Taschentuch jetzt durch einen plötzlichen Ruck zu Tage brachte

-- wobei er die Hosentasche auch mit nach außen drehte -- dann mit der

rechten Hand seine brennend rothe Perrücke lüftete und sich darunter den

vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte.

»Na, Sie brauchen nicht zu lachen,« sagte Jeremias; »ich wollte einmal

sehen, wie _Sie_ schwitzten, wenn _Sie_ so ein Ding auf dem Kopfe hätten;

das ist wie ein Pelz -- nun, wie steht's?«

»Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?« fragte der junge Mann,

dem jetzt vor allen Dingen daran lag ein Unterkommen zu finden -- »in

angenehmer Lage?«

»_Ich_ nicht,« meinte Jeremias, »das bleibt sich aber gleich, denn ich

weiß eine, wo Sie gleich einziehen können.«

»Allein?«

»Mutterseelens,« sagte Jeremias lakonisch.

»Weit von hier?«

»Gar nicht.«

»Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?«

»Handkarren,« erwiederte der kleine praktische Bursche, sprang, ohne

weiter eine Antwort abzuwarten, hinter das Haus, holte dort seinen

eingeschobenen Karren vor, lud die Habseligkeiten des Fremden darauf,

schnürte das Ganze mit einem Seile fest zusammen und war nach wenigen

Minuten schon unterwegs, und zwar nach keinem andern Hause, als dem der

Gräfin Baulen, in welchem er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren

gedachte.

Glücklich für ihn und seinen kühn entworfenen Plan war Oskar gerade

nicht zu Hause und mit Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um die

neu gekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen. Als Jeremias mit dem

Karren vor dem Garten hielt, saß die Frau Gräfin gerade in ihrem Zimmer

und schrieb ein paar Briefe.

»Das ist aber kein Hôtel,« sagte der junge Fremde, das Haus betrachtend.

»Privatwohnung,« meinte Jeremias -- »aber famos -- charmante Leute

-- werden Ihnen gefallen, besonders die Tochter« -- und damit rückte

er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer auf die Schultern und

schritt damit in das Haus hinein, während von Pulteleben bei seinen

übrigen Sachen noch zurückblieb. Nach einer Weile kam er wieder zurück

und holte den andern Koffer, und als er zum dritten Male kam, packte er

dem Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein leichtes Kistchen mit

Schirm und Stock auf, ergriff dann das Übrige und sagte:

»Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.«

Der Fremde folgte ihm auch vollkommen ahnungslos, daß ihn der kleine

Bursche hier ohne die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus als

Miethsmann einführe, und nur erst, als sie die erste Treppe erstiegen

hatten und Jeremias voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und

sagte:

»Noch höher?«

»Kommen Sie nur,« ermunterte ihn jedoch sein Führer -- »famose Aussicht,

wie gemalt,« und da er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch

Nichts weiter übrig, als ihm zu folgen; mußte er doch überhaupt froh

sein, nur ein Unterkommen zu finden. Kaum hatte er übrigens etwa zehn

Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine Thür im ersten Stock

geöffnet wurde und die Frau Gräfin, welche den Lärm draußen gehört

hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie erkannte übrigens,

vor dem Fremden, noch gerade den aufsteigenden Jeremias und rief:

»Nun, was ist denn das für Gepäck?«

»Alles in Ordnung!« rief Jeremias zurück, ohne sich weiter stören oder

außer Fassung bringen zu lassen.

Die Gräfin schüttelte den Kopf, doch sie konnte nicht anders glauben,

als daß Oskar, der gewohnt war sehr selbstständig aufzutreten, ihr

irgend einen Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings zu

keiner Zeit hätte unbequemer kommen können. Gewohnt aber, sich in dessen

Launen oder unbedachte Streiche zu fügen, seufzte sie nur tief auf, trat

in ihr Zimmer zurück und zog die Thür hinter sich in's Schloß. Wenn

Oskar übrigens nach Hause kam, wollte sie ihm tüchtig den Kopf deshalb

zurecht setzen.

Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo Jeremias schon seine übrigen

Sachen eingestellt hatte, und sah sich hier allerdings etwas überrascht

um. So freundlich das Local auch liegen mochte, denn es bot einen

Überblick über einen Theil der Ansiedelung und nach den fernen Bergen

hinüber, so fehlte ihm doch auch _jede_ andere Bequemlichkeit. Kein

Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein Spiegel, Nichts, Nichts war zu sehen,

als die kahlen geweißten Wände, und Herr von Pulteleben rief:

»Nun, das ist ein hübsches Logis, in dem nicht einmal ein Stuhl steht!

Wohin haben Sie mich denn gebracht, Meister Ungeschickt?«

»Nur keine Überstürzung,« sagte Jeremias, indem er den Rest der Sachen

auf die beiden Koffer legte; »wir haben Zeit, und nach und nach macht

sich Alles. Vorerst sind Sie einmal untergebracht, und was wollen Sie

mehr?«

»Mehr?« rief von Pulteleben erstaunt -- »Möbel will ich -- meine

Bequemlichkeit, wofür ich bezahle, und vor allen Dingen einen

Waschtisch.«

»Waschtisch?« sagte Jeremias -- »giebt's nicht. Vor der Hand setzen wir

das Waschbecken auf einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.«

Herr von Pulteleben, der anfing, sich über den Burschen zu amüsiren,

lachte, und Jeremias, sich im Zimmer umsehend, fuhr fort:

»Hauptsächlich brauchen Sie einen Tisch und einen Stuhl, das ist wohl

das Nothwendigste.«

»Ich dächte auch,« sagte der junge Mann, »um nur die bescheidensten

Ansprüche zu befriedigen.«

»Das denk' ich, kann ich schaffen,« nickte Jeremias, »und was weiter

loszueisen ist, wollen wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei

sich?«

»Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. Die Leute, welche ein

Zimmer vermiethen, müssen doch auch ein Bett dazu haben.«

»Puh!« meinte Jeremias, »reden wir nicht davon; aber ein Plaid ist für

das warme Wetter genug zum Zudecken, und der Boden hier im schlimmsten

Falle,« fuhr er fort, indem er mit dem Hacken auf die Diele trat, »von

weichem Holze -- Lust und Liebe zu einem Ding machen jede Müh' und

Arbeit gering.«

»Den Teufel auch,« rief der junge Mann erschreckt, »ich werde doch nicht

sollen auf der nackten Erde schlafen?«

»_Nackten_ Erde? Pst!« sagte Jeremias mit einem unendlich komischen und

ermahnenden Gesichte -- »es sind Damen im Hause!«

»Sie sind ein ganz verrückter Mensch!« lachte von Pulteleben; »aber

jetzt verschaffen Sie mir wenigstens das Nöthigste. Es soll Ihr Schade

nicht sein,« setzte er hinzu, indem er ihm einen Milreis in die Hand

drückte; »aber ich bin in Eile, ich muß mich umziehen und dem Director

noch meine Aufwartung machen.«

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Erster Band. · 第 9 / 13 段