»Direct zum Director,« lachte Günther, »der wird uns dann sc

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Die Colonie.

Brasilianisches Lebensbild

von

Friedrich Gerstäcker.

Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.

Erster Band.

Leipzig,

_Hermann Costenoble_.

1864.

Inhalts-Verzeichniss.

Seite

_Erstes Kapitel_.

Die Colonie Santa Clara 7

_Zweites Kapitel_.

Der Director 29

_Drittes Kapitel_.

Bei der Frau Gräfin 68

_Viertes Kapitel_.

Die »Meierei« 102

_Fünftes Kapitel_.

Elise 135

_Sechstes Kapitel_.

Zuhbel's Chagra 167

_Siebentes Kapitel_.

Die neuen Colonisten 195

_Achtes Kapitel_.

Die Einquartierung 226

_Neuntes Kapitel_.

Ein Abend in der Colonie 258

_Zehntes Kapitel_.

Eine Familienscene 289

1.

Die Colonie Santa Clara.

Von Osten her strich die frische Seebrise über das weite, wellenförmige

Land, schaukelte die einzelnen Palmen, die auf der Lichtung standen, und

schüttelte von den Orangenbäumen nicht allein die überreifen Früchte,

sondern auch manche Blüthe herab, unter der sich schon wieder die junge

Frucht gebildet hatte. Ein würziger Duft wehte dabei über den ganzen

Bergeshang, der sich hie gerade und neben einer kleinen, freundlichen

Wohnung oder Chagra dem Thale zu öffnete, und zwei Reiter, die den

schmalen Waldweg herüber gekommen waren, hielten überrascht ihre Pferde

an, als sie das entzückende Bild erblickten, das sich unter ihnen

ausbreitete.

Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur noch viel näher gerückt,

als es in der That lag, füllte ein kleines Städtchen -- die deutsche

Colonie Santa Clara -- den ebenen Theil des nicht breiten Thales aus,

der vollkommen gelichtet war, und nach allen Richtungen hin, wie durch

Adern, von schmalen, gelben Wegen durchschnitten wurde, während die

Häuser, wohl in Straßen ausgelegt, aber doch noch einzeln aufgebaut,

über die ganze Fläche hin zerstreut standen. Mit ihren lichten Farben

und rothen, meist neuen Ziegeldächern stachen sie aber um so lebendiger

von dem saftigen Grün ab, das die sie umschließenden Gebüsche trugen,

während in der Ferne, nach Süd, Süd-Ost und Osten, drei scharf

abgeschiedene Gebirgsschichten zuerst in dunkelm Grün, dann in

blaugrüner Färbung und zuletzt in einem duftigen Lichtblau den

Hintergrund bildeten.

Nur nach Süd-West öffnete sich die sonst vollkommene Gebirgslandschaft

ein wenig, und eben genug, um in blauer Ferne das Meer mit seinem scharf

abgegränzten Horizonte zu zeigen, und man erkannte, selbst von hier aus,

deutlich, wie die verschiedenen Gebirgshänge, je mehr sie sich dem

Seestrande näherten, niedriger wurden. Nur die gelben Sanddünen des

Strandes selber ließen sich nicht erkennen, denn an den abschüssigen

Hängen war noch Nichts gelichtet, und nur die weiten Umrisse der höheren

Partien schloß der Wald in seinen grünen Rahmen.

Wieder und wieder flog der Blick der beiden Reiter aber zu der kleinen

Ansiedlung zurück, die auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete,

und während in dem Walde selber die tropische Vegetation von dem weit

stärkeren Laubholze verdeckt oder überschattet wurde, konnte ihnen nicht

entgehen, wie gerade nahe bei den Häusern der tropische Charakter der

Landschaft sorgfältig gewahrt und erhalten war.

Die deutschen Einwanderer hatten nämlich, als sie den Wald in offenes

Feld verwandelten, daheim schon zu viel von den »wehenden Palmen

Brasiliens« gehört, und hier und da auch wohl in ihrer Art davon

geschwärmt -- denn der Bauer ist _nie_ Phantast -- um jetzt gleich die

Axt an die ersten zu legen, die ihnen in den Weg traten. Wo sie ihr Haus

aufrichteten oder ihren Garten umzäunten, ließen sie manche von diesen

stehen, und hier und da bequemte sich auch wohl ein Einzelner, selbst in

seinem Felde um die Wurzeln derselben herumzupflügen, nur um von seinem

Fenster aus die stattlichen, schlanken Stämme sehen zu können.

Reizend gelegen war selbst die kleine Chagra[1], vor der sie hielten,

und eine schönere Fernsicht hätte der Eigenthümer wohl kaum in der

ganzen Nachbarschaft finden können. Ebenso hatte er sein kleines

Häuschen mit Geschmack gebaut, so einfach es auch sonst sein mochte, und

der Platz schien nach Allem, was man auf den ersten Blick davon sehen

konnte, neu eingerichtet und gelichtet, hätten dem nicht wieder die

stattlichen Pinien und Orangenbäume widersprochen, welche das Haus

umstanden, und mit drei oder vier stämmigen Palmen eine Gruppe bildeten,

wie man sie sich kaum pittoresker denken kann.

[Fußnote 1: Chagra ist in Brasilien das Nämliche, was der Landmann in

Nordamerika unter dem Worte Farm versteht -- ein kleines »Landgut«, oder

eine »Colonie«, ob es nun eben erst unter den Waldbäumen begonnen ist,

oder schon seine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten

ausbreitet.]

Den beiden Fremden war dies ebenfalls nicht entgangen, und besonders der

jüngere von ihnen, der vielleicht dreißig bis zweiunddreißig Jahre

zählen mochte, überschaute mit innigem Behagen den kleinen Platz, der

sich wie ein Bild unter seinem grünen Blätterschmucke zeigte.

Der Fremde ritt einen grauen, prächtigen Hengst mit einem ganz

eigenthümlichen, fremden Sattelzeuge, das mit seiner ganzen Form und

einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie einer Anzahl kleiner

silberner Schnallen und Troddeln und Quasten von ungegerbter, aber

außerordentlich künstlich geflochtener Rohhaut mexicanischen, vielleicht

sogar indianischen Ursprungs zu sein schien. Sonst aber ging er sehr

einfach, doch für den Wald praktisch gekleidet. Der Wärme wegen hatte er

ein ledernes, ausgefranztes Jagdhemd, wie es in den nordamerikanischen

Wäldern Sitte ist, vorn über seinen Sattel geworfen, auf dem jetzt

querüber eine sauber gearbeitete, aber ebenfalls einfache Büchsflinte

ruhte. Er trug nur ein roth und grau gestreiftes wollenes Hemd, dunkle

Beinkleider, von einem breiten Ledergurt gehalten, an dem ein breites,

schweres Jagdmesser hing, hohe Wasserstiefel, einen braunen Strohhut auf

dem Kopfe und eine alte lederne Kugeltasche an der rechten Seite.

Seine Sporen waren ebenfalls klein und von dunkler Bronze, und am

Sattelgurt festgeschnürt, aber hinten am Sattel zusammengerollt und mit

einer Schleife eingehakt, hing ein dünner, doch stark gedrehter Lasso

aus roher Haut.

Der Fremde sah keinesfalls wie ein Neuling im Walde aus, und die

sonnverbrannte Farbe seiner Züge, aus denen ein paar große, blaue Augen

treuherzig hervorschauten, verrieth ihn ebenfalls als den Nordländer,

der vielleicht, wie Tausende seiner Landsleute, Brasilien zu seiner

neuen Heimath gewählt.

Sein Begleiter, der etwa sechs Jahre mehr zählen mochte als er, bewegte

sich trotzdem eben so frei im Sattel, verrieth aber in diesen

Bewegungen, als auch noch zum Überflusse durch den Schnitt seines

wohlgepflegten Bartes, den früheren Soldaten. Die enge Uniform hatte er

freilich lange bei Seite geworfen und dafür den leichten Rock und

breitrandigen Panamahut angenommen. Außerdem schien er sich den

brasilianischen Sitten noch entschiedener durch ein paar riesige

brasilianische Sporen von echtem Silber angepaßt zu haben, und auch das

Kopf- und Zaumzeug seines Pferdes trug, wo es nur möglich war sie

anzubringen, silberne Spangen und Schnallen. Seine Kleidung indessen,

obgleich von feinem Tuche und modernem Schnitte, war durch den Busch und

langen Ritt arg mitgenommen. Man sah ihm an, daß er schon eine gute

Weile unterwegs sein müsse, und die ledernen Leggins, mit denen er den

untern Theil der Beine bedeckt hatte, zeigten die im Walde geholten

Spuren von Dorn und Ranken.

Sein Blick haftete gegenwärtig aber fast ausschließlich auf der

Ansiedlung und den Berghängen voraus, während sein Begleiter sich weit

mehr durch das Wohnliche des Bauernhauses gefesselt und angezogen

fühlte.

»Sehen Sie nur, Günther, was für ein reizendes Plätzchen das hier ist,«

wandte sich in diesem Augenblicke der Jüngere der Beiden an den Freund,

»wie malerisch diese dunkeln Pinien -- vielleicht unbewußt -- mit dem

lichten Grün der Palmenwipfel gruppirt sind, und wie ganz eigenthümlich

der goldgesprenkelte Orangenhain das Ganze wie ein künstlich gewobenes

Netz umschließt. »Eine Hütte und ihr Herz,« wie das alte Sprüchwort

lautet, und wenn es das richtige Herz wäre, glaub' ich selber, daß ich

es in einer _solchen_ Hütte aushalten könnte.«

»Und auf wie lange?« lachte sein älterer Gefährte, indem er mit den

Augen dem ausgestreckten Arme des Freundes folgte; »Sie unsteten

Menschen möchte ich wirklich einmal, und selbst in eine _solche_ Hütte

gebannt sehen -- noch dazu in einer Gegend, in der es nicht einmal Wild

zum Jagen giebt.«

»Das wäre freilich fatal,« erwiederte der Andere, »und daran dachte ich

im ersten Augenblicke nicht. Aber hab' ich trotzdem nicht Recht? Kann

man sich ein freundlicheres Plätzchen auf der Welt denken?«

»Nein -- in der That -- in _Brasilien_ wenigstens nicht,« erwiederte

der Freund, den er mit »Günther« angeredet hatte; »mit meinem Thüringen

daheim möchte ich's freilich immer nicht vertauschen. Es giebt doch nur

_ein_ Deutschland.«

»Haben Sie das Heimweh, Günther?« sagte sein Kamerad lächelnd.

»Und _wenn_ ich's hätte, wär's ein Wunder?« fragte Günther leise; »wie

lange schon führ' ich dieses unstete wilde Leben jetzt? Wie lange schon

treib' ich mich heimathlos im Walde umher, während daheim -- doch wir

wollen uns den schönen Tag nicht mit solchen Gedanken verbittern, Freund

-- die Heimath hat doch keiner von uns vergessen.«

Sein Begleiter nickte nur schweigend mit dem Kopfe, und auch _seine_

Gedanken schienen in dem Augenblicke weit, weit zurück zu schweifen, zu

ganz anderen Scenen und Ländern, als sich die beiden Freunde plötzlich

angerufen hörten. Die Stimme schallte hinter der Gartenhecke vor und

rührte von einem jungen Manne, dem Eigenthümer der Chagra, her, den

ihnen das Grün der Hecke bis jetzt verborgen gehalten.

»Hallo, Fremde!« rief der Mann in deutscher Sprache mit nur einem

leichten Anklang niederrheinischen Dialektes; »wollt Ihr nicht ein wenig

absteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg ist schlecht, und ein

Bißchen Rast kann Euren Pferden nicht schaden, denn 's ist noch eine

gute Stunde bis in die Colonie hinunter.«

Die beiden Deutschen sahen sich erst erstaunt um, von wo her die Stimme

eigentlich komme. Endlich entdeckten sie hinter der Hecke und gerade

unter einem blühenden Granatbaume das rothe, freundliche Gesicht eines

jungen Mannes, der ihnen erst jetzt, als er ihren Blick auf sich

gerichtet fand, sein herzliches »Guten Morgen mit einander!« zurief.

»Guten Morgen, Landsmann,« sagte der jüngere Fremde, der ihm zunächst

hielt, indem er den Kopf seines Thieres gegen die Hecke drehte, »ich

wußte gar nicht, weshalb mein Grauer immer die Ohren spitzte. Also eine

Stunde Weges ist's noch hinunter? Es sieht eigentlich von hier oben

viel näher aus.«

»Ja,« lachte der hinter der Hecke, »wenn die Brücke nicht wieder

eingebrochen wäre, die der Bleifuß da neulich erst neu gebaut hat, dann

wär's auch nicht viel mehr als ein halb Stündchen zu Thal. So aber müßt

Ihr hier rechts unter meiner Chagra durch, um der Schlucht aus dem Wege

zu gehen, und der Pfad zieht sich mordmäßig in die Länge. Aber steigt

ab, das besprechen wir besser im Hause.«

»Schon recht,« sagte Günther, indem er sich leicht aus dem Sattel

schwang; »unseren Packthieren sind wir doch vorausgeritten, und bis die

nachkommen, können wir recht gut ein halb Stündchen plaudern.«

Sein Gefährte folgte, ohne ein Wort zu erwiedern, dem Beispiele, denn es

drängte ihn selber das Innere des Häuschens zu sehen, das schon von außen

einen so freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Die beiden Reisenden

banden deshalb ihre Pferde außen an der Hecke an die herunterhangenden

Äste eines stattlichen Orangenbaumes, und traten dann in den Garten, wo

ihnen der Hausherr, ein junger, prächtig gewachsener Mann mit offenen,

ehrlichen Gesichtszügen, blauen Augen und blonden Haaren, entgegen kam

und sie begrüßte.

»Das ist gescheidt,« sagte er dabei, »Sonntag Morgens habt Ihr so nicht

viel in der Colonie zu versäumen und kommt noch zeitig genug zum

Mittagessen, wenn Ihr nicht das hier ebenfalls verzehren wollt.«

Er schüttelte dabei den beiden Fremden kräftig die Hand und führte sie

dann ohne Weiteres in sein Haus hinein, wo Beide aber unwillkürlich

erstaunt und überrascht auf der Schwelle stehen blieben.

Das kleine Zimmer, das sich ihnen öffnete, glänzte von Sauberkeit; der

einfache Holztisch war schneeweiß gescheuert, aber nicht weißer als

der Fußboden selber, den in der Mitte eine leichtgeflochtene Matte

überdeckte. An den Fenstern hingen sogar Gardinen, und ein nett

gearbeiteter Nähtisch aus polirtem Holze schien mit diesen, als

Luxusmöbel, concurriren zu wollen. Aber die Freunde sahen das Alles

weniger, als daß sie es im Eindrucke des Ganzen fühlten, denn Beider

Augen hingen in dem ersten Momente an einem wunderbar schönen jungen

Weibe, das ein Kind auf dem Schooße hielt und, als die Fremden die Hütte

betraten, den kleinen, strampelnden Burschen aufgriff und ihnen mit

freundlichem Lächeln entgegentrat.

»Grüß' Gott!« sagte sie herzlich, als sie Beiden nach einander die Hand

reichte, »und setzt Euch und macht's Euch bequem -- Vater, hast Du denn

schon nach den Pferden gesehen?«

»Werd's schon besorgen, Schatz,« lachte der Mann, »bring' Du nur einmal

ein paar Gläser Milch, denn die beiden Herren werden durstig geworden

sein.«

»Ja, dann mußt Du indessen den Schlingel da nehmen,« sagte die junge

Frau, indem sie ihrem Gatten den kleinen unruhigen Burschen so leicht

hinüberreichte, als ob er keine zwei Pfund gewogen hätte, wie er sicher

zwanzig wog, -- »der läßt mir ja sonst nicht Ruh' noch Frieden an den

Milchnäpfen.«

»Ob er Frieden halten wird?« lachte der Mann, nahm ihr den kleinen

Burschen ab, gab ihm ein paar derbe Küsse und setzte ihn sich in den

linken Arm. »Und nun thut, als ob Ihr zu Hause wäret,« fuhr er dann,

indem er sich wieder zur Thür wandte, gegen die Fremden fort; »ich bin

gleich wieder da, und zu trinken wird Euch die Trine auch im Augenblick

bringen.« Die »Trine« war schon lange aus der Thür hinaus, und die

beiden Freunde sahen sich im nächsten Momente allein in dem kleinen

Raume.

»Ist das nicht ein wahres Madonnengesicht?« brach aber der Jüngere

heraus, als der junge Bauer kaum das Zimmer verlassen hatte; »haben Sie

je in Ihrem Leben ein Paar solcher Augenbrauen, einen solchen Mund

gesehen?«

»Ein wunderhübsches Paar, in der That,« erwiederte Günther, der den

Blick indessen forschend umherwarf, »und wie nett und sauber sieht's bei

ihnen aus! Ja,« -- fuhr er tief aufseufzend fort, »der hat's gut, und

Unsereiner zieht nun so in der Welt umher, sieht die verbotenen Früchte

an den Bäumen hangen, wischt sich resignirt den Mund und -- wandert eben

weiter.«

»Ob denn das wirklich _Deutsche_ sind?« sagte sein Freund.

»Was denn sonst? Doch wahrhaftig keine Portugiesen!«

»In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten Bauernburschen

gesehen,« erwiederte der Jüngere, »der ein so ungezwungenes und doch

anständiges Benehmen hatte, und die junge Frau würde in einem schweren

Seidenstoffe eben so zu Hause sein, wie in ihrem einfachen

Kattunröckchen. Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.«

»Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas mit dem Tyroler Dialekte,«

sagte Günther, »aber da kommt sie zurück. Sie wird uns gleich sagen, wo

sie herstammen.«

»So -- da bin ich wieder -- hat's lang gedauert?« sagte die junge Frau,

als sie mit einem kleinen Präsentirteller in's Zimmer trat; »und nun

setzen Sie sich her und langen Sie zu -- 's ist nicht viel, aber wir

haben's hier oben noch nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum

sechs Monaten auf der Chagra.«

Während sie sprach -- und so rasch und gewandt, daß Alles sich fast von

selber zu ordnen schien -- hatte sie indessen das Mitgebrachte auf dem

Tische ausgebreitet, und frische, süße Milch, weißes Brod, Butter und

Käse, Alles auf blinkendem Geschirr, lachte den Fremden bald darauf

entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer zuzulangen.

»Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben?« fragte der ältere Fremde;

»die Pinien und Orangen müssen doch schon vor vielen Jahren gepflanzt

sein.«

»Das sind sie auch,« erwiederte der Mann, der in diesem Augenblicke

wieder in der Thür erschien und der Frau das Kind entgegen hielt. »Da,

Mutter, nimm den Schlingel,« fuhr er dann zu dieser fort; »ob der Bengel

wohl Ruhe gegeben hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da oben

blieb er, bis ich die Thiere gefüttert hatte.«

»Aber der Graue ist ein unruhiges Thier,« sagte Günther.

»Bah, _der_ hält sich schon fest,« lachte der Mann, »ja, was ich sagen

wollte, die Chagra habe ich erst kürzlich gekauft, und zwar von einem

Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, daß man die Bäume kaum

fand, die darauf standen. Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er

meinte, hatte brasilianischer »Pflanzer« werden wollen, sich die Sache

aber wohl ein Wenig anders und leichter gedacht haben mochte und auch

irgendwo anders besser hinpaßte, als hinter Pflug und Egge.«

»Und seid Ihr keine Deutsche?« fragte der ältere Fremde.

»Wir? -- Nein,« lachte der Mann, -- »das heißt, ja, wir sind schon

Deutsche, aber doch nicht in dem Deutschland drüben geboren, sondern

hier in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine, und der Frau ihr Vater

von Innsbruck, die Beide vor etwa dreißig Jahren hier herüber gekommen

waren und sich in San Leopoldo niedergelassen hatten.«

»Also Brasilianer?« sagte Günther enttäuscht.

»Ah, nein, wir sind schon Deutsche,« lachte die Frau gutmüthig, »und

halten uns ja auch immer zu Deutschen, wie Ihr seht, denn mit den

Bleifüßen ist es doch Nichts, und sie wollen Nichts arbeiten und

schaffen.«

»Bleifüße -- was zum Henker ist das nur?« lachte der eine Fremde; »ein

Bleifuß soll ja auch die schlechte Brücke gebaut haben.«

»Ih ja,« meinte der Mann schmunzelnd, »der Bleifüße giebt's gar viele

-- eigentlich mehr, als gut ist, und wir nennen besonders die

eigentlichen Portugiesen so, die immer herüberkommen und so thun

möchten, als ob Brasilien ihnen gehörte. Weshalb sie aber eigentlich so

genannt werden, weiß ich selber nicht recht; aber den Namen haben sie,

so viel ist sicher, und werden ihn wohl auch behalten. Aber seid Ihr

selber erst so kurze Zeit im Lande, daß Ihr noch nicht einmal das Wort

Bleifuß gehört habt? Ich dächte doch, das würde häufig genug aller Orten

genannt.«

»Ich selber bin schon lange im Lande und kenne auch den Namen,« lächelte

Günther, »aber mein Reisegefährte da ist erst kürzlich aus den Vereinigten

Staaten von Nordamerika nach Rio, und von da zu Pferde hier nach dem

Süden gekommen, um sich das Land einmal anzusehen.«

»Und was ist Ihr Geschäft? wenn man fragen darf.«

»Ich bin Feldmesser,« erwiederte Günther, »und von der Regierung hierher

beordert, um die Colonien für frisch eintreffende Emigranten auszumessen.«

»Das ist gescheidt,« sagte der junge Bauer; »an vermessenem Lande

fehlt's ewig, und die armen Teufel müssen sich oft Monate lang in den

sogenannten Auswanderungs-Häusern herumtreiben, ehe sie eigenen Boden

und eine feste Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit genug

kriegen, daran fehlt's nicht -- aber essen Sie nicht mehr?«

»Wir danken,« erwiederte Günther, der bis jetzt mit seinem Gefährten

wacker zugelangt, »es hat trefflich geschmeckt und war delicat. Jetzt

können wir's schon bis in die Colonie hinunter aushalten.«

»Und wollen Sie schon wieder fort?« fragte die Frau freundlich, als die

beiden Fremden von ihren Sitzen aufstanden und zu den Hüten griffen

-- »das war gar ein kurzer Besuch.«

»Wenn Sie's erlauben,« sagte der jüngere Fremde, »so komme ich schon

wieder einmal her. Ich selber habe Nichts zu versäumen und werde mich

doch wahrscheinlich ein paar Monate in der Nähe der Colonie herumtreiben.

Daß es mir aber hier bei Ihnen _gefällt_, dürfen Sie mir auf mein Wort

glauben. Mein Freund ist jedoch mit seiner Zeit gebunden und hat heute

noch viel unten mit dem Director zu besprechen. Da draußen sind auch

eben unsere Packpferde angekommen, und wir wollen deshalb lieber

aufbrechen.«

»Apropos,« fragte Günther, »was für ein Mann ist der Director

eigentlich? Ich habe in den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade

viel Gutes von ihm gehört.«

»Ich weiß nicht,« lachte der Mann -- »es kommt wohl immer darauf an, wen

Ihr fragt. Die Einen schimpfen auf ihn, die Anderen loben ihn, und Allen

kann man's eben nicht recht machen auf der Welt. Er ist sehr streng, das

ist wahr, und oft auch wohl ein Bißchen eigensinnig. Mit den _armen_

Leuten geht er aber gut um und steht ihnen bei.«

»Und das ist die Hauptsache,« rief Günther -- »nun, ich werde schon mit

ihm fertig werden -- also, herzlichen Dank für die Aufnahme. Wenn ich's

einmal wieder gut machen kann, stehe ich zu Diensten!«

»Das mag vielleicht rascher geschehen, als Sie denken,« lachte der junge

Bauer, »denn unsere Grenzen sind hier alle in Confusion, und ich bin

schon lange darum eingekommen, die meinige ebenfalls nachsehen zu

lassen. Doch darüber sprechen wir später; ich möchte Sie jetzt nicht

länger als nöthig aufhalten, und komme auch vielleicht in diesen Tagen

einmal nach der Colonie hinunter.«

Damit reichten er und die Frau den Fremden herzlich die Hand zum Abschied.

Draußen hielten auch in der That die beiden eingeborenen Diener der

Freunde, ein paar braune, rauh genug aussehende Burschen, mit drei

Lastpferden, wovon zwei dem Vermesser, eins aber seinem Freunde gehörte,

und gleich darauf trabte die kleine Cavalcade, welcher der junge Bauer

erst noch den Weg um seine Chagra herum zeigte, diesen thalein.

Und doch war es ein wundervoller Pfad, der sie hier in die Niederung

hinabführte, denn gerade an diesem Berghange zeigte sich die schon fast

tropische Vegetation des Landes in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit.

Der Baumwuchs war allerdings lange nicht so mächtig, wie in den nördlicher

gelegenen Theilen Brasiliens, aber das üppige Unterholz mit seinen

zierlichen Farnpalmen und Fächern, mit seinen Lianen und Ranken bildete

überall, wo es dem Blicke erlaube, einzudringen, die reizendsten Gruppen

und Festons, aus denen sich die grünen, schlanken Schäfte verschiedener

wilder Palmenarten keck emporhoben.

Hier und da, wo eine eingerissene Schlucht oder ein breiteres Bachbett

den Blick in die Tiefe gestattete, zeigte sich dann die kleine

Niederlassung im Thale mit ihren lichten Gebäuden und hellgrünen

Rasenflecken, durch welche die gelben Wege wie Fäden liefen, immer in

verschiedener Form und Beleuchtung, aber immer freundlich, so daß die

Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein paar Secunden schweigend auf

das unter ihnen ausgebreitete Bild hinabblickten.

Da hier der Weg aber zu schmal war, oder der Regen doch in den Boden an

den verschiedensten Stellen Einrisse gemacht hatte, mußten sie ihre

Pferde hinter einander halten, und dadurch war die Conversation gestört.

Erst weiter unten, auf der letzten Abdachung angelangt, bog der Beipfad

wieder in den durch die eingefallene Brücke unterbrochenen Hauptweg ein,

und jetzt hatten sie die eigentliche Colonie Santa Clara auch bald

erreicht, deren Ausläufer in kleinen, allein stehenden Ansiedelungen

schon bis hier herauf reichten.

»Der Platz liegt wirklich allerliebst,« sagte Günther, der bis jetzt

vorangeritten war, indem er sein Pferd anhielt, um wieder neben dem

Freunde zu bleiben.

»Was die Scenerie betrifft, ja,« erwiederte dieser, »aber der Boden

scheint mir hier nicht besonders, und der Mais da drüben in dem Felde

steht dünn und mager genug -- wenigstens magerer, als ich es bis jetzt

gewohnt bin zu sehen.«

»Das bessere Land wird weiter zurück in der Ebene liegen,« meinte

Günther, »jedenfalls hat der Ort nicht weit zur See, und das ist schon

immer ein enormer Vortheil für eine Colonie.«

»Wenn der Hafenplatz gut ist, ja; und wohin wollen wir jetzt zunächst?«

»Direct zum Director,« lachte Günther, »der wird uns dann schon die

beste Auskunft geben, wo wir übernachten können. Wir müssen nun im

nächsten Hause seine Wohnung erfragen.«

»Das ist nicht nöthig,« meinte sein Freund -- »das Haus da drüben, wo

die deutsche Fahne weht, ist jedenfalls das Wirthshaus, und das größere

Gebäude daneben eben so sicher die Kirche, -- wo baute der Deutsche

nicht Eins neben das Andere? Außerdem steht aber dort nach Süden nur

noch ein sehr großes Haus mit einer neuen Umzäunung, und dort hat

natürlich auch der Director seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf

zureiten.«

»Sie können Recht haben,« lachte Günther, »aber vielleicht wohnt er

doch da drüben in dem kleinen allerliebsten Gebäude, wo die vielen

Orangenbäume stehen. _Den_ Platz hätte ich mir jedenfalls zu meiner

Wohnung ausgesucht.«

»Das ist sicher die Pfarrwohnung,« versicherte aber sein Kamerad;

»sehen Sie nicht den breiten, betretenen Pfad, der von dort zur Kirche

niederführt. Ich glaube kaum, daß der Director alle die Fährten nach der

Kirche in den Sand eingedrückt hat. Folgen Sie mir nur; ich führe Sie

den richtigen Weg.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, gab er

seinem Pferde leicht die Sporen und sprengte, von Günther jetzt dicht

gefolgt, dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen Thür er anhielt

und ohne Weiteres aus dem Sattel sprang.

2.

Der Director.

Gerade als Günther an seines Gefährten Seite hielt und seinem Beispiele

folgte, trat eine Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute hier,

mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum vermuthet hatten, und die sie

deshalb um so mehr überraschte; -- eine _Dame_ in vollem europäischen

Putze, mit einem grün und schwarz groß carrirten Seidenkleide, sehr

bedeutender Crinoline und überhaupt allem dazu Nöthigen und Gehörigen

versehen, die mit sehr stolzer, fast majestätischer Haltung aus der Thür

rauschte, einen Augenblick erstaunt die Fremden betrachtete und dann,

mit einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre Begrüßung erwiedernd,

vorbei und in die kleine Stadt hinein schwebte.

»Alle Teufel,« murmelte der Jüngere der Beiden halblaut vor sich hin,

als die Dame außer Hörweite war, »von allen Dingen auf der Welt hätte

ich eine Crinoline hier am Allerwenigsten erwartet. Das muß die Frau

oder eine Verwandte des Directors sein, denn nach einer Colonisten-Frau

sieht sie doch nicht aus. Es thut den Augen aber ordentlich wohl, nach

einem Stücke wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite Fährte der

Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen nach giebt es also hier auch

jedenfalls eine #haute volée#; unser rauher Waldanzug schien der Dame

nicht besonders zu behagen, denn sie grüßte nur sehr vornehm und

nachlässig.«

»Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem wir es hier zu thun

bekommen,« sagte Günther. »Jedenfalls müssen wir jetzt erst erfragen,

ob hier der Director wirklich wohnt, und wenn so, ob er zu Hause ist.

-- He, Landsmann,« wandte er sich dann an einen Colonisten, dessen

Äußeres, mit dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen, dem

ausgeschweiften Hute und dem Gesangbuche unter dem Arme, über sein

Vaterland keinen Zweifel gestattete -- »ist das die Wohnung des

Directors?«

»Guten Morgen mit einander,« erwiderte der Gefragte, der sich dabei die

Fremden von Kopf bis zu Fuß betrachtete -- »ja wohl, der Herr Director

wohnt hier -- er ist oben in seiner Stube -- wollen Sie was?«

»Danke schön; ja, wir wollen ihn sprechen.«

»Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein, aber -- nicht gerade guter

Laune. Sie kommen wohl weit her?«

»Nicht sehr.«

»Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?«

»Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen,« sagte Günther, nicht

gesonnen, sich hier vor der Thür in eine lange Unterredung einzulassen.

Sein Freund hatte das Haus schon betreten, und Beide schritten jetzt die

Treppe langsam hinauf. Auf der Treppe oben blieb der Jüngere plötzlich

stehen und sagte:

»Kamerad, ich habe mir die Sache überlegt; ich werde jetzt _nicht_ mit

hineingehen. Wenn der Herr Director übler Laune sind, möchte ich ihm

nicht gern in den Weg treten, denn ich _will_ Nichts von ihm, und

gedenke mich deshalb auch nicht seiner übeln Laune auszusetzen. _Sie_

haben _Geschäfte_ mit ihm, das ist etwas Anderes; ich werde indessen

in's Wirthshaus gehen und Sie dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so

rasch ab, wie Sie können.« -- Damit wollte er ohne Weiteres umdrehen

und wieder hinabsteigen, Günther aber ergriff seinen Arm und sagte.

»Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie; kommen Sie wenigstens einen

Augenblick mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.«

»Auftrag -- es ist nur ein Gruß.«

»Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich beißen, und ich selber habe vor

der Hand ebenfalls nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn unsere

Thiere müssen abgepackt und untergebracht werden.«

»Meinetwegen,« sagte der Freund achselzuckend, »wenn Sie's absolut

wollen. Lieber ginge ich freilich in's Wirthshaus.«

Wenige Stufen höher standen sie vor der Thür des Directors, die eine

daran genagelte einfache Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch

weiter keine Bezeichnung, als »Ludwig Sarno«, nicht einmal der Titel

»Director« war beigefügt, und der jüngere Fremde nickte befriedigt mit

dem Kopfe. Günther hatte indessen ohne Weiteres an die Thür geklopft,

und ein etwas barsches »Herein!« lud sie ein, des Löwen Höhle zu

betreten.

Der Direktor, ein schlanker, aber stattlicher Mann, ebenfalls mit einem

militärischen Anstriche, starkem, etwas röthlichem Barte und vollem,

lockigem Haar, ging mit auf den Rücken gelegten Händen in seinem

Arbeitszimmer auf und ab, das sich besonders durch eine Menge von

Gefächern mit actenartig in blaues Papier geschlagenen Folioheften

auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte er seinen Spaziergang unterbrochen

und stand, halb nach der geöffneten Thür gedreht, mitten im Zimmer.

Günter ließ ihn aber nicht lange über sich in Zweifel, sondern auf ihn

zugehend, sagte er:

»Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber bei Ihnen einzuführen.

Mein Name ist Günther von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin

vom Präsidenten der Provinz hieher beordert, etwa nöthig gewordene

Vermessungen vorzunehmen.«

»Etwa _nöthig_ gewordene?« wiederholte der Director, indem er den

Fremden erstaunt ansah. »als ob ich nicht den Herrn Präsidenten seit

sechs Monaten bei jeder möglichen Gelegenheit mit Eingaben bombardire,

daß er _endlich_ einmal die seit einem Jahre schon fast dringend

nöthigen Vermessungen vornehmen _lasse_! Etwa nöthigen....«

»Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie haben warten müssen,« sagte

Günther ruhig, »aber _meine_ Schuld war es nicht; denn vor fünf Tagen

erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Präsidenten, der mich hieher

beordert, und Sie werden mir zugestehen, daß ich von dort aus, bei

_der_ Entfernung und _den_ Wegen, wahrlich keine Zeit versäumt habe.«

»Der Herr ist Ihr Gehülfe?«

»Bitte um Verzeihung,« sagte der Fremde, der indessen mit einem

leichten, kaum bemerkbaren Lächeln dem Gespräche gefolgt war -- »ich

gehöre in das _Geschäft_ gar nicht hinein und muß mich eigentlich als

einen Aufdringling betrachten, will Ihre kostbare Zeit auch nicht länger

in Anspruch nehmen, als unumgänglich nöthig ist, Ihnen mir aufgetragene

und an's Herz gelegte Grüße zu bestellen.«

»Grüße? Von wem?« sagte der Direktor, der indessen die schlanke, edle

Gestalt des Fremden mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken

musterte.

»Vom Hauptmann Könnern.«

»Von _Hermann_ Könnern?« rief der Director rasch.

Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe.

»Und kennen Sie Könnern persönlich?« fragte der Direktor eben so eifrig

weiter.

»Ziemlich genau,« erwiederte der junge Mann; »er ist mein Bruder, und

ich heiße Bernard.«

»Der sich in Amerika so lange herumgetrieben -- der Maler?«

»Derselbe,« lächelte der junge Mann.

»Dann sein Sie mir herzlich und viel tausend Mal willkommen,« rief

Sarno, der in dem Augenblicke ein ganz anderer Mann zu werden schien

-- »herzlich willkommen!« wiederholte er noch einmal, die gefaßte Hand

aus allen Kräften schüttelnd. »Oft haben wir von Ihnen gesprochen -- und

wie geht es Hermann? -- Aber davon nachher -- Sie kommen eben von der

Reise, und unsere Wege sind nichts weniger als musterhaft; erst müssen

Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen; nachher plaudern wir

viel, recht viel mit einander, denn Ihr Bruder ist der beste Freund,

den ich auf der Welt habe, und ich muß Alles wissen was ihn angeht.«

»Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe, wo ich Sie hier in

Brasilien anträfe, den Fuß nicht eher aus dem Bügel zu setzen, bis ich

Ihnen die aufgetragenen herzlichen Grüße überbracht -- da ich aber nicht

gut die Treppe herauf_reiten_ konnte, mußte ich wenigstens vor der Thür

absteigen.«

»Ihr Pferd steht noch unten?«

»Gesattelt.«

»Desto besser, dann legen Sie Alles gleich herein -- keine Widerrede;

ich schicke gleich Jemanden hinunter, denn leider Gottes habe ich Menschen

genug dazu im Hause -- Bernard Könnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien

in einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber ein Dach über mir habe,

und ein Bett, mit ihm zu theilen.«

»Aber, Herr Director....«

»Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten, wenn ich Ihnen auch

keine besondere Bequemlichkeit zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch

an ein Lagerleben gewöhnt. -- Mein lieber Herr von Schwartzau,« wandte

er sich dann an den Ingenieur, »mit großem Vergnügen würde ich auch Sie

gern beherbergen, aber überzeugen Sie sich selber, ich habe das ganze

Haus voll von Emigranten, und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen und

Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in dem erbärmlichen

Auswanderungshause nicht lassen mochte.«

»Mein lieber Herr Director!« sagte Günther abwehrend.

»Sie können uns aber helfen,« fuhr der Director fort. »Vermessen Sie

uns eine tüchtige Strecke Land, daß ich die armen Einwanderer bald

unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug in meinem Hause für

sechs oder acht Freunde, und vielleicht für mehr.«

»Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal weiß, wo.«

»Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn wir haben in der That keine

Zeit zu verlieren. Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen,

ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Könnern hier begleitet uns; dann

können Sie morgen früh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. Was

Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen; ich kenne einige dazu

ganz passende junge Burschen, und hätte die Arbeit schon längst selbst

gemacht, wenn ich's eben im Stande wäre. Aber sehen Sie selber hier die

Actenstöße an -- Berichte, Klagen, Eingaben, Zänkereien, Befehle von

oben, wovon immer einer dem anderen widerspricht, und Quängeleien, daß

sie einen Heiligen manchmal zum Fluchen bringen könnten -- und ich bin

eben keiner -- doch darüber sprechen wir nachher. Und außerdem noch,

lieber Schwartzau -- Sie waren Officier, nicht wahr?«

»In schleswig-holsteinischen Diensten.«

»Aha -- die alte Geschichte, mit der sie daheim die besten Kräfte über

die Gränze getrieben haben. -- Ich muß Sie noch um Entschuldigung

bitten, daß mein Empfang gerade kein überfreundlicher war, aber weiß es

Gott, sie treiben es hier manchmal, daß es Einem die Galle mit Gewalt

in's Blut hineinjagt. Die Frau Gräfin verbessert überhaupt nie meine

Laune, wenn sie mich einmal mit ihrem hohen Besuche beehrt.«

»Die Frau Gräfin,« sagte Könnern, aufmerksam werdend; »war das etwa die

Dame, die vorhin aus dem Hause trat?«

»Kurz vorher, ehe Sie kamen -- sie verließ mich sehr beleidigt, daß ich

einen armen Teufel von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis nach Hause

hat, nicht ihretwegen vor der Thür warten ließ und ihn abfertigte, während

sie bei mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also Schwartzau, Sie

müssen sich noch ein paar Tage im Wirthshause unterbringen, und dann

werden Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen auszulagern,

bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum geschafft zu haben. He, Christoph

-- Klaas!« rief er dann aus dem Fenster -- »schaff' doch einmal die Sachen

des fremden Herrn in's Haus -- Sattel und Taschen, oder was es ist -- wo

wollen Sie hin, Könnern?«

»Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, so muß ich wenigstens

hinunter, um mein Packthier selber abzuladen, daß mir die guten Leute

Nichts zerbrechen.«

»Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier herauf schaffen und draußen

vor die Thür stellen; wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier

Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen, schreibe ich nur

noch zwei Briefe, die jener Colonist mit in eine andere neue Colonie

nehmen muß, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.«

»Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht?« fragte Günther.

»Um -- aber das können wir nachher bereden,« sagte der Direktor;

»natürlich essen Sie mit uns, was gerade da ist, und nach dem Essen

reiten wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die übrigen Geschäfte müssen

warten, denn dieses ist das wichtigste. Um ein Uhr esse ich gewöhnlich,

bis dahin behalten Sie also noch übrig Zeit, sich ein wenig auszuruhen.

Und Sie, lieber Könnern, kommen gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie

Ihre Sachen besorgt haben.«

Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu erwarten, setzte er sich ohne

Weiteres an seinen Schreibtisch und überließ die beiden Fremden indessen

sich selber.

»Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Director?« sagte Könnern auf der Treppe.

»Vortrefflich!« erwiederte Günther; »im Anfange schien er ein wenig

brummig, aber der Name Ihres Bruders wirkte Wunder. -- Wo haben sich

die beiden Herren eigentlich gekannt?«

»In der österreichischen Armee,« erwiederte Könnern, »wo sie den

siegreichen Feldzug in den vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben.

Mir gefällt aber der Mann auch außerdem; er ist rasch, kurz angebunden,

und wie mir scheint, aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist immer

am Besten verkehren, denn der Böse soll die Überfreundlichen holen, die

stets ein lächelndes Gesicht zeigen und bei denen man doch nie und

nimmer weiß, woran man mit ihnen eigentlich ist.«

»Mich hat es ebenfalls gefreut, daß er mich so ohne Weiteres in's

Wirthshaus wies. Er hätte ja eine lange Entschuldigung machen können,

aber er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit Punctum. Ich

glaube, ich werde mit _dem_ Director fertig.«

Sie waren damit vor die Thür getreten, wo ihre Diener mit den Pferden

noch hielten, und während Günther wieder aufstieg, lockerte Könnern

seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche Hufschläge die Straße

herauf, Beide wandten den Kopf dorthin und Günther rief aus:

»Hallo, wer kommt da -- eine Amazone!«

In demselben Augenblicke aber sprengten schon zwei Reiter, mehr im

Carriere als Galopp an dem Hause des Directors vorüber, und die beiden

Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, daß auf dem ersten Pferde ein

junges, wunderhübsches Mädchen in einem knapp anschließenden, dunklen

Reitkleide saß, mit einem kleinen Amazonenhute auf, von dem eine

einzelne mächtige weiße Straußfeder und ein paar lange Reiherfedern in

dem scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, der etwa eine

Pferdelänge hinter ihr folgte, war ein ganz junger Bursche von etwa

sechszehn bis siebenzehn Jahren.

Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an ihnen vorüber, und Günther

hatte noch außerdem jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich,

wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen hätte, und herüber

und hinüber tanzte.

»Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante Gesellschaft zu

geben,« sagte Könnern, als die wilden Reiter die Straße hinab verschwunden

waren, »und es wird lohnen, sich eine Zeit lang aufzuhalten und ihre

Bekanntschaft zu machen.«

»Beinahe hätt' ich das Letztere gleich gethan,« lachte Günther, »denn

mein Rappe schien dasselbe Bedürfniß zu fühlen. Aber, Adieu jetzt,

Kamerad. Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.«

»Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin ich nicht eingerichtet,«

nickte ihm Könnern zu, während Günther, von seinen beiden Lastthieren

gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer, einschlug, den die

junge Dame eben genommen. Die Kirche lag in dieser Richtung, und er

wußte gut genug, daß Könnern Recht hatte, wenn er das Wirthshaus dicht

daneben vermuthete.

Aus dem Directionshause waren indessen ein paar deutsche Arbeiter

gekommen, junge Burschen in Hemdärmeln und mit ledernen Hosen und

Pantoffeln, der eine eine runde blaue, der andere eine viereckig grüne

Mütze auf, und Beide genau so aussehend, als ob sie eben dieselben

Pantoffeln nicht ausgezogen hätten, seit sie in Bremen oder Hamburg das

Schiff betreten.

Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln, und wenn sie

auch stets an den verkehrten Stricken, aber deshalb nicht minder gut

gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Könnern's Hülfe, den Packen

aufzuschnüren, und die verschiedenen Gegenstände in's Haus und in die

erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie dann ebenfalls auf

einen kleinen Weideplatz dicht am Hause, wo sie auch einzeln gefüttert

werden konnten, und seinen Diener schickte Könnern dann mit dessen

eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus hinüber, da er den Eingeborenen

nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wußte, daß dies

selten gut that.

Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den untern Theil des Directionshauses

zu werfen, und es sah dort allerdings wild und wunderlich genug aus. Das

ganze Haus war noch neu, ja, es stand sogar noch ein Theil des Gerüstes.

Die Wände waren auch nur erst einfach geweißt und die Fensterrahmen noch

nicht einmal gestrichen.

Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher einem indianischen

Bivouac, als der Wohnung eines Directors der Colonie, denn überall in

den Zimmern lagen Matratzen, überall an den Wänden standen die riesigen

Kisten und Koffer der Auswanderer, mit der groß gemalten Adresse »Nach

Brasilien« noch daran, und auf dem ebenfalls preisgegebenen Kochherde

war auf jeder Ecke ein Feuer angezündet, über dem theils ein Kessel

brodelte, theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe loderte ein

stattliches Feuer, um den übrigen Kochgeschirren Raum zu geben, denn

heute war ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau wie

daheim, mit Essen und Trinken.

Könnern, im Augenblicke ohne weitere Beschäftigung, trat dort hinein,

ohne daß die Leute jedoch besondere Notiz von ihm genommen hätten. Ein

paar alte Frauen saßen auf den Kisten in der Ecke und lasen in ihren

Gesangbüchern; die Mädchen und jungen Frauen waren fast alle mit ein

oder der andern Arbeit für die Küche beschäftigt, und die Männer lagen

zum Theil ausgestreckt auf den Matratzen oder auch auf dem nicht gerade

überreinlichen Boden und rauchten ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig

hier, und sie konnten sich dem Genusse mit unbeschränkter Leidenschaft

hingeben.

»Nun, Leute, wie geht's?« redete Könnern einen der Männer an, der

beide Beine von einander gestreckt hatte und, ein Bild der höchsten

Zufriedenheit, flach auf dem Rücken lag. Nur den einen Arm hatte er als

Kissen unter den Kopf geschoben und sah den eigenen Rauchwolken nach,

die er mit Macht gegen die Decke blies; »Ihr scheint Euch hier ganz

behaglich zu befinden?«

»Und warum nicht?« sagte der Mann, indem er die Pfeife in den einen

Mundwinkel schob; »hier kann mer's aushalten, und die Schinderei geht

doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien ist ein ganz famoses Land

-- wären wir nur _erst_ (früher) hergekommen.«

»Ja, mit dene Männer hat's keine Noth,« fiel hier die eine Frau ein, die

mit roth erhitztem Gesichte gerade aus der Küche kam und sich mit der

Schürze den Schweiß von der Stirn trocknete, »wenn die nur satt Tabak

haben und auf der faulen Haut liegen können, sell freut sie und sie

wollen's net besser, aber uns arme Weiberleut' derf's schinden und

plagen, wie's mag.«

»Und was geht _Euch_ ab?« fragte der Mann, faul den Kopf nach ihr

umdrehend.

»Was _uns_ abgeht?« sagte aber die Frau, »ein eigen Haus und ein eigener

Herd, weiter Nichts, daß man weiß, _weshalb_ man sich plagt und schindt,

und seine Kochtöpf' nicht auf Gottes Erdboden herum zu stoßen hat. Erst

aber drei Monat das leidige Schiffsleben und nun vier Monat wieder hier

in einer wahren Heidenwirthschaft -- sell kann Einen freuen, und bis an

den Hals steht mir's.«

Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes, schreiendes Kind an

einem Arme auf, warf sich's mit einem Ruck auf die Hüfte und verschwand

damit durch die offene Thür.

»Weiberleut'!« sagte der Bauer verächtlich und rauchte weiter.

Könnern behielt übrigens keine Zeit, noch weitere Forschungen anzustellen,

denn der Director sah in diesem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte

jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt:

»Nun, sieht es hier nicht liebenswürdig aus? Aber kommen Sie, Könnern,

wir wollen vor Tisch noch einen kleinen Spaziergang machen -- lassen Sie

nur, Sie können sich nachher umziehen; es kommt bei uns nicht so genau

darauf an, und Ihre Sachen habe ich schon in die für Sie bestimmte Stube

stellen lassen.«

Damit nahm er ohne Weiteres Könnern unter den Arm und verließ mit ihm

das Haus. Die in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten sich

aber, als der Director das Zimmer betrat, etwas überrascht auf, rückten

ihre Mützen und nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie er ihnen aber

den Rücken drehte, fielen sie in ihre alte Stellung zurück und rauchten

ruhig weiter.

Der junge Fremde mußte jetzt vor allen Dingen dem Director von seinem

Bruder erzählen, wie es ihm gehe, was er thue und treibe, und er wurde

dabei nicht satt, ihm zuzuhören. Erst als Jener Alles erschöpft, was

er darüber zu sagen hatte, kamen sie auf die hiesigen Verhältnisse

zu sprechen, und Bernard Könnern gestand dem Director daß er, doch

einmal in der Welt umherstreifend, nur nach Brasilien gekommen sei,

um die Verhältnisse des Landes, über die er die verschiedensten und

widersprechendsten Gerüchte gehört, einmal selber von Augenschein kennen

zu lernen und dabei für seine Mappe zu sammeln. Habe er das erreicht,

dann kehre er eben wieder nach Europa zurück, denn mit allen Mängeln

scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein anderer Ort der Welt

ersetzen könne.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Erster Band. · 第 1 / 13 段