mit einem bedeutungsvollen Blicke an, und
plötzlich stürzten sie sich auf den Hutmacher und
überwältigten ihn. Sie drohten, ihn zu töten,
wenn er ihnen nicht gänzlich gehorsam sei. Darauf
prügelten sie ihn durch, zwangen ihn, seine hohle
Hand an der Quelle zu füllen und mit ihnen am
goldenen Becher anzustoßen, und jagten ihn dann
in die Nacht hinaus. -- --
»Jetzt wollen wir zwei die Beute teilen,«
meinte darauf der Schneider, »und es soll jeder
seine Hälfte bekommen.«
»Jawohl,« sagte der Schuster; »aber da ich
zuerst den Gedanken hatte, den Hutmacher zu
überfallen, gebührt mir die größere Hälfte. Ich
werde sie mir auswählen, und was übrig bleibt,
sollst du erhalten.«
Damit bückte er sich zu den Schätzen nieder.
Der Schneider aber griff blitzschnell nach der
Pistole und dem Degen und rief:
»Laß alles liegen oder du bist ein Kind des
Todes!«
Da erschrak der Schuster, und da der Schneider
alles Ernstes drohte, ihn zu erschießen, entfloh er
schreiend in den Wald.
So kam es, daß der Schneider, der größte Feigling
unter allen, zuletzt ganz allein in dem Besitz
der geraubten Reichtümer des Polenkönigs war.
* * * * *
Der Hutmacher und der Schuster waren sich im
Walde begegnet und saßen sich grollend gegenüber.
Plötzlich sahen sie Wolfsklaue daherkommen.
Er ritt auf einem starken Ziegenbock
und hatte einen Stecken in der Hand. Zuerst
schien es, als ob er entfliehen wolle, aber dann
kam er näher, grüßte demütig und sagte:
»Ich hoffe, edle Herren, daß ihr mir nichts
mehr anhaben werdet. Denn sehet, ich bin ein
geschlagener Mann. All mein Hab und Gut habe
ich verloren; ich sitze jetzt auf einem Ziegenbock
und habe einen Stecken als Waffe; ich muß also,
da ich in meinem Räubergewerbe pleite geworden
bin, ganz klein wieder von vorn anfangen.«
Da erzählten ihm die beiden, der Schneider sei
eine Bestie, er habe sie beraubt und betrogen,
und sie seien nun ebenso arm wie er.
»Man hätte es dem Schneider nicht angesehen,
daß er ein so großer Held ist,« meinte Wolfsklaue
nachdenklich. »Da er nun alles Geld und alle
Waffen hat, ist es am besten, wir gehen hin und
wählen ihn zu unserem Hauptmann.«
»Ich will lieber deinen Ziegenbock zu meinem
Hauptmann wählen als den Schneider,« knirschte
der Hutmacher.
»Nun, einen Hauptmann müssen wir haben,«
lächelte Wolfsklaue, »und mein Ziegenbock wird
die Wahl nicht annehmen. Er ist ein sehr gescheites
Tier. Wählen wir also den Schuster!«
»Den Schuster?« schrie der Hutmacher. »Noch
eher wählte ich den Schneider als den Schuster.«
Da saß ihm der Schuster auch schon an der
Gurgel, und sie prügelten sich. Wolfsklaue aber
setzte sich an den Wegrand, streichelte seinen Ziegenbock
und sang mit fröhlicher Stimme:
»Im holden Waldesfrieden
Da wird der Wandrer froh,
Nichts Schönres gibt's hienieden,
Trara, trara, hallo!«
Während er noch so fröhlich sang und die beiden
anderen rauften, trat etwas Seltsames in Erscheinung.
Das Araberroß kam daher; ganz langsam
hob es die Beine wie in zierlichem Tanz und
wandte den Kopf schelmisch bald hin, bald her.
In den Zähnen aber trug es ein zappelndes
Bündel von Purpur, himbeerfarbenem Samt und
bernsteingelber Seide, auch fiel bei jedem Schritt
ein kostbarer Orden klirrend auf den Waldboden.
Neben dem Roß trabte die dänische Dogge, die
trug das Schwert im Maule.
Als Roß und Hund bei Wolfsklaue ankamen,
legten sie ihre Bürde vor ihm nieder. Da wickelte
sich aus dem zappelnden Bündel erst eine Königskrone
heraus, aus der unten nur die Stumpfnase
und der Ziegenbart des Schneiders hervorschauten;
dann kam der ganze Schneider zum Vorschein,
und eine meckernde Stimme rief um Gnade.
»Nun also!« rief Wolfsklaue und nahm das
Schwert an sich, »so sind wir ja alle wieder beieinander.
O, tut das Scheiden noch so weh,
Ich weiß, daß ich dich wiederseh.«
Er blitzte mit den Augen.
Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher
warfen sich nun vor Wolfsklaue nieder und baten
und wimmerten um Verzeihung.
Wolfsklaue sagte gar nichts. Er band den Schuster
an den Halftergurt und den Schneider an
den Schweif seines Rosses, legte den königlichen
Schmuck wieder an, schwang sich auf das Roß und
befahl dem Hutmacher, sich auf den Ziegenbock zu
setzen, denn er verdiene eine Auszeichnung.
Dann ritt Wolfsklaue zwei Tage und zwei
Nächte lang ohne zu rasten über das ganze Riesengebirge
weg und kam mit seinen Gefährten in
das Land Böhmen.
* * * * *
Diese Reise war für die drei, die nicht auf dem
Pferde saßen, äußerst beschwerlich. Der Schuster
mußte so rasch traben, daß ihm oft der Atem ausging,
der Hutmacher saß auf dem Ziegenbock wie
auf einem schlingernden Schiff, das in schwerem
Sturm hin- und herstößt, bald hoch, bald niedrig
geht und seinem Passagier sehr übel am Magen
mitspielt, und der arme Schneider am Pferdeschwanze
verlebte erst recht keine gute Zeit. Das
Roß nahm in keinerlei Weise Rücksicht auf ihn.
Das Schlimmste aber geschah, wenn sich dem
Hengst eine Fliege in die Flanke setzte. Dann
hob er den mächtigen Schweif und hieb ihn samt
dem Schneider nach der Fliege, daß dem armen
Kerl, der so durch die Luft sauste, Hören und
Sehen verging.
[Illustration]
Wolfsklaue aber pries die Annehmlichkeiten der
Reise und die Schönheit des Gebirges und sang
fröhliche Wald- und Wanderlieder.
Als sie nun nach Böhmen kamen, wurde endlich
Rast gehalten. Die drei armen Hascher fielen
wie tot auf das grüne Moos und schliefen drei
Tage und drei Nächte lang. Dann weckte sie
Wolfsklaue und sagte, plötzlich wieder sehr
freundlich:
»Liebe Kameraden, es tut mir leid, euch in
eurem kurzen Schlummer stören zu müssen; aber
wir müssen nun endlich ausführen, was wir uns
vorgenommen haben; wir müssen auf Taten ausgehen.«
»Herr,« meinte der Hutmacher, »ich bitte euch,
gebt mir Urlaub. Ich will mein Räuberleben
beenden. Ich kann ein wenig singen und Gitarre
spielen; da will ich sehen, wie ich mich hierzulande
durchschlagen kann.«
»Wäre noch schöner,« rief Wolfsklaue, »in
Böhmen betteln und singen zu gehen, ist das
Dümmste von der Welt; denn die Hälfte aller
Böhmaken sind selbst Bettler oder Musikanten.«
»Ich,« sagte der Schneider, »möchte mich als
Bauernknecht vermieten.«
»Und ich,« sagte der Schuster, »will wieder
Stiefel machen.«
»Mensch, willst du wieder ein Verbrecher werden?«
fuhr ihn Wolfsklaue an. »Willst du, daß
die Menschheit erlahmt und lauter Hinker durchs
Leben schreiten? Nein, nein, es wäre jammerschade
um drei so verwegene Gesellen wie ihr seid.
Ihr, die ihr sogar Wolfsklaue besiegt habt!«
Da schlugen die drei die Augen nieder. Wolfsklaue
aber machte ihnen mit gedämpfter Stimme
Mitteilung von einem großen Plan, durch dessen
Ausführung sie alle zu unerhörtem Reichtum gelangen
würden, und der außerdem sehr lustig und
unterhaltsam sei.
Weiter drin in Böhmen sei ein herrliches Schloß,
das berge so große Reichtümer, daß sich der Kaiser
aus Wien daselbst fast alles Geld borge, dessen
er bedürfe. Und das wolle etwas heißen! Sich
zum Herrn dieses Schlosses zu machen, sei nun
Wolfsklaues Ziel. Er vermöge das aber nicht
allein, sondern bedürfe dazu der Hilfe seiner drei
guten, lieben Freunde.
Die drei »guten lieben Freunde« schlugen wieder
schamhaft die Augen nieder; aber Wolfsklaue
klopfte sie vertraulich auf die Schultern und sagte
in herzlichem Tone:
»Brüder, denkt nicht mehr an die alten Tage.
Es waren Zeiten der Trübsal und der Prüfung.
Sie sind nun vorüber, und eine bessere Zeit bricht
für uns alle an. Kommt ein bißchen tiefer mit
mir in den Wald hinein und seht, was ich mich
herbeizuschaffen bemüht habe, indes ihr euch nach
der langen beschwerlichen Reise ausruhtet.«
Da gingen sie mit ihm tiefer in den Wald und
kamen in eine Räuberhöhle, von der man nichts
anderes sagen kann, als daß sie höchst luxuriös
war. Während der Fußboden mit echten und
unechten Bärenfellen belegt war, hingen an den
Wänden gerahmte und ungerahmte Bilder, die
alle große Räuber- und Heldentaten darstellten
und prachtvolle rote und grüne Farben hatten.
Flinten, Schwerter und Spieße hingen an den
Wänden, die ganz mit Edelsteinen besetzt waren,
die kleineren stammten aus dem siebenjährigen,
die größeren und wertvolleren aber aus dem
dreißigjährigen Kriege. Der Raum wurde taghell
beleuchtet von sieben Spitzbubenlaternen, die rubinrote
Scheiben hatten, und in der Mitte der Höhle
stand eine Tafel, da perlte in kristallenen Flaschen
der köstlichste Branntwein, und auf goldenen
und silbernen Tellern lagen Pökelfleisch und
Sauerkraut.
Den drei Räubern liefen vor Rührung Tränen
im Auge und das Wasser im Munde zusammen.
»Ach,« seufzte der Schuster, »ach, wenn wir
bloß nicht wieder aus einer Wasserquelle trinken
müssen!«
Diesmal aber kam's anders. Die Räuber aßen
so reichlich und tranken so viel, daß sie nach der
Mahlzeit auf den Bärenfellen einen Schlaf taten,
der fünf Tage und fünf Nächte lang war, worauf
sie sich lächelnd und gestärkt von ihrem Lager
erhoben.
»Nun,« sagte Wolfsklaue, »wollen wir unsere
große Tat vorbereiten. Das Schloß ist so wohl
bewacht, daß es nur durch äußerste Klugheit und
Tapferkeit gelingen wird, uns zu seinem Herrn
zu machen. Mein Plan ist der, daß ich euch drei
zunächst als meine geheimen Boten nach dem
Schlosse absende.«
Alle drei Räuber machten abwehrende Handbewegungen
und schüttelten heftig die Köpfe.
Wolfsklaue lächelte.
»Ich schicke euch natürlich nicht so, wie ihr hier
vor mir steht, sondern in einer geschickten Verkleidung,
so daß euch sicher niemand erkennen
wird, zumal ich euch eure Rollen gut einstudieren
werde. Du, Hutmacher, hast eine schöne Stimme
und spielst die Gitarre. Ich werde dir ein schönes
Gewand besorgen, und du wirst als Minnesänger
nach dem Schlosse ziehen. Dir, Schuster, schaut
Tapferkeit und ritterlicher Mut aus den Augen;
ich werde dich in der Kunst des Kämpfens unterweisen
und dich ausstatten wie einen Ritter aus
dem Morgenlande. Du, Schneider, bist ein pfiffiger
und gewandter Geist, du wirst als handelnder
Jude in das Schloß eindringen.«
Da versanken die drei in tiefes Nachdenken,
bis schließlich einer fragte:
»Und du -- was wirst _du_ tun?«
»Ich komme nach euch, wenn ihr den Weg für
mich geebnet habt. Alsdann erscheine ich als
Prinz von Czernagora. Der Minnesänger muß
den Rittern und Edelfrauen sehr viel von den
Tugenden und der Schönheit dieses Prinzen vorsingen;
der Ritter muß sich nach großen Heldentaten
als den geringsten unter den Mannen jenes
Prinzen bezeichnen; der Jude muß erzählen, daß
der Prinz reich genug ist, ihm alljährlich für viele
Millionen Edelsteine abzukaufen, und wenn dann
der Prinz einzieht, das heißt, wenn ich komme,
werden alle Herzen schon so in Achtung und Liebe
für mich entbrannt sein, daß es mir ein leichtes
sein wird, mich eines Tages als den Herrn und
Gebieter der Burg ausrufen zu lassen.«
»Und was wird dann aus uns?« fragte der
Hutmacher.
»Euch drei erhebe ich dann in den Adelstand
und statte euch aus mit großen Gütern.«
Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang
mußte Wolfsklaue noch reden, ehe er den dreien
ihre vielerlei Bedenken aus dem Kopf geschlagen
hatte und sie sich bereit erklärten, die ihnen zugedachten
Rollen zu übernehmen.
Dann begann der Unterricht.
Der Schuster lernte reiten und kämpfen; der
Hutmacher saß den ganzen Tag im Walde, klimperte
auf einer Gitarre und sang zärtliche oder
lobpreisende Lieder dazu; der Schneider ging mit
einem Hausiererkasten von einem Baum zum
anderen und bot ihnen mit artigen Bücklingen und
überzeugenden Handbewegungen seine Waren an.
Wolfsklaue war der Lehrmeister, gab alles an,
überwachte alles, lobte oder tadelte und sorgte
für alles, was die drei brauchten.
* * * * *
Eines Tages sagte Wolfsklaue zu dem Schuster:
»Jetzt reite aus. Glaube mir, daß dir kein
Ritter im Morgen- und Abendland gleicht. Du
bist ganz einzig in deiner Art. Reite dahin und
verkündige den Ruhm des kommenden Prinzen
von Czernagora.«
Der Schuster trug eine blitzende Rüstung, hatte
eine Lanze in der Hand, die neun Ellen lang war,
und saß auf einem prachtvollen Roß. Sein strohgelber
Schädel war von einer schwarzen Perücke
wohltuend überdeckt, und selbst sein Auge hatte
etwas Kühnes bekommen.
So ritt er dahin. Wolfsklaue in der bescheidenen
Tracht eines Dieners zeigte ihm den Weg. Er
gab ihm noch einmal viel gute Lehren, sagte ihm,
er solle mit tapferen Rittern sich im Turnierkampf
messen und, wenn er gesiegt habe, ja nicht
vergessen, zu sagen, daß er nur der bescheidenste
aller Mannen des czernagorischen Prinzen sei.
Der Schuster sagte zu allem »Ja!« Im Innern
aber dachte er:
»Daß ich ein Esel wäre, wenn ich gesiegt habe,
mich als einen geringen Mann zu bezeichnen.
Dann werde ich mich schon in anderem Lichte
zeigen, und wer weiß, ob sie nicht mich selbst zum
Herrn der Burg ausrufen.«
So kamen sie auf eine waldige Berghalde und
sahen in der Ferne die leuchtenden Zinnen der
Burg. Sie lag im hellen Sonnenlicht; dreizehn
Türme und viele Erker schmückten sie gar herrlich;
eine starke Mauer umgürtete ihre vielen Gebäude
und Höfe, und vier Wallgräben zogen sich um sie
her, davon war der erste mit Wasser, der zweite
mit Tinte, der dritte mit Schwefelsäure, der
vierte mit glühendem Blei gefüllt, so daß es
für alle Feinde sehr mühsam war, die vier Gräben
zu durchschwimmen.
[Illustration]
Als der Schuster die Burg sah, wurde ihm übel.
Aber Wolfsklaue gab ihm aus einem Fläschchen
zu trinken, das einen ungeheuren Mut in die
Adern des Schusters ergoß, und so zog er wohlgemut
dahin, nachdem Wolfsklaue ihm glückliche
Reise gewünscht hatte und umgekehrt war.
Von den dreizehn Türmen des Schlosses
klangen die Hornsignale der Wächter, daß ein
Fremder daherziehe. Der Schuster dachte: die
blasen so niederträchtig laut, daß mir noch mein
Roß scheu werden wird. Da sah er auch schon,
wie sich auf den Söllern und Mauern der Burg
hunderte von edlen Rittern, wunderschönen Edeldamen
und allerhand Kriegsvolk ansammelte, um
nach dem nahenden Fremdling auszuschauen. Der
Schuster hob seine neun Ellen lange Lanze zum
Gruß, und der Federbusch auf seinem Helm
spielte im Winde. Er kam sich ganz herrlich vor,
und alle Angst war verschwunden.
Da begegnete ihm auf einem Kreuzweg ein
Reiter.
»Hallo,« dachte der Schuster, »das ist der rechte
Mann, einen Waffengang mit ihm zu wagen und
vor allem Volk auf der Burg meine Tapferkeit
und Geschicklichkeit zu erweisen.« Er nahm also
seinen Helm ab, machte eine Verneigung und
sagte: »Entschuldigt, edler Herr, beliebt es vielleicht,
Euch im ritterlichen Kampfe mit mir zu messen?«
Ein Gelächter erscholl von der Burg, und der
Reiter lachte auch. Da faßte den Schuster ein
wilder Zorn, er trieb sein Roß an, stürmte gegen
den Reiter, hob die Lanze und bohrte sie tief --
in die Luft neben dem Reiter. Er selbst verlor
ob des Anpralls das Gleichgewicht und purzelte
in den Straßengraben.
Nun rasselte die Zugbrücke der Burg; Ritter
und Damen eilten herbei, und die Ritter lachten
so tief und schauerlich, daß es klang, wie wenn alte
Wagen mit eisernen Rädern über spitze Steine
fahren, oder wie wenn man mit klobigen Hämmern
auf leere Fässer schlägt, und die Damen
girrten und zwitscherten wie silberne Tauben in
der Luft oder wie blaue Schwalben am Dachsims.
Das verdroß den Schuster; er arbeitete sich
aus dem Graben heraus, verlor dabei seinen Helm
und seine schwarze Perücke, stand mit seinem
strohgelben Schädel da, machte ein dummes Gesicht
und schrie:
»Ich bin der beste Ritter des Prinzen von
Czernagora.«
O, wie rollten die Wagen, wie dröhnten die
Fässer, wie girrten die Tauben, wie zwitscherten
die Schwalben!
»Mit einem Knecht, mit einem waffenlosen,
ganz gewöhnlichen Roßknecht hat er angebunden,
und ist von ihm besiegt worden! Welch ein Spott,
welch ein Spott!«
So lachte und höhnte es von allen Seiten.
Nun trat ein hoher Herr in königlichem Schmuck
aus der Menge. Es war der Burgherr. Der
sprach:
»Der Prinz von Czernagora ist mein Todfeind.
Wenn dieser Mann zu seinen Rittern gehört und
er sich von meinem Knechte hat werfen lassen, so
nehmt ihn und bringt ihn ins Verließ. Wir
werden Gericht über ihn halten.«
Schwapp -- lag der Schuster auf den Knien.
Er warf seine Lanze von sich, hob bittend beide
Hände auf und flehte:
»Seid gnädig, Herr, und glaubt ja nicht, daß
ich ein tapferer Ritter sei. Nein, ich bin nur ein
Schuster, ein Schuster aus Hirschberg, und wenn
Ihr das nicht glauben wollt, so will ich Euch
augenblicklich ein Paar Stiefel fertigen.«
»Das verhüte Gott,« sagte der Burgherr mit
Ernst. »Nehmt ihn und führt ihn ins Verließ!«
So geschah es. Und als der Tag vergangen war
und der Mond über die Waldberge wanderte,
schien er auch durch eine winzige Mauerlucke in
das bleiche Gesicht des Schusters, der in seinem
feuchten Verließe saß und um den die Ratten und
Mäuse tanzten, wie es nun einmal in den Burgverließen
traurigerweise Mode ist.
* * * * *
Drei Tage darauf sagte Wolfsklaue zu dem
Hutmacher:
»Nun singst du über alle Maßen schön und lieblich.
Du kannst den Text, die Melodie und die Begleitung;
also bist du über alle Nachtigallen des
Waldes, die nur die Melodie können. Reite aus,
edler Sänger, und verkünde auf der Burg die
Schönheit und die Macht des Prinzen von Czernagora.«
Der Hutmacher stimmte seine Gitarre, setzte sich
auf den zahmen Schimmel, den ihm Wolfsklaue
besorgt hatte und zog gen die Burg. Als er ihrer
ansichtig wurde, stimmte er die Gitarre aufs neue
und sang ein schönes Weihnachtslied. Die Julisonne
brannte ihm dabei auf den Rücken, und
nach einiger Zeit dachte er sich: Die Leute werden
meinen Gesang nicht hören, denn die Burg ist
wohl noch gut eine Meile entfernt. Also ritt er
auf seinem zahmen Schimmel noch etwa zwei
Stunden lang vorwärts, und da er dadurch der
Burg sichtlich näher gekommen war, stimmte er
seine Gitarre und sang ein neues Lied:
»Ich bin ein Minnesänger
Und komm aus Morgenland,
Die schönsten Saitenklänger
Rühr ich mit meiner Hand.«
Trara! Trara! fingen die Wächter auf den
dreizehn Türmen an zu blasen, so laut und dröhnend,
daß die nächsten dreizehn Strophen des
Minnesängerliedes nicht einmal von dem zahmen
Schimmel gehört werden konnten. So brach der
Hutmacher schon nach der zwölften ab und fragte
sich, ob er sich als Sänger über solch schmetternden
Empfang eigentlich freuen oder ärgern solle.
Zunächst ärgerte er sich. Aber bald leuchteten
seine Augen auf. Das Burgtor öffnete sich, und an
die dreißig schöne Jungfrauen traten heraus. Sie
waren alle weißgekleidet, trugen goldene Gürtel
um die Hüften, grüne Kränze im Haar und lichtblaue
Schleier darüber. In den Händen hielten
sie Rosen und bunte Blumen.
Der Hutmacher stieg von seinem Roß und machte
dreißig Verneigungen. Darob lächelten die holden
Mädchen; dann stellten sie sich im Halbkreise auf
und begannen mit glockenhellen Stimmen zu
singen:
»Gegrüßt sei mit Blumen und Rosen,
Du Ritter im Sängerkleid,
Viel Frauenaugen sie kosen
Die Stirne dir, von Musen geweiht.
Da schläft wie in heiligen Schächten
Der edlen Gedanken Gold,
Da blüh'n wie in Wundernächten
Die Märchenblumen so hold,
Da ist das tiefe Verstehen,
Das tiefste Erbarmen zu Haus,
Da wohnt das geistige Sehen
In Weiten und Zeiten hinaus,
Da hat seine heimlichen Bronnen
Der Schönheit gewaltiger Strom,
Da hat sich der Herrgott ersonnen
Der Menschheit heiligen Dom.«
O, war das noch ein Klang? War das noch eine
Melodie? War das nicht wie ein Silberrieseln,
das vom blauen Himmel heruntertaute? Die
Mädchen standen in ihrer großen Schönheit wie
Engel im reinen Licht, als sie das sangen.
Und der Hutmacher fiel mit dem Gesicht auf die
Erde, bohrte seine Stirn tief in den Rasen und
weinte bitterlich. Als die holden Mädchen erschreckt
näher kamen, rief er:
»Ich schäme mich! Ich schäme mich! Schaut
meine Stirn nicht an!«
»Ei warum denn nicht, du fremder Sänger?«
»Ich bin kein Sänger -- ich habe euch betrügen
wollen -- ich bin nur ein Hutmacher und ein
Räuber!«
Erschreckt standen die Jungfrauen zur Seite.
Da kam der Burgherr und fragte strenge:
»Wer hat dich gesandt?«
»Der Prinz von Czernagora!« gestand der
wimmernde Mann.
»Führt ihn in das Verließ!« befahl der Burgherr.
Das geschah, und es nutzte gar nichts, daß
sich die Mädchen bemühten, für den armen Tropf
Fürsprache einzulegen.
* * * * *
Der Schneider übte sich gerade in der Hausiererkunst,
indem er einem alten Tannenbaum durchaus
ein Paar Hosenträger aufschwatzen wollte, als
Wolfsklaue an ihn herantrat und sprach:
»Nun ist's Zeit, lieber Freund, daß du dir andere
Kundschaft aussuchst. Ziehe hin nach dem
Schloß, mache dich angenehm durch dein Benehmen
und deine Waren, und erzähle vom Reichtum
des Prinzen von Czernagora.«
»Sie werden mer derkennen,« sagte der Schneider
in seinem jüdischen Dialekt.
»Nein, se werden der nich erkennen,« beschwichtigte
ihn Wolfsklaue. »Ich sage dir, Schneider,
du bist ein Itzig, wie er sein soll.«
In der Tat sah der Schneider aus wie ein
jüdischer Händler. Wochenlang hatte er sein Gesicht
den Sonnenstrahlen aussetzen müssen und
sich nicht mehr waschen dürfen, so daß er eine
schöne dunkle Hautfarbe hatte; Wolfsklaue hatte
ihm eine Perücke mit langen schwarzen Locken
verschafft, ihn auch sonst ganz richtig ausstaffiert,
ihm sogar den leutselig verschmitzten Blick solcher
Händler einstudiert.
[Illustration]
Nun übergab ihm Wolfsklaue zwei Kästen. In
dem oberen waren allerhand billige, aber bunte
und schön anzuschauende Gebrauchsgegenstände
für das Dienstvolk; in dem unteren lagen prachtvolle
Goldgeschmeide und herrliche Edelsteine in
allen Farben und Größen für Ritter und Edelfrauen.
Der Schneider nahm Abschied und machte sich
auf den Weg. Als er allein im Walde war, öffnete
er den unteren Kasten, betrachtete die Kostbarkeiten
und dachte bei sich:
»Was nutzt es mir, wenn ich diese schönen
Dinge auf der Burg verkaufe? Der Prinz von
Czernagora wird kommen und mir den Erlös abnehmen.
Höchstens werde ich einen kleinen Profit
behalten. Besser ist es, ich wandere nach Prag,
verkaufe dort meine Waren und freue mich dessen,
was ich dafür erhalte.«
Also machte sich der Schneider nicht auf den
Weg nach der Burg, sondern marschierte auf der
Landstraße gen Prag. Als er aber einen halben
Tag gewandert war, kam ihm plötzlich Wolfsklaue
entgegen. Der Schneider erschrak des Todes.
Wolfsklaue aber lächelte und sagte:
»Schneider, du verläufst dich! Hier geht es
nach Prag. Die Burg liegt dir genau im Rücken.
Sei also so freundlich und kehre um. Ich werde
dich begleiten, bis du durch die Burgpforte hineingegangen
bist, damit du dich nicht noch einmal
verirrst.«
Der Schneider knirschte innerlich vor Wut über
diese Begegnung; äußerlich aber mußte er tun,
als freue er sich sehr, daß er vom unrechten Weg
abgebracht worden war, und mußte sich Wolfsklauens
Begleitung gefallen lassen, der mit ihm
ging, bis die Burg in Sicht war, und sich dann
unter einem Baum auf die Lauer setzte.
So wanderte der Schneider den Talweg entlang
der Burg zu. Auf einer Wiese sah er ein Mädchen
stehen. Es war eine Gänsehirtin. An die ging
er heran, lüftete seine Kappe und sagte:
»Scheens Freilein, woll'n Se vielleicht kaufen
ä Paar hochfaine Strumpfbänder?«
Das Mädchen lachte mit seinem kirschroten
Mund, daß man alle ihre schönen weißen Zähne
sah, und sagte:
»Ich habe noch nie Strümpfe gehabt; ich gehe
immer barfuß. Und ich habe noch nie einen
Pfennig Geld in der Hand gehabt.«
»Dumme Gans!« brummte der Schneider und
klappte den Kasten zu.
Da kam des Wegs eine Edeldame geritten.
Sie war prächtig aufgeputzt, trug einen Falken
auf dem Finger, und hinter ihr ritt ein Forstmann.
Als sie den Schneider sah, hielt sie ihr Roß an
und rief:
»Heda, Hebräer, was hast du Schönes in deinem
Kasten?«
Der Schneider stürzte herbei, machte eine Verneigung,
sah der Dame ins Gesicht und stotterte:
»Ich könnte Euch geben, gnädigste Frau Ferstin,
ä sehr ä gutes Mittel gegen rote Nase.«
»Pfui!« schrie die Dame und sprengte davon.
Der Forstmann aber hieb dem Schneider mit der
Reitpeitsche den Buckel ganz jämmerlich voll und
sagte:
»Ich werde dich lehren, du schmutziger Kerl,
unsere Frau Burggräfin zu beleidigen. Ich schlag
dich auf der Stelle tot!«
Der Unmensch hätte es vielleicht auch getan,
wenn nicht die Burggräfin zurückgekommen
wäre.
»Laß ihn am Leben,« rief sie, »laß ihn vorläufig
am Leben! Er soll mir erst sagen, ob er
meine Nase wirklich für rot hält.«
»Gnädigste Burggräfin,« wimmerte der Schneider,
»Eure allerdurchlauchtigste Nase ist so weiß
und stattlich wie die Schneekoppe im Winter.«
Das besänftigte die Dame.