angebrochener Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der tägliche Bedarf für
das Haus genommen wurde; auf dem Clavier lag ein kürzlich abgenommener
Pferdezaum, denn das Gebiß war noch feucht, und in der Ecke am Fenster
ein alter, zerrissener Sattel, neben dem wiederum zwei Fässer mit Bohnen
und Erbsen standen. Auf den Mahagonitisch war außerdem als Decke das
etwas defecte Umschlagetuch der Frau gebreitet; die Zipfel desselben
reichten aber nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel und
einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe zu verbergen. Ein Paar
abgeworfene Hosenträger lagen auf dem Umschlagetuche.
Die Familie schien außer dem Clavier aber auch sonst noch entschieden
musikalisch zu sein, denn über demselben, neben einer gewöhnlichen
Handwage und einem lange nicht abgestaubten Rocke, hingen noch zwei
Guitarren und eine Violine -- alle drei in etwas desolaten Umständen.
-- Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus; die Dielen waren frisch
gescheuert und an dem einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer
Gardine gemacht.
Könnern lehnte seine Büchsflinte in die Ecke neben den Mehlsack und
hatte gerade Zeit genug gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig
umzusehen, als sein Wirth mit einer Flasche Wein und ein paar Gläsern
zurückkehrte.
»Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche Santa Clara Ausbruch versuchen,
ein capitales Weinchen,« sagte er dabei, indem er die Flasche auf den
Tisch stellte und entkorkte, »selbst gezogen -- delicat -- noch ein
Bißchen jung vielleicht, aber famos -- _die_ Blume!«
Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn Könnern aber kostete, lachte er
gerade hinaus und rief:
»Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das ist Himbeeressig!«
»Himbeeressig?« sagte Herr Zuhbel erstaunt, indem er vorsichtig von
seinem Glase kostete -- »ich habe ja gar keinen -- bitte um Verzeihung,
das ist mein Ausbruch. Er _ist_ ein Bißchen säuerlich, weil bei uns die
Beeren so ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich
erst einmal an _den_ Wein gewöhnt hat, schmeckt Einem der beste
Markobrunner nicht mehr.«
»Das glaube ich auch,« sagte Könnern, der einen zweiten Versuch machte,
das Glas aber dann kopfschüttelnd wieder auf den Tisch setzte -- »ich
bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und trinke nur Wasser. Jeder
Wein steigt mir augenblicklich zu Kopfe.«
»Der nicht,« rief Zuhbel in Eifer, »der wahrhaftig nicht, und wenn Sie
drei Flaschen davon tränken! (Könnern zogen sich schon bei dem Gedanken
an eine solche Möglichkeit die Eingeweide zusammen und alle Zähne wurden
ihm stumpf.) Übrigens können Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute
trinken auch gewöhnlich Milch, und da kommen sie schon mit dem Essen.
Nun langen Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen Marsch
Hunger bekommen haben.«
Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot, delicates Brod,
frische Butter, guten Käse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit
größter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein Wort, wenn nicht
eine Frage direct an sie gerichtet wurde. Auch das junge Mädchen hielt
sich scheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an den Tisch hinan
zu rücken, an den sie weit hinüberlangen mußte. Zuhbel führte allein das
Wort und erzählte ununterbrochen von seinem Leben hier zwischen den
»Brasilischen«, von seinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier
erst habe zeigen müssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder einrichte
und bewirthschafte, was er ziehe und möglich gemacht habe, und wie er
es eigentlich gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig
Ordnung gebracht habe.
»Mit dem Director ist es Nichts,« fuhr er fort -- »gar Nichts, das
ist ein Grobian, wie er im Buche steht, aufgeblasen und stolz -- ja,
»Dickethun ist mein Reichthum,« das paßt auf den. Will Alles besser
wissen, und hat nicht die geringste Lebensart. Da ist der Delegado ein
anderer Mann -- der weiß, was Höflichkeit ist und was unser Einer
versteht, und giebt sich mit dem gemeinen Manne ab, daß es eine Lust
ist.«
Dann kam er auf die Frau Gräfin zu sprechen, die ihn einmal »mein lieber
Herr Zuhbel« genannt hatte und von der er entzückt schien. Das war eine
Dame, wie sie eigentlich sein sollte, »wirklich vornehm und doch so
gemein als möglich.«
Könnern ermüdete das Gespräch. Er hatte schon lange herausgemerkt, daß
sein freundlicher Wirth zu den Menschen gehörte, die ihren Nachbar nur
danach beurtheilen, wie sie selber von ihm behandelt sind, und den aus
Grundsatz hassen, der klüger oder fleißiger ist als sie, oder wenigstens
von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es solcher Leute
ja genug in _allen_ Ständen, und man braucht eben nicht nach Brasilien
zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls
gefunden, daß sein Gast ein »Fremder« sei, und der hier draußen viel zu
selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, nahm jetzt
die Ansiedler Einen nach dem Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen
Einwanderer gleich einen richtigen Überblick über die Verhältnisse zu
gestatten.
Indessen war es vollkommen Nacht geworden, als draußen der Hufschlag
eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger Bursche
von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der
den Fremden freundlich grüßte und dann, ohne von seiner Familie auch
nur die geringste Notiz zu nehmen, sich zum Tische setzte und die noch
übrigen Speisen verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem Wein, ohne
eine Miene dabei zu verziehen.
Während er aß, saß Zuhbel wie auf Kohlen; er rückte auf seinem Stuhle
hin und her und sah immer nach seinem Sohne hinüber, und als dieser kaum
den letzten Bissen im Munde hatte und seinen Teller zurückschob, stand
er auf, rieb sich die Hände und sagte:
»So, jetzt kann's losgehen -- jetzt sollen Sie einmal sehen, daß wir
hier im brasilianischen Walde nicht bloß lauter Bauern und Holzhacker
sind, sondern daß wir auch in der Kunst Etwas leisten. Bist Du fertig,
Junge?«
»Ja, Vater,« sagte der Sohn, stand auf, wischte sich den Mund,
nahm einen kleinen Zusammenlegekamm aus der Tasche, um seine Frisur
oberflächlich in Ordnung zu bringen, und griff dann ohne Weiteres nach
der über dem Claviere hangenden Violine, die er zu stimmen und herauf
und herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er
damit fertig wurde; der alte Zuhbel hatte indessen das Clavier geöffnet
und sich daran gesetzt.
»Spielen Sie?« fragte er Könnern. Dieser verneinte. »Das müssen Sie noch
lernen,« fuhr Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff; »es ist
etwas gar Schönes für einen Colonisten, wenn er sich Abends nach der
Arbeit die Zeit ein wenig mit Musik vertreiben kann -- na, hast Du's
bald?« wandte er sich an seinen Sohn.
»Jetzt kommt's,« sagte dieser, indem er einen Ton auf dem Clavier anschlug
und seine Stimmung damit verglich. Es stimmte so ziemlich -- höchstens
um einen halben Ton Unterschied, was zu unbedeutend war, deshalb noch
einmal alle Saiten abzuschrauben. Ein Strich über die Violine war das
Zeichen, und ohne weitere Verabredung, als ob gar keine andere Melodie
möglich sei, fielen Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: »Erblickt auf
Felseshöhen,« ein und kratzten und hämmerten dieselbe richtig durch, der
Vater natürlich nur den Baß schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob
er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff.
Dann kam ein schwermüthiges Lied. »Von der Alpe tönt das Horn,« dann
»Die Fahrt in's Heu« mit allen Versen. Den Schluß bildete aber das
Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn während es bei den früheren
Liedern über die Mißtöne rasch hinwegging, wurden sie hier lang und
feierlich ausgehalten, und Könnern als Schlachtopfer saß in der einen
Ecke und rauchte eine schlechte Cigarre, die wie der Wein eigenes
Fabricat des Tausendkünstlers war.
Aber auch das ging vorüber; das Concert war beendet, die Violine hing
wieder an der Wand und das Clavier wurde geschlossen -- der erste
angenehme Ton, den es heute von sich gab.
»Es sind nur drei Instrumente in der ganzen Colonie,« sagte Zuhbel mit
Stolz, indem er den alten Klapperkasten freundlich auf den Rücken
klopfte, als ob es ein Pferd gewesen wäre; »eins hat die Frau Gräfin,
ein wahres Prachtstück; die junge Gräfin hat mir einmal selber Etwas
darauf vorgespielt -- die spielt, und _das_ ist ein Mädel -- zum
'neinbeißen, sage ich Ihnen. Sie kennen sie aber gewiß schon?«
»Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten gesehen.«
»Reiten kann sie wie der helle Teufel -- und das dritte hat der Meier
-- der Einsiedler, wie sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt
wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie ein Kettenhund vor
seiner eigenen Thür und läßt Niemanden hinein -- das ist ein schrecklicher
Mensch!«
»Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft,« sagte Könnern gleichgültig.
»Haben Sie das auch schon gemerkt?« lachte Zuhbel; »ja, der läßt Alle
abfahren, wer sie auch sein mögen, aber -- es hat seinen Grund.«
»Er mag etwas menschenscheu sein; lieber Gott, Jeder von uns hat seine
Schwachheiten!« sagte Könnern und dachte an das Concert.
»Schwachheiten?« fragte Zuhbel geheimnißvoll -- »bei dem ist's mehr,
darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Dahinter steckt Etwas. -- Mit dem
ist's nicht richtig, und daß der -- ich mag keinem Menschen etwas Böses
nachsagen -- aber daß der _wenigstens_ einen Mord auf dem Gewissen hat,
darauf können Sie Gift nehmen. -- Denken Sie denn, daß der Jemandem
gerade in's Gesicht sehen kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt
er auf, hinter der man nie weiß ob er schläft oder zuhört, wenn man ihm
'was sagt, und daß er ein einziges Mal seine Nachbarn besucht hätte, so
lange er hier in der Gegend wohnt -- ist ihm noch gar nicht
eingefallen.«
»Ja, aber mein lieber Herr Zuhbel,« sagte Könnern, »nicht alle Menschen
haben eben Freude an Gesellschaft!«
»Ach was,« rief der Mann, »der ist keines Menschen Freund, wie sein
eigener, und ich weiß nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich
macht. Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom Leibe, und mit
seiner ganzen Familie, der alten, knuffnäsigen Frau, die Einen immer
ansieht als ob sie Einen beißen wollte -- lieber Gott, ich thu' ihr
Nichts! -- und dem bleichsüchtigen Ding von Mädchen. Und mit seinem
Reichthum soll's auch nicht so weit her sein -- mich kauft er nicht aus,
so viel weiß ich, und _mein_ Land gäbe ich nicht für ein Dutzend solcher
Chagra's hin, wie er eine hat.«
Der Mann war im Zuge und ließ Könnern nur in so fern Ruhe, daß er nicht
von ihm verlangte, ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie wieder
von oben bis unten durch, und das Resultat blieb, daß er der Einzige
von Allen sei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verstehe und eine
Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der er den Colonisten einmal
zeigen wolle was man aus dem Lande machen könne, wenn man es eben
richtig angriffe. Könnern war froh, als er sich endlich mit der späten
Stunde, und Müdigkeit vorschützend, entschuldigen konnte, um sein Lager
zu suchen.
Auch hier war Alles für ihn durch die Frauen auf das Sauberste
hergerichtet, und in einer der oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein
wenig hartes, doch frisch überzogenes Bett, mit Waschzeug, Handtuch und
frischem Wasser, und außerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und einen
Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen Landmanne einen nicht
unbedeutenden Theil seiner Nahrung bilden.
Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach kein Wort dabei, setzte ihm
das Licht in die Stube und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles
in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so schweigend zur Thür
zurück, drehte sich noch einmal um, sah Könnern ruhig an und sagte:
»Glauben Sie kein Wort von dem, was _er_ Ihnen sagt. Es ist Alles nicht
wahr. Gute Nacht, schlafen Sie wohl!« und damit verschwand sie draußen
in dem dunklen Gange.
Könnern lachte still vor sich hin, aber er war durch das furchtbare
Schwatzen seines Wirthes so geistig müde geworden, daß er an dem Abend
nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er denn sein Lager und hatte
sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch in einen tiefen Schlaf fiel
und erst am hellen Morgen neu gestärkt erwachte.
Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur Ansiedlung zurückkehren, weil
er fürchtete, daß der Director vielleicht seinetwegen in Sorge sein
könne; aber Zuhbel ließ ihn nicht. Erst mußte er frühstücken und dann
seine Felder besehen, ohne das kam er nicht los.
Könnern war nun Nichts weniger als Ökonom, und verstand nicht das
Geringste von der Landwirthschaft, das schadete aber Nichts; Zuhbel
schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer über geackerte und
ungeackerte Felder, und zeigte ihm, was er _hier_ bauen wollte, und was
er _da_ gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da gezogen sei,
und wie alt der oder jener Pfirsichbaum wäre, und wo er die jungen
Stämme herbekommen habe -- Dinge, die den jungen Maler auch nicht im
Geringsten interessirten. Endlich hatten sie Alles gesehen, keine
Hecken-Anpflanzung von Quittenbäumen, kein Reis- oder Maisfeld war mehr
übrig, und der Fremde durfte endlich den Wunsch ansprechen, sein Pferd
zu satteln. Das aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten
Frühstücke aus dem Felde hereingekommen war, und Könnern athmete hoch
auf, als er endlich wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, der
Ansiedelung zutraben konnte.
Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg dorthin ein, sondern lenkte
links ab, an Meier's Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs ein
unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen Waldhühner, die
an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle -- aber das ging
nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig fallen -- nicht _jetzt_
schon wieder sein Haus betreten -- und doch, mit wie schwerem Herzen
ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen hielt, was
seinem Herzen lieb und theuer war. -- Vergebens suchte er auch nur einen
Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafür
gesorgt, daß kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen könne, und
tief aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den
Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte.
Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung nicht erreicht, als er
plötzlich Musik zu hören glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den
Zügel und lauschte. Richtig -- im Garten selber hörte er die melodischen
Töne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit
entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; nur die einzelnen,
höheren Töne drangen zu ihm herüber, und ehe er noch zu einem rechten
Entschluß gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen und hatte sein
Pferd am Zügel.
Ein Weg führte dort allerdings nicht hinein, aber die Büsche waren
doch nicht so dicht, daß er nicht hindurch gekonnt hätte, und einen
Augenblick stand er unschlüssig, ob er das Pferd hier draußen am Wege
anbinden solle. Aber vom Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn
beim Horchen ertappen -- besser, er nahm es mit, und es vorsichtig
führend, näherte er sich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz
deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herübertönte.
Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere
Vordringen; zu nahe durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt
des Pferdes nicht verrieth -- er blieb stehen und lauschte der Melodie,
die eine Meisterhand aus den Saiten lockte -- aber wer spielte hier? Der
alte Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm schon gesagt, daß
er sehr musikalisch sei. Es war eine jener schwermüthigen deutschen
Volksweisen, an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges Gefühl
schien die Saiten zu beleben.
Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig -- hatte sich der Spieler
wieder entfernt? Es war so still geworden, daß er sich ordentlich
fürchtete den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das Pferd
verursachte Geräusch verrathen mußte.
Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde angeschlagen, erst leise und
wehmüthig, dann in eine mehr heitere Weise übergehend. Zwei oder drei
der kleinen allerliebsten steyrischen Ländler folgten, dann plötzlich in
eine andere Tonart überspringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhörer
fremde Melodie, und jetzt -- das Herz schlug ihm auf einmal wie ein
Hammer in der Brust, begann eine glockenreine Mädchenstimme ein kleines
Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen konnte.
Die Herzen wachsen alle dort
Im blauen Himmelsfeld,
Und immer zwei beisammen, eng,
Die eine Schale hält.
Vielliebchen gleich, so keimen sie
Je zwei und zwei selband,
Und sind sie reif, nimmt sie der Herr
Und streut sie über's Land.
Eins pflanzt er einem Jüngling ein,
Das and're einer Maid,
Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch,
Wenn Ihr vereinigt seid.
Die beiden Hälften suchen nun
Sich in der Welt daher,
Und selig, wer sein halbes find't,
O dreimal selig der!
Das halbe Herz, Du lieber Gott,
Kann doch auch halb nur schlagen --
Wer _meine_ and're Hälfte hat,
Ich wollt', er thät mir's sagen.
Könnern lauschte dem Liede mit glühenden Wangen, kaum aber war es
beendet, als er -- er wußte kaum was er that -- die beiden geschossenen
Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit keckem Wurf über die Hecke
hinweg in den Garten schleuderte.
Er hörte noch drinnen einen leisen Aufschrei, aber weiter Nichts, in
wilder Flucht trieb er sein Pferd wieder durch den Busch zurück auf den
Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem ganzen Sturm tobender
Gefühle im Herzen in die Ansiedelung zurück.
7.
Die neuen Colonisten.
Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, und weil er der
Unsicherheit des Weges halber sein Thier fest im Zügel halten mußte,
sammelten sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine äußere
Umgebung.
An der Gränze des Städtchens schon fiel ihm das rege Leben auf, das er
hier traf und das er gestern und vorgestern lange nicht so gefunden.
Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Gestalten, die meisten mit
Gewehren auf dem Rücken, als ob sie sich zu einem Kriegszuge gerüstet
hätten, liefen hin und wieder, und als er sich des Directors Hause
näherte, fand er dieses von einem ganzen Menschenschwarm ordentlich
belagert.
Glücklicher Weise traf er einen der Hausleute, der ihm sein Pferd
abnehmen konnte, und dieser theilte ihm auch die Neuigkeit mit, daß das
Auswandererschiff angekommen sei.
Mit Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge im untern Theile des
Hauses, denn die Leute schienen der Meinung zu sein, daß jeder von ihnen
sein Haus und Feld schon fertig vorfände, und sie Alle wollten sich
jetzt nur beim Director erkundigen, »wo es läge«, damit sie gleich
einziehen könnten.
Den Director fand er oben in einer ganz verzweifelten Stimmung, wie er
sich gerade mit einem etwas zu frechen Burschen herumzankte und im
Begriffe stand, diesen eigenhändig die Treppe hinunter zu werfen.
Könnern behielt noch eben Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen.
»Da haben wir's!« rief ihm der Director schon oben entgegen. »Jetzt sind
sie da und Nichts fertig -- Nichts in Ordnung, daß man sich auch noch
von den Flegeln im eigenen Hause muß Grobheiten sagen lassen!«
»Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem Fuße,« lachte Könnern.
»Da soll einem Andern die Galle nicht überlaufen! Ich hätte mich an dem
Lump eigentlich nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel, sie
treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu einen Ochsen, und da
gebrauchte ich mein Hausrecht!«
»Recht ist ihm geschehen,« sagte Könnern; »aber was nun? -- Wo wollen
Sie mit der ganzen Gesellschaft hin?«
»Sie können mir dabei helfen, Könnern.«
»Von Herzen gern, wenn ich eben nur weiß wie.«
»Ich habe für diesen Fall, da ich ja schon vorgestern von der Ankunft
hörte, ein paar Häuser in der Stadt gemiethet; wir dürfen die armen
Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien liegen lassen,
denn es kann noch jede Nacht ein tüchtiger Regen einsetzen. In dem
Auswandererhause bringe ich aber höchstens noch acht oder zehn unter,
bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei, und die Übrigen müssen in
jene beiden Häuser einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; wir sehen
uns die beiden Baulichkeiten gleich noch einmal an, und dann sind Sie
vielleicht so freundlich und übernehmen die Hinüberschaffung der Leute.
-- Apropos, wo waren Sie die Nacht? -- Verirrt?«
»Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der Chagra.«
»Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da hatten Sie wenigstens Concert
und Wein,« sagte der Director trocken.
»Das sei Gott geklagt!« lachte Könnern.
»Und haben auch gleich einen Überblick über die Privatverhältnisse der
Einzelnen bekommen. Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und nachher
müssen Sie mir von Ihrer Jagd erzählen!« -- --
In dem kleinen Städtchen sah es heute wirklich bunt aus, denn gestern
Abend noch, schon nach elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten
heraufgekommen, wo sie natürlich an der Landung liegen bleiben mußten.
Der Capitän hatte ihnen freilich abgerathen, die Fahrt noch so spät zu
unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als möglich brasilianischen
Grund und Boden betreten, und nur Wenige waren klug genug gewesen, den
nächsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug in Brasilien zu halten.
Jetzt strömten sie nun nach allen Richtungen in der Stadt umher, und als
man sie haben wollte, um ihren nächsten Aufenthalt zu ordnen, war eben
Keiner zu finden.
Nur mit großer Mühe gelang es Könnern und dem Director, die Leute endlich
in die allerdings engen Räumlichkeiten hinein zu bringen, und sie fanden
hier wieder bestätigt, daß alle die, denen man es ansah, wie sie früher
in besseren und behäbigeren Verhältnissen gelebt, am Leichtesten zu
befriedigen waren und sich die größten Unbequemlichkeiten gern gefallen
ließen, während gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte
sich mit _Nichts_ zufrieden zeigten und die größten Ansprüche machten.
Noch drei Familien waren übrig geblieben, die im Anfang auch gar kein
Verlangen nach einem Unterkommen zu haben schienen, und unten ruhig am
Wasser saßen, dem Treiben der Anderen zuzusehen. Der Director hatte sich
gefreut, daß sie vernünftig abwarteten bis die Reihe an sie kam, und
schon beschlossen, sie so gut als irgend möglich zu quartieren.
Jetzt ging er, während Könnern sich noch mit einer andern Familie oben
in der Stadt abquälte, zu ihnen und sagte:
»So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen sein, daß Ihr mir das
Leben nicht auch schwer gemacht habt. Die Frauen mögen nun noch bei den
Sachen bleiben, und Ihr Männer packt indessen auf den Karren, der da
gerade wieder die Straße herunterkommt, was Ihr eben laden könnt. Ich
habe für den Augenblick nur noch das eine Fuhrwerk zur Verfügung.«
»Ja, das ist schon gut,« sagte der eine Mann, der auf einer Kiste saß
und auch keine Miene machte aufzustehen; »wann kommt aber denn nun
eigentlich das Schiff?«
»Welches Schiff?«
»Nun, _unser_ Schiff!«
»Das Euch hergebracht hat?«
»Nein, das andere.«
»Das andere? Was für ein anderes?«
»Nun, das uns von hier nach Rio Grande bringen soll.«
»Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr denn schon wieder fort? Ihr seid
doch eben erst hier angekommen!«
»Ja, wir haben alle unsere Freundschaft bei Rio Grande,« sagte die eine
Frau, »und die Passage auch dorthin bezahlt.«
»Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande an,« sagte der Director;
»da müßtet Ihr erst wieder nach Santa Catharina fahren, und das kann
noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich dazu Gelegenheit findet.
Wenn Ihr _da_ hin wolltet, so mußtet Ihr doch wahrhaftig mit keinem
Schiffe nach Santa Clara fahren. Da hättet Ihr Euch _vorher_ erkundigen
sollen.«
»Ja, das haben wir doch gethan,« sagte der eine Mann; »der Herr Agent
in Antwerpen hat uns ja auch gesagt, _das_ Schiff hier brächte uns nach
Santa Clara, und Rio Grande wäre _dicht_ dabei -- er hat's uns ja auch
auf der Karte gezeigt -- keinen Finger breit von einander war's.«
»Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio Grande gemacht?«
»Da -- _hier_ steht's,« sagte der Mann und zog das Papier aus der
Tasche.
Der Director nahm es; aber auf den ersten Blick sah er schon, daß in dem
Contracte stand: Von Antwerpen nach Santa Clara. »Da steht ja kein Wort
von Rio Grande?« fragte er den Auswanderer.
»Na, natürlich nicht, weil's dicht dabei liegt,« brummte dieser
verdrießlich; »das hat uns ja der Herr Agent ganz genau auseinander
gesetzt, daß das Schiff nur bis Santa Clara ginge und daß dann ein
anderes daneben liege, welches uns gleich hinüberbringe. Die Schiffe
fahren ja doch alle hier erst in Santa Clara an -- so dumm sind wir auch
nicht, daß wir das nicht genau ausgemacht hätten.«