»Je mehr wir von fremden Ländern sehen, und wenn sie selbst ihre größte
und schönste Pracht entfalten, desto mehr fühlen wir doch immer, daß
sie uns die Heimath nie ersetzen können -- aber um das zu fühlen, dazu
gehört eine gewisse Quantität Gemüth, und es ist äußerst interessant zu
beobachten, auf welche verschiedene Art und Weise sich das auch bei den
verschiedenen Naturen äußert, und wie es ausbricht. Jeder Mensch bildet
sich nämlich dazu eine gewisse Entschuldigung, und die am Meisten
poetische hat stets das Gemüth der Frauen, auch wenn sie den niedrigsten
Classen angehören. Bei diesen ist es das Grab der Eltern oder das eines
Kindes, die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erste Heimath
bildete, zu dem sie sich zurücksehnen; der Brunnen, an dem sie Wasser
holten, die alte Linde vor der Pfarrwohnung, wo sie vielleicht zum
ersten Male mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die sie sich um so
viel lieber erinnern, weil _der_ Mann gerade damals so viel anders war,
als er jetzt ist -- der kleine Garten, den sie bestellt, das Vieh
selber, das sie groß gezogen, das Alles hat seinen Anhaltspunkt noch
lange nicht verloren, und ob sie Vieles hier mit der Zeit besser und
bequemer finden mögen, es zieht sie doch mit einem ganz eigenen Gefühle
zurück zu den alten Verhältnissen. Der Mann dagegen -- ich meine hier
den gewöhnlichen Bauer -- hat wieder einen ganz andern Ankergrund für
sein Heimweh. Er denkt, wenn er sich Deutschland in's Gedächtniß
zurückruft, meist immer an seine heimische Schenke, an das Bier und eine
Menge anderer prosaischer Dinge, zu denen aber doch trotzdem die alte
Linde und der alte Kirchthurm den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine
»Freundschaft,« wie er die Verwandten nennt, zieht ihn weniger zurück;
der Bauer lebt eigentlich nie recht in wirklichem Frieden mit seinen
Verwandten, und die Sehnsucht nach ihnen ist deshalb auch nie
außergewöhnlich. Den gebildeten Mann zieht dagegen mehr ein geistiges
Bedürfniß, als das bloße Gemüth, nach der Heimath zurück.«
»Den gebildeten Mann zieht gewöhnlich das zurück,« sagte Könnern, »daß
er in dem fremden und überseeischen Lande selten eine passende oder ihm
wenigstens zusagende Beschäftigung findet, die ihn hinreichend ernährt.
Kaufleute natürlich ausgenommen, die überall daheim sind und auch herüber
und hinüber ziehen, sieht sich der, der daheim gewohnt war, mehr mit
seinem Kopfe als mit seinen Fäusten zu arbeiten, in nur zu häufigen
Fällen allein auf die letzteren angewiesen. Das gefällt ihm nicht, eine
Quantität Gemüth kommt dazu und das Heimweh ist fix und fertig.«
»Sie haben wohl Recht,« nickte der Director, »und nicht allein das
Heimweh, sondern auch zugleich die Unzufriedenheit mit allen sie
umgebenden Dingen, die, der Meinung jener Leute nach, für _sie_ nicht
passen, während sie selber es sind, die sich nicht hineinfinden können
oder wollen. Davon weiß ein armer Director am Besten zu erzählen, denn
gerade in _meiner_ Colonie bin ich mit einer Classe von Menschen
geplagt, die meist alle das Jahr 1848 von Deutschland herüber gescheucht
hat, und die jetzt auf Gottes Welt nicht wissen was sie mit sich angeben
sollen.«
»Sie scheinen hier wirklich eine Art von #haute volée# zu haben,«
lächelte Könnern, »denn außer jener Frau Gräfin sah ich heute Morgen
auch noch eine reizende junge Dame, die im Carriere vorüber flog.«
»Sie wird nächstens einmal ihren reizenden Hals brechen,« meinte der
Director trocken; »jene Beiden gehören aber zusammen, denn die junge
Dame ist die Comtesse, die Tochter der Gräfin. Da haben Sie also heute
gleich die _Spitze_ der Gesellschaft, den sogenannten #crême# gesehen.
Außerdem aber sind wir noch mit einer Anzahl von Titular-Honoratioren
geplagt, die voller Ansprüche stecken, und wie der Engländer ganz passend
sagt: #neither for use nor ornament#, weder zum Nutzen, noch zur
Verzierung der Colonie dienen. Doch mit diesen Herrschaften werden Sie
selber wohl näher bekannt werden, wenn Sie sich länger in unserer
Colonie aufhalten, und nur _einen_ Rath muß ich Ihnen schon jetzt geben,
ehe er zu spät kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.«
Könnern lachte gerade hinaus.
»Fällt Ihnen die Warnung bei den Honoratioren ein?« sagte er.
»Allerdings,« erwiederte der Director ganz ernsthaft; »der Bauer, wenn
er Geld braucht, wendet sich einfach an die Regierung um Subsidien, die
ihm nur in Ausnahmefällen abgeschlagen werden und für deren Rückzahlung
er mit seinem Lande haftet. Unsere #haute volée# dagegen ist viel zu
stolz an etwas Derartiges nur zu denken, hat auch in leider sehr vielen
Fällen entweder kein Land, oder doch schon eine Menge von
stillschweigenden Hypotheken darauf aufgenommen.«
»Aber sie werden doch wahrhaftig keinen wildfremden Menschen anborgen?«
»Es giebt dafür verschiedene Auswege,« meinte der Director, »und
Menschen, die sich sonst in den einfachsten Verhältnissen nicht zu
helfen wissen, entwickeln gerade in dieser Branche eine erstaunliche
Mannichfaltigkeit.«
»Aber weshalb wandern solche Menschen,« sagte Könnern, »die doch
von vorn herein wissen sollten, daß sie für derartige Arbeit und
Beschäftigung nicht passen, eigentlich nach einem wilden Lande aus? An
Büchern fehlt es wahrlich nicht, die ihnen ziemlich deutlich sagen, was
sie in der neuen Welt -- ob sie nun Amerika, Australien oder sonst wie
heiße -- zu erwarten haben. Sie _können_ sich darüber nicht täuschen,
wenn sie überhaupt Deutsch verstehen.«
»Und doch thun sie es,« sagte der Director, »und zwar meist aus dem ganz
einfachen und in jedem andern Falle schätzenswerthen Grunde, daß sie
eine sehr gute Meinung von sich selber haben. Ich _kann_ Alles was ich
_will_, sagen sie, bedenken aber dabei gar nicht, daß sie nicht Alles
_wollen_ was sie _können_, denn es _kann_ natürlich ein Jeder, wenn er
nicht gerade einen überschwächlichen Körper mitbringt, Handarbeit
verrichten; aber wie die Vorsätze auch daheim gewesen sein mögen, hier
machen sie nicht einmal den Versuch dazu, und _wenn_ sie ihn machen,
bleibt es auch gewiß immer bei dem Versuche. Es ist und bleibt ein
wunderliches Volk, und wenn ich erst einmal nicht mehr Director bin,
was, wie ich hoffe, nicht mehr lange dauern wird, so glaub' ich, daß ich
mich sogar prächtig dabei amüsiren werde, sie in ihrem eigenthümlichen
Treiben und Wirthschaften zu beobachten. Jetzt aber halten sie mir die
Galle fortwährend in Gährung, und dabei kann natürlich der beste Humor
nicht aufkommen, ohne seine bestimmte Partie Gift mit anzunehmen. Sehen
Sie, da kommt gleich Einer davon; sieht der Mensch aus, wie ein
brasilianischer Pflanzer?«
Um die eine Ecke bog in diesem Augenblicke ein Herr, der -- wenn die
Sommer-Beinkleider nicht ein klein wenig zu kurz gewesen wären -- in dem
Anzuge recht gut hätte an einem schönen Nachmittage unter den Linden in
Berlin spazieren gehen können. Er trug vollkommen moderne Tuchkleidung,
einen Cylinderhut, einen Regenschirm, der hier auch besonders gegen die
Sonne benutzt wurde, und im Knopfloche den rothen Adlerorden vierter
Classe.
Als er den beiden Herren begegnete, lüftete er den Hut mit einer sehr
förmlichen, aber auch sehr vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne
Miene zu einem weitern Gruße zu machen, stolz vorüber.
»Und wer war das?«
»Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus einer sehr alten Familie,
der mit der Idee herüber kam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er
übernahm eine allerliebst gelegene Colonie -- Sie müssen heute Morgen
daran vorbei gekommen sein.«
»Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo ein reizendes junges Paar von
brasilianischer Abstammung wohnt?«
»Ganz recht, Köhler's Chagra, wie der Platz jetzt heißt -- und er
_ver_wirthschaftete das Gut in unglaublich kurzer Zeit dermaßen, daß es
zuletzt wenig mehr als eine Wildniß war. Er mußte es endlich verkaufen,
denn es trug ihm nicht einmal mehr die Kosten, und natürlich konnte
Niemand weiter daran schuld sein als der Director, da ihm dieser noch
dazu nicht einmal mehr Geld darauf vorstrecken wollte. Er ist seit der
Zeit wüthend auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so viel
höflicher geworden, und ärgert sich nur, daß ich von seinen
Verleumdungen gegen mich nicht die geringste Notiz nehme.«
»Guten Morgen, Herr Director!« unterbrach in diesem Augenblicke ein
junger Mann das Gespräch, der sie überholt hatte und rasch an ihnen
vorüberschritt. Er grüßte dabei sehr ehrfurchtsvoll, schien sich aber
nicht lange in seines Vorgesetzten Nähe aufhalten zu wollen, dem er
vielleicht unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er bog rasch in die
nächste Querstraße ein und verschwand in einem der Gärten.
»Der junge Herr,« sagte Könnern, »scheint stark gefrühstückt zu haben.
Sein ganzes Äußere sah wenigstens danach aus.«
»Ein anderer Fluch unserer Colonie,« seufzte Sarno, »das war unser
Schullehrer.«
»Der Schullehrer? Er kann höchstens zweiundzwanzig Jahre alt sein.«
»Und nicht allein ist er _trotzdem_, sondern gerade _deshalb_
Schullehrer,« sagte der Director; »unser deutscher Bauer ist nämlich von
Haus aus und von klein auf so daran gewöhnt worden, den »Schulmeister«
als ganz untergeordnete Persönlichkeit zu betrachten und danach
natürlich auch die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, daß ihn für
diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll, und er förmlich
gezwungen werden muß, die Kinder in die Schule zu schicken. Das Loos
eines Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt beneidenswerth, und
nur daheim, wo Leute von Jugend auf dazu erzogen werden und dann später
keine andere Laufbahn mehr einschlagen _können_, finden sich immer
genügende Kräfte. Hier dagegen, wo Jeder sein Brod weit besser und
sorgenfreier verdienen kann, der nur irgend seine Knochen gebrauchen
will, denkt gar Niemand daran, sich zu dem fatalen und außerdem noch
schlecht gelohnten Amte eines Schullehrers herzugeben, der nicht
nothgedrungen _muß_. Das aber sind denn meist junge Leute, Studenten
oder Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu vor Hacke und
Spaten haben, und nur, um nicht zu verhungern, sich gerade für so lange
der »Beschäftigung« eines Schullehrers unterziehen, als sie nichts
Anderes und Besseres zu unternehmen wissen. So wie sie aber etwas
Besseres finden, kann man sich auch fest darauf verlassen, daß sie der
Gemeinde kündigen -- manchmal gehen sie sogar ohne Kündigung fort, und
wie nachtheilig ein so steter Wechsel -- den eigentlichen mangelhaften
Unterricht nicht einmal gerechnet -- auf die Kinder wirken muß, läßt
sich ja denken und liegt klar zu Tage.«
»Zu Zeiten trifft es sich, daß wir trotz allem Dem einen ordentlichen
Mann, wenigstens für Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule haben.
Dieses Mal freilich meldete sich, als die Kinder schon drei Wochen ohne
den geringsten Unterricht gewesen waren, ein möglicher Weise irgendwo
durchgebrannter Handlungsdiener für die Stelle, die man ihm auch
»auf Probe« überließ, und da der gute Mann den brasilianischen Wein
merkwürdiger Weise trinken kann, benutzt er jeden freien und nicht
freien Augenblick, um über die Stränge zu schlagen.«
»Und auf die Art,« lachte Könnern, »warten beide Parteien gegenseitig,
ob sie einander nicht bald wieder los werden können?«
»Allerdings,« erwiederte der Director, »hier aber haben wir jetzt das
Ziel unseres Spaziergangs -- das Auswanderungshaus erreicht, das ich
doch heute Morgen einmal besuchen und Ihnen gleich zeigen wollte. Hier
sehen Sie die Einwanderer untergebracht, welchen, der furchtbaren
Nachlässigkeit unserer Provinzialregierung zufolge, noch keine Colonie
-- d. h. kein eigenes Land für ihre Arbeit -- angewiesen werden konnte,
und die hier auf Staatskosten gefüttert werden müssen, bis Ihr Freund
die nöthigen Landstrecken für sie vermessen haben wird. Aber treten wir
ein. Sie sehen da Alles viel besser, als ich es Ihnen sagen könnte.«
Könnern sah vor sich ein langes, fast ovales Gebäude, aus Pfählen oder
eingerammten Stämmen aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils mit
Ziegeln, an einigen Stellen sogar mit Schilf und Reisig nothdürftig
gedeckt, um das herum es von den abenteuerlichsten Gestalten wimmelte.
Alle waren Deutsche, darüber blieb dem Fremden auch nicht der geringste
Zweifel, denn die flachsköpfigen Kinder nicht allein, nein, Männer und
Frauen selbst in ihren alten heimischen Trachten verläugneten ihr
Vaterland nicht einen Augenblick.
Ihre Beschäftigung war aber ziemlich genau dieselbe wie die jenes
Theiles, den der Director in seine eigene Wohnung genommen hatte, nur
daß hier entschieden mehr Männer einquartiert schienen. Der innere
weite Raum, wo nicht die unpraktischen riesigen Auswanderer-Kisten
aufgeschichtet standen, war mit ihnen ordentlich angefüllt, denn in der
heißen Tageszeit hatten sie den Schatten des luftigen Gebäudes gesucht,
während die Frauen hier und in der Sonne draußen arbeiten konnten, so
viel sie eben Lust hatten.
Als der Director übrigens mit dem Fremden den innern Raum betrat,
erhoben sich die Meisten von ihrem rauhen Lager und nahmen die Mützen
ab, denn der »Herr Director« war ja die erste Person in der Colonie, und
mit dem durften sie es also schon nicht verderben.
»Nun, Leute,« sagte Herr Sarno nach der ersten flüchtigen Begrüßung,
»nun werdet ihr bald Euer Land bekommen können, denn heute hat die
Regierung endlich Jemanden hergesandt, der Euren Grund und Boden
vermessen soll. Haltet Euch nur bereit, daß einige Familien von Euch
gleich ausrücken können, so wie eine Anzahl von Colonien vermessen ist.
Ihr werdet das Herumliegen hier wohl auch satt haben?«
»Na, es geht, Herr Director,« lachte der eine Mann; »wenn wir's im Leben
nicht schlechter kriegen, läßt sich's aushalten -- aber froh wollen wir
doch sein, wenn wir einmal wieder für uns arbeiten dürfen. Das faule
Leben hat auch keine rechte Art und eigentlich schon ein Bißchen zu
lange gedauert.«
»Hier geht's auch schmählich eng zu,« sagte ein Anderer, »beinah wie auf
dem Schiff, und der Müller da drüben, der macht sich mit seiner Familie
auch noch so breit, daß wir Anderen lieber hinaus vor die Thür möchten,
damit der große Herr nur Platz hat.«
»Ja, Du darfst auch noch räsonniren, Du Lumpenkerl,« erwiederte eine
tiefe Baßstimme aus der Ecke, »wenn wir lauter solch Gesindel wären,
wie....«
»Ruhe!« unterbrach ihn der Director, »haltet mir Frieden hier, das sag'
ich Euch, denn der Erste der Streit anfängt, wird ohne Weiteres auf das
nächste Schiff gesetzt und wieder aus der Colonie geschickt. Wir wollen
hier Frieden haben, und wer sich dem nicht fügen will, mag gehen.«
»Aber der Müller....«
»Haltet Euer Maul!« fuhr ihn der Director an; »wenn Ihr eine gegründete
Klage habt, so wißt Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden sollt, und zu
welcher Zeit, und daß Ihr dann Eure Zeugen mitzubringen habt. Einfache
Klatschereien will ich und werd' ich nicht anhören. Was fehlt denn der
Frau da, die dort in der Ecke liegt?«
»Schlecht ist ihr's,« sagte eine andere Frau, die neben ihr saß und ihr
gerade aus einem großen Topfe zu trinken gab; »sie hat sich den Magen
verdorben an den vielen Apfelsinen.«
»Ist denn der Doctor heute noch nicht hier gewesen?«
»Der Doctor? Ja, der kommt schon lange nicht, wenn man ihm nicht erst
das Haus einläuft,« sagte eine andere Frau; »meine Kathrine, der war's
gestern auch so elend zu Muthe -- daß er auch nur einmal nach ihr
gesehen hätte -- und wie ich ihn darum gebeten habe!«
»So?« sagte der Director, »nun, in einer halben Stunde soll er hier
sein, das verspreche ich Euch -- wie viele von Euch haben denn in der
Woche mit am Wege gearbeitet?«
Keine Antwort -- die ihm Nächsten schienen die Frage eben nicht gern zu
hören.
»Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?«
»Na, der Niklas,« sagte die eine Frau, »hat zwei halbe Tage, und der
Christoph, der hat gestern Nachmittag angefangen, und Schultze's Elias,
der muß schon den Donnerstag oder Freitag hinaus gegangen sein.«
»Da haben Sie's!« sagte der Director zu Könnern; »Monate lang liegen
die Menschen hier auf der faulen Haut und leben von den Subsidien oder
Unterstützungen, die ihnen der Staat verabreicht, also von Geldern, die
sie nach fünf Jahren wieder zurückerstatten müssen. Wo ich ihnen aber
eine Gelegenheit geboten habe, selber für sich Etwas zu verdienen, wenn
sie nur die faulen Knochen rühren sollen, glauben Sie, daß da Einer
gutwillig mit angriffe? Gott bewahre! Wenn ihnen der Polizeidiener nicht
auf dem Nacken sitzt, rühren sie kein Glied, und wenn es eine Arbeit
wäre, die sie nur zu ihrem eigenen Besten thun sollen und noch außerdem
extra bezahlt bekommen. 's ist, weiß es Gott, eine Freude, mit solchen
Menschen zu thun zu haben!«
»Herr Director,« sagte in diesem Augenblicke ein kleiner ältlicher Mann
in einem wunderlichen Costüme, das er von allen Ständen der menschlichen
Gesellschaft zusammengeborgt zu haben schien, indem er den Director an
einem Ärmel zupfte, »das Essen ist gleich fertig -- Sie möchten nach
Hause kommen.«
»Ah, Jeremias,« sagte Sarno, sich nach ihm umdrehend; »schickt Dich die
Kathrine herüber?«
»Ja, Herr Director,« sagte der Mann, einen hohen Seidenhut, um den eine
Art von Livreeband befestigt war, unter den Arm drückend, »und das
Schiff ist auch unten.«
»Das Schiff? Was für ein Schiff?«
»Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.«
»Neue Auswanderer?« rief der Director erschreckt.
»Die Gesina,« nickte der Mann; »der Herr Director haben ja schon lange
davon gesprochen. 's ist gerade vor der Barre gesehen worden und der
Capitain wird heute Abend herauf kommen.«
»Na, das hat gerade noch gefehlt!« seufzte Sarno; »das Haus hier ist
schon zum Überlaufen voll, und dazu noch eine frische Gesellschaft, eine
neue Zufuhr -- das wird angenehm!«
»Und die Suppe?«
»Darf nicht kalt werden. Du hast Recht, Jeremias. Sag' nur der Kathrine,
daß wir den Augenblick hinauf kommen. Ist der fremde Herr schon da?«
»Eben angekommen. Er sitzt oben in der Stube.«
»Gut -- also melde nur daß wir gleich kommen, und halt -- spring hinüber
zum Doctor -- _Ich_ lasse ihm sagen, augenblicklich hierher zu kommen.
Verstanden?«
Auf das Wort drehte sich das kleine Männchen um, machte noch eine ganz
eigenthümliche Krümmung des Körpers, was als Verbeugung gelten sollte,
und verschwand dann blitzschnell durch die Thür. Könnern hatte nur eben
noch Zeit, zu bemerken, daß seine Beinkleider jedenfalls für eine andere
Person zugeschnitten und gemacht sein mußten -- wonach sie die andere
Person denn auch so lange getragen haben mochte, wie ihr gut dünkte. Für
Jeremias waren sie aber viel zu lang und unten in einem wahren Wulste
umgelegt und aufgekrempelt. Er besaß außerdem -- wenigstens glaubte es
Könnern bei seinem ersten Erscheinen -- brennend rothes Haar von einer
ganz auffallenden Färbung, und als die kleine Gestalt sich zwischen den
verschiedenen Gruppen der Auswanderer, zwischen Kochtöpfen, Kisten und
in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm durchwand, leuchtete sein
Haar ordentlich irrwischartig, bis er draußen in den Buchen verschwand.
»Da haben wir's!« sagte aber der Director, mit ganz anderen Gedanken
wie mit Jeremias beschäftigt; »jetzt geschieht, was ich schon lange
befürchtet habe. Das Auswanderungshaus, selbst meine eigene Wohnung
gefüllt, -- keinen Fuß breit Land vermessen, den neuen Colonisten einen
eigenen Fleck Grundeigenthum anweisen zu können, kommt noch eine
Schiffsladung frischer Kräfte dazu, und _was_ ich indessen mit denen
machen soll, weiß Gott!«
»Und ist denn das nicht Sache des Präsidenten der Provinz,« fragte
Könnern, »stets Land genug vermessen zu haben, um die Einwanderer
unterbringen zu können?«
»Allerdings ist es das, aber unser Präsident, -- ein braver, guter
Mann, der es wirklich ehrlich meint -- ist schon seit längerer Zeit
schwer krank, und seine Frau -- ein intrigantes, coquettes Frauenzimmer
-- regiert indessen nach Herzenslust und hat eine Masse nichtsnutziger
Protégés, die sie unter jeder Bedingung unterbringen _will_ und
unterbringt. So schickte sie mir vor sechs Monaten einen Kerl hieher
-- ich habe keinen andern Namen dafür -- der das Land vermessen sollte,
und nicht mehr davon verstand wie der Junge da. Glücklicher Weise faßte
ich gleich Verdacht, paßte ihm auf und jagte ihn, wie ich merkte
was an ihm war, wieder zum Teufel; er hätte uns sonst hier eine
Heidenverwirrung angerichtet. Die Frau Präsidentin ist aber natürlich
jetzt wüthend auf mich.«
»Und leidet das die Regierung in Rio?«
»Lieber Gott, einesteils erfährt sie nie den wahren Thatbestand,
und dann ist es auch wirklich für sie schwer, gegen einen einmal
eingesetzten höhern Beamten ernstlich einzuschreiten, so lange nicht
directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen Sie aber einmal von der
Colonie Santa Clara aus den Präsidenten, der in Santa Catharina sitzt,
oben in Rio de Janeiro -- die Geschichte wäre gleich von vorn herein so
weitläufig, daß man sie doch in Verzweiflung aufgeben würde, wenn man
auch wirklich hoffen dürfte Etwas auszurichten -- was man aber außerdem
_nicht_ darf. Doch unsere Suppe wird wahrhaftig kalt und die Kathrine
nachher böse -- also vor allen Dingen zum Essen« -- und Könnern's Arm
ergreifend, führte er ihn rasch der eigenen Wohnung zu.
Unterwegs hielten sich die Beiden auch nicht auf. Nur ein einziges Mal
blieb Könnern stehen, und den Arm gegen einen der kleinen Hügel
ausstreckend, sagte er:
»So viel ist sicher, nur der Deutsche und der Engländer -- vielleicht
auch noch der Holländer -- hat den richtigen Sinn für eine nicht allein
bequeme, sondern auch freundliche Umgebung seiner Heimath, baut sich
sein Nest in Büsche und Blüthen hinein und pflanzt Rosen vor seine Thür,
während besonders der Amerikaner höchstens einen Gemüsegarten daneben
dulden würde. Sehen Sie nur, was für ein wunderbar romantisches
Plätzchen sich jener Ansiedler wieder gewählt hat, dessen kleines Haus
nur eben aus dem dunklen Grün der Büsche auf jenem Hügel da drüben
herausblinzt.«
»Ah, Sie meinen unseres Einsiedlers Villa,« lächelte der Director; »die
Aussicht von seinem Hause aus hat er übrigens ganz zufällig bekommen,
denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz so vollständig, daß man von
unten aus keine Ahnung hatte, dort oben sei eine menschliche Wohnung.
Neulich nun warf der Sturm die kleinen Palmen um und das Haus bekam
dadurch, wahrscheinlich vollkommen gegen den Willen seines Eigenthümers,
eine reizende Aussicht.«
»Gegen seinen Willen?«
»Ich glaube, ja. Der Mann heißt Meier und lebt mit Frau und Tochter,
einem jungen Gärtner und einer alten Dienstmagd, die sie hier angenommen,
fast ganz abgeschieden von der Colonie und verkehrt fast mit Niemandem.
Jammerschade noch dazu, denn das wäre in der That eine Familie, mit der
man einen angenehmen Umgang haben _könnte_; aber man darf sich doch auch
nicht aufdrängen, und da er mich, obgleich ich drei- oder viermal oben
bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder besucht hat, so muß ich
wohl annehmen, daß er es lieber sieht, wenn ich _meine_ Besuche _nicht_
wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn auch gethan. -- Aber
da sind wir -- sehen Sie, da oben steht die Kathrine schon am
Treppenfenster -- ja, ja, Alte, wir kommen schon. Was so eine alte
Person für eine Tyrannei ausübt, wenn man einmal ein paar Minuten zu
spät zum Essen kommt!«
3.
Bei der Frau Gräfin.
Die Frau Gräfin Baulen hatte des Directors Haus etwas in Aufregung
verlassen, und der Gedanke daran, oder etwas Anderes auch vielleicht,
lag ihr schwer auf dem Herzen, als sie ihrer eigenen Wohnung wieder
zuschritt. Sie ging wenigstens mit auf den Boden gehefteten Blicken und
erwiederte den Gruß etwa Begegnender nur mit einer leisen Beugung des
Kopfes, ohne zu ihnen aufzusehen.
So erreichte sie endlich das kleine freundliche Gebäude, das, von einem
Garten umschlossen, an der äußersten Gränze der Ansiedelung lag, und
wollte eben dasselbe betreten, als die beiden Reiter, ihr Sohn und ihre
Tochter, wie sie durch den ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden
Hufen die Straße herabfegten, und dicht vor dem Hause ihre Thiere so
rasch herumwarfen, daß sie die alte Dame fast gefährdet hätten.
»Aber Helene, aber Oskar!« rief sie entsetzt, indem sie rasch das
Gartenthor zwischen sich und die Pferde brachte -- »Ihr reitet ja wie
die Wahnsinnigen, und seht gar nicht wohin Ihr rennt! Daß Ihr die Thiere
dabei ruinirt, scheint Euch ebenfalls nicht im Mindesten zu kümmern!«
»Nicht böse, Mütterchen, nicht böse,« lachte Helene, indem sie den Hals
ihres noch immer tanzenden und courbettirenden Schimmels klopfte; »Oskar
behauptete aber, daß sein Rappe flüchtiger wäre als meine Sylphide, und
da habe ich ihm eben das Gegentheil -- aber, Sylphide -- ruhig, mein
Herz, ruhig -- wie wild sie nur geworden ist, weil ich sie die beiden
letzten Tage nicht geritten habe!«
»Du hattest von Anfang an einen Vorsprung,« rief Oskar, »sonst wärest
Du mir wahrhaftig nicht vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim
Abreiten einen von meinen Sporen, was mich auch aufhielt.«
»Einen von Deinen silbernen Sporen?« rief die Frau Gräfin.
»Ja -- aber er wird sich schon wiederfinden,« sagte der junge Bursche
gleichgültig. -- »Heh, Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige
Schlingel nun wieder steckt, daß er die Pferde nehmen könnte.
-- Gotthelf!«
»Ja -- komme schon,« antwortete eine Stimme, die dem ungeduldigen Rufe
des jungen Mannes in keineswegs entsprechender Eile zu sein schien.
Gleich darauf schlenderte auch ein Bauernbursche, dessen reines,
grobleinenes Hemd allein an ihm den Sonntag verkündete, beide Hände in
den Taschen, um die Hausecke und kam langsam näher.
»Na, Du fauler Strick, kannst die Beine wohl nicht ein Bischen in die
Hand nehmen?« rief ihm der junge Graf entgegen -- »es wird wahrhaftig
immer besser. Soll ich Dich etwa in Trab bringen?«
»Brrrrrr!« erwiederte Gotthelf mit unerschütterlicher Ruhe, indem er
seine Schritte nicht im Geringsten beschleunigte; »gehen Sie nur nicht
durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde nicht scheu.«