Jägers und Herumtreibers, wie ich leider einer bin, allein begründet.
Wir sehen Gottes schöne Welt in all' ihrer wundervollen Pracht, in allen
Zonen, sehen sie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Öde, in ihren
großartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten Winkeln und Ecken,
aber -- wohin wir kommen, sind wir immer nur Fremde und Heimathlose.
-- Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber eines stillen Familienkreises
gehangen haben mag, da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel
hinausgestoßen, und wenn sich in der friedlichen Abendstunde alle
Menschen, mit denen wir in flüchtige Berührung gekommen, in das Asyl
ihres eigenen Heerdes zurückziehen, wenn sie sich gewissermaßen in dem
Kreise der Ihren die Belohnung holen für das, was sie den Tag über
gewirkt und geschafft, dann liegen _wir_ an einem einsamen Lagerfeuer,
oder vielleicht noch schlimmer, in einem erbärmlichen, unfreundlichen
Wirthshause, und dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß wir über
Tag Alles zu haben meinten, was der Mensch nur wünschen kann, und daß
uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück des
Menschen gehört.
»Mit Einem Worte, es fehlt uns da draußen der Umgang mit sanften Frauen,
das mildernde Element im Leben des Mannes, der sich seinen Weg nur das
ganze Jahr durch seine rauhe und wilde Umgebung erkämpfen muß. Wo wir
deshalb auch immer so ein liebes, freundliches Frauenbild finden, da
sehen wir in _ihren_ Augen den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim
verlassenen Häuslichkeit, und wenn auch die Freude, die wir dabei
empfinden, eine Art von Heimweh sein mag, so regt sich doch auch
zugleich Alles wieder in unserm Herzen, was gut und edel, und die ganze
Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat. Ich weiß nicht, liebes
Fräulein, ob Sie mich verstanden?«
»Ich glaube ja,« flüsterte Elise, und es war ihr in dem Augenblicke
fast, als ob sie selber eine lange, öde Strecke allein und freudlos
durch die Welt gezogen sei, und jetzt eben aus weiter, weiter Ferne das
Geläute ihrer heimischen Glocken gehört habe. Und doch durchzuckte sie
dabei auch wieder ein wehes Gefühl, wenn sie sich das auch selber nicht
einmal gestehen mochte -- aber es war nur der flüchtige Gedanke, daß der
Fremde also gestern auch die Blumen da draußen gar nicht _ihret_wegen
an sich genommen und aufgehoben habe. Nur die Erinnerung an die Heimath
-- vielleicht an ein anderes liebes Wesen, das dort seiner warte, hatte
ihn in dem Augenblicke erfaßt, und das tiefe Gefühl selbst, das aus
seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach, galt nicht der Gegenwart,
sondern war allein der Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten
Glückes daheim.
Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit lang schweigend durch den
Garten, Jeder mit seinen eigenen Gedanken voll beschäftigt.
»Wie das schön ist in dieser herrlichen, tropischen Welt!« brach endlich
Könnern das Schweigen; »wie wohl die warme Luft dem Körper thut, und wie
zierlich jene herrlichen Baumformen die schönsten, natürlichsten Gruppen
bilden. Die Eingeborenen hier müssen doch eigentlich recht glückliche
Menschen sein.«
»Und warum nur die Eingeborenen?« fragte Elise.
»Weil sie bloß der Gegenwart zu leben brauchen,« sagte Könnern; »sie haben
Nichts in der Welt, das ihnen den Genuß des Augenblickes verkümmern
könnte, keine Erinnerung, die sie zurückzieht, keine Sehnsucht nach
irgend einem verlassenen Spielplatze der Kindheit. Fühlt sich nicht
selbst der Lappländer in seiner Schneewüste, in seiner rauchigen Hütte,
in Schmutz und Elend glücklich, nur weil es seine Heimath ist, wie viel
mehr denn könnte es der Brasilianer in seinen Palmenwäldern und
Orangenduft?«
»Und hängen Sie noch so sehr an der Heimath?«
»Du lieber Gott,« sagte Könnern, »ich habe eigentlich nicht viel dort
zurückgelassen, was mich binden könnte. Meine Eltern sind beide todt,
und nach so langer Abwesenheit von daheim darf ich kaum hoffen, daß,
außer einem Bruder, der mir dort lebt, meine Freunde _mir_ eben das
warme Herz bewahrt haben, das ich zurückbringe. Man sagt ja sogar, daß
das Heimweh nur durch eine Rückkehr in die Heimath so gründlich curirt
werden könne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch liegt ein eigener
Zauber über dem Platze, auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich
weiß nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden könnte, selbst
Brasilien zu meinem steten Aufenthalte zu wählen, ehe ich den heimischen
Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen hätte. Fühlen _Sie
kein_ solches Verlangen?«
»Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutschland verließ,« sagte Elise;
»kannte ich doch damals Nichts als das Vaterhaus, und da meine Eltern
mit herüber kamen, vermißte ich kaum Etwas aus dem alten Vaterlande.
Wohl steigt manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die Heimath
wieder zu sehen, aber es ist mehr ein unbestimmtes Gefühl, das keinen
festen und gewissen Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht so mächtig,
um mich lange und ernsthaft in Anspruch zu nehmen.«
»Aber Sie führen doch ein recht einsames Leben hier oben.«
»Ich bin kein anderes gewöhnt,« sagte Elise, während aber doch ein
leichter Seufzer ihre Brust hob; »Vater und Mutter sind so gut mit mir,
und Alles, was ich brauche, habe ich im Überfluß. Was könnte mir die
geräuschvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon sehe,
desto weniger gefällt sie mir, und ich habe es dem Vater oft schon im
Stillen gedankt, daß er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr mit
der Ansiedelung abgeschlossen.«
»Aber was _haben_ Sie schon davon gesehen?«
»Was? O, viel!« sagte Elise erstaunt. »lärmende, trunkene Menschen, die
gar nicht selten unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im Überfluß,
und Zank und Streit, Neid und Haß der einzelnen Colonisten, die manchmal
den Vater bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit sie keinen
Advocaten anzunehmen brauchen. Es ist recht traurig, daß die Menschen
nicht in Frieden neben einander leben können, und Vater hat gewiß ganz
Recht gehabt, daß er sich von ihnen zurückgezogen. Wir leben jetzt hier
viel glücklicher in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all' dem Lärm
und Unfrieden zu hören bekommen -- und doch sehnt sich Mutter hinaus und
zurück in die Welt.«
»Sind Sie schon lange in Brasilien?«
»Sieben Jahre mögen es sein -- vielleicht etwas weniger, und damals war
die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst wenige Häuser
standen. Erst in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher
den Weg zu finden -- der Vater sagt, weil ihnen lügenhafte Speculanten
vorgeschwindelt hätten, daß der Boden hier so außerordentlich fruchtbar
sei -- und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen
voll von ihnen ankommen.«
»Das ist auch jetzt wieder der Fall,« meinte Könnern, »und wir sind
gerade heute heraufgekommen, um das nächstgelegene Land für neue
Colonisten auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich auch hier oben
eine Menge neuer Nachbarn bekommen.«
»Dann zieht Vater gewiß weg von hier,« lachte Elise, »denn er hat schon
oft davon gesprochen, so hübsch er den Platz auch mag eingerichtet
haben. Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wäre, Vater säße schon lange
wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.«
»Aber weshalb scheut er die Menschen so? Haben sie ihm je Etwas zu Leide
gethan?«
»Ich weiß es nicht,« sagte Elise treuherzig; »er spricht nie darüber und
hat sogar --« sie schwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre
Wangen.
»Was hat er?« fragte Könnern, weniger aus Interesse an der Frage, als an
der Jungfrau selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen ganz
eigenen Zauber über ihn auszuüben begann.
»O Nichts,« sagte Elise leise; »Vater hat manchmal ganz sonderbare
Einfälle, wenn er sich damit nur ihm lästige Menschen abhalten kann.«
»Und glauben Sie, liebes Fräulein, daß es ihm unangenehm wäre, wenn ich
vielleicht noch einmal herauf käme, ehe ich die Colonie verließe?«
»Sie wollen schon wieder fort?« fragte das junge Mädchen fast
erschreckt, und erschrak doch noch mehr eigentlich über die Frage
selber.
»Möglich ist es, daß ich noch mehrere Tage, vielleicht sogar einige
Wochen in der Nachbarschaft bleibe,« sagte der junge Mann; »es hängt das
von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die vielleicht schon mit
dem nächsten Postdampfer eintreffen können. Aber Sie haben mir _meine_
Frage nicht beantwortet.«
»Welche Frage?«
»Ob es Ihr Vater ungern sehen würde, wenn ich herauf käme um -- Abschied
von Ihnen zu nehmen,« sagte Könnern, und es war ihm selber ein ganz
eigenes, wehes Gefühl, als er die Worte sprach.
»Ob es der _Vater_ ungern sehen würde,« sagte Elise, und ein leises,
fast wehmüthiges Lächeln stahl sich über ihre Züge, »weiß ich freilich
nicht; _ich_ aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie -- so
bald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten.«
Könnern wollte ihr Etwas darauf antworten, aber er vermochte es nicht.
Irgend eine leere Redensart paßte nicht auf die aus dem Herzen kommenden
Worte des einfachen Mädchens, und hätte er ihr so darauf erwiedert,
wie es ihm sein eigen Herz eingab -- das ging nicht -- das war nicht
möglich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte endlich mit tiefem Gefühle:
»Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei dessen Ankunft sich Jemand
freut, dessen Abschied Jemanden betrübt. Ich will die Worte so einfach
nehmen, wie sie gesprochen waren, aber sein Sie versichert, mein
Fräulein, daß sie mir stets eine liebe, liebe Erinnerung bleiben
werden.«
Elise sah ihn fast etwas bestürzt an. Hatte sie mehr gesagt, wie sie
eigentlich durfte -- Du lieber Gott, sie war ja fast jedes geselligen
Umganges entwöhnt. Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr sie fort:
»Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen Umgang entbehrt, daß
man es uns wahrlich nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die
Einsamkeit, ja Öde einmal durch einen freundlichen Besuch gestört zu
sehen.«
»Ich habe es auch nicht anders verstanden, liebes Fräulein,« sagte
Könnern mit einem Seufzer, »und doch danke ich Ihnen dafür. Aber Ihre
Frau Mutter scheint Sie zu suchen -- und dort hält auch der Director
schon wieder, mich erwartend, vor der Thür. So rasch ist die Zeit
vergangen, und ich glaubte, daß wir erst wenige Minuten im Garten
gewesen wären.«
»Leben Sie wohl!« sagte Elise, ihm freundlich und ohne Rückhalt die Hand
zum Abschied reichend.
»Leben Sie wohl, liebes Fräulein!« sagte der junge Mann, und er war
einen Moment unschlüssig, ob er die ihm gereichte Hand an die Lippen
heben solle, aber er bezwang sich, machte ihr eine ehrfurchtsvolle
Verbeugung und verließ rasch den Garten.
6.
Zuhbel's Chagra.
Der Director wandte sein Pferd, als er Könnern auf sich zukommen sah,
und ritt ihm voran die schmale Straße entlang.
»Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?« sagte er endlich, als sie
sich weit genug von Haus und Garten befanden, um nicht mehr von dort
gehört zu werden; »nicht wahr, die Tochter ist nicht so übel?«
»Nein, ein ganz hübsches Mädchen,« sagte Könnern und schämte sich fast
vor sich selber dabei, des profanen Urtheils wegen, denn es schien ihm
eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen Herzens.
Glücklicher Weise verhinderte aber der enge Weg hier eine längere
Unterhaltung. Eine Viertelstunde später zeigte ihm der Director das
Thal, dem er folgen könne, um einmal den Wald und die Nachbarschaft ein
Wenig kennen zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein Pferd
einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor einem zu langen Streifzuge,
damit er sich nicht doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann
seinen eigenen Weg fort, Könnern sich selber überlassend.
Der junge Mann athmete tief auf, als er sich endlich allein im Walde
sah; er fühlte das Bedürfniß, seinen Gedanken ungestört nachhängen zu
können, und ein so eifriger Jäger er sonst auch sein mochte, heute
vergaß er fast, weshalb er in den Wald gekommen, und ließ seinem Pferde
willenlos den Zügel, einen Fußpfad zu verfolgen, der in dem Thale
hinauflief. Dort oben sollte er noch eine Chagra, die letzte, erreichen,
wo er sein Pferd lassen und die Jagd dann zu Fuße fortsetzen konnte,
denn im Sattel ließ sich in diesen Wäldern eben gar Nichts ausrichten.
Und was hatte ihm denn nur auf einmal so Kopf und Herz befangen, was
durchglühte ihn plötzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten Gefühl?
Der Anblick, das Zusammensein mit diesem einfachen, schlichten Kinde
des Waldes? Könnern schüttelte selber über die tolle Idee den Kopf und
suchte ein paar Mal sogar gewaltsam das holde Bild aus seiner Erinnerung
zu bannen; aber es ging eben nicht. -- Wenn er hinaus in den Wald horchte,
hörte er die melodischen Laute ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem
möglichen Wild umherlugte, sah er das schelmische Lächeln der Jungfrau
hinter jedem Busch und Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen
liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen schauten ihm die treuen Augen
Elisens entgegen.
Mit einem Worte, er war bis über die Ohren verliebt, und daß er sich das
zuletzt selber nicht einmal mehr verbergen konnte, ärgerte ihn am
Allermeisten.
»Es ist reiner Wahnsinn,« philosophirte er vor sich hin, »reiner,
blanker Wahnsinn, daß ich da hinein reite, einer jungen Brünette in die
Augen schaue und darüber auf einmal den Verstand verloren haben soll!
Der muß mir jedenfalls schon früher abhanden gekommen sein -- oben in
Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder irgendwo anders sonst
-- der Teufel weiß es! Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal
sehen, ob ich nicht Gewalt über mich habe, mir ein Mädchenbild aus
dem Kopf zu schlagen, und _wenn's_ eine Brünette mit den schönsten
Reh-Augen der Welt wäre -- und das ist sie nicht einmal -- die Nase
steht ihr ein klein Bißchen schief -- ein ganz klein Bißchen nur, aber
sie steht doch schief, und ist für eine wirkliche Schönheit viel zu
stumpf, und das Kinn müßte nothwendig ein wenig länger sein -- außerdem
hat sie nicht einmal ein Grübchen darin, und ich schwärme für Grübchen
im Kinn.«
Und wie er sich die Fehler der Geliebten so gewaltsam vormalte, schauten
über Nase und Kinn immer nur wieder jene Augen fest und tief in die
seinigen; in dem Rauschen der Palmen hörte er die leise flüsternden
Worte, wie sie ihm sagte: »Ich aber würde es ganz bestimmt ungern sehen,
wenn Sie sobald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten,« und
jeder wehende Zweig schien ihm zuzuwinken und zu rufen: »Zurück! Zurück
-- hinter Dir liegt das Glück, das Du verlassen hast, hinter Dir! Und was
treibst Du Dich da noch länger so einsam und allein in der weiten, öden
Welt umher?«
Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem Pferde in die Zügel, als ob
er dieser wunderlichen Stimme, die ihn drängte und trieb, folgen wolle,
aber es war das immer nur ein Moment. Im nächsten warf er trotzig den
Kopf zurück und biß die Zähne auf einander. Aber die Traumbilder ließen
ihm doch keine Ruhe, und er kam erst eigentlich ordentlich wieder zu
sich selber, als er das ihm von dem Director bezeichnete Haus erreichte,
das an der Gränze der Ansiedelung stand und wo er sein Pferd lassen
wollte, um seine eigentliche Jagd zu beginnen.
Der Eigenthümer war allerdings gerade nicht zu Hause, sondern im Walde
draußen, um Stämme für eine neue Scheune zu schlagen, das schadete
aber Nichts; die Frau öffnete ihm den kleinen Pasto, wo er sein Thier
indessen frei weiden lassen konnte, und mit seiner Büchsflinte auf der
Schulter schritt er gerade in den Wald hinein, um sein Jagdglück, allen
Gedanken und Träumen zum Trotz, in vollem Ernste zu versuchen.
Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt kein besseres Mittel, um sich
lästig werdender Gedanken zu entschlagen, als zu Fuß in einem tropischen
Walde spazieren zu gehen. Im Sattel sucht sich das Pferd schon selber
seinen Pfad, weicht Hindernissen aus oder überwindet sie, und trägt den
Reiter seine Bahn entlang; ja, ein solcher einsamer Ritt ist eigentlich
zum Brüten und Grübeln wie gemacht, und während sich der Körper ruhig
und endlich selbst theilnahmlos der Führung des Pferdes überläßt, haben
Geist und Phantasie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu schweifen, und
machen denn auch bei jeder passenden Gelegenheit Gebrauch davon.
Anders und sehr verschieden ist das freilich, wenn man selber in den
Gebüschen steckt, wenn sich jeder Fehltritt durch ein prosaisches
Stolpern straft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier, bald da den
Weg versperren. In solchem Falle ist's mit dem Grübeln unbedingt vorbei,
und kein anderer Gedanke, als der, sich die Bahn frei zu halten, kann
aufkommen.
Das Mittel half auch bei Könnern. Wie er nur erst einmal die letzte
Umzäunung der Colonie hinter sich hatte und in den wirklichen Wald
eintauchte, wobei er noch außerdem genöthigt war, sich genau die
eingeschlagene Richtung zu merken, gewann der Wald um ihn her wieder
seinen wirklichen Charakter, und ordentlich in der Wildniß drin erwachte
auch die alte Leidenschaft zur Jagd in ihm, und ließ ihn mit dem ersten
besten Pfade, auf den er den Fuß setzte, auch nach Fährten oder Spuren
wilder Thiere suchen.
Es ist außerdem schon an und für sich ein ganz eigenthümliches,
wunderbares Gefühl, in einem fremden, unbekannten Walde mit der Büchse
im Arm dahin zu schreiten, und man muß eigentlich selber Jäger sein, um
das recht mitempfinden oder auch nur begreifen zu können. Jeder Laut ist
fremd, selbst das Rauschen der Blätter klingt dem Ohre ungewohnt, und
noch dazu in einem tropischen Walde lenkt überall eines der sich stets
bewegenden riesigen Blätter das Auge des Jägers bald da, bald dorthin
und hält ihn anfänglich in fast fieberhafter Spannung.
Hier und da raschelt auch einmal das Laub -- ein dürrer Ast knickt,
ein Waldhuhn streicht dicht vor den Füßen des Jägers mit fremdartigem
Geräusch empor und verschwindet, ehe er sich zum Schusse sammeln konnte,
wieder in den Büschen, und irgend eine unbekannte Fährte fesselt
plötzlich seinen Blick und lockt ihn, weit von seiner Richtung ab,
lange, lange Strecken in den Wald hinein.
So streifte auch Könnern heute durch die Wildniß, die er freilich mit
größeren Erwartungen für die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal
eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund aufgebrochen hatte, er sah die
Fährten einer kleinen Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers
oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er Nichts als ein paar
Waldhühner, die er aus dem Gebüsche herausstörte und im Fluge mit dem
Schrotlauf schoß. Das war Alles, und als er am Stand der Sonne sah, daß
er nicht viel Zeit mehr zu versäumen hatte, trat er den Rückweg an und
erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang das Haus jenes
Ansiedlers, wo sein Pferd stand.
Der Mann war jetzt zu Hause und empfing den Fremden auf das Gastlichste,
wie es überhaupt in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade
hinaus, als Könnern erklärte, daß er heute Abend noch nach der Colonie
zurück wolle.
»Mein lieber Freund,« sagte er, »das ist reine Thorheit, und Sie
verstehen es eben nicht besser. Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und
aus der Rodung hinaus sind, ist die Sonne unter und die Welt damit auch
gleich stockdunkel, und nachher sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf
dem Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und stürzten, vielleicht
obendrein noch Hals und Beine brächen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie
gar nicht daran, und außerdem lasse ich Sie nicht fort, wenn Sie auch
wirklich wollten. Glauben Sie denn, daß uns die Fremden hier so dick
zugeschneit kämen, daß wir einen, den wir einmal eingefangen, gleich
wieder fliegen ließen? Gott bewahre -- heute Abend wollen wir uns was
erzählen, Sie von draußen, ich von drinnen, und da sollen Sie einmal
sehen, wie rasch die Zeit verfliegt.«
Er ließ auch wirklich gar keine Einwendungen gelten, und da sich Könnern
viel eher in der Stimmung fühlte, den Abend bei ganz fremden Leuten
zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern, so bedurfte es keines
langen Zuredens seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen dessen
Wunsch zu gewähren.
Während Könnern unter einem mächtigen Orangenbaume saß und einige der
um ihn her den Boden bedeckenden Früchte verzehrte, erzählte ihm der
Deutsche den größten Theil seiner Lebensgeschichte. Er hieß Heinrich
Zuhbel, hatte früher einen Handel in Rio Grande gehabt und mit einem
Krämerkarren verschiedene Streiftouren nach Uruguay hinein gemacht, wo
er eine Menge Geld verdient haben mußte. In San Leopoldo, wohin er auch
einmal gekommen war, um seine Waaren an den Mann zu bringen, brachte er
sich dann selber an. Er verliebte sich nämlich -- oder besser gesagt,
seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich in ihn -- die Eltern hatten
Nichts dagegen, und er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen
frisch eingewanderten Juden, übernahm die Colonie seines Schwiegervaters
und wirthschaftete darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. Damals
wurde die jetzige Colonie Santa Clara, wenn auch nicht begründet, denn
sie bestand schon längere Zeit, aber frisch in Angriff genommen, und
Zuhbel beschloß, hieher überzusiedeln. Überhaupt an Herumziehen in der
Welt gewöhnt, wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte sich jetzt
mit Fleiß und Ausdauer ein ganz hübsches Besitzthum gegründet und lebte,
wie er meinte, gerade weit genug von der Colonie entfernt, um sich Vieh
halten zu können und nicht jeden Augenblick Ärger mit den Nachbarn zu
haben. Die Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die Schule
schicken, denn das war zu weit und die Schule taugte auch Nichts;
deshalb unterrichteten er und die Frau sie selber, und der »Landsmann«
sollte sich nachher einmal überzeugen, was sie schon Alles könnten.
Der Mann plauderte so in einer Schnur fort, und erzählte dem Fremden
eine von den tausend Geschichten, die der Wanderer durch solche
Länder fast in jeder Hütte zu hören bekommt und als eine der vielen
Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen muß: eine Lebensgeschichte ohne
das geringste Interessante, ein alltäglicher Lebenslauf in den Colonien,
voll Arbeit, und Glück und Mißgeschick, bunt und ohne Zweck oder Ziel
durch einander gemischt.
Der Mann hier schien aber trotzdem keiner der gewöhnlichen Bauern
zu sein, wie auch sein früherer Erwerb bewies; er war eine Art von
verdorbenem Genie, der ein Bißchen von Allem oberflächlich gelernt
hatte, das Wenige aber nach Kräften zur Geltung zu bringen suchte, wo
sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot.
Als sich die Sonne endlich hinter die Bäume senkte, lud er seinen Gast
ein, in's Haus zu kommen, da der Thau schon zu fallen begann. Dort fand
Könnern die Frau emsig beschäftigt den Tisch zu decken, und ein junges,
bildhübsches Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon hoch
aufgeschossen, half ihr dabei.
Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht, sondern mehr eine
Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen auf dem Lande Sitte ist: ein
blaugeblümtes, dunkles Kattunkleid, eine weiße Schürze und -- jedenfalls
dem Gaste zu Ehren -- ein gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals
geknüpft. Sie mußte auch einmal recht hübsch gewesen sein, denn die
Spuren ließen sich selbst jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und
eine heiße Sonne reiben den Körper auf und machen ihn rasch verblühen.
Sie grüßte schüchtern und verließ mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald
es Könnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte noch draußen zu thun.
»Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem,« sagte er zu seinem
Gaste, als er diesen in die Stube geführt hatte; »ich bin gleich wieder
da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fabrikaten holen.«
Damit verließ er ebenfalls das Zimmer und ließ dem jungen Deutschen
vollkommen Zeit, sich diese Heimath eines deutsch-brasilianischen
Pflanzers mit Muße zu betrachten -- und wahrlich, es schien ein
wunderlicher Platz!
Das große, geräumige Zimmer mit weißen Kalkwänden nahm den ganzen
vordern Theil des Hauses ein. Die Möbel bestanden großentheils aus
einfachem weißen Holze. Nur ein, möglicherweise aus Deutschland
mitgebrachter runder Tisch in der Ecke war aus Mahagoni; eben so ein
Stuhl, der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum Staate als zum
wirklichen Dienste wie in Gedanken in der Ecke lehnte.