aufloderndem Zorne, indem er seine Reitpeitsche fester packte und hob.
Gotthelf aber, nicht im Geringsten dadurch eingeschüchtert, trat dicht
zu dem Pferde heran und sagte:
»Na, so schlagen Sie doch! -- Warum langen Sie denn nicht zu? Mein
Buckel wäre doch, dächt' ich, breit genug.«
Graf Oskar schlug aber nicht; der junge, allerdings sehr breitschulterige
Bauernjunge hatte heute Etwas in seinem Auge, was ihm nicht gefiel.
Deshalb nur mit einer verächtlichen Kopfbewegung aus dem Sattel steigend,
sagte er, indem er Gotthelf den Zügel hinreichte:
»Da -- ich will mich mit Dir nicht befassen. Führe die Pferde herum und
reibe sie nachher trocken ab.«
Gotthelf nahm aber nicht einmal seine Hände aus den Taschen, und die
beiden Pferde nach einander betrachtend, sagte er kopfnickend:
»Ja -- Herumführen werden sie wohl brauchen, denn geritten sind sie
wieder, daß es eine Schande ist; aber der Gotthelf wird Ihnen das
schwerlich besorgen, denn mit »Halunke« schimpfen werden die Leute nicht
fett, und wo es außerdem weiter Nichts giebt, nicht einmal Lohn, da
lohnt's eben nicht, daß man sich die Nägel von den Fingern arbeitet.
Suchen Sie sich einen andern Gotthelf, aber ich glaube kaum, daß Sie
noch einen so dummen finden, der Ihnen drei Monate nur der Ehre wegen
den Schuhputzer macht.« -- Und sich damit scharf auf dem Absatze
herumdrehend, schlenderte er wieder in's Haus zurück, ging auf sein
Zimmer, packte seine Sachen zusammen und verließ eine halbe Stunde
später in der That, ohne ein weiteres Abschiedswort, die gräfliche
Familie.
»Das hast Du nun von Deiner Heftigkeit,« sagte die Gräfin, drehte sich
ab und schritt würdevoll in das Haus hinein.
Graf Oskar biß wüthend die Zähne zusammen und hätte seinen Zorn gern
an irgend Jemandem ausgelassen; aber es war Niemand da, von dem er
vermuthen durfte, daß er es sich gefallen lassen würde. Sein Sattel
allein mußte es entgelten, den er selber abschnallte und dann völlig
rücksichtslos über den Gartenzaun, mitten zwischen die Blumen, hinwarf;
-- dann führte er sein Pferd in die kleine Umzäunung, wo die Thiere
gewöhnlich gefüttert wurden, nahm ihm den Zaum dort ab und ließ es
laufen. Von Herumführen oder Abreiben war keine Rede mehr.
Comtesse Helene indessen war einigermaßen in Verlegenheit, denn da sich
ihr Bruder in seinem Ingrimme gar nicht um sie bekümmerte, wußte sie nicht
gleich, wie sie aus dem Sattel kommen sollte. Als sie den Kopf die Straße
hinabdrehte, sah sie einen jungen Mann dicht hinter sich, der stehen
geblieben war und sie betrachtet hatte. Unter anderen Umständen würde sie
auch kaum von ihm Notiz genommen haben, denn trotz seiner anständigen
Kleidung sah er etwas verwildert aus, und um das sonnengebräunte, von
einem leichten, schwarzgekräuselten Barte halb beschattete Gesicht
hingen ihm die langen, schwarzen Haare unordentlich und wirr herab. Auch
in den dunkeln Augen, mit denen er das wirklich bildschöne Mädchen
betrachtete, lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und erst als ihr Blick
auf dem seinen haftete, milderte sich der Ausdruck in seinen Zügen.
Es konnte ihm aber auch nicht entgangen sein, daß sie Hülfe brauche
-- die Straße war außerdem, als an einem Sonntag Nachmittage, fast
menschenleer, und sich ordentlich gewaltsam dazu zwingend, trat er
endlich näher, sah zu der Jungfrau auf und sagte:
»Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen Arm zu bieten?«
Helene sah ihn im ersten Augenblicke mißtrauisch an; sie war viel zu
selbstständig aufgewachsen, oder hatte sich vielmehr selber so erzogen,
um irgend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen, aber ein gewisser
Instinct warnte sie, sich Jemandem zu irgend einem Danke zu verpflichten,
der damit vielleicht einmal Mißbrauch treiben könne. Das Benehmen des
Fremden war aber so achtungsvoll und ehrerbietig, und das Anerbieten
wurde mit so viel natürlichem Anstande gemacht, daß sie nach kaum
secundelangem Zögern lächelnd die Hand ausstreckte, sich auf den
vorgehaltenen Arm des Fremden stützte und leicht aus dem Sattel sprang.
Der Fremde hatte dabei zugleich den Zügel des Pferdes in einer Art
ergriffen, die deutlich zeigte, daß er mit ihm umzugehen wisse, machte
der Comtesse, als sie glücklich unten angelangt war, eine leichte
Verbeugung, und führte dann das durchaus erhitzte Thier zu dem nächsten
Aste, an dem er den Zügel befestigte und den Sattel nachher durch
Aufschnallen des Gurtes etwas lüftete. Das Alles geschah rasch und
anscheinend ohne die geringste Anstrengung, und ehe Comtesse Helene nur
recht mit sich einig war, ob sie abwarten bis sich der Fremde entfernt
habe, oder lieber gleich in das Haus gehen solle, war dieser schon
fertig, verbeugte sich wieder leicht gegen sie und wandte sich dann
rasch und ohne sich umzusehen die Straße hinab, so daß sie ihm für
seine Dienstleistung nicht einmal danken konnte.
Comtesse Helene war bei ihrem Range und wirklich reizendem Äußern, noch
dazu in der bescheidenen Umgebung einer deutschen Kolonie, allerdings
daran gewöhnt worden, die Huldigungen und Galanterien der jüngeren wie
älteren Leute als eine Art von Tribut fast gleichgültig hinzunehmen.
Die Aufmerksamkeit dieses wunderlichen Fremden, der sich außerdem fast
ängstlich jedem nur möglichen Danke entzog, hatte aber doch etwas so
Eigenthümliches, daß sie, frappirt davon, auf der Schwelle des Gartens
stehen blieb und sich erst in das Haus zurückzog, als ihr Bruder, eben
nicht in der besten Laune, zurückkam. Außerdem läutete auch in diesem
Augenblicke die Glocke oben, welche zum Mittagessen rief, und sie durfte
keine Zeit versäumen, wenn sie noch ihr Reitkleid ablegen und überhaupt
ein wenig Toilette machen wollte.
In dem Wohnzimmer der Frau Gräfin Baulen hatten sich indessen schon vor
der Ankunft der Wirthin zwei auf heute geladene Gäste eingefunden.
Der Eine von ihnen war der nämliche Herr, welcher Könnern und dem
Director auf ihrem Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewanderte
Baron Jeorgy, den eine unglückliche romantische Ader zu seinem jetzigen
sehr großen Bedauern nach Brasilien getrieben. Er hatte eine nicht
unbedeutende Summe Geldes mit herüber gebracht und es in sechs Jahren
möglich gemacht, den größten Theil seines Kapitals nicht gerade
durchzubringen, aber doch auszugeben, was sich im Resultat allerdings
vollkommen gleich blieb.
Der Andere war ein junger, erst kürzlich herübergekommener Künstler,
Namens Vollrath, der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitgebracht
hatte und dadurch auch bei der Frau Gräfin eingeführt war. Er spielte
mit der Comtesse manchmal Clavier, aber die Frau Gräfin sah seinen
Besuch nicht gern. Er erwies nämlich Helenen mehr Aufmerksamkeit, als
ihrer Mutter lieb schien, und war außerdem blutarm -- aber so lange er
sich in seinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht zurückweisen.
Die Frau Gräfin hatte indessen schon ernsthaft mit ihrer Tochter über
ihn gesprochen.
Die Gräfin selber schien ihre Toilette schon vor dem Ausgange gemacht
zu haben; Oskar, obgleich eben von dem scharfen und staubigen Ritte
zurückgekehrt, hielt es nicht der Mühe werth, des Barons wegen die
Wäsche zu wechseln -- und der Andere war ja nur ein Clavierspieler.
Comtesse Helene dachte nicht so. Von dem wilden Ritte war ihr reiches,
schweres Haar gelöst und in Unordnung gerathen; ihren Anzug mußte sie
ebenfalls wechseln, und da ihr dazu keine Kammerjungfer zu Gebote
stand, bedurfte sie einer länger als gewöhnlichen Zeit, um sich der
Gesellschaft, so klein diese auch immer sein mochte, zu zeigen. Oskar,
überhaupt heute nicht in der besten Laune, war entsetzlich ungeduldig
geworden und hatte den Klöppel der Klingel schon fast ausgeschlenkert,
um die, wie er glaubte, saumselige Schwester dadurch etwas rascher
herbeizurufen.
Während Graf Oskar so im Zimmer herumlief und seinem Ärger durch
verschiedene Ungezogenheiten Luft machte, die Gräfin mit dem Baron
Jeorgy an einem der Fenster stand, das eine freundliche Aussicht über
die Stadt gewährte, und ein Beider Interessen sehr lebhaft in Anspruch
nehmendes Gespräch führte, hatte sich Vollrath an das Instrument gesetzt
und intonirte leise einige Lieblings-Melodien Helenen's, theils im
einfachen getragenen Thema, theils in geschickt und künstlerisch
durchgeführten Variationen.
»Es ist ein trauriges Land,« sagte endlich der Baron mit einem tiefen
Seufzer, indem er, ohne die Melodie selber zu beachten, den Tact dazu
unbewußt auf dem Fenster trommelte -- »ein sehr trauriges Land, dieses
ausgeschrieene Brasilien, und ich fürchte fast, daß uns ein böser Stern
an diese Küste geführt hat, von der ich, aufrichtig gestanden, gar kein
rechtes Fortkommen mehr sehe. Ich begreife wenigstens nicht recht, wie
man in Europa je, ohne die gehörigen Mittel, wieder standesgemäß
auftreten könnte.«
»Sie dürfen den Muth nicht verlieren, Baron,« bemerkte die in dieser
Hinsicht viel resolutere Gräfin. »Ich fange jetzt selber an einzusehen,
daß wir alle Beide doch möglicher Weise zu viel Standesvorurtheile mit
herüber gebracht haben, um das Leben hier an der richtigen Stelle
anzugreifen.«
»Aber, beste Frau Gräfin....«
»Ich sehe wenigstens eine Menge Menschen,« fuhr die Gräfin fort, ohne
die Unterbrechung gelten zu lassen, »die nicht allein ihr Fortkommen auf
höchst geschickte Weise finden, sondern auch noch Capital auf Capital
zurücklegen, und es fällt mir gar nicht ein, ihnen mehr Verstandeskräfte
zuzutrauen, als wir Beide auch besitzen, lieber Baron.«
»Aber, beste Frau Gräfin,« beharrte der Baron, »der Art Leute sind von
Jugend an auf ihre Fäuste angewiesen gewesen, und Sie wollen doch nicht
voraussetzen, daß wir Beide etwas Derartiges auch nur annähernd leisten
könnten?«
»Ich denke gar nicht daran,« sagte die Gräfin mit einem vornehmen
Zurückwerfen des Kopfes; »wo aber die rohe Kraft nicht ausreicht, da
eben muß der Geist des Menschen eintreten, die Intelligenz, und wir
finden es überall bestätigt, daß die erstere, die rohe Kraft meine ich,
immer nur für die Speculation arbeitet, und diese eigentlich den Nutzen
von jener ärntet.«
»Aber auch der Kaufmann braucht praktische Erfahrung,« seufzte der
Baron, der _seine_ Erfahrung schon außerordentlich theuer hatte bezahlen
müssen -- »und wir sind Beide zu alt, die noch zu lernen.«
»Bah,« sagte die Frau Gräfin, den Kopf mit Geringschätzung wiegend, »der
Kaufmann ist nicht der einzige Speculirende, auch der Fabrikant
speculirt, indem er sich weniger die Waaren als die Kräfte der Menschen
selber dienstbar macht.«
»Aber, verehrte Frau Gräfin, Sie scheinen ganz zu vergessen, daß auch dazu
Capital gehört, ja, und noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht,
als zu einer einfachen Spekulation in Kaufmannsgütern, und wenn man das
Letzte dann darauf gesetzt hätte und es schlüge fehl -- was dann? -- Denken
Sie sich eine Existenz, selbst hier in einer brasilianischen Colonie,
ohne die Mittel zu leben -- denken Sie sich die Möglichkeit daß man bei
diesen frechen und übermüthig gewordenen Bauern gezwungen sein sollte,
ein Anlehen zu erheben; es wäre fürchterlich!«
Die Frau Gräfin schien nicht diese Angst vor einer derartigen Calamität
zu theilen, deren sogenannte »Furchtbarkeit« sie außerdem schon erprobt
hatte, ohne daran zu sterben; aber der Baron brauchte das gerade nicht
zu wissen, und sie fuhr wie überlegend fort. »Dafür ist aber auch dem
Menschen der Verstand gegeben, daß er ihn richtig gebraucht und anwendet,
und sollten die höheren Stände mit allen ihnen zu Gebote stehenden
Mitteln nicht besonders da mehr bevorzugt sein, eine größere und
gediegenere Kraft in die Wagschale zu werfen, als der rohe und
ungebildete Bauer es im Stande wäre?«
»Der rohe und ungebildete Bauer,« erwiederte der Baron achselzuckend,
»hat von dem Schöpfer eine Art von Instinct bekommen, der gerade da
anfängt, wo sein Verstand aufhört, und mit oft unbewußter Benutzung
desselben macht er zu Zeiten die erstaunlichsten und unbegreiflichsten
Dinge möglich.«
»Sie sind eingeschüchtert, lieber Baron,« sagte die Gräfin lächelnd,
indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte.
»Und habe alle Ursache dazu,« seufzte der Baron.
»Sie haben durch eine Reihe von widrigen Zufälligkeiten nicht unbedeutende
Verluste erlitten,« fuhr die Gräfin fort, »das hat Sie kopfscheu gemacht
-- Oskar, ich bitte Dich um Gottes Willen, laß das furchtbare Getöse mit
der Glocke, ich werde wahrhaftig noch ganz nervös --, verlieren Sie
jetzt den Muth, so ist Alles verloren, unwiederbringlich. Bewahren Sie
sich aber die Elasticität Ihres Geistes, so können Sie mit Einem Schlage
alles Verlorene nicht allein wieder einbringen, sondern auch verdoppeln,
ja, vielleicht verdreifachen.«
»Das ist eben was ich bezweifle,« versicherte der Baron; »aber, verehrte
Frau, _haben_ Sie vielleicht einen Plan, denn Ihr ganzes Benehmen
scheint mir nach einem gewissen Ziele hinzustreben -- und wollen Sie
mich zu Ihrem Vertrauten machen, so könnte ich Ihnen, wenn auch
möglicher Weise mit weiter Nichts, doch vielleicht mit gutem Rathe zur
Seite stehen, der oft in nur zu vielen Fällen die Stelle des Capitals
vertritt.«
»Ich habe allerdings einen Plan,« erwiederte die Gräfin, »der aber schon
so weit gediehen ist, daß er des Raths kaum mehr bedarf, denn er basirt
auf Thatsachen, auf Zahlen, auf genauer Kenntniß der Grundlagen. _Wenn_
ihn deshalb noch Etwas fördern kann, so ist es einzig und allein _Capital_.
Doch davon später, lieber Baron, denn ich höre eben meine Tochter
kommen, und Oskar entwickelt heute eine so liebenswürdige Ungeduld, daß
wir das Essen nicht länger warten lassen dürfen.«
Der Baron war zu viel Weltmann, um seiner eigenen Ansicht über »Oskar's
Ungeduld« einen selbstständigen Ausdruck zu geben. Er machte deshalb nur
eine stumme Verbeugung gegen die Gräfin, reichte ihr dann den Arm und
führte sie, wie in seinen schönsten Tagen daheim, die drei Schritte
bis zu dem einfachen Tannentische. Über diesen war aber ein kostbares
Damasttuch gebreitet, auf dem neben den weißen Steinguttellern schwere
englische Löffel und Gabeln lagen, die im Besitze einer Gräfin recht gut
für echtes Silber angesehen werden konnten.
Comtesse Helene betrat in diesem Augenblicke das Zimmer, und Vollrath
hatte sein Spiel beendet und das Instrument geschlossen.
Helene war wirklich ein schönes Mädchen von nicht zu hohem, aber
schlankem und üppigem Wuchse, mit vollem, fast goldblondem Haare und
dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verführerischen Grübchen im Kinn,
und Hand und Arm vollkommen makellos. Das festanschließende, lichtgraue
Kleid von allerdings nur einfach wollenem Stoffe hob ihre Büste so viel
mehr hervor, während die selbst schon hierher gedrungene Crinoline nur
dann und wann einer kleinen, sehr zierlichen Fußspitze gestattete, an's
Tageslicht zu kommen.
»Das gnädige Fräulein sind heute wieder einmal gar nicht fertig
geworden,« empfing sie Oskar, dessen Laune dadurch nicht gebessert
schien, daß Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene beachtete aber
auch den Vorwurf nicht, begrüßte ziemlich förmlich den Baron, nickte
Vollrath freundlich zu, und ging dann, ehe dieser mit sich einig
geworden schien, ob er ihr den Arm bieten solle oder nicht, rasch zu
ihrem Platze am Tische, an dem sie sich, mit einladender Bewegung für
die Übrigen, zuerst niederließ.
Das Diner war so einfach, wie es das Leben in einer solchen Colonie und
die Arbeit einer einzelnen Köchin, die zugleich alle anderen Hausdienste
verrichten mußte, mit sich bringt: Suppe, ein Braten mit zweierlei
Gemüse und etwas eingekochtem Obste, und zum Dessert die vortrefflichen
Orangen und Granatäpfel des Landes.
Niemand machte hier auch größere Ansprüche, oder war an Weiteres
gewöhnt, und das Gespräch drehte sich während der Tafel hauptsächlich um
die neuerwarteten Einwanderer, da sich das Gerücht über deren Ankunft
schon durch die ganze Colonie verbreitet hatte. Ist es doch auch immer
ein Moment für solche Ansiedelung, einen neuen Zuschuß von Fremden zu
bekommen, von denen ein kleiner Theil stets in der Stadt selber bleibt
und vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn bekannt wird man ja
natürlich mit Allen.
Nur Vollrath, der neben Helenen saß, war still und einsilbig, und schien
sich nicht einmal für Oskar's Ansichten, die dieser über brasilianische
Pferde entwickelte, zu interessiren; Oskar sprach überhaupt _nur_ über
Pferde.
Das Diner ging so vorüber -- Oskar plauderte in Einem fort, ob ihm
Jemand zuhörte oder nicht -- der Baron und die Gräfin, in deren Gespräch
sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten sich lebendig, und nur
Vollrath schwieg hartnäckig still. Ein paar Mal schien er freilich den
Mund öffnen zu wollen -- aber es blieb eben immer nur bei dem Versuch,
und Helenen war es nicht entgangen, daß er irgend Etwas auf dem Herzen
trage, was ihn beenge -- wußte sie was es war? Aber so unbefangen sie
sich stets gegen ihn gezeigt, so unbefangen blieb sie auch heute, und
als das Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den Garten gegangen
war, legte sie ruhig und lächelnd ihren Arm in den seinen und sagte:
»Kommen Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf und ab gehen.
-- Oskar ist heute unausstehlich, weil ich ihm in unserem Wettrennen
vorgekommen bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem alten steifen
Baron eine so hochwichtige Besprechung, daß sie alles Andere, was um sie
her vorgeht, zu vergessen scheinen.«
Vollrath schoß das Blut in Strömen in's Gesicht, aber er verbeugte sich
leicht, nahm den Arm und schritt mit der jungen Schönen den Garten
entlang. Helenen aber genügte der beschränkte Raum heute nicht: war es
die Aufregung des scharfen Rittes, war es der Ärger über den Bruder,
kurz, sie stieß die kurze Gartenpforte auf, die an dieser Seite gerade
nach den zu einer Art von Promenade umgewandelten Büschen hinausführte,
und wanderte langsam mit ihrem Begleiter den schmalen Weg entlang, der,
immer in Sicht der Häuser, sich fast um die Ansiedlung schlängelte.
Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank gelegt und rauchte, ein Bein
über das andere gelegt, seine Cigarre, und die Gräfin ging mit dem Baron
wieder in eifrigem Gespräche im Garten auf und ab.
»Aber, verehrte Frau,« sagte der Baron jetzt, »Sie rücken noch immer
nicht mit Ihrem Projecte heraus. Sie reden nur fortwährend von glänzenden,
sorgenfreien Aussichten, von Rückkehr in die Heimath, von -- ich weiß
selber kaum was, und den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im
Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, daß ich einen Mißbrauch damit
treiben und als Ihr Concurrent in irgend einer glücklichen Speculation
auftreten könnte?«
»Mein lieber Baron -- nein, das nicht,« sagte die Gräfin nach einigem
Zögern, »und ich habe auch den Entschluß jetzt gefaßt, Sie zu meinem
Vertrauten zu machen -- vielleicht werden wir doch noch Compagnons,«
lächelte sie dazu.
»Ich bin auf das Äußerste gespannt,« sagte der Baron.
»Sie müssen bemerkt haben,« fuhr die Gräfin fort, »daß mir sowohl wie
Helenen eine Beschäftigung in diesem Lande fehlt.«
Des Barons Blick suchte unwillkürlich die junge Dame, die er gerade noch
durch eine Lücke der Bäume mit ihrem Begleiter erkennen konnte.
»Helene besonders,« fuhr die Gräfin fort, »hat mich schon lange gebeten,
eine leichte Arbeit aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser
hinbringen könne, denn immer Lesen und Clavierspielen geht ja doch auch
nicht, noch dazu in einer so prosaischen und sogenannten praktischen
Umgebung, wie die ist, in der wir uns befinden.«
»Ich werde immer gespannter,« versicherte der Baron, und er hatte die
Augenbrauen schon bis unter den Hut hinaufgezogen.
»Wenn man nun unter so _praktischen_ Leuten fortwährend lebt,« lächelte
die Gräfin, »so ist es wohl ganz natürlich, daß ein klein Wenig davon
auch an unserer Natur hangen bleibt, und ich habe denn auch schon das
ganze letzte Jahr nach der und jener Seite hinüber gehorcht, an was man
im rechten Augenblicke und mit den rechten Mitteln die Hand legen könnte
-- ich glaube, ich habe jetzt gefunden was ich suchte.«
»Sie hätten wirklich?«
»Ich habe gefunden und außerdem die genauesten Erkundigungen deshalb
eingezogen,« fuhr die Gräfin fort, »daß hier im Lande eine ganz enorme
Quantität von _Cigarren_ verbraucht wird, die man sämmtlich mit einem,
zu den Kosten des Rohtabaks in gar keinem Verhältnisse stehenden hohen
Preise bezahlt.«
»_Cigarren_?« fragte der Baron erstaunt.
»Nun sind gerade gegenwärtig eine Menge junger Leute hier in der Colonie
-- und es werden mit dem Schiffe noch mehr erwartet -- von denen viele,
besonders alle aus Bremen stammende, Cigarren zu drehen verstehen. Hier
auf diesem Zettel finden Sie außerdem den Preis guten Blättertabaks genau
zusammengestellt, eben so die Löhne für die Fabrikarbeiter, die nach dem
Hundert oder Tausend bezahlt werden. Eine Cigarre nur einigermaßen guten
Tabaks ist aber hier nicht unter zwanzig Reis das Stück zu bekommen, und
nun berechnen Sie selber, welcher enorme Nutzen dem Fabrik_herrn_ werden
muß, wenn die Sache nur ein klein Wenig in's Große getrieben wird.«
»Hm,« sagte der Baron, der aber doch nur einen flüchtigen und
zerstreuten Blick über das Papier warf, »und mit etwas Derartigem
wollten Sie sich befassen?«
»Und warum denn nicht?« sagte die Frau Gräfin, indem sie einer leichten
Verlegenheit Meister zu werden suchte. »Wir müssen in der That eine Art
von Beschäftigung haben, wenn wir hier nicht vor Langerweile sterben
sollen, und Helene sehnt sich so danach, ja selbst Oskar, der jetzt vor
lauter Muthwillen gar nicht weiß, was er für Tollheiten angeben soll.«
Der Baron Jeorgy war in der That Nichts weniger auf der Welt als ein
praktischer Charakter, der auf einen gewissen Überblick Anspruch machen
konnte, um wirklich Ausführbares von bloßen Chimären zu unterscheiden.
Hatte er aber schon zu viele bittere Erfahrungen mit ähnlichen Projecten
gehabt, oder war es ihm vollkommen unmöglich, sich die Comtesse Helene
und den jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigarrenmacher zu denken,
aber er schüttelte doch ganz ernsthaft und bedenklich mit dem Kopfe und
sagte:
»Aber, gnädigste Frau Gräfin, haben Sie sich denn die Sache wirklich
schon recht genau überlegt, und vermuthen Sie, daß Sie einen, alle dem
Ärger und der Schererei entsprechenden Nutzen daraus ziehen könnten?«
»Mein lieber Baron,« erwiederte die Gräfin lebhaft, »das können Sie sich
doch wohl denken, daß ich ein solches Unternehmen nicht entriren würde,
wenn ich mich nicht vorher gründlich damit bekannt gemacht. Helene
brennt ordentlich darauf zu beginnen, und Oskar selber hat versichert,
daß es ihm ungeheuren Spaß machen würde, selber Cigarren zu drehen.«
»So? In der That? Hm! Und haben die beiden jungen Herrschaften also
darin schon einen Versuch gemacht?«
»Jetzt schon -- wo denken Sie hin?« lachte die Gräfin. »Das _selber_
Cigarren machen muß doch auch immer nur Nebenbeschäftigung bleiben,
wenn es vielmehr darauf ankommt, eine große Anzahl von Arbeitern zu
überwachen. Aber es ist nöthig, daß es Jeder von uns versteht, um etwa
vorkommende Fehler andeuten und rügen zu können, und deshalb wollen wir
auch Alle ordentlich mit zugreifen.«
Der Baron, die Hände auf den Rücken gelegt, nickte langsam und bedächtig
mit dem Kopfe, und manchmal schüttelte er ihn auch ganz in Gedanken,
aber er sagte kein Wort. Es entstand dadurch für die Gräfin eine etwas
peinliche Pause, denn sie hatte erwartet, daß der Baron die Enthüllung
dieses Planes mit mehr Enthusiasmus aufnehmen würde. Der Baron blieb
aber vollkommen kalt, und schien nicht die geringste Lust zu haben auch
nur eine Bemerkung zu machen.
»Und was sagen Sie dazu?« unterbrach endlich die Gräfin das ihr lästig
werdende Schweigen. -- Der Baron zuckte die Achseln.