»Also müssen sie wieder diesen Weg zurück?« fragte Könnern, sichtlich

darüber erfreut, denn er bekam dadurch eine Entschuldigung, sie hier zu

erwarten.

»Allerdings,« erwiederte das Mädchen -- »wollen Sie denn zur Colonie

hinunter?«

»Wenn Sie das kleine Städtchen meinen, nein. Wir kommen eben daher und

sind nur auf einem Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn das

Terrain recognosciren, um nöthige Vermessungen vorzunehmen.«

Die Jungfrau, welche, als sie der Fremde anredete, aufgestanden war,

verbeugte sich leicht und schwieg, und Könnern, der nicht den geringsten

Anhaltspunkt sah, das Gespräch in schicklicher Weise fortzusetzen,

grüßte noch viel verlegener als vorher und folgte jetzt den beiden

Freunden, die er gleich darauf an der von Elisen angedeuteten Stelle

überholte.

Es war das der nämliche Platz, wo der Director damals die verkehrten

Arbeiten des von der Frau Präsidentin herübergeschickten Vermessers

unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun ihre Thiere, um auf den

breiteren Weg zurückzukehren.

Als sie die Laube passirten, warf Könnern freilich den Blick hinüber, um

nach der freundlichen Gestalt zu suchen; aber wie eine Erscheinung war

sie verschwunden, und nur auf der Bank, auf welcher sie gesessen hatte,

lagen ein paar Blumen, die sie wahrscheinlich mit heraufgenommen und in

der Eile ihres Rückzuges auf dem Sitze gelassen hatte.

Könnern, der jetzt voranritt, hatte die Blüthen augenblicklich bemerkt,

und ehe er sich selber über das was er that Rechenschaft geben konnte,

hielt er an, stieg vom Pferde und schnallte seinen Sattelgurt ein Loch

empor. Dadurch gab er seinen Begleitern Zeit an ihm vorüber zu reiten,

und als er sie voraus sah, trat er rasch in die Laube, nahm die Blumen,

legte sie in sein Taschenbuch, stieg dann wieder auf und folgte, ohne

sich umzusehen, den Vorausgerittenen. -- Und doch hatte ihn dieses Mal

sein sonst so scharfes Auge im Stiche gelassen, denn hinter einem

kleinen Dickicht der hier gerade sehr üppig wachsenden Flachs- oder

Tucung-Pflanze, hinter die sich Elise zurückgezogen, um die Fremden erst

vorüber zu lassen, hatten ein Paar lächelnde Augen seinen unschuldigen

Raub beobachtet und folgten ihm, bis sich der Wald wieder hinter ihm

schloß.

Könnern überholte seine Begleiter dicht am Hause des menschenscheuen

Meier, der aber durch einen geschickt gefällten Baum die Passage so

gelegt hatte, daß sie nicht unmittelbar an seinem Garten vorüberführte,

sondern diesen durch sorgfältig gepflegte Büsche vollständig verdeckt

hielt.

»Hier wohnt der sonderbare Kauz,« sagte der Director, mit der Hand

in das Dickicht zeigend, durch welches das Dach nur undeutlich

herausschimmerte. »Wenn mit dem Manne nur irgend ein Umgang wäre, wollte

ich vorschlagen daß wir anhielten und ihm wenigstens guten Tag sagten.

Schade um das allerliebste Mädchen, das der alte Brummbär hier wie eine

Nonne gefangen hält.«

»Eine Brünette?« fragte Könnern.

»Ja,« erwiederte der Director; »aber wie, zum Teufel, haben _Sie_ das

schon ausgefunden? Sie sind doch, so viel ich weiß, zum ersten Male in

der Colonie.«

»Hätten es die Herren nicht gerade so gemacht wie der vorige

Landvermesser,« lachte Könnern, »und die Variation auf der verkehrten

Seite der Nadel gesucht, so würden Sie, nur ein paar Striche aus dem

Cours, eine allerliebste junge Dame im Walde gesehen haben, die sich da

draußen mit irgend einer Lectüre die Zeit vertrieb.«

»Und davon haben Sie uns kein Wort gesagt?« rief Günther.

»Ich durfte Sie doch nicht stören,« lächelte der junge Mann; »übrigens

glaubte ich auch, daß wir sie auf dem Wege hierher überholen würden; sie

muß sich aber auch sehr geeilt haben, um uns voraus zu kommen.«

»Merkwürdige Leute,« meinte der Director kopfschüttelnd; »aber jedenfalls

werden Sie mit dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie müssen

ihn aufsuchen, wenn Sie auf seinem Lande die Vermessung beginnen,

damit er dabei ist und die Gränzen kennen lernt. Er wird es sich auch

wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Eckbäume selber dauernd zu

bezeichnen, und das erspart Ihnen gleich eine Arbeit.«

»Dann begleite ich Sie,« sagte Könnern, »ich interessire mich für alle

Originale.«

»Besonders wenn es Brünetten sind, wie mir scheint,« lachte der

Director; »Sie mögen aber immerhin in diese Gegend einen kleinen Jagdzug

machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht stört, finden Sie doch wohl

hier und da ein Stück Roth- oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen

Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen. Jetzt aber, meine Herren,

dürfen wir unsere Zeit nicht länger vergeuden, wenn wir den andern

Strich ebenfalls besuchen wollen. Sobald wir weiter oben die ordentliche

Straße erreicht haben, können wir auch unsere Thiere besser ausgreifen

lassen« -- und dem seinigen die Sporen gebend, trabte er, so rasch es

ihm der noch ziemlich unebene Boden gestattete, auf dem schmalen Wege

hin in den Wald hinein.

So wenig _sie_ aber dabei von den Einwohnern des Platzes gesehen hatten,

so waren sie doch nicht eben so unbeachtet daran vorübergeritten, denn

der Eigenthümer des Hauses schien sich für alle Fremden lebhaft zu

interessiren, wenn er auch nicht mit ihnen in persönliche Berührung

kommen wollte.

Zu diesem Zwecke hatte er sich eine ordentliche kleine Warte gebaut, in

welche die eine Ecke seines Gartens, ohne von Außen bemerkbar zu sein,

auslief. Das war zugleich ein Lieblingsplatz geworden, wenn er keine

andere Arbeit vorhatte, und er las oder schrieb gerade dort am Liebsten,

da er sich hier vollkommen ungestört wußte.

Das letzte Gespräch der Männer war gerade vor diesem Ausguck gehalten,

und Meier, der mit einem Buche in der Hand in seiner Laube saß, dadurch

auf die Fremden aufmerksam geworden. So lange sie da draußen hielten,

lauschte er auch ihrem Gespräche, und erst, als sie ihren Weg fortgesetzt,

nahm er sein Buch wieder auf. Aber er schien keine rechte Lust zum

Lesen zu haben, denn er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin,

ging eine Weile mit auf den Rücken gelegten Händen und gesenktem Haupte

in seiner Laube auf und ab, seufzte ein paar Mal recht tief auf und

schritt dann langsam zu seiner Wohnung und in das Zimmer seiner Frau,

die, mit einer Arbeit beschäftigt, am Fenster saß.

Sein Blick suchte Elisen, aber sie war nicht im Zimmer, und erst nach

einer Weile kam sie durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den

Wald führte, herein und zu der Mutter, wo sie Hut und Buch ablegte und

sich still an das dort stehende Instrument setzen wollte.

»Du warst im Walde, Lieschen?« fragte der Vater.

»Ja, Papa.«

»Und bist dort Fremden begegnet?«

Das junge Mädchen sah rasch und erstaunt zu ihm auf, erröthete auch

leicht, sagte dann aber lächelnd:

»Woher weißt Du das schon, Papa?«

»Und hast Du nicht den nämlichen Spaziergang hier im Garten?« fuhr der

Vater fort, ohne ihre Frage zu beantworten; »ich habe Dich schon so oft

gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenigstens nicht an Sonntagen, wo

das müssige Volk aus der Ansiedelung nur immer in der Nachbarschaft

umherschwärmt!«

Die Mutter hatte bei Beginn des Gespräches ihre Arbeit in den Schooß

sinken lassen, und ihre Miene verfinsterte sich mehr und mehr. Jetzt

aber nahm sie für die Tochter die Antwort auf und sagte:

»Und willst Du sie nicht lieber ganz in ein Kloster sperren? Das wäre

doch jedenfalls das Einfachste, damit sie wenigstens gar kein Mensch

mehr zu sehen bekäme -- nicht einmal einer der am Sonntag herumlaufenden

Bauern.«

»Aber, Bertha!« sagte Herr Meier, erstaunt zu seiner Frau aufsehend.

»Ach was,« erwiederte diese, »was zu arg ist, ist zu arg! Das Mädel ist

jetzt zwanzig Jahr alt geworden und wird versteckt gehalten, als ob wir

uns schämen müßten, das junge Blut der Welt zu zeigen.«

»Aber, Bertha, Du weißt doch....« sagte der Mann vorwurfsvoll.

»Ach, ich weiß Alles!« erwiederte die Frau; »aber man kann eine Sache

auch übertreiben, und ich bin nicht im Stande, das noch länger so ruhig

mit anzusehen. Hier in diesem abgelegenen Winkel der Welt hast Du doch

wahrhaftig nicht zu....« Sie unterbrach sich rasch und nahm ärgerlich

ihre Arbeit wieder auf, die sie jedoch unschlüssig in der Hand behielt,

während Elise freundlich sagte:

»Laß sein, Mütterchen; wenn dem Vater damit ein Gefallen geschieht, kann

ich ja auch den kleinen Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht,

es ist hier im Garten wirklich eben so hübsch wie da draußen, und ich

kann mir hier die nämliche Bewegung machen.«

»Ach, das verstehst Du nicht!« fuhr die einmal gereizte Frau fort; »ich

hab's jetzt auch selber satt. Sieben Jahre sitzen wir nun hier, wie die

Gefangenen zwischen Büsche und Bäume eingeklemmt, während die Ansiedler

da unten sich ihres Lebens freuen und nur ihr fröhlicher Lärm manchmal

zu uns herübertönt; sieben Jahre lang haben wir ein Leben geführt, daß

es einen Stein erbarmen möchte, und ich sehe keinen Grund, weshalb wir

uns jetzt noch länger wie Einsiedler in unsere Klause vergraben sollen.

Ich weiß Alles, was Du mir dagegen einwenden könntest, Franz,« sagte

sie, einem Blicke ihres Mannes begegnend, »ich habe mir Alles zehnmal,

hundertmal überlegt, aber ich selber halte es nicht länger aus. Ich

_will_ frei sein oder ich lasse mich lieber gleich ordentlich begraben

und einen Stein mit Namen und Jahreszahl oben darauf setzen. Nachher

weiß ich es einmal nicht anders und brauche doch hier wenigstens nicht

eine Ewigkeit allein zu sitzen und meinen eigenen Gedanken nachzuhängen,

über die man am Ende gar noch wahnsinnig werden könnte.«

Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte sich gegen den Tisch gewandt, dort

den Kopf auf den Arm gestützt und barg das Gesicht in der linken Hand.

Endlich hob ein schwerer Seufzer seine Brust, und Elise, zu dem Vater

tretend, schlang ihren Arm um seine Schulter, lehnte ihre Stirn auf sein

Haupt und sagte freundlich:

»Sei nicht traurig, Papa -- Mutter meint es ja nicht so böse. Dir ist

nun einmal Deine Einsamkeit so lieb geworden, daß Du jede Störung darin

fürchtest und Dich immer mehr in Dich selber zurückziehst. Versuch' es

einmal draußen unter den Menschen, vielleicht gefällt Dir's selber bei

ihnen, denn _glücklich_ fühlst Du Dich ja hier in Deiner Einsamkeit

auch nicht immer, in der ich Dich oft schon in recht trauriger und

niedergeschlagener Stimmung überrascht habe. -- Geh' wieder zwischen die

Leute -- verkehre mit ihnen und lasse sie mit Dir verkehren, und wenn

weiter Nichts, bekommst Du doch dadurch Zerstreuung, und hast für

stille Stunden, in denen Du das Bedürfniß fühlst allein zu sein, ja

immer Dein trauliches Plätzchen hier oben.«

»Laß ihn gehen,« sagte die Frau unmuthig; »was liegt ihm an uns -- an

Dir oder an mir, wenn er sich selber nur eine Grille in den Kopf gesetzt

hat, der er nachhängt, seines eigenen Vergnügens halber.«

»Und das sagst _Du_ mir, Bertha?« fragte der Mann, erstaunt zu ihr

aufsehend; »dessen klagst Du mich an?«

»Nur eine Grille ist's, weiter Nichts,« erwiederte die Frau, ohne die

Frage direct zu beantworten, »eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf

gesetzt hast, und womit Du Dich und uns elend machst. So viel Verstand

habe ich aber auch, daß ich einsehe, wie Du uns Alle ganz vergebens

quälst, und kurz und gut, ein Leben wie das hier halte ich nicht länger

aus, mag nun auch daraus werden was da will.«

»Was da will,« wiederholte leise und mit einem Seufzer der Mann, stand

dann auf und verließ langsam das Zimmer.

»Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter,« bat Elise, als er die Thür

hinter sich in's Schloß gedrückt hatte, »er ist so schon traurig genug,

und das drückt ihn nachher nur noch immer mehr nieder.«

»Ach was,« erwiederte mürrisch die Frau, »ich habe das langweilige Leben

endlich satt, und mehr noch Deinet- als meinetwegen!«

»Aber ich sehne mich ja gar nicht hinaus, Mütterchen, ich verlange es ja

gar nicht besser, als ich es bei Euch habe.«

»Weil Du es eben nicht besser kennst und nach und nach hier eintrocknen

wirst wie eine Blume zwischen Löschpapier,« lautete die Antwort. »Du

bist ein junges Mädel und mußt hinaus in die Welt, das ist Dir Dein

Vater, das bin ich Dir schuldig, und wenn Du Nichts von der Welt

verstehst, so bin ich dafür da, daß ich Deine Ansprüche vertreten muß,

oder Du hättest ein Recht, mir später einmal die bittersten Vorwürfe

darüber zu machen.«

»Aber der Vater....«

»Ist ein Träumer, der überall Gespenster sieht, weiter Nichts, und der

sich jetzt die Fenster verhängt und immer nur Nacht um sich haben will.

Kommt erst einmal der wirkliche Sonnenschein zu ihm herein, so wird er

auch einsehen daß er nur geträumt hat. Daß Du ihm dabei noch das Wort

redest, ist das Albernste was Du thun kannst, und ich hätte von Dir

gerade das Gegentheil erwartet. -- Du bist alt genug, Elise, daß Du

auch an eine Heirath denken kannst, und wen sollst Du denn hier in

unserm Garten kennen lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein

Vater sogar vor ein paar müssigen Spaziergängern verstecken will?«

»Aber, liebe Mutter,« sagte Elise mit tiefem Erröthen, denn sie mußte

sonderbarer Weise gerade in diesem Augenblicke an den jungen Fremden im

Walde und an seinen Blumendiebstahl denken, »das hat denn doch wohl noch

lange, lange Zeit, und wenn der Vater --«

»Ach was,« unterbrach sie die Mutter, »Du redest wie der Blinde von

den Farben -- Du bist zwanzig Jahr alt, Liese, und wenn wir die

nächsten sieben Jahre noch so fortleben, wie die letzten, so bist

Du _sieben_undzwanzig und kannst dann auch siebenunddreißig und

siebenundvierzig werden, ohne daß sich Jemand weiter um Dich bekümmert.

Nein, dafür muß _ich_, Deine _Mutter_, sorgen, und -- überlaß du _mir_

das nur; ich werde schon mit Deinem Vater fertig.«

Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen. Die Mutter begann wieder

an ihrer indessen vernachlässigten Arbeit, und Elise ging in ihr

Stübchen hinauf, um über eine ganze Menge der verschiedensten Dinge

nachzudenken, die ihr heute durch den Sinn gingen und den Kopf fast wirr

machten. Sonderbar, daß ihre Gedanken dabei immer wieder zu dem jungen

Fremden zurückflogen, den sie doch nur den kurzen Augenblick gesehen.

Weshalb mußte die Mutter auch gerade heute von ihrer Heirath sprechen

und dabei sagen, daß es die höchste Zeit sei, an etwas Derartiges zu

denken? -- --

Es war Abend und Nacht geworden, als die Sonne kaum hinter den hellblauen

Gebirgsrücken im Westen untergegangen war und vorher noch die leichten

darüber lagernden Wolkenzüge mit ihrem schönsten und rosigsten Licht

übergossen hatte. Rasch erbleichten aber die nur zu momentanem Leben

angehauchten Nebelbilder, und wie sie kaum erst in ein prachtvolles

Silbergrau übergingen, nahm dieses schon jene todte bleigraue Färbung

an, dem die Dunkelheit in den Tropen fast unmittelbar folgt.

Die Comtesse Baulen hatte ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen

und ging, die Arme auf der Brust gekreuzt, das Kinn auf die zarte

Korallenschnur gesenkt, die ihren Hals schmückte, mit raschen, unruhigen

Schritten in dem kleinen Gemache auf und ab. Sie sah dabei nicht

einmal, daß es dunkelte und nach und nach völlig Nacht geworden war;

sie hörte nicht, daß ihre Mutter draußen schon zweimal angeklopft

und ihren Namen gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen Gedanken

beschäftigten ihren Geist, nur das eigene, unruhig pochende Herz

hielt sie oft krampfhaft mit beiden Händen fest, bis sie sich endlich,

körperlich ermattet, in einen Stuhl warf und dort wohl wieder eine volle

Stunde lang in dumpfem Brüten saß.

Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt unerträglich. Sie stand auf,

zündete Licht an und griff dann das erste beste Buch auf, um sich zu

zerstreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn zu lenken. Da plötzlich

horchte sie auf, denn aus dem Garten, oder wenigstens aus den Büschen,

die ihn dicht umschlossen, trafen die melodischen Töne einer Violine ihr

Ohr.

Es war die leise und klagend zum Herzen sprechende Melodie des Thüringer

Volksliedes: »Ach, wie ist's möglich, daß ich Dich lassen kann«, und wie

mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das einfache rührende Lied. Aber

wer spielte da? Zuerst glaubte sie, daß es Jemand aus der Ansiedelung

sei, der da zufällig vorübergehe -- aber der Spieler blieb auf derselben

Stelle, und durch das offene Fenster klangen die Töne, so leise er auch

spielte, voll und klar herein. --

Jetzt war Alles ruhig -- nur die Grillen zirpten, und aus dem Walde

heraus tönte das Gequak der Frösche.

Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwermüthige Melodie

geendet hatte; es war, als ob eine Last von ihrer Seele genommen wäre,

und sie trat an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle Nacht

hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die Töne von derselben Stelle

herauf, aber dieses Mal in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand

gespielt, das in die tollsten Variationen überging und sich doch immer

wieder zuletzt in das einfache, zuerst angeschlagene Thema des

Volksliedes auflöste.

Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster zurück. Galt das ihr? Und

wer war es denn, der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung brachte?

Vollrath vielleicht, aber sie wußte genau, daß er gar nicht Violine

spielte -- und wer dann? Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit

seiner Aufmerksamkeit geärgert hatte, war ein Violinspieler, aber ein

Stümper, und _diese_ Saiten belebte eine Meisterhand.

Ohne recht zu wissen was sie that, löschte sie das Licht aus, um dadurch

die Aufmerksamkeit des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken

-- aber das gelang ihr nicht. Der räthselhafte Spieler ließ sich dadurch

nicht stören; nur das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer

weichere Melodien, bis die Töne zuletzt mehr und mehr verhallten und

wieder, wie vorher, das Schweigen der Nacht auf dem Walde lag.

Helene wußte selber nicht wie ihr geschah. Daß jenes Ständchen _ihr_

galt, konnte sie sich nicht verhehlen, und in dem melodischen Spiele,

in den vaterländischen Weisen schmolz der starre Trotz des schönen

Mädchens. Als die Melodie da draußen schon lange verklungen war, saß sie

noch immer, von der Gardine gedeckt, am offenen Fenster, und fühlte

nicht einmal, wie ihr die Thränen zwischen den zarten Fingern durch voll

und schwer in den Schooß tropften.

Unten im Hause war der geheimnißvolle Musiker indessen auch nicht

unbeachtet geblieben. Oskar, der noch bis Dunkelwerden seinen neuen

»Sclaven« -- wie er Jeremias nannte -- angelernt hatte sein Pferd zu

behandeln, lag unten in der Stube auf dem Sopha lang ausgestreckt, und

pfiff, zum Ärger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im Geringsten

stören zu lassen, einen Walzer, als jenes eigenthümliche Ständchen

begann.

Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, daß es irgend Jemand aus der

Ansiedelung sei, der mit seiner Violine da vorüber ginge. Als die Musik

aber immer auf derselben Stelle blieb, erst eine Weile schwieg und dann

wieder begann, schöpfte er Verdacht, daß das am Ende gar ein Ständchen

sein könne, was seiner Schwester gebracht würde, und sein Muthwille ließ

ihm natürlich keine Ruhe, dem auf die Spur zu kommen.

Als er zuerst aus dem Fenster horchte, täuschte ihn der laute Ton gerade

so wie Helenen, und er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er

schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter die nächsten Büsche,

und hinter diesen, von seiner dunklen Kleidung begünstigt, immer weiter

vor. Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, daß sich der

Virtuose allerdings außer seiner Gerichtsbarkeit, aber doch nicht außer

seinem Bereiche befand, denn er erkannte durch die Hecke durch beim

Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete Gestalt, die dort an

einer jungen Palme lehnte.

Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen, denn einestheils

beschattete es der Hut, und dann auch der Wipfel der niedern Palme

selber; aber das blieb sich auch gleich, und um einen muthwilligen

Streich auszuüben, dazu war ihm Freund und Feind gleich gut genug.

Im Zimmer seiner Schwester hatte außerdem noch kurz vorher Licht gebrannt

und das Fenster war offen, ein Beweis, daß sie den Ständchenbringer

begünstigte, und deshalb Grund genug für ihn, ihm jeden Schabernak zu

spielen, der nur in seinen Kräften stand. Vorsichtig und rasch schlich

er zum Hause zurück und traf hier eben noch Jeremias, der seine Arbeit

beendet hatte, und gerade seine eigene Heimath -- eine Dachkammer bei

einem der Ansiedler -- aufsuchen wollte.

»He, Jeremias, Du mußt mir noch einen Eimer Wasser holen,« redete er

diesen rasch und heimlich an.

»Die Pferde haben gesoffen,« sagte Jeremias, »zu viel schadet Vieh und

Menschenkind.«

»Ich will's nicht für die Pferde; dort steht der Eimer, aber ein Bißchen

rasch.«

»Befindet sich allerdings nicht in unserm Contracte,« meinte Jeremias,

»aber was thut der Mensch nicht aus Gefälligkeit, junger Herr? Sollen

Ihren Eimer Wasser haben,« und seine Ärmel vorn aufkrämpend, ergriff er

den Eimer und ging zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn bald

gefüllt zurückbrachte.

»So,« sagte Oskar, indem er einen Theil des Wassers wieder abschweppte,

»das ist ein Bißchen zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal

den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an die Hecke da drüben, wo der

verrückte Kerl die Violine quält -- hörst Du den Musikanten da drüben?«

»Ja,« sagte Jeremias, und sah den jungen Grafen erwartungsvoll an.

»Schön,« lachte der junge Bursche, »dem wollen wir einmal den Eimer über

den Hals gießen, um den holden Schwärmer etwas abzukühlen.«

»So?« sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Na, vorwärts!« rief Oskar, auf den Eimer zeigend; »mach' schnell, ich

zeig' Dir den Platz wo er steckt, meine alte Jeremiade!«

»Wissen Sie,« sagte Jeremias, ohne nur eine Hand zu regen oder eine

Miene zu machen, als ob er dem Befehle Folge leisten wolle, »davon steht

auch Nichts in unserem Contracte.«

»Contract? Esel,« brummte Oskar, »wenn ich Dir sage, das thust Du, so

thust Du es, _das_ ist unser Contract, weiter Nichts.«

»So?« meinte Jeremias, der den »Esel« als selbstverständlich hinnahm

-- »anderen Leuten Wasser in die Violine zu gießen, widerstreitet aber

meinen Grundsätzen, und wenn sich der Herr Graf eine Tracht Schläge für

unbefugtes Löschen, wo's gar nicht brennt, holen wollen -- mit dem

größten Vergnügen -- da steht der Eimer, Jeremias hat aber heute seinen

Sonntagsrock an und ist diesen Morgen in der Kirche gewesen -- was andere

Leute vielleicht _nicht_ von sich sagen können. Wünsche allerseits einen

guten Abend« -- und die Hände wieder in die Taschen schiebend, ging er

um den Eimer herum und zur Thür hinaus, ohne sich um den Grafen weiter

zu bekümmern.

Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch hinterher, sah aber auch ein,

daß er mit dem dickköpfigen Burschen Nichts ausrichten könne. Nicht

gesonnen jedoch, den einmal gefaßten Plan so rasch aufzugeben, nahm er

jetzt selber den Eimer und schlich damit in den Garten. Ehe er übrigens

die Stelle erreichte, wo der nächtliche Musiker gestanden, verstummte

die Violine. Die letzten Töne waren verklungen und der Platz leer. Oskar

horchte noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber das Concert

war jedenfalls vorbei, das Zimmer seiner Schwester blieb dunkel, und mit

einem Fluche das Wasser über die nächsten Beete gießend, nahm er den

leeren Eimer zum Hause zurück.

5.

Elise.

Am nächsten (Montag) Morgen standen schon um sieben Uhr früh drei

gesattelte Pferde vor dem Hause des Directors angebunden, denn dieser

hatte versprochen, Günther zu dem Beginne seiner Arbeiten zu begleiten,

und Könnern in dem Interesse, das er an der gestrigen Erscheinung nahm,

ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem kleinen Zuge, wenigstens

bis in den Wald hinein, anzuschließen.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Erster Band. · 第 5 / 13 段