einen Führer mitnehmen möge, da er sich sonst leicht in den wilden und
schwerdurchdringlichen Wäldern verirren könne. Dies wies Könnern jedoch
lächelnd zurück und erklärte, daß er zu lange in den amerikanischen,
auch ziemlich dichten Wäldern gejagt habe, um etwas Derartiges zu
befürchten. Ein Führer störte ihn dabei nur auf einem wirklichen
Pirschgange, und er konnte sich im Walde wohl vergehen, daß er genöthigt
war einen Umweg zu machen, aber nie verirren, denn er hatte sich dafür
zu genau den Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte unter
Santa Clara vorbeiströmende Fluß nahm, und den mußte er immer wieder
treffen, sobald er mit Hülfe seines Compasses die Richtung darauf zu
nahm.
So früh kamen sie aber an diesem Morgen doch nicht fort, denn erstens
nahm ihnen das Frühstück noch etwa eine halbe Stunde weg, und dann kamen
noch eine Menge Leute, die den Director in irgend einer wichtigen oder
unwichtigen Angelegenheit zu sprechen hatten, und er mußte wenigstens
anhören, was sie von ihm wollten.
Es war halb neun Uhr geworden, als die drei Männer endlich mit den
nöthigen Begleitern aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers,
wie auch einige Provisionen zu tragen hatten. Könnern ließ übrigens
seine Mappe heute noch zu Hause, und nahm nur seine Büchsflinte mit,
wenn er sich auch eben keine große Jagd versprach. Der Wald ist dort zu
dicht, um nahe den Ansiedelungen, wo die Bauern überdies Sonntags noch
mit ihren Flinten herumknallen, irgend einen bedeutenden Erfolg zu
versprechen.
Sie ritten heute gerade durch das kleine Städtchen durch, und den beiden
Fremden konnte es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst in
dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch angesiedelt hatten, als
ob sie noch daheim im alten Vaterlande lebten.
Die Schilder an den verschiedenen Häusern trugen überall deutsche Namen
in deutscher Schrift, deutsche Kinder mit ihren Flachsköpfen und dicken,
gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den Thüren. Bauerfrauen
in ihren wollenen rothen Unterröcken wuschen ihr Geschirr hier unter
den Palmen, wie sie es daheim unter der alten Linde gethan hatten, und
deutsche Handwerker, in Schurzfell und Pantoffeln, waren eifrig dabei,
ihren verschiedenen Geschäften obzuliegen.
Nur ein einziges Haus passirten sie, das fremdartig aussah. Es war ein
kleines niederes Gebäude, von Stein aufgeführt, mit offenen Thüren und
Fenstern, durch die man in ein paar anscheinend leere Räume hineinsah
-- es hingen wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie sie die
ärmlichste deutsche Wohnung zeigte, und die Wände sahen leer und
kahl aus. Einzelne Möbel verriethen aber doch, daß dieses Haus nicht
verlassen sei, und auf der einen Commode sah Könnern auch im Vorbeireiten
ein Paar vergoldete Porzellan-Vasen und einige andere derartige
Spielereien stehen.
Dort wohnte der portugiesische Delegado[2], und ein paar Negerjungen
kauerten vor der Thür in der Sonne und ließen sich von einem grauen,
vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter ablecken.
[Fußnote 2: Eine Magistratsperson, die Polizeigewalt in den Colonien
hat.]
Am Ende der Straße war die Schule; anstatt aber, daß die Kinder jetzt
eifrig darin mit Lernen beschäftigt sein sollten, lärmten sie in wildem,
wüstem Geschrei vor der Thür umher, prügelten sich, haschten sich und
trieben allerlei tolle Spiele. Der Director hielt mitten unter ihnen
sein Pferd an.
»Hallo, Ihr kleine Bande,« rief er aus, »was ist das? Weshalb steckt Ihr
nicht da drinnen, wohin Ihr gehört, und stellt hier auf der Straße die
Stadt auf den Kopf?«
»Ja, Herr Director,« sagte einer der älteren Jungen, der ihn kannte,
indem er die Mütze von dem struppigen Haare herunterzog, »der Schulmeister
ist nicht da und die Thür ist zu.«
»Der Schulmeister ist nicht da?« fragte der Director erstaunt; »und
weshalb habt ihr ihn noch nicht geholt?«
»Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze Nacht nicht heimgekommen,«
lautete die Antwort.
Ein sehr elegant gekleideter Herr mit weißer Wäsche, goldener Uhrkette,
einigen Ringen an den Fingern und einem Panamahute auf, der aber
sonderbarer Weise statt der Stiefel ein Paar sehr bunt gestickte
Pantoffeln und einen Zahnstocher hinter dem rechten Ohre hatte, kam um
die nächste Ecke und grüßte den Director und seine Begleiter freundlich.
Es war der Delegado.
»Ah, mein lieber Director,« redete dieser Sarno in portugiesischer
Sprache an, »das wird immer ärger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben
höre, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend spät oben am Flusse und
etwa eine Legoa von hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und
dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um seinen Rausch auszuschlafen.
Meines Nachbars Kinder kamen heute Morgen wieder zurück, weil sie nicht
in die Schulstube konnten.«
»Wer ist denn das, der da die Straße herunter taumelt,« sagte Könnern,
nach jener Richtung zeigend.
»Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister!« jubelten ihm da auch schon
eine Anzahl Jungen, die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gefühle
entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben. »wie er schräg geht
-- und jetzt stolpert er! Hoh, hoh, hoh, der Schulmeister!«
Es war allerdings jenes unglückliche Individuum, das sich in _solchem_
Zustande zu keinem ungünstigeren Momente hätte zeigen können. Der
Director gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ihm entgegen, und
während der zeitweilige Schulmonarch die gläsernen Augen zu Sarno
aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer Heftigkeit fast erstickter
Stimme an:
»Herr, schämen Sie sich nicht, hier am hellen Tage wie eine _Sau_ umher
zu gehen, und wären Sie nicht werth, daß ich --« er schwieg, und die
Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schloß sich ordentlich
krampfhaft um den Griff derselben.
»Pfehle mich Ihnen, Herr Director,« stammelte der Unglückliche mit
schwerer Zunge, vergebens dabei bemüht sich gerade zu halten, »sehr
angenehm so am frühen Morgen -- sehr schöner Morgen heute, Herr
Director -- sehr schöner Morgen.«
Der Director wandte sein Pferd in Ekel von dem Trunkenen und ritt
langsam zu dem Portugiesen zurück. Die Schuljugend indessen wartete nur
den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser Beiden enthoben wäre, um mit
einem wahren Jubel über ihren entwürdigten Lehrer herzufallen.
»Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,« stöhnte der Director, bei
dem Delegado angelangt.
»Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt,« sagte der Portugiese
mit einem spöttischen Lächeln. »Wollen wir ihn aber nicht lieber in
Sicherheit bringen. Sobald wir den Rücken wenden, fällt das junge
Deutschland jedenfalls über ihn her.«
»Ich habe Nichts dagegen,« rief der Director, »und wenn sie ihm die
Kleider in Fetzen vom Leibe reißen! Kommen Sie, Schwartzau, kommen Sie
-- o, ich vergaß, die Herren vorzustellen: Dom Franklin Brasileiro Lima
-- zwei Freunde von mir, Landsleute, Dom Könnern und Dom Schwartzau, der
letztere unser durch die Regierung hergesandter Landvermesser.«
Der Portugiese machte eine stumme und etwas steife Verbeugung, nahm dann
den Zahnstocher hinter dem Ohre vor und sammelte die Überreste seines
Frühstücks.
Sie standen gerade vor einem der kleinen Häuser, über dem ein hellgelbes
Schild mit rothen Buchstaben den Namen _Pilger_ -- _Schuhmacher_ trug,
und Könnern hatte schon, weniger bei dem Schulmeister interessirt, ein
paar Mal eine allerliebste junge Frau am Fenster gesehen, die einen
Blick nach ihrer Gruppe herüber warf und dann wieder in dem Dunkel der
innern Stube verschwand. Der Portugiese stand mit dem Rücken nach der
Thür zu, als der Schuhmacher, ein großer, breitschultriger Mann in
seinen besten Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Käppchen auf und
die Hemdärmel in die Höhe gestreift, hinter ihn auf den Schwellenstein
trat und, seine breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend, mit
ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch sagte:
»Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause treffe, Delegado, so schlage
ich Euch jeden Knochen in Eurem erbärmlichen Leibe zusammen. Habt Ihr
mich verstanden? Guten Morgen, meine Herren,« wandte er sich dann,
als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorgefallen wäre, an den
Director und seine Begleiter; »entschuldigen Sie, daß ich mich mit dem
Lump in Ihrer Gegenwart unterhalten habe.«
Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden, und seine kleinen,
schwarzen Augen schienen Feuer zu sprühen. Endlich hatte er sich so weit
wenigstens gesammelt, um zu erwiedern, und er sagte, ohne den Handwerker
jedoch eines Blickes zu würdigen:
»Wenn Ihr Eure Frau mißhandelt, und nicht wißt was Ihr einer Frau an
Achtung schuldig seid, so ist es Sache der Obrigkeit dazwischen zu
treten.«
»Und weshalb _hab_' ich meine Frau mißhandelt, Du Lump, Du?« rief der
Schuhmacher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann.
»Pilger, bedenkt was Ihr sagt!« unterbrach ihn der Director rasch.
»Ach was, Herr Director -- Nichts für ungut,« zürnte der Mann; »ich weiß
recht gut was ich rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado ist, oder
wie das Ding heißt, so sollte er sich nur um so mehr schämen, Unfrieden
und Unglück in die Häuser zu tragen. Aber, Gott verdamm' mich! finde ich
ihn noch einmal auf der andern Seite von der Schwelle da, so geschieht
ein Unglück. Das will ich ihm vorausgesagt haben.«
Der Portugiese verstand nicht die letzten heftigen, in Deutsch
gesprochenen Worte, aber er mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die
Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht falsch zu verstehen. Er
drehte jedoch nur, mit dem Ausdrucke der höchsten Verachtung in den
Zügen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn selber anzusehen, sagte:
»Wir sprechen uns noch!« und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln,
mit einer leichten Verbeugung gegen den Director und seine Begleiter,
die Straße wieder hinauf.
Könnern's Blick beobachtete indessen das Fenster, hinter dem er die
junge Frau gesehen, und er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu
vortrat, um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren was da draußen
vorging. Sobald sie aber des Fremden Blick auf sich haften fand,
verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum Vorscheine.
»Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,« sagte der Director
warnend.
»Eben deshalb weil ich Frieden haben will,« meinte der Schuhmacher,
»halte ich mir den verdammten Bleifuß aus dem Hause, und gnade ihm Gott,
wenn ich ihn da wieder einmal treffe, wo er nicht hingehört -- guten
Morgen meine Herren,« und damit drehte er sich ruhig um und trat in
sein Haus zurück.
Die Schuljugend war indessen ein sehr interessirter Zuschauer bei den
Bewegungen ihres sonst so gefürchteten Meisters gewesen, denn der junge
Schulmonarch führte seinen Stock gewöhnlich mit unerbittlicher Gewalt.
Einer der Nachbarn aber, den der arme Teufel in diesem Zustande dauerte,
trat vor seine Thür, nahm ihn ohne Weiteres unter den Arm und führte ihn
in sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch ausschlafen könne. Der
Director schickte dann die Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel
durch die verschiedenen Straßen vertheilten.
»Das ist ja ein recht hübsches Exemplar von einem Schulmeister,« lachte
Günther, als sie ihren Weg wieder aufgenommen hatten.
»Das sei Gott geklagt!« seufzte der Director; »jetzt sitzen wir wieder
in der Ansiedelung auf dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat
Ferien, bis sich ein neues, eben so unbekanntes, vielleicht eben so
untaugliches Individuum dazu hergiebt, das Amt des Schullehrers zu
übernehmen.«
»Und Ihr Delegado?« fragte Könnern; »die Sache scheint nicht ganz
richtig zu sein.«
»Ist auch so ein Lump, den wir der Güte der Frau Präsidentin verdanken.
Der Teufel mag da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel zu
thun hat, und ihnen doch nicht, in dem engen Kreislauf unseres hiesigen
Lebens, ausweichen _kann_. Übrigens ist das auch derselbe Herr, der da
drüben die Brücke gebaut hat, welche ihm von der Regierung -- nachdem
sie kaum beendet und schon wieder eingestürzt war -- mit achtzehn Contos
de Reis bezahlt wurde. Es geht doch Nichts über Protection! Und wenn ich
ein oder zwei Contos verlange, nur um die nöthigsten Bauten hier, ein
neues Auswanderungs-Haus oder dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwürfe
von Oben, daß ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum Henker damit! Wir
wollen uns den schönen Morgen nicht durch derartige Dinge verbittern,
und der Lump verdient gar nicht, daß ich mich über ihn ärgere. Kommen
Sie, lassen Sie die Pferde ein Wenig schärfer austraben, denn wir haben
eine Menge werthvolle Zeit versäumt und unsere Träger und Arbeiter sind
uns schon, wer weiß wie weit, voraus.«
Eben hatten sie die letzten Häuser hinter sich, als ihnen wieder der
Baron begegnete, und wie er den Director erkannte, diesem ein Zeichen
machte, daß er ihn zu sprechen wünsche. Der Director hielt an, während
Könnern und Schwartzau vorausritten.
»Ach, Herr Director, nur auf ein Wort,« sagte der etwas umständliche
Baron mit einer achtungsvollen Verbeugung; »dürfte ich Sie bitten, mir
aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?«
»Warum nicht -- aber ich bin heute Morgen etwas in Eile.«
»Ich will Ihre werthvolle Zeit nur für Secunden in Anspruch nehmen. Hat
sich die Frau Gräfin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?«
Der Director lächelte.
»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob die Frage gerade discret ist.«
»Geschäftssache,« vertheidigte sich der Baron vor diesem furchtbaren
Verdachte; »Sie werden doch nicht glauben, daß ich --«
»Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimniß daraus zu machen. Ja
-- zu irgend einer ihrer zahlreichen Unternehmungen.«
»Cigarren?«
»Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.«
»Ich danke Ihnen,« sagte der Baron, von dem Pferde zurücktretend.
»Ich hoffe doch nicht, daß _Sie_ sich damit einlassen werden?« fragte
der Director jetzt seinerseits.
»Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu haben, ein so gemeinnütziges
Unternehmen zu unterstützen,« erwiederte der Baron, gerade etwa mit
derselben Betonung und in derselben Stellung, als ob er der Frau Gräfin
selber gegenüber stände.
Der Director lachte, grüßte den Baron flüchtig und sprengte dann den Weg
hinauf, die beiden vorangerittenen Freunde einzuholen.
Zwischen den Männern wurde weiter kein Wort gewechselt, bis sie den
eigentlichen Platz erreicht hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung
beginnen sollte, und da dies das Terrain war, welches dem Colonisten
Meier gehörte, so war es nöthig, daß er dazu gerufen wurde.
Während Günther seine Bussole auspackte und aufstellte, die nöthigen
Vorbereitungen zum Beginne traf und seine Leute instruirte, was sie
zu thun hätten -- denn bei einer solchen Arbeit ist es besonders
nothwendig, daß sich der Vermesser und seine Kettenträger vollkommen
gut verstehen -- ritt der Director nach dem Hause hinüber, um den
Menschenfeind in Kenntniß zu setzen und abzuholen, und Könnern bot sich
ihm natürlich zum Begleiter an.
Die Gartenthür war verschlossen; zufällig kam aber gerade ein kürzlich
angenommener Arbeiter heraus, und da er den Director kannte, machte er
nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu lassen.
»Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Director,« sagte er, auf eine kleine
Biegung des Weges zeigend, »dort gleich rechts ist eine Laube, in der
finden Sie die ganze Familie beim Frühstück.«
»Der wird uns ein schönes Gesicht schneiden, wenn wir ihm so plötzlich
über den Hals kommen!« lachte der Director, als sie den breiten und
vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; »aber ich kann ihm nicht
helfen. Es liegt auch in seinem eigenen Interesse, daß er weiß wo seine
Gränzen laufen -- aber da sitzt die Familie -- jetzt können Sie auch
Ihre Brünette wieder begrüßen.«
Könnern erwiederte kein Wort; es war ihm ganz sonderbar beklommen um's
Herz, und ein Gefühl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher
Weise in den Kreis einer Familie stehle, in der er jetzt fast bezweifelte,
daß er gern gesehen sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu längerer
Überlegung, denn wenige Secunden später waren sie schon von der Familie
bemerkt, die überrascht emporschaute, als sie die Fremden plötzlich in
dem Garten entdeckte.
Meier saß ihnen mit dem Rücken zugewandt, links von ihm seine Frau,
rechts seine Tochter, und schon als er die Schritte hinter sich hörte,
hatte er sich halb umgedreht und beschattete dabei die Augen mit der
Hand. Dann wandte er den Kopf wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der
Rocktasche und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt hatte, um die
Fremden besser erkennen und dann begrüßen zu können.
Elise war ebenfalls tief erröthend aufgestanden, als sie auf den ersten
Blick den Fremden von gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung,
da sie ihrerseits auch den einen Fremden -- den Director kannte sie
schon von früher her -- aufmerksam musterte.
»Mein lieber Herr Meier, ich muß um Entschuldigung bitten,« sagte der
Director, auf ihn zugehend -- »aber bitte, mein liebes Fräulein, wollen
Sie nicht Platz behalten --, ich will Sie auch nicht lange stören und
Ihnen nur anzeigen, daß wir hier auf Ihrem Grundstücke zu vermessen
anfangen, weshalb es vielleicht besser wäre, daß Sie mit hinausgingen.
Sie wissen ja auch am besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener
Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir wollen sehen, daß wir jetzt
die ganze Sache wieder in Ordnung bringen.«
»Sehr angenehm, Herr Director,« sagte Meier mit einer etwas ängstlichen
und dadurch ungeschickten Verbeugung -- »sehr angenehm in der That, und
äußerst dankbar -- der Herr ist wohl der Vermesser, wenn ich fragen
darf?«
Könnern erröthete bis in den Nacken hinein, als er so selber gezwungen
wurde zu erklären, daß er hier eigentlich gar Nichts zu suchen habe.
»Ich besonders muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte er mit einem
unwillkürlichen Seitenblick auf Elise, »daß ich mich hier eingedrängt
habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon draußen bei seiner Arbeit
ist, sondern nur ein wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren
heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes schöne Erde nach allen
Richtungen hin zu durchstreifen. Mit dem Herrn Director durch meinen
Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute Morgen angeschlossen,
und nur auf die allbekannte brasilianische Gastfreundschaft fußend,
wagte ich es, Ihnen meine Gesellschaft für wenige Minuten aufzudringen.«
»Herr Bernard Könnern,« stellte ihn der Director vor.
»Sie sind uns herzlich willkommen,« sagte die Frau, der die edle
männliche Gestalt des jungen Mannes, wie sein bescheidenes Benehmen von
vorn herein gefallen hatte -- »Entschuldigungen wären ja auch gar nicht
am Platze -- bitte, setzen Sie sich -- trinken die Herren vielleicht
eine Tasse Kaffee mit uns?«
Sie winkte der Tochter, und ehe sich die Gäste entschuldigen konnten,
sprang Elise -- überhaupt froh, dazu Gelegenheit zu bekommen -- rasch in
das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen.
Meier, also gedrängt, konnte nicht anders, als die einmal geschehene
Einladung unterstützen. Mit einer Handbewegung bat er seine Gäste, Platz
zu nehmen, und das Gespräch zwischen ihm und dem Director wandte sich
dann natürlich gleich der sie beide am Meisten interessirenden
Veranlassung zu.
Elisens Mutter ließ sich indessen in ein Gespräch mit Könnern ein, von
dem sie bald erfuhr, daß er Deutschland schon seit einer Reihe von
Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika durchstreift
habe, theils um zu jagen, theils um Skizzen und Studien für seine Mappe
zu sammeln.
Meier, obgleich in eifrigem Gespräche mit dem Director, hatte sich doch
kein Wort von der anderen Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei
ein paar Mal halb unbewußt und zufrieden mit dem Kopfe. Er schien auch
mehr und mehr aufzuthauen und die bisherige Scheu abzulegen, und als
Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte, rückte er mit zum
Tische und unterhielt sich selber mit dem jungen Manne.
»Ich will Ihnen Etwas sagen, Könnern,« unterbrach der Director das
Gespräch, »ich gehe jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde hinaus,
um die Sache erst einmal in Gang zu bringen. Das beschäftigt mich keine
halbe Stunde; dann komme ich hierher zurück, hole Sie ab und begleite
Sie nachher bis zu der Mündung eines gar nicht entfernten Thales, dem
Sie aufwärts folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum Schuß
bekommen können. Hier oben auf der Hochebene glaube ich schwerlich, daß
Sie irgend Etwas antreffen, das der Mühe lohnte danach zu feuern.«
»Das wäre recht schön,« sagte Könnern wieder mit einem unwillkürlichen
Blicke nach Elisen; »wenn ich nur auch gewiß wüßte, daß ich den Damen
hier indessen nicht zur Last fiele.«
»Nicht im Geringsten,« antwortete die Mutter -- »kennen Sie unser
Land noch nicht und sind Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie
indessen Gelegenheit, sich in unserm Garten umzusehen; denn mein Mann
hat sich große Mühe gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gewächse
hier zu sammeln -- Elise mag Sie herumführen.«
»Ich wäre unendlich glücklich, wenn die junge Dame...« stammelte
Könnern.
»Nun, sehen Sie,« sagte der Director, »da sind Sie ja gleich untergebracht,
und werden es wohl so lange aushalten können. In einer halben Stunde
sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen also mit, Herr Meier?«
»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte der Angeredete mit
dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lächeln -- »Ich selber bin gerade
beschäftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, der sich
vortrefflich in alle diese Sachen zu finden weiß. Wenn Sie nur so
freundlich sein wollen, ihm meine Gränzlinien zu zeigen, so wird er sie
sich selber markiren und ich dann schon Sorge tragen, daß sie später
dauernd gekennzeichnet werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin gerade
mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, die ich nicht gern unterbrechen
möchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude,
wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe -- Bücher sind seltener in
Brasilien, als Blumen.«
»Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!« sagte Könnern, der sich heute
merkwürdiger Weise dafür besonders interessirte, obgleich er nicht das
Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich schon erhoben hatte,
stand er ebenfalls auf, um sie durch den Garten zu begleiten.
»Sie scheinen sich besonders für Blumen zu interessiren,« sagte das
junge Mädchen, während sie den halben Garten lang schon schweigend neben
Könnern hingeschritten war, ohne daß dieser einen Punkt gefunden hätte,
ein Gespräch anzuknüpfen. Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches
Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb verstohlen die Züge
ihres Begleiters, senkte sich aber blitzschnell wieder zu Boden, als
sich dieser, von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen sie wandte.
»Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?«
»Weil Sie -- die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen,« erwiederte Elise,
aber sie wagte nicht den Blick zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete,
daß sie den darin liegenden Muthwillen verrathen würde.
»Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?« forschte Könnern weiter,
denn er begann jetzt in der That mißtrauisch zu werden, ob er gestern
seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe.
»Und welchen andern Grund sollte ich haben?« sagte Elise, und sah ihm
jetzt so voll und ehrlich in's Auge, daß er seinen Blick fast erschreckt
vor den hellen Sternen zu Boden senkte.
»Zürnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage wegen,« sagte er leise;
»aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer
Begleitung den staubigen Büchern -- wahrscheinlich _ohne_ dieselbe
-- vorgezogen habe.«
»Ich wäre wirklich neugierig ihn zu hören,« lächelte Elise, fühlte aber
doch, daß sie, vielleicht unmerkbar, dabei erröthete.