peinlich; denn er hatte sein Amt erst angetreten
und wollte nicht in den Ruf eines Kinderquälers
kommen.
Da schenkte er uns 10 Pfennige, sagte, wir
seien ja sonst nette Kinder, auch fleißig in der
Schule, hätten ihm Freude gemacht; da sollten
wir also in Zukunft ein höflicheres Straßenbenehmen
an den Tag legen, jetzt sofort ruhig
nach Hause gehen und uns für die 10 Pfennige
was kaufen.
* * * * *
Die 10 Pfennige nahm das Roß in Verwaltung
und kaufte am Nachmittag drei Zigarren dafür.
Jeder rauchte eine, die dritte rauchten wir zusammen.
Wir saßen dabei auf unserem Windmühlberg,
sahen nach der Kreisstadt hinüber und
sangen aus vollen Lungen: »Stadtklecker! --
Stadtklecker!«
[Illustration]
Die Räuber aus
dem Riesengebirge
Drei ehrbare Handwerker aus dem Riesengebirge,
ein Schuster, ein Schneider und ein Hutmacher,
beschlossen eines Tages, Räuber zu
werden; denn ach, ihre Geschäfte gingen schlecht!
Machte der Schuster ein Paar Stiefel, so kam sein
Kunde nach ein oder zwei Tagen angehinkt,
schimpfte, daß ihm alle Zehen zerquetscht und die
Fersen zerrieben seien, schlug dem Meister die
Stiefel um den Kopf und verlangte sein Geld
zurück. Nähte der Schneider mit Sorgfalt und
viel Geschicklichkeit einen Anzug, so wies ihm
sein Kunde bei der Ablieferung mit rauhen Worten
nach, daß das eine Hosenbein weit wie ein Mehlsack,
das andere eng wie ein Pfeifenrohr sei, und
daß der Rock hinten zwei Buckel mache, wie das
Fell eines Trampeltiers. Maß der Hutmacher
einem ein recht fesch Hütlein an, so saß es ihm
am Ende auf dem Wirbel wie eine Hanswurstkappe
oder fiel ihm in die Stirn bis über die Spitze
des Kinnbartes herab.
So sagten eines Tages die drei Meister zueinander:
»Das Handwerk hat keinen goldenen
Boden mehr. Man kann tun, was man will, das
Publikum ist nicht zufrieden. Es gibt nichts als
Zank und Streit. Wir wollen uns also nach einer
friedfertigeren Beschäftigung umsehen.«
Darauf beschlossen sie, Räuber zu werden, und
meinten, dabei ihr gutes Auskommen zu haben.
Sie wuschen sich nun sechs Wochen lang nicht
mehr, kämmten ihr Haar nicht mehr und zogen
ihre ältesten Kleider an. Darauf nahmen sie von
ihren Freunden Abschied, sagten, sie möchten sie
nur in gutem Andenken behalten, zogen in den
Wald und wurden Räuber.
Zwei Tage und zwei Nächte saßen sie unter
dunklen Bäumen und lauerten, ob jemand des
Weges daherkommen würde. Es kam aber niemand,
und die Räuber froren und langweilten sich.
Zum Glück hatten ihnen ihre Freunde Essen und
Trinken mitgegeben, sonst hätten die armen Kerle
Not leiden müssen.
Am zweiten Tage gegen Abend meldete der
Schneider, der als Kundschafter ausgeschickt worden
war: es ziehe ein starker Mann daher. Er sei
groß wie ein Riese und habe einen Knüppel in
der Hand. Man könne nicht wissen, was er im
Schilde führe.
[Illustration]
Da versteckten sich die drei Räuber hinter die
Brombeerhecken und atmeten auf, als der starke
Kerl vorbei war. Der Hutmacher aber, welcher
der Klügste von ihnen war, sprach:
»Auf diese Weise werden wir auch keine guten
Geschäfte machen!« Und er hielt eine Rede, und
alle drei beschlossen, den nächsten Wandersmann
zu überfallen, sei es auch, wer es sei.
Wie nun der Morgen in hellgoldener Pracht
über den Bergen aufging, kam der Schuster angerannt
und sagte: ein einzelner Reiter komme
den Talweg herauf. Es sei wohl ein reicher
Ritter, denn er habe eine Feder auf dem Hut und
trage ein seidenes Wams. Er sei schon ganz
nahe. Das Schlimme sei nur, daß er ein Schwert
an der Seite trage; man könne also nicht wissen,
was er im Schilde führe.
»Schwert oder nicht Schwert,« brüllte der Hutmacher
so mutig, zornig und laut, daß die Luft
dröhnte; »wir müssen ihm am Kreuzweg auflauern
und ihm seine Habe abnehmen. Der
Schneider wirft dem Pferde eine Schlinge um
den Hals, der Schuster zieht den Ritter vom
Roß herunter, und ich packe ihn dann von
hinten!«
In diesem Augenblick wieherte ein Pferd, und
die drei Räuber rannten so schnell als möglich
nach dem nahen Kreuzweg. Als nun der Ritter
ankam, sprangen sie ihm mit einem fürchterlichen
Geschrei entgegen.
Und was nun kam, geschah alles blitzschnell.
Der Ritter entriß dem Schuster die Schlinge und
warf sie ihm selbst um den Hals, er zog den
Schneider zu sich aufs Roß hinauf und packte den
Hutmacher von hinten am Halswirbel. Darauf
stieg er gelassen vom Roß herab, nahm auch den
Schuster mit hinunter und legte alle drei Räuber
sacht, aber bestimmt auf die Erde, mit den Nasen
in den aufgeweichten Boden hinein. Dann befahl
er ihnen, nur recht still zu liegen, da sie ja nicht
wissen könnten, was er im Schilde führe,
räumte ihnen die Taschen aus, was sie da noch
an Wurst, Speck und Tabak hatten, zählte jedem
mit der flachen Klinge seines biegsamen Degens
zwanzig ansehnliche Streiche auf den Hosenboden,
stieg dann wieder zu Roß und ritt langsam davon,
indem er mit fröhlicher Stimme sang:
»Es ist so schön der Morgen
Im frohen Sonnenlicht,
Kein Kummer und keine Sorgen
Drücken mein Herze nicht!«
Als der Ritter um die nächste Waldecke verschwunden
war, hob der Hutmacher die Nase
aus dem Schlamm, nieste kräftig und sagte:
»Unser Anschlag ist fehlgegangen!«
Nun erhoben sich auch die beiden anderen,
gaben dem Hutmacher recht und waren allesamt
äußerst betroffen.
»Wir werden uns nach einem friedfertigeren
Gewerbe umsehen müssen,« klagte der Schuster.
Sie wußten aber keines, denn es waren kümmerliche
Zeitläufte.
So saßen sie am Kreuzwege und fingen schließlich
alle drei an bitterlich zu weinen.
* * * * *
Plötzlich fuhren sie zusammen, denn es kam
ein Mann gegangen.
»Der Ritter!« schrie der Schneider und wollte
entfliehen. Doch der Fremdling war schon da.
Er führte das Roß des Ritters am Zügel und
trug seine Kleider und Waffen; aber es war der
Ritter nicht.
Der Fremde machte erstaunte Augen, als er
die drei sitzen sah, und fragte:
»Was sitzt ihr drei armen alten Frauen hier
und weinet?«
»Wir sind keine alten Frauen,« schluchzte der
Schuster, »wir sind Männer. Junge Männer!«
»I der Dauz,« rief der Fremdling erstaunt,
»junge Männer seid ihr! Wer hätte das gedacht!
Aber sagt mir, warum weinet ihr?«
»Weil es uns so schlecht geht,« heulte der
Schneider.
»Schlecht geht? Wieso? Wie kann es einem
jungen Mann schlecht gehen? Sehet mich an!
Ich bin ein Räuber. Mir geht es gut. Werdet
auch Räuber, und es wird auch euch gut gehen!«
»Wir sind ja Räuber!« sagte der Hutmacher
kleinlaut.
Da lachte der Fremde so laut, daß sich das Roß
aufbäumte und dem Schneider einen Tritt auf
die Schulter gab.
»Ach, ihr seid Räuber? O, welch ein Spaß!
Welch eine Überraschung! Warum aber habt ihr
euch alsdann den reichen Rittersmann entgehen
lassen, der vor einer Stunde hier vorbeizog?
Seht mich an; ich bin ein einzelner Mann und
habe dem Ritter alles abgenommen, was er
besaß.«
Der Schneider log, sie hätten den Ritter leider
nicht gesehen; sonst hätten sie ihn schon ordentlich
ausgeraubt, denn sie seien tapfere Leute, und von
alten Weibern sei keine Rede.
»Nun,« sagte der Fremde, »wenn ihr meine
Kollegen seid, so sollt ihr wenigstens mit mir
frühstücken.«
Er packte nun die Wurst und den Speck aus,
den der Ritter vordem den dreien abgenommen
hatte, und lud zum Mahle ein. Der Fremde aß
aber fast alles selbst, und dem Schneider, dem
Schuster und dem Hutmacher blieb nicht viel mehr
als von der Wurst die Haut und von dem Speck
die Schwarte. Die lagen ihnen schwer im Magen.
Während des Frühstücks erzählte der Fremde,
er heiße Wolfsklaue und habe in den italienischen
Abruzzen, im ungarischen Bakonywald und im
Böhmerwald seine Studien gemacht. Neulich
habe er sein Meisterstück gemacht, und nun wolle
er hier im Riesengebirge das Räubergewerbe auf
eigene Faust betreiben. Wenn es den dreien recht
sei, sollten sie in seine Dienste treten; er nehme
nicht mehr als die Hälfte der Beute für sich; die
andere Hälfte solle den dreien überlassen sein.
Da schlugen sie ein und wurden fröhlich.
* * * * *
»Kameraden,« sagte nun Wolfsklaue, »wenn
wir rechte Räuber sein wollen, genügt es nicht,
daß wir hier am Kreuzweg sitzen und heulen
oder Wurst und Speck essen, sondern wir müssen
auf Taten ausgehen.«
O, da stimmten die drei anderen bei. Jahrelang,
sagten sie, sehnten sie sich schon danach,
mal etwas Ordentliches zu tun zu bekommen.
Taten! Das sei so etwas für sie!
»Gut,« sagte Wolfsklaue, »hört mich also an.
Weit im Gebirge drin wohnt ein Müller, der ist
so steinreich, daß er sich alle Tage mit Seife wäscht
und seine Kühe mit Apfelsinen füttert. Den
wollen wir ausrauben.«
»Den wollen wir!« stimmten die drei freudig bei.
»Ja, aber die Sache ist nicht so leicht. Der
Müller ist ein starker Kerl und hat vier Knechte;
auch sind er und seine Leute wohlbewaffnet mit
Dolchen, Pistolen und Totschlägern. Überdies
hat er zwei Bluthunde.«
»Muß es nun grade der Müller sein?« fragte
der Schneider.
»Jawohl. Denkt doch an sein vieles Geld.
Die Sache bedarf nur der nötigen Schlauheit.
Hört mich an! Ich stecke euch in Getreidesäcke und
verkaufe euch dem Müller als Korn und Gerste.
Er schafft euch in seine Mühle. In der Nacht
schlüpft ihr aus den Säcken heraus, öffnet mir
die Tür, und alles andere laßt ihr mich besorgen.
Ich habe nicht umsonst in Böhmen mein Meisterstück
gemacht.«
Auf diesen Plan gingen die drei ein, und am
nächsten Morgen schon standen der Schuster, der
Schneider und der Hutmacher als Säcke auf dem
Getreidemarkt in Hirschberg.
Es war ein warmer Tag und viel Volk beisammen.
Damit nun die Säcke nicht um die Gestalten
schlotterten, waren sie mit Heu ausgestopft.
»Ich schwitz mich tot,« sagte der Hutmacher in
seinem Sack.
»Mensch, halt dein Maul,« knirschte Wolfsklaue,
»oder du verrätst uns. Schwitze im
stillen!«
Nun kam ein Hund gegangen, schnubberte an
dem Sacke, in dem der Schneider steckte, und
fing ein wütendes Gebell an. Der Schneider erbebte;
er erkannte den Hund an der Stimme; oft
genug hatte er dem Köter früher einen Fußtritt
gegeben. Jetzt mußte er es sich gefallen lassen,
daß der Hund sich wie rasend in den Sack verbiß
und ihn umriß. Alles Volk lachte.
Eine Stunde später kam der Ratspolizist. Er
hatte im Auftrage der hohen Obrigkeit einzelne
Säcke zu öffnen und zu prüfen, ob sie auch gutes,
gesundes Korn enthielten.
»Wir sind verloren,« dachte der Schuster, als
der Polizist gerade den Sack öffnete, in dem er
steckte.
Zum Glück war der Polizist sehr kurzsichtig.
Als er nun die Nase tief in den Sack steckte und
des Schusters strohgelben Schädel sah, sagte er
befriedigt:
»Ich habe lange kein Korn von so schöner goldener
Farbe gesehen.«
Und er band den Sack wieder zu. Der reiche
Müller, der in der Nähe stand, hatte das lobende
Urteil gehört, und da die Säcke groß und prall
waren, kaufte er sie um einen guten Preis und
ließ sie auf seinen Wagen laden.
»Das war Zeit,« seufzte der Schneider; »ich habe
schon das Zittern in den Beinen!«
»Ich schwitz mich tot!« stöhnte der Hutmacher.
»Ich schwitze so,« sagte der Schuster, »daß der
Schweiß sicher schon durch den Sack dringt. Es
ist wenigstens gut, daß wir jetzt liegen!«
Nun kam der Müller, befühlte die Säcke und
sagte: »Oho, sie sind ja feucht! Wenn ich nur
kein dämpfiges Korn gekauft habe. Es scheint
bei der Ernte nicht ordentlich ausgetrocknet zu
sein. Peter, lade das andere Korn auf und laß
uns heimfahren!«
Der Knecht lud nun noch etwa zehn Säcke auf
und warf sie mit Wucht auf die drei Räuber,
welche angstvoll ihr letztes Stündlein gekommen
glaubten. Sie seufzten, stöhnten, ja schrieen zuweilen,
und es war nur gut, daß der Wagen, der
sich in Bewegung gesetzt hatte, so laut knarrte,
daß von den Angstrufen nichts zu hören war.
Der Weg von Hirschberg bis zur Mühle betrug
sechs Stunden. Es war eine so schreckliche Fahrt,
daß der Schuster bei sich meinte, fast sei es weniger
arg, ein Paar Stiefel zu machen, als ein solch
heißes und drückendes Abenteuer zu erleben.
Und die beiden anderen hatten ähnlich düstere
Gedanken.
Endlich ging auch dieser Schmerzensweg zu
Ende. Der Wagen hielt; die Säcke wurden abgeladen.
Steif standen die drei Räuber, ohne sich
zu rühren. So zerschlagen und zerschwitzt sie sich
fühlten, freuten sie sich doch, daß bis jetzt alles
glatt abgelaufen war, und hofften auf gute Beute
und auf die Zufriedenheit ihres Herrn und Meisters
Wolfsklaue.
Ach, es kam anders.
»Hm! Dieses Korn scheint wirklich ganz
dämpfig zu sein,« sagte der Müller; »sieh mal,
Peter, die Säcke sind naß, wie wenn sie aus dem
Wasser gezogen wären. Da bin ich betrogen worden.
Am besten ist es, wir schaffen das Zeug
bald weg. Schütte es augenblicklich in die große
Schrotmühle; wir machen Schweinefutter daraus!«
Wie der Schneider etwas von der Schrotmühle
und vom Schweinefutter hörte, schrie er laut auf
vor Angst, warf sich um und rollte durch den
Hof. Von den anderen beiden Säcken begann
der eine zu hüpfen, der andere um Hilfe zu
schreien. Der Peter schrie, der Müller schrie, die
anderen Knechte kamen gesprungen und schrieen,
die Bluthunde heulten, und es ward ein großer
Lärm.
Das Ende vom Liede war, daß die Säcke geöffnet
und die drei Räuber herausgezogen wurden.
Triefend von Schweiß, mit angstverzerrten Gesichtern
und schlotternden Beinen standen sie da,
und als einer der Knechte rief:
[Illustration]
»Die haben sich einschleichen wollen; das sind
Räuber!« ging ein toller Lärm an. Der Schuster,
der Schneider und der Hutmacher bekamen so
viel Prügel, wie nie drei Räuber oder sonstige
schlichte Bürger Prügel bekommen haben. Halb
totgeschlagen wurden sie endlich zum Tore hinausgeworfen.
Dort blieben sie anfangs wie betäubt
liegen; dann krochen sie, hinkten sie, schleppten sie
sich in den Wald hinein.
Dort trafen sie Wolfsklaue.
Als er hörte, was vorgefallen war, sprach er
ihnen erst sein Bedauern aus, dann hieb er sie
noch einmal durch, indem er sagte:
»Ein richtiger Räuber darf nicht zucken und
mucken, auch wenn er zu Schweinefutter gemahlen
werden soll.«
* * * * *
Wochenlang kühlten sich die Räuber ihre brennenden
Gebeine. Sie lagerten sich ins weiche
Moos und legten sich gegenseitig Salben und
kühlende Kräuter auf. Wolfsklaue erschien nur
alle drei Tage bei ihnen, brachte ihnen einige
Stücke harten Brotes, das sie sich im Wasser des
Baches aufweichen mußten, und tat sich selbst bei
Braten und Wein lecker. Manchmal erzählte er
von seinen Taten; Schlösser hatte er ausgeraubt,
reisende Kaufleute überfallen und andere einträgliche
Geschäfte gemacht. So strotzten seine
Finger von funkelnden Ringen; er hatte in jeder
der sechs Taschen seiner rotseidenen Weste eine
Uhr stecken und eine Kette daran und trug in jeder
Hand zwei Spazierstöcke mit silbernen Knäufen.
Jedesmal kam er auf einem anderen Roß angeritten,
die immer aus Arabien stammten; die gestickten
Decken waren aus Persien, das Lederzeug
aus England, die Beschläge aus Italien.
Aus Deutschland war nichts, das wäre zu gewöhnlich
gewesen.
Während nun die drei armen Kerle ihre Brotrinden
aßen und sich von Zeit zu Zeit den abheilenden
und darum juckenden Buckel krauten,
hielt Wolfsklaue schwelgerische Mahlzeiten, funkelte
mit seinen Ringen, zog seine Uhren auf und
putzte seine goldenen Ketten mit einem Lederlappen.
Die drei armen Hascher sahen mit gierigen
Augen zu. Und eines Tages, als Wolfsklaue
wieder ganz aufdringlich geprahlt und die drei
sehr schlecht behandelt hatte, sagte der Hutmacher,
als sie wieder allein waren:
»Brüder, das halte aus, wer da wolle! Es ist
schlimmer als ein Hundeleben! Was hat uns
Wolfsklaue dagelassen? Nichts! Nicht einmal
die Knochen von seinem Wildbret. Die hat er
seiner dänischen Dogge gegeben. Es macht mir
keinen Spaß mehr, ein so armer Teufel zu sein;
ich will lieber so reich sein wie Wolfsklaue und
werde das in drei Tagen erreichen.«
Der Schneider fragte den Hutmacher freundlich,
ob er etwa Kopfschmerzen habe und am Gehirn
leide; aber der Hutmacher verneinte das und sagte,
er sei kein bißchen verrückt, sondern er habe im
Gegenteil einen großartigen Plan.
Erst nach Mitternacht, als der Mond schon
untergegangen war, und das kleine Holzfeuer, um
das die drei saßen, erlosch, gab der Hutmacher
seinen Plan kund.
»Überfallen müssen wir ihn!«
»Wen?«
Der Hutmacher zog das linke Ohr des Schneiders
und das rechte des Schusters dicht an seinen Mund
und flüsterte:
»Ihn -- Wolfsklaue!«
Da rissen die beiden ihre Ohren los und sprangen
in die Höhe. Sie schüttelten sich vor Entsetzen.
Aber als die Sonne aufging, hatte des Hutmachers
große Redekunst über alle Besorgnisse
gesiegt, und es war ausgemacht, das nächste
Mal Wolfsklaue zu überfallen, sobald er seine
Waffen abgelegt hatte und seine Dogge in den
Büschen verschwand, um nach Wildfährten zu
spüren. --
Der dritte Tag erschien; aber Wolfsklaue erschien
nicht. Da bekamen die drei Angst, er möge
am Ende von ihrem Anschlag Wind bekommen
haben.
»Man kann bei ihm nie wissen, was er im
Schilde führt!« sagte der Schneider besorgt. Die
beiden anderen schwiegen und sahen bedrückt vor
sich hin. Es war ganz still im Walde. Kein Laut
rührte sich. Nur die Magen knurrten von Zeit
zu Zeit im Dreiklang, oder ein Schluchzer oder
Seufzer kam aus einem bärtigen, verwilderten
Räubermunde.
Am vierten Tage erschien Wolfsklaue. Er trug
eine flimmernde Königskrone auf dem Kopf, ein
ganzes Bündel von Spazierstöcken mit goldenen,
silbernen und demantenen Knäufen unter dem
linken Arm, unter dem rechten hatte er ein
Szepter gequetscht, und in der Hand hielt er eine
goldene Kugel. Von seinen Schultern fiel ein
Purpurmantel, der mit Edelsteinen übersäet und
so lang war, daß er den halben Waldweg entlang
schleifte. Um den Hals trug er so viel
goldene Ketten, daß sich unter der Last sein Nacken
krümmte; seine Brust und sein Bauch waren wie
ein Spiegel, weil dort gar so viele Orden blitzten,
sein rechtes Hosenbein war aus himbeerrotem
Sammet, sein linkes aus bernsteingelber Seide,
an dem rechten Fuß hatte er einen Stiefel von
Elenleder, an dem linken einen perlengestickten
Pantoffel.
Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher
sprangen ob des wunderbaren Anblicks in die
Höhe und fielen dann platt auf die Nasen.
»Guten Tag, meine Herren,« sagte Wolfsklaue
freundlich und lüftete die Krone; »ich freue mich,
euch so wohl zu sehen. Ihr habt euch jedenfalls
hier gut unterhalten. Ich habe inzwischen ein
kleines Geschäft erledigt. Ich hatte eine Zusammenkunft
mit dem Könige von Polen. Ihr
seht, daß ich mir einige kleine Andenken mitgebracht
habe. Es war wirklich sehr nett!«
Er winkte dem Hutmacher, ihm vom Pferde zu
helfen, gürtete sich sein Schwert ab, das er dem
Schneider übergab, nahm seine Pistole aus dem
Gürtel und gab sie dem Schuster, raffte schließlich
seinen Purpurmantel zusammen und legte sich
auf die Erde.
»Aber anstrengend ist es, meine Herren, sehr
anstrengend! Ihr glaubt gar nicht, wie müde ich
bin! Siebzehn Kammerdiener und achtundfünfzig
Soldaten habe ich erst entfernen müssen, ehe ich
mit Se. Majestät unter vier Augen reden konnte.
Gebt mir doch mal die Flasche aus der Satteltasche.
Es ist alter Malvasier drin. Und füllt eure hohlen
Hände dort am Brünnlein, und dann wollen wir
mal auf meine Gesundheit trinken.«
Es geschah alles, wie Wolfsklaue es wünschte.
Die drei armen Hascher füllten ihre Hände an
der Quelle, und dann mußten sie mit der Hand
an Wolfsklaues goldenem Becher anstoßen und
»Zur Gesundheit!« sagen.
»Ah, das schmeckt? Nicht wahr?« fragte Wolfsklaue,
als sie getrunken hatten. »Ein bißchen
schwer ist der Trank; aber wie Feuer geht er
durch die Adern. Nun, lassen wir es uns wohl
sein! Einen Sieg, wie den meinen, muß man
feiern. Ich denke, wir trinken noch ein Schöpplein!«
Wieder mußten die drei armen Hascher ihre
hohlen Hände an der Quelle füllen und mit
Wolfsklaue anstoßen.
»Wohl bekomm es!« sagte Wolfsklaue; »es geht
nichts über einen guten Trunk. Man wird so
fröhlich dabei.«
Der Hutmacher hustete sehr laut und sagte, er
habe sich verschluckt.
»Immer hübsch langsam trinken,« mahnte
Wolfsklaue; »immer alles mit Maßen! Ich
möchte wohl noch einen dritten Becher; aber ich
sehe, ihr habt schon genug, und ich bin auch müde.
Ich will ein wenig schlafen. Ihr drei möget
Wache stehen und mich wecken, wenn der Morgen
graut. So hat jeder sein Vergnügen. Gute
Nacht!«
Er schlief ein. Die Krone rutschte ihm tief in
die Stirn herab, er legte das himbeersamtne
Hosenbein über das bernsteingelbe, faltete die
Hände auf seinem dicken, ordengeschmückten Bauche
und schnarchte bald laut und tief.
Die drei anderen Räuber schauten sich an.
Der Schneider wischte sich den Mund ab; der
Schuster klagte, das kalte Wasser sei ihm in seine
hohlen Zähne gekommen; der Hutmacher sah
finster vor sich hin. Auch das Roß hatte sich gelegt,
sich mit den Zähnen die schwere persische Seidendecke
zurechtgezupft, so daß es nicht frieren konnte
und schlief auch ein. Die große dänische Dogge
verschwand im Walde, um zu wildern.
Die Nacht brach herein; der Mond verbarg sich
hinter den Wolken. Da runzelte der Hutmacher
die Stirn, blitzte die beiden anderen mit den
Augen an und sagte leise:
»Jetzt, jetzt ist's Zeit!«
Bei diesen Worten krümmte sich der Schneider
zusammen, sagte, es käme ihm in den Leib, und
verschwand im Gebüsch. Der Schuster hielt den
linken Fuß vorgesetzt, um zur Flucht bereit zu
sein, der Hutmacher aber warf sich heulend auf
Wolfsklaue, packte ihn am Halse und schrie:
»Gib alles her! Gib alles her!«
»Was -- was ist -- was ist los --«
Wolfsklaue rieb sich die Augen. Er sah den
Hutmacher über sich knien und schrie plötzlich
ganz jämmerlich:
»O weh! O weh! Ich bin überfallen! Ich habe
keine Waffen! Ich bin verloren! Wehe mir!
Wehe mir!«
Pardauz, lag auch der Schuster über ihm her
und rief dem Hutmacher zu:
»Mach Platz! Mach Platz! Ich will ihn auch
würgen!«
Und nun traute sich auch der Schneider aus dem
Gebüsch, kam vorsichtig näher und hielt den Pantoffel
in der Hand, den Wolfsklaue, weil er mit
den Beinen um sich schlug, verloren hatte.
So wurde Wolfsklaue besiegt. Stück um Stück
nahmen ihm die drei Räuber ab, zogen ihn aus
bis aufs Hemd. Dann zwangen sie ihn, an der
Quelle seine hohle Hand zu füllen, mit ihnen anzustoßen,
die nun der Reihe nach den Becher
leerten, sich hinzulegen und von jedem zehn
Stockhiebe aufzählen zu lassen. Am Schluß gaben
sie ihm aus Gnade den schäbigen, geflickten Mantel
des Schneiders um; er mußte gegen alle vier
Himmelsrichtungen hin eine Verneigung machen
und zu der Räuber Gaudium laut schreien: »Ich
bin ein großer Esel«, und dann wurde er in die
finstere Nacht hinausgejagt.
* * * * *
»Nun wollen wir die Beute teilen,« sagte
der Hutmacher. »Ich für meinen Teil begehre
nur die Hälfte all dieser Sachen; die andere Hälfte
ist für euch beide.«
»Was?« höhnte der Schuster; »wenn drei
teilen, wird wohl ein jeder ein Drittel bekommen.«
Der Hutmacher schüttelte den Kopf.
»Seit Wolfsklaue besiegt ist,« sagte er würdig,
»bin ich euer Hauptmann.«
Die beiden anderen brachen in ein schallendes
Gelächter aus.
»Lacht nicht!« begehrte der Hutmacher auf.
»Wer hat den Gedanken gehabt, Wolfsklaue zu
überfallen? Ich! Wer hat ihn tatsächlich überfallen?
Ich!«
»Ich auch!« rief der Schuster, »und außerdem
hatte er mir sein Schwert übergeben; ich hatte
euch alle in meiner Gewalt.«
»Ja, wenn ich nicht die Pistole gehabt hätte,«
meinte der Schneider; »eine Pistole ist flinker
als ein Schwert.«
»Wenn du schießen könntest, du Tolpatsch!«
höhnte der Schuster.
»Kannst du etwa fechten, du Dämlack?« zischte
der Schneider.
Da fuhren sie sich in die Haare und prügelten
sich. Der Hutmacher setzte sich indessen die Königskrone
auf und zählte die Dukaten, die sie Wolfsklaue
abgenommen hatten. Als das die beiden
Kampfhähne sahen, ließen sie ab von einander
und fragten: »Was tust du da?«
»Ich zähle mir die Hälfte der Beute ab,« sagte
der Hutmacher in Gemütsruhe, »Daran werdet
ihr zwei Dummköpfe nichts ändern.«