Geringste von Tabak oder Cigarren, das ausgenommen, daß ich beim Rauchen
eine gute von einer schlechten unterscheiden kann. Wenn Sie aber fest
dazu entschlossen sind und das nöthige Capital dazu besitzen, so -- weiß
ich in der That nicht....«
»Aber _das_ gerade hab' ich noch nicht,« unterbrach ihn die Gräfin etwas
gereizt, »wenigstens nicht in diesem Augenblicke, und meine Ungeduld,
die mich jeden neu gefaßten Plan mit voller Energie ergreifen läßt, war
die alleinige Veranlassung, daß ich _Ihnen_ Gelegenheit gab, sich bei
dem Unternehmen zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht etwa an dem
Erfolg?«
»Beste Frau Gräfin,« betheuerte der Baron, der, stets voller
Rücksichtsnahmen, schon vor der Idee eines Widerspruches
zurückschreckte; »ich erlaube mir nicht im Geringsten daran zu
zweifeln, und hoffe von ganzer Seele, daß Sie ein außergewöhnlich
günstiges Resultat erzielen werden, aber --«
»Aber?«
»Aber,« fuhr der Baron, sich verlegen die Hände reibend, fort, -- »ich
besitze kein Capital, um mich dabei zu betheiligen.«
»Sie besitzen kein Capital?« sagte die Gräfin erstaunt.
»Ich besitze allerdings ein kleines«, verbesserte sich der Baron, »was
ich aus dem Verkaufe meiner Chagra und meines Viehes, besonders meiner
Pferde, gelöst habe, aber ich brauche das nothwendig zu meinem
unmittelbaren Leben, und wenn ich dasselbe angreife, bin ich am Ende
genöthigt, mir noch auf meine alten Tage mein Brod mit Handarbeit zu
verdienen.«
»Und glauben Sie nicht, daß Sie das Drei-, ja, vielleicht Vierfache
ihrer _jetzigen_ Zinsen bei einem solchen Unternehmen herausschlagen
könnten?« lächelte die Gräfin.
Der Baron hätte um sein Leben gern »Nein« gesagt, aber er riskirte es
nicht; die etwas hitzige Gräfin hätte sich beleidigt fühlen können, und
er erwiederte nur achselzuckend:
»Ich bin zu alt zur Speculation, meine Gnädigste, und -- außerdem ist
mir die Sache auch wirklich noch zu neu -- zu fremd -- es kam mir zu
überraschend. Gestatten Sie mir, daß ich mich vorher ein Wenig
informire, und wir können ja dann später mit Muße darüber sprechen.«
»Aber die Zeit drängt, mein bester Baron,« versicherte die Gräfin; »ich
habe die nicht unbegründete Vermuthung, daß sich Andere mit einer ähnlichen
Idee tragen, und es ist in der That seltsam, daß ein solches auf der
Hand liegendes Unternehmen nicht schon lange mit Begierde aufgegriffen
ist. Was also geschehen soll, muß rasch geschehen. Ich habe dabei von
Anfang an auf Sie gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund meines
Hauses kannte, und ich hoffe nicht, daß Sie mich jetzt im Stiche lassen
werden.«
Dem Baron kam es allerdings etwas wunderlich vor, daß die Frau Gräfin
gerade auf _ihn_ von Anfang an gerechnet haben sollte, während sie ihn
erst im letzten entscheidenden Augenblicke davon in Kenntniß setzte. So
groß seine Höflichkeit aber auch sein mochte, der Trieb zur Selbsterhaltung
war doch noch größer, und mit viel mehr Entschiedenheit, als er bis
jetzt gezeigt und überhaupt der Gräfin gegenüber für möglich gehalten
hätte, sagte er, indem er seine Tabaksdose in allen Taschen suchte:
»Man soll eine Dame nie im Stiche lassen, meine Gnädigste, aber -- ich
bitte tausendmal meiner Hartnäckigkeit wegen um Entschuldigung -- ich
muß doch darauf bestehen, vor allen Dingen mir eine größere Kenntniß
über den Betrieb dieser Angelegenheit zu verschaffen. Apropos -- sollte
sich der Director Sarno nicht am Ende bewogen finden, ein so gemeinnütziges
Unternehmen aus Regierungsmitteln zu fördern?«
Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und Verachtung zuckte um die Lippen
der Dame, als sie erwiederte:
»Ja, wenn ihm Einer der Bauern den Vorschlag gemacht hätte.«
»So haben Sie schon mit ihm darüber gesprochen?« rief der Baron, von
dieser Wendung sichtlich überrascht.
Die Gräfin hatte sich in ihrem Unmuthe verleiten lassen, mehr zu sagen
als sie eigentlich wollte. Was noch gut zu machen war, that sie.
»Fällt mir nicht ein,« sagte sie wegwerfend; »der Herr Director und
ich stehen nicht auf einem so freundschaftlichen Fuße zusammen, ihm
eine solche Mittheilung zu machen, und ich werde mich hüten, mit
der brasilianischen Regierung etwas Derartiges zu beginnen, die mir
vielleicht fünfzehn oder zwanzig Procent für meine Mühe ließe. Doch
Sie verlangen Zeit, mein lieber, ängstlicher Freund, und sein Sie
versichert, daß ich Sie nicht drängen möchte. Überlegen Sie sich also
die Sache, sagen Sie mir aber bis spätestens morgen früh Antwort, oder«
-- setzte sie hinzu, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte -- »ich
halte mich an kein Versprechen mehr gebunden, und sehe mich nach einem
andern Compagnon um.«
Der Baron machte eine stumme, dankende Verbeugung, schien aber von
dieser directen Drohung keineswegs so eingeschüchtert, wie es die
Wichtigkeit der Sache hätte sollen vermuthen lassen. In diesem
Augenblicke bekam er aber auch Succurs, denn ihr Gespräch wurde durch
jenes wunderliche Individuum, Jeremias, unterbrochen, der plötzlich in
den Garten kam, ohne Weiteres auf die Frau Gräfin und den Baron zuging,
und Beiden, ehe sie es verhindern konnten, auf das Cordialste die Hand
schüttelte. Oskar, der Zeuge dieser Scene war, lag noch immer in der
Laube auf der Bank und wollte sich jetzt ausschütten vor Lachen.
Oskar war auch in der That die eigentliche Ursache dieser plötzlichen
Begrüßung gewesen, denn während er in der Laube seine Siesta hielt,
da ihn die Projecte der Frau Mutter wenig interessirten, hatte er nur
über seinen heutigen Verlust, den Pferdejungen, nachgedacht, der sich
auf so grobe Weise empfohlen, und dabei hin und her überlegt, wie er
denselben wohl ersetzen könne. Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem
Sonntag-Nachmittag-Spaziergange begriffen, an der Laube vorüber, und
Oskar, der den sonderbaren Burschen schon kannte, und sich oft über ihn
amüsirt hatte, glaubte in ihm einen passenden Ersatz gefunden zu haben
und rief ihn auch ohne Weiteres an und herein.
»Guten Tag, Frau Gräfin,« sagte Jeremias indessen, durch das etwas
erstaunte Zurückfahren der Dame nicht im Mindesten beirrt -- »schönen
guten Tag, Herr Baron -- prächtiges Wetter heute -- wie bei uns im
Sommer -- nur ein Bißchen heiß -- Herr Gott, wie man schwitzt!«
»Und was wollen Sie?« fragte die Gräfin, wie in Gedanken die eben
erfaßte Hand mit ihrem Batisttuche abwischend. Jeremias war das auch
nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls seine eigenen arbeitharten
Fäuste, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Aber er
nahm weiter keine Notiz davon, sondern sagte nur, freundlich ihr
zunickend:
»Der junge Herr da hinten hat mich gerufen; will einmal zu ihm gehen und
sehen, was er wünscht -- amüsiren Sie sich gut« -- und mit einer Art von
Kratzfuß drückte er den Hut wieder in die Stirn und wandte sich dorthin,
wo Oskar schon wieder sein: »Jeremias, hieher!« herüber rief.
»Hat ihm schon,« antwortete Jeremias, als er in die Laube trat, sich
ohne Weiteres auf die andere Bank setzte und vergnügt mit den kurzen
Beinen schlenkerte; »hier ist's hübsch kühl; wenn man jetzt hier ein Maß
baierisch Bier und einen Handkäs hätte, könnte man's eine ganze lange
Weile aushalten.«
Oskar hatte sich das Benehmen eines künftigen Pferdejungen wahrscheinlich
anders gedacht; mit den Sonderbarkeiten des Burschen aber schon bekannt,
beachtete er es nicht weiter und fragte ohne Umschweife.
»Willst Du Geld verdienen, Jeremias?«
»Immer,« lautete die kurze bündige Antwort.
»Kannst Du Pferde warten?«
»Kann ich?« sagte Jeremias im Selbstvertrauen.
»Und wie viel verlangst Du monatlich?«
»Hm,« meinte der Bursche, den brennend rothen Schopf kratzend, der sich
jetzt, als er dazu den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abgetragene
Perrücke auswies, »je mehr, je besser -- was lohnt's denn eigentlich?«
»Sechs Milreis.«
»Und sonst noch was?«
»Stiefelputzen --«
»Ne, so mein' ich's nicht,« sagte Jeremias, »ob noch sonst etwas bei den
sechs Milreis wäre, wie Schnaps, Frühstück, Trinkgeld oder dergleichen.«
»Wenn Du Dich gut hältst, gewiß,« sagte der junge Graf.
Jeremias schob beide Hände, so tief er sie bekommen konnte, in seine
Hosentaschen und spitzte den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle.
Er pfiff aber nicht, sondern sah nur nachdenklich vor sich nieder. Endlich
sagte er nach einer kleinen Pause, indem er die Hände wieder aus den
Taschen nahm und seine Perrücke zurecht schob:
»Na, ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr, wir wollen's einmal einen
Monat zusammen versuchen, wöchentliche Kündigung natürlich von beiden
Theilen, wenn ich _Ihnen_ nicht gefallen sollte oder Sie _mir_ nicht --
außerdem gegenseitige Hochachtung und ein Milreis Handgeld -- sind Sie
das zufrieden?« -- und er hielt dabei Oskar die Hand in so drolliger
Weise zum Einschlagen hin, daß der junge Bursche, der bei Erwähnung des
Milreis Handgeld einen Augenblick gestutzt hatte, lachend einschlug und
ausrief:
»Gut, Jeremias, so wollen wir es denn, wie Du sagst, einmal zusammen
versuchen -- hier ist Dein Milreis, und nun beginne Dein Geschäft gleich
damit, daß Du vor das Haus gehst und das dort stehende Pferd meiner
Schwester hereinführst und absattelst.«
»Donnerwetter, das geht geschwind!« meinte Jeremias, »und eigentlich
wäre heute Sonntag. Das arme Thier kann aber auch nicht da draußen
stehen bleiben -- also, junger Herr, wir sind jetzt für einen Monat mit
einander zusammengegeben, wie der Pfarrer sagt.«
Dabei nahm er das Milreisstück, betrachtete es einen Moment aufmerksam,
schob es dann in die Tasche, machte eine kurze, nicht ungeschickte
Verbeugung und verließ rasch den Garten, um den überkommenen ersten
Auftrag auszuführen.
Aber auch der Baron hatte diese kleine, ihm sehr gelegene Unterbrechung
benutzt, dem ihm unangenehm werdenden Gespräche mit der Gräfin eine
andere Wendung zu geben, und als jetzt auch die Comtesse zurückkehrte,
die Vollrath aber nur bis an die Gartenthür begleitete und sich dann
empfahl, schützte er plötzliches Kopfweh vor und beurlaubte sich ebenfalls
mit der gewohnten Förmlichkeit bei den Damen.
Die Gräfin hatte indessen Vollrath ankommen und wieder gehen sehen, und
wenn sich ihr Geist auch gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigte,
war ihr doch das auffallend bleiche und niedergedrückte Aussehen des
jungen Mannes nicht entgangen. Sie warf einen forschenden Blick auf
ihre Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen auch einen ganz
ungewohnten Glanz hatten, verrieth durch Nichts einen in ihr aufsteigenden,
plötzlichen Verdacht. Nur, als das junge Mädchen den Kopf abwandte
-- vielleicht um ihr Antlitz dem mißtrauischen Auge der Mutter zu
entziehen -- und sich dem Hause zuwandte, sagte die Dame leise:
»Helene!«
»Mutter?« fragte die Tochter und wandte sich halb nach ihr um.
»Was ist denn mit Vollrath vorgegangen? Er hatte, als er Dich verließ,
keinen Blutstropfen in seinem Gesichte.«
»Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.«
»Und Du bist auch so sonderbar.«
»Ich, Mutter?«
»Ja -- Du -- Helene, ich will nicht hoffen, daß Du....«
»Was, Mutter?« sagte Helene, und ihr Auge haftete kalt und ernst auf den
strengen Zügen derselben.
»Es ist gut, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sie einen Moment
aufmerksam betrachtet hatte. »Ich glaube, ich kann mich fest auf Dich
verlassen, und Du bedarfst keiner Wächterin.«
»Ich denke nicht, Mutter,« sagte Helene, indem ein leichtes zorniges
Roth ihre Wangen färbte. Dann wandte sie den Kopf wieder ab und schritt,
ohne der Mutter Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben, rasch in das
Haus hinein und hinauf in ihr Zimmer, wo sie sich einschloß und an dem
Abend nicht mehr zum Vorschein kam.
4.
Die »Meierei«.
Dicht über der Colonie Santa Clara, wenn man in gerader Richtung eben
hätte hinauf kommen können, aber durch einen ziemlich steilen Hang,
an dem nicht einmal ein Fußsteig empor führte, davon getrennt, lag
die Wohnung des Colonisten Meier, den der Director gegen Könnern den
_Einsiedler_ genannt hatte. Allerdings lief ein Fahrweg bis dicht an
seine kleine, wenig bebaute Chagra, aber er wurde nicht häufig benutzt,
da er nur zu sehr entfernten Ansiedelungen führte, und die Bewohner der
»Meierei« -- wie man den Platz scherzweise genannt hatte -- kamen nie
selber in die Colonie hinab. Insbesondere der Eigenthümer, der alte Herr
Meier, hielt sich so von der Welt abgeschlossen, daß es eine Menge
älterer Ansiedler in Santa Clara gab, die sich gar nicht erinnerten,
sein Gesicht je gesehen zu haben.
Auffallend war dabei, daß er nie Briefe empfing oder schrieb, und doch
mußte er sich, seinem ganzen Wesen, allen seinen Gewohnheiten nach daheim
in der besten Gesellschaft bewegt haben. Wie er aber sein kleines Haus
dicht hinter den Schutz der Bäume gebaut hatte, daß es lauschig und
versteckt dort lag, weder gestört, noch selbst beachtet von der Außenwelt,
so hielt er sich selber und seine Familie dem regen Leben und Treiben
fern, das unter ihm wogte -- es nicht suchend und nicht von ihm gesucht.
Er lebte dabei ganz seiner Familie, mit der er sich einzig und allein
beschäftigte und in der er vollkommenen Ersatz für die übrige Welt
zu finden schien. Im ersten Jahre freilich fehlte dem an Thätigkeit
gewohnten Manne eine bestimmte und ausgesprochene Beschäftigung, und er
genügte dem Drange nach Arbeit nur dadurch, daß er seinen eigenen Garten
anlegte, umgrub und pflanzte. Das aber konnte ihn auf die Länge der Zeit
nicht befriedigen, und da er manche Tischlerarbeiten in seinem Hause zu
machen hatte, und einen jungen, sehr geschickten Arbeiter dazu fand,
schaffte er sich selber Werkzeug an und lernte bald die verschiedenen
Griffe und Vortheile dieses Handwerks. Dann kaufte er sich eine Drehbank,
und nahm sich auch hiefür auf kurze Zeit einen Lehrer an. Außerdem
verstand er schon daheim ein Wenig von der Malerei, was er jetzt in
seinen Mußestunden noch weiter ausbildete. Eine recht hübsche Bibliothek
hatte er sich ebenfalls angeschafft, und da er bei allen diesen
Beschäftigungen viel praktischen Verstand besaß, so richtete er sich in
wenigen Jahren seine kleine Heimath so allerliebst und traulich her, daß
jedes Zimmer einem Puppenstübchen glich, ohne daß er dabei aber auch nur
den geringsten Luxus getrieben hätte.
Nach Außen vermied er jedoch Alles, was nur im Geringsten die
Aufmerksamkeit eines Fremden hätte auf sich ziehen können; er wollte nun
einmal mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn auch dazu bewogen
haben konnte, auf die geschickteste Weise wich er jeder Annäherung
fremder Menschen aus.
Seine Familie bestand, wie schon erwähnt, nur aus seiner Frau und einer
erwachsenen Tochter. Diese, Elise, hatte erst dreizehn Sommer gezählt,
als er, vor nun sieben Jahren, die damals kaum entstandene und noch
ziemlich wilde Colonie erreichte, und wenn auch ein junges Mädchen in
diesem Alter wohl berechtigt ist, größere Ansprüche an das Leben zu
stellen, während sie hier -- obgleich von allen Bequemlichkeiten
umgeben -- wie auf einer wüsten Insel saß, so schien doch Elise das
nie zu fühlen oder irgend einen andern Wunsch zu kennen als den, die
Häuslichkeit ihrer Eltern eben zu theilen, wie sie war. Auch auf ihren
Charakter hatte das stille, abgeschlossene Leben nicht den geringsten
nachtheiligen Einfluß ausgeübt. Sie war immer heiter und guter Laune und
eigentlich das einzige sonnige Element im Hause.
Wenn auch ihre Eltern selbst glücklich mit einander lebten, und nie ein
hartes oder auch nur unfreundliches Wort zwischen ihnen vorfiel, so lag
doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief eingeschnittener Zug von
Schwermuth, den wegzuscheuchen nur allein der Tochter, nie der Mutter
gelang.
Noth oder Sorge um den Lebensunterhalt konnte das nicht sein, denn Meier
war, wenn auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne die Mittel,
sich eine sichere Existenz zu wahren. Konnte es Heimweh sein -- vielleicht,
aber Niemand erfuhr das, Niemand hörte je eine Klage, wie er etwaigen
Fremden, mit denen er trotz aller Vorsicht gelegentlich zusammentraf,
wenn er nur die Schüchternheit der ersten Begegnung überwunden hatte,
auch stets das nämliche freundliche Lächeln zeigte. Es lag dabei etwas
in seinem ganzen Wesen, das rasch für ihn einnahm, wenn man nur kurze
Zeit in seiner Nähe weilte. War es das lange, schlichte, schneeweiße
Haar, das er mitten auf dem Kopfe gescheitelt trug, und das sonderbarer
Weise erst hier in Brasilien diese Farbe des Alters, und zwar gleich im
ersten Jahre, angenommen hatte, war es der leichte, leidende Zug um den
Mund, den selbst das Lächeln der feingeschnittenen Lippen nicht ganz
zerstören konnte, war es sein mildes, nachgebendes Wesen, man wußte es
selber nicht, aber konnte dem Manne, trotz seiner Eigenheiten, nie böse
sein.
Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte seine Gattin, obgleich
man auch ihr auf den ersten Blick ansah, daß sie sich stets in guter
Gesellschaft bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zurückhaltende ihres
Mannes, ohne dessen milde Freundlichkeit, und der mißtrauische Blick
ihres kleinen, grauen Auges, mit dem sie jeden Fremden, ja, selbst
Leute, die sie lange als Nachbarn kannte, betrachtete, munterte eben
nicht zu einem freundlichen Zusammenleben mit ihr auf. Übrigens war sie
eine noch recht hübsche, stattliche Frau, von vielleicht sieben oder
achtunddreißig Jahren, und die einzige Meinungsverschiedenheit, welche
je zwischen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war die, daß sie sich mehr
dem geselligen Leben der Colonie hinzugeben wünschte.
So nachgebend dieser aber auch in jeder andern Beziehung sein mochte, an
dieser Klippe scheiterte selbst jede Bitte von Frau und Tochter. Was
ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit, ja, selbst hier und da an einem
versteckten Luxus bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die Hand
und erfüllte selbst jeden nur geahnten Wunsch; aber über die Gränze
seines kleinen Besitzthums ging er nicht hinaus, und sogar das zufällige
Lichten der Pflanzenmauer, die seinen kleinen Klosterhof umschloß und,
durch den Sturm niedergebrochen, sein Haus der Aussicht öffnete, schien
ihn zu geniren und zu stören. Er versäumte wenigstens keine Stunde am
nächsten Morgen, die zerrissene Lücke durch eine Anpflanzung anderer
junger Palmen und Büsche zu ersetzen, die freilich jetzt Zeit brauchten,
bis sie die nöthige Höhe wieder erreichten, aber doch wenigstens den
untern Theil des Hauses deckten.
Es war an dem nämlichen Sonntagnachmittage, daß drei Reiter den schmalen
Weg heraufritten, der zu der sogenannten »Meierei« führte, der Director
Sarno mit den beiden Freunden Könnern und Günther; und erst, als sie
in die Nähe des kleinen, freundlich gelegenen Hauses kamen, hielt der
Director sein Pferd an und sagte, mit dem Arme in eine früher gehauene
Schneuße hinein deutend:
»Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies ist die zweite, alte Linie,
die damals von jenem Stümper ausgeschlagen wurde. Wenn Sie nur Ihren
Taschencompaß herausnehmen, sehen Sie schon welchen Bock jener gescheute
Herr geschossen, der es möglich machte, die Variation auf die verkehrte
Seite vom Pol zu legen. Die ganze Vermessung ist dadurch vollkommen
werthlos geworden und muß neu gemacht werden. Die nächst gelegenen sechs
Kolonien gehören aber jenem Herrn in dem Hause da drüben, der sich einen
ziemlich bedeutenden Landstrich hier erworben, nur um, wie es scheint,
keinen nahen Nachbar zu bekommen, denn was er selber bis jetzt urbar
gemacht, ist sehr unbedeutend. Jedenfalls müssen wir aber dessen Gränzen
mit bestimmen, damit wir wissen wo das noch freie Land beginnt, und
ich möchte _diesen_ District, wie jenen südlich von der Ansiedlung, am
Liebsten zuerst in Angriff genommen haben. Diesen hier nehmen Sie also
vielleicht gleich morgen vor, denn von hier aus streckt sich eine
ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiser Steigung dem nächsten
Bergrücken zu, und Sie können hier eine tüchtige Anzahl Varas den Tag
ablegen.«
»Und ist der Wald sehr dicht?«
»Nicht übermäßig. Ich will Ihnen Ihr Amt auch nicht zu schwer machen und
einen zu breiten Ausschlag verlangen, gründlich _müssen_ die Linien
aber gelegt und die Bäume besonders so markirt werden, daß die hiesige
Vegetation nicht die Spuren in ein paar Jahren wieder verwächst und
vernichtet -- wir sprechen darüber noch heute Abend, ob wir Theer mit
Buchstaben von weißer Ölfarbe oder vielleicht gar Blechplatten nehmen,
was freilich bedeutend mehr Kosten macht.«
»Und wie viel Leute glauben Sie, daß ich mit mir nehmen soll?«
»Kommen Sie, wir reiten einmal ein kurzes Stück in den Wald hinein, der
sich dort hinüber ziemlich gleich bleibt,« erwiederte der Director,
»Sie können es dann selber leicht beurtheilen. Sparen Sie lieber nicht
mit den Leuten, wenn Sie dadurch rascher vorwärts rücken, denn Sie
vermessen ja dafür auch so viel mehr, und ich garantire Ihnen, daß Sie
hier, um nur das _Nothwendigste_ fertig zu bringen, drei volle Monate
scharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in der möglichst kurzen Zeit
beenden, desto besser ist es; denn wenn uns die neuen Ansiedler erst
noch auf den Hals kommen, und ich weiß nicht wo ich sie unterbringen
soll -- dann ist es mit dem Frieden hier vorbei.«
Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und ritt in einen schmalen
Seitenpfad, von Günther gefolgt, hinein, während Könnern noch in dem
breiten Wege hielt und sich Meier's stille und trauliche Heimath
betrachtete. Es lag ein ganz eigener Zauber über dem Platze, dem die
hier vollkommen tropische Vegetation durch angepflanzte Palmen, Farren
und die wunderliche Baumform der Pinien einen noch viel größeren Reiz
verlieh.
Gern wäre er auch einmal zu dem Hause hinüber geritten, die Insassen
desselben kennen zu lernen, denn daß der Alte so vollkommen menschenscheu
sein sollte, glaubte er noch nicht recht. Aber er durfte seine Gesellschaft
nicht zu weit aus den Augen verlieren, und der Director wie Schwartzau
waren viel zu sehr in ihr »Terrain« vertieft, um sich in diesem
Augenblicke um etwas Anderes zu kümmern, als Nord und Süd und Ecken und
Fronten. Günther hatte dazu seinen kleinen Compaß herausgenommen und
visirte damit, als sie den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel
interessanteren Front vorüber, wie sie die bestgelegene Colonie hätte
bieten können, ohne sie auch nur zu sehen, nämlich an einem reizenden
jungen Mädchen, das, vielleicht sechs Schritte von dem Pfade entfernt,
mit einem Buche in der Hand unter einer halb natürlichen, halb
durch Kunst hergestellten Laube saß, und ohne sich zu rühren, die
vorbeireitenden und in tiefem Gespräche begriffenen Männer beobachtete.
Sie würde sich in der That lieber ganz zurückgezogen haben, hätte sie
nicht gefürchtet durch eine Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt
erst, als sie vorüber und schon halb von den Büschen verdeckt waren,
richtete sie sich empor und drehte den Kopf um, ihnen nachzusehen.
In diesem Augenblicke passirte Könnern die versteckte Laube. Mit keinem
solchen Interesse an der Vermessung des Bodens, und in der alten
Gewohnheit des Jägers, das Auge jedem sich regenden Punkte rasch
zuzuwenden, entdeckte er kaum die liebliche, jetzt verlegen erröthende
Gestalt, als er auch unwillkürlich sein Pferd anhielt und achtungsvoll
die Jungfrau grüßte.
War aber für ihn nicht die geringste Veranlassung gewesen, hier zu
halten, so besaß er entweder in dem Momente nicht Geistesgegenwart
genug, seinem Thiere wieder rasch den Sporn zu geben, oder die freundliche
Erscheinung fesselte ihn so, daß er sich nicht gleich wieder losreißen
konnte und wollte, und nur, um sich aus einer peinlich werdenden
Situation zu bringen, sagte er verlegen:
»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten Sie gestört zu haben,
Senhora, aber ich vermuthete hier in der That Niemanden, mitten im
Walde.«
»Sie haben mich nicht gestört,« erwiederte Elise mit ihrem gewinnenden
Lächeln, denn die Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keineswegs
entgangen; »ich fürchte nur, daß Ihre vorangerittenen Freunde den Weg
verfehlt haben, denn dieser Pfad führt allein wenige Hundert Schritte in
den Wald hinein und endet dann in einem verworrenen, von Schlingpflanzen
durchwachsenen Dickicht, durch das sie mit ihren Pferden nicht dringen
können.«